Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

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Zweiundzwanzig: Rorschach-Test

Bruce Springsteen schreibt in seiner Autobiographie, er hätte irgendwann eingesehen, dass seine Songs „musikalische Rorschach-Tests“ wären.

Der berühmteste davon ist „Born in the U.S.A.“. Die Konservativen lieben diesen Song! Donald Trump ließ ihn bei Auftritten spielen, obowohl Springsteen öffentlich Hillary Clinton unterstützte. Ronald Reagan machte mit ihm – und dem Verweis auf den Patrioten Springsteen – Wahlkampfwerbung. Der Hit gilt in der Fachpresse als „one of the most misunderstood songs in history“.

Der Refrain ist aber auch zu verführerisch! Dass es in dem Songtext um einen traumatisierten Vietnam-Veteranen geht, der – von der Politik im Stich gelassen – am untersten Rand der Gesellschaft vor sich hin vegetiert, scheint auf konservativer Seite nur den wenigsten aufzustoßen.

Springsteen meint dazu, er schreibe seine Texte für ein Publikum, von dem er annimmt, dass es mit der selben Sorgfalt zuhört, mit der er seine Worte wählt. Es wäre ein langer Prozess gewesen, bis er für sich akzeptieren konnte, dass die Leute hören, was sie hören wollen.

Das ist der Preis für seine Ambiguität. Gerade diese Ambivalenz, die seinen Texten Tiefe und Unmittelbarkeit gibt, lädt dazu ein, nur die eine Seite zu sehen und die andere auszublenden. Der desillusionierte Vietnam-Veteran ist – trotz allem, was ihm sein Land angetan hat – Patriot geblieben. Deshalb passt der mit so viel Kraft und Stolz vorgetragene Refrain so gut zum bitteren Text. Und wer weiß, was der Ich-Erzähler damals in Vietnam nicht nur selbst erlitten hat, sondern andere hat erleiden lassen?

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, gut oder böse. So einladend und entlastend es ist, Menschen, Taten, Ereignisse zu katalogisieren, so sehr widerspricht es der Komplexität und Vielschichtigkeit der Realität.

Ich denke, für viele Fans ist die Annäherung an diese Wahrheit ein lebenslanger Prozess. Die Songs von Springsteen begleiten sie „from cradle to grave“. Sie hörten sie als Kinder auf den Rückbänken der Autos ihrer Eltern. Später laufen seine Hits während sie, die eigenen Kinder im Font, selbst am Steuer sitzen. Der eine oder andere – denke ich – hat irgendwann in einem stillen Moment an der roten Ampel auf einmal angefangen so zuzuhören, wie es sich der Boss wünscht. Und ist um eine tiefe Erkenntnis reicher geworden.

So läuft das mit Einsichten. Sie lassen sich weder erzwingen noch verordnen. Sie sind immer ein Geschenk – für beide Seiten.

Einundzwanzig: Geister

Was wohl mein nepalesischer Rinpoche „sehen“ und schlussfolgern würde, käme er in die verwunschene Wohnung im Leipziger Waldstraßenviertel, in der ich ein Zimmer bewohne?

„Ist das duster hier!“, bekam ich von einer Freundin zu hören. „Was für eine gruselige Atmosphäre!“, meinte eine andere. Dabei bin ich von Kunst umgeben: riesige bemalte Leinwände im Flur, Siebdrucke im Badezimmer, Radierungen auf der Toilette. Alles schwarz und bedrohlich: Menschenfresser, Gefangene, Gefolterte. Auf dem Duschvorhang der Schattenriss einer Hexe, die – den spitzen Dolch erhoben – nur darauf wartet, zuzustechen. So auffällig wie das Anwesende ist das Abwesende. Alles hier scheint nur aus Leerstellen und Symbolik zu bestehen – begleitet von dröhnender Sprachlosigkeit.

Was ist das, was mich tagein, tagaus umgibt?

Als ich im Januar letzten Jahres, nach dem Vorstellungsgespräch für mein Untermietzimmer, das schöne Art-Deco-Treppenhaus hinunterlief, kam mir in den Sinn, dass nicht nur die Wohnung, sondern das ganze Haus und alle Bewohner darin, verzaubert sein müssen.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: der nette Hausbesitzer erinnert mich mit seinem langen Bart und seiner gebeugten Erscheinung bei jeder Begegnung an Herrn Turtur, den Scheinriesen aus „Jim Knopf“. Ich bin jedesmal erstaunt, dass er nicht größer ist als ich, obwohl er die Statur eines mächtigen Mannes hat. Er wirkt als wäre er von Spinnenweben bedeckt. Seine Frau pflegt, den Kopf gesenkt, den Garten im Innenhof. Sie spricht nicht und nimmt nie Blickkontakt auf, selbst wenn sie gegrüßt wird. Im Haus herrscht seltsame Stille. Bei Begegnungen höre ich freundlich „Guten Tag“. Und doch kommt es mir vor, als würden alle in Luftblasen die Treppen hinauf und hinunter schweben.

Das Waldstraßenviertel ist das „jüdische Viertel“ der Stadt. Fast kein Haus, vor dem nicht glänzende „Stolpersteine“ an die ehemaligen Bewohner erinnern, die in Auschwitz, Theresienstadt oder Buchenwald ermordet wurden. Ob es ihre Geister sind, mit denen ich zusammenlebe?

Für meinen nepalesischen Rinpoche ist es selbstverständlich, dass wir von schwachen unsichtbare Wesen, Geistern und Götter verschiedenster Klassen umgeben sind. Es ist seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen und übernatürliche Geschöpfe in Frieden koexistieren können. Regelmäßig wird er aus seinem quierligen Kathmandu in entlegene Bergdörfer gerufen, weil ein erzürnter Naturgeist oder eine nicht angemessen behandelte regionaler Gottheit den Bewohnern das Leben schwer macht. Dann ist er über Tage damit beschäftigt, herauszufinden, was die Ursache der Verwerfungen ist und die entsprechenden Riten zu vollziehen, um wieder alles ins Gleichgewicht zu bringen.

Die amerikanische Khandro hat uns im Januar erklärt, dass meist gekränkte Naturgeister für Unglück an bestimmten Orten verantwortlich sind. Wenn sie schlecht behandelt, oder ihnen die angemessenen Opfer dafür, dass man in ihren Grenzen lebt, verwehrt werden, wenden sie sich gegen die Menschen. Es kann der Geist eines Berges sein, der bebaut, der Geist eines Flusses, der begradigt oder zugeschüttet wurde. Sie sind zurecht verärgert über die schlechte Behandlung, die ihnen angetan wurde und lassen es die Verursacher und ihre Nachkommen spüren.

Das Waldstraßenviertel ist auf einem Sumpfgebiet errichtet worden. Einzelne Arme des Flüsschens ziehen sich, einbetoniert in Kanälen, entlang der kopfsteingepflasterten Straßen. Die Graureiher fischen des Nachts darin, sie haben gelernt, dass das Licht der Straßenlaternen die Fische an die Wasseroberfläche lockt. Vielleicht sind die Naturgeister weniger flexibel?

Erst fand ich diese Perspektive bizarr. Aber meine tiefenpsychologisch-systemischen Interpretationen wären es umgekehrt für meinen Rinpoche. Wenn ich mein Zimmer verlasse und durch die dustere Wohnung wandere – was ich nur ungern und so wenig als möglich tue – frage ich mich jedesmal: „Was „sehe“ ich wirklich? Wenn ich alle Konzepte, Ideen, Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“, von „möglich“ und „unmöglich“ bei Seite lasse: Was ist es, womit ich seit einem Jahr zusammenlebe?

Es ist stark, merke ich jedesmal. Es ist bedrohlich. Es ist etwas, das wütend und gekränkt ist. Es sinnt auf Rache, kommt mir in den Sinn.

Während ich mir selbst beim Fühlen und Denken zusehe und -höre, schüttle ich den Kopf über mich. „Lass gut sein!“, ermahnt mich die Stimme der Vernunft.

Ich lasse es bleiben, es führt zu nichts. Dass mir die Khandro im Januar versichert hat, dass mich mein Vajra Armor-Mantra vor allen metaphysischen Bedrohungen schützt, beruhigt mich trotzdem. Solange ich es täglich praktiziere, hat sie mir erklärt, kann mir nichts passieren. Ich rezitiere es mehrmals am Tag. Mir geht es wie Nils Bohr mit dem umgedrehten Hufeisen. Es reicht mir, wenn mir gesagt wird, dass es hilft, selbst wenn ich nicht daran glaube…

Einundzwanzig: Streben

Meine Gedanken krabbeln in chaotischem Durcheinander. Verzweifelt kämpft jeder einzelne um meine Aufmerksamkeit.

„Schau mich an!“, schreit der eine. „Denk mich!“, der nächste. „Vergiss mich nicht!“, presst ein anderer hervor, während er – heftig um sich schlagend – versucht, an die Oberfläche zu gelangen.

Ich sitze wie betäubt auf meinem Kissen. Was für ein Chaos! „Warum“ – herrsche ich meine Gedanken an – „könnt ihr nicht einfach Ruhe geben? Ich meditiere, verdammt noch mal!“

Sie wimmeln unbeeindruckt weiter. Was interessiert sie mein Seelenfrieden?

