Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Taliba (Seite 4 von 5)

Schizophrene Beziehungskrise

Die Entscheidung, im Buddhistischen Zentrum in Berlin regelmäßig Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu praktizieren, beschert mir eine heftige „Beziehungskrise“ zwischen meinem kontrollbedürftigen Ego und meiner intuitiven Inneren Stimme….

Der Besuch am Sonntag im Buddhistischen Zentrum hat mir gut getan. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Am Montag bin ich regelrecht befriedet, mein arrogantes Ego ist abgetaucht. Am Dienstag bin ich immer noch gut gelaunt, während mein Ego schweigend schmollt.

Am Mittwochmorgen brauche ich garnicht erst auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen. Ich muss noch nicht mal nach dem Aufwachen mein Bett verlassen, um zu realisieren, dass dieser Tag schon gelaufen ist, bevor er überhaupt begonnen hat.

Mein widerständiges Ego hat den Schock der intensiven Praxis vom Sonntag überwunden und ist bereit für einen neuen Frontalangriff. Es will mit allen Mitteln verhindern, dass ich noch einmal nach Berlin fahre, um mit Suriyel Grüne Tara und Riwo Sangchö zu praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Es lamentiert, klagt, droht und beschimpft mich – oder besser meine intuitive Innere Stimme, die ihm den Schlamassel eingebrockt hat.

Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen sich mein Ego und meine intuitive Innere Stimme gut verstehen. Wenn meine intuitive Innere Stimme dafür sorgt, dass alles so läuft, wie sich das mein Ego wünscht, ist es ihr sogar sehr zugetan.

Aber wehe, die intuitive Innere Stimme entscheidet sich für irgendwas, was dem Ego Angst macht. Und das passiert schnell: mein Ego ist – wie alle Egos – extrem ängstlich. Es will Kontrolle, immerzu, in allen Situationen, sonst dreht es hohl.

Im Gegensatz zu meiner intuitiven Inneren Stimme: die ist komplett furchtlos. Mehr noch: das ständige Katastrophisieren des Egos ist ihr ein Rätsel.

Dazu sind die beiden auch noch völlig verschieden: mein Ego ist komplett an Sprache gebunden. Es braucht logische Erklärungen, will argumentativ überzeugen – und überzeugt werden – und lässt nur stehen, was in vertraute und bewährte Konzepte passt. Es ist intelligent, intellektuell beschlagen, sprachlich gewandt – und gleichzeitig engstirnig, unflexibel und bar jeder Phantasie. Kurz: es ist ein ängstlicher bildungsbürgerlicher Spießer.

Meine intuitive Innere Stimme dagegen kann mit Logik, Argumenten und Konzepten nichts anfangen. Planen, Bewerten, Ziele formulieren – wofür soll das gut sein? Das Leben macht eh was es will! Kontrolle ist Illusion, erklärt sie dem ängstlichen Ego wieder und wieder. Und so etwas wie Tod gibt es nicht!

Denn das ist die größte Furcht des Egos: dass die intuitive Innere Stimme in ihrer völligen Blindheit für die Konsequenzen etwas tut, was ihm das Leben kosten könnte.

Für diese Situationen hat das ängstliche Ego einen siebten Sinn: es riecht regelrecht, wenn die intuitive Innere Stimme wieder mal in größter Naivität Entscheidungen trifft, die sein Überleben bedrohen.

Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum und die Meditationspraxis, die er anbietet, hat genau die Qualitäten, die alle Alarmsirenen meines Egos schrillen lassen.

Und das Ego kennt die intuitive Innere Stimme gut: es muss schließlich schon sein ganzes Leben mit ihr klar kommen. Es hat aus bitterer Erfahrung gelernt, dass die sich von ihm nichts sagen lässt. Und dass der intuitiven Inneren Stimme im Zweifelsfall das Wohlbefinden des Egos komplett egal ist.

Dass das tibetisch-buddhistische Zentrum mit Konsequenzen für sein Wohlergehen einhergehen wird, kann sich das Ego an seinen 10 Fingern abzählen. Auf beruhigende Sprüche wie „Du musst Dich nicht aufregen, wir fahren da ein paar Mal hin und dann ist es gut!“, fällt das Ego nicht mehr rein. Die hat es in den letzten Jahren zu oft gehört – und was war?

Erst hieß es: „Wir praktizieren ein bisschen Traum-Yoga, damit wir besser schlafen können.“

Und auf einmal fand es sich in einem schmuddeligen Retreathaus mitten im Odenwald wieder und musste zwei Jahre Ngöndro-Praxis ertragen.

Mit allen Konsequenzen für sein Seelenheil: für ein fragiles spießiges Ego sind Meditationstechniken, in denen es der intuitiven Inneren Stimme dabei zusehen muss, wie die visualisiert, der gemeinsam bewohnte Körper würde sterben, alles Fleisch würde von den Knochen gesägt werden, die Schädelschale werde zum Suppenkessel, die Haare zum Brennmaterial, Fleisch und Innereien zur Suppeneinlage und wenn alles gut gekocht ist, bekommen es die Buddhas, Bodhisattvas und Dhakinis serviert, ein einziger Albtraum.

Auch damals war ihm gesagt worden: „Keine Panik, mehr wird es nicht werden!“

Und dann?

Hatte die dämliche intuitive Innere Stimme inmitten 140 Teilnehmern mit gewohnter Zielsicherheit ausgerechnet Uriel ausgewählt, dem die E-Mail-Adresse in die Hand gedrückt und um Aufnahme in seinen Verteiler gebeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Es kam, wie es kommen musste: die Einladung zum Vajra-Armor-Mantra-Retreat entzückte die intuitive Innere Stimme und trieb das kontrollwütige Ego in den Wahnsinn. https://www.water-runs-east.eu/no-muggles/

Das Ego mutete Uriel damals einiges zu: es wollte kein Mantra, es wollte keine Zuflucht nehmen, es wollte partout überhaupt nichts von allem, was sich da auf einmal auftat. Uriel ertrug mit Würde alle hysterischen Mails, widmete auch den dümmsten Einwänden noch seine freundliche Aufmerksamkeit, lies sich von allen Versuchen meines Egos, die Sache durch gezielte Blödheit an die Wand zu fahren, nicht beeindrucken – und am Ende fand sich das völlig verzweifelte Ego als Buddhistin in einem komplett bizarren Boundary-Retreat mit einem Haufen Röcke tragender singender Männer wieder. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Die Konsequenzen waren so zahlreich wie tiefgreifend: Drei Jahre später war das Ego sein bequemes Leben, seinen Status und all die Annehmlichkeiten los, die ihm so wichtig gewesen waren. https://www.water-runs-east.eu/spalt/

Als einziger Trost war ihm erklärt worden, mehr als das Vajra-Armor-Mantra würde es nie ertragen müssen.

Und was war?

Im März gleich drei zornvolle Praktiken hintereinander! Am Schluss stand es mit einer zornvollen schwarzen Göttin da, die seitdem ununterbrochen im Unterleib vor sich hin tanzt. Mit den entsprechenden Konsequenzen für den Energiehaushalt und die Dominanz der intuitiven Inneren Stimme. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Und wieder als einziger Trost das Versprechen, dass jetzt aber wirklich Schluss wäre: Vajra-Armor-Mantra, Throma-Praxis, dazu täglich Zazen – das wäre genug. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber dann fand es sich statt in einem Wanderurlaub auf einem Selbsterfahrungstrip wieder – und kurz danach in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

„Und da wunderst Du Dich, dass ich Dir nicht mehr über den Weg traue?“, tobt und schreit es meine intuitive Innere Stimme an. „Ständig werde ich hier belogen und betrogen! Alles was Du machst ist kompletter Wahnsinn und ich muss mit den Konsequenzen leben! Dabei bin ICH die Stimme der Vernunft! Und du spinnst!“

Erste Praxis

Meine erste Praxis in einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum geht mit konfusen Eindrücken einher…

Das Buddhistische Zentrum ist weit größer, als es von Außen den Anschein hat. Es besteht nicht nur aus einem Gebäude, wie ich es erwartet hatte, sondern aus einem ganzen Gebäudeensemble. Ich sehe mich um: wo muss ich hin?

Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich wird verkündet, dass heute ein „Schweige-Retreat“ stattfindet. Mehr Information gibt es nicht.

Ich wandere suchend umher, entdecke durch ein Fenster eine Gruppe Menschen in stiller Meditation vertieft – wohl das Schweige-Retreat – biege um eine Ecke und stoße zu meiner Erleichterung in einem großen Innenhof auf Suriyel.

Er befindet sich in Begleitung eines rundlichen binären Wesens mit Knebelbart und in Batikkleidung.

Ich begrüße Suriyel, stelle mich seiner Begleitung vor, und bekomme den Weg in den Schreinraum gewiesen.

Der ist schön, das muss selbst mein dämliches Ego zugeben. Meditationskissen gibt es auch, sogar in rauen Mengen, dazu bequeme Sitzunterlagen und Schreintischchen oben drauf. Mein Ego ist verstimmt, dass es nichts zu meckern gibt.

Ich nehme Platz und harre der Dinge, die da kommen werden. Während Suriyel alles für das Ritual vorbereitet, tröpfeln nach und nach die anderen Teilnehmer herein. Am Ende sind wir zu fünft – inklusive des binären Wesens.

Dann geht es los: Suriyel rezitiert, singt und opfert, die anderen machen mit – ich sitze einfach nur da. Ich bin wegen des Riwo Sangchö hier, die Grüne Tara nehme ich mit, habe ich beschlossen. Zwei lange Praxiseinheiten hintereinander sind mir zu anstrengend. Außerdem ist es ein Genuss, Suriyel zuzuhören, der mir gegenüber sitzt. Er macht das richtig schön. Genau, wie beim ersten Mal, als ich mit ihm praktizieren durfte. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Obwohl ich passiv bin, geht die Praxis nicht spurlos an mir vorüber: irgendwann schmerzt meine ganze linke Körperhälfte zum Gotterbarmen. Was das Ritual in mir auslöst, weiß ich nicht zu sagen. Irgendwas triggert mich, sonst würde ich hier nicht gerade so sehr auf meinem Kissen leiden. Ich versuche mich in Akzeptanz, senke den Blick und konzentriere mich auf meinen Atem und den Raum um mich herum. Aber was ist das?

Direkt vor mir steht auf einmal eine riesige Grüne Tara! Ihr Kopf reicht bis zur Decke, sie hat beide Arme erhoben, dazu ein Bein.

Ihre Energie hebt mich regelrecht von meinem Sitzkissen.

Das kann ja wohl nicht sein! Ich habe schließlich nicht visualisiert! Ich sitze einfach nur da, lausche einer Praxis, die ich überhaupt nicht kenne, denke an nichts und trotzdem ist da auf einmal diese Göttin. Noch dazu ist das Bild ist von erstaunlicher Stabilität. Normalerweise muss ich mich konzentrieren, um eine Visualisierung so konstant zu halten. Jetzt bin ich einfach nur irritiert – das Bild bleibt.

Außerdem ist diese Grüne Tara schlammgrün. Hätte ich sie bewusst visualisiert, wäre meine Grüne Tara flaschengrün, ich bin mir sicher. Diesen wenig attraktiven Grünton würde ich niemals für eine buddhistische Göttin wählen, er widerspricht meiner Ästhetik.

Was ist hier los? „Sehe“ ich auf blöd Suriyels Grüne-Tara-Visualisierung? Ist so etwas möglich?

Das schlammgrüne Drei-D-Bild samt der überwältigenden Energie bleibt stabil fast bis zum Schluss des Rituals in der Mitte des Raumes stehen. Erst als Suriyel das Abschlussgebet anstimmt, verschwindet sie.

Völlig erschlagen flüchte nach dem Ende des Zeremoniells in den Innenhof. Der ist gerade besetzt: mit verklärten Gesichtern wandeln dort die Teilnehmer des Schweigeretreats in der warmen Mittagssonne. Den Zustand kenne ich gut, so geht es mir auch immer während meiner Zen-Retreats. Das sind heilige – und hart ersessene – Momente.

Es dauert ein bisschen, bis Suriyel alles für das Riwo Sangchö hergerichtet hat. Dafür lässt er sich nicht lumpen: nur das Beste für die Gäste!

Während Uriel im Retreathaus am Ende der Welt auf eine praktische nepalesische Fertigmischung zurückgreift, gibt es hier alles frisch: Butter, Joghurt, Milch, Honig, Melasse, Zucker, dazu Räucherwerk und einen Krug Wasser. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Wir nehmen vor der Hausmauer im Innenhof Platz. Der Wind zerrt an der großen Trommel und lässt die Praxistexte flattern.

Bevor er die Kohle in der großen Feuerschale anzündet, telefoniert Suriyel zu meiner Erheiterung mit der örtlichen Feuerwehr: wegen eines Rituals würde es unter dieser Adresse zu Rauchentwicklung kommen.

