<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Schreiben Archive - This Water runs East</title>
	<atom:link href="https://www.water-runs-east.eu/category/schreiben/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.water-runs-east.eu/category/schreiben/</link>
	<description>Berichte von den Grenzen des Ich</description>
	<lastBuildDate>Thu, 20 Apr 2023 12:15:37 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9.4</generator>

<image>
	<url>https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2025/08/cropped-cropped-Pfarrhaus-Farbe-September-24-32x32.jpg</url>
	<title>Schreiben Archive - This Water runs East</title>
	<link>https://www.water-runs-east.eu/category/schreiben/</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Zweiundzwanzig: Rorschach-Test</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/zweiundzwanzig-rorschach-test/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/zweiundzwanzig-rorschach-test/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Apr 2023 07:54:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1236</guid>

					<description><![CDATA[<p>Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiographie, er hätte irgendwann eingesehen, dass seine Songs &#8222;musikalische Rorschach-Tests&#8220; wären. Der berühmteste davon ist &#8222;Born in the U.S.A.&#8220;. Die Konservativen lieben diesen Song! Donald Trump ließ ihn bei Auftritten spielen, obowohl Springsteen öffentlich Hillary Clinton unterstützte. Ronald Reagan machte mit ihm &#8211; und dem Verweis auf den Patrioten Springsteen [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/zweiundzwanzig-rorschach-test/">Zweiundzwanzig: Rorschach-Test</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-1235" width="518" height="388" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6671-676x507.jpg 676w" sizes="(max-width: 518px) 100vw, 518px" /></figure>
</div>


<p>Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiographie, er hätte irgendwann eingesehen, dass seine Songs &#8222;musikalische Rorschach-Tests&#8220; wären. </p>



<p>Der berühmteste davon ist &#8222;Born in the U.S.A.&#8220;. Die Konservativen lieben diesen Song! Donald Trump ließ ihn bei Auftritten spielen, obowohl Springsteen öffentlich Hillary Clinton unterstützte. Ronald Reagan machte mit ihm &#8211; und dem Verweis auf den Patrioten Springsteen &#8211; Wahlkampfwerbung. Der Hit gilt in der Fachpresse als &#8222;one of the most misunderstood songs in history&#8220;.</p>



<p>Der Refrain ist aber auch zu verführerisch! Dass es in dem Songtext um einen traumatisierten Vietnam-Veteranen geht, der &#8211; von der Politik im Stich gelassen &#8211; am untersten Rand der Gesellschaft vor sich hin vegetiert, scheint auf konservativer Seite nur den wenigsten aufzustoßen. </p>



<p>Springsteen meint dazu, er schreibe seine Texte für ein Publikum, von dem er annimmt, dass es mit der selben Sorgfalt zuhört, mit der er seine Worte wählt. Es wäre ein langer Prozess gewesen, bis er für sich akzeptieren konnte, dass die Leute hören, was sie hören wollen. </p>



<p>Das ist der Preis für seine Ambiguität. Gerade diese Ambivalenz, die seinen Texten Tiefe und Unmittelbarkeit gibt, lädt dazu ein, nur die eine Seite zu sehen und die andere auszublenden. Der desillusionierte Vietnam-Veteran ist &#8211; trotz allem, was ihm sein Land angetan hat &#8211; Patriot geblieben. Deshalb passt der mit so viel Kraft und Stolz vorgetragene Refrain so gut zum bitteren Text. Und wer weiß, was der Ich-Erzähler damals in Vietnam nicht nur selbst erlitten hat, sondern andere hat erleiden lassen? </p>



<p>Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, gut oder böse. So einladend und entlastend es ist, Menschen, Taten, Ereignisse zu katalogisieren, so sehr widerspricht es der Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität. </p>



<p>Ich denke, für viele Fans ist die Annäherung an diese Wahrheit ein lebenslanger Prozess. Die Songs von Springsteen begleiten sie &#8222;from cradle to grave&#8220;. Sie hörten sie als Kinder auf den Rückbänken der Autos ihrer Eltern. Später laufen seine Hits während sie, die eigenen Kinder im Font, selbst am Steuer sitzen. Der eine oder andere &#8211; denke ich &#8211; hat irgendwann in einem stillen Moment an der roten Ampel auf einmal angefangen so zuzuhören, wie es sich der Boss wünscht. Und ist um eine tiefe Erkenntnis reicher geworden.  </p>



<p>So läuft das mit Einsichten. Sie lassen sich weder erzwingen noch verordnen. Sie sind immer ein Geschenk &#8211; für beide Seiten. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/zweiundzwanzig-rorschach-test/">Zweiundzwanzig: Rorschach-Test</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/zweiundzwanzig-rorschach-test/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Einundzwanzig: Geister</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-geister/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-geister/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Apr 2023 07:55:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1201</guid>

					<description><![CDATA[<p>Was wohl mein nepalesischer Rinpoche &#8222;sehen&#8220; und schlussfolgern würde, käme er in die verwunschene Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel, in der ich ein Zimmer bewohne? &#8222;Ist das duster hier!&#8220;, bekam ich von einer Freundin zu hören. &#8222;Was für eine gruselige Atmosphäre!&#8220;, meinte eine andere. Dabei bin ich von Kunst umgeben: riesige bemalte Leinwände im Flur, Siebdrucke [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-geister/">Einundzwanzig: Geister</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1200" width="405" height="540" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6627-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 405px) 100vw, 405px" /></figure>
</div>


<p>Was wohl mein nepalesischer Rinpoche &#8222;sehen&#8220; und schlussfolgern würde, käme er in die verwunschene Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel, in der ich ein Zimmer bewohne?</p>



<p>&#8222;Ist das duster hier!&#8220;, bekam ich von einer Freundin zu hören. &#8222;Was für eine gruselige Atmosphäre!&#8220;, meinte eine andere. Dabei bin ich von Kunst umgeben: riesige bemalte Leinwände im Flur, Siebdrucke im Badezimmer, Radierungen auf der Toilette. Alles schwarz und bedrohlich: Menschenfresser, Gefangene, Gefolterte. Auf dem Duschvorhang der Schattenriss einer Hexe, die &#8211; den spitzen Dolch erhoben &#8211; nur darauf wartet, zuzustechen. So auffällig wie das Anwesende ist das Abwesende. Alles hier scheint nur aus Leerstellen und Symbolik zu bestehen &#8211; begleitet von dröhnender Sprachlosigkeit.</p>



<p>Was ist das, was mich tagein, tagaus umgibt?</p>



<p>Als ich im Januar letzten Jahres, nach dem Vorstellungsgespräch für mein Untermietzimmer, das schöne Art-Deco-Treppenhaus hinunterlief, kam mir in den Sinn, dass nicht nur die Wohnung, sondern das ganze Haus und alle Bewohner darin, verzaubert sein müssen. </p>



<p>Daran hat sich bis heute nichts geändert: der nette Hausbesitzer erinnert mich mit seinem langen Bart und seiner gebeugten Erscheinung bei jeder Begegnung an Herrn Turtur, den Scheinriesen aus &#8222;Jim Knopf&#8220;. Ich bin jedesmal erstaunt, dass er nicht größer ist als ich, obwohl er die Statur eines mächtigen Mannes hat. Er wirkt als wäre er von Spinnenweben bedeckt. Seine Frau pflegt, den Kopf gesenkt, den Garten im Innenhof. Sie spricht nicht und nimmt nie Blickkontakt auf, selbst wenn sie gegrüßt wird. Im Haus herrscht seltsame Stille. Bei Begegnungen höre ich freundlich &#8222;Guten Tag&#8220;. Und doch kommt es mir vor, als würden alle in Luftblasen die Treppen hinauf und hinunter schweben.  </p>