Ich weiß genau, was sie gerne hätten. Sie wollen sich auf einer To-do-Liste wiederfinden. Jeder einzelne ruft: „Nimm mich als Punkt eins! Nur wenn Du umsetzt, was ich Dir rate, wird alles gut werden!“

Mein Leben gliedert sich in zwei Zeitrechnungen – wie „vor Christi Geburt“ und „nach Christi Geburt“. Bei mir ist es „bevor ich anfing, zu meditieren“ und „nachdem ich anfing, zu meditieren.“

BCE nahm ich nicht stoisch jeden Morgen auf meinem Kissen Platz, sondern schrieb mit der gleichen Disziplin To-do-Listen. Es dauerte auch ungefähr genauso lange, bis ich meine Gedanken katalogisiert, strukturiert und gewichtet hatte. Den Tag über war ich damit beschäftigt, eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Wenn ich am Abend, bevor ich ins Bett fiel, den letzten Punkt abhaken konnte, war es ein „guter Tag“ gewesen.

Meist waren die Tage „schlecht“. Es lag nicht an meiner Planung: die war realistisch – unter der Voraussetzung, dass alles wie am Schnürchen klappen würde.

Dummerweise funktioniert das Leben selten „nach Plan“. Regelmäßig zerschellten alle Machbarkeitsphantasien an äußeren Widerständen.

Ein paar Wochen, nachdem ich angefangen hatte zu meditieren, hörte ich auf einmal meine innere Stimme. Die war schon immer da gewesen, wurde mir schockartig bewusst. Ich hatte sie nur noch nie wahrgenommen. Oder wohl besser: ich hatte sie nie wahrnehmen wollen! Nachvollziehbarer Weise: ihr Genöle war unerträglich. Es war mir höchst peinlich, als mir aufging, dass ich im Modus des Dauer-Jammerns vor mich hin lebte.

Leider sind Einsicht und Umsetzung zwei Paar Stiefel (zur Zeit habe ich es mit den Schuhen, ich weiß…)

Wie „Christi Geburt“ brachte meine persönliche Zeitenwende nicht das messianische Zeitalter, sondern einfach nur den gleiche Käse auf höherem Erkenntnisniveau.

Auch jetzt, nach Jahren auf meinem Kissen, falle ich immer noch regelmäßig darauf rein: ein Gedanke, der mir sagt, was ich wollen soll, damit ich glücklich bin, okkupiert meine Aufmerksamkeit. Ohne dass es mir bewusst ist, hat er mich in Geiselhaft genommen und zwingt mir einen Fokus auf, der nur noch auf die Erreichung eines bestimmten Ziels hin ausgerichtet ist. Ich entwickle Strategien, plane die nächsten Schritte – nur um damit konfrontiert zu werden, dass das Leben wieder mal nicht so will, wie ich es zu erzwingen versuche. Und – zack – leide ich. Aber wie! Ich kann ja so was von verzweifelt und hilflos sein! Was mir die böse böse Welt antut! Es macht mich fertig. Dabei wollte ich doch nur….

Wenn ich Glück habe, fällt irgendwann der Groschen. Ich erkenne, dass ich mich wieder einmal selbst in den Höllen-Modus katapultiert habe. Zähneknirschend kehre ich zurück auf „Start“.

„Freiheit“ – erklärte meine Zen-Lehrerin heute nach der Morgenmeditation im Tesho – bedeute nicht, die freie Wahl zu haben. „Wahrhaftig frei sind wir, wenn wir annehmen können, was immer uns das Leben in diesem Augenblick schenkt.“

Klingt einfach. Die Umsetzung ist das Problem.

Es empfiehlt sich, die Herausforderung mit Humor zu nehmen. Bert Brecht konnte das, finde ich. Zum Beispiel in seinem „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper:

Ja, renn‘ nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug
.

Wo er recht hat, hat er recht….

Zwanzig: Mitgefühl

„Welche Freude auch immer in der Welt ist, sie entsteht aus dem Wunsch, andere glücklich zu machen. Welches Leiden auch immer in der Welt ist, es entsteht aus dem Wunsch sich selbst glücklich zu machen.“

Ich arbeite mich wieder einmal an Shantideva ab. „Bodhicaryavatara“, die „Anleitung zum Leben als Bodhisattva“, ist fast eineinhalb tausend Jahre alt. Die zeitliche Distanz ändert nichts an ihrer Schock-Wirkung. Radikaler – denke ich – geht es nicht.

Das Empfinden von Individualität und Getrenntheit ist Illusion. Um die absolute Verbundenheit mit allen Wesen zu erfahren, muss jede Form von Anhaftung – an den eigenen Körper, an Besitz, an Status, Liebe, Beziehungen – aufgegeben werden. Nur so kann das Leben als Boddhisattva gelingen. Wie das geht, beschreibt der Siddha in einer Drastik, die Luther vor Neid erblassen ließe. Und mit dem Charme einer Werbeagentur, die Rektruten für die Fremdenlegion sucht.

Es hilft nichts, nur so ist wahres Mitgefühl möglich:

„Deshalb gebe ich um der Linderung des eigenen Leidens willen und zur Linderung des Leidens der anderen diesen mein Ich, und ich nehme die anderen als mein Ich an.“

Es hat seinen Grund, warum ich mich gerade wieder mit Shantideva abmühe. Es fällt mir leicht, auf Distanz Mitgefühl mit Anderen zu haben: es berührt mich, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die traurig, einsam und verzweifelt sind – solange es nichts mit mir zu tun hat und meine einzige Aufgabe darin besteht, mit ihnen mitzufühlen.

Aber sobald ich in dieses Leid involviert bin, tritt der Selbsterhalt an Stelle der Empathie. Wenn mir jemand vorzuschreiben versucht, wie ich zu leben, zu denken und zu fühlen habe, hört der Spaß auf! Der Andere wird zum absoluten Gegenüber. Die Idee, diesen tyrannischen Feind, der nicht weniger als die Vernichtung meines „Ich“ anstrebt, als integralen Teil von mir anzusehen, löst nur Wut in mir aus. Nichts sonst.

Und umgekehrt lösen meine Versuche, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben, im Gegenüber diese rasende Wut aus – die mir in diesen Momenten aber völlig unverständlich ist! Ich erlebe mich in diesen Situationen nicht als tyrannisch – ich tue, was vernünftig ist.

„Haha!“ Würde Shantideva – von dem ich mir immer denke, er müsse ein Mensch mit Humor gewesen sein – rufen. „Erwischt!“

Immer wenn wir antreten, das eigene Glück zu verteiden – weil wir sonst sterben, unglücklich sind, es uns zusteht, es nur so richtig ist – bringen wir Leid über uns und andere.

Und umgekehrt ist es genauso: sobald wir mit einem Gegenüber konfrontiert sind, das glaubt, sein eigenes Glück gegen uns verteidigen zu müssen, leiden wir – und der Andere.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in diesem Leben zum Boddhisattva werde. Dafür bin ich viel zu egozentrisch.

Realistischerweise bleibt mir nur, was mein Zen-Lehrer vorschlägt: mich nicht so wichtig zu nehmen. Und im Alltag nicht immer in die Opfer-Rolle zu rutschen, wenn wieder mal ein Gegenüber denkt, sein persönliches Glück durchdrücken zu müssen. Hey, es hat nichts mit mir zu tun!

Ab und an schaffe ich es dann sogar, aus meinen Schuhen zu schlüpfen, in die des Anderen zu steigen und ein paar Schritte darin zu laufen. Und – ganz kurz – Mitgefühl zu empfinden für jemanden, den ich am liebsten erschießen würde.

Jedesmal begleitet von der verblüffenden Erkenntnis, wie sehr mich genau diese Haltung entspannt. Dummerweise hält sie nie lange an…

Neunzehn: Identität

Ich träume von Schuhen. Jede Nacht. In allen Variationen. Ich trage zwei verschiedene, ich trage falsche, zu kleine, zu große… Oder ich stehe vor Schuhgeschäften im Wissen, ich müsste mir welche aussuchen, aber kein Paar in der Auslage spricht mich an.

Schuhträume sind Identitätsträume. „Wer bin ich?“, will die Seele wissen, wenn das Unbewusste sich mit der – nur scheinbar banalen – Frage nach der richtigen Fußbekleidung beschäftigt.

„I am Nobody. Who are you? Are you – Nobody – too?“

Mit „Nobody“ als Selbstbeschreibung scheint mein Unbewusstes nichts anfangen zu können – auch wenn ich mich mit diesen Zeilen aus einem Gedicht von Emily Dickinson auf Facebook vorstelle.

Identität ist lediglich ein Konzept, heißt es im Zen. Verzichten können wir leider nicht darauf. „Wer ohne Ego ist, ist nicht erleuchtet, sondern psychisch krank“, sagt mein Zen-Lehrer dazu. Es ginge nicht darum, „Ego-los“ zu werden, das wäre auch nur wieder Konzept. Eigene wie fremde Zuschreibungen nicht allzu ernst zu nehmen, sei die einzig vernünftige Lösung.

Die schwarze Göttin der Friedhöfe tanzt und tanzt in meinem Unterleib. Ich „sehe“ Krodhi Kali jede Nacht im Schlaf. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen, die alle Negativität und Bösartigkeit zerschmettern.

Ich hatte meine Füße in Schuhe gezwängt, die mir zu eng waren. Mich zu Konzepten verurteilt, die mich klein gehalten haben. Nur selten kann die Negativität und Bösartigkeit, die uns Andere entgegen bringen, mit der konkurrieren, die wir für uns selbst bereit halten.