Wie sich herausstellt, eine vernünftige Maßnahme, denn der Rauch, den Suriyel produziert, ist vom Feinsten. Er hat einen großen Sack Thuja-Zweige mitgebracht, die er auf die glühenden Kohlen legt. Es raucht und qualmt, dass es eine Freude ist.

Unter den abwesenden Blicken der stumm vor sich hin wandelnden Schweigeretreat-Teilnehmer singen wir die tibetischen Texte des Opfer-Rituals. Das gebatikte Wesen schlägt die große Trommel dazu. Als wir bei der Opferung angekommen sind, rezitieren wir alle das Mantra, während Suriyel die Opfergaben auf das Feuer legt.

Ich genieße das Ritual und die Energie, die uns umgibt, während ich wieder und wieder das Mantra rezitiere. Allerdings bin ich irritiert, weil ich keine Gäste „sehe“. Das hatte ich eigentlich erwartet, denn so bin ich es gewöhnt: Spätestens wenn das Opfer dargebracht wird, tauchen halb transparente Wesen in allen Formen und Variationen auf, die sich über das Dargebotene freuen. Diesmal spüre ich tiefe Freude in meinem Herzen – aber weit und breit ist nichts und niemand um die Opferschale herum zu erkennen oder zu spüren.

Seltsam!

Erst „sehe“ ich gegen jede Logik und Erfahrung eine Grüne Tara – und dann „sehe“ ich keine Gäste, obwohl die da sein müssten?

Ob es am Buddhistischen Zentrum liegt? Allzuviele Naturgeister werden sich in Berlin-Mitte wohl nicht rumtreiben. Und vielleicht sind alle formlosen Wesen im Bardo bereits durch die viele Praxis hier erlöst und die Buddhas und Bodhisattvas haben gerade etwas Besseres zu tun?

In dem Moment merke ich, dass ich gerade dabei bin, mir schräge Geschichten auszudenken. Die vielen neuen Reize und Eindrücke überfordern mein Gehirn.

Ich verordne mir selbst Schweigen, helfe – nachdem wir fertig sind – aufräumen, bedanke ich mich bei Suriyel und eile heimwärts.

Das Buddhistische Zentrum

Ich beuge mich meiner intuitiven Inneren Stimme und mache mich auf den Weg in ein Tibetisch-Buddhistisches Zentrum, um Riwo Sangchö zu lernen, während in mir ein Gewittersturm tobt…

Irgendwo in der Innenstadt Berlins befindet sich ein Buddhistisches Zentrum. Versteckt im Innenhof liegt es in einer Ecke der Stadt, die grau, trist und fade ist.

So kommt es mir zumindest vor, als ich aus dem U-Bahn-Schacht trete. Nach ein paar Metern biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein. Suriyel hat mir den Weg beschrieben.

Während ich durch das morgendlich stille Viertel laufe, denke ich über die Absonderlichkeit der aktuellen Situation nach. Es war ausgerechnet Suriyel gewesen, der mir zum Besuch des Nationalparks von Bialowieza geraten hatte. Und das sicher nicht mit dem Ziel, mich deshalb eines Sonntags in seinem Schreinraum vorzufinden. https://www.water-runs-east.eu/?p=3124&preview=true

Ich hatte ihn um einen Tipp für einen Wanderurlaub in Polen gebeten, und er – der aus Warschau stammt – empfahl mir den letzten Urwald Europas.

Und dann komme ich nicht aus einem Wanderurlaub, sondern von einer extremen Grenzerfahrung zurück – und das auch nur halb – und bin damit konfrontiert, dass ich dringend Riwo Sangchö lernen muss. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Und der einzige für mich erreichbare Ort, an dem ich Riwo Sangchö lernen kann, ist ausgerechnet Suriyels Buddhistisches Zentrum in Berlin. Jeden Sonntag bietet er hier „Grüne Tara-Praxis“ an – und danach Riwo Sangchö.

Das ich brauche, nicht nur zu meinem Wohl, sondern auch zum Wohl anderer. Wer immer diese „Anderen“ auch sein mögen… https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Das ist einer der Punkte in dieser ganzen schrägen Geschichte, über den ich nicht genauer nachdenken möchte. Das ist mir zu spekulativ, zu esoterisch und zu heikel.

Überhaupt finde ich gerade alles schwierig und anstrengend. In mir tobt – seit ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, ins Buddhistische Zentrum zu fahren – ein Gewittersturm.

„Widerstand“ nennt sich das, was da in mir abgeht, im Achtsamkeitsmeditations-Fachjargon. Jeder Praktizierende kennt die höchst schmerzhafte und verstörende Erfahrung, in der Stille der Meditation auf einmal mit einem Amok laufenden Ego konfrontiert zu sein.

An welchem Punkt das Ego austickt, ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Es hängt davon ab, was biographisch und strukturell als „Kontrollverlust“ erlebt wird.

Bei mir ist es die bunte esoterische Praxis des tibetischen Tantra.

Dass ich gerade dabei bin, das erste Mal in meinem Leben ein tibetisch-buddhistisches Zentrum zu betreten, lässt mein Ego buchstäblich die Wände hochgehen.

Während ich eine Baustelle umrunde, die den Gehweg blockiert, lausche ich der wütenden Dauerklage meines egozentrischen Geistes.

Ich versuche, ihm mit Argumenten zu kommen. „Pfadabhängigkeit“ nennt sich das, womit er gerade konfrontiert ist. Prozesse folgen ihrer eigenen inhärenten Logik. Ob es ihm passt, oder nicht.

Es passt ihm nicht!

Mein Ego will das alles nicht! Wortreich erklärt es mir, dass es kein Orange mag, und auch kein Gold, Ornamente völlig überflüssig sind und kein vernünftiger Mensch Riten brauche! Und überhaupt: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain! Wenn es wenigstens Unter-den-Linden wäre! Aber nein! Ausgerechnet hier! Und dann auch noch tibetisch-buddhistische Praxis!

„Warum“, fragt es mich völlig entnervt, „musst Du Dich immer zum Idioten machen? Du bist gesegnet mit Bildung, Kultur und guten Umgangsformen, beherrscht Konversation und Lebensart – und dann willst Du ausgerechnet da hin? Bist Du komplett bescheuert?“

Mein Ego – das weiß ich schon lange – liebt Zen. Zen ist ästhetisch, elitär und über jeden esoterischen Chichi erhaben. In meinem gepflegten Zen-Retreathaus ist mein Ego ganz bei sich, glücklich und zufrieden. So wie dort, findet es, sollte all meine Meditations-Praxis sein. Zen entspricht meiner Herkunft, meinem Bildungsstand und meinem Lebensstil.

Nur, leider leider, besteht meine intuitive Innere Stimme seit Jahren darauf, dass Zen zu wenig ist. Meine intuitive Innere Stimme liebt Tantra. Uneingeschränkt. Die Praxis, all das Mantra-Gesinge, die Riten – sogar das Orange und die goldenen Ornamente.

Und in meinem Leben bestimmt meine intuitive Innere Stimme, was geschieht, und nicht mein arrogantes Ego. Was dem überhaupt nicht passt. Und dann macht es Drama. So wie jetzt!

Den wüsten Beschimpfungen meines Egos lauschend, sehe ich auf einmal jenseits einer hohen Mauer bunte tibetische Gebetsfahnen flattern. Ich bin da.

Exakt zwei Stunden dauert es, um von meiner Haustür in Leipzig bis zum Metalltor des Buddhistischen Zentrums zu kommen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest.

Und das alles, weil ich gezwungen bin, Riwo Sangchö zu lernen. Und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

„Halt jetzt endlich die Klappe!“, herrsche ich mein maulendes Ego an. „Wir ziehen das jetzt durch, ob es Dir passt oder nicht!“

Damit atme ich tief durch und betrete den Innenhof.

Wunder

Unsere Reise ins Vajrayana wird weitergehen…

Dies ist der letzte Text zu „Taliba“ im Blog. https://www.water-runs-east.eu/taliba/

Übermorgen beginnt ein neues Thema.

Was nicht bedeutet, dass die Geschichte, die in „Taliba“ behandelt wird, zu Ende erzählt ist. In nächster Zeit werden Maria und ich unsere Exkursion ins tibetisch-buddhistische Vajrayana fortsetzen. https://www.water-runs-east.eu/chenrezig/

Allerdings wissen wir weder, wann wir erneut aufbrechen werden, noch, wohin uns die Reise führen wird.

Denn das ist meine Erfahrung: Der Dharma – die Lehre Buddhas – ist immer ein Geschenk. Wenn er ins Leben tritt, gleicht es einem Wunder.

Wunder lassen sich weder planen noch erzwingen.

Traurig, aber wahr.

Es bleibt uns nur, wach zu sein, damit wir den Moment nicht verpassen, an dem es uns begegnen wird. Und das wird es, ich bin mir sicher. Wer den Dharma einmal geschenkt bekommen hat, ihn würdigt und bereit ist, sich seinen Regeln zu unterwerfen, den lässt er nicht mehr los.

Maria und ich treiben gerade auf einem Floß gemächlich den Fluss des Lebens hinunter – immer in Richtung Osten. Wir sind auf dem Weg zu den Grenzen des Ich. Auf der Reise dorthin trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – Miley Cyrus schallt aus der Soundbar, Maria pflegt ihren Instagram-Account und ich schreibe meinen Blog – über Tarot. Denn auch das Kartenlegen führt an die Grenzen des Ich.

Sobald wir über das Wunder gestolpert sind und wieder am Ufer des Flußes angelegt haben, werde ich den Bericht über die Welt des Vajrayana fortsetzen.

Choices

If you really want to practice Varayana, you have to find a good teacher and good teachings…

„So many choices! How can we know, if the quality is good?”, Maria sighed while looking a bit desperate at the big collection in the supermarket.

Katharina had sent us a small shopping list with items she needed for the dinner in the retreat house at the end of the world. Always with the addition “good quality”. “Well”, I replied, “It’s not easy to find good quality. Same with spirituality.”

If you really want to practice, you have to find a good teacher and good teachings. I very often see people claiming that their teacher would be a high lama. But if you see him once a year in a group of 50 people, how can you be so arrogant to think he is your teacher? Maybe he even doesn’t know your name, how can he guide you on the path?
Or people go to workshops, where the teacher takes one part out of the traditional teachings and mixes it with western psychology. To make it more understandable. Or condense a practice of 400 pages and complex rituals, so it is learnable in one week-end. If your teacher does so, I suggest that you put on your sport shoes and run away as fast as possible.
Or you are visiting every second month another teacher on another topic. Then you can truly call yourself a “Dharma tourist” and send nice postcards and pictures to your friends. But don’t expect any progress there.

“I see”, Maria replied while still looking a bit skeptical at all the different brands. “But how to find the right choice?”.  “In our tradition, it’s the teacher.”, I said while giving her a jar out of the big collection for a more precise examination. “The teacher has to guide you on the path. Therefore he must be qualified in a unbroken lineage. This is a big commitment, so don’t expect, that a teacher is always happy, if you run to him, telling him, that he should guide you on the way from now on. He might test you for years. And you practice only certain practices – over and over again. Until you get a result. Not every week something else.”.

We were going down the passage in the supermarket. Most of the items we had already in the basket. Now only a good white wine was missing. “And then, there is the choice of your personal taste”, I said. “You have to be clear, what you want. And why you want it. And if you should do a practice or better watch the last Netflix series. What you do must fit your taste, otherwise it’s just a waste of time!”.
“Well”, she was laughing while her brown eyes were flashing, “That’s easy. I have the simplest taste – I’m always satisfied with the best“.

Bodhicitta

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha…

“Uuuuriel”, Bernadette was calling me through the breakfast room of the retreat house at the end of the world, while searching for a cup to prepare her second coffee after breakfast. “Uriel, in the Buddhist texts, I always read about the importance of Bodhicitta, but what is it?”

“Well”, I replied, “first of all, there are two different forms of Bodhicitta – relative and absolute Bodhicitta”.

The term Bodhicitta is often translated as ‘Compassion’, but actually it is more – it is the mind of a Buddha. There is a so called ‘relative Bodhicitta’ which you train, when you are doing the practice. In a Tantric practice for example, you transform yourself in a Yidam like Chenrezig or Green Tara, then out of the heart comes immeasurable light with the best wishes for all living beings. First you may concentrate on your friends and family. Later the practice will be more like the rays of the sun. More and more the lights will go out in every direction, touching impartial the mind of all living beings, no matter how small or big they are. This is what we call relative Bodhicitta.

“And what is then absolute Bodhicitta, what does this mean?”, Bernadette was asking me, while pressing the button on the coffee machine to underline the importance of her question.

“The difference between relative and absolute Bodhicitta is, that for the absolute Bodhicitta, no discursive mind is acting.”, I answered trying to be louder than the humming coffee machine.