<p>Das Waldstraßenviertel ist das &#8222;jüdische Viertel&#8220; der Stadt. Fast kein Haus, vor dem nicht glänzende &#8222;Stolpersteine&#8220; an die ehemaligen Bewohner erinnern, die in Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald ermordet wurden. Ob es ihre Geister sind, mit denen ich zusammenlebe? </p>



<p>Für meinen nepalesischen Rinpoche ist es selbstverständlich, dass wir von schwachen unsichtbare Wesen, Geistern und Götter verschiedenster Klassen umgeben sind.  Es ist seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen und übernatürliche Geschöpfe in Frieden koexistieren können. Regelmäßig wird er aus seinem quierligen Kathmandu in entlegene Bergdörfer gerufen, weil ein erzürnter Naturgeist oder eine nicht angemessen behandelte regionaler Gottheit den Bewohnern das Leben schwer macht. Dann ist er über Tage damit beschäftigt, herauszufinden, was die Ursache der Verwerfungen ist und die entsprechenden Riten zu vollziehen, um wieder alles ins Gleichgewicht zu bringen. </p>



<p>Die amerikanische Khandro hat uns im Januar erklärt, dass meist gekränkte Naturgeister für Unglück an bestimmten Orten verantwortlich sind. Wenn sie schlecht behandelt, oder ihnen die angemessenen Opfer dafür, dass man in ihren Grenzen lebt, verwehrt werden, wenden sie sich gegen die Menschen. Es kann der Geist eines Berges sein, der bebaut, der Geist eines Flusses, der begradigt oder zugeschüttet wurde. Sie sind zurecht verärgert über die schlechte Behandlung, die ihnen angetan wurde und lassen es die Verursacher und ihre Nachkommen spüren. </p>



<p>Das  Waldstraßenviertel ist auf einem Sumpfgebiet errichtet worden. Einzelne Arme des Flüsschens ziehen sich, einbetoniert in Kanälen, entlang der kopfsteingepflasterten Straßen. Die Graureiher fischen des Nachts darin, sie haben gelernt, dass das Licht der Straßenlaternen die Fische an die Wasseroberfläche lockt. Vielleicht sind die Naturgeister weniger flexibel?</p>



<p>Erst fand ich diese Perspektive bizarr. Aber meine tiefenpsychologisch-systemischen Interpretationen wären es umgekehrt für meinen Rinpoche. Wenn ich mein Zimmer verlasse und durch die dustere Wohnung wandere &#8211; was ich nur ungern und so wenig als möglich tue &#8211; frage ich mich jedesmal: &#8222;Was &#8222;sehe&#8220; ich wirklich? Wenn ich alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen von &#8222;richtig&#8220; und &#8222;falsch&#8220;, von &#8222;möglich&#8220; und &#8222;unmöglich&#8220; bei Seite lasse: Was ist es, womit ich seit einem Jahr zusammenlebe?</p>



<p>Es ist stark, merke ich jedesmal. Es ist bedrohlich. Es ist etwas, das wütend und gekränkt ist. Es sinnt auf Rache, kommt mir in den Sinn. </p>



<p>Während ich mir selbst beim Fühlen und Denken zusehe und -höre, schüttle ich den Kopf über mich. &#8222;Lass gut sein!&#8220;, ermahnt mich die Stimme der Vernunft.</p>



<p>Ich lasse es bleiben, es führt zu nichts. Dass mir die Khandro im Januar versichert hat, dass mich mein Vajra Armor-Mantra vor allen metaphysischen Bedrohungen schützt, beruhigt mich trotzdem. Solange ich es täglich praktiziere, hat sie mir erklärt, kann mir nichts passieren. Ich rezitiere es mehrmals am Tag. Mir geht es wie Nils Bohr mit dem umgedrehten Hufeisen. Es reicht mir, wenn mir gesagt wird, dass es hilft, selbst wenn ich nicht daran glaube&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-geister/">Einundzwanzig: Geister</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-geister/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Einundzwanzig: Streben</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-streben/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-streben/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Apr 2023 08:18:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1206</guid>

					<description><![CDATA[<p>Meine Gedanken krabbeln in chaotischem Durcheinander. Verzweifelt kämpft jeder einzelne um meine Aufmerksamkeit. &#8222;Schau mich an!&#8220;, schreit der eine. &#8222;Denk mich!&#8220;, der nächste. &#8222;Vergiss mich nicht!&#8220;, presst ein anderer hervor, während er &#8211; heftig um sich schlagend &#8211; versucht, an die Oberfläche zu gelangen. Ich sitze wie betäubt auf meinem Kissen. Was für ein Chaos! [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-streben/">Einundzwanzig: Streben</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-full is-resized"><img decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/Feuerkaefer-zwei.jpg" alt="" class="wp-image-1208" width="422" height="315" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/Feuerkaefer-zwei.jpg 946w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/Feuerkaefer-zwei-300x225.jpg 300w" sizes="(max-width: 422px) 100vw, 422px" /></figure>
</div>


<p>Meine Gedanken krabbeln in chaotischem Durcheinander. Verzweifelt kämpft jeder einzelne um meine Aufmerksamkeit.</p>



<p>&#8222;Schau mich an!&#8220;, schreit der eine. &#8222;Denk mich!&#8220;, der nächste. &#8222;Vergiss mich nicht!&#8220;, presst ein anderer hervor, während er &#8211; heftig um sich schlagend &#8211; versucht, an die Oberfläche zu gelangen.</p>



<p>Ich sitze wie betäubt auf meinem Kissen. Was für ein Chaos! &#8222;Warum&#8220; &#8211; herrsche ich meine Gedanken an &#8211; &#8222;könnt ihr nicht einfach Ruhe geben? Ich meditiere, verdammt noch mal!&#8220;</p>



<p>Sie wimmeln unbeeindruckt weiter. Was interessiert sie mein Seelenfrieden?</p>



<p>Ich weiß genau, was sie gerne hätten. Sie wollen sich auf einer To-do-Liste wiederfinden. Jeder einzelne ruft: &#8222;Nimm mich als Punkt eins! Nur wenn Du umsetzt, was ich Dir rate, wird alles gut werden!&#8220;</p>



<p>Mein Leben gliedert sich in zwei Zeitrechnungen &#8211; wie &#8222;vor Christi Geburt&#8220; und &#8222;nach Christi Geburt&#8220;. Bei mir ist es &#8222;bevor ich anfing, zu meditieren&#8220; und &#8222;nachdem ich anfing, zu meditieren.&#8220;</p>



<p>BCE nahm ich nicht stoisch jeden Morgen auf meinem Kissen Platz, sondern schrieb mit der gleichen Disziplin To-do-Listen.  Es dauerte auch ungefähr genauso lange, bis ich meine Gedanken katalogisiert, strukturiert und gewichtet hatte. Den Tag über war ich damit beschäftigt, eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Wenn ich am Abend, bevor ich ins Bett fiel, den letzten Punkt abhaken konnte, war es ein &#8222;guter Tag&#8220; gewesen. </p>



<p>Meist waren die Tage &#8222;schlecht&#8220;. Es lag nicht an meiner Planung: die war realistisch &#8211; unter der Voraussetzung, dass alles wie am Schnürchen klappen würde.</p>