Die Herrin über Leben und Tod räumt auf. Sie macht selbst vor meinem Schuhregal nicht halt. Ich versuche, es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Achtzehn: Namaste

Ich zähle nicht mit, während ich auf ein „Bestätigen“ nach dem anderen tippe. Es ist Donnerstagabend und damit Zeit für mein wöchentliches Facebook-Ritual: ich nehme alle Freundschaftsanfragen an. Auch die von Männern, deren Fotos mich zurückzucken lassen.

Haben die keine Frau, Freundin, Schwester, Tochter – what´s ever – die ihnen sagt, dass dieses Profilbild indiskutabel ist? Und ihnen, wenn sie auch in Natura so unglücklich aussehen, zeigt, wie Photoshop funktioniert?

Die wenigen Frauen, die mit mir befreundet sein wollen, wirken dafür umso hochglanzpolierter. Es gibt auch zu viel Photoshop, denke ich, während ich einer jungen Vietnamesin die Ehre meiner Freundschaft gewähre.

Den ganzen Abend und den nächsten Tag über erklingt in regelmäßigen Abständen „ping“: Wieder eine Nachricht auf Messenger, meldet mein Handy. Drei besonders verwegene neue „Freunde“ versuchen, mich via Videoanruf zu erreichen. Jungs, das hier ist Facebook, nicht Tinder!

Freitagabend ziehe ich vor dem Schlafengehen Bilanz: vierundvierzig neue Chats. Und nicht nur das übliche „Hi“! Lesen sie in Indien meinen Blog? Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen: eine Frau, dreiundvierzig Männer. Was gegen die These spricht, dass es in Indien üblich ist, sich für das Annehmen der eigenen Freundschaftsanfrage zu bedanken.

Die einzige Frau im Chatverlauf ist Amerikanerin. Sie nimmt Bezug auf das Gedicht von Emily Dickinson, mit dem ich mich in meinem Facebook-Profil vorstelle. Das ist eine Antwort wert, beschließe ich, und formuliere einen dürren Satz, der nicht zu weiterer Konversation einlädt. Mein erstes Jahr als Single hat mich gelehrt, dass auch Frauen eindeutig zweideutige Absichten verfolgen können.

Danach gehe ich die Männer durch: einer ohne Profilbild erklärt mir, er wäre „empty space“. Ohne Anrede. Ich glaube es ihm sofort.

Außerdem sechs „Hello“, ein „Hallo“, drei „Hi“, einmal „Hru“ (?), einmal „o“ (?), dazu noch „Hii“, „Hoi“, „Hoy“, „Hola“ und „Hey“. Ein paar haben sich ein bisschen mehr Mühe gegeben und dem obligatorischen „Hi“ meinen Vornamen angefügt. Des weiteren zwei Mal „Namaste“, einer schickt ein kritisch guckendes Smiley und drei je einen hochgereckten Daumen. Die Frankreich-Fraktion schreibt, wie immer, „Bonjour“. Der einzige Italiener in der Runde schafft einen kompletten – netten – Satz: „Bounasera Katharina come stai spero tutto bene.“ Dafür kriegt er ein „Grazie“

Einer schreibt „Hey Baby“, ein anderer garniert sein „Good morning, babe“ mit einer tanzenden Hindu-Göttin. Etwas irritiert bin ich von „Yes Mam!“ und von „Nmha Sivay Mom“.

Dark Rock hat mir einen Sticker geschickt, ein hüpfendes rosa Blümchen in Herzchenform, dazu „Greetings from the dark side of the moon.“

Einer aus Bombay und einer aus Kairo bedanken sich formell: „Thanks for accepting my friends request.“

So weit, so gut.

Ich lösche die Chats – an Konversationen mit „Freunden“ bin ich nicht interessiert – und schaue, was die Neuerwerbungen posten. Fazit: alles völlig harmlos. Familienfotos, Gartenbilder, der üblichen Kitsch auf asiatisch: in Herzchenform drapierte Elefantenköpfe, schrill-bunte Hindu-Göttinnen, Sonnenuntergänge an Palmenstränden. Erstaunlich viele Bilder von Haustempeln mit appetitlich dekorierten Opfergaben. Die automatischen Übersetzungen aus dem Sanskrit sind noch mal wilder als die aus dem Polnischen. Und ich kriege jetzt Reels von ekstatisch zu Discomusik tanzenden jungen Indern mit Turban.

Maria würde sagen „Nice!“.

Siebzehn: Goldene Eier

„Sie kriegen heute was umsonst!“ Als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, nickt die Verkäuferin hinter dem Tresen der Bäckerei bestimmt. „Sie haben“, sie wirft einen Blick auf den Display ihrer elektronischen Kasse, „zwanzig halbe Roggenbrote gekauft.“ Das hat ihr wohl meine Kundenkarte verraten, die ich brav bei jedem Einkauf vorlege. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir eine zuzulegen, obwohl die Bäckereikette offensiv dafür wirbt. Eine besonders mütterliche Verkäuferin hatte im Winter darauf bestanden: bei dieser Inflation freue man sich doch über jeden Cent, den man sparen könne!

Ich bekomme mein halbes Brot seitdem um fünf Cent billiger und habe mir in drei Monaten einen satten Euro gespart! Dass ich jeden 21. Einkauf gratis bekomme, war mir nicht bewusst.

Ich bedanke mich und will mein halbes Brot einpacken. „Aber nein!“, ruft die Verkäuferin. „Sie können doch nicht nur ein halbes Brot nehmen, wenn sie einen Einkauf umsonst kriegen!“ Ich sehe sie hilflos an. Ich kaufe hier nie etwas anderes als ein halbes Roggenbrot. „Nehmen sie doch zumindest noch das andere halbe!“, beharrt mein Gegenüber.

„Ich bin Single. So viel esse ich nicht.“ Wie kommt es, dass ich hier meinen Beziehungstatus diskutiere? Die Verkäuferin ist unerschütterlich. „Sie können die andere Hälfte einfrieren!“

„Ich habe kein Tiefkühlfach.“ Sie scheint mich nicht gehört zu haben. „Doch!“, beharrt sie, „Das geht gut. Wenn es aufgetaut ist, schmeckt es wie frisch.“

Die Verkäuferin wirft mir einen flehenden Blick zu. Ich bin konfus. Warum lässt sie mich nicht einfach mit meinem halben Gratis-Brot von dannen ziehen? Sie ist es wohl gewohnt, ihre Backwaren gegen fordernde Kunden verteidigen zu müssen, die in ihrem inflationsgetriebenen Sparwillen austesten, wo die Grenzen des Kundenkarten-Bonus liegen. Jemand wie ich scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein.

„Ich wohne zur Untermiete und habe noch nicht mal einen richtigen Kühlschrank,“ fühle ich mich bemüsigt ihr zu erklären. „Nur einen Campingkühlschrank!“ Innerlich schüttle ich den Kopf. Ich wollte einfach nur ein halbes Brot kaufen! Statt dessen gebe ich nach meinem Beziehungstatus jetzt auch noch meine Wohnsituation preis.

Die Verkäuferin mustert mich verblüfft. Ich scheine nicht den Eindruck einer Frau zu machen, die knapp oberhalb der Obdachlosigkeit lebt. „So lasse ich sie nicht gehen!“, sagt sie bestimmt. „Irgendwas müssen sie noch mitnehmen!“ Sie ist jung und schön, das ist mir schon beim Betreten des Ladens aufgefallen. Und sie hat umwerfende grüne Augen. Das merke ich erst jetzt. Aus denen wirft sie mir einen flehenden Blick zu. „Sie machen mich sonst unglücklich!“

Das will ich auf keinen Fall! Verzweifelt inspiziere ich die Auslage. „Dann geben sir mir doch noch ein Stück Kuchen.“ Ich deute aus einem Impuls heraus auf den Zupfkuchen, der so schön gelb und braun vor mir leuchtet. Die Verkäuferin nickt erleichtert und packt – zu meinem Entsetzen – nicht ein, sondern gleich zwei Stücke ein. Ich stopfe Brot und Kuchen in meinen Rucksack, bedanke mich herzlich und eile mit einem Seufzer der Erleichterung hinaus.

Auf dem Gehsteig rufe ich Maria an. Sie wohnt gleich hinter der Bäckerei. Ob ich ihr zwei Stück Zupfkuchen vorbei bringen dürfe? Sie wäre „realy sorry“, teilt sie mir mit, „but no.“ Ich hatte es schon befürchtet.

Ich bin der Schrecken aller Gastgeber: ich esse kein Fleisch, meide Gluten und Zucker. Das letzte, wofür ich mich begeistern kann, ist Kuchen. Wegwerfen will ich den Zupfkuchen der schönen Verkäuferin aber auch nicht. Während ich auf dem Rückweg ins Untermietzimmer vor mich hin grüble, kommt mir eine abgerissene Gestalt entgegen. Ein großer hagerer Mann, der sich mit der rechten Hand bei jedem Schritt auf einer Krücke abstützt, sein fandenscheiniger Mantel flattert um die langen Beine. Als ich auf gleicher Höhe mit ihm bin, spricht er mich an und hält mir seine Hand hin.