There is no thought of doing a practice, no will of helping others. It is beyond the mind and therefore happens without it. You cannot enter into this state by willing it. You just do your practice and relax, and that state will show by itself after a time. This is the real result of the practice. Since then, real Buddhism begins. But you need a teacher for a good progress, as there will be some bigger or smaller rocks on the way.

“And why are there so many different practices and rituals and all this?”, Bernadette was asking me. She grabbed the vegetable oat milk and started to open the bottle in a very elaborate way. “Well”, I answered, “you have different practices because people are just different.”

But to develop the absolute Bodhicitta is most important. Of course, you can perform complicated rituals, banging the drum, lighting incense, ringing the bell and walk with an important face in front of other practicioners. Or you talk to the otherworld of the spirits. Or you sit for hours on your cushion and punish yourself, every time a discursive thought is arising in your mind. But without Bodhicitta, this is mainly to entertain yourself. You should be clear about that. There is no liberation coming out of it.

“I am not sure, if I understood everything”, Bernadette was laughing while presenting me her nicely prepared coffee. “Maybe it’s too complicated for me…or too easy. Not clear. But one thing is for sure – I will liberate now this coffee!”.

Zurück

Nach unserem Vajrayana-Einführungwochenende im Retreathaus am Ende der Welt sind Maria und ich mit den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis konfrontiert.

Wir stehen in der warmen Frühlingssonne auf dem Gehweg gegenüber der Araltankstelle. Genau hier hat uns Suriyel vor zwei Wochen aufgelesen, um uns ins Retreathaus ans Ende der Welt zu bringen. Maria sollte zwei Tage lang eine Einführung in den Vajrayana-Buddhismus bekommen und nebenher wollten wir Uriel bei der Renovierung des historischen Pferdestalls helfen.

Maria lädt die App des Fahrradverleihs herunter und nach ein bisschen hin und her springen mit lautem Klacken die Schlösser der beiden Räder auf. Zuvor haben wir uns noch im Konsum um die Ecke für ein Picknick eingedeckt. Mit den Rucksäcken in den kleinen Körben vor den Lenkern radeln wir zu einem der künstlichen Seen im Leipziger Umland. Es war Marias Idee, den Samstagnachmittag am Strand zu verbringen: so neben der Spur, wie wir beide wären, bräuchten wir Entspannung.

Das Vajrayanawochenende im Retreathaus am Ende der Welt hat uns beide aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich bin erstaunt – und habe Maria gegenüber ein schlechtes Gewissen – denn so war es nicht gedacht gewesen. Alles sollte völlig harmlos ablaufen: Maria sollte mit ein paar nette Basics vertraut gemacht werden, damit sie eine Idee davon bekommen würde, um was es eigentlich geht. Und sich überlegen kann, ob tibetisch-buddhistische Mediationspraxis etwas ist, mit dem sie sich weiter beschäftigen möchte. Eine Dreiviertelstunde Riwo Sangchö am Morgen, eine Stunde Chenrezig am Abend – mehr war es nicht gewesen.

Und ich hatte aus gutem Grund Suriyel gebeten, die Einführung zu übernehmen: ich kenne niemanden, der eine friedlichere und entspanntere Praxis hat als er.

Und dann so etwas!

Ich fühle mich auch zwei Wochen nach unserer Rückkehr, als hätte ich ein Hardcore-Retreat hinter mir – und nicht ein langes Wochenende mit gerade mal zwei Stunden Praxis am Tag.

Und auch Maria – die lediglich zwei Tage im Retreathaus am Ende der Welt verbracht und nicht mehr als zwei morgendliche Riwo Sangchö und ein abendliches Chenrezig miterlebt hat – alles harmlose und der Überwältigung unverdächte Rituale – wirkt, als hätte sie mit knapper Not einen spirituellen Frontalzusammenstoß überlebt.

Wir leiden beide unter den Nachwirkungen intensiver Meditationspraxis – auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie das geschehen konnte. Aber die Symptome sind wie aus dem Lehrbuch: während der Praxis intensive Erfahrungen, begleitet von extremen Emotionen. Dann der Moment vollkommener Stille, wenn der Geist zur Ruhe kommt – und danach der Zusammenbruch.

Der gewollt ist. Denn das ist der Sinn jeder buddhistischen Meditationspraxis: „Das ‚Ich‘ soll sterben.“ Und es klingt nicht nur martialisch – es fühlt sich auch so an. Nichts ist für unseren Geist beängstigender, als Glaubenssätze aufgeben zu müssen, über die wir uns definieren.

Am Strand angekommen, breite ich die Decke aus. Maria drapiert den Käse appetitlich auf einem Holzbrettchen, platziert noch ein paar Erdbeeren darauf, füllt die Weingläser und macht erst mal ein Foto für ihren Instagram-Account. Danach holt sie die Soundbar heraus und wir sind wieder mit unserem Grundproblem konfrontiert: sie mag keinen Indie und ich finde Miley Cyrus grausig – schließlich einigen wir uns auf Bruno Mars.

Während der verkündet, dass er frisch rasiert sei und seine Tür offen stehe, trinken wir warmen Weißwein – halbtrocken – und essen Erdbeeren und Käse. Danach lege ich Maria die Karten, die – wie erwartet – erklären, dass alles nicht so furchtbar ist, wie sie gerade denkt. Sie seufzt schwer: „I know! But I am overthinking all the time!“

Ich kann ihr nur recht geben, mir geht es nicht anders. Auch mein Verstand arbeitet wie auf Speed. Im Gegensatz zu ihr kenne ich dieses Phänomen gut.

Die vollkommene Stille in der Meditation lässt den Wächter, der im normalen Leben dafür sorgt, dass unbewusste Inhalte vom gewöhnlichen Denken ferngehalten werden, zur Seite treten. In diesem Moment öffnet sich in der Seele eine Tür – und Körper und Geist werden schlagartig mit vorher abgespaltenen Emotionen und Bildern überschwemmt. Das ist der Mechanismus, der Meditation zu einem so mächtigen wie gefährlichen Instrument für die seelische Stabilität macht: jeder, der anfängt zu meditieren, muss sich bewusst sein, dass er genau darauf hinarbeitet und, bei entsprechender Disziplin, auch dorthin gelangen wird. Früher oder später wird sich die Tür zum Unbewussten öffnen – und niemand kann ihm sagen, was daraus hervor treten wird.

Maria ist glücklicherweise nicht mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert worden. Eine Retraumatisierung durch das plötzliche Aufbrechen abgespaltener Erinnerungen ist eines der Risiken buddhistischer Meditation. Aber die alternativen Perspektiven auf ihre Persönlichkeit und ihren Lebensentwurf, die während der Meditation aufstiegen, sind für Maria schon überwältigend genug.

Das „overthinking“ ist der Versuch des rationalen Geistes, die vorher verdrängten Bilder und Emotionen irgendwie einzufangen und in vertraute Denkmuster zu pressen, um das Selbstbild wieder zu stabilisieren.

Wenn die Meditation intensiv genug war – und das war sie bei uns, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das mit dieser Mini-Praxis zugegangen sein kann – klaffen neue Meditationserfahrungen und alte Konzepte so weit auseinander, dass der Geist geradezu Amok läuft. Ich habe gelernt, mir meine wild jagenden Gedanken freundlich anzusehen und die extremen Trauer-, Unlust- und Bedrohungsgefühle, die diesen Prozess begleiten, geduldig auszuhalten.

Meine Erfahrung sagt mir, dass es nur eine Übergangsphase ist. Nach einiger Zeit fügt sich der Geist, nimmt die Bilder aus dem Unbewussten an und integriert sie in ein neues Selbst- und Weltverständnis. Am Ende dieses Prozesses findet man sich reifer, authentischer und gelassener wieder.

Bis zum nächsten Retreat: dann geht der Spaß von vorne los…

Energy

I never thought that you can feel the energy of an area. Feels so light and calm…

As we had arrived at the retreathaus at the end of the world, I got out of the car, and immediately felt something that I still do not understand. It was some kind of new feeling. The air was completely different, and despite of the darkness, it was immediately clear how beautiful this place was. The sound of the water calmed me immediately.

I went to bed in anticipation of my first meditation. On Saturday morning I woke up. Katharina was already preparing coffee in the kitchen. Despite the rainy weather, the atmosphere was so warm and cozy.

We spoke about the upcoming day and our plans, and after a while Uriel and Suriyel also appeared in the kitchen. We drank coffee and discussed the upcoming practice, I eagerly wanted to understand how it would all happen, what I would feel and what would change.

The most important thing in this practice is to try to share all the blessings with those around you. Suriyel started preparing, I saw a table with 8 bowls and some offerings and also incense. All this looked rather unusual.

After a few moments, we moved on to practice. In this morning practice, I was only an observer, but even so, I felt so unusual. As if I felt all the energy that surrounds me. Positive energy. Katarina, Suriyel and Uriel hummed the tune. All this happened in Tibetan, which shocked me even more, but fortunately there was an English translation and I managed to understand the text at least a little.

As I said earlier, the whole practice was to share all the good things and make an offering. I watched them and some unknown feeling seized me. They also made quite unusual gestures with their hands, it looked so synchronous and beautiful. I only thought about how calm and good I feel for the first time in a long time.

We finished the practice and talked a bit about what exactly they were doing, I asked a few questions. About why this particular mantra? Why repeat it several times? And so on.

After we finished the Riwo Sangchö we and went shopping and did some renovations during the day.

In the evening we planned the next practice. Suriyel again prepared all the offerings, we went out onto the terrace. Katharina and Suriyel began to chant the mantra, I must say that their voices sound great together. I closed my eyes and tried to focus on the mantra. There were no thoughts in my head. At some point, I realized that it was as if I was going beyond the limits of my body. Maybe that’s how I felt my energy, but I’ve never had that feeling before. It was so light and weightless. And I began to see pictures of the coming future and past. It was only a moment, but it scared me a little.

The only thing that scared me was that I had never experienced anything like this. I felt that there was someone else besides the three of us. And that someone was right behind me. I opened my eyes. I was a little disturbed by what I saw, and after our practice, I was at a loss for words. I sank into my thoughts. Have you thought about how this is possible? See the future and the past like this? And was it true or just my imagination? I needed time to rethink this. I asked Katarina and Suriyel if this is possible? And the answer was positive.

I thought about it all evening, and for a long time I could not sleep. The dreams were very strange.

But the next morning I felt much better, my thoughts were calmer, I was full of energy and I was looking forward repeating the practice. It was a warm sunny day, we went out onto the terrace and here again the voices of Katarina and Suriyel sounded together. I closed my eyes and concentrated on the mantra. I again felt someone’s presence. But I was very calm and good. I felt that I was in the right place.

After that I returned home. At first I was very calm, but after a while, I noticed that I began to think about everything. About the past, present and future. I was warned about this, I knew it was normal. Perhaps this is the study of one’s consciousness. Or an attempt by the subconscious to say something. But this experience is definitely unusual and necessary. All this surprised me in a good way. I began to see Buddha statues everywhere, which had never happened to me before. Perhaps this is a sign that I’m on the right track.

Löcher

Im Retreathaus am Ende der Welt bleibt nach unseren magischen Vajrayana-Tagen noch viel zu tun…

Nachdem wir mit der „Grünen Tara“ durch sind, packt Suriyel sein Ritual-Equipment in einen Werkzeugkoffer und verschwindet nach oben. In den Gästezimmern warten Regalbretter darauf, an die Wand gedübelt zu werden. Ich putze währenddessen die Küche und kehre einmal durch.

Kaum bin ich fertig, hüpft auch schon der kleine weiße Hund durch die Küchentür. Er begrüßt mich, als hätte er gerade eine Altantiküberquerung auf einem Einhandsegler überlebt. Dabei hat er einfach nur mit Uriel eine Nacht bei Freunden verbracht. Nachdem ich ihn mit angemessener Begeisterung in Empfang genommen habe, machen wir uns auf die Suche nach seinem Herrchen.

Wir finden Uriel zusammen mit Suriyel im historischen Pferdestall. Der Hausherr inspiziert gerade, was wir während seiner Abwesenheit getrieben haben. Die Elektrik ist fertig, das ist die gute Nachricht. Ich war weniger erfolgreich, mehr als ein Drittel des Pferdestalls habe ich bei meiner sonntäglichen Streichaktion nicht geschafft. Und zu allem Unglück habe ich ordentlich Putz von der historischen Gewölbedecke geholt. In regelmäßigen Abständen sind Brocken davon an der Farbrolle kleben geblieben.

Der Pferdestall ist sanierungstechnisch eine Herausforderung: Wände und Decke sind imprägniert mit den Ausdünstungen des Viehs, dass hier über die Jahrhunderte gehalten wurde. Und noch dazu fließt unter dem Fundament des Stalls der Fluss hindurch, das Gebäude ist feucht. Deshalb hat Uriel von Profis einen teuren Spezialputz auftragen lassen – und jetzt das!