<p>Dummerweise funktioniert das Leben selten &#8222;nach Plan&#8220;. Regelmäßig zerschellten alle Machbarkeitsphantasien an äußeren Widerständen.</p>



<p>Ein paar Wochen, nachdem ich angefangen hatte zu meditieren, hörte ich auf einmal meine innere Stimme. Die war schon immer da gewesen, wurde mir schockartig bewusst. Ich hatte sie nur noch nie wahrgenommen. Oder wohl besser: ich hatte sie nie wahrnehmen wollen! Nachvollziehbarer Weise: ihr Genöle war unerträglich. Es war mir höchst peinlich, als mir aufging, dass ich im Modus des Dauer-Jammerns vor mich hin lebte. </p>



<p>Leider sind Einsicht und Umsetzung zwei Paar Stiefel (zur Zeit habe ich es mit den Schuhen, ich weiß&#8230;)</p>



<p>Wie &#8222;Christi Geburt&#8220; brachte meine persönliche Zeitenwende nicht das messianische Zeitalter, sondern einfach nur den gleiche Käse auf höherem Erkenntnisniveau.</p>



<p class="has-text-align-left">Auch jetzt, nach Jahren auf meinem Kissen, falle ich immer noch regelmäßig darauf rein: ein Gedanke, der mir sagt, was ich wollen soll, damit ich glücklich bin, okkupiert meine Aufmerksamkeit. Ohne dass es mir bewusst ist, hat er mich in Geiselhaft genommen und zwingt mir einen Fokus auf, der nur noch auf die Erreichung eines bestimmten Ziels hin ausgerichtet ist. Ich entwickle Strategien, plane die nächsten Schritte &#8211; nur um damit konfrontiert zu werden, dass das Leben wieder mal nicht so will, wie ich es zu erzwingen versuche. Und &#8211; zack &#8211; leide ich. Aber wie! Ich kann ja so was von verzweifelt und hilflos sein! Was mir die böse böse Welt antut! Es macht mich fertig. Dabei wollte ich doch nur&#8230;.</p>



<p>Wenn ich Glück habe, fällt irgendwann der Groschen. Ich erkenne, dass ich mich wieder einmal selbst in den Höllen-Modus katapultiert habe. Zähneknirschend kehre ich zurück auf &#8222;Start&#8220;. </p>



<p>&#8222;Freiheit&#8220; &#8211; erklärte meine Zen-Lehrerin heute nach der Morgenmeditation im Tesho &#8211;  bedeute nicht, die freie Wahl zu haben. &#8222;Wahrhaftig frei sind wir, wenn wir annehmen können, was immer uns das Leben in diesem Augenblick schenkt.&#8220;</p>



<p>Klingt einfach. Die Umsetzung ist das Problem. </p>



<p>Es empfiehlt sich, die Herausforderung mit Humor zu nehmen. Bert Brecht konnte das, finde ich. Zum Beispiel in seinem &#8222;Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens&#8220; aus der Dreigroschenoper:</p>



<p> <em>Ja, renn&#8216; nur nach dem Glück<br>Doch renne nicht zu sehr<br>Denn alle rennen nach dem Glück<br>Das Glück rennt hinterher<br>Denn für dieses Leben<br>Ist der Mensch nicht anspruchslos genug<br>Drum ist all sein Streben<br>Nur ein Selbstbetrug</em>.</p>



<p>Wo er recht hat, hat er recht&#8230;.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-streben/">Einundzwanzig: Streben</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/einundzwanzig-streben/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwanzig: Mitgefühl</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-mitgefuehl/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-mitgefuehl/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Apr 2023 13:21:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1178</guid>

					<description><![CDATA[<p>&#8222;Welche Freude auch immer in der Welt ist, sie entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu machen. Welches Leiden auch immer in der Welt ist, es entsteht aus dem Wunsch sich selbst glücklich zu machen.&#8220; Ich arbeite mich wieder einmal an Shantideva ab. &#8222;Bodhicaryavatara&#8220;, die &#8222;Anleitung zum Leben als Bodhisattva&#8220;, ist fast eineinhalb tausend Jahre [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-mitgefuehl/">Zwanzig: Mitgefühl</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1177" width="371" height="494" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6643-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px" /></figure>
</div>


<p><em><sup>&#8222;Welche Freude auch immer in der Welt ist, sie entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu machen. Welches Leiden auch immer in der Welt ist, es entsteht aus dem Wunsch sich selbst glücklich zu machen.&#8220;</sup></em></p>



<p>Ich arbeite mich wieder einmal an Shantideva ab. &#8222;Bodhicaryavatara&#8220;, die &#8222;Anleitung zum Leben als Bodhisattva&#8220;, ist fast eineinhalb tausend Jahre alt. Die zeitliche Distanz ändert nichts an ihrer Schock-Wirkung. Radikaler &#8211; denke ich &#8211; geht es nicht. </p>



<p>Das Empfinden von Individualität und Getrenntheit ist Illusion. Um die absolute Verbundenheit mit allen Wesen zu erfahren, muss jede Form von Anhaftung &#8211; an den eigenen Körper, an Besitz, an Status, Liebe, Beziehungen &#8211; aufgegeben werden. Nur so kann das Leben als Boddhisattva gelingen. Wie das geht, beschreibt der Siddha in einer Drastik, die Luther vor Neid erblassen ließe. Und mit dem Charme einer Werbeagentur, die Rektruten für die Fremdenlegion sucht.</p>



<p>Es hilft nichts, nur so ist wahres Mitgefühl möglich: </p>



<p><em>&#8222;Deshalb gebe ich um der Linderung des eigenen Leidens willen und zur Linderung des Leidens der anderen diesen mein Ich, und ich nehme die anderen als mein Ich an.&#8220;</em></p>



<p>Es hat seinen Grund, warum ich mich gerade wieder mit Shantideva abmühe. Es fällt mir leicht, auf Distanz Mitgefühl mit Anderen zu haben: es berührt mich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die traurig, einsam und verzweifelt sind &#8211; solange es nichts mit mir zu tun hat und meine einzige Aufgabe darin besteht, mit ihnen mitzufühlen.</p>



<p>Aber sobald ich in dieses Leid involviert bin, tritt der Selbsterhalt an Stelle der Empathie. Wenn mir jemand vorzuschreiben versucht, wie ich zu leben, zu denken und zu fühlen habe, hört der Spaß auf! Der Andere wird zum absoluten Gegenüber. Die Idee, diesen tyrannischen Feind, der nicht weniger als die Vernichtung meines &#8222;Ich&#8220; anstrebt, als integralen Teil von mir anzusehen, löst nur Wut in mir aus. Nichts sonst. </p>



<p>Und umgekehrt lösen meine Versuche, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben, im Gegenüber diese rasende Wut aus &#8211; die mir in diesen Momenten aber völlig unverständlich ist! Ich erlebe mich in diesen Situationen nicht als tyrannisch &#8211; ich tue, was vernünftig ist.</p>



<p>&#8222;Haha!&#8220; Würde Shantideva &#8211; von dem ich mir immer denke, er müsse ein Mensch mit Humor gewesen sein &#8211; rufen. &#8222;Erwischt!&#8220;</p>



<p>Immer wenn wir antreten, das eigene Glück zu verteiden &#8211; weil wir sonst sterben, unglücklich sind, es uns zusteht, es nur so richtig ist &#8211; bringen wir Leid über uns und andere.</p>