„Ich habe was für sie!“, erkläre ich ihm entschieden, lasse den Rucksack von meiner Schulter gleiten, hole das Päckchen der grünäugigen Verkäuferin heraus und drücke es ihm in die Hand. „Da! Zwei Stück Zupfkuchen!“

„Ich war nur der Bote!“, denke ich mir im Weiterlaufen, während ich den verblüfften Blick des Mannes im Rücken spüre. „Der Kuchen war garnicht für mich. Der war von Anfang an für den da.“

Sechzehn: „Stop Thinking!“

Wenn ich erzähle, dass ich gerade die Autobiographie von Andre Agassi lese, kommt jedes Mal wie aus der Pistole geschossen: „Der hat Steffi Graf geheiratet!“

Ob das auch der erste Gedanke ist, der Amerikanern in den Sinn kommt, wenn sie „Andre Agassi“ hören?

Ich interessiere mich nicht für Tennis. Meine kurze Tennis-Karriere endete mit der Trennung meiner Eltern. Der Auszug meines Vaters erlöste mich von der Pflicht, meinen Status als gehobenes Mittelschichtskind auf dem roten Sandplatz des örtlichen Tennisvereins verteidigen zu müssen. Zu meiner grenzenlosen Erleichterung: nichts hatte mich mehr angeödet, als in Bruthitze kleine Filzbälle über viel zu hohe Netze schlagen zu müssen. Ich war klein und zierlich, außerdem fehlte mir jeder Killerinstinkt. Wenn der Ball ins Aus ging, gut, dann war er im Aus. Kein Grund, sich deswegen einen Kopf zu machen.

Meinen Vater machte es rasend. Was ich nicht verstand: wenn ich außerhalb des Court Initiative und Eigenwille an den Tag legte, ließen seine Wutanfälle die Wände unseres gepflegten Einfamilienhauses zittern. Es dauerte Jahre, bis mir klar wurde, dass ich meine Tennis-Qualen Steffi Graf zu verdanken hatte. Es war en vouge, eine sportliche Tochter zu haben, da wollte mein Vater nicht nachstehen. Dass Steffi jenseits des Turnierplatzes still, bescheiden, blond und hübsch war, machte das Ziel sicher noch erstrebenswerter.

Diese längst vergessene Episode meiner Kindheit kommt mir wieder in den Sinn, während ich Agassis Buch lese. Es wurde von dem selben Ghostwriter geschrieben, der auch die aktuelle Autobiographie von Prinz Harry verfasste, hatte ich in meiner Tageszeitung gelesen. Und dass dieser Ghostwriter – ein bekannter Journalist – spezialisiert wäre auf Lebensläufe von Männern, die alle dem selben archetypischen Muster folgen würden: sie wären von starken Frauen befreit worden.

Das finde ich interessant. Ich schreibe schließlich Geschichten. Wie alle Autoren kenne ich den Mythos der „Heldenreise“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Joseph Campbell. Unzählige Disney-Movies und Hollywood-Blockbuster sind nach diesem Urmuster gestrickt, dass Campbell – in Anlehnung an C.G. Jung – als Archetypus definierte, der die Menschheit seit den Anfängen der Kultur begleitet. Der männliche Held muss die Heimat verlassen, eine harte Initiation durchstehen, sich – unterstützt von Weisen und Magiern – inneren wie äußeren Schatten und Verführungen stellen, um schließlich siegreich und gereift nach Hause zurück zu kehren.

Nirgends steht, dass der Held von einer starken Frau befreit werden muss.

Prince Harry interessiert mich nicht. Mit Agassi kann ich was anfangen – er hat Steffi Graf geheiratet. Also lese ich „Open“, erschienen 2010.

Zusammenfassung: ein intelligenter sensibler Junge wird von seinem narzisstischen Vater mit extremer Brutalität vom Kleinkindalter an auf eine Tenniskarriere vorbereitet, landet mit dreizehn Jahren in einem sadistischen Tennis-Bootcamp, bricht mit fünfzehn die Schule ab und wird Profi, unterhält und verstört die Welt mit pubertärem Rebellentum, erlebt Höhenflüge und Abstürze, findet irgendwann einen guten Ersatzvater, entdeckt, dass sein Lebenssinn darin liegt, anderen zu helfen und erobert – nach Jahren des erfolglosen Werbens – seine Steffi.

Es ist die klassische Heldenreise! Inklusive Magie – sein zweiter Trainer ist hellsichtig, immer wieder geschieht etwas in Andres Leben, das man auch unter „Wunder“ laufen lassen könnte.

Das Spezielle ist wohl, dass ihm die Prinzessin – die er über Jahre liebt und die ihm eisern die kalte Schulter zeigt und erst bereit ist, sich erobern zu lassen, als er seinen Lebenssinn gefunden hat – überlegen ist.

Agassi kann acht Grand-Slam-Titel vorweisen, Steffi zweiundzwanzig. Agassi war 101 Wochen lang die Nummer eins der Weltrangliste, Steffi 377 Wochen. Bezeichnend eine Szene während ihres zweiten Dates: Sie erzählt ihm, dass sie mit dem Deutschen Leichtathletik-Kader 800-Meter-Läufe trainiert. Was ihre Bestzeit wäre, fragt Agassi. Das will sie ihm nicht sagen. Statt dessen schlägt sie ihm ein Wettrennen vor – das er prompt verliert. Es stört ihn nicht. Genauso wenig, wie es ihn erschüttert, dass sie ihn bei Trainingseinheiten auf dem Tennisplatz regelmäßig düpiert. Im Gegenteil: er ist stolz auf sie!

Was ihn am meisten an ihr beeindruckt, ist – neben ihrer persönlichen Integrität (und ihren Beinen) – ihre Fähigkeit, sich nicht von Rückschlägen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Stoisch zieht sie ihr Ding durch, egal was passiert. Das kann er nicht, es ist seine Achillessehne: regelmäßig erleidet er Niederlagen in Spielen, die er hätte gewinnen können, weil er sich von Punktverlusten den Schneid abkaufen lässt. Seitenlang geht es in dem Buch darum, wie sein Trainer und er versuchen, gedankliche Losungen zu finden, die ihn wieder auf die richtige Spur bringen. Meist vergebens.

Als er mit Steffi darüber spricht, meint sie trocken: „Stop thinking! Feeling is the thing. FEELING!“ Das hat ihm vor ihr noch keiner gesagt. Er dachte immer, es gehe darum, die falschen destruktiven Gedanken auszumerzen und durch die richtigen zu ersetzen. Das findet Steffi albern. Es führe ins Nichts. Es gehe darum zu akzeptieren, dass er fühlt, was er fühlt. Er ist schwer beeindruckt. Und beschließt, zu seinen Emotionen zu stehen.

Der kluge Andre Agassi hat eine Zen-Lehrerin geheiratet. Sie scheinen immer noch glücklich miteinander zu sein…

Fünfzehn: Öffnen

Im Clara-Park flattert etwas Grünes an einem Baum. Es ist ein gefalteter Notizzettel, sehe ich im Näherkommen. „Öffne mich!“ lese ich. Das finde ich witzig. Ich klappe das Papier auf: „Folge dem Licht Deines Herzens“, wird mir mitgeteilt. Aha.

Während ich meinen Wolf beobachte, der konzentriert schnuppernd unsichtbaren Fährten auf dem Rasen nachspürt, denke ich über die beiden Botschaften nach. Ob dem unbekannten Schreiber bewusst war, dass er mit den Forderungen „sich zu öffnen“ und gleichzeitig „dem Licht seines Herzens zu folgen“ Widersprüchliches verlangt?

Ich lasse den grünen Zettel hinter mir, trete wieder auf den Weg und wandere weiter durch den Park. Um mich Pärchen, Eltern mit Kindern. Auf den Grünflächen lagern Grüppchen von Menschen, die – plaudernd, musizierend, mit einander spielend – einen der ersten warmen Frühlingstage genießen.

Ich bin allein unterwegs, begleitet nur von meinem Schattentier. Ich „folge dem Licht meines Herzens“, auch wenn ich es nicht so dramatisch ausdrücken würde. Mich „zu öffnen“ – fürchte ich – würde dem im Wege stehen.

Seit letztem Sommer bin ich auf Facebook. Mit Widerwillen, aber es war unvermeidlich. Seit ich „dem Licht meines Herzens folge“, bewege ich mich in Subkulturen, die vorzugsweise dort ihre Infos posten. Die Gothic-Scene lädt zu schrägen Festen ein, die Barock-Community zu Bällen in die hintersten Ecken der Republik und die weltweit vernetzten Tantra-Leute sind ebenfalls in Scharen dort unterwegs. Ich erstellte ein möglichst nichtssagendes Profil, lud zwei Photos hoch und harrte der Dinge, die da kommen würden. Zu meinem Erstaunen wurde ich augenblicklich überrannt mit „Freundschaftsanfragen“. Fast ausschließlich von Männern.

„Wer kommt, ist willkommen. Wer geht, wird nicht aufgehalten“, heißt es im Zen. Wie übersetze ich das in Social Networking? Ich beschloss, alle Anfragen anzunehmen – „wer kommt, ist willkommen“ – egal wie schräg die Photos aussehen – und abzuwarten, was passiert.