Ich drücke meine Erleichterung darüber aus, dass es nicht an mir ist, eine Lösung für dieses Problem zu finden – von Altbausanierung habe ich keine Ahnung – und laufe noch einmal ins Retreathaus, um meinen Rucksack aus dem Zimmer zu holen. Während ich ihn mir über die Schulter werfe, sehe ich zu meiner Freude, dass Suriyel den Handtuchhalter an die Wand gedübelt hat. Das ist ein echtes Improvement: bisher wusste ich nie, wohin mit meinem Handtuch, wenn ich mir am Waschbecken die Hände wusch.

Zurück auf dem Hof, packe ich meinen Rucksack in den Kofferraum. Während die beiden Erzengel mit gefurchten Stirnen Sanierungsfragen diskutieren, spielen der kleine weiße Hund und ich auf dem Rasenstück vor dem Pferdestall Fussball.

Ich bin gelassen: Früher oder später wird sich der historische Pferdestall in einen phantastischen Seminarraum verwandeln. Dann können bis zu vierzig Leute hier gleichzeitig an Retreats teilnehmen. Ich freue mich schon darauf – und nicht nur wegen des ausgesuchten Programms, das Uriel plant. Die westliche Tantra-Szene ist international: das Retreathaus am Ende der Welt wird bald Besuch aus allen Ecken Europas und Amerikas bekommen. Viele herzliche Begegnungen warten auf uns, wir werden neue Freunde finden, spannende Geschichten hören und ganz sicher Aufregendes erleben.

Grüne Tara

Ich lerne die Tantra-Praxis der Grünen Tara kennen und bekomme eine perfekte Meditation im Paradies geschenkt.

Nach dem Riwo Sangchö machen wir Pause. Ich habe gerade eine Dreiviertelstunde im Lotossitz hinter mir und gleich wird es weiter gehen: in der „Kurzvariante für Westler“ – hat mir Suriyel erklärt – dauert die Grüne Tara etwa eine Stunde. Ohne Unterbrechung zwei Praktiken schmerzfrei in Meditationshaltung durchzusitzen, ist uns beiden nicht gegeben. Ich hüpfe auf der Terrasse herum und lockere meine Muskulatur wie ein Sprinter kurz vor dem Startschuss zum Hundert-Meter-Lauf. Auch stilles Meditieren kann eine sportliche Herausforderung sein.

Suriyel holt währenddessen die große weiße Muschel aus der Küche, stellt sich an den Weiher und bläst hinein, dass es nur so dröhnt. Es soll kein Wesen, Geist, Gnom, Wolf, Luchs, Gott – oder was auch immer am Retreathaus lebt – sagen können, es oder er hätte nichts davon gewusst, dass hier und jetzt die Praxis der Grünen Tara dargeboten wird.

Ich habe noch nie eine „Tara-Praxis“ erlebt. Dabei ist sie populär: Suriyel ist nicht das einzige Mitglied unserer Sangha, der seine Hauptmeditation dem weiblichen Buddha Tara widmet.

Der Legende nach inkarnierte einst ein Bodhisattva im Körper der Prinzessin Tara. Sie widmete ihr Leben der Befreiung aller leidenden Wesen, um für diese und sich selbst Erleuchtung zu erlangen. Ein Mönch machte sich über sie lustig: als Frau könne sie sich noch so anstrengen, Erleuchtung gäbe es trotzdem keine für sie. Aber wenn sie sich weiterhin so verausgabe, würde ihr im nächsten Leben zumindest eine Wiedergeburt als Mann geschenkt werden, in dessen Körper sie dann erleuchtet werden könne. Daraufhin schwor Tara, von nun an nur noch in weiblichen Körpern zu inkarnieren und in dieser Form die Erleuchtung zu erlangen.

Sie gilt als „Mutter der Befreiung“ und ist eine Inspiration für männliche wie weibliche Praktizierende.

Tara wird in einundzwanzig verschiedenen Aspekten verehrt, für die es jeweils eigene Meditationspraktiken gibt. Die „Weiße Tara“ steht für ein langes Leben. Wer die „Rote Tara“ erfolgreich praktiziert, zieht auf magnetische Weise hilfreiche Wesen an. Die „Gelbe Tara“ vermehrt Gutes, die Praxis der „Blauen Tara“ beseitigt Hindernisse…

Suriyels „grüne Tara“ ist die „Hauptform“ in der alle anderen einundzwanzig Emanationen enthalten sind. Sie repräsentiert den aktiven Aspekt des Mitgefühls und eilt herbei, wenn jemand in Not ist.

Unsere Pause ist vorbei. Suriyel bringt die Muschel auf ihren Platz in der Küche zurück, zündet ein frisches Räucherstäbchen auf dem kleinen Schreintisch an und legt sich den Text bereit. Ich setze mich neben ihn auf die Bank, die Beine übereinandergeschlagen, und freue mich, dass nichts von mir erwartet wird. Ich kann – ohne Text – nicht mal mitlesen. Das stört mich kein bisschen, einfach nur DA-Sein zu dürfen, ist auch eine schöne Sache. Und noch dazu an einem so wunderbaren Tag wie diesem.

Suriyel rezitiert und singt auf Tibetisch, ich sitze still daneben und höre ihm zu, während der Wind mit meinen Haaren spielt. Die warme Frühlingssonne lässt alles leuchten. Der Duft des Räucherstäbchens mischt sich mit den vielfältigen Gerüchen der erwachenden Natur. Hinter uns rauscht der Bach die Hauswand entlang, vor uns singen die Vögel in den Obstbäumen, auf dem Weiher neben der Terrasse quaken ein paar Enten.

Während Suriyel praktiziert, wird es stiller und stiller um uns. Es ist diese spezielle Qualität von Stille, die greifbar wird, wenn der Geist in der Meditation vollkommend zur Ruhe kommt. Ich spüre, wie alles in mir zu fließen beginnt. Es fühlt sich an, als würde ich mich auflösen. Zu meinem Erstaunen kommen mir die Tränen: etwas – von dem ich nicht sagen kann, was es ist – berührt mich zutiefst.

Suriyel rezitiert und singt, ich sitze und atme – eine Stunde lang. Als er den letzten Textstreifen zurücklegt, fällt es mir schwer, diesen Zustand vollkommenen Friedens wieder zu verlassen. Wir bedanken uns beieinander: was hatten wir doch für eine schöne Praxis! Und auch noch an einem so wunderbaren Ort!

Und damit ist unser Vajrayana-Wochenende beendet…

Spuren

Irgendetwas hat mich geweckt. Ich taste in der Dunkelheit nach dem Handy und stelle fest, dass es kurz vor Mitternacht ist. Unter dem Fenster rauscht monoton der Bach, ansonsten herrscht nächtliche Stille um das Retreathaus am Ende der Welt.

Während ich in den Schlaf gleite, dringen auf einmal seltsame Laute an mein Ohr. Ich schrecke hoch. Dass war das Geräusch, das mich geweckt hat! Aus dem Wald erklingt in regelmäßigen Abständen der Ruf eines Vogels. Es ist ein seltsamer Gesang, ich habe ihn noch nie gehört. Ein monotones, leicht singendes „Ah-ah-ah“. Die Laute erinnern an eine Krähe, aber das ist kein Krächzen, es ist ein melodischer langgezogener Klang. Was kann das nur für ein Nachtvogel sein? Dem melancholisch klagenden Rufen lauschend, schlafe ich wieder ein.

In dieser Nacht finde ich mich in meinen Träumen ein ums andere Mal in einem großen Haus wieder. Alle Türen stehen weit offen, seltsame Gestalten wandern ein und aus: Geister und Gnome geben sich ein Stelldichein, hungrige Wesen mit riesigen Mündern und langen dürren Hälsen hausen im Keller, eine schmale Gestalt kriecht auf hundert Beinen durch den Schornstein, das tropfende Wasserwesen mit dem Pferdekopf schaut zum Fenster herein. Irgendwann landet ein riesiger schwarzer Vogel auf dem Dachfirst, hebt den Kopf und singt melodisch „Ah-ah-ah“…

Als ich am Morgen in die Küche stolpere und die Kaffemaschine anschalte, bin ich unausgeschlafen und konfus. Es ist erst mein vierter – und letzter – Tag im Retreathaus am Ende der Welt, aber es kommt mir vor, als wäre ich schon seit vier Jahren hier.

Die dampfende Kaffeetasse neben dem Laptop, schreibe ich meinen Blogtext. Als ich am letzten Absatz feile, kommt Suriyel in die Küche. Ob er heute Nacht auch diesen seltsamen Vogel gehört hat, frage ich ihn. Nein, er schlafe bei geschlossenem Fenster und hätte nichts mitbekommen. Der Vogel beschäftigt mich. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, beschließe ich, werde ich herauszufinden versuchen, was für ein Tier es war, das ich heute Nacht im Wald habe rufen hören.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hat, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für unser letztes Riwo Sangchö vor. Ich folge ihm ins Freie und sehe den Weiher, auf dem ein paar Enten paddeln. Daneben gelben Löwenzahn, der im Frühlingsgrün der Wiese von der warmen Morgensonne beschienen wird – und sonst nichts. Keine Geister, Gnome, Drachen, hungrige Wesen – einfach nur friedliche Natur im Sonnenschein.

Erleichtert will ich auf der Bank Platz nehmen – und starre verblüfft auf die Sitzfläche. Was sind das für seltsame Pfotenabdrücke, die von einem Ende der Bank zum anderen führen? Auf den weißen Sitzkissen sind sie noch besser zu erkennen, als auf der Plastikoberfläche. Irgend ein Tier mit schmutzigen Pfoten ist heute Nacht über die Bank gelaufen. Für eine Katze sind die Abdrücke viel zu groß. Ein Fuchs oder ein Hund? Aber dann müssten die Krallen zu sehen sein, Füchse und Hunde können sie nicht – wie Katzen – einziehen. Das einzige Tier, zu dem Größe und Form passen würden, ist ein Luchs. Kann es wirklich sein, dass heute Nacht ein Luchs hier auf der Terrasse war? Was für ein verrückter Gedanke!

Ich drehe das schmutzige Sitzkissen mit den seltsamen Pfotenabdrücken um, lasse mich darauf nieder und begleite Suriyel durch ein perfekt schönes, absolut geisterfreies Riwo Sangchö. Wer weiß, wen wir heute füttern?

Chenrezig – zwei

Ich erhole mich – zumindest ein bisschen – von der Meditation, reflektiere über ein schräges Versprechen zur Tantra-Praxis und erfahre Neues über Regeln im Vajrayana.

Unter der Dusche rubble ich mir so gut als möglich die Farbspritzer von Gesicht, Armen und Händen.

Nach der Pflicht kommt die Kür, ich darf wieder kochen. Die Lasagne-Nudeln, die ich aus meinem vergangenen Leben mit nach Leipzig gebracht hatte, sind bio und glutenfrei – und schon kurz vor dem Ende des Ablaufdatums. Es handelt sich um eine 250-Gramm-Packung, deshalb trifft es sich gut, dass wir heute Abend nur zu zweit sind.

Weil Suriyel und ich beide kein Fleisch essen, fülle ich die Nudeln mit Spinat-Ricotta-Creme. Die Tomatensoße möchte ich „Aurora“ kochen – in der „Morgenröte“-Variante, gebunden mit einer Bechamelsauce. Dummerweise bin ich immer noch so konfus, dass ich das Mehl in der fremden Küche nicht finden kann. Suriyel muss mich wieder retten – ich stand ein weiteres Mal direkt davor, stellt sich heraus, ohne gesehen zu haben, was ich suche. Gleichzeitig metaphysische Wesen im Bardo und banalen Alltagskram zu registrieren, scheint mein Gehirn zu überfordern.

Während ich Parmesan reibe, Salat wasche, die Einbrenne rühre und den Knoblauch hacke, werfe ich immer wieder einen Blick durch das Küchenfenster in den Garten hinaus. Keine halbtransparenten Wesen weit und breit, stelle ich erleichtert fest. Wenn ich Glück habe, lässt der Effekt langsam nach.

Es wäre schade, bei dem schönen Wetter in der Küche zu essen, beschließen wir beide. Die Teller mit der heißen Lasagne auf den Knien balancierend, sitzen wir in der Abendsonne auf der Bank und diskutieren das weitere Programm. Ich wünsche mir zum Tagesabschluss die „Grüne Tara“ von Suriyel.

Das wäre heute nicht möglich, erklärt er mir, er hätte Eier gegessen. Ich bin verblüfft: Was ist das für ein Argument? Doch, doch, so wäre es festgelegt: vor der Praxis seien keine Eier, kein Alkohol, kein Fleisch und auch keine Zwiebeln erlaubt. Das läge an den indischen Wurzeln der „Grünen Tara“, und Regel sei Regel. Richtig! Er ist „Suriyel“, der Erzengel, der über die Einhaltung der göttlichen Gebote wacht.