<p>Und umgekehrt ist es genauso: sobald wir mit einem Gegenüber konfrontiert sind, das glaubt, sein eigenes Glück gegen uns verteidigen zu müssen, leiden wir &#8211; und der Andere.</p>



<p>Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem Leben zum Boddhisattva werde. Dafür bin ich viel zu egozentrisch. </p>



<p>Realistischerweise bleibt mir nur, was mein Zen-Lehrer vorschlägt: mich nicht so wichtig zu nehmen. Und im Alltag nicht immer in die Opfer-Rolle zu rutschen, wenn wieder mal ein Gegenüber denkt, sein persönliches Glück durchdrücken zu müssen. Hey, es hat nichts mit mir zu tun! </p>



<p>Ab und an schaffe ich es dann sogar, aus meinen Schuhen zu schlüpfen, in die des Anderen zu steigen und ein paar Schritte darin zu laufen. Und &#8211; ganz kurz &#8211; Mitgefühl zu empfinden für jemanden, den ich am liebsten erschießen würde.</p>



<p> Jedesmal begleitet von der verblüffenden Erkenntnis, wie sehr mich genau diese Haltung entspannt. Dummerweise hält sie nie lange an&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-mitgefuehl/">Zwanzig: Mitgefühl</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/zwanzig-mitgefuehl/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Neunzehn: Identität</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-identitaet/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-identitaet/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Apr 2023 08:31:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1167</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ich träume von Schuhen. Jede Nacht. In allen Variationen. Ich trage zwei verschiedene, ich trage falsche, zu kleine, zu große&#8230; Oder ich stehe vor Schuhgeschäften im Wissen, ich müsste mir welche aussuchen, aber kein Paar in der Auslage spricht mich an. Schuhträume sind Identitätsträume. &#8222;Wer bin ich?&#8220;, will die Seele wissen, wenn das Unbewusste sich [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-identitaet/">Neunzehn: Identität</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1166" width="371" height="494" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6651-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px" /></figure>
</div>


<p>Ich träume von Schuhen. Jede Nacht. In allen Variationen. Ich trage zwei verschiedene, ich trage falsche, zu kleine, zu große&#8230; Oder ich stehe vor Schuhgeschäften im Wissen, ich müsste mir welche aussuchen, aber kein Paar in der Auslage spricht mich an. </p>



<p>Schuhträume sind Identitätsträume.  &#8222;Wer bin ich?&#8220;, will die Seele wissen, wenn das Unbewusste sich mit der  &#8211; nur scheinbar banalen  &#8211; Frage nach der richtigen Fußbekleidung beschäftigt. </p>



<p>&#8222;I am Nobody. Who are you? Are you &#8211; Nobody &#8211; too?&#8220; </p>



<p>Mit &#8222;Nobody&#8220; als Selbstbeschreibung scheint mein Unbewusstes nichts anfangen zu können &#8211; auch wenn ich mich mit diesen Zeilen aus einem Gedicht von Emily Dickinson auf Facebook vorstelle. </p>



<p>Identität ist lediglich ein Konzept, heißt es im Zen. Verzichten können wir leider nicht darauf. „Wer ohne Ego ist, ist nicht erleuchtet, sondern psychisch krank&#8220;, sagt mein Zen-Lehrer dazu. Es ginge nicht darum, &#8222;Ego-los&#8220; zu werden, das wäre auch nur wieder Konzept. Eigene wie fremde Zuschreibungen nicht allzu ernst zu nehmen, sei die einzig vernünftige Lösung.</p>



<p>Die schwarze Göttin der Friedhöfe tanzt und tanzt in meinem Unterleib. Ich &#8222;sehe&#8220; Krodhi Kali jede Nacht im Schlaf. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen, die alle Negativität und Bösartigkeit zerschmettern.</p>



<p>Ich hatte meine Füße in Schuhe gezwängt, die mir zu eng waren. Mich zu Konzepten verurteilt, die mich klein gehalten haben. Nur selten kann die Negativität und Bösartigkeit, die uns Andere entgegen bringen, mit der konkurrieren, die wir für uns selbst bereit halten. </p>



<p>Die Herrin über Leben und Tod räumt auf. Sie macht selbst vor meinem Schuhregal nicht halt. Ich versuche, es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-identitaet/">Neunzehn: Identität</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/neunzehn-identitaet/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Achtzehn: Namaste</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/achtzehn-namaste/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/achtzehn-namaste/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Apr 2023 09:12:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1154</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ich zähle nicht mit, während ich auf ein &#8222;Bestätigen&#8220; nach dem anderen tippe. Es ist Donnerstagabend und damit Zeit für mein wöchentliches Facebook-Ritual: ich nehme alle Freundschaftsanfragen an. Auch die von Männern, deren Fotos mich zurückzucken lassen. Haben die keine Frau, Freundin, Schwester, Tochter &#8211; what´s ever &#8211; die ihnen sagt, dass dieses Profilbild indiskutabel [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/achtzehn-namaste/">Achtzehn: Namaste</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1153" width="395" height="527" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6624-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 395px) 100vw, 395px" /></figure>
</div>


<p>Ich zähle nicht mit, während ich auf ein &#8222;Bestätigen&#8220; nach dem anderen tippe. Es ist Donnerstagabend und damit Zeit für mein wöchentliches Facebook-Ritual: ich nehme alle Freundschaftsanfragen an. Auch die von Männern, deren Fotos mich zurückzucken lassen. </p>



<p>Haben die keine Frau, Freundin, Schwester, Tochter &#8211; what´s ever &#8211; die ihnen sagt, dass dieses Profilbild indiskutabel ist? Und ihnen, wenn sie auch in Natura so unglücklich aussehen, zeigt, wie Photoshop funktioniert? </p>



<p>Die wenigen Frauen, die mit mir befreundet sein wollen, wirken dafür umso hochglanzpolierter. Es gibt auch zu viel Photoshop, denke ich, während ich einer jungen Vietnamesin die Ehre meiner Freundschaft gewähre. </p>



<p>Den ganzen Abend und den nächsten Tag über erklingt in regelmäßigen Abständen &#8222;ping&#8220;: Wieder eine Nachricht auf Messenger, meldet mein Handy. Drei besonders verwegene neue &#8222;Freunde&#8220; versuchen, mich via Videoanruf zu erreichen. Jungs, das hier ist Facebook, nicht Tinder!</p>



<p>Freitagabend ziehe ich vor dem Schlafengehen Bilanz: vierundvierzig neue Chats. Und nicht nur das übliche &#8222;Hi&#8220;! Lesen sie in Indien meinen Blog? Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen: eine Frau, dreiundvierzig Männer. Was gegen die These spricht, dass es in Indien üblich ist, sich für das Annehmen der eigenen Freundschaftsanfrage zu bedanken.</p>



<p>Die einzige Frau im Chatverlauf ist Amerikanerin. Sie nimmt Bezug auf das Gedicht von Emily Dickinson, mit dem ich mich in meinem Facebook-Profil vorstelle. Das ist eine Antwort wert, beschließe ich, und formuliere einen dürren Satz, der nicht zu weiterer Konversation einlädt. Mein erstes Jahr als Single hat mich gelehrt, dass auch Frauen eindeutig zweideutige Absichten verfolgen können.</p>



<p>Danach gehe ich die Männer durch: einer ohne Profilbild erklärt mir, er wäre &#8222;empty space&#8220;. Ohne Anrede. Ich glaube es ihm sofort. </p>



<p>Außerdem sechs &#8222;Hello&#8220;, ein &#8222;Hallo&#8220;, drei &#8222;Hi&#8220;, einmal &#8222;Hru&#8220; (?), einmal &#8222;o&#8220; (?),  dazu noch &#8222;Hii&#8220;, &#8222;Hoi&#8220;, &#8222;Hoy&#8220;, &#8222;Hola&#8220; und &#8222;Hey&#8220;. Ein paar haben sich ein bisschen mehr Mühe gegeben und dem obligatorischen &#8222;Hi&#8220; meinen Vornamen angefügt. Des weiteren zwei  Mal &#8222;Namaste&#8220;, einer schickt ein kritisch guckendes Smiley und drei je einen hochgereckten Daumen. Die Frankreich-Fraktion schreibt, wie immer, &#8222;Bonjour&#8220;. Der einzige Italiener in der Runde schafft einen kompletten &#8211; netten &#8211; Satz: &#8222;Bounasera Katharina come stai spero tutto bene.&#8220; Dafür kriegt er ein &#8222;Grazie&#8220;</p>



<p>Einer schreibt &#8222;Hey Baby&#8220;, ein anderer garniert sein &#8222;Good morning, babe&#8220; mit einer tanzenden Hindu-Göttin. Etwas irritiert bin ich von &#8222;Yes Mam!&#8220; und von &#8222;Nmha Sivay Mom&#8220;. </p>



<p>Dark Rock hat mir einen Sticker geschickt, ein hüpfendes rosa Blümchen in Herzchenform, dazu &#8222;Greetings from the dark side of the moon.&#8220; </p>



<p>Einer aus Bombay und einer aus Kairo bedanken sich formell: &#8222;Thanks for accepting my friends request.&#8220;</p>



<p>So weit, so gut. </p>



<p>Ich lösche die Chats &#8211; an Konversationen mit &#8222;Freunden&#8220; bin ich nicht interessiert &#8211; und schaue, was die Neuerwerbungen posten. Fazit: alles völlig harmlos. Familienfotos, Gartenbilder, der üblichen Kitsch auf asiatisch: in Herzchenform drapierte Elefantenköpfe, schrill-bunte Hindu-Göttinnen, Sonnenuntergänge an Palmenstränden. Erstaunlich viele Bilder von Haustempeln mit appetitlich dekorierten Opfergaben. Die automatischen Übersetzungen aus dem Sanskrit sind noch mal wilder als die aus dem Polnischen. Und ich kriege jetzt Reels von ekstatisch zu Discomusik tanzenden jungen Indern mit Turban. </p>



<p>Maria würde sagen &#8222;Nice!&#8220;.</p>



<p></p>



<p></p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/achtzehn-namaste/">Achtzehn: Namaste</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/achtzehn-namaste/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Siebzehn: Goldene Eier</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-goldene-eier/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-goldene-eier/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2023 07:26:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1129</guid>

					<description><![CDATA[<p>&#8222;Sie kriegen heute was umsonst!&#8220; Als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, nickt die Verkäuferin hinter dem Tresen der Bäckerei bestimmt. &#8222;Sie haben&#8220;, sie wirft einen Blick auf den Display ihrer elektronischen Kasse, &#8222;zwanzig halbe Roggenbrote gekauft.&#8220; Das hat ihr wohl meine Kundenkarte verraten, die ich brav bei jedem Einkauf vorlege. Ich wäre nie auf die [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-goldene-eier/">Siebzehn: Goldene Eier</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-1024x768.jpeg" alt="" class="wp-image-1130" width="536" height="402" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-1024x768.jpeg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-300x225.jpeg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-768x576.jpeg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-1536x1152.jpeg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-2048x1536.jpeg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/IMG_6570-676x507.jpeg 676w" sizes="auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px" /></figure>
</div>


<p>&#8222;Sie kriegen heute was umsonst!&#8220; Als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, nickt die Verkäuferin hinter dem Tresen der Bäckerei bestimmt. &#8222;Sie haben&#8220;, sie wirft einen Blick auf den Display ihrer elektronischen Kasse, &#8222;zwanzig halbe Roggenbrote gekauft.&#8220; Das hat ihr wohl meine Kundenkarte verraten, die ich brav bei jedem Einkauf vorlege. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir eine zuzulegen, obwohl die Bäckereikette offensiv dafür wirbt. Eine besonders mütterliche Verkäuferin hatte im Winter darauf bestanden: bei dieser Inflation freue man sich doch über jeden Cent, den man sparen könne! </p>



<p>Ich bekomme mein halbes Brot seitdem um fünf Cent billiger und habe mir in drei Monaten einen satten Euro gespart! Dass ich jeden 21. Einkauf gratis bekomme, war mir nicht bewusst.</p>



<p>Ich bedanke mich und will mein halbes Brot einpacken. &#8222;Aber nein!&#8220;, ruft die Verkäuferin. &#8222;Sie können doch nicht nur ein halbes Brot nehmen, wenn sie einen Einkauf umsonst kriegen!&#8220; Ich sehe sie hilflos an. Ich kaufe hier nie etwas anderes als ein halbes Roggenbrot. &#8222;Nehmen sie doch zumindest noch das andere halbe!&#8220;, beharrt mein Gegenüber. </p>



<p>&#8222;Ich bin Single. So viel esse ich nicht.&#8220; Wie kommt es, dass ich hier meinen Beziehungstatus diskutiere? Die Verkäuferin ist unerschütterlich. &#8222;Sie können die andere Hälfte einfrieren!&#8220; </p>



<p>&#8222;Ich habe kein Tiefkühlfach.&#8220; Sie scheint mich nicht gehört zu haben. &#8222;Doch!&#8220;, beharrt sie, &#8222;Das geht gut. Wenn es aufgetaut ist, schmeckt es wie frisch.&#8220; </p>



<p>Die Verkäuferin wirft mir einen flehenden Blick zu. Ich bin konfus. Warum lässt sie mich nicht einfach mit meinem halben Gratis-Brot von dannen ziehen? Sie ist es wohl gewohnt, ihre Backwaren gegen fordernde Kunden verteidigen zu müssen, die in ihrem inflationsgetriebenen Sparwillen austesten, wo die Grenzen des Kundenkarten-Bonus liegen.  Jemand wie ich scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein. </p>



<p>&#8222;Ich wohne zur Untermiete und habe noch nicht mal einen richtigen Kühlschrank,&#8220; fühle ich mich bemüsigt ihr zu erklären. &#8222;Nur einen Campingkühlschrank!&#8220; Innerlich schüttle ich den Kopf. Ich wollte einfach nur ein halbes Brot kaufen! Statt dessen gebe ich nach meinem Beziehungstatus jetzt auch noch meine Wohnsituation preis.</p>



<p>Die Verkäuferin mustert mich verblüfft. Ich scheine nicht den Eindruck einer Frau zu machen, die knapp oberhalb der Obdachlosigkeit lebt. &#8222;So lasse ich sie nicht gehen!&#8220;, sagt sie bestimmt. &#8222;Irgendwas müssen sie noch mitnehmen!&#8220; Sie ist jung und schön, das ist mir schon beim Betreten des Ladens aufgefallen. Und sie hat umwerfende grüne Augen. Das merke ich erst jetzt. Aus denen wirft sie mir einen flehenden Blick zu. &#8222;Sie machen mich sonst unglücklich!&#8220;</p>