Erkenntnis Nummer eins: der globale Durchschnittsmann eröffnet eine Konversation via Messenger üblicherweise mit „Hi“ – und sonst nichts. Es gibt nationale Besonderheiten, Franzosen z.B. schreiben stur „Bonjour“. Entweder sie sind des Englischen nicht mächtig oder darüber erhaben, ich weiß es nicht. Nepalesen und Inder bevorzugen das formellere „Hello“. Männer aus dem arabischen Sprachraum tendieren zu ungebetenen Komplimenten wie „You are so beauteful“ oder „You are amazing“. Ungeschickter geht es nicht. Das war es dann aber auch schon an kulturellen Akzentuierungen.

Jede Initiativnachricht via Messenger, die impliziert, ich müsse emotional in Vorleistung gehen – beschloss ich – läuft unter „wer geht, wird nicht aufgehalten“. Der Chat-Verlauf wird umstandslos gelöscht, die betreffenden Herren fliegen wieder aus der Freundschaftsliste. Ich handhabe meinen Facebook-Account inzwischen möglichst ökonomisch: einmal in der Woche nehme ich alle Freundschaftsanfragen an, am nächsten Tag bin ich einen Abend lang damit beschäftigt, alle „Hi“-Kontakte zu löschen und im Laufe der nächsten Tage auch noch alle, die nicht persönlich mit mir in Kontakt getreten sind, aber Indiskutables posten. Meine Taktik, Zen auf Facebook zu praktizieren, ist extrem zeitaufwendig, des Öfteren frustrierend – und ob es wirklich meiner Erleuchtung dient, steht in den Sternen.

Aber, Erkenntnis Nummer Zwei: die schönsten und überraschensten Posts verdanke ich Herren, deren Freundschaftsanfragen ich sicher nie angenommen hätte, würde ich selektieren. Dem in Norwegen lebenden Ägypter, der sich nur für Sex und Kiffen zu interessieren scheint, aber phantastische Fotos postet. Zwischendurch schüttle ich über seine Sprüche den Kopf, aber er ist einer von wenigen, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt und richtig witzig sein kann.

Oder der kleine runde Pole mit der Barock-Perücke aus Danzig: er wohnt original 18. Jahrhundert, liebt – neben seiner Frau – Desserts in allen Variationen und hat zwischendurch Kluges über die Welt und das Leben zu sagen, auch wenn der automatische Übersetzer oft die schrägsten Texte aus dem polnischen Original fabriziert. Ich kenne ihn nicht, aber alle Zeichen lassen sich nur so deuten, dass er ein ausgesprochen liebenswerter und gutherziger Mensch ist. Wenn ich einen schlechten Tag habe, sind seine banalen Alltagsposts immer ein Trost für mich. Er kriegt ganz viele Likes von mir und hat mir umgekehrt – auf Englisch – zum Geburstag gratuliert.

Es ist immer eine Gratwanderung zwischen „dem eigenen Licht zu folgen“ und „sich zu öffnen“. Wann wird aus „Innerer Führung“ sturer Eigenwille? Und umgekehrt: Ab welchem Punkt sind Einflüsse von Außen keine Bereicherung mehr, sondern nur noch Ablenkung? Eine schlüssige Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden. Ich laviere, etwas besseres fällt mir nicht ein…

Vierzehn: Orichiw

Die Kaffeetasse in der Hand lese ich meine Tageszeitung. An einer Landkarte, die unter einem Artikel über den Ukraine-Krieg abgedruckt ist, bleibt mein Blick hängen. Automatisch suche ich nach Saporischschja, Marias Heimatstadt. Seit wir befreundet sind, steht und fällt nicht nur ihre, sondern auch meine Stimmung mit dem Schicksal der fernen Metropole am Dnipro. Wenn dort wieder einmal ein Wohnblock von Bomben oder Raketen getroffen wird, sind wir beide über Tage bedrückt. Maria, weil sie von Angst um ihre Familie und Schuldgefühlen gequält wird, und ich – so denke ich – aus Solidarität.

Meine Augen wandern vom schwarzen Punkt mit der Aufschrift „Saporischschja“ ein kleines Stück nach unten – und bleiben bei Orichiw“ hängen.

Auf einmal glaube ich die Stimme meines verstorbenen Großvaters zu hören. Es ist, als würde er aus dem, kurz vor seinem Tod verfassten, Lebenslauf zitieren: „10.10.1943: ca. 6 km ostwärts Orechov (bei Saporroschje-Dnjepopetroysk) durch Granatwerfer am Kopf verwundet“

Die kleine Landkarte in meiner Tageszeitung zeigt den aktuellen Frontverlauf im Süden der Ukraine – und die Befestigungsanlagen der russischen Besatzer. „6 km ostwärts Orechov“ hatte mein Großvater geschrieben. Von Saporischschja in die Kleinstadt Orichiw (russisch „Orechov“) sind es siebenundfünfzig Kilometer, informiert mich Wikipedia. Ich schätze die Distanzen auf der Karte ab: sechs Kilometer – denke ich mir – zwischen dem kleinen schwarzen Punkt auf der Karte neben dem Ortsnamen „Orichiw“ und dem dicken roten Streifen, der östlich davon die russischen Panzersperren und -Gräben symbolisiert, sind realistisch.

In sechs Monaten wird es achzig Jahre her sein, dass mein Großvater genau an diesem Ort während einer Panzerschlacht schwer verwundet wurde. Mehr als 2200 Kilometer östlich seiner bayerischen Heimat, irgendwo in den unendlichen Weiten der damaligen Sowjetunion.

Das Schicksal und die Weltpolitik des zwanzigsten Jahrhunderts hatten ihn mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren aus seinem vorbestimmten Dasein als katholischen Gemeindepfarrer heraus- und in die Brutalität eines völkerrechtswidrigen Krieges hineinkatapultiert.

Ohne den Krieg gäbe es mich nicht: mein Großvater verlor an der Ostfront nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen Glauben. Als er – an Körper und Seele schwer gezeichnet – wieder in seine bayerische Voralpenidylle zurückkehrte, war nichts mehr für ihn, wie es vorher gewesen war. Er schloss sein Theologiestudium nie ab. Statt dessen wurde er Beamter und gründete eine Familie. Erzkonservativ blieb er. Als mein Vater – mit ebenfalls vierundzwanzig Jahren – unbedachterweise ein Kind zeugte, bestand mein Großvater darauf, dass er die schwangere Freundin zu heiraten hätte. Zum Ausgleich bot er an, das Kind bei sich aufzunehmen. Ich wuchs während der ersten vier Lebensjahre bei meinen Großeltern auf. Sie lehrten mich Beten. Obwohl er den seinen verloren hatte, war es für meinen Großvater unvorstellbar, ein Kind ohne Glauben aufwachsen zu lassen.

Acht Jahrzehnte später wird ein anderer völkerrechtswidriger Krieg Millionen von ukrainischen Frauen und Kinder zur Flucht zwingen. Eine davon ist Maria, der ich auf seltsame Weise in einem Park in Leipzig begegnen bin. Ihre Familie lebt seit mehreren Generationen in Saporischschja. Sie kennt Orichiw gut, hat sie mir erzählt. Es wäre eine nette Kleinstadt direkt an der Kinska, einem Nebenfluss des Dnipro.

Ohne den Krieg gäbe es mich so wenig, wie die Freundschaft zwischen Maria und mir.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien,“ schrieb Heraklit vor 2.500 Jahren.

Eine zeitlose Wahrheit, so bitter sie auch ist.

Dreizehn: Sehen

Der Wolf hat mich im Blick. Er liegt neben dem Schreibtisch – den mächtigen Kopf auf den Vorderläufen – und lässt seine Augen auf mir ruhen. Was sieht er?

Für mich ist er Form gewordenen Energie. Was bin ich für ihn?

Ebenfalls Energie, die Form gefunden hat? Sieht er mich als Spektrum von Farben? Spürt er mich? Hört er mich? Riecht er mich?

Während ich – ihm in die Augen schauend – darüber nachdenke, wird sein Blick müde, die Lider wandern tiefer und tiefer. Es ist keine Frage, die ihn umzutreibt. „Du bist da, was soll´s?“, scheint er mir dösend zuzumurmeln.

Was sehen wir, wenn wir sehen? Unser Alltagsbewusstsein gaukelt uns vor: Realität. Nackte, harte Materie. Die Neurowissenschaft weiß, dass die visuellen Daten unsere Netzhaut im Sehzentrum des Großhirns gefiltert, aufbereitet und umgerechnet werden, bevor sie in unser Bewusstsein gelangen. Wir sind Überlebensmaschinen, keine neutralen Beobachtungsstationen. Das ausschlaggebende Kriterium für unser neurophysiologisches System ist die Relevanz sinnlicher Daten.

Wie diese Relevanz definiert ist, hängt von vielen Faktoren ab: Umwelteinflüssen. Genetik. Sozialen Prägungen, die sich in Lernerfahrungen übersetzt und die individuelle Struktur unseres neuronalen Systems geformt haben. Was erfahren wird, hinterlässt physiologische Spuren im Gehirn. Die Verhaltensmuster, die aufgrund dieser Erfahrungen generiert werden, bilden – wenn sie Routine werden – neuronale „Autobahnen“. Sie determinieren Wahrnehmung und Denken, ohne dass es uns bewusst ist. Denk- und Verhaltensmuster werden habitualisiert: ohne nachzudenken setzen wir den Blinker immmer an der selben Abbiegung unseres Daseins, folgen den immer gleichen ausgetretenen Pfaden des Lebens. Aus evolutionsbiologischer Perspektive macht es Sinn: unser physiologisches System ist darauf ausgelegt, so ökonomisch als möglich zu agieren. Jedes Infragestellen von Eindrücken und Reizen geht mit Stressreaktionen einher, kostet Energie und Zeit. Wir bestehen aus Aminosäuren. Über Millionen von Jahren haben evolutionäre Prozesse dafür gesorgt, dass wir optimal darauf ausgelegt sind, zu überleben, uns fortpflanzen und unsere Nachkommen erfolgreich aufzuziehen.