Wir könnten die „Grüne Tara“ morgen statt Riwo Sangchö machen, schlägt er vor. Ich wiederspreche vehement: „Wir müssen Riwo Sangchö machen!“ „Müssen tun wir garnichts“, kommt es zurück. Ich winde mich: ich kann ihm nicht sagen, dass ich vor gerade mal drei Stunden einer Schar halbtransparenter Wesen versprochen habe, dass wir morgen Riwo Sangchö machen werden. Wie bescheuert klingt das denn?

Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich unüberlegt ein Versprechen gegeben habe, für dessen Einhaltung ich auf jemand anderen angewiesen bin. „Aber die warten doch…“, stottere ich.

Außerdem war es ungehörig, ist mir in diesem Moment bewusst geworden, Riwo Sangchö zu versprechen, ohne vorher Suriyels Zustimmung eingeholt zu haben. Aber, denke ich mir, wie, bitte, hätte ich ihn fragen sollen? „Hey, da steht gerade eine ganze Sammlung Naturgeister und verlorener Seelen vor dem Pferdestall, die gerne regelmäßig Riwo Sangchö von uns hätten. Ist es in Ordnung für Dich, wenn ich zusage?“ Haha…

„Dann machen wir heute Abend Chenrezig und morgen früh erst Riwo Sangchö und dann Grüne Tara“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert auf. Das klingt nach der perfekten Lösung! Was er sich bei der ganzen Sache denkt, behält er für sich…

Pünktlich zum Sonnenuntergang praktiziert Suriyel Chrenrezig. Wieder verströmt der weiße Buddha, beschienen von mildem Mondschein, unendliches Mitgefühl für alle leidenden Wesen, während aus der Dunkelheit die Schreie des Pfaus über den Weiher schallen.

Ich bin inzwischen mit einigen der leidenden Wesen, für die er seine Praxis macht, näher bekannt. Was ich Suriyel nicht erzähle. Was würde er von mir denken?

Experience

Ich schlage mich mit den Nebenwirkungen intensiver Meditation herum und verbringe, dank buddhistischem Tantra, einen magischen Nachmittag.

Als ich in der immer noch feuchten Jogginghose und Uriels ausgewaschenem T-Shirt vor die Haustür in die warme Sonne trete, geht es schon auf Mittag zu. Zwei Fahrradfahrer radeln gerade, miteinander plaudernd, an der Gartenhecke vorbei. Ich sehe ihnen nach, wie sie hinter der Kurve verschwinden. Jetzt ist nur noch das Rauschen des Flusses und das Singen der Vögel in den Bäumen zu hören.

Ich laufe die Treppe zum Hof hinunter. Kaum stehe ich auf dem Pflaster, kommen mir die kleinen Gnome entgegen gehüpft, die ich eben noch vor der Terrasse „gesehen“ hatte. Ihre halbtransparenten Körper umkreisen mich, sie kommen mir vor wie aufgeregte Kinder. Ich verdrehe innerlich die Augen und sende eine Kurznachricht an mein Gehirn: „Hallo! Es reicht jetzt!“

Seit ich angefangen habe zu meditieren, schlage ich mich in regelmäßigen Abständen mit visuellen Erscheinungen herum. Dafür muss ich keine weißen Buddhas auf Lotosblüten imaginieren, das bringt mein Gehirn auch in der Achtsamkeitsmeditation des stocknüchternen Zen zustande.

Ich erinnere mich noch gut an mein allererstes Zen-Retreat vor vielen Jahren: kaum war ich wieder Zuhause, wurde ich unerwartet mit Halluzinationen konfrontiert, die es mit jedem LSD-Trip aufnehmen konnten. Die Wiese, an der ich entlanglief, leuchtete mit einem Mal violett, die Birken am Wegesrand strahlten neonweiß, der Himmel färbte sich dunkelgrün. Dazu hörte ich Hallgeräusche, es klang, als stünde ich in einem Tunnel. Es dauerte satte zwei Stunden, bis mein Gehirn alle Sinnesreize wieder nach Vorschrift verarbeitete. Glücklicherweise hatte ich zuvor gelesen, dass so etwas durch das Meditieren passieren konnte. Gruselig fand ich es trotzdem.

Als ich während des nächsten Retreats dem Meditationslehrer von diesen Halluzinationen erzählte, erklärte er mir, ich solle es als Information nehmen, dass meine Praxis Wirkung zeige: die neuronalen Verbindungen meines Gehirns würden sich neu verschalten und die visuellen und akustischen Störungen wären einfach eine Begleiterscheinung dieses Prozesses. Das wichtigste, schärfte er mir ein, wäre, nicht auf die Bilder anzuspringen. „Mach keine Story draus,“ erklärte er mir, „weder im positiven noch im negativen Sinne, schau dir an, was immer es ist und lass es wieder gehen.“

Ich rufe mir seinen Rat ins Gedächtnis zurück und versuche keine Geschichten über die vergnügt um mich herumhüpfenden, winkenden und lachenden Wesen herbeizuphantasieren. Wenn ich mich auf meinen Atem fokussiere, schaffe ich es sogar, keinen Gedanken an sie zu verschwenden. Ich kann es mir trotzdem nicht verkneifen, festzustellen, dass sie enttäuscht aussehen, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. „Himmel!“, fahre ich mich innerlich an, „Reiße Dich jetzt zusammen!“

Uriel hat mir, bevor er aufbrach, erklärt, im Pferdestall stünde alles für meine Streichaktion bereit. Weil ich so konfus bin, dass ich nicht mal die Farbe finde, muss ich Suriyel holen, der seine Elektrikerarbeiten abgeschlossen hat und heute im Retreathaus beschäftigt ist. Er stellt fest, dass die Eimer mit der Wandfarbe in den großen Kartons stecken, die in einer Ecke gestappelt sind, hilft mir, die Farbe anzurühren und verlässt mich wieder.

Ich kopple mein Handy an die kleine Soundbar, die Uriel gestern für Maria in den Stall gebracht hat – zum Dank dafür wurde er den ganzen Nachmittag mit Latino-Hip-Hop beschallt – und probiere ein bisschen rum, bis ich was finde, das meinen nervösen Geist besänftigt. Beethoven stört, stelle ich fest, aber „Experience“ von Ludovico Enaudi passt super.

Begleitet von sphärischen Klängen beginne ich zu streichen und kippe mir, beim Versuch den Maleimer oben auf der Leiter festzuklemmen, fast sofort einen ordentlichen Schwall Farbe über Oberkörper und Beine. Ich starre auf den weißen See zu meinen Füßen und überlege kurz, ob jetzt der richtige Moment gekommen ist, in Tränen auszubrechen. Ich entscheide mich dagegen – ich bin groß – stelle den Eimer zurück auf den Boden, wische den Farbkleks notdürftig auf und versuche mich zu fokussieren: dieser Atemzug, diese Bewegung, dieser Schritt… Monoton bewegt sich die Farbrolle auf und ab, ich spüre, wie ich mich entspanne.

Während ich, vor dem Eimer stehend, die Rolle in den weißen Brei tauche, wandert mein Blick gedankenverloren zur hinteren Glastür. Ich zucke zurück: da starrt mich etwas an! Völlig konfus starre ich zurück. Das seltsame Wesen ist groß und hat einen langen dünnen Hals, Hängeohren, riesige Augen in einer Art Pferdekopf und scheint zu fließen. Die Konturen seines Körpers wabern, es wirkt, als würde es aus Wasser bestehen. Und es tropft vor sich hin, exakt im selben Rhythmus wie die Wandfarbe von meiner Malerrolle, die ich – in der Bewegung erstarrt – über den Eimer halte. Ich kneife die Augen zusammen, öffne sie wieder: kein Zweifel! Da steht eine vor sich hin tropfende Kreatur mit Pferdekopf und Giraffenhals, die mich neugierig betrachtet.

Ich drehe mich um und werfe einen Blick zur vorderen Glastür, die zum Hof führt. An ihrer Scheibe drücken sich gerade drei von den Gnomen die Nasen platt. Als sie sehen, dass ich sie in den Blick nehme, winken sie mir begeistert lachend zu.

„Sieh es ein“, spricht auf einmal meine innere Stimme zu mir. „Du wirst sie nicht so schnell los werden! Du hast nur die Wahl, Dir von ihnen den Tag verderben zu lassen, oder Dich an ihnen zu erfreuen.“

Ich betrachte erst das Wasserwesen, das gerade den Kopf dreht, um mich aus seinem linken Auge besser in den Blick nehmen zu können, dann die vergnügt Grimassen ziehenden Gnome. Meine innere Stimme hat recht: wenn ich den Fakt beiseite lasse, dass es das, was ich da gerade sehe, nicht geben kann, ist es einfach nur bezaubernd!

Ich winke erst den Gnomen, dann der vor sich hin tropfenden Gestalt zu, schalte am Handy von Neoklassik auf Punkrock um, drehe den Lautstärkeregler bis zum Anschlag und verbringe einen ziemlich schrägen – und sehr entspannten – Nachmittag in den ehrwürdigen Gewölben des historischen Pferdestalls.

Während ich um die schmalen Fenster herummale, winken mir von draußen all die Gestalten zu, die wir gestern und heute während Riwo Sangchö gefüttert haben. Manche haben dürre Hälse und kleine Köpfe, andere Flügel und Segelohren, die einen sind winzig klein, die anderen riesig groß – aber alle sind sie freundlich und vergnügt. Und dankbar dafür, dass wir sie so gut gefüttert haben.

Irgendwann ertappe ich mich dabei, dass ich mich mit ihnen unterhalte. Das erstaunt mich, ich bin visuell – ich „sehe“ zwar detailiert, aber das einzige, was ich normalerweise „höre“ sind Halleffekte. Jetzt geht es auf einmal wie von selbst.

Vielstimmig und in allen Tonlagen wird mir erklärt, wie glücklich alle darüber sind, uns zu Besuch zu haben und vor allem, wie begeistert sie von unserer Praxis sind! Ich möchte mich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken. „Es ist nicht mein Verdienst“, erkläre ich, während ich versuche, die Decke zu streichen, ohne den halben Putz dabei mitzunehmen, „ich sitze nur dabei, es ist Suriyel, der die Arbeit macht.“

Sie scheinen nicht nach Leistung zu differenzieren, ich werde weiter ausführlich gelobt und bekomme in allen Variationen erzählt, wie glücklich sie über uns wären. Am späten Nachmittag, als meine Arme müde sind und Blasen meine Finger zieren, ertappe ich mich dabei, dass ich ihnen doch tatsächlich verspreche, wir würden das jetzt regelmäßig machen.

In dem Moment bekomme ich eine Textnachricht von Uriel: Wie es denn laufen würde, bei mir?

„Ich wollte immer schon mal auf LSD einen historischen Pferdestall streichen“, schreibe ich zurück. „Stand noch auf meiner Lebens-To-Do-Liste! Dank Dir kann ich jetzt ein Häckchen dahinter machen…“

Während ich die Farbrollen einweiche und den Deckel auf den Eimer drücke, malt die späte Nachmittagssonne helle Kringel an die frisch gestrichenen Wände. Er wird schön werden, der neue Seminarraum – geradezu magisch…

Euphorie

Ich lege Tarot, bekomme eine interessante Meditations-Augendiagnose verpasst und darf – Dank Suriyels Riwo Sangchö-Rauchopfer aus dem tibetischen Buddhismus – an einem magischen Happening teilnehmen.

Am Sonntagmorgen weckt mich Vogelgesang. Im Bett sitzend, werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Der Weiher glänzt in der frühen Morgensonne. Ein paar Enten paddeln darauf herum, ich höre sie quaken, während ich mich anziehe.

Um sieben Uhr früh stehe ich in der Küche. Ich bin die Erste, die wach ist, stelle ich zu meiner Erleichterung fest. Der Blogtext für morgen muss in den nächsten zwei Stunden geschrieben werden, tagsüber werde ich keine Zeit finden. Dafür brauche ich Ruhe. Bevor ich anfange zu arbeiten, schalte ich Uriels ehrwürdige Jura-Kaffeemaschine an. Jetzt ist Konzentration gefordert, sie ist von sensiblem Gemüt – ein unachtsamer Handgriff und ich kann meinen Morgenkaffee vergessen! Mit angehaltenem Atem befolge ich die Anweisungen auf dem Display und hole erst wieder Luft, als der braune Kaffeestrahl in die Tasse läuft. Geschafft!

Ich bin schon im letzten Drittel des Textes angekommen, als nach und nach die anderen in die Küche einlaufen. Suriyel in seinem üblichen Gleichmut und im Pyama, Maria komplett angezogen, dafür in aufgelöstem Zustand. Sie hätte seltsames geträumt! Da ist sie nicht die einzige, mir ging es nicht anders. Suriyel setzt sich mit seinem Kaffee zu uns an den Tisch. Ihm wäre es genauso gegangen, erzählt er uns. Es wäre immer das selbe: in seinen Nächten im Retreathaus am Ende der Welt hätte er die wildesten Träume.