<p>Das will ich auf keinen Fall! Verzweifelt inspiziere ich die Auslage. &#8222;Dann geben sir mir doch noch ein Stück Kuchen.&#8220; Ich deute aus einem Impuls heraus auf den Zupfkuchen, der so schön gelb und braun vor mir leuchtet. Die Verkäuferin nickt erleichtert und packt  &#8211; zu meinem Entsetzen &#8211; nicht ein, sondern gleich zwei Stücke ein. Ich stopfe Brot und Kuchen in meinen Rucksack, bedanke mich herzlich und eile mit einem Seufzer der Erleichterung hinaus.</p>



<p>Auf dem Gehsteig rufe ich Maria an. Sie wohnt gleich hinter der Bäckerei. Ob ich ihr zwei Stück Zupfkuchen vorbei bringen dürfe? Sie wäre &#8222;realy sorry&#8220;, teilt sie mir mit, &#8222;but no.&#8220; Ich hatte es schon befürchtet.</p>



<p>Ich bin der Schrecken aller Gastgeber: ich esse kein Fleisch, meide Gluten und Zucker. Das letzte, wofür ich mich begeistern kann, ist Kuchen. Wegwerfen will ich den Zupfkuchen der schönen Verkäuferin aber auch nicht. Während ich auf dem Rückweg ins Untermietzimmer vor mich hin grüble, kommt mir eine abgerissene Gestalt entgegen. Ein großer hagerer Mann, der sich mit der rechten Hand bei jedem Schritt auf einer Krücke abstützt, sein fandenscheiniger Mantel flattert um die langen Beine. Als ich auf gleicher Höhe mit ihm bin, spricht er mich an und hält mir seine Hand hin.</p>



<p>&#8222;Ich habe was für sie!&#8220;, erkläre ich ihm entschieden, lasse den Rucksack von meiner Schulter gleiten, hole das Päckchen der grünäugigen Verkäuferin heraus und drücke es ihm in die Hand. &#8222;Da! Zwei Stück Zupfkuchen!&#8220;</p>



<p>&#8222;Ich war nur der Bote!&#8220;, denke ich mir im Weiterlaufen, während ich den verblüfften Blick des Mannes im Rücken spüre. „Der Kuchen war garnicht für mich. Der war von Anfang an für den da.“</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-goldene-eier/">Siebzehn: Goldene Eier</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/siebzehn-goldene-eier/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sechzehn: &#8222;Stop Thinking!&#8220;</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/sechzehn-stop-thinking/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/sechzehn-stop-thinking/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Apr 2023 18:40:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1113</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wenn ich erzähle, dass ich gerade die Autobiographie von Andre Agassi lese, kommt jedes Mal wie aus der Pistole geschossen: &#8222;Der hat Steffi Graf geheiratet!&#8220; Ob das auch der erste Gedanke ist, der Amerikanern in den Sinn kommt, wenn sie &#8222;Andre Agassi&#8220; hören? Ich interessiere mich nicht für Tennis. Meine kurze Tennis-Karriere endete mit der [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/sechzehn-stop-thinking/">Sechzehn: &#8222;Stop Thinking!&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1112" width="347" height="462" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6248.jpg 1817w" sizes="auto, (max-width: 347px) 100vw, 347px" /></figure>
</div>


<p>Wenn ich erzähle, dass ich gerade die Autobiographie von Andre Agassi lese, kommt jedes Mal wie aus der Pistole geschossen: &#8222;Der hat Steffi Graf geheiratet!&#8220;</p>



<p>Ob das auch der erste Gedanke ist, der Amerikanern in den Sinn kommt, wenn sie &#8222;Andre Agassi&#8220; hören?</p>



<p>Ich interessiere mich nicht für Tennis. Meine kurze Tennis-Karriere endete mit der Trennung meiner Eltern. Der Auszug meines Vaters erlöste mich von der Pflicht, meinen Status als gehobenes Mittelschichtskind auf dem roten Sandplatz des örtlichen Tennisvereins verteidigen zu müssen. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung: nichts hatte mich mehr angeödet, als in Bruthitze kleine Filzbälle über viel zu hohe Netze schlagen zu müssen. Ich war klein und zierlich, außerdem fehlte mir jeder Killerinstinkt. Wenn der Ball ins Aus ging, gut, dann war er im Aus. Kein Grund, sich deswegen einen Kopf zu machen.</p>



<p>Meinen Vater machte es rasend. Was ich nicht verstand: wenn ich außerhalb des Court Initiative und Eigenwille an den Tag legte, ließen seine Wutanfälle die Wände unseres gepflegten Einfamilienhauses zittern. Es dauerte Jahre, bis mir klar wurde, dass ich meine Tennis-Qualen Steffi Graf zu verdanken hatte. Es war en vouge, eine sportliche Tochter zu haben, da wollte mein Vater nicht nachstehen. Dass Steffi jenseits des Turnierplatzes still, bescheiden, blond und hübsch war, machte das Ziel sicher noch erstrebenswerter. </p>



<p>Diese längst vergessene Episode meiner Kindheit kommt mir wieder in den Sinn, während ich Agassis Buch lese. Es wurde von dem selben Ghostwriter geschrieben, der auch die aktuelle Autobiographie von Prinz Harry verfasste, hatte ich in meiner Tageszeitung gelesen. Und dass dieser Ghostwriter &#8211; ein bekannter Journalist &#8211; spezialisiert wäre auf Lebensläufe von Männern, die alle dem selben archetypischen Muster folgen würden: sie wären von starken Frauen befreit worden. </p>



<p>Das finde ich interessant. Ich schreibe schließlich Geschichten. Wie alle Autoren kenne ich den Mythos der &#8222;Heldenreise&#8220; des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell. Unzählige Disney-Movies und Hollywood-Blockbuster sind nach diesem Urmuster gestrickt, dass Campbell &#8211; in Anlehnung an C.G. Jung &#8211; als Archetypus definierte, der die Menschheit seit den Anfängen der Kultur begleitet.  Der männliche Held muss die Heimat verlassen, eine harte Initiation durchstehen, sich &#8211; unterstützt von Weisen und Magiern &#8211; inneren wie äußeren Schatten und Verführungen stellen, um schließlich siegreich und gereift nach Hause zurück zu kehren. </p>



<p>Nirgends steht, dass der Held von einer starken Frau befreit werden muss.</p>



<p>Prince Harry interessiert mich nicht. Mit Agassi kann ich was anfangen &#8211; er hat Steffi Graf geheiratet. Also lese ich &#8222;Open&#8220;, erschienen 2010. </p>



<p>Zusammenfassung: ein intelligenter sensibler Junge wird von seinem narzisstischen Vater mit extremer Brutalität vom Kleinkindalter an auf eine Tenniskarriere vorbereitet, landet mit dreizehn Jahren in einem sadistischen Tennis-Bootcamp, bricht mit fünfzehn die Schule ab und wird Profi, unterhält und verstört die Welt mit pubertärem Rebellentum, erlebt Höhenflüge und Abstürze, findet irgendwann einen guten Ersatzvater, entdeckt, dass sein Lebenssinn darin liegt, anderen zu helfen und erobert &#8211; nach Jahren des erfolglosen Werbens &#8211; seine Steffi. </p>



<p>Es ist die klassische Heldenreise! Inklusive Magie &#8211; sein zweiter Trainer ist hellsichtig, immer wieder geschieht etwas in Andres Leben, das man auch unter &#8222;Wunder&#8220; laufen lassen könnte.</p>



<p>Das Spezielle ist wohl, dass ihm die Prinzessin &#8211; die er über Jahre liebt und die ihm eisern die kalte Schulter zeigt und erst bereit ist, sich erobern zu lassen, als er seinen Lebenssinn gefunden hat &#8211; überlegen ist.  </p>



<p>Agassi kann acht Grand-Slam-Titel vorweisen, Steffi zweiundzwanzig. Agassi war 101 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste, Steffi 377 Wochen. Bezeichnend eine Szene während ihres zweiten Dates: Sie erzählt ihm, dass sie mit dem Deutschen Leichtathletik-Kader 800-Meter-Läufe trainiert. Was ihre Bestzeit wäre, fragt Agassi. Das will sie ihm nicht sagen.  Statt dessen schlägt sie ihm ein Wettrennen vor &#8211; das er prompt verliert. Es stört ihn nicht. Genauso wenig, wie es ihn erschüttert, dass sie ihn bei Trainingseinheiten auf dem Tennisplatz regelmäßig düpiert. Im Gegenteil: er ist stolz auf sie!</p>



<p>Was ihn am meisten an ihr beeindruckt, ist &#8211; neben ihrer persönlichen Integrität (und ihren Beinen) &#8211; ihre Fähigkeit, sich nicht von Rückschlägen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Stoisch zieht sie ihr Ding durch, egal was passiert. Das kann er nicht, es ist seine Achillessehne: regelmäßig erleidet er Niederlagen in Spielen, die er hätte gewinnen können, weil er sich von Punktverlusten den Schneid abkaufen lässt. Seitenlang geht es in dem Buch darum, wie sein Trainer und er versuchen, gedankliche Losungen zu finden, die ihn wieder auf die richtige Spur bringen. Meist vergebens.</p>



<p>Als er mit Steffi darüber spricht, meint sie trocken: &#8222;Stop thinking! Feeling is the thing. FEELING!&#8220; Das hat ihm vor ihr noch keiner gesagt. Er dachte immer, es gehe darum, die falschen destruktiven Gedanken auszumerzen und durch die richtigen zu ersetzen. Das findet Steffi albern. Es führe ins Nichts. Es gehe darum zu akzeptieren, dass er fühlt, was er fühlt. Er ist schwer beeindruckt. Und beschließt, zu seinen Emotionen zu stehen. </p>



<p>Der kluge Andre Agassi hat eine Zen-Lehrerin geheiratet. Sie scheinen immer noch glücklich miteinander zu sein&#8230;</p>



<p></p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/sechzehn-stop-thinking/">Sechzehn: &#8222;Stop Thinking!&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/sechzehn-stop-thinking/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fünfzehn: Öffnen</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-oeffnen/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-oeffnen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Apr 2023 07:15:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1100</guid>

					<description><![CDATA[<p>Im Clara-Park flattert etwas Grünes an einem Baum. Es ist ein gefalteter Notizzettel, sehe ich im Näherkommen. &#8222;Öffne mich!&#8220; lese ich. Das finde ich witzig. Ich klappe das Papier auf: &#8222;Folge dem Licht Deines Herzens&#8220;, wird mir mitgeteilt. Aha. Während ich meinen Wolf beobachte, der konzentriert schnuppernd unsichtbaren Fährten auf dem Rasen nachspürt, denke ich [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-oeffnen/">Fünfzehn: Öffnen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="wp-block-image">
<figure class="aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-1099" width="370" height="493" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6577-1-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px" /></figure>
</div>


<p>Im Clara-Park flattert etwas Grünes an einem Baum. Es ist ein gefalteter Notizzettel, sehe ich im Näherkommen. &#8222;Öffne mich!&#8220; lese ich. Das finde ich witzig. Ich klappe das Papier auf: &#8222;Folge dem Licht Deines Herzens&#8220;, wird mir mitgeteilt. Aha.</p>



<p>Während ich meinen Wolf beobachte, der konzentriert schnuppernd unsichtbaren Fährten auf dem Rasen nachspürt, denke ich über die beiden Botschaften nach. Ob dem unbekannten Schreiber bewusst war, dass er mit den Forderungen &#8222;sich zu öffnen&#8220; und gleichzeitig &#8222;dem Licht seines Herzens zu folgen&#8220; Widersprüchliches verlangt?</p>



<p>Ich lasse den grünen Zettel hinter mir, trete wieder auf den Weg und wandere weiter durch den Park. Um mich Pärchen, Eltern mit Kindern. Auf den Grünflächen lagern Grüppchen von Menschen, die &#8211; plaudernd, musizierend, mit einander spielend &#8211; einen der ersten warmen Frühlingstage genießen. </p>



<p>Ich bin allein unterwegs, begleitet nur von meinem Schattentier. Ich &#8222;folge dem Licht meines Herzens&#8220;, auch wenn ich es nicht so dramatisch ausdrücken würde. Mich &#8222;zu öffnen&#8220; &#8211; fürchte ich &#8211; würde dem im Wege stehen.</p>



<p>Seit letztem Sommer bin ich auf Facebook. Mit Widerwillen, aber es war unvermeidlich. Seit ich &#8222;dem Licht meines Herzens folge&#8220;, bewege ich mich in Subkulturen, die vorzugsweise dort ihre Infos posten. Die Gothic-Scene lädt zu schrägen Festen ein, die Barock-Community zu Bällen in die hintersten Ecken der Republik und die weltweit vernetzten Tantra-Leute sind ebenfalls in Scharen dort unterwegs. Ich erstellte ein möglichst nichtssagendes Profil, lud zwei Photos hoch und harrte der Dinge, die da kommen würden. Zu meinem Erstaunen wurde ich augenblicklich überrannt mit &#8222;Freundschaftsanfragen&#8220;. Fast ausschließlich von Männern. </p>



<p>&#8222;Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten&#8220;, heißt es im Zen. Wie übersetze ich das in Social Networking? Ich beschloss, alle Anfragen anzunehmen  &#8211; &#8222;wer kommt, ist willkommen&#8220; &#8211; egal wie schräg die Photos aussehen &#8211; und abzuwarten, was passiert. </p>



<p>Erkenntnis Nummer eins: der globale Durchschnittsmann eröffnet eine Konversation via Messenger üblicherweise mit &#8222;Hi&#8220; &#8211; und sonst nichts. Es gibt nationale Besonderheiten, Franzosen z.B. schreiben stur &#8222;Bonjour&#8220;. Entweder sie sind des Englischen nicht mächtig oder darüber erhaben, ich weiß es nicht. Nepalesen und Inder bevorzugen das formellere &#8222;Hello&#8220;. Männer aus dem arabischen Sprachraum tendieren zu ungebetenen Komplimenten wie &#8222;You are so beauteful&#8220; oder &#8222;You are amazing&#8220;. Ungeschickter geht es nicht. Das war es dann aber auch schon an kulturellen Akzentuierungen.</p>



<p>Jede Initiativnachricht via Messenger, die impliziert, ich müsse emotional in Vorleistung gehen &#8211; beschloss ich &#8211; läuft unter &#8222;wer geht, wird nicht aufgehalten&#8220;. Der Chat-Verlauf wird umstandslos gelöscht, die betreffenden Herren fliegen wieder aus der Freundschaftsliste. Ich handhabe meinen Facebook-Account inzwischen möglichst ökonomisch: einmal in der Woche nehme ich alle Freundschaftsanfragen an, am nächsten Tag bin ich einen Abend lang damit beschäftigt, alle &#8222;Hi&#8220;-Kontakte zu löschen und im Laufe der nächsten Tage auch noch alle, die nicht persönlich mit mir in Kontakt getreten sind, aber Indiskutables posten. Meine Taktik, Zen auf Facebook zu praktizieren, ist extrem zeitaufwendig, des Öfteren frustrierend &#8211; und ob es wirklich meiner Erleuchtung dient, steht in den Sternen.</p>



<p>Aber, Erkenntnis Nummer Zwei: die schönsten und überraschensten Posts verdanke ich Herren, deren Freundschaftsanfragen ich sicher nie angenommen hätte, würde ich selektieren. Dem in Norwegen lebenden Ägypter, der sich nur für Sex und Kiffen zu interessieren scheint, aber phantastische Fotos postet. Zwischendurch schüttle ich über seine Sprüche den Kopf, aber er ist einer von wenigen, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt und richtig witzig sein kann.</p>



<p>Oder der kleine runde Pole mit der Barock-Perücke aus Danzig: er wohnt original 18. Jahrhundert, liebt &#8211; neben seiner Frau &#8211; Desserts in allen Variationen und hat zwischendurch Kluges über die Welt und das Leben zu sagen, auch wenn der automatische Übersetzer oft die schrägsten Texte aus dem polnischen Original fabriziert. Ich kenne ihn nicht, aber alle Zeichen lassen sich nur so deuten, dass er ein ausgesprochen liebenswerter und gutherziger Mensch ist. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sind seine banalen Alltagsposts immer ein Trost für mich. Er kriegt ganz viele Likes von mir und hat mir umgekehrt &#8211; auf Englisch &#8211; zum Geburstag gratuliert. </p>



<p> Es ist immer eine Gratwanderung zwischen &#8222;dem eigenen Licht zu folgen&#8220; und &#8222;sich zu öffnen&#8220;. Wann wird aus &#8222;Innerer Führung&#8220; sturer Eigenwille? Und umgekehrt: Ab welchem Punkt sind Einflüsse von Außen keine Bereicherung mehr, sondern nur noch Ablenkung? Eine schlüssige Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden. Ich laviere, etwas besseres fällt mir nicht ein&#8230;</p>



<p> </p>



<p></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-oeffnen/">Fünfzehn: Öffnen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-oeffnen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vierzehn: Orichiw</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-orichiw/</link>
					<comments>https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-orichiw/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2023 12:16:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.water-runs-east.eu/?p=1084</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Kaffeetasse in der Hand lese ich meine Tageszeitung. An einer Landkarte, die unter einem Artikel über den Ukraine-Krieg abgedruckt ist, bleibt mein Blick hängen. Automatisch suche ich nach Saporischschja, Marias Heimatstadt. Seit wir befreundet sind, steht und fällt nicht nur ihre, sondern auch meine Stimmung mit dem Schicksal der fernen Metropole am Dnipro. Wenn [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-orichiw/">Vierzehn: Orichiw</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-1086" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/04/img_6416-676x507.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p>Die Kaffeetasse in der Hand lese ich meine Tageszeitung. An einer Landkarte, die unter einem Artikel über den Ukraine-Krieg abgedruckt ist, bleibt mein Blick hängen. Automatisch suche ich nach Saporischschja, Marias Heimatstadt. Seit wir befreundet sind, steht und fällt nicht nur ihre, sondern auch meine Stimmung mit dem Schicksal der fernen Metropole am Dnipro. Wenn dort wieder einmal ein Wohnblock von Bomben oder Raketen getroffen wird, sind wir beide über Tage bedrückt. Maria, weil sie von Angst um ihre Familie und Schuldgefühlen gequält wird, und ich &#8211; so denke ich &#8211; aus Solidarität.</p>



<p>Meine Augen wandern vom schwarzen Punkt mit der Aufschrift &#8222;Saporischschja&#8220; ein kleines Stück nach unten &#8211; und bleiben bei Orichiw&#8220; hängen.</p>



<p>Auf einmal glaube ich die Stimme meines verstorbenen Großvaters zu hören. Es ist, als würde er aus dem, kurz vor seinem Tod verfassten, Lebenslauf zitieren: &#8222;10.10.1943: ca. 6 km ostwärts Orechov (bei Saporroschje-Dnjepopetroysk) durch Granatwerfer am Kopf verwundet&#8220;</p>



<p>Die kleine Landkarte in meiner Tageszeitung zeigt den aktuellen Frontverlauf im Süden der Ukraine &#8211; und die Befestigungsanlagen der russischen Besatzer. &#8222;6 km ostwärts Orechov&#8220; hatte mein Großvater geschrieben. Von Saporischschja in die Kleinstadt Orichiw (russisch &#8222;Orechov&#8220;) sind es siebenundfünfzig Kilometer, informiert mich Wikipedia. Ich schätze die Distanzen auf der Karte ab: sechs Kilometer &#8211; denke ich mir &#8211; zwischen dem kleinen schwarzen Punkt auf der Karte neben dem Ortsnamen &#8222;Orichiw&#8220; und dem dicken roten Streifen, der östlich davon die russischen Panzersperren und -Gräben symbolisiert, sind realistisch.</p>



<p>In sechs Monaten wird es achzig Jahre her sein, dass mein Großvater genau an diesem Ort während einer Panzerschlacht schwer verwundet wurde. Mehr als 2200 Kilometer östlich seiner bayerischen Heimat, irgendwo in den unendlichen Weiten der damaligen Sowjetunion.</p>



<p>Das Schicksal und die Weltpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts hatten ihn mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren aus seinem vorbestimmten Dasein als katholischen Gemeindepfarrer heraus- und in die Brutalität eines völkerrechtswidrigen Krieges hineinkatapultiert.</p>



<p>Ohne den Krieg gäbe es mich nicht: mein Großvater verlor an der Ostfront nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen Glauben. Als er &#8211; an Körper und Seele schwer gezeichnet &#8211; wieder in seine bayerische Voralpenidylle zurückkehrte, war nichts mehr für ihn, wie es vorher gewesen war. Er schloss sein Theologiestudium nie ab. Statt dessen wurde er Beamter und gründete eine Familie. Erzkonservativ blieb er. Als mein Vater &#8211; mit ebenfalls vierundzwanzig Jahren &#8211; unbedachterweise ein Kind zeugte, bestand mein Großvater darauf, dass er die schwangere Freundin zu heiraten hätte. Zum Ausgleich bot er an, das Kind bei sich aufzunehmen. Ich wuchs während der ersten vier Lebensjahre bei meinen Großeltern auf. Sie lehrten mich Beten. Obwohl er den seinen verloren hatte, war es für meinen Großvater unvorstellbar, ein Kind ohne Glauben aufwachsen zu lassen.</p>



<p>Acht Jahrzehnte später wird ein anderer völkerrechtswidriger Krieg Millionen von ukrainischen Frauen und Kinder zur Flucht zwingen. Eine davon ist Maria, der ich auf seltsame Weise in einem Park in Leipzig begegnen bin. Ihre Familie lebt seit mehreren Generationen in Saporischschja. Sie kennt Orichiw gut, hat sie mir erzählt. Es wäre eine nette Kleinstadt direkt an der Kinska, einem Nebenfluss des Dnipro. </p>



<p>Ohne den Krieg gäbe es mich so wenig, wie die Freundschaft zwischen Maria und mir. </p>



<p>&#8222;Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien,&#8220; schrieb Heraklit vor 2.500 Jahren.</p>



<p>Eine zeitlose Wahrheit, so bitter sie auch ist.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-orichiw/">Vierzehn: Orichiw</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">This Water runs East</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-orichiw/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
