Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Schreiben (Seite 2 von 2)

Drei: Camouflage – Teil eins

Jeder von meiner Sorte weiß, dass JK Rowling eine von uns ist. Für uns ist „Harry Potter“ nicht Fantasy, sondern Selbsterfahrung. Wir fliegen nicht auf Besen. Der Regionalzug zum Retreathaus am Ende der Welt wartet nicht am Bahnsteig 9 3/4. Aber trotzdem: vieles, was dort abgehandelt wird, kennen wir aus erster Hand. Allem voran die tägliche Übung: wie überlebe ich in einer Welt, die nicht den eigenen Regeln folgt?

Ich erinnere mich an den erleichterten Ausruf eines Dharma-Bruders während eines Tantra-Retreats: „At last: No Muggles!“ Wir stimmten ihm alle aus tiefstem Herzen zu.

Die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, inkognito unter Muggles zu leben, die J.K. Rowling in ihren Büchern beschreibt, hat sie sicher selbst durchexerziert, bevor sie sich – reich und berühmt – endlich geben durfte, wie sie ist. Uns sind diese Spiele ebenfalls vertraut. Wie in „Harry-Potter“ können es die Einen besser als die Anderen. Es hängt sowohl von der individuellen Camouflage-Begabung als auch vom persönlichen Ehrgeiz ab – und dem beruflichen Umfeld. Einem Künstler wird mehr verziehen als einem Anwalt. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen wird intuitives oder spiritistisches Denken und Handeln eher nachgesehen. Misogynie hat auch ihre positiven Seiten.

Wenn die Sangha zusammenkommt und ich meine Dharma-Brüder und Schwestern beobachte, belustigt mich regelmäßig der Gedanke, dass ihr weiteres Umfeld meist völlig ahnungslos darüber ist, mit wem sie es zu tun haben.

Wir teilen dieses „Doctor Jekyll and Mister Hyde-Spiel“ mit allerhand dunklen Gestalten. Dabei interessiert sich weder das BKA noch der Verfassungsschutz für uns. Wir sind vollkommen harmlos. Unser rezitieren, opfern, singen, meditieren, visualisieren und alles, was wir sonst noch so treiben, tut keinem weh.

Trotzdem: Geheimhaltung ist oberstes Gebot. Die meisten von uns haben schon als Kinder gelernt, dass es nur Ärger bringt, zu sagen was man sieht, fühlt und denkt.

Und so leben wir unter Euch: die biedere Hausfrau, der smarte Anwalt, der fleißige Handwerker. Wir sind überall. Am wohlsten fühlen wir uns in Nischen: da wo es bunt und ein bisschen chaotisch zugeht, findet man uns des Öfteren nicht nur als Solitär, sondern im Rudel.

Wer ein Ohr für Zwischentöne hat, erkennt uns auch in disguise. Wenn wir gut getarnt sind, umweht uns einfach nur ein Hauch von Exotik. Wenn wir es nicht sind – oder wir in ein Umfeld geraten, in dem „bunte Vögel“ nicht erwünscht sind – kann es schnell sehr ungemütlich für uns werden.

Zwei: Indras Netz – Teil zwei

Wie ein Biologe am Mikroskop beobachte ich die Charaktere meiner Geschichte in meinem Inneren, versuche ihr Mienenspiel zu lesen, jede ihrer Emotionen zu erspüren. Und wie ein verlässlicher Sekretär tippe ich auf meinem Laptop ihre Gedanken und Gespräche herunter. Es ist das selbe Prinzip wie mit meinem Wolf: die Charaktere meiner Geschichte gibt es nicht wirklich – aber ich denke sie mir auch nicht aus.

Damit ich dieses spezielle Niveau der Wahrnehmung halten kann, brauche ich meine tägliche Meditationspraxis – und eine Umgebung, die es mir erlaubt, mich zu entspannen. In der düsteren staubigen Wohnung hier in Leipzig, in der ich zur Untermiete lebe, scheint eine böse Fee die Zeiger der Uhren angehalten zu haben.

Ein halbes Jahr lang habe ich in dieser verwunschenen Stimmung versucht, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich quälte mich Stunde für Stunde. Nur um in regelmäßigen Abständen frustriert wieder alle Seiten zu löschen. Was ich zustande brachte, hatte ich mir ausgedacht, es las sich blutleer und konventionell. Ich kann keine Geschichten erfinden, ich kann sie nur „sehen“.

Ich lebe um zu schreiben – und schreibe, um zu leben. Ich protokolliere, was in meinem Inneren geschieht – und es ereignet sich im Außen. Und ich nähre meine Charaktere mit meinen äußeren Erlebnissen, auf dass sie sich, ihre Gedanken und Beziehungen transformieren. Was ich wiederum niederschreibe, auf das es in meiner äußeren Welt Folgen zeigen möge. Es ist ein ständiger osmotischer Austausch, es gibt keine wirkliche Grenze zwischen meiner inneren und meiner äußeren Welt.