Ich schreibe den Blogtext zu Ende und lege gleichzeitig Maria die Karten. Multitasking gehört nicht zu meinen Stärken, aber sie möchte so dringend wissen, was der seltsame Traum zu bedeuten hat, dass sich die Sache nicht auf später verschieben lässt. Suriyel verschwindet dezent nach oben – Kartenlegen ist eine intime Sache – dafür taucht, kaum ist er zur einen Tür hinaus, durch die andere der kleine weiße Hund auf und möchte begrüßt und gestreichelt werden. Kurz darauf gefolgt von Uriel, der etwas derangiert aussieht. Er hätte aber auch wildes Zeug geträumt, heute Nacht, erzählt er uns, während im Hintergrund die alte Jura-Maschine krachend Kaffeebohnen mahlt.

Ich fotographiere Marias Legung und schicke ihr die Bilder per Whatsapp samt der Info, die Interpretation würde ich später per Sprachnachricht liefern. Für ein entspanntes Kartenlegen ist hier gerade zu viel Betrieb. Maria wird uns nach Riwo Sangchö verlassen, am Abend wartet in Leipzig eine Geburtstagsparty auf sie. Auch Uriel hat gesellschaftliche Verpflichtungen, er muss – samt Hund – schon vor dem Morgenritual aufbrechen. Bis zum Mittag des nächsten Tages wäre er wieder zurück, meint er. Bevor er verschwindet, schaut er mir tief in die Augen: ich hätte wieder diesen wahnsinnigen Blick, wie er ihn von mir eigentlich nur während Retreats kennen würde! Ich solle bloß aufpassen, dass es mir nicht zu viel wird! Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich über den „wahnsinnigen Blick“ ärgern, oder ob seiner Fürsorge gerührt sein soll…

Allerdings hat er mit seiner „Augen-Diagnose“ ich wäre gerade gaga, recht. Als ich auf die Terrasse trete, sehe ich Suriyel, der alles für unser morgendliches Riwo Sangchö vorbereitet – und vor ihm auf der Wiese im warmen Licht der Vormittagssonne eine Ansammlung wild herumtollender halbtransparente Gestalten. Sie reichen ihm bis zur Hüfte. „Himmel hilf!“, denke ich mir, „Geht das schon wieder los?“ Ich verkneife mir die Frage, ob Suriyel die muntere Schar ebenfalls sieht, versuche die seltsamen Wesen, die sich keine zwei Meter vor uns aufreihen, zu ignorieren und nehme so würdevoll, wie es mir in meinem aktuellen Zustand möglich ist, vor dem Schreintischen Platz.

Maria setzt sich auf einen der Gartenstühle, Suriyel entzündet Kerze und Räucherstäbchen und dann fangen wir an.

Die seltsamen Gnome, Wichtel, Klabautermänner what´s ever – waren nur die Vorhut, stelle ich fest. Kaum schwingt Suriyel das erste Mal die Glocke, ist die Wiese voll. In allen Größen, Formen und Variationen haben sich wieder die gleichen halbtransparenten Gestalten wie gestern eingefunden. Es hat was von Open Air, denke ich mir, während ich, den Blick auf den Text, den ich gemeinsam mit Suriyel rezitiere und singe, gleichzeitig mit meinem hyperaktiv delierenden „Dritten Auge“ das Szenario vor uns betrachte. Als wären wir eine Band auf einer Bühne und vor uns stehen die begeisterten Fans. Und begeistert sind sie, mir fällt kein anderes Wort dafür ein.

Als wir beim Speiseopfer angelangt sind und Suriyel einen Löffel von der Mehl-Zucker-Butter-Mischung über die Räucherkohle in dem kleinen Tongefäß kippt, setzt unser Publikum noch eins drauf: jetzt hat es was von Woodstock, denke ich mir. So viel Euphorie muss man erst mal zustande bringen!

Während ich das bizarre Szenario vor mir beobachte, nehme ich gleichzeitig die friedliche Stille um uns war: hinter uns rauscht der Bach, in den Bäumen singen Vögel, ab und zu klingt das Quaken der Enten vom Weiher zu uns herüber. Eine leichte Brise spielt mit meinen Haaren und weht mir ein paar Strähnen ins Gesicht. Ich sitze in Meditationshaltung neben Suriyel auf der Bank, höre ihn und mich, betrachte die euphorische Geisterschar und spüre gleichzeitig die vollkommene Stille um uns. Das Szenario ist vollkommend verrückt – und gleichzeitig wahnsinnig schön.

Als wir zu Ende sind, sehe ich den kleinen Gnomen nach, die vergnügt über die Wiese davon hüpfen. Ich bin richtig neben der Spur! Eigentlich müsste ich erneut schlafen, um mein Gehirn in die Balance zu bringen. Aber ich kann nicht schon wieder kneifen! Während Suriyel Maria zum Bahnhof fährt, ziehe ich in meinem Zimmer die immer noch feuchte Malerkluft über. Ein kompletter historischer Pferdestall wartet darauf, von mir gestrichen zu werden!

Chenrezig

Suriyel führt Maria und mich in Chenrezig ein – der buddhistischen Meditations-Praxis des unbegrenzten Mitgefühls…

Ich kippe einen Schuss Weißwein ins Risotto und rühre andächtig um. Der Duft von Steinpilzen und dampfendem Wein zieht durch das Retreathaus. Ich bin glücklich: endlich darf ich wieder kochen!

Bevor wir hierher aufbrachen, kramte ich in meinem Untermietzimmer die Lebensmitteln hervor, die ich aus meiner zurückgelassenen Vergangenheit nach Leipzig gebracht und nie verwendet hatte. Die Campingküche meiner verwunschenen Behausung ist selbst für ein simples Risotto zu unwirtlich. Uriels Einladung ins Retreathaus ans Ende der Welt kam gerade noch rechtzeitig, stellte ich fest, als ich das Ablaufdatum auf den Packungen kontrollierte.

Den Nachmittag über waren wir im Pferdestall beschäftigt gewesen. Suriyel montierte Steckdosen, Maria und Uriel trugen die Grundierung für den Farbanstrich am nächsten Tag auf. Nach meiner wenig eleganten Landung im Bach war meine Malerkluft triefnass, mein Beitrag beschränkte sich deshalb auf das Abkleben der Fenster und Türen.

Zum Ausgleich koche ich. Das erfreut nicht nur mich, sondern auch die anderen. Maria bereitet den Salat, dann sitzen wir um den Tisch, essen, plaudern und haben es gemütlich. Auf einmal wird mir bewusst, dass wir gerade gemeinsam damit beschäftigt sind, die letzten Reste meines alten Lebens zu verspeisen! Heute ist einfach ein komplett schräger Tag…

Nach dem Abendessen verabschiedet sich Uriel samt seinem Hund, sie haben etwas zu erledigen. Für uns andere drei ist der Tag ebenfalls nicht abgeschlossen, es fehlt noch der letzte Programmpunkt: Chenrezig.

Es wäre ein wunderbares Anfänger-Ritual, erklärt uns Suriyel, und die allererste Praxis, die er selbst gelernt habe. Er bereitet auf der Terrasse ein weiteres Mal den kleinen Schreintisch vor. Maria und ich sehen ihm dabei zu, wie er vorsichtig Wasser in die kleinen Metallschälchen füllt und Kerze und Räucherstäbchen anzündet. Die Tonschale brauchen wir diesmal nicht, Chenrezig – die Praxis des grenzenlosen Mitgefühls – kommt ohne Speiseopfer aus.

„Chenrezig“ ist der tibetische Name von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls, der die Klagen aller leidenden Wesen vernimmt und ihnen zur Hilfe kommt. Es gibt eine wunderbare Sage über ihn: er wäre einst ein Prinz gewesen, der das Gelübde abgelegt habe, allen Wesen Beistand zu ihrer Befreiung zu leisten. Sollte er darin nachlassen, hatte er geschworen, wolle er in tausend Stücke zerspringen. Er begab sich ins Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – und befreite alle Wesen – Geister, Dämonen, Menschen, Tiere, Götter – die er finden konnte, von ihrem Leid. Als er sich nach einiger Zeit umblickte, sah er, dass unendlich viele neue leidende Wesen nachgekommen waren, die ebenfalls von ihm erlöst werden wollten. Er zweifelte für einen Augenblick daran, dass es ihm gelingen würde, sein Gelübde zu erfüllen – und zersprang in tausend Stücke. Glücklicherweise gelang es Amitabha – dem Buddha der unterscheidenden Weisheit – Avalokiteshvara wieder zusammenzusetzen. Weil er gerade dabei war, gab er ihm tausend Arme, in deren Handflächen jeweils ein Auge sitzt und dazu noch elf Köpfe. Damit konnte Avalokiteshvara sein Gelübde viel effektiver erfüllen als in seiner alten menschlichen Gestalt.

Avalokiteshvaras Mantra „Om ma ni padme hung“ – das „Mantra des Mitgefühls“ – ist eines der ältesten und bekanntesten im Buddhismus.

Auch ich habe eine persönliche Beziehung zu Avalokiteshvara. Er wird zu Beginn des „Herz-Sutra“, einem der zentralen Texte des Mahayana-Buddhismus – und damit auch im Zen – angerufen. Am Ende jeder Morgen-Meditation rezitiere ich deshalb – Tagein, Tagaus – mit meiner Online-Sangha: „Avalokiteshvara, im Zustand der tiefen transzendenten Weisheit, erkannte, dass alle fünf Skandas leer sind und überwand so alles Leiden…“

Aber jetzt sind wir nicht im Zen – Maria hat sich gegen „stumm auf dem Kissen sitzen und an nichts denken“ entschieden – wir praktizieren hier Vajrayana. Besser gesagt: Suriyel praktiziert und Maria und ich sehen ihm dabei zu. Vorher erklärt er uns noch, worum es dem Prinzip nach geht. Die Chenrezig-Praxis helfe, erfolgreich den Weg eines Bodhisattvas zu gehen, indem sie die Fähigkeit kultiviere, Mitgefühl mit allen leidenden Wesen zu empfinden. Die Basis dafür ist die Identifikation mit dem Bodhisattva. Nach der Eingangsrezitation sollen wir deshalb auf Kopfhöhe vor uns Chenrezig – Avalokiteshvara auf Tibetisch – als weißen, in einem Lotos sitzender Buddha visualisieren, hinter dem der volle Mond leuchtet. In dieser Praxis hat er nur vier Arme, keine tausend. Während der Visualisierung solle wir bewusst das tiefe liebende Mitgefühl für alle leidenden Wesen spüren, dass die leuchtende Gestalt vor uns verströmt.

Es ist inzwischen dunkel geworden. Sanft flackert das Licht der kleinen Kerze auf der überdachten Terrasse. Vom rauschenden Bach an der Hauswand kriecht kühle Feuchtigkeit zu uns.

Suriyel beginnt erst zu rezitieren und dann zu singen. Ich senke den Blick – die Augen halb geöffnet – und konzentriere mich auf mein „drittes Auge“ oberhalb meiner Nasenwurzel. In der Dunkelheit erscheint, über der Wiese schwebend, eine weiß flouriszierende Gestalt. Der Buddha sitzt, die Beine übereinander geschlagen, auf einer großen Lotosblüte. Hinter ihm strahlt in milchigem Licht der volle Mond. Ich konzentriere mich darauf, sein Mitgefühl zu spüren. Es fällt mir nicht schwer: Suriyel verströmt es während seiner Meditation in einer Intensität, dass ich keine großartige Imagination brauche, um damit in Berührung zu kommen.

In Suriyels Gesang hinein schallen aus der Dunkelheit die schrillen Rufe eines Pfaus. Er lebt auf dem Nachbargut, ich habe ihn schon öfter gehört. Aber jetzt, in dieser feierlichen nächtlichen Stille, kommt es mir vor, als wären wir in eine andere Wirklichkeit versetzt worden. Als hätten wir das Retreathaus am Ende der Welt und das 21. Jahrhundert hinter uns gelassen, und würden uns mit einem Mal im alte Indien befinden – der Heimat der Pfaue und des Buddhismus – zu der Zeit, als Prinz Avalokitshvara zu seiner Reise ins Bardo aufbrach, um alle Lebewesen von Leid zu befreien.

Suriyel greift zur Mala. Wir sind beim Mantra angekommen. „Om ma ni padme hung“ murmeln wir beide, und lassen dazu die Perlen zwischen unseren Fingern hindurch gleiten. Maria ist währendessen ganz still, aus der Ferne ruft unermüdlich der Pfau.

Als wir zu Ende sind, bin ich berührt. Es war mein erstes Chenrezig – und es war sehr schön.

Brücke

Als ich voller Tatendrang vor die Haustür trete, empfangen mich warme Sonnenstrahlen und ein enthusiastischer Hund.