Deshalb wirken viele Menschen, wenn sie älter werden, „eingefahren“. Sie nehmen Sinnesreize nur im vertrauten Spektrum wahr und verarbeiten diese Eindrücke bevorzugt entlang ihrer neuronalen Standardwege. Alle Umweltreize, inneren Bilder und emotionale Regungen, die nicht in gewohnte Schemata passen, werden ausgeblendet. Wenn das nicht möglich ist, weil die inneren oder äußeren Reize zu massiv sind, werden sie als „Störungen“ interpretiert. Die physiologischen Stressreaktionen, die das Unerwartete auslösen, werden als beängstigend und bedrohlich empfunden. Primitive Abwehrreaktionen sollen das System wieder ins Gleichgewicht bringen. Negative Emotionen werden nach Außen projiziert, ein Arsenal an Verteidigungsmechanismen aktiviert. Meist wird der Radius solcher Menschen im Laufe des Lebens kleiner und kleiner. Sie ziehen sich in ihre vertraute Komfortzone zurück, meiden neue Erfahrungen und fürchten Veränderung.

Ich erinnere mich an eine ältere Dame, die neben mir im Kammermusiksaal der Musikhochschule den Studenten lauschte. Nach dem Ende des Konzerts lief sie – den Blick gesenkt – in der Abenddämmerung vor mir den Gehweg entlang. Und direkt an einem Waschbären vorbei, der keinen Meter von ihr entfernt am Rinnstein saß. Offensichtlich hatte sie das possierliche Tier nicht bemerkt. „Ein Waschbär!“ rief ich hinter ihr her. „Da sitzt ein Waschbär!“ Sie schien mich nicht gehört zu haben. Stur lief sie weiter und verschwand um die Ecke in die Nebenstraße.

Ich ging vor dem Waschbären in die Hocke. Das war ihm nicht geheuer, er verkroch sich in den Abwasserkanal am Rinnstein, er passte gerade durch das zerborstene Gitter. „Bist du süß!“ erklärte ich seiner schnuppernden Nase. „Grrrrr!“ kam es zurück. Ich hatte nicht gewusst, das Waschbären knurren können.

Ich gehe davon aus, dass viele Menschen – ohne es zu wissen – von Schatten-Tieren beschützt und begleitet werden. Sie „sehen“ sie nicht, weil es ihnen nie in den Sinn käme, dass es so etwas geben könne wie Energie, die Form annimmt. Es ist ihnen nicht bewusst, dass auch sie nichts anderes sind als Energie, die Form angenommen hat. Deshalb spüren sie auch nicht, dass sie „gesehen“ werden. Was schade ist, finde ich. Was wäre ich ohne meinen Wolf?

Zwölf: The Boss

Mein großes Vorbild, wenn es ums Schreiben geht, ist Bruce Springsteen. Kein Witz!

Stimmigerweise habe ich ihn nicht über seine Musik entdeckt, sondern über sein Buch. Genauer: über seine Autobiographie. Im Feuilleton meiner geliebten Tageszeitung las ich eine hymnische Besprechung darüber. Wie gut sie geschrieben wäre. Und wie klug Springsteen seine Beziehung zum bipolaren Vater reflektieren würde. Das war das Stichwort, dass mich das Buch bestellen ließ: „bipolar“.

Das Thema beschäftigt mich schon länger. Obwohl ich nicht selbst betroffen bin. In meiner Familie sind sie über Generationen alles mögliche und unmögliche gewesen, aber verrückt im Sinne von „psychotisch“ war meines Wissens keiner. Die Familiengeschichte einer Freundin war es, die mein Interesse daran auslöste. Bei ihr wandert ein manisch-depressives Familiengespenst durch den Stammbaum, fällt mal den einen, dann den anderen an. Fast keine Generation bleibt verschont. Und ich war irgendwie mit drin in dieser Familiengeschichte, ohne dass ich mir erklären konnte, wie es zuging. Ich träumte von ihr und ihren verrückten Angehörigen, es beschäftigte mich Tag und Nacht.

Als ich zu schreiben begann, tat ich es für diese Freundin. Es war ein spontaner Einfall nach der Abendmeditation. Aus einer Laune heraus tippte ich die ersten beiden Kapitel einer Geschichte herunter mit dem Gedanken, die Freundin würde es vielleicht gerne lesen. Ich hatte die Protagonisten und die Ereignisse während des Zazen „gesehen“. Ich hängte den Text an eine Mail, gab die Adresse der Freundin ein, schrieb ein paar Worte dazu und ging zu Bett, nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte. Am nächsten Morgen kam die Antwort: wie schade, dass es nur der Anfang der Geschichte wäre!

So wurde ich unversehens zur Chronistin meiner inneren Bilder. Allerdings war ich schnell mit einer Vielzahl technischer Probleme konfrontiert. Ich „sah“ zwar bei jeder Meditationseinheit, was die Charaktere der Geschichte trieben, aber oft war ich überfordert davon, es zu Papier zu bringen. Bilder und Emotionen so in Sprache zu übersetzen, dass es Andere verstehen – lernte ich – erfordert handerwerkliches Können. In welcher grammatischen Zeitform soll ich schreiben? Welcher Erzählperspektive soll ich wählen? Wie beschreibe ich Orte und Landschaften, dass sie für Außenstehende nachvollziehbar sind? Außerdem „sah“ ich wie meine Protagonisten mit sich selbst und mit Anderen sprachen, aber ich „hörte“ sie nicht. Irgendwie wusste ich trotzdem, was sie umtrieb, aber wie ich ihnen eine authentische Stimme geben sollte, war mir ein Rätsel.

Ich bestellte stapelweise Literatur zum Thema „Schreiben“ und absolvierte online einen „Kreativen Schreib-Kurs“, während ich mich tagsüber arbeitend und nachts träumend mit meinen Charakteren und ihrem Schicksal herumschlug.

Erst dachte ich, ich schreibe einen Krimi. Ganz falsch lag ich nicht, die Geschichte kreiste um ein lang zurückliegendes Verbrechen, ein Mordanschlag konnte gerade noch vereitelt werden. Aber nach einigen Wochen harter Arbeit wurde es mehr und mehr zu einer Liebesgeschichte! Das war das letzte, woran ich interessiert war – zu viel Gefühl! Ich versuchte mit allen Tricks und Mitteln, meine Figuren in andere Bahnen zu lenken. Ich hatte ja inzwischen gelernt, wie es ging: ich plotete, entwarf in Tabellenform Handlungsmuster, -Motive, Zeitverläufe – vergebens. Das erste Mal war ich mit dem Eigensinn meiner Figuren konfrontiert. Sie verschränkten die Arme vor der Brust, schoben die Unterlippen nach vorne und weigerten sich, weiter mitzuspielen. Da konnte ich noch so stur sein – meine Charaktere waren sturer!

Schließlich gab ich auf und wurde wieder zur Chronistin meines Innenlebens. Andere können sich Geschichten ausdenken – ich kann sie nur niederschreiben.

Allerdings brachte mich an meine Grenzen, was sich da in meinem Inneren abspielte: es ging um eine psychische Erkrankung, lernte ich. Und um Intimität. Beides sind nicht meine Spezialgebiete. Mit dem einen bin ich auf der persönlichen Ebene noch nie in Berührung gekommen, zweiterem bin ich immer so elegant als möglich aus dem Weg gegangen.

Es half nichts! Meine Figuren hatten an einer Weggabelung der Geschichte diese Abzweigung genommen und ich musste mit, ob ich wollte oder nicht. Nur leider war ich schlecht gerüstet für den emotionalen Parcours, über den sie mich jagten. Es war schon kompliziert genug, zu beschreiben, was sie taten und was sie sagten. Aber wie sollte ich es hinbekommen, glaubwürdig darüber zu berichten, was sie fühlten?

Genau in diesem Augenblick fiel mir die Autobiographie von Bruce Springsteen in die Hände. Es war nicht das erste biographische Buch, dass ich zum Thema „psychische Erkrankung“ las. Aber das hier hatte eine andere Qualität. Die Direktheit, mit der „der Boss“ schrieb, nahm mir den Atem. Während ich mich durch sein Leben arbeitete, hörte ich gleichzeitig zum ersten Mal nicht nur seine Musik – sie hatte mich nie angesprochen – sondern auch seine Texte. Es waren lakonische Miniaturen der Menschlichkeit. Sie berührten mich zutiefst. Irgendwie hatte er es drauf, mit ein paar Strichen und Sätzen komplexe Geschichten zu erzählen – und die Emotionen mit der Wucht einer Abrissbirne dazu zu liefern.

Und dabei konnte er nicht mal singen! Es war mir nie aufgefallen. Erst als ich es in seinem Buch las und mir die Songs bewusst darauf hin anhörte, wurde mir klar, dass er recht hatte. In den frühen Alben trifft er regelmäßig nicht mal den richtigen Ton! Er sang trotzdem – und kam gut an damit.

Seine erste Band hatte er mit fünfzehn, lernte ich. Er war Gitarrist, sie coverten Songs für Tanzveranstaltungen. Mitte der 60er, schrieb er, war es üblich, dass Bands nur instrumental spielten, die Leute kamen, um zu den Hit´s aus dem Radio zu tanzen, mehr wurde nicht erwartet. Mit den Beatles änderte sich das, er begann die ersten Texte und Songs zu schreiben, aus der Cover-Band wurde eine richtige. Gesungen wurden Springsteens Songs von einem Frontmann, Bruce traf die Töne nicht.

Dummerweise traf der Frontmann die Emotionen nicht. Irgendwann wurde deshalb aus dem Gitarristen auch noch der Sänger der eigenen Songs, Springsteen nahm Gesangsunterricht und lernte, dass er nicht melodisch klingen musste, um zu überzeugen.

Es geht immer darum, möglichst präzise in Worten und Bildern zu beschreiben, was man spürt, lernte ich vom „Boss“. Die Leitfrage für einen guten Text ist immer: was will ich emotional sagen? Das haute mich um. Ich ließ mich darauf ein – und sitze seitdem des Öfteren über Stunden in Tränen aufgelöst am Schreibtisch. Nach dem Schreiben von Gewaltszenen stehe ich buchstäblich unter Schock. Und hat schon mal jemand eine Sex-Szene geschrieben? Ich kann allen nur raten, es mal auszuprobieren! Viel Spaß damit! Mehr Scham geht nicht…

Nur wenn ich jeden Selbstschutz fahren lasse und mich nackt und verletzlich den Gefühlen meiner Charaktere ausliefere, kann ich wirklich schreiben. Es braucht nicht melodisch zu klingen, gut auszusehen, logisch stringent zu sein – es muss berühren. Nur dann hat es Anderen wirklich etwas zu sagen.

Das war die Lektion, die mir Bruce Springsteen erteilt hat. Er war – und ist – mein großes Vorbild.

Elf: Kontroll-Taube

Die Taube ist busy. Zielstrebig ist sie am Ende des rechten Fenstersimses gelandet, trabt mit energischen kleinen Schritten den Vorsprung entlang, flattert zum nächsten Fenster und schreitet außen an meinem Schreibtisch vorbei, mich dabei mit dem linken Auge konzentriert fokusierend. Das metallische Kratzen ihrer Krallen auf dem Kupferblech begleitet jeden ihrer Schritte. Das macht sie fast jeden Morgen, außer es regnet. Nässe scheint sie nicht zu schätzen.

Ich habe keine Ahnung, was hinter ihrer Morgenroutine steckt. Ich füttere sie nicht, bei mir gibt es nichts zu holen. Sie sucht auch nicht nach Futter. Sie landet, marschiert zielstrebig über beide Fensterbretter, während sie mich – die ich am Schreibtisch sitze und arbeite – fixiert, und flattert wieder davon. Ich gehe davon aus, dass ich ihr herzlich egal bin. Vermutlich bin ich für sie genauso bedeutungslos wie der wuchernde Avocado neben meinem Schreibtisch.

Umgekehrt sieht es anders aus: ich betrachte sie als meine „Kontroll-Taube“. Ihr kritischer Blick beim steifen Vorbeischreiten erinnert an einen Studienrat, der während der schriftlichen Prüfung darüber wacht, dass keiner der Schüler abschreibt oder spickt.

Mein Über-Ich ist gut entwickelt. Fast schon ein bisschen zu gut: einfach mal alle Fünfe grade sein zu lassen, gehört nicht zu meinen Stärken. Es ist ein zweischneidiges Schwert, finde ich. Einerseits ist es ein Malus, sich nicht gehen lassen zu können. Andererseits ist es von Vorteil, selbstdiszipliniert zu sein.

Ich meditiere täglich. Da kann es regnen oder schneien, ich schlecht geschlafen haben, an Liebeskummer leiden, what ever. Kissen ist Kissen und Pflicht ist Pflicht. Die Erfahrung nach Jahren der Selbstkasteiung: irgendwas kommt immer dabei raus. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, nur weil ich unausgeschlafen, depressiv oder kreuzunglücklich bin. Es kommt und geht, heute bin ich verzweifelt, morgen euphorisch, übermorgen gelangweilt. So what?

Mein „silver lining“ Blog ist jetzt zwei Monate alt. Am 07. Februar lud ich den ersten Text hoch. Es war ein Experiment, aus einer Laune heraus geboren. Maria und ich planten eine Reise nach Polen. Es bot sich an, probeweise darüber zu bloggen. Ich wollte es schon länger mal ausprobieren, ging aber davon aus, dass es mir nicht liegen würde. Ich schreibe dicke Schmöker, irgendwo an der Grenze zwischen magischem Realismus und Fantasy. An jedem arbeite ich mindestens ein Jahr. Bis auf meine treue kongeniale Protoleserin kriegt während der Entstehungszeit niemand zu Gesicht, was ich mir ausdenke. Die Idee, jeden morgen einen Text über konkrete Tagesereignisse zu verfassen, der dann sofort gelesen wird, fand ich absurd. Ich dachte weder, dass es mir Spaß machen würde, noch das ich es könnte.

Mit dem Bloggen ist es wie mit dem Meditieren, lautet das Zwischenergebnis nach den ersten zwei Monaten: irgendwas kommt immer dabei raus, wenn ich mich täglich dazu zwinge, einen Blog-Text zu schreiben. Und wenn es die Erkenntnis ist, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich mal neben der Spur, nicht auf der Höhe meiner Schaffenskraft oder emotional Gaga bin. Des Öfteren auch alles zusammen.

Eine wertvolle Erkenntnis, die ihr mir – liebe geduldige Leser – schenkt. Herzlichen Dank dafür, dass ihr nachsichtiger auf mich blickt, als meine strenge Kontroll-Taube!

Zehn: Ach du lieber Schwan!

Ich befinde mich im Schreinraum des Retreathauses am Ende der Welt. Der rote Thron des Lamas ist verwaist. Die Kerzen auf dem Altar sind erloschen. In der Luft die Ahnung des Geruchs abgebrannter Räucherstäbchen. Draußen rauscht der Bach vorbei. Seltsamerweise sitze ich in Zazen. Während ich in der Haltung der Präsenz den Blick auf dem Fußboden ruhen lasse, spüre ich, dass ich nicht allein im Raum bin. Ohne die Augen zu heben, „sehe“ ich ein paar Meter von mir entfernt Uriel auf seinem Stammplatz sitzen. Er ist ebenfalls in Zazen. Ich bin irritiert. Das ist nicht seine Praxis. Und überhaupt hat Zen hier nichts verloren – das Retreathaus am Ende der Welt gehört zum Tantra-Reich.

Ich träume – registriere ich – und meditiere gleichzeitig. Neben mir hat sich der Wolf lang ausgestreckt, seine Pfoten zucken im Schlaf. Ich hebe die Hand und streiche ihm über den Kopf. Wie weich sein Fell ist! Du schläfst – ermahne ich mich – nichts von alledem ist real.

Was ist „real“? Ich gleite in die Traumlosigkeit.

In der Dunkelheit sehe ich Krodhi Kali in meinem Unterleib tanzen. Aus ihrem Herzen jagen blaue Strahlen und fahren wie Blitze durch meinen Körper. Sie durchschlagen das Fell des Wolfes an meiner Seite, er dreht sich im Schlaf auf den Rücken, seine Kehle leuchtet weiß im fahlen Licht der Straßenlaternen. Ich spüre die Energie der Herrin der Friedhöfe, sie treibt meine Seele vor sich her und scheucht die Untoten aus fauligen Sümpfen und Pfühlen. Ich sehe ihre schattenhaften Umrisse ans feste Ufer meines Traumbewusstseins wanken und versuche vergebens, den Blick von ihnen zu wenden.

Karfreitag. Auf dem Hügel Golgotha wird Jesus heute ans Kreuz genagelt werden und sterben. Um sechs Uhr morgens sinke ich auf mein Kissen, der Gong zum Zazen holt mich nur kurz aus meiner Konfusion. Meine Gedanken wandern wild hin und her, die Träume der Nacht haben meine Seele im Griff. Es ist ein mühsames Geschäft heute: hinein in die Präsenz – kurz die Realisation der Stille des frühen Morgens, des Singens einer Amsel im benachbarten Hinterhof – und wieder haben die Traumbilder meinen Geist verschluckt. Es gibt kein „gutes“ oder „schlechtes“ Sitzen, ermahne ich mich. „Niemals werten“ lautet die Devise. „Selbst die kleinste Unterscheidung schafft eine Distanz wie zwischen Himmel und Erde“, sagt das Shinjin Mei. „Der höchste Weg ist nicht schwer, wenn Du nur aufhörst zu wählen.“

Das ist gerade mein Problem, merke ich. Ich habe das Gefühl, ich müsse wählen: zwischen Tantra und Zen. In der einen Sangha machen alle nur Tantra, in der anderen nur Zen. Ich mache beides. Was ungewöhnlich ist. Ich ernte auf beiden Seiten Kopfschütteln und Unverständnis, denn gegensätzlicher können buddhistische Praxen nicht sein. Die Chinesen kreierten aus dem Amalgan von Daoismus und Buddhismus das vollkommen nüchterne Zen. Die Tibeter aus ihrem uralten, vermutlich aus matriachaler Tradition stammenden, Schamanismus und Buddhismus das bunte wilde Tantra.

Dass die chinesischen Besatzer Tibets autochtone Kultur brutal unterdrücken, macht meinen wilden Mix nicht leichter. Kein tibetisch-buddhistisches Zentrum ohne „Free Tibet“-Flagge. Und überhaupt – denken Vajrayana-Praktizierende – den Zen-Leuten fehlt jedes Gefühl für die Tiefe und den Reichtum des Buddhismus. Nur rumsitzen und nichts-tun, wofür soll das gut sein?

Umgekehrt können sich Zen-Praktizierende über wenig so echauffieren wie über Vajrayana. In den tibetisch-buddhistischen Zentren würden sie im Dschungel ihrer Rieten und Götter die Essenz des Buddhismus nicht begreifen, lautet der Vorwurf. Buddhismus ist doch keine Religion, sagen die Zen-Leute, es ist einfach nur eine Praxis! Wie kann man sich mit all den Albernheiten abmühen, die überhaupt nicht notwendig sind? Und überhaupt: der Dalai Lama wird völlig überschätzt! Der härteste Vorwurf gegen die Vajrayana-Praktizierenden lautet: das sind die seelisch Instabilen, die müssen mit Objekten meditieren, weil sie ihre psychischen Störungen in der nackten Präsenz nicht aushalten.

Mein Zen-Lehrer hält nicht allzuviel von mir, seit ich mich als Vajrayana-Praktizierende geoutet habe. Jahrelang schwieg ich darüber. Wenn ich am Hof war praktizierte ich Zen und Punkt. Aber irgendwann – nachdem er im abendlichen Tesho wieder einmal ausführlich über den tibetischen Buddhismus hergezogen hatte – reichte es mir. Ich betrachtete es als Akt der Loyalität, mich zu einer Praxis zu bekennen, die mir so viel schenkt. Seitdem ist es gelaufen. Ich werde in meiner Zen-Linie keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wer seelisch so instabil ist, dass er sich regelmäßig zu den bunten Göttern Tibets flüchten muss, dem mangelt es an grundsätzlichen Vorraussetzungen für höhere Zen-Weihen. Da kann ich sitzen, bis ich schwarz werde.

Umgekehrt denken die Tantra-Leute, wenn ich sage „ich komme aus dem Zen“, dass ich eingesehen habe, dass ich einem Irrtum „aufgesessen“ bin. Endlich wäre ich in den Hafen der Erwählten eingelaufen, nachdem ich jahrelang meine Zeit mit sinnlosem Herumsitzen vergeudet hätte.

Es ist mühsam, weder Baum noch Borke zu sein.

„Ach du lieber Schwan!“ – ermahne ich mich – „Was jammerst du darüber, reich beschenkt zu werden? Bunter und schöner kann das Leben ja wohl nicht sein!“

Neun: Indras Netz – Teil vier

Der Erzengel gießt Blumen. Kurz wirft er einen Blick zu mir herüber, bevor er sich abwendet und wieder in den dunklen Tiefen seines Wohnzimmers verschwindet. Seit meinem Einzug ins verwunschene Untermietzimmer vor einem Jahr beobachten wir einander. Der Erzengel lebt in der Wohnung auf der anderen Straßenseite. Mein Schreibtisch vor dem Fenster ist genau gegenüber seinem Wohnzimmer platziert, uns trennen gerade mal 15 Meter. Seit wir uns vor ein paar Wochen unerwartet getroffen haben, wissen wir allerhand von einander. Es war Karma, wir verstanden es beide. Die Zeichen ließen sich nicht anders deuten.

Er hat die Einladung ausgeschlagen. Es war ihm zu riskant, vermute ich. Dabei gäbe es viel, was er hinter sich lassen müsste. Zu seinem eigenen Wohl, wie er mir selbst sagte. Aber es gehört Kraft und Mut dazu, die alte Haut abzustreifen und sich von einer überlebten Identität zu verabschieden. Ich wünsche ihm eine weitere karmische Begegnung, die ihn auf sanftere Weise von seinem Fluch erlösen wird, als es mir möglich gewesen wäre.

Ich bin eines von unzähligen Juwelen in Indras Netz. In mir spiegeln sich alle anderen Juwelen und ich spiegele mich in ihnen. Jedes Mal, wenn jemand zeitgleich mit mir an einem der Fäden zieht, die uns verbinden, begegnen wir uns. Ich gehe davon aus, dass diese karmischen Aufeinandertreffen in der Mehrzahl unverstanden an mir – und den Anderen – vorüber gehen.

„Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, Pupillen, die Lider; Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück… Vorbei, verweht, nie wieder.“

Und dabei geht es nicht nur um Liebesbeziehungen. Der Erzengel hat sich gegen eine Freundschaft entschieden. Manchmal ist es noch banaler: man entscheidet sich in Sekunden gegen eine freundliche Geste, einen warmen Blick, einen emphatischen Gedanken. Und schon ist die Gelegenheit vertan, karmische Verstrickung aufzulösen, sich – und einem unbekannten Anderen – ein paar Gramm Balast von der Seele zu nehmen.

Dann ist das Ego stärker gewesen. Der Eigenwille hat einen Pyrrussieg davon getragen. Ohne es zu verstehen. Er hat kein Gefühl für Indras Netz, für die tiefe Verbundenheit mit allem, was ist. „Wie Innen – so Außen“ heißt es im Tantra. Der selbe warme Blick, die gedankliche Fürsorge, das nichtwertende Verstehen, die ich einem unbekannten Anderen vorenthalte, verbiete ich mir selbst.

In diesen Momenten haben unsere Konzepte uns fest im Griff: wir handeln unter der Maßgabe von Ideen, wer und wie wir sind, wer und wie die Anderen zu sein haben, damit sie uns genehm sind. Es ist die Quelle allen Leidens. Wir schneiden uns ab von den Geschenken, die uns das Leben in jedem Augenblick macht. Einer wunderbaren Begegnung, die unerkannt an uns vorüber gegangen ist, weil der, den uns Karma geschickt hat, nicht ins Konzept passt. Oder weil wir gerade so an Lebensumständen leiden, dass wir nur um uns kreisen und das Wunder nicht sehen, selbst wenn es verzweifelt winkend direkt vor unserer Nase herumhüpft.

„Wenn der Wind aus Norden bläst, gehe ich nach Süden. Wenn der Wind aus Westen bläst, gehe ich nach Osten.“ Die Kunst ist es, mit dem Leben zu fließen. Nicht, dem Leben möglichst gekonnt seinen Stempel aufzudrücken.

Acht: Frieden

Im Auwald hinter dem Zoo ein Weiher in der Größe eines Reihenhäuschens. Dem Schwanenpaar fehlen nur die Gartenzwerge zum Spießerglück. Das Weibchen hält, die Eier bebrütend, den zukünftigen Vater im Blick, der in Rufweite durch das brackige Wasser paddelt.

Während ich, den Wolf an meiner Seite, am Ufer vorbei jogge, ertappe ich mich dabei, wie ich die Vögel, die uns keines Blickes würdigen, vermenschliche. Es fällt mir nicht schwer meine Motivation zu entschlüsseln. Ich bin neidisch auf zwei unschuldige Höckerschwäne! Schäm dich – ermahne ich mich – nur weil du kein gemütliches Zuhause hast, musst du es Glücklicheren nicht madig machen.

Am Morgen nach dem Sitzen wie immer das Tesho der Zen-Lehrerin: „Die wahre Natur alles Seienden ist die Dualität. Nur wer das erkennt, findet Frieden.“ Damit ist es gerade nicht weit her bei mir. Dass meine souveräne Pallas Athene ihre schwache Medusa in sich trägt, kann ich nicht akzeptieren. Obwohl es albern ist, Medusa/Krodhi Kali als „schwach“ zu bezeichnen. Sie sind die Herrinnen über Leben und Tod. Es eine Stärke, die sich jeder Kontrolle entzieht. Sie ist wild, ungezähmt, unzivilisiert, bricht alle Regeln.

Ein ehemaliger Klassenkamerad fällt mir ein. Sein Vater wollte hoch hinaus. Er gründete ein eigenes Unternehmen, obwohl er ein unbedeutender „Niemand“ war, ein „Flüchtling“, wie die Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten abschätzig genannt wurden. Sein Aufbegehren war ein Affront für die Dorfgemeinschaft. Umso größer die Schadenfreude, als das Projekt scheiterte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woran.

Ich weiß nur noch, dass die Familie ihr Zuhause verlor. Auf Geheiß des Bürgermeisters kamen sie in den leerstehenden hinteren Räumen der Aussegnungshalle auf dem Friedhof unter.

Das Quietschen des eiserne Tores. Der graue Kies knirscht unter den Sohlen. Dunkle Tannen werfen ihre langen Schatten auf die frisch geharkten Wege. Selbst das Zwitschern der Vögel klingt gedämpft. Die Schwelle aus grauem Stein. Man tritt darüber, die Augen gesenkt, den Rosenkranz murmelnd, meine Großmutter führte mich in die Regeln ein. Gemessenen Schrittes zum Sarg. Auf der Höhe des wächsernen Antlitzes des Verstorbenen wird betend verweilt. Jedes „Gegrüßet seiest Du Maria“ hilft der Seele des Toten, ins himmlische Reich zu gelangen.

Mit zusammengepressten Lippen stehen Geschwister, Kinder, Enkