
Jeder von meiner Sorte weiß, dass JK Rowling eine von uns ist. Für uns ist „Harry Potter“ nicht Fantasy, sondern Selbsterfahrung. Wir fliegen nicht auf Besen. Der Regionalzug zum Retreathaus am Ende der Welt wartet nicht am Bahnsteig 9 3/4. Aber trotzdem: vieles, was dort abgehandelt wird, kennen wir aus erster Hand. Allem voran die tägliche Übung: wie überlebe ich in einer Welt, die nicht den eigenen Regeln folgt?
Ich erinnere mich an den erleichterten Ausruf eines Dharma-Bruders während eines Tantra-Retreats: „At last: No Muggles!“ Wir stimmten ihm alle aus tiefstem Herzen zu.
Die mehr oder weniger erfolgreichen Versuche, inkognito unter Muggles zu leben, die J.K. Rowling in ihren Büchern beschreibt, hat sie sicher selbst durchexerziert, bevor sie sich – reich und berühmt – endlich geben durfte, wie sie ist. Uns sind diese Spiele ebenfalls vertraut. Wie in „Harry-Potter“ können es die Einen besser als die Anderen. Es hängt sowohl von der individuellen Camouflage-Begabung als auch vom persönlichen Ehrgeiz ab – und dem beruflichen Umfeld. Einem Künstler wird mehr verziehen als einem Anwalt. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle: Frauen wird intuitives oder spiritistisches Denken und Handeln eher nachgesehen. Misogynie hat auch ihre positiven Seiten.
Wenn die Sangha zusammenkommt und ich meine Dharma-Brüder und Schwestern beobachte, belustigt mich regelmäßig der Gedanke, dass ihr weiteres Umfeld meist völlig ahnungslos darüber ist, mit wem sie es zu tun haben.
Wir teilen dieses „Doctor Jekyll and Mister Hyde-Spiel“ mit allerhand dunklen Gestalten. Dabei interessiert sich weder das BKA noch der Verfassungsschutz für uns. Wir sind vollkommen harmlos. Unser rezitieren, opfern, singen, meditieren, visualisieren und alles, was wir sonst noch so treiben, tut keinem weh.
Trotzdem: Geheimhaltung ist oberstes Gebot. Die meisten von uns haben schon als Kinder gelernt, dass es nur Ärger bringt, zu sagen was man sieht, fühlt und denkt.
Und so leben wir unter Euch: die biedere Hausfrau, der smarte Anwalt, der fleißige Handwerker. Wir sind überall. Am wohlsten fühlen wir uns in Nischen: da wo es bunt und ein bisschen chaotisch zugeht, findet man uns des Öfteren nicht nur als Solitär, sondern im Rudel.
Wer ein Ohr für Zwischentöne hat, erkennt uns auch in disguise. Wenn wir gut getarnt sind, umweht uns einfach nur ein Hauch von Exotik. Wenn wir es nicht sind – oder wir in ein Umfeld geraten, in dem „bunte Vögel“ nicht erwünscht sind – kann es schnell sehr ungemütlich für uns werden.