Ich überquere den Hof und öffne die schwere Glastür zum historischen Pferdestall, der gerade in einen großen Seminarraum umfunktioniert wird. In einer Ecke entdecke ich Suriyel, er montiert Steckdosen. Die anderen beiden wären zum Baumarkt gefahren, erfahre ich, es fehle noch was für die Grundierung.

Ich trete wieder auf den Hof und wandere, das Handy schwenkend, umher: Auf dem Gelände des Retreathauses am Ende der Welt Empfang zu bekommen, ist eine Kunst für sich. Endlich erscheint ein einzelner schüchterner Balken auf dem Display. Ich rufe Maria an: wann sie zurück wären? Ich stünde jetzt bereit, um den Pferdestall zu streichen! Es würde noch dauern, antwortet sie.

Und jetzt?

So aufgeregt, wie der kleine weiße Spitz um meine Aufmerksamkeit kämpft, liegt die Antwort auf der Hand. Mit dem Hund an der Leine lasse ich das Retreathaus hinter mir und laufe den Fluss entlang in den Wald.

Ich bin immer noch völlig neben der Spur, stelle ich dabei fest. Irgendwie funktionieren meine Sinne nicht richtig. Um mich flourisziert das Gras neongrün, das Gelb des Löwenzahns leuchtet, als hätte jemand unzähliche 1000 Watt-Strahler auf der Wiese montiert. Das Rauschen des Baches, begleitet vom Gesang der Vögel, dröhnt in Discolautstärke in meinen Ohren. Als ich den Waldrand erreiche, löst die Geruchspalette von Moder, Blumenduft, Harz und jungem Fichtengrün Schwindelgefühle in mir aus.

Der Hund hat eine Fährte aufgenommen und folgt ihr, laut japsend, ins Gebüsch. Ich rutsche hinter ihm die Böschung hinunter. Haken schlagend zieht er mich zum Fluss, der einige Meter parallel zum Forstweg durch den Wald fließt und sich genau an dieser Stelle gabelt: der vordere Arm, an dessen Ufer ich stehe, begrenzt Uriels Grundstück, der hintere nährt mit seinem Wasser den Weiher, bevor er unter dem Fundament des Retreathauses verschwindet, um auf der anderen Seite wieder an die Oberfläche zu kommen und sich mit dem Seitenarm zu vereinen. Zwischen den beiden Wasserläufen liegt eine Insel, ein winziger Fleck Erde mit zwei Bäumen drauf. Kinder haben aus dicken Ästen eine Brücke hinüber gebaut.

Ich starre auf die grauen Felsblöcke, die direkt unter mir aus dem wild schäumenden Wasser ragen. Auf einmal überkommt mich eine wahnsinnige Lust, das kalte Wasser an den Füßen zu spüren. Ich setze mich ans Ufer, ziehe Schuhe und Socken aus und steige vorsichtig hinein. Das klare Wasser ist eiskalt, die spitzen Steine des Flussbettes stechen in meine Fusssohlen.

Ich möchte hinüber auf die Insel, beschließe ich. Der kleine weiße Hund steht am Ufer und schaut besorgt zu mir herunter. „Jetzt komm doch!“, rufe ich ihm zu. „Es ist nicht tief!“ Zwanzig Zentimeter Wassertiefe, finde ich, sind für einen Spitz zu bewältigen. Der sieht das anders. Er stemmt alle vier Pfoten in den Boden, schaut sichtlich angeekelt in die Tiefe und lässt sich weder durch Bitten noch durch Befehle dazu bewegen, zu mir zu kommen. Ich klettere fluchend wieder hoch, binde die Leine des Hundes um den nächsten Baum und steige wieder in das kalte Wasser.

Vorsichtig auf den glitschigen Steinen Fuß vor Fuß setzend, bewege ich mich gegen die Strömung flussaufwärts, das eiskalte Wasser schäumt um meine Schienbeine. Die extremen Sinnesreize tun mir gut, merke ich, sie wirken wie ein Anker für meinen Geist, der gerade nicht richtig mit meinem Körper verbunden zu sein scheint. Mein Kopf ist vollkommend leer. Es kommt mir vor, als würde ich mich in einer Sphäre bewegen, in der weder Raum noch Zeit von Bedeutung sind. Und gleichzeitig ist es so, als würde ich von oben auf mich herabsehen, mit dem selben Blick, mit dem man einen Fremden betrachtet. Irgendwer läuft gerade in meinem Körper durchs Wasser, stelle ich fest, aber wer dieser „jemand“ sein soll, weiß ich nicht zu sagen.

Während ich das Flussbett hoch wandere, halte ich nach einem günstigen Einstieg auf die kleine Insel Ausschau. Vergebens. Die Brennesseln auf der Böschung sind erst wenige Zentimeter hoch, stehen aber schon so dicht, dass es eine höchst schmerzhafte Angelegenheit wäre, dort barfuß hochzuklettern. Kurz überlege ich ernsthaft, ob ich es nicht gerade deshalb tun soll – das intensive Brennen würde mich sicher effektiv in meinen Körper zurückholen – zeige mir dann selbst einen Vogel und beschließe, mein Glück lieber am anderen Ende der kleinen Insel zu versuchen, das Ufer scheint dort flacher zu sein.

Ich drehe vorsichtig um. Jetzt geht es abwärts, der Bach hat an dieser Stelle ein spürbares Gefälle und noch dazu drückt die Strömung von hinten gegen meine Waden. Schritt für Schritt bewege ich mich auf die provisorische Brücke zu, die vom Ufer auf die kleine Insel führt.

Ich hebe meinen Fuß aus dem Wasser, bewege ihn nach vorne – es fühlt sich an, als würde er nicht zu meinem Körper gehören – und senke ihn wieder in das schäumende Nass. Auf einmal ist es, als hätte jemand in meinem Gehirn einen Schalter umgelegt. Ich bin wieder zwölf Jahre alt und das hier ist der Bach meiner Kindheit. Es ist mir, als wäre ich an eine Weggabelung zurückgekehrt, die ich vollkommend vergessen hatte. Damals, im Alter von zwölf Jahren, traf ich genau an dieser Stelle eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen für den weiteren Verlauf meines Lebens haben sollte. Jetzt finde ich mich unversehens an diese Gabelung meines Lebenswegs wieder.

Ich stehe im schäumenden Wasser, starre auf die Äste der provisorischen Brücke, die sich ein paar Meter vor mir über den Bachlauf streckt und verstehe, dass ich jetzt, in diesem Moment, die Chance habe, diese Entscheidung zu revidieren. Es steht mir frei, jetzt den Pfad einzuschlagen, gegen den ich mich vor vielen Jahren entschieden hatte. Im Rückblick glaube ich zu verstehen, warum mein zwölfjähriges Ich – genau an der magischen Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – die Entscheidung für den Weg getroffen hatte, den mein weiteres Leben danach nahm. Es war ein wagemutiger Entschluss, den ich damals traf, wird mir bewusst. Und vollgerichtig. Er hat mich weit gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, zu sehen, wohin mich der andere Weg bringen wird, der, gegen den ich mich damals entschieden habe. Es ist ein großes Geschenk, wird mir in diesem Augenblick bewusst, dass ich für einen Moment den Gesetze von Raum und Zeit enthoben bin und noch einmal an diesen längst vergangenen Punkt in meinem Leben zurückkehren und einen Neuanfang wagen darf.

Mit diesem Gedanken mache ich einen weiteren Schritt, rutsche unversehens auf einem glitschigen Stein aus und lande mit einem lauten Platschen im schäumenden Wasser. Kälte und Nässe bringen mich wieder zur Besinnung. Ich lache schallend, während ich – den Kopf über mich und meinen Wahnsinn schüttelnd – triefend und vor Kälte schlotternd ans Ufer klettere. Oben empfängt mich sichtlich erleichtert der kleine weiße Hund. Vor mich hin tropfend laufe ich mit ihm zurück zum Retreathaus ans Ende der Welt.

Der Löwenzahn leuchtet immer noch mit dem Grün des Grases und dem Blau des Himmels um die Wette. Ich bin glücklich, merke ich, während ich das schwere Tor zum Hof aufziehe. Geradezu euphorisch, um genauer zu sein. Es ist jemand anderes an diesen Ort zurückgekehrt als der, der ihn vor einer Stunde verlassen hat. Jemand, der an einer Wegkreuzung eine neue Entscheidung getroffen hat. Es klingt so vollkommend bizarr, dass ich beschließe, den anderen nichts von der „Taufe“ meines neuen „Ich“ im wilden Bauchlauf zu erzählen.

Im Nebel

Ich wanke die Treppen hoch und falle ins Bett. Es ist gerade mal elf Uhr Vormittags, aber ich bin so erschöpft, dass ich nicht mal mehr die Augen offen halten kann – geschweige denn einen Pferdestall streichen.

Unser erstes, von Suriyel angeleitetes, Riwo Sangchö auf der Terrasse des Retreathauses am Ende der Welt an diesem Samstag hat mich völlig ausgeknockt. Dabei ist das Rauchopfer eigentlich nur ein netter – und dem Karma dienlicher – Tageseinstieg und keine Praxis, die den Ruf hat, mentale Ausnahmezustände auszulösen.

Es war einzig und alleine darum gegangen, Maria während ihres Buddhismus-Einführungswochenendes mit den Basics im Vajrayana vertraut zu machen. Riwo Sangchö gehört dazu, und ist außerdem ein schönes Ritual – Punkt. Und dann so etwas!

Damit, dass ich auf einmal mit den leibhaftigen „Gästen“ unseres imaginierten Festmahls konfrontiert sein könnte, hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte nicht einmal ernsthaft darüber nachgedacht, ob sie wirklich existieren! Und dann „sehe“ ich plötzlich, vor Uriels Terrasse aufgereiht, nicht nur hunderte bizarrer halbtransparenter Gestalten, sondern glaube mit einem Mal auch noch zu verstehen, woher mein Wolf kam. Eine karmische Verstrickung mit einem formlosen Wesen, dass im Bardo festhing – mein Zen-Lehrer würde mir eine Ohrfeige verpassen, wenn er wüsste, was ich hier gerade treibe und welche Geschichten mein Hirn produziert.

Ich hasse es, wenn ich so gaga bin!

Das einzige, was gegen diese Zustände hilft, ist Schlaf. In den ich gnädigerweise sofort falle, sobald ich, im warmen Bett ausgestreckt, meine Augen schließe. Während unten an der Hauswand der Bach vorbeirauscht, die Vögel in den Bäumen am Ufer des Weihers singen, und irgendwo in der Ferne ein Rasenmäher dröhnt, lasse ich das Retreathaus am Ende der Welt hinter mir.

Um mich ist dichter Nebel, das Licht ist fahl. Ich stehe auf einem Feldweg. Links und rechts ragen hohe Bäume auf, ihre Äste sind fast kahl, nur noch ein paar letzte Blätter hängen in den Kronen. Der Geruch von Feuchtigkeit und Tod steigt mir in die Nase. Es muss später November sein. Lang kann es nicht mehr dauern, bis der erste Schnee fällt.

Ich laufe den Weg entlang, unter meinen Füßen raschelt Laub. Wo ich mich befinde, kann ich nicht sagen, der Nebel umgibt mich wie eine Wand, weiter als ein paar Meter reicht mein Blick nicht. Auf einmal kommt Wind auf. Eisig zerrt er an meiner dünnen Kleidung, treibt mir die Haare ins Gesicht und lässt die Nebelschwaden um mich tanzen. In den Bäumen über mir rauscht es, ein kräftiger Windstoß reißt die wenigen verbliebenen Blätter von den Ästen. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus den Augen und beobachte, wie das Laub, im Wind tanzend, um mich herum zu Boden segelt.

Ich zucke zusammen. Es sind keine Blätter, die mir vor die Füße fallen, sondern alte vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos! Auf allen sind Menschen abgebildet. Ihren Frisuren und ihrer Kleidung nach zu schließen, aus den zwanziger, dreißiger Jahren, manche könnten auch aus den Vierzigern oder Fünfzigern sein. Ein wildes Potpourri vergangener Leben hat sich um mich ausgebreitet: ernste Gesichter auf Portraitaufnahmen, Hochzeitsphotos neben Bildern von Taufen, Geburstagen, Babys in Wiegen, steife Familienszenen…

Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe nach oben: die Äste der Bäume über mir sind jetzt kahl. Bis auf ein Bild, das sich gerade in diesem Augenblick löst und mir direkt zwischen die Beine segelt: darauf, in vergilbtem schwarz-weiß, sind – um einen Tisch sitzend – zwei Paare abgebildet, sie lachen in die Kamera. Ich glaube sie zu kennen, obwohl ich ihre Gesichter noch nie zuvor gesehen habe.

Warmes Sonnenlicht fällt auf mein Kissen. Vor dem Fenster singen Vögel, monotones Wasserrauschen wird vom Dröhnen eines Rasenmähers übertönt. Verwirrt versuche ich mich zu orientieren. Richtig: ich liege in meinem Bett in einem der Zimmer des Retreathauses am Ende der Welt. Damit ist immerhin mein Aufenthaltsort lokalisiert. Als nächstes versuche ich herauszufinden, in welcher Zeitrechnung ich mich befinde. Es ist auf alle Fälle nicht Herbst, daran lassen Licht und Vogelgesang keinen Zweifel. Ich starre konfus auf meine Uhr: es ist kurz nach zwölf, sehe ich und heute ist der 29. April 2023. Auch das ist eine wertvolle Information.

Ich beschließe, aufzustehen. Als ich in meine Jeans steigen will, fällt mein Blick auf einen Stapel ausgemusterter Kleider, die ich auf dem Stuhl bereitgelegt habe. Richtig! Ich soll den Pferdestall streichen! Etwas besseres als harte körperliche Arbeit, denke ich mir, während ich in meine ausgeleierte Jogginghose schlüpfe, kann mir heute nicht passieren. Mich ordentlich anzustrengen, wird mich auf andere Gedanken bringen.

Als ich die Treppen hinunterlaufe und im Flur meine Schuhe schnüre, habe ich den seltsamen Traum irgendwo tief in meinem Hinterkopf vergraben. „Es ist genug jetzt!“, ermahne ich mich, „Tu, was zu tun ist und vergiss dieses ganze konfuse Zeug!“

Primer

“Do you also want to write for my blog from time to time?”, Katharina asked me – Uriel –  while fixating me with her radiating blue eyes. “Sure, sure”, I muttered while still investigating her eyes. It is easy to see a good result of a spiritual practice in the eyes of people, I was thinking. Katharina just finished the morning practice she did with Suriyel and Maria. When the inner spiritual energy is rising, you can see it in the eyes.

What do you need for a successful practice, I was asking myself. First you need a unbroken lineage, if you want to have real progress. You get access to the energy inside the lineage and this will lead you to real results. Then – you need a qualified teacher inside this lineage. He is not only introducing you to the lineage and the practice but also helps you in difficult stages of your practice. Then you should have some experiences, especially at the beginning. This helps you to convince yourself that the practice you are doing is working. And last, you need a good fundament. I saw so many people failing on the path or not having any deep results at all, just because the fundament was missing. You need to enter into the practice in a correct way, which was developed hundreds of years ago and led thousands of people to the fruit of the path. In our tradition the fundament is called the preliminary practice.

I was very happy to see, that the practice the three did on the terrasse of the retreat house at the end of the world was working. My friend Suriyel developed strongly over the years and in his hometown he is already performing rituals for the public. Katharina is not only following the path by entering into the energy of the lineage – she is jumping into it like into a river. Already in the last three months you can feel the difference, I was thinking. And Maria – her inner energy feels like you mix a nice fragrance with a lustral golden liquid. She will be successful. Now only the fundament is needed, like the primer on the wall before you start painting.

Riwo Sangchö

Suryiel führt Maria in das traditionelle morgendliche Rauchopfer-Ritual ein…

Vom Weiher kommend, rauscht das Wasser des Baches die Hauswand entlang. Vor der Terrasse verschwindet es unter dem Fundament, um auf der anderen Seite des Gebäudes wieder an die Oberfläche zu treten. Dort vereint sich der schmale Bach mit dem Hauptlauf des Gewässers zu einem wild dahinströmenden Fluss. Uriels Retreathaus ist buchstäblich auf Wasser gebaut.

Nach dem Frühstück beginnt Marias Einführung in Vajrayana mit einem Riwo Sang Chöd. In der englischen Übersetzung heißt das tibetisch-buddhistische Ritual „Mountain Smoke Offering from Accomplishing the Life Force of the Vidayadharas“. Direkt neben dem wild rauschenden Wasserlauf hat Suriyel ein Tischchen auf der Terrasse platziert. Darauf wird alles gerichtet, was wir zur Bewirtung unserer Gäste benötigen.

Wir sind zu fünft an diesem kühlen Morgen: eine sichtlich nervöse Maria und ich, Suriyel, sowie der Hausherr Uriel in Begleitung seines kleinen weißen Hundes. Ich nehme auf dem Gartenstuhl Platz und lege mir fröstelnd die Decke über die Beine, während Suriyel die letzten Vorbereitungen für das Ritual trifft.

Ich sehe ihm dabei zu, wie er Wasser in kleine Schälchen füllt. Damit werden unsere Gäste – Buddhas, Bodhisattvas, die örtlichen Naturgeister und alle positiven und negative Wesen und Kräfte in den sechs Dimensionen – speziell jene, denen wir karmisch etwas schuldig sind – empfangen.

Nach ihrer Reise zu uns sollen sie sich erst einmal erfrischen können. Deshalb bekommen sie im ersten Schälchen Wasser zu Trinken angeboten. Mit dem Wasser im zweiten Schälchen können sie sich den Staub von den Füßen waschen. Damit sie sich bei uns wohl fühlen, werden sie mit Blumen empfangen – symbolisiert durch das Wasser im dritten Schälchen. Im vierten Schälchen verströmt ein Räucherstäbchen seinen Duft, die Kerze im fünften Schälchen spendet Licht, das Wasser im sechsten Schälchen versinnbildlicht Parfüm, das im siebten Speisen und das im achten Musik.

In der Mitte des Tisches wird ein kleines Tonschälchen mit Räucherkohle platziert. Darin wird später das Speiseopfer – eine Mischung aus Mehl, Zucker, Honig, Melasse, Butter und Öl – verbrannt werden. Mit der kleinen Damaru – einer tibetischen Handtrommel – und der Glocke wird das Ritual musikalisch begleitet. Der immergrüne Ast in der Glaskanne wird traditionell benutzt, um die Opfergaben mit geweihtem Wasser zu besprengen. Bei uns ist er Deko – er gehört halt auch dazu.

Es ist also für alles gesorgt, wir können die Gäste zur Tafel bitten.

Wir müssen nicht warten, bis sie sich bei uns eingefunden haben – „sehe“ ich – sie sind bereits da. Auf der großen Wiese, die sich von der Terrasse bis zum Waldrand erstreckt und auf der einen Seite vom Weiher, auf der anderen von einem Seitenarm des Flusses begrenzt wird, glaube ich die Konturen halb transparenter Gestalten in allen Formen und Größen zu erkennen. Ich kneife die Augen zusammen und öffne sie wieder: Doch! Da stehen in mehreren Reihen, still und konzentriert wartend, unsere Gäste. Es müssen hunderte sein!

Ein paar Enten flattern laut quackend über unsere Köpfe hinweg und landen mit vernehmbarem Platschen auf der Oberfläche des Weihers. Eine Amsel singt im Geäst des Apfelbaumes vor der Terrasse. Ihr Gesang übertönt das monotone Rauschen des Baches an der Hauswand. Ansonsten herrscht vollkommene Stille an diesem Samstagmorgen.

Uriels kleiner weißer Hund legt sich vor der Terrasse ins Gras. Er weiß was kommen wird, für ihn gehört Riwo Sangchö zur Altagsroutine. Im Gegensatz zu Maria: sie wird zum allerersten Mal an einem tibetisch-buddhistischen Retreat teilnehmen. „In diesem Leben“, präzisiert Suriyel. Auch Uriel ist davon überzeugt, dass nur in den Genuss einer solchen Praxis kommt, wer schon karmisch „vorbelastet“ ist.

Suriyel rezitiert und singt den tibetischen Text. Er hat eine schöne Stimme. Uriel und ich stimmen ein, Maria hört zu.

Nach Anrufung, Zufluchtnahme und Bodhicitta sind wir gehalten, uns selbst als Guru zu visualisieren. Im nächsten Schritt transformieren wir – uns als weiße Emanation des Buddha imaginierend – alle Opferspeisen in reinen betörenden Weisheitsnektar.

Suriyel kippt einen Löffel von dem pulverförmigen Speiseopfer über die glühende Kohle. Rauch steigt auf und hüllt uns ein. Die Perlen unserer Malas zwischen den Fingern, rezitieren wir das Mantra und visualisieren dabei, wie wir unseren Gästen die Opfergaben zukommen lassen. Die dröhnende Stille hinter unserem Murmeln, des Rauschen des Baches und dem Gesang der Vögel, ist jetzt geradezu greifbar. Gleichzeitig überwältigt mich die Freude und Begeisterung unserer Gäste. Das, was wir ihnen heute anbieten können, scheint sie wirklich zu sättigen, so gierig manche von ihnen auch sind.

Als ich, die Augen gesenkt und das Mantra dabei rezitierend – meinen „Blick“ über die Wiese und die darauf versammelten, begeistert schmausenden Gäste gleiten lasse, registriere ich eine Lücke in der Menge. Dort, wird mir mit einem Mal klar, stand bis vor ein paar Wochen mein Wolf! Bevor er sich eines Nachts im März an meiner Bettseite materialisierte, war er eines der transzendenten Wesen, die hier regelmäßig gefüttert werden. Uriel würde sagen: wir waren durch eine karmische Verstrickung aneinander gebunden. Ich habe ihn hier abgeholt – oder er hat mich hier aufgesucht – damit wir das letzte Stück seines Weges zur Wiedergeburt gemeinsam gehen konnten. Vielleicht, denke ich, während ich weiter rezitiere und währenddessen visualisierend die seltsam transparenten Wesen füttere, auch meiner Wiedergeburt?

Meine körperlichen Grenzen scheinen sich aufzulösen, ich fühle mich völlig entleert, es gibt keine Differenz mehr zwischen mir, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches, den formlosen glücklichen Wesen auf der Wiese.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, schaffe ich es nicht mal, mich vernünftig bei den anderen zu entschuldigen. Obwohl ein kompletter Pferdestall auf seinen Anstrich wartet, wanke ich die Treppen hoch und falle ins Bett. Alles fühlt sich völlig unwirklich an, ich brauche Schlaf und ein paar Träume, um mich zu erholen. Was für ein Riwo Sangchö!

First Steps

I’ll start with the backstory. A couple of years ago, I started getting interested in meditation. In Ukraine, unfortunately, there are few places where they can really teach this. It is very common to get scammed. That’s why I tried to meditate alone, at home. I came to this because of a lot of stress in my life. I wanted to find peace. Naturally, nothing worked out for me and I just stopped doing it.

hBut after some time I met at work with one girl, Anastasia. As it turned out, she practiced meditation and shared her experience. But she practiced more than just meditation. She used mushrooms. From her words, it helped her understand herself from the outside. Nastya said that 5 minutes after taking the Mushrooms, she cried, then laughed, then she saw herself as a little girl from the side and spoke. She described her vision as something incredible. Thoughts and feelings were also indescribable. We were talking about it and then she put on an unusual tune. We were at her house. We lay down on the floor and she told me to just listen to the melody, try not to think about anything and relax. I won’t say that I managed to completely relax, since her story seemed to me too strange. She was too insistent that I should try it too. I am quite apprehensive about such substances, so I refused.

And now, a year and a half later, I met Katharina, who is not the first year in Buddhism. I’ve always been interested in hearing about the things she has to say. Even our meeting is unusual in itself. As if someone told her that she needed to approach me. Otherwise, I do not understand how she could approach two drunken girls who were singing songs in a dark park without fear. We discussed this for a long time.

At some point, we decided to act. I really wanted to know and see what it was like. I was lucky with Katharina, she does a lot for me. And this time she also decided to help me. She contacted Suriyel. She described him as a very intelligent and experienced person in Buddhism. And he agreed to help. In fact, I am very grateful to Katarina, Suriyel and Uriel for how much they helped me and shared their experience.

My introduction to Buddhism took place in an unusual place at the end of the world. I have been to different places. But there is no such nature, energy and air anywhere. I don’t know how to describe it. I haven’t felt this good in a long time. I was looking forward to getting started.

Morning came and Suriyel began to equip the table with offerings. Uriel and Katharina were with us. I only watched and read the text, but the others started to chant the mantra. To say that it was unusual is to say nothing. My thoughts were clear, I didn’t think about my problems for the first time in a long time. I was very surprised.

But what radically convinced me is our evening mantra. We were three. Katarina, Suriyel and myself. This time I closed my eyes and tried to visualize. I felt above my body and it was so easy and unusual. As if I felt the energy that comes from me and from everyone around. I also felt someone behind me. At some point, it frightened me, because I had never experienced such a feeling before.

For some reason, when I tried to visualize, a picture popped up where I saw a small child, myself and a man whom I know. It looked like a real family. I immediately opened my eyes. I have never experienced this. We finished the mantra and I was in a state of shock. My dreams were just as unusual. It was an incredible experience, and it convinced and interested me so much that I would love to study it and delve into it. I still have a lot of thoughts about how this is even possible? But apparently this is exactly what I’ve been looking for.

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »