Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Taliba (Seite 1 von 5)

Karawane

Ein Alptraum lässt mich um Hilfe bitten – und verschafft mir eine unerwartete Einladung zu einem exotischen Retreat…

Ich befinde mich auf einer Anhöhe. Unter mir erstreckt sich ein schmales Tal. Zwischen den kahlen Bäumen hängt der Morgennebel.

Es ist eiskalt.

Während ich in die Stille des frühen Tages hineinlausche, wird mir bewusst, dass ich träume.

Totenruhe, denke ich.

Ich bin im Land der Toten.

Mein Blick folgt dem mäandernden Lauf des Baches, der die Felder durchschneidet. Auf der gegenüberliegenden Uferseite führt eine schmale Straße entlang.

Bewegt sich dort etwas? Ich starre konzentriert auf die andere Seite des Flüßchens. Kein Zweifel: Dort drüben läuft eine Gruppe Menschen in meine Richtung.

Ich halte den Atem an: Das gedämpfte Knirschen des Kieses unter ihren Schritten dringt zu mir herüber. Es müssen viele sein.

Jetzt sind sie auf meiner Höhe angekommen. Zwischen den kahlen Zweigen der Uferbewachsung ziehen sie im Morgennebel an mir vorbei.

Eine Karawane von Toten.

In diesem Moment wird mir bewusst, dass das nicht mein Traum ist.

Ich bin in einem fremden Gehirn gelandet! Dies ist der Traum eines Diktators, der im Schlaf seinen Opfern begegnet.

Damit wache ich auf.

Verstört und verängstigt! Was will mir dieser Traum sagen?

Dass der Auslöser für diese Traumbilder die Schatten der Toten aus dem zerbomten Nachbarhaus waren, die immer morgens zum Rauchopfer vor meiner Dachterrasse auftauchen, ist für mich klar. https://www.water-runs-east.eu/toten-tanz/

Aber warum lande ich im Traum in einem fremden Gehirn? Und auch noch in dem eines Tyrannen?

Waren das karmische Bilder? Seit ich regelmäßig tibetisches Tantra praktiziere, passieren die seltsamsten Dinge. Jahrelang habe ich die Erzählungen meiner Sangha-Brüder und -Schwestern über karmische Träume zurückgewiesen. Die Idee, man könne im Schlaf mit Erinnerungen aus früheren Leben konfrontiert werden, fand ich albern. Ich schwieg, wenn mir solche Geschichten zu Ohren kamen – und dachte mir meinen Teil.

Bis ich selbst mit einem solchen Traum konfrontiert wurde. Mitten im Retreat. Die Bilder waren von höchster Intensität und vollkommend realistisch. Obwohl Ort und Zeit der Handlung mit meinem Leben nichts zu tun hatten. Nach dem Traum veränderte sich mein Leben. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Seitdem sehe ich die Sache mit den „Karmischen Träumen“ anders. Inzwischen halte ich es für möglich, im Schlaf Zugang zu vergangenen Leben zu finden.

„Und jetzt?“, frage ich mich, als ich nach dem Traum von der Toten-Karawane vor meinem Morgenkaffee sitze. „Was ist, wenn DU in einem früheren Leben dieser Diktator warst, der all diese armen Menschen auf dem Gewissen hat?“

Ein gruseliger Gedanke! Ich glaube es auch nicht wirklich, aber zu mindestens 25%…

„Throma!“, flüstert meine Innere Stimme in mein Ohr. „Du brauchst Throma!“

An die zornvolle Göttin des Todes und der Nacht – Throma Nagmo – habe ich schon länger nicht mehr gedacht. Dabei tanzte sie letztes Jahr über Monate in meinem Unterleib und brachte mein Leben gehörig durcheinander.

Throma ist die tibetisch-buddhistische Praxis der Friedhöfe, der Verbrennungsstätten – und der Toten. https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-sterben-teil-eins/

„Throma“, denke ich mir, „wäre vielleicht wirklich die passende Praxis für den Traum.“

Ich habe letztes Jahr im März in einem Retreat in der Mühle von Uriel Throma gelernt und auch die Übertragung – das Lung – des Lamas dafür erhalten. https://www.water-runs-east.eu/hypnoticed/

Aber die Praxis ist anspruchsvoll und ich habe sie seit dem Retreat nicht mehr geübt. Alleine bekomme ich das nie hin! https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-damaru-und-kangling/

Glücklicherweise war damals eine Frau bei dem Throma-Retreat dabei, die die Praxis gut beherrscht – und regelmäßig in Berlin ist. Ich habe ihre Telefonnummer. Nach dem Frühstück melde ich mich bei ihr und spreche mein Anliegen auf ihre Mail-Box:

Ich hätte heute Nacht von einer Karawane von Toten geträumt und bräuchte deshalb Throma. Ob sie Zeit und Lust hätte, mit mir zu praktizieren, damit ich mich von negativem Karma reinigen kann?

Die Dharma-Schwester ist im übrigen Gynäkologin mit eigener Praxis. Keine ihrer dankbaren Patientinnen ahnt, dass die kluge Ärztin, die schon hunderte von Kindern ins Leben begleitet hat, in ihrer Freizeit eine Expertin der Todes-Göttin Throma Nagmo ist.

Am Nachmittag ruft mich die Dharma-Schwester zurück. Mit dem gemeinsamen Praktizieren sieht es schlecht aus, erfahre ich. Denn die Dharma-Schwester ist gerade sehr beschäftigt: Neben ihrer Arbeit muss sie auch noch für unsere Khandro ein Retreat organisieren. Nächsten Februar. In Berlin!

Khorde Rushen.

Ich fahre hoch: „Khorde Rushen?“

Das Retreat ist so berühmt wie rar. Jeder, der intensiv Tantra praktiziert, hört früher oder später wilde Geschichten darüber. Aber wahrhaftig an einem Khorde Rushen Retreat teilgenommen haben die wenigsten. Es ist schwierig umzusetzen und wird nur sehr selten angeboten.

Und auf einmal ist eines bei mir um die Ecke! Und wird von meiner amerikanischen Zufluchts-Lehrerin geleitet!

„Die Einladung müsste in den nächsten Tagen rausgehen,“ erklärt mir die Dharma-Schwester.

Bevor wir uns verabschieden, verspricht sie mir, dass sie mir eine Einladung schicken wird. Obwohl die diesmal nur an die Amerikaner aus der Sangha gehen wird. Die haben sich beschwert, dass immer nur Europäer in den Retreats der Khandro sitzen und sie nicht zum Zug kommen. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht in meinem E-Mail-Verteiler auf: Die Einladung zu Khorde Rushen! Druckfrisch!

Ich bin die erste, deren Name auf der Teilnehmerliste steht!

Der Traum wollte mir sagen, dass ich Khorde Rushen praktizieren muss, denke ich mir am Abend.

Es ging nicht um Throma! Ich muss mein negatives Karma mit Khorde Rushen reinigen…

Off Line

Engel, Teufel, Dämonen, Dakinis, Schützer und Mamos werden zu Fantasy transformieren. Der Blog kehrt zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück…

Fünf Monate lang – seit Anfang September – habe ich in diesem Blog eine Geschichte von Engeln und Dakinis erzählt.

Dass – von meinem allerersten Blog-Eintrag an – alle Protagonisten der Geschichten, die ich hier schreibe, die Namen christlicher Heiliger tragen, war mir nie bewusst.

Und dass dies in einem Blog, der sich mit buddhistischer Meditation beschäftigt, etwas seltsam ist, kam mir nie in den Sinn.

Wenn mich jemand darauf angesprochen hätte – was nicht geschehen ist – hätte ich gesagt: „Zufall“…

Maria hat sich ihr Alias selbst ausgesucht.

Die Entscheidung, dem Herrn der Mühle einen Erzengel zum Paten zu geben, verdankte sich einer plötzlichen Eingebung und der Tatsache, dass Uriel den Namen mochte.

Suriyel wurde zum Erzengel, weil Uriel bereits einer war.

Alles Zufälle.

So es die denn wirklich gibt…

Letzten Sommer traf ich in Berlin-Friedrichshain auf einen zutiefst buddhistischen rundlichen Herrn mit Fusselbart. Der, beschloss ich, sollte auch in den Blog. Er brauchte ein Alias. Zwei Engel hatte ich schon, warum nicht einen dritten?

Ich machte mich auf die Suche nach einem stimmigen Engelsnamen – und mir wurde das erste Mal bewusst, was ich da Seltsames tat!

In der S-Bahn in Richtung Berlin-Südkreuz fasste ich deshalb zwei Beschlüsse:

Der neue Blog-Protagonist sollte nach dem Schutzengel Israfel benannt werden.

Und ich würde eine Reihe von Texten schreiben, in denen ich die christlichen Alias meiner Protagonisten ernst nehmen wollte. Genauso wie ihre buddhistischen Überzeugungen.

Ein Experiment.

Eine literarische Operation am offenen Herzen zweier Weltreligionen. In Echtzeit durchgeführt in meinem Blog.

Nachdem ich diesen Beschluss gefasst hatte, dachte ich nicht mehr weiter über die Konsequenzen meiner Pläne nach. Weder für den Blog, noch für mein Leben.

Es wäre zu gruselig gewesen. Die Aufgabe zu groß. Der Ärger unvorhersehbar.

Ich hätte es sonst nicht getan.

Aber die Texte – das war mir in dem Moment bewusst geworden, als mir klar war, was ich da eigentlich in meinem Blog trieb – mussten geschrieben werden. Wenn etwas so seltsam ist – und dazu so offensichtlich wie verschleiert – hat das eine tiefere Bedeutung.

Dann ist es Karma…

Ich fragte natürlich zuvor um Erlaubnis. Meine Protagonisten sind aus Fleisch und Blut – und ich bin zudem mit ihnen befreundet.

Maria war entzückt.

Bei den beiden Erzengeln hielt sich die Begeisterung merklich in Grenzen. Als überzeugte Buddhisten in einer Geschichte mit dem Allmächtigen und seinen himmlischen Heerscharen verbraten zu werden, behagte ihnen nicht.

Sie gaben trotzdem ihr Einverständnis, was ich ihnen hoch anrechnete.

Ich fing also an zu schreiben – und amüsierte mich köstlich dabei!

Zumindest anfangs…

Denn mit der Zeit nahm das Projekt gewaltige Ausmaße an: Ich hatte sechs Wochen für das neue Blogthema veranschlagt. Es wurden fünf Monate daraus.

Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, wie alle wissen, die bis jetzt tapfer mitgelesen haben.

Das „Ups-Baby“, stellte sich im Laufe der letzten Wochen heraus, ist das Fragment eines Fantasy-Romans!

Weil ich mich unversehens von der Gattung „Blog-Text“ in die Gattung „Fantasy“ gebeamt hatte, wurde ich das erste Mal mit den Grenzen meines Blogs konfrontiert. Das Spielen mit verschiedenen Szenarien, das Ausarbeiten von Neben-Charakteren und parallelen Handlungssträngen – all das sprengte den Rahmen der Texte.

Deshalb gibt die Autorin hiermit ihre Kapitulation bekannt: Alle Engel, Teufel, Dämonen, Beschützer und Mamos müssen leider off line gehen.

Dort werden sie sich in ein Manuskript verwandeln.

Wenn ich damit fertig bin, werde ich es alle wissen lassen.

Der Blog wird wieder zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückkehren: Jeden zweiten Tag werde ich wieder getreulich von den „Grenzen des Ich“ erzählen.

Von Zen, Vajrayana und Tantra.

Von Meditation, heiligen Riten und spiritueller Praxis.

Die Reise in den Dharma geht weiter…

Transformation

Die Herrin der Mamos erscheint im Gästehaus des Mandala. Dort nimmt sie ihre neuen Zöglinge in Augenschein…

Beelzebub schluckte schwer. Mit angewidertem Gesicht stellte er seine Kaffeetasse ab und beugte sich zu Proserpina und Cabor, die ihm gegenüber saßen. „Das war eine Schnapsidee!“, stieß er mit unterdrückter Stimme hervor. „Das Frühstück ist ein Witz, die Pensionswirtin schlimmer als jede Dämonin und dann auch noch diese“ – er wies mit dem Kinn zum Tisch in der gegenüberliegenden Ecke des Speisesaales, an dem Suriyel, Uriel, Gabriel und Luzifer saßen – „Vollidioten! Wir hätten niemals hierher kommen sollen!“

„Du warst es, der total scharf darauf war, durch das Tor zu kommen!“ zischte Proserpina ihn an. „Dir konnte es nicht schnell genug gehen!“ Sie verstellte ihre Stimme: „Ich war mal ein Fruchtbarkeitsgott, lasst mich hier rein!“

„Halt´s Maul!“ Beelzebub drosch mit der Faust auf dem Tisch, dass der Teller mit dem angeschimmelten Käse ein paar Zentimeter in die Luft hüpfte. „Du warst es, die sich auf den Pakt eingelassen hat! ‚Transformation!‘ Ich habe keinen Bock auf ‚Transformation!‘ Was soll das überhaupt sein? Ich fand es gut in der Hölle! Ich will wieder heim!“

Die Tür zum Speisesaal schwang auf.

Herein watschelte die rothäutige, bis auf den Lendenschurz nackte, Wirtin mit den hängenden Brüsten und dem, wirr vom Kopf abstehenden, schwarzen Haar. In ihrer rechten Hand drehte sie rhythmisch eine kleine Stabtrommel. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Sie blieb – weiter die Trommel drehend – in der Mitte des Raumes stehen. Mit einer herrischen Geste ihrer linken Hand, forderte sie ihre Gäste auf, aufzustehen.

Beelzebub, Cabor, die Erzengel und Luzifer erhoben sich.

Proserpina verschränkte die Arme vor der Brust und blieb demonstrativ sitzen.

Schwere Schritte näherten sich.

Die Trommel verstummte.

„Hier kommt die ein-zopfige Mutter, die große Beschützerin, die mächtige Ekajati!“, quäkte die Wirtin des Gästehauses, bevor sie sich auf den Boden warf.

Durch die Tür schob sich eine mächtige Gestalt. Sie war von schwarzer Hautfarbe. Um die Hüften trug sie einen Lendenschurz aus dem Fell eines Tigers. Hals und Stirn waren mit Ketten aus Menschenschädeln geschmückt. Ein dicker blonder Zopf fiel ihren nackten Rücken hinab. Sie hatte lediglich eine Brust, die ihr bis zum Bauchnabel hing. Unter ihrer Nase ragte zwischen ihren Lippen ein spitzer langer Zahn hervor.

Ihr einziges – blutunterlaufenes – Auge, das in der Mitte ihrer Stirn saß, wanderte langsam durch den Raum und musterte jeden einzelnen der atemlos dort Stehenden eindringlich. Schließlich blieb ihr Blick an Proserpina hängen, die immer noch auf ihrem Stuhl saß. Blitzschnell hob sie den Arm und schleuderte das Katrika – ein kleines geschwungenes Messer – nach ihr. Mit einem satten „Plopp“ bohrte sich die scharfe Klinge genau über Proserpinas Scheitel in die dicken Holzbohlen der Wand.

Proserpina schnappte erschrocken nach Luft, rutschte vom Stuhl und sank am Boden auf die Knie.

Die anderen im Raum taten es ihr nach.

Ekajati, auch Mahacinatara genannt – die schwarze zornvolle Emanation der Tara – Herrin aller Mamos, mächtigste aller Beschützer des Mandala der Yeshe Walmo und weise Führerin zur höchsten Leerheitserfahrung, hatte sich im Gästehaus eingefunden, um ihre neuen Schützlinge in Empfang zu nehmen.

Im Herzen des Mandala

In der Stille des Palastes geht Maria ihren Verpflichtungen nach…

Maria durchquerte in der Morgensonne den Innenhof. Unter ihren Füßen knirschte Kies. In den Baumwipfeln zwitscherten Vögel. Der langezogene klagende Ruf des Pfaus, der vor dem Springbrunnen auf und ab schritt, übertönte das gleichmäßige Plätschern des fallenden Wassers.

Während sie, in jeder Hand einen Eimer tragend, dahinschritt, lauschte Maria den vertrauten Geräuschen – und der Stille.

In den ersten Tagen ihrer Anwesenheit war sie so überwältigt von Angst und Verwirrung gewesen, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Die Gerüche, Farben und Klänge, die sie in jedem Augenblick umgaben, erschienen ihr wie ein Fiebertraum. Nichts schien beständig. Es war, als gäbe es in dieser seltsamen Welt keinen Fixpunkt für ihre überreizten Sinne.

Die Nächte brachten keine Linderung. Auf ihrem harten Lager wurde sie von seltsamen Bildern und Phantasien gequält. Es war ihr nicht möglich, zwischen Wachzuständen und Träumen zu unterscheiden. War die zornvolle blaue Göttin wirklich mehrmals um Mitternacht in ihrer schmalen Kammer erschienen? Maria wusste an den darauffolgenden Morgen nicht zu sagen, ob Yeshe Walmo sie wirklich durch den Palast und die umliegenden Gärten geführt und ihr Anweisungen gegeben hatte, oder ob das alles nur wirre Phantasien ihres überspannten Geistes gewesen waren.

Trotz ihrer Konfusion und Zweifel erledigte sie tagsüber, was ihr des Nachts aufgetragen worden war. Etwas anderes blieb ihr nicht zu tun: Es gab niemanden, den sie fragen, oder der ihr etwas raten hätte können.

Abgesehen von den Vögeln in den Bäumen, dem Pfau im Innenhof und den Rehen und Kaninchen, die sie am frühen Morgen in Gärten sah, war Maria allein.

In dem riesigen Palast schien niemand zu leben, außer ihr.

Inzwischen war ihr die tiefe Ruhe, die sie in einem fort umgab, vertraut. Anfangs nur für Sekunden zwischen wirren Gedanken und Angstphantasien greifbar, schien es Maria nun, als würde sie durch die Stille schwimmen wie ein Fisch. Ihr kam es vor, als triebe sie fortwährend im klaren Wasser eines Sees.

Hatte sie anfangs noch mit sich selbst gesprochen – verzweifelt versucht, sich selbst zu erklären, was mit ihr geschehen war, sich ihrer Wut auf Uriel, den Allmächtigen und sämtlichen Kräften und Gewalten des Himmels, der Erde und der Hölle hingegeben – waren ihre Gedanken fast vollkommend verstummt.

Jeder Satz, den sie im Geiste an sich selbst richtete, ließ sie zusammenzucken. Jedes Wort, stellte sie zu ihrem Erstaunen fest, störte.

Denn diese Stille, die Anfangs nur im Außen war, war ein Teil von ihr. Tief in ihr – hatte sie zu ihrem vollkommenen Staunen festgestellt – gab es nichts außer Weite und Ruhe.

Maria stellte die beiden schweren Eimer auf dem Pflaster ab, stemmte die schwere Holztür auf, griff wieder nach ihrer schweren Last und schritt, sorgsam einen Fuß vor den anderen setzend, die steinerne Treppe in den Keller hinab.

Während ihre Schritte von den steinernen Wänden widerhallten, verschmolz sie vollends mit der Stille des Mandala.

Unverhofftes Wiedersehen

Uriel nimmt – in Begleitung Luzifers – Quartier im Gästehaus des Mandala. Dort trifft er zu seinem Erstaunen auf seine beiden Erzengel-Kollegen Gabriel und Suriyel.

„Das ist meines!“ Luzifer hatte sich an Uriel vorbei in das Zimmer mit der Nummer elf gedrängt und warf mit einer weit ausholenden Bewegung sein Jacket auf das schmale Bett unter dem Fenster.

Uriel verdrehte die Augen, während er seinen schweren Rucksack auf das schmale Bett an der Tür fallen ließ. Dass er gezwungen war, sich das Zimmer des Gästehauses mit Luzifer zu teilen, konnte nur ein Witz sein!

Der Zimmerkollege war schon im Badezimmer verschwunden. Dem Rauschen der Dusche lauschend, stand Uriel am Fenster und starrte hinaus. Dort draußen breitete sich eine sanfte Hügellandschaft in der Morgensonne aus. Auf einem kleinen See paddelten Enten. Ein schmaler Flußlauf führte direkt an der Grundstücksgrenze vorbei.

Irgendwo hier innerhalb der Grenzen des Mandalas der Yeshe Walmo musste sich Maria befinden.

Luzifer kam, sich das Hemd zuknöpfend, mit nassen Haaren aus dem Bad, zog sich sein Jacket wieder über und riss die Zimmertür auf. „Ich gehe Frühstücken! Kommst du mit?“

Während Uriel hinter ihm die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief, wunderte er sich über Luzifers Benehmen. Der schien sich weit weniger an Uriels Anwesenheit zu stören, als es umgekehrt der Fall war.

Uriel trat hinter Luzifer durch die Tür mit der Aufschrift „Speisesaal“ und schnappte verblüfft nach Luft: An einem Tisch in der anderen Ecke des großen, ansonsten leeren, Raumes saßen Suriyel und Gabriel! Beide hatten die Köpfe gehoben und starrten ihrerseits mit offenen Mündern zu ihnen.

„Ist das hier eine Erzengel-Konferenz? Welche Ehre, dass ich auch dazu eingeladen worden bin!“ Luzifer hatte sich als erstes erholt und tänzelnde mit breitem Lächeln quer durch den Raum zu den einzigen Gästen. „Ihr gestattet, dass wir uns zu euch setzen?“ Damit nahm er an einem der beiden noch freien Stühle Platz.

„Luzifer!“ Suriyel fixierte ihn über den Tisch hinweg. „Du komplettes Arschloch! Was hast du mit meinen Schutzengeln angestellt?“ Mit lautem Krachen schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.

Uriel legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Beruhige dich! Den Schutzengeln geht es gut! Der Idiot“, er warf Luzifer einen verächtlichen Blick zu, „ist wieder einmal auf der ganzen Linie gescheitert!“

Die Tür zum Speisesaal flog auf. Während Suriyel – weiter Luzifer mit mörderischem Blick ins Visier nehmend – wieder auf seinen Stuhl sank, watschelte ihre seltsame Wirtin herein. Wie bei ihrer Ankunft war sie, abgesehen von einem Lendenschurz, nackt. Ihre schweren Brüste ruhten auf einem großen Tablett, dass sie mit grimmigem Gesichtsausdruck vor sich her trug.

Ohne ihre Gäste eines Blickes zu würdigen, warf sie Geschirr und Besteck auf den Tisch, knallte noch einen Brotkorb, einen Teller mit Aufschnitt und eine Thermoskanne daneben und verschwand wieder.

Uriel ließ den Blick angeekelt über das altbackene Brot, die sich wellende Wurst und den von Schimmel überzogenen Käse gleiten. Der Kaffee war nur eine hellbraunen Brühe, stellte er fest, als er den Inhalt der Thermoskanne in seine Tasse kippte.

„Es gibt keine Milch“, erklärte ihm Gabriel, die seinen suchenden Blick richtig gedeutet hatte.

Seufzend griff er erst nach dem Brot und suchte anschließend mit spitzen Fingern Käsescheiben heraus, die einigermaßen schimmelfrei zu sein schienen. „Was soll man auch anderes erwarten von einem Gästehaus, dass von einer Mamo geführt wird?“

„Wieso ‚Mamo‘? Und wo sind wir hier überhaupt? Wir haben keine Ahnung, wie wir hierher gekommen sind und was wir hier sollen!“ Gabriel rang nach Luft.

„Das hier ist das Gästehaus im Mandala der Yeshe Walmo, der zornvollen weiblichen Emanation des Buddha. Ich hatte mir keinen anderen Rat gewusst, als sie in die Mühle zu rufen, um den Fluch dieses Idioten über die Schutzengel zu brechen!“ Uriel warf Luzifer einen vernichtenden Blick zu. „Die Yeshe ist während der Feuer-Puja auf der Terrasse der Mühle erschienen, hat die Schutzengel befreit – und ist samt Maria wieder verschwunden!“

Gabriel schnappte nach Luft: „Maria ist hier irgendwo?“

„Nehme ich an, ja.“ Uriel wiegte den Kopf. „Das ist zumindest das wahrscheinlichste: Dass Yeshe Walmo sie mit zu sich in ihr Mandala genommen hat. Obwohl ich von so etwas niemals zuvor gehört und gelesen habe. Aber die Yeshe wird auch eher selten angerufen, um alberne Machtspielchen von durchgeknallten Profilneurotikern zu beenden!“

Luzifer saß mit hochrotem Kopf am Tisch, starrte auf seinen Teller und schwieg.

„Und dann hast du uns gleich alle zusammen hierherbestellt? Du hättest uns vorher fragen können, ob wir das wollen!“ Gabriel konnte ihren Ärger nur mühsam unterdrücken.

„Ich habe hier überhaupt nichts gemacht! Ich wollte nach Nepal ins Bön-Kloster, den Abt um Hilfe bitten! Yeshe Walmo ist die höchste Göttin der Bön-Pos, ich dachte, er weiß eine Lösung. Aber auf dem Weg dahin hat mich auf einmal eine krasse Energie erwischt, ein extrem helles Licht – und auf einmal habe ich mich vor den Toren des Mandalas wiedergefunden. Gemeinsam mit dem da!“ Uriel wies mit dem Kinn auf Luzifer.

Der hob den Kopf: „Ich wollte ganz sicher nicht hierher kommen! Ich war gerade dabei das allererste Hochamt der Fliegen zu zelebrieren – nach 2.500 Jahren harter Arbeit – und dann machst du mir“, er spuckte vor Uriel auf den Boden aus, „alles zunichte! Du Diletant! Und was haben wir jetzt davon? Die Dämonen werden für immer die Herrschaft über die Hölle behalten und wir sitzen hier fest!“

„Ich weiß nicht, ob es die Hölle überhaupt noch gibt!“, schaltete sich Suriyel ein. „Während Gabriel und ich dort waren, gab es eine gewaltige Explosion. Die Energie war so stark, dass wir bis hierher geschleudert wurden, so wie es aussieht. Keine Ahnung, was aus den ganzen Teufeln und Dämonen geworden ist.“

Ihre Diskussion wurde von aufgeregtem Stimmengewirr unterbrochen, dass vom Flur in den Speisesaal drang. Sie hörten das aggressive Klagen der Mamo, das von einer energischen Frauenstimme übertönt wurde. „Nein! Wir wollen nicht zuerst in unser Zimmer! Wir wollen Frühstück! Wo ist der Speisesaal?“

Die Tür wurde aufgerissen. Uriel glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Herein trat die gefürchtete Dämonin Proserpina, dicht gefolgt vom gefallenen Engel Cabor, wie immer mit Zylinder und Gesichtsmaske. Der letzte der neuen Gäste musste sich bücken. Sein riesiger Kopf mit den Stierhörnern wäre sonst am Türrahmen hängen geblieben: es war der Dämon Beelzebub, stellte Uriel ungläubig fest.

Proserpina starrte ihrerseits auf die vier am Tisch Sitzenden. „Luzifer! Und dazu noch drei Erzengel! Was für eine Scheiße geht hier ab?“

Im Gästehaus

Gabriel und Suriyel finden Obdach in der Herberge des Mandala der Großen Göttin.

Hinter ihnen schloss der Wolfs-Wächter mit lautem Knall das hölzerne Tor.

Ohne den beiden Erzengeln, die er gerade eingelassen hatte, noch weiter Beachtung zu schenken, verschwand er in einem windschiefen Haus, das sich in den Schatten der großen Mauer duckte.

Gerade begann es zu dämmern. Das erste Morgenlicht fiel auf eine Ansiedlung von Holzhäusern, die rund um den großen Innenhof errichtet waren. Das Torwächter-Haus war das erste in der Reihe. Auf seinem Türposten prankte eine große Wolfsmaske.

Das Haus daneben war deutlich größer. Gabriel betrachtete fasziniert die riesige Maske eines Bullen, die über dem mächtigen Türstock hing und in der Morgensonne leuchtete. Sie schien aus Kupfer geschmiedet worden zu sein. Die beiden langen geschwungenen Hörner, die daran befestigt waren, reichten über die halbe Hausfront.

Suriyel riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte sich in Bewegung gesetzt, überquerte mit energischen Schritten den Innenhof und steuerte auf das Haus zu, das sich genau gegenüber dem Eingangstor befand. Stirnrunzelnd las Gabriel, was auf dem großen Schild geschrieben stand, das in seinem Vorgarten platziert war: „Gästehaus“.

Beschwingt rannte sie hinter Suriyel her: Hier schien es Frühstück und ein warmes Bett zu geben! Kein Wunder, dass er es auf einmal so eilig hatte!

Als sie neben ihm vor der Haustür zum Stehen kam, hatte er bereits geklopft. Kurz darauf erklangen schwere Schritte. Mit lautem Klacken drehte sich ein Schlüssel im Schloss, dann schwang die Türe auf.

Gabriel schnappte nach Luft: Vor ihnen stand eine alte Frau. Sie war – abgesehen von einem Lendenschurz – nackt. Ihre faltiger ausgemergelter Körper war rot. Schwere Brüste hingen bis zum Bauchnabel herab. Ihr schwarzes Haar stand in wirren Büscheln vom Kopf ab. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus Knochen und Schädeln. Um ihre Hüften hing ein dicker Lederbeutel.

Die Alte musterte sie aus kleinen bösen schwarzen Augen. „Was wollt ihr so früh am Morgen?“

Suriyel schien es die Sprache verschlagen zu haben.

Gabriel räusperte sich: „Frühstück und ein Bett. Oder ist das hier kein Gästehaus?“

Die Alte zog energisch den Rotz durch die Nase und spuckte den beiden Erzengeln vor die Füße. „Doch!“

Dann trat sie zur Seite und winkte sie herein. „Aber erwartet nicht zu viel! Hier gibt es nur das nötigste, damit das klar ist!“

Gabriel stolperte hinter Suriyel in den langen dunklen Flur. Die Alte schlufte zu einem Tresen, klaubte – dabei ununterbrochen vor sich hin schimpfend – einen Schlüssel vom Bord und knallte ihn auf die Ablage. „13“. Erster Stock rechts. Badezimmer im Flur. Ich will keine Klagen hören, verstanden?“

Damit schob sie sich hinter dem Tresen hervor und watschelte zu einer Tür am Ende des Flurs. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal zu ihnen um: „Frühstück in einer halben Stunde!“ knurrte sie in ihre Richtung, bevor sie verschwand.

„Wow!“ Suriyel griff nach dem Schlüssel. „Auf das Frühstück bin ich gespannt!“

Pakt

Proserpina, Beelzebub und Cabor lassen sich auf einen Pakt mit den Torwächtern des Mandala ein…

Der Nebel begann sich zu lichten! Schwer atmend erklomm Proserpina die letzten Meter des Steilhanges. Über der kargen Hochebene, die sich vor ihr ausbreitete, pfiff ein kalter Wind. Die befestigte Straße, der sie über Stunden gefolgt waren, führte direkt auf ein Tor zu, dass in eine hohe langgezogene Mauer eingelassen war.

Proserpina warf einen Blick zurück. Der Nebel lag wie eine dicke Decke über dem Tal. In seinen grauen Schwaden konnte sie einige Meter unter sich die schmalen Konturen des gefallenen Engels Cabors ausmachen, dicht gefolgt vom massigen Körper Beelzebubs .

Mit weit ausholenden Schritten nahm Cabor die letzte Steigung. Als er bei ihr angekommen war, lüftete er seinen Zylinder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ungemütliche Ecke.“ Er drehte sein, mit einer schwarzen Maske bedecktes, Gesicht und pfiff beim Anblick der Mauer anerkennend durch die Zähne. „Monströses Ding. Wer immer hier lebt, versteht sich darauf, Feinde fern zu halten. Wir können nur darauf hoffen, dass wir willkommen geheißen werden.“

Keuchend kam Beelzebub neben ihm zum Stehen. „Mich hält keiner auf! Ich habe Hunger und brauche ein Bett! Mach Platz!“ Der riesige Dämon schob Cabor grob zur Seite und eilte auf das verschlossene Holztor zu. Seine breiten Hufe knirschten im Straßenschotter.

„Beelzebub!“ Fluchend rannte Proserpina hinter ihm her. „Hör auf damit!“

Ungerührt drosch Beelzebub, den Kopf mit den langen spitzen Hörnern gesenkt, gegen das dicke Holz, dass es nur so dröhnte. Proserpina, die ebenfalls vor dem Tor angekommen war, versetzte ihm einen kräftigen Tritt gegen das Schienbein. Während sich hinter der Mauer schwere Schritte näherten, zischte sie ihm von unten zu: „Hör zu, du Idiot! Egal was passiert: Du hältst den Mund! Haben wir uns verstanden?“

Bevor Beelzebub antworten konnte, öffnete sich – begleitet vom leisen Quietschen der Scharniere – der linke Flügel des Tores. Auf der Höhe von Beelzebubs Brust schob sich eine schwarze Hundenase durch den Spalt, die laut vernehmlich Luft einsog. Ein tiefes Grollen drang zu ihnen. „Wer seid ihr?“ Die Nase zuckte nervös, während sie erneut vernehmlich schnüffelte. „Was wollt ihr im Mandala der Großen Mutter?“

„Wir sind müde Wanderer, die von ihrem Weg abgekommen sind und nichts weiter erbitten als eine Mahlzeit und ein Bett für die Nacht“, ließ sich Cabor vernehmen. Er postierte sich neben den beiden anderen, immer den Blick auf die große schwarze Nase gerichtet, die über seinem Kopf weiterhin nervös zuckte. „Ist es nicht guter Brauch, Verirrte zu verköstigen und ihnen Obdach zu gewähren?“

Begleitet von lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Die schwarze Gestalt, die breitbeinig den Durchgang versperrte, starrte sie aus blauen Wolfsaugen an. Sie zog knurrend die Lefzen hoch, zeigte ihre riesigen spitzen Zähne und stieß hervor: „Nur, wenn sie guten Willens sind! Ihr riecht nach Verderbnis! Woher kommt ihr und wer seid ihr? Sprecht!“

Beelzebub, der den Wolfsmenschen um mehr als einen Kopf überragte, lachte höhnisch auf: „Lass uns durch, du Missgeburt!“ Drohend zückte er sein Messer und ging drei Schritte auf den Wächter zu.

Proserpina trat kommentarlos zur Seite und überließ Beelzebub das Feld. Die Kräfteverhältnisse waren so eindeutig, dass man sich die Diskussion sparen konnte. Außerdem genoss sie es, wenn Kleinere und Schwächere litten. Das war einer der Gründe, warum sie sich vor langer Zeit für Beelzebub entschieden hatte: er konnte so wunderbar grausam sein!

Anstatt zurückzuweichen, senkte der Wolfswächter den Kopf, starrte dem Dämon in die Augen und knurrte: „Für diese Unverschämtheit wirst du bezahlen, Großmaul!“

Beelzebub lachte höhnisch auf: „Du willst uns aufhalten, Hundsfott? Du alleine gegen uns drei?“ Er hob drohend das Messer und machte einen weiteren Schritt auf den Wolfsmenschen zu. „Lass uns durch, oder ich schlitze dir den Bauch auf!“

Auf einmal schwang, begleitet von lautem Quietschen, der zweite Torflügel auf. Proserpina schnappte laut vernehmlich nach Luft und sprang erschrocken zur Seite. Im Durchgang stand eine riesige braune Gestalt, die den Wolfswächter um mehr als zwei Köpfe überragte. Das furchteinflössende Wesen senkte den riesigen Bullenkopf, den sie auf ihrem breiten muskulösen Menschenkörper trug, richtete die langen spitzen Hörner gegen Beelzebub und brüllte: „Ich schlitze dir den Bauch auf!“

„Moment, Moment!“ Cabor, der die Szene bis zum Auftauchen des Stiermenschen mit Genuß beobachtet hatte, schaltete sich ein. „Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis!“ Er wies auf Beelzebub, der immer noch – das Messer in der erhobenen Hand – wie festgefroren stand und mit offenem Mund auf den Stiermenschen starrte. „Unser Freund hier ist eine gute Seele, die niemandem etwas zu Leide tut!“ Er trat zu dem Dämon und zischte ihm zu: „Lass das Messer fallen!“ Der öffnete die Hand. Das Messer fiel, begleitet von einem hellen metallischen Klang, neben Beelzebubs Bein auf den Schotter.

„Er hat einfach nur Hunger!“ Cabor war wieder zu Proserpina getreten und deutete erneut auf Beelzebub. „Wenn er länger nichts gegessen hat, ist er immer etwas unleidig. Er wird sich für sein ungehobeltes Betragen entschuldigen! Nicht wahr, Kanzler?“

Beelzebub starrte weiter auf den Stiermenschen, der ihm gegenüber stand. Und ihm auf verblüffende Weise glich.

„Beelzebub! Entschuldige dich!“ Proserpinas schrille Stimme riss den Kanzler des Ordens der Fliege aus seiner Trance.

„Ja, gut. Tut mir leid!“ Der Dämon seufzte schwer. „Unter Brüdern soll man sich nicht streiten.“

Der Stiermensch schnaubte durch die Nüstern: „Ich kenne dich nicht, ‚Bruder!“ Er spuckte das letzte Wort geradezu aus. „Ich bin einer der zornvollen Wächter des Mandalas der Großen Mutter und gehorche ihren Gesetzen. Mit solchen wie dir habe ich nichts zu schaffen!“

Beelzebub starrte, den Kopf hin und her wiegend, auf den Boden. „Gerade fällt es mir ein: Vor langer Zeit war ich einmal ein Fruchtbarkeitsgott. Ich war der Gefährte der Großen Mutter!“ Er richtete sich auf und schlug sich an die Brust: „Wie konnte ich das nur vergessen! Du und ich“ er zeigte mit dem Finger auf den Wächter mit dem Bullenkopf „sind uns viel ähnlicher, als du denkst.“

„Und warum dienst du der Großen Mutter nicht mehr? Und wage es nicht zu lügen, es ist dir eingeschrieben, dass du dich von ihr abgewandt hast!“

„Mein Kult wurde ausgelöscht. Ich hatte nur die Wahl, mich dem Allmächtigen zu unterwerfen, oder Satan. Die Hölle war mir lieber.“

Der Stier-Wächter schnaubte auf: „Du bist ein Verräter! Und ein Feigling dazu!“

„Und obendrein noch ein Grossmaul!“, knurrte der Wolfswächter.

Beelzebub nickte ergeben: „In Dreiteufelsnamen! Es ist wie es ist! Ich kann es nicht mehr ändern. Früher war ich ein Fruchtbarkeitsgott und jetzt bin ich ein Dämon. Die Sache ist gelaufen. Wir“ – er wies auf seine beiden Begleiter – „sind verflucht für alle Zeiten!“

„Sagt wer?“ Der Wolfswächter runzelte fragend die Stirn.

„Sie!“ Beelzebub wies auf Proserpina. „Das sagt sie immer: Wir sind verflucht für alle Zeiten! Die Engel und Heiligen sind im Himmel, die Teufel und Dämonen sind in der Hölle. So lautet das Gesetz!“

„Das mag in eurer Welt gelten. Im Reich der Yeshe Walmo verhält es sich anders. In ihrem Mandala ist jeder willkommen, der ihre Gesetz anerkennt. Auch die zerstörerischen und zornvollen Kräfte werden hier geehrt und geachtet.“

Proserpina fragte mit belegter Stimme: „Das heißt, ihr wäret bereit, uns einzulassen und bei euch aufzunehmen?“

Der Wächter mit dem Bullenkopf nickte. „Unter der Bedingung, dass ihr euch dem Transformationsprozess unterzieht. Und ich warne euch: Der Weg ist lang und hart und wird euch an eure Grenzen bringen! Aber nur, wer sich dieser Reinigung unterwirft, findet Platz im Reich der Yeshe Walmo!“

Beelzebub, Proserpina und Cabor sahen einander an. Einer nach dem anderen nickte.

Proserpina sprach für alle drei: „Wir lassen uns auf den Handel ein. Es ist besser, als für alle Zeiten verflucht zu sein.“

Die beiden Wächter traten zur Seite und ließen die drei durch das Tor treten. Während sie die Flügeltüren verriegelten, flüsterte der Wolfsmensch dem Stiermenschen schmunzelnd ins Ohr: „Ekajati wird viel Spaß mit ihnen haben!“

Gebunden

Der Erzengel Uriel und Luzifer treffen vor dem Tor zum Mandala der zornvollen Göttin der Nacht aufeinander…

Uriel hob ein letztes Mal die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das mächtige hölzerne Tor. Das laute Pochen klang weithin über die Stille der Hochebene. Er lauschte: hatte sich hinter der Tür gerade etwas geregt?

Nein! Das Geräusch kam aus der anderen Richtung. Er drehte sich um. Zu seinem Erstaunen erkannte er eine Gestalt, die mit weit ausholenden Schritten auf der Straße, die vom Tal heraufführte, auf ihn zulief.

Der Fremde, der auf ihn zueilte, kam dem Erzengel vage vertraut vor. Uriel kniff die Augen zusammen. Der Andere trug einen schwarzen Anzug über dem weißen Hemd. Er war von großer schlanker Gestalt, das Haar dunkel. Auf seiner Stirn prankten zwei spitze Hörner.

Das war Luzifer!

Als sein ehemaliger Kollege vor ihm zum Stehen kam, hatte Uriel sich wieder gefasst. „Das nenne ich eine Überraschung.“

Luzifer schnappte nach Luft. „Uriel! Lange nicht gesehen! Wo kommst du denn her? Und wo sind wir hier überhaupt!“

„Gute Frage.“ Uriel hob erneut die Faust und schlug mit aller Kraft gegen das Holztor. „Scheint keiner da zu sein.“

In diesem Moment erklangen schwere Schritte hinter dem verschlossenen Durchgang. Ein Schlüssel wurde knirschend im Schloss gedreht. Begleitet vom Quietschen der rostigen Scharniere schwang einer der beiden Torflügel auf.

Uriel trat erschrocken einen Schritt zurück und rempelte dabei Luzifer an, der hinter ihm in Deckung gegangen war.

Vor ihnen stand ein riesiges schwarzes Wesen, dessen muskulöser menschlicher Körper von einem mächtigen Wolfskopf geziert wurde. Es starrte sie aus hellblauen Augen an. Dann ging es in die Knie, streckte den Hals und begann, Uriel von oben bis unten abzuschnüffeln. Danach schob es ihn mit einer entschiedenen Bewegung beiseite und wiederholte das selbe Procedere mit Luzifer.

„Nanana.“ Der Wolfsmensch wiegte nachdenklich den Kopf, während er sich wieder zu seiner vollen Höhe aufrichtete. Er starrte längere Zeit nachdenklich auf sie herab, bevor ein tiefes Grollen aus seiner Kehle erklang. „Ihr beide wollt also Einlass in das Mandala der großen Mutter?“

Uriel musste den Kopf in den Nacken legen, um dem Wächter in die Augen sehen zu können. „Ich habe nichts mit ihm zu tun.“ Er wies auf Luzifer. „Was aus ihm wird, ist mir einerlei. Ich bitte dich darum, das Mandala der Yeshe Walmo betreten zu dürfen.“

Der Wolfsmensch nickte. „Ich sehe, du bist einer, der weiß, womit er es zu tun hat.“

Er starrte wieder nachdenklich auf Uriel und Luzifer herab, bevor er ein weiteres Mal seine Stimme erhob. „Du weißt“, er wandte sich erneut an Uriel, „was zu tun ist, damit ich dir ohne weitere Fragen den Zutritt in das Mandala gewähre?“

Uriel nickte. „Ich muss dich bei deinem Namen rufen.“

Der Wolfswächter nickte. „So ist es. Kennst du ihn?“

„Selbstverständlich.“ Uriel sprach den Namen des zornvollen Wächters Yeshe Walmos laut aus.

Der Wolfsmensch nickte erneut. „So ist es. Aber wenn du meinen geheimen Namen kennst und um Yeshe Walmo weißt, dann hast du auch von ihren Gesetzen gehört: In dem Moment, in dem du dieses verbotene Wissen mit jemandem anderen teilst, gehst du einen karmischen Beziehung ein.“ Er wies mit der Schnauze auf Luzifer. „Der da hat von dir sowohl den Namen der Hüterin dieses Mandalas als auch den meinen erfahren. Ich lasse euch nun beide ein. Aber seid euch bewusst, dass ihr innerhalb seiner Mauern aneinander gebunden seid!“

Damit öffnete er das Tor.

Uriel schritt entschlossen hindurch. Luzifer schob sich hastig an dem riesigen Wächter vorbei und eilte hinter ihm her.

Der Wolfsmensch sah den beiden nach, wie sie auf dem Pfad, der in das Innere des Mandalas führte, veschwanden. „Und auch außerhalb dieser Mauern, so wie es aussieht…“, murmelte er vor sich hin, während er das Tor wieder schloß und den Schlüssel im Schloss drehte.

Entthront

Zu seiner großen Erleichterung gelangt der gefallene Erzengel Luzifer an eine Mauer und ein Tor…

Luzifer hastete durch den Nebel. Unter den Sohlen seiner Lacklederschuhe knirschte der Kies. Zu seiner grenzenlosen Erleichterung war er nach längerem Umherrirren auf eine befestigte Straße gestossen. Früher oder später musste sie ihn zu einer Behausung oder Markierung führen, die ihm verraten würde, wo er in Dreiteufelsnamen hingeraten war!

Im Dahinlaufen rief er sich das Zusammentreffen mit Beelzebub und Cabor im Ätherraum ins Gedächtnis. Ihre erschrockenen Gesichter, als er die Tür aufriss. Den vor Wut schäumenden Beelzebub, wie der auf Cabor einschlug.

Und dann die Explosion. Das Licht!

Luzifers Körper war von einer unbeschreiblichen Kraft durchdrungen und regelrecht gesprengt worden. Er war sich in diesem Moment sicher gewesen, zu sterben.

Stattdessen hatte er sich in seiner gewohnten teuflischen Gestalt in einer Steinwüste wiedergefunden. Umgeben von dichtem Nebel. Und völlig allein.

Luzifer schätzte es nicht allein zu sein. Wenn er ehrlich zu sich war, machte es ihm Angst.

Und er hasste es, keinen Überblick zu haben. Keine Kontrolle!

Üblicherweise war er es, der die Spielregeln bestimmte. Wer immer mit ihm zu tun hatte, war seinen teuflischen Plänen ausgeliefert. Seinen Kontrahenten blieb nur, zu reagieren.

So war es schon immer gewesen, so würde es bis an das Ende aller Tage sein. Davon war er zumindest bisher immer ausgegangen.

Aber irgendeine unbeschreibliche Kraft, die selbst der Allmacht Gottes überlegen zu sein schien, hatte ihn enttrohnt.

Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit, das ihn überschwemmte, war nicht auszuhalten! Verzweifelt knirschte er mit den Zähnen.

Von Angst geschüttelt, beschleunigte Luzifer seine Schritte. Irgendwo an dieser Straße musste eine Behausung auftauchen. Leben!

Es ging aufwärts. Luzifer schritt weiter energisch aus. Nur weg von hier!

Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Der Brioni-Anzug klebte an seinem Rücken. Das einzige, was er hörte, war sein eigener gepresster Atem.

Da! Der Nebel wurde mit jedem Schritt lichter! Vor ihm tat sich eine Hochebene auf.

In der Ferne entdeckte er eine riesige graue Mauer. Die Straße, auf der er lief, führte auf ein Tor darin zu.

Vor diesem Zugang stand ein lebendes Wesen, das einen großen Rucksack über den Schultern zu tragen schien. Gerade in diesem Moment klopfte der Fremde an das Tor. Sein lautes Pochen klang unnatürlich laut über die Hochebene.

Luzifer stöhnte erleichtert auf und begann zu rennen.

Im Palast

Maria ist in die Dienste der zornvollen Göttin der Nacht getreten und erfüllt gehorsam die Aufgabe, die ihr übertragen wurde…

Mit lautem Krachen fiel das schwere Holztor hinter Maria ins Schloss. Sie trat unter den Arkaden hervor in die warme Morgensonne und überquerte – in jeder Hand einen Eimer haltend – den großen Innenhof.

Ein Schwarm leuchtend roter Vögel flog bei ihrem Anblick erschrocken auf und schwirrte unter lautem „schip schip“ auf eine der großen Palmen, die ihre Schatten über die Dächer des Palastes der Yeshe Walmo warfen.

Vor dem monoton plätschernden Springbrunnen in der Mitte des Innenhofs stolzierte ein prächtiger Pfau. Seine langgezogenen klagenden Rufe begleiteten Maria, als sie – auf der gegenüberliegenden Seite der Freifläche angekommen – einen Durchgang betrat und auf den ausgetretenen Steinstufen den Weg in die Tiefe nahm.

Fackeln steckten in den gemauerten Wänden. Sie erleuchteten die breite Treppe und den unterirdischen Saal, der sich vor Maria auftat.

Auf den beiden Längsseiten des riesigen Raumes standen unter dem, von Säulen gestützten, Deckengewölbe in regelmäßigen Abständen je vier große schwarze Amphoren. An der Stirnseite befand sich eine weitere der großen dunklen Vasen.

Maria stellte die beiden schweren hölzernen Eimer ab. Die Metallgriffe hatten sich tief in ihre Handflächen eingegraben. In dem einen Behältnis, das nun zu ihrer Rechten stand, befanden sich gewöhnliche helle Kiesel. Der andere, den sie in ihrer Linken getragen hatte, war mit Steine gefüllt, die von weißer, rötlicher, blauer und grüner Farbe waren.

Wie jeden Morgen hatte Maria den Palast zu Beginn der Dämmerung verlassen. Als die ersten Sonnenstrahlen auf die Wiesen und Gärten des Mandala fielen, war Maria – in jeder Hand einen Eimer – den gewohnten Weg gegangen, so wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte. An jeder der heiligen Stätten, die sie passierte, sammelte sie farbige Steine ein, die in Pyramiden davor aufgehäuft waren. Am Ufer des Flusses, der – von klarem Wasser gespeist – das Mandala durchquerte, füllte sie den anderen Eimer mit Kieseln.

Maria zog eine Fackel aus der eiserner Halterung und schritt, die zuckende Flamme in der erhobenen Hand, an eine große Metallschale, die sich in der Mitte des unterirdischen Saales befand. Das geheime Mantra der zornvollen Göttin rezitierend, entzündete sie das Holz, das sorgfältig aufgeschichtet in der Mulde lag.

Weiter unaufhörlich das Mantra rezitierend stand sie – die flackernde Fackel in der Hand – und beobachtete, wie die kleine Flamme sich von den Spänen nährte, rauchend wuchs, bis die großen Holzscheite Feuer fingen. Lodernde Feuerzungen begannen zum Knistern und Knacken des Feuers zu tanzen.

Nachdem sie die Fackel wieder zurück in die Halterung gesteckt hatte, begann Maria mit ihrer Arbeit.

Wie jeden Tag war es an ihr, die neun Amphoren zu füllen.

Sie beugte sich über die Eimer und nahm einen Kiesel in ihre rechte Hand und einen der bunten Steine in ihre Linke. Maria richtete sich auf, strich sich das lange dunkle Haar aus dem Gesicht und wanderte, in jeder ihrer Handflächen die glatte kalte Oberfläche und die Härte der Steine spürend, die Augen halb geschlossen, im Kreis durch den großen Raum. Alles was sie hörte, war ihr eigener tiefer Atem.

Schließlich blieb sie vor einer der Amphoren in der Mitte der linken Raumseite stehen. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um – den linken Arm nach oben ausgestreckt – einen bläulich leuchtenden Stein in das Gefäß zu werfen. Aus seiner Tiefe erklang ein dumpfes „Klong“ als dieser auf den Boden aufschlug.

Danach durchquerte Maria den Saal und warf den hellen Kiesel in die Amphore, die der anderen gegenüber lag. Wieder erklang das dumpfe Geräusch, als der Kiesel auf dem Grund des Gefäßes zu liegen kam.

Maria kehrte zu den beiden Eimern zurück, griff sich erneut mit ihrer rechten Hand einen Kiesel, mit ihrer Linken einen bunten Stein. Danach nahm sie ihre konzentrierte Wanderung durch den Saal wieder auf, kam nach ein paar Minuten vor einer anderen Amphore zum stehen, warf den bunten Stein in diese und den grauen Kiesel in ein anderes Gefäß.

So wie Yeshe Walmo es sie gelehrt hatte.

Das tat sie, bis sich kein einziger Kiesel und kein einziger Stein mehr in den beiden Eimern befanden.

Das Feuer in der Metallschale war längst niedergebrannt. Müde schleppte sich Maria, die beiden leeren Eimer tragend, die breite Treppe hoch.

Über dem großen Innenhof hing die Abenddämmerung. Aus einem der prächtigen Gärten des Palastes der Yeshe Walmo klang der langgezogene klagende Ruf eines Pfaus zu ihr.

Maria wusste nicht, wie lange sie bereits in den Diensten der großen Mutter stand. Es war ihr, als hätte sie Zeit ihrer Existenz nie etwas anderes getan, als Steine und Kiesel zu sammeln und zu verteilen.

Auf dass, dem Willen der Yeshe Walmo folgend, das Gesetz der wechselseitigen Abhängigkeiten im Universum wirken konnte.

Vor den Mauern des Mandala

Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel gelangen an das Mandala der zornvollen Göttin der Nacht und treffen auf einen Torwächter…

Sie standen vor einer hohen Mauer. Darüber spannte sich ein – von unzähligen Sternen erleuchteter – Nachthimmel.

Eine gefühlte Ewigkeit waren sie zuvor in dichtem Nebel auf dem Pfad unterwegs gewesen. Er hatte sie durch eine verkarstete Hügellandschaft zu einem ausgetrockneten Flussbett geführt. An dessen steinernem Ufer ging es von nun an flussaufwärts. Die Steigung, zu Beginn kaum wahrnehmbar, war mit der Zeit stärker und stärker geworden. Schließlich hatte der Weg sie – immer den Spuren des Wassers folgend, das sich einst durch die Felsen gegraben hatte – über einen Berghang auf eine Hochebene gebracht.

Und vor die Mauer.

Gabriel warf eine Blick zurück. Nur wenige Meter unter ihnen lag der Nebel wie eine dicke weiße Decke über dem Tal. Es war eiskalt. Kein Laut war zu hören.

Suriyel hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in den Nachthimmel. Gabriel tat es ihm nach. Über ihnen erstreckte sich das, von unzähligen Sterne erleuchtete, Firmament.

„Kein Mond. Und kein Sternbild, das ich kennen würde. Wir scheinen in einer anderen Galaxie zu sein.“ Suriyel zog sich die Stirnlampe vom Kopf und schaltete sie aus.

Gabriel beschloss, diesem Gedanken keine weitere Energie zu schenken. Er war zu beängstigend!

„Irgendwo muss es einen Durchgang geben.“ Damit drehte sich Suriyel um und begann, am Fuße der Mauer entlang zu laufen. Die Zähne zusammengebissen, eilte Gabriel hinter ihm her.

Während sie Suriyel folgte, spürte Gabriel die seltsame Energie der Mauer. Sie war alt. Uralt. Viel älter, als sie selbst und Suryiel. Und beide waren sie vor 4000 Jahren vom Allmächtigen erschaffen worden. Im Vergleich zu der Zeit, die diese Mauer überdauert hatte, erschien ihr die eigene Existenz mit einem Mal nichtig.

Suriyel blieb so abrupt stehen, dass Gabriel beinahe in ihn hineingelaufen wäre. „Da vorne ist ein Tor!“

Richtig! Aus den Tiefen des, von Nebel bedeckten, Tales führte ein breiter Weg auf die Hochebene und zu einem Durchgang in der Mauer.

Suriyel trat auf die Straße und schritt darauf zu. Ein hohes Tor versperrte den Weg. Suryiel machte davor halt. Nach kurzem Zögern hob er die Hand. Seine Fingerknöchel schlugen gegen das raue Holz. Unnatürlich laut schallte sein Klopfen durch die vollkommene Stille, die über der Hochebene lag.

Gabriel stand mit angehaltenem Atem neben ihm. Kein Laut drang durch das Tor zu ihnen. Gerade als sie dachte, niemand hätte Suriyels Bitte um Einlass gehört, bewegte sich mit einem Mal einer der beiden Torflügel. Begleitet von schrillem Quietschen schwang er einige Zentimeter auf. Auf der Höhe von Suriyels Stirn schob sich eine große schwarze Nase durch den Spalt, die zuckend und laut vernehmlich seinen Geruch einsog.

Ein tiefes Grollen drang durch den Türspalt zu ihnen. „Wer ist es, der Einlass in das Mandala der großen Göttin begehrt?“

Gabriel starrte fassungslos auf die seltsame Nase. Hinter dem Tor schien sich ein riesiger Hund zu befinden. Der noch dazu sprechen konnte! Und der eine große Göttin bewachte! Die in einem ‚Mandala‘ zu leben schien! Was immer das sein sollte? Alles um sie drehte sich.

Sollte Suryiel ebenso verwirrt sein, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. „Wir sind zwei Erzengel.“

Mit lautem Quietschen schwang der Torflügel auf. Gabriel schnappte erschrocken nach Luft. Das Wesen, dass mit einem Mal vor ihnen stand, hatte einen menschlichen Körper. Auf seinen Schultern saß ein Wolfskopf. Das riesige Geschöpf war von schwarzer Farbe. Seine Augen, mit denen es die beiden Erzengel musterte, waren von strahlendem Blau.

Der seltsame Wolfsmensch runzelte bei ihrem Anblick verwirrt die Stirn. Er trat einen Schritt näher an sie heran und begann, erst Suriyel und danach Gabriel von oben bis unten zu beschnüffeln. Danach trat er wieder zurück und schüttelte, sie weiter eingehend betrachtend, den riesigen Wolfskopf: „Warum sprichst du von dir selbst als ‚Erzengel‘? Du bist doch wohl ganz offensichtlich ein Daka und das“, er wies mit seiner Schnauze zu Gabriel, „ist eindeutig eine Dakini!“

Gabriel war so verblüfft, dass sie ihre Angst vergaß. „Was, bitte, ist eine ‚Dakini‘?

Das heulende Lachen des Wolfs hallte schaurig von der Mauer wieder. „Du! Du bist eine Dakini! Kannst du fliegen?“

Gabriel nickte. „Ja klar! Ich bin ein Engel!“

Der Wolf nickte. „Überbringst du den Menschen Botschaften? Hilfst du ihnen in der Not? Zeigst du ihnen den Weg, wenn sie sich verirrt haben? Teilst du deine Visionen mit ihnen?“

Gabriel nickte wieder. „Genau das ist meine Job.“

Der Wolf grinste zufrieden. „Willkommen im Mandala der großen Mutter!“ Mit einer weit ausholenden Bewegung winkte er Gabriel herein. Die trat zögernd durch das Tor.

Suriyel wollte ihr folgen. Der Wolfsmensch streckte den Arm aus und hielt ihn zurück. „Halt! Was ist deine Funktion? Bringst du Visionen und führst?“

Der Erzengel schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass alle Engel die göttlichen Gebote achten.“

„Die Gebote der großen Mutter?“

„Die Gebote Gottes.“

Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle des Wolfs. „Dann geh! Du hast hier nichts verloren! Hier beginnt das Reich der Yeshe Walmo! Nur sie bestimmt über Leben und Tod!“

Gabriel versuchte, an dem Wolfsmenschen vorbei wieder vor das Tor und zu Suriyel zu kommen. Ohne ihn wollte sie auf keinen Fall in diesem seltsamen Mandala bleiben! Vergebens. Der Wolf versperrte ihr mit seinem massigen Körper den Durchgang.

„Suriyel, sag ihm, dass du auch fliegen kannst! Und natürlich kannst du auch Wunder wirken! Du bist ein Erzengel, verdammt noch mal!“

Sie wandte sich an den Wolf: „Das mit den Regeln meint er nicht ernst! Du hast ja selbst gesagt, er wäre ein Daka!“

Hinter dem Rücken des Wolfs rief sie in Richtung Suriyel: „Jetzt sag ihm doch, dass du die Gesetze von dieser Yeshe Walmo akzeptierst! Du kannst mich auf keinen Fall alleine lassen!“ Im Stillen verfluchte sie Suriyels Sturheit. Der brachte es fertig, und bestand selbst in einer anderen Galaxie und vor einem Wolfsmenschen darauf, dass nur seine Regeln die richtigen waren!

Durch den Spalt zwischen dem muskulösen Arm und dem mächten Körper des Wolfsmenschen gelang es ihr, einen Blick auf Suriyel zu werfen. Der schien konzentriert nachzudenken. Schließlich nickte er ergeben. „Ja, gut. Ich unterwerfe mich den Gesetzen von…“ er zögerte, holte tief Luft und spuckte den Namen geradzu aus, „Yeshe Walmo“.

Der Wolfsmensch wiegte den Kopf. „Das ist leichter gesagt, als getan. Was gibst du mir als Beweis für deine Treue zur großen Göttin?“

Suriyel sah an sich hinunter. Den Beutel mit seinen Utensilien hatte er beim Sturz in die Tiefe verloren. Das einzige, was er noch besaß, war die Stirnlampe, die er in der linken Hand hielt. Er streckte sie dem Torwächter entgegen. „Etwas anderes habe ich nicht.“

Der Torwächter betrachtete interessiert die Lampe. „Was ist das?“

Suriyel stülpte sie sich über den Kopf und schaltete sie an. „Man trägt sie so. Sie spendet Licht.“

„Gib sie mir!“ Die Stimme des Wolfs bebte vor Gier. „Ich will das Licht haben!“

Suriyel streifte die Bänder vom Kopf. „Lass mich durch. Dann gebe ich sie dir.“

Der Wolfsmensch trat einen Schritt zur Seite. Suriyel schob sich an ihm vorbei und drückte ihm dabei die Stirnlampe in die Hand.

Gabriel atmete erleichtert auf. Sie waren beide im Mandala der Yeshe Walmo!

Wer immer das auch sein mochte…

Im Niemandsland

Auf der Suche nach Maria findet sich Erzengel Uriel, anstatt in Nepal, in einer seltsamen Welt wieder…

Es war kalt. Um ihn war dichter Nebel. Aus der Ferne drangen seltsam klagende Laute zu ihm.

Uriel sah sich verwirrt um. Vor ein paar Minuten hatte er sich auf der Landstraße vor der alten Mühle dematerialisiert. Mit dem Ziel, am Fuße des Bön-Klosters in Nepal wieder Form anzunehmen.

Dort hatte Uriel den Kenpho – den Abt des Klosters – um Rat fragen wollen. Der war einer der Linienhalter des Bön. Deshalb wusste er um die Geheimnisse Yeshe Walmos. Jener zornvollen weiblichen Emanation des Buddha, die Uriel in die Mühle gerufen hatte, auf das sie die Schutzengel Friedrichhains von ihrem Fluch befreien möge.

Uriel hatte von Anfang an gewusst, dass es mit erhebliche Risiken einher ging, ausgerechnet Yeshe Walmo zu rufen. Sie war die mächtigste aller zornvollen Gottheiten. Kein Mensch – mochte er noch so mächtig und bewandert in der Kunst des Tantra sein – konnte ihr befehlen. Sie gab und nahm nach den Gesetzen des Lebens und des Todes. Menschliches Begehren war für sie bedeutungslos.

Aber alle anderen Mächte wären nicht stark genug gewesen, den Fluch Luzifers zu brechen.

Yeshe Walmo war Uriels Ruf gefolgt, hatte die Fesseln des Bösen gesprengt, das die Schutzengel gebunden hatte – und war mit Maria wieder verschwunden.

Wenn Uriel gewusst hätte, dass er DIESEN Preis würde zahlen müssen, hätte er sich niemals auf den Handel eingelassen! Nichts war so kostbar für ihn, wie Maria!

Aber was geschehen war, war geschehen. Deshalb hatte Uriel in fliegender Hast die Mühle hinter sich gelassen, um den Rat des Kenpho zu suchen. Der, so seine Hoffnung, würde Mittel und Wege kennen, um Maria wieder zurück zu bringen.

Stattdessen war der Erzengel, Sekunden nach dem er sich dematerialisiert hatte – den Fokus fest auf Nepal und das alte Kloster am Fuße des Himalajas gerichtet – von einer gewaltigen Detonation getroffen worden! Strahlendes Licht hatte seine fragile – nur aus Energie bestehende – Struktur durchdrungen, ihn aus seiner Bahn geschleudert und an diesem seltsamen Ort, der nur aus dichtem Nebel zu bestehen schien, wieder Form werden lassen.

Uriel senkte den Blick. Er stand auf einem schmalen Pfad. Zwischen, von Moosen und Flechten überzogenen, grauen Felsen führte er in den dichten Nebel hinein. Der Erzengel zog die Riemen des schweren Rucksacks, den er immer noch über den Schultern trug, enger und machte sich auf den Weg.

Im Nebel

Die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel finden sich nach ihrem Sturz in die Tiefe an einem unheimlichen Ort wieder…

Sie stürzten kopfüber in die vollkommene Dunkelheit. Sie fielen und fielen. Zeit und Raum waren bedeutungslos geworden.

Auf einmal war da ein gleißendes Licht. Es jagte über sie hinweg, durch sie hindurch, löschte sie aus.

Das einzige, das Gabriel spürte, war Suryiels eiserner Griff, mit dem er ihr Handgelenk umklammerte.

Sie standen auf festem Grund. Um sie waren Kälte und Dunkelheit.

Suriyel drehte den Kopf. Das Licht seiner Stirnlampe, die wie durch ein Wunder den Sturz überstanden hatte, tanzte im Kreis und ließ die dichten Nebelschwaden um sie weiß aufleuchten.

„Wo sind wir?“ Gabriel klapperte vor Angst mit den Zähnen.

„Ich glaube nicht, dass wir noch unter der Erde sind.“ Suriyel sah sich weiter prüfend um.

„Aber wir sind eine Ewigkeit in die Tiefe gestürzt!“

„Ja. Erst ging es abwärts. Seltsam, dass wir nicht fliegen konnten. Aber dann war da irgendwo weit über uns diese wahnsinnige Detonation. Es klang, als wäre die komplette Hölle gesprengt worden. Die Druckwelle muss uns irgendwie an die Oberfläche geschleudert haben.“

„Ich habe nicht gespürt, dass es nach oben ging. Es hat sich angefühlt, als würde ich mich auflösen!“ Gabriel schlotterte bei der Erinnerung daran. „Da war nur noch weißes Licht!“

„Ja, das war seltsam.“ Suriyel machte zögernd ein paar Schritte in die Dunkelheit hinein und zog sie dabei, immer noch ihren Arm haltend, hinter sich her. Mit der Stirnlampe leuchtete er den Boden ab. Der Lichtkegel strich über graues Gestein, das von Moosen und Flechten überwuchert war.

„Hörst du das auch?“ Gabriel hielt den Atem an. Ihr war, als würden hinter den Nebelschwaden Stimmen wispern. War da nicht ein tiefes Seufzen, gefolgt von langezogenen Klagelauten? Oder spielten ihre Sinne verrückt?

„Ich will sofort weg von hier!“ Sie wusste, dass sie hysterisch klang.

„Kannst du dich dematerialisieren?“

„Nein!“

„Ich auch nicht.“ Suriyel umklammerte ihren Arm fester und schritt schneller aus.

Im Licht seiner Stirnlampe begannen die Nebelschwaden zu tanzen. Während Gabriel hinter ihm her stolperte, schien ihr, die grauen Fetzen würden lebendig werden. Sie glaubte, Gesichter zu erkennen, verzerrte Fratzen mit weit aufgerissenen Mündern. Lange Arme, die sich nach ihnen ausstreckten. Hände, deren Finger wie Krallen gekrümmt waren und nach ihnen griffen. „Da sind lauter Gespenster!“

„Das ist einfach nur Nebel. Wir sind auf einem Weg.“ Suriel ließ den Strahl der Stirnlampe nach vorne wandern.

Richtig. Sie standen auf einem schmalen Pfad.

„Besser als nichts.“ Er leuchtete erst in die eine, dann in die andere Richtung. Irgendwo hinter ihnen erklang wieder ein langgezogener Klagelaut. „Wir gehen da lang!“ Er wies nach vorne. „Bleib dicht hinter mir!“

Er ließ ihren Arm los und ging voran. Gabriel hastete hinter ihm her.

Explosion

Proserpina sprengt Luzifers Äther-Speicher und löst eine energetische Kettenreaktion aus…

Proserpina schwebte.

Das Gefühl vollkommener Leichtigkeit war überwältigend. Noch nie zuvor in den 2500 Jahren ihrer Existenz hatte sie sich so unbeschwert gefühlt.

Alles, was sie gebunden hatte, war von ihr abgefallen. Verdampft, verglüht…

Um sie gab es weder Raum noch Zeit. Sie war in der Unendlichkeit angekommen.

In der Leere.

Im Frieden.

Aber, halt!

Töne drangen zu ihr. Sie kamen aus weiter Ferne.

Einer anderen Galaxie?

Einer anderen Realität?

Die Töne wandelten sich zu Lauten. Die Laute wurden zu Worten. Die Worte geronnen zu Sätzen.

Stimmen!

Sie hörte zwei verschiedene Stimmen!

Die wild tosende Sturmflut ihrer Emotionen durchbrach den Damm der unendlichen Leerheit.

Hass!

Liebe!

Und plötzlich: Licht!

Alles war nur noch Licht!

Mit einer gewaltigen Explosion wurde Prosperina in die Unendlichkeit geschleudert.

Konfrontation

Luzifer trifft in seinem Äther-Apparat auf einen ungebetenen Gast und eine verstörende Erscheinung…

Nekael verließ den Saal. Mit einem Besen in der Hand trat er kurz darauf wieder ein und begann, die Scherben des Schraubglases zusammenzukehren, die immer noch auf dem weißen Marmorboden verstreut lagen.

Arakiel sortiere hinter dem Tresen leere Flaschen. Nach dem plötzliche Verschwinden der Seelenfliegen hatten die Gäste ihre Wut in Alkohol ertränkt.

Während Luzifer am Kamin stand und in die Reste des erloschenen Feuers starrte, lauschte er dem leisen Klingeln der Glasflaschen. Er stand immer noch unter Schock. Gedankenverloren strich er mit dem Finger über seine Wange. Die Schnittwunde, die er sich durch das explodierende Glas zugezogen hatte, blutete weiterhin. Er würde eine Narbe davontragen. Er war gezeichnet!

Was nicht unpassend war. Die letzte Niederlage dieser Dimension lag 2.500 Jahre zurück. Damals war er nach seinem missglückten Aufstand gegen den Allmächtigen aus dem Himmel geworfen und in die Hölle verbannt worden. Er hatte gedacht, er könne die Schmach tilgen.

Stattdessen war er ein weiteres Mal gescheitert.

„Reiß dich zusammen!“, herrschte er sich innerlich an. „Jammern ist keine Lösung! Du musst herausfinden, was geschehen ist!“

Luzifer gab sich einen Ruck. Er eilte zur Garderobe, zog sein Jacket über, kontrollierte, ob sein Schlüsselbund in der Tasche steckte und eilte aus dem Saal.

Mit einem leisen schabenden Geräusch öffnete sich die Aufzugtür und offenbarte Dunkelheit. Die schwarzen Wände des Vorraums im Kellergeschoss von Luzifers Höllenareal, absorbierten das schwache Licht der Notbeleuchtung fast vollständig.

Luzifer trat aus der Aufzugkabine und eilte an die gegenüberliegende Ecke des Raumes. Dort kniete er nieder und drückte auf die Wandleiste. Vor ihm schwang eine schmale Tür auf.

Das Licht von Luzifers Taschenlampe ließ den schwarzen Stein des Tunnelschachts glänzen. Vor dem Raum angekommen, in dem sich sein magischer Äther-Apparat befand, machte halt. Er drehte den Schlüssel im Schloss und riss die schwere Metalltür auf.

Im nachtschwarzen Raum erkannte Luzifer die Umrisse zweier Gestalten, die sich erschrocken zu ihm umgedreht hatten. Ohne Zweifel: Das waren Beelzebub und Cabor! Was trieben die in seinem Äther-Labor?

Mit einem großen Schritt trat Luzifer ein und warf die Tür mit einem lauten Krachen hinter sich zu. Der riesige Dämon mit dem Stierkopf und der schmale gefallene Engel mit der Gesichtsmaske unter dem hohen Zylinder rangen sichtlich um Fassung.

„Was habt ihr hier zu suchen? Und wie seit ihr hier überhaupt reingekommen? Es gibt nur einen Schlüssel!“ Luzifer glühte vor Wut. Seine Angst vor Beelzebub hatte er vollkommend vergessen. Der Kanzler des Ordens der Fliege steckte also hinter der ganzen Sache! Das hätte er sich denken können!

Beelzebub setzte einen blasierten Gesichtsaudruck auf. „Wir wollten uns einfach mal umsehen. Die Gerüchteküche kocht, wilde Geschichten gehen rum. Du möchtest dem Orden der Fliege Konkurrenz machen, heißt es?“ Er wies mit dem Kinn auf die weißen Lichtreflexe, die um sie im Raum tanzten. „Damit? Sind das deine Seelenfliegen? Hüsch! Sehr dekorativ, deine … Fliegen.“ Er brach in hämisches Gelächter aus.

Luzifer starrte ihm kalt in die Augen. „Du bist ein Idiot, Beelzebub. Deine Dämonen-Regeln interessieren niemanden mehr. Weder in der Hölle, noch auf der Erde! Deine Zeit als Kanzler der Fliege ist abgelaufen!“

Beelzebub hob in gespieltem Erstaunen die Augenbrauen. „Das wäre mir neu. Aber wenn du das sagst…“

Luzifer nickte in Richtung des schmalen Mannes mit der Maske. „Cabor weiß es auch. Deshalb hat er dich hierhergebracht. Er wollte dich reinlegen, Beelzebub!“

Er wandte sich dem gefallenen Engel zu: „Nicht wahr, Cabor? Du bist der einzige gefallene Engel, der Zugang zu den Seelenfliegen des Ordens hat. Was für ein Machtgewinn! Und deine Schlussfolgerung daraus: Du möchtest Kanzler des Ordens der Fliege werden.“

Cabor öffnete den Mund. Luzifer unterbrach ihn: „Schweig! Hältst du mich für einen Idioten? Ich weiß schon länger, dass du ein doppeltes Spiel spielst!“

Der gefallene Engel wandte sich an Beelzebub. „Er lügt, Kanzler! Niemals hätte ich daran gedacht, euch euren Posten streitig zu machen! Ich bin dem Orden immer treu ergeben gewesen!“

Luzifer lachte auf: „Lass dir nichts einreden, Beelzebub! Erst hat er dir deine Dämonin weg genommen und jetzt will er deine Macht und deinen Titel! Wie fickt es sich mit Proserpina, Cabor?“

Brüllend vor Wut stürzte sich Beelzebub auf den gefallenen Engel. Luzifer konnte gerade noch ausweichen. Mit Genuss beobachtete er, wie der riesige Dämon auf den schmalen Cabor einprügelte, der verzweifelt versuchte, sich gegen die wüsten Schläge und Tritte des Kanzlers der Fliegen zu verteidigen .

Auf einmal tauchte ein ein rotes Lichtteilchen zwischen all den weißen auf, schwebte an Luzifer vorbei und begann, um die beiden miteinander Ringenden zu tanzen. Er starrte ihm verblüfft hinterher.

Wo kam das her? Alle Lichtteilchen, die er aus dem Äther der Schutzengel Friedrichhains gewonnen hatte, waren weiß gewesen! Was ging hier vor?

Aufbruch

Erzengel Uriel lässt die Schutzengel Friedrichhains in der alten Mühle zurück und macht sich auf die Suche nach Maria…

Uriel schoss, die Statue der Yeshe Walmo unter dem Arm und einen Rucksack über die Schulter geworfen, aus seinem Wohnzimmer. Er rannte über den Flur und steuerte die Treppe zum Dachstuhl an.

Fluchend kam er davor zum Stehen.

Ein Pulk Schutzengel schwebte ihm kichernd entgegen. Zwitschernde Kanarienvögel kreisten um ihre blonden Locken. Nelken und Margeriten regneten von der Decke herab.

Während Uriel zähneknirschend darauf wartete, dass er seinen Weg fortsetzen konnte, wünschte er stumm alle Schutzengel Friedrichhains zur Hölle.

Als endlich auch der letzte gackernde Engel an ihm vorbeigezogen war, jagte er die Treppe hoch.

Im Schreinraum angekommen, stellte er zuerst die Statue der Yeshe Walmo zurück auf den Altar. Glücklicherweise war sie bei ihrem Sturz nicht zu Schaden gekommen. Er trat ein paar Schritte zurück und vollzog die drei vorgeschriebenen Niederwerfungen.

Anschließend wandte er sich der großen alten Holztruhe zu, die in einer dunklen Ecke des Schreinraums stand. Er suchte in fliegender Hast mehrere dicke Bündel Papierstreifen heraus. Dann beugte er sich weit über den Rand und tastete in einer dunklen Ecke herum. Als seine Hände einen glatten runden Gegenstand erspürten, atmete er erleichtert auf: Hatte er es doch gewusst, dass die zweite Kapala hier steckte!

Uriel wickelte Kapala und Papierstreifen sorgfältig in ein dickes Tuch und verstaute alles im Rucksack. Die Flasche Schnaps, die neben dem Altar stand, stopfte er ebenfalls hinein, genau wie seine Kangling, die auf seinem Schreintisch lag.

Kurz danach stand er wieder auf der Terrasse. Er stieg über die Trümmer des Altars, schob Glocke und Dorje in den Rucksack, gefolgt von der Damaru, der tibetischen Handtrommel.

Seine Mala trug er um das Handgelenk gewickelt.

Er war bereit.

Es war bereits nach Mitternacht, als Uriel, einen prall gefüllten Rucksack über seine Schultern geworfen, unter der magischen Absperrung der alten Mühle hindurch auf die Straße kroch.

Israfel stand an der Haustür. Er hielt Uriels kleinen weißen Hund im Arm. Während hinter ihm die Schutzengel Friedrichhains ein rauschendes Fest feierten, sah er dem Erzengel nach, der – beschienen vom Licht einer Straßenlaterne – nach ein paar Schritten auf der Landstraße ins Nichts verschwand.

Verflucht

Luzifers Hochamt der Verspeisung der himmlischen Seelenfliegen nimmt eine unerfreuliche Wendung…

Auf Luzifers Zeichen hin schritt Nekael an den mannshohen Gong an der Stirnseite des Saals. Er holte weit aus. Der Schlegel in seiner Hand ließ die riesige Metallscheibe erbeben.

Mit feierlichen Mienen erhob sich die Tischgesellschaft.

Ein zweiter dröhnender Gongschlag ertönte.

Im Inneren des großen Schraubglases, das an der Stirnseite der Tafel platziert war, schwirrten vierundzwanzig grüne Schmeißfliegen.

Ein dritter Gongschlag erklang. Mit ernsten Blicken starten die gefallenen Engel, die zur ersten Verspeisung der verfluchten Seelenfliegen der Schutzengel Friedrichhains geladen waren, auf ihre Teller.

Luzifer wartete, bis sich wieder Stille über den großen Saal gelegt hatte. Als nur noch das Knacken der brennenden Holzscheite im offenen Kamin zu hören war, griff er zum Glas mit den Fliegen und hielt es triumphierend in die Höhe. „Macht euch bereit für die Speise, die uns unbesiegbar machen wird!“

Nekael trat schweigend an seinen Platz an der Tafel. Zusammen mit den anderen zweiundzwanzig Teufeln verneigte er sich tief vor Luzifer.

„Jeder, der eine Fliege erhält, wird mir zuvor unverbrüchliche Treue bis an das Ende der Zeiten schwören!“ Luzifer platzierte das Glas vor sich, hielt beide Hände darüber und murmelte einen Zauberspruch. Die Fliegen, die aufgeregt darin herumschwirrten, vielen wie betäubt zu Boden.

Nekrael und Arakiel stellten sich, die Hände vor der Brust gefaltet, erwartungsvoll vor ihrem Oberteufel auf. Die anderen gefallenen Engel reihten sich hinter ihnen ein.

Luzifer hob feierlich den Deckel und schob seine Hand ins Glas, um die erste Fliege herauszuholen. Nekrael ging währenddessen vor ihm auf die Knie.

Was war das?

Luzifer zog die Hand wieder heraus und starrte verblüfft in das Glas. Das war leer. Alle Fliegen waren verschwunden!

„Verflucht! Was geht hier vor?“

Die versammelten gefallenen Engel zuckten zusammen. Nekrael fiel vor Schreck beinahe vorne über. „Was ist los, Chef?“

„Die Fliegen sind verschwunden!“ Luzifer packte das leere Glas und schüttelte es.

In diesem Moment bebte die Erde. Kreischend ging die Festgesellschaft zu Boden. Luzifer stürzte, das Glas immer noch in beiden Händen haltend, nach vorne. Mit lautem Krachen knallte das Behältnis auf den weißen Marmor. Glassplitter jagten durch die Luft.

Stöhnend vor Schmerz presste Luzifer seine Hand gegen die Wange. Warmes Blut ran durch seine Finger, während er verzweifelt versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.

Auslöschung

Die zornvolle Göttin der Nacht – von Erzengel Uriel in die Mühle gerufen – beendet Karma und Verstrickungen…

Uriel stand vor der Feuerschale. In seiner rechten Hand drehte er eine Trommel, in der Linken schwang er eine große Glocke. Der fiebrige Ryhthmus der Trommelschläge, begleitet vom dröhnenden Klang der Glocke, ließ die Terrasse erbeben.

Yeshe Walmo tanzte zum wilden Rhythmus der Musik in den magischen Flammen. Während sich ihr kraftvoller blauer Körper im Kreis drehte, stoben Funken in die Höhe und prasselten auf ihren – mit einer Krone aus Totenköpfen geschmückten – Kopf nieder. In ihrer Rechten schwang die zornvolle weibliche Emanation Buddhas ein langes Schwert.

Mit aufgerissenen Augen und Mündern standen die Schutzengel Friedrichhains eng aneinander gedrückt um die Feuerschale und starrten auf die blaue Göttin, die Uriel zu ihrem Schutz gerufen hatte.

Erschrocken beobachtete Maria, wie Uriel noch einen Schritt näher an die Feuerschale trat und sich tief vor der tanzenden blauen Göttin der Nacht verneigte, während er weiter Glocke und Trommel erklingen ließ.

Dann nickte er in Richtung Israfels. Der näherte sich ebenfalls und verneigte sich vor Yeshe Walmo, bevor er das Papier, auf dem er die Namen aller kontaminierten Schutzengel Friedrichhains notiert hatte, an die Flammen hielt.

Begleitet von Trommelschlägen und Glockengeläut fing der Zettel Feuer. Die blaue Göttin drehte sich wilder und wilder. Ihre nackten Sohlen stampften in der Glut. Auf einmal jagte ein gewaltiger Funkenschwall unter ihren Füßen hervor und ging wie ein Feuerregen auf die Schutzengel nieder. Gleichzeitig schoß eine Stichflamme aus der Hand Israfels. Eine Sekunde später segelten die Reste des Papieres zwischen seinen Fingern als Asche zu Boden.

Die Schutzengel duckten sich, panisch kreischend, unter dem Glutregen.

Maria hatte die ganze Zeit über stumm und bewegungslos in die Feuerschale gestarrt. Ihr Kopf war vollkommend leer. Sie spürte nichts.

Yeshe Walmo hielt mitten im wilden Tanz inne. Hoch aufgerichtet stand sie in den Flammen und sah Maria in die Augen.

Uriels Hände erstarrten. Trommelschläge und Glockengeläut verstummten. Mit einem Mal lag vollkommene Stille über der Terrasse.

Maria und die blaue Göttin der Nacht standen sich direkt gegenüber. Die Blicke der beiden verschmolzen ineinander.

Auf einmal bebte der Boden. Die plötzlichen Erdstöße ließen die alte Mühle erzittern und holten alle, die auf der Terrasse standen, von den Füßen. Der provisorische Altar stürzte mit lautem Krachen in sich zusammen. Die Statue der Yeshe Walmo, die Uriel oben drauf platziert hatte, fiel scheppernd zu Boden, rollte über die Fliesen und kam vor der Feuerschale zu liegen.

Uriel stemmte sich vom Boden hoch und kam taumelnd auf die Beine. Fassungslos starrte er auf die Mitte der Terrasse: Ein paar letzte schwache Flammen zuckten in der roten Glut. Yeshe Walmo war verschwunden. Und mit ihr Maria.

Der Sturz

Ein unerwartetes Beben in der Tiefe der Hölle bringt die beiden Erzengel Suriyel und Gabriel in tödliche Gefahr…

Das matte Licht der Taschenlampe erleuchtete lediglich die nächsten zwei oder drei Schritte. Der Tunnel war inzwischen so eng, dass sie auf allen Vieren kriechen musste. Es ging steil abwärts. Sie tastete sich vorsichtig Meter für Meter vorwärts. Die Angst, auszurutschen und in die dunkle Tiefe zu stürzen, war überwältigend.

Auf einmal flackerte ihre Lampe kurz auf, dann erlosch es. Gabriel stöhnte erschrocken auf und verharrte in der Bewegung. Um sie war vollkommene Schwärze.

„Was ist los?“ Suriyel, der ein paar Meter hinter ihr kroch, schaltete seine Stirnlampe an.

„Meine Batterien sind leer.“

„Ich habe dir gesagt, dass die nicht lange halten. Lass uns umkehren!“

„Nein! Wir müssen weiter! Bitte!“

Er schwieg.

„Ich gehe nicht zurück. Notfalls muss ich eben ohne Licht weiter!“

„Das möchte ich sehen!“ Er überlegte offensichtlich, ob er nicht einfach umdrehen und sie in der Dunkelheit zurücklassen sollte in der Hoffnung, sie würde aufgeben.

Er kroch zu ihr. „Jetzt komm zurück. Das ist doch der totale Schwachsinn hier!“ Er packte ihren Arm, drehte sich um und begann – sie hinter sich herziehend – wieder aufwärts zu kriechen.

Gabriel stemmte die Fersen in den Boden und versuchte, sich an der glatten Felswand festzuhalten. Vergebens. Er war viel kräftiger als sie.

„Lass mich los!“

„Du kommst mit! Es reicht jetzt!“ Er zog ein weiteres Mal energisch an ihrem Arm. Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden.

Auf einmal bebte die Erde. Alles um sie wackelte. Gestein fiel von der Decke, vom Boden löste sich Geröll und riss sie mit sich.

Suriyel packte Gabriels Arm fester und versuchte, sich mit der anderen Hand an einem Felsvorsprung festzuhalten. Vergebens.

Die beiden Erzengel stürzten mit der Steinlavine in die nachtschwarze Tiefe.

Licht-Regen

Beelzebub und der gefallene Engel Cabor entdecken eine erstaunliche Maschine in Luzifers Unterwelt…

Die Tür fiel mit lautem Krachen ins Schloss. Beelzebub blieb wie angewurzelt in der Dunkelheit stehen. Er sog prüfend die eiskalte Luft ein: der metallische Geruch, der ihm in die Nase stieg, kam ihm vage vertraut vor. Ein diffuses, rhythmisch an- und abschwellendes, Knistern drang an sein Ohr.

Im Strahl von BeelzebubsTaschenlampe fielen winzige Lichtpunkte wie Regentropfen von der Decke, sprangen auf dem schwarzen Steinboden auf und schwebten wieder nach oben. Der Dämon spürte, wie Angst seine Kehle zuschnürte. „Was zum Teufel ist das?!“

Ungerührt machte Cabor einige Schritte in den seltsamen Regen hinein. Er streckte seine Hand aus. Die Lichtpunkte flirrten um seinen schwarzen Zylinder und kreisten in Spiralen um seinen schmalen Körper. Er drehte sich einmal um die eigene Achse. Die Lichtspiralen folgten elegant seiner Bewegung. „Die Dinger wirken geradezu lebendig!“

Cabor nahm seinen Zylinder ab, schwenkte ihn durch die Luft und versuchte, die Lichtpunkte damit zu fangen. Vergeblich. Sie schienen sich in Nichts auflösen und an anderer Stelle wieder auftauchen zu können.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ Beelzebub hörte selbst, dass er hysterisch klang.

Cabor hob sein, von einer schwarzen Maske verdecktes, Gesicht. „Hört ihr das auch?“

Ein immer stärker anschwellendes Pfeifen übertönte das rhythmische Knistern. Es klang, als würde sich irgendetwas in rasender Geschwindigkeit nähern.

„Was ist das, verdammt noch mal?“ Beelzebub zog erschrocken den Kopf ein.

Ein heller Blitz, begleitet von lautem Zischen, erleuchtete für einen Augenblick den Raum. Der Boden bebte. Steinbrocken stürzten von der Decke.

Als Beelzebub schwankend wieder auf die Beine kam, fiel der Schein seiner Taschenlampe auf einen leuchtend roten Punkt. Er fiel zwischen den weißen Lichtflecken von der Decke, prallte auf dem Steinboden auf und schwebte wieder nach oben.

Cabor, der sich im Gegensatz zum Kanzler des Ordens der Fliege auf den Beinen hatte halten können, starrte wie hypnotisiert an die Decke. Der rote Lichtleflex berührte über ihm den rohen Stein, schwebte nach unten, schnellte vom Boden zurück und bewegte sich nach oben.

Zusammen mit den anderen weißen Punkten kreiste er, begleitet von rhythmischem Knistern, durch die Dunkelheit.

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