Uriel meinte einmal, ich würde in einer Soap-Opera leben. Von der er ein Teil ist. Er brauchte nur zwanzig Seiten, um sich im „Hamberger“ zu erkennen. Ich habe zwei Jahre gebraucht und war nicht weniger verblüfft als er. Im Buch ist der Hamberger Mitglied im Rotary-Club. Wieder nichts, was ich mir ausgedacht hatte. Ich hielt schriftlich fest, wie er nach den Freitagsvorträgen am blank polierten Tresen der Bar des Landhotels sein Pils trank. Uriel war so inspiriert davon, dass er Mitglied bei den Rotariern wird.

Wieder einmal verschmelzen Geschichte und Leben…

Wie diese Osmose funktioniert, ist mir ein Rätsel. Deshalb kann ich sie auch nicht willentlich steuern. Es bleibt mir nur, auf meinem Kissen sitzend zu beobachten, wie der Atem kommt und geht. Zu hören, wie die Vögel singen. Regen gegen die Scheiben klopft. Das Leben dahinfließt. Und dadurch so wach und präsent zu sein, dass ich erkenne: „Jetzt!“

Es gibt diese kurzen Momente, in denen mir meine Intuition sagt, dass genau hier und in diesem Augenblick etwas zu tun ist. Nach Tagen, Wochen, manchmal Monaten des stillen Abwartens, der mühsam erkämpften Akzeptanz für Lebenssituationen, die eigentlich danach verlangen würden, in Aktion zu treten. Aber das wäre kontraproduktiv. So funktioniert es bei Anderen, aber nicht bei mir. Wenn ich den falschen Impulsen folge – aus Angst, Unzufriedenheit, Frustration, Ärger oder Gier aktiv werde – verändere ich lediglich meine Koordinaten. Energetisch finde ich mich im selben Schlamassel wieder.

Die Kunst ist es abzuwarten, bis sich mein Energielevel in meinem Inneren so verändert hat, dass auch im Außen die Dinge zu fließen beginnen. Dafür brauche ich Tantra. Damit ich den Moment erkenne, in dem sich im Außen eine Tür zur neuen Welt öffnet, ich den entscheidenden Schritt machen muss, brauche ich Zen.

Es sind Impulse – ein vages Gefühl, ein Flüstern im Herzen – in meinem Inneren. Oder eine hingeworfene Bemerkung im Gespräch, ein Flyer unter vielen im Hotelfoyer – im Außen. Wenn ich wach bin, reagiere ich darauf wie ein Jagdhund, der auf die Schweißspur des angeschossenen Wildes gestoßen ist. Ich bin elektrisiert und nicht mehr davon abzubringen, der Fährte zu folgen. Wehe, jemand versucht sich mir in den Weg zu stellen, wenn meine Intuition mich lenkt. Dass ich so aggressiv sein kann, trauen mir die wenigsten zu. Was von Außen abstrus erscheint, ist für mich eine Sache auf Leben und Tod.

Ich jage nach dem Anfang des Regenbogens. Bisher hat es immer funktioniert. Nicht in dem Sinne, dass ich am Ziel immer mit etwas Schönem oder Beglückenden belohnt worden wäre. Des Öfteren warten dort Schmerz und Verzweiflung auf mich. Aber es ist der Ort an dem ich zu diesem Zeitpunkt sein muss, damit die Dinge ins Gleichgewicht kommen können, die Energie wieder zu fließen beginnt. Auf das ich meine Geschichte weiterschreiben kann…

Indras Netz – Teil eins

Alles ist mit allem verbunden, nichts voneinander getrennt – so lehrt es die Sage des Gottes Indra…

Am Berg Meru, seiner himmlischen Wohnstätte – so geht die Geschichte – ließ Indra von einem listigen Handwerker ein unendliches Netz von überwältigender Schönheit und Perfektion spannen. Es reicht über alle Dimensionen und Universen und ist geschmückt mit unzähligen Juwelen, die so konzipiert sind, dass sich in jedem einzelnen Juwel alle anderen wiederspiegeln.

Ich denke an Indras Netz, während ich an meinem Manuskript schreibe. Meine Figuren sind wieder lebendig, das erste Mal seit sechs Monaten. Eine quälende Phase des verzweifelten Tastens in meinem Inneren liegt hinter mir. Im Herbst waren meine Charaktere auf einmal nicht mehr zu fassen gewesen. Ich versuchte sie mit allen Tricks und Mitteln zum Agieren zu bewegen, aber es war, als würde ich an den Schnüren von Marionetten ziehen. Sie handelten, aber die Geschichten, die ich ihnen andichtete, waren flach und leer. Ich hatte den Kontakt zu ihnen verloren, weil ich sie nicht mehr verstand. Ich war „blind“. Es kann mir nichts schrecklicheres passieren.

Ich werde immer wieder gefragt: „Denkst Du Dir das alles aus, oder passiert das wirklich?“

Was ist „wirklich“?

Mein Wolf zum Beispiel, der gerade neben meinem Schreibtisch auf dem dicken weißen Schafwollteppich vor sich hin döst, ist nicht „wirklich“ in dem Sinne, dass dort ein Tier aus Fleisch und Blut läge. Aber ich denke ihn mir auch nicht aus. Er ist auf eine andere Art lebendig. Er existiert in einem energetischen Zwischenreich zu dem ich Zugang habe, wenn meine Sinne wach sind und mein Geist offen ist. Dann „sehe“ ich ihn. Und damit ist nicht nur der optische Aspekt gemeint. Mit „sehen“ bezeichne ich eine umfassende sinnliche Erfahrung: ich spüre ihn. Ich glaube ihn zu riechen, zu hören. Er ist vollkommend DA.

Wir haben diese Fähigkeit in der Familie. Ich bin mit einer Mutter aufgewachsen, die sich ganz selbstverständlich mit den Geistern Verstorbener über Kochrezepte unterhielt. Spirituell Gesinnte nennen es „hellsichtig“. Unvoreingenommene nennen es „imaginativ“. Die große Mehrheit nennt es „verrückt“.

Ich nehme an, dass diese Art des Sehens nicht so selten ist, wie man es vermuten würde. Weil wir in einer Kultur leben, in der diese „Kunst“ weder geschätzt noch gefördert wird, hat sie sich in Nischen zurückgezogen und treibt oft die wildesten Blüten. Wie jede Begabung muss sie kultiviert, der angemessene Umgang mit ihr muss gelehrt werden. Sonst führt die Fähigkeit des differenzierten Sehens auf Abwege. Des Öfteren – bei mentaler Instabilität und psychischen Anfälligkeiten – auch ins Verderben.

Die Glücklichen, seelisch Stabilen malen inspirierende Bilder, denken sich die schönsten Geschichten aus. Was wären Filmkunst und Literatur ohne all die Hellsichtigen, die ihre Fähigkeiten nutzen, um das, was sie wahrnehmen, so zu übersetzen, dass es auch Anderen zugänglich wird, ihnen etwas über das eigene Leben zu sagen hat?

Ich habe lange gebraucht, um meinen Frieden mit dieser Fähigkeit zu machen. Über Jahre habe ich mich in meinen Kopf geflüchtet. Es war verführerisch, denken kann ich gut. Und intellektuelle Beschlagenheit geht mit Anerkennung und Status einher. Die Fähigkeit „Wölfe“ und noch vieles Andere zu sehen, definitiv nicht.

Erst der Osten schenkte mir eine Haltung, die es mir ermöglichte, mit meiner speziellen Begabung zu leben und sie für mich nutzbar zu machen.

Für Andere ist mein extremes tägliches Meditieren – mindestens eineinhalb Stunden sind es immer – und meine vielen Retreats ein Spleen. Für mich ist es existentell: nur wenn ich konstant in diesem speziellen Modus der Wachheit und Präsenz bin, den buddhistische Meditation schenkt, bin ich in der Lage, mich sicher in beiden Welten zu bewegen. Dann bewältige ich auch in extremen Stress-Situationen pragmatisch meinen Alltag und bin gleichzeitig in der Lage „Indras Netz“ zu „sehen“.

Wir sind alle in der Tiefe miteinander verbunden. Ob wir uns – wie es im tibetischen Buddhismus selbstverständlich angenommen wird – in unzähligen früheren Leben karmisch miteinander verstrickt haben, oder ob es – so sieht es Zen – einfach das Prinzip des Tao ist: Alles steht mit Allem in Beziehung, wenn sich das Eine wandelt, wandelt sich das Andere.

Im Kern – da sind sich Vajrayana und Zen einig – ist alles Leerheit. Jede Erscheinung ist bedingt. Deshalb macht es auch keinen Sinn, ein großes Gewese um das zu machen, was um uns ist. Ob es unser Alltag ist – oder Wunder und seltsame Erscheinungen, die uns Indras Netz schenkt. Sie sind genauso DA wie meine Stromrechnung, mein leerer Kühlschrank und meine nervenden Nachbarn.

Und genauso gehen sie auch wieder: gerade hat man sich noch furchtbar darüber aufgeregt – oder war zutiefst erschüttert – morgen ist es schon Vergangenheit, wird von etwas Anderem abgelöst, was unseren Geist völlig in Beschlag nimmt.

Ich sitze täglich auf meinem Kissen um zu „sehen“ – und es gleichzeitig nicht allzu ernst zu nehmen.

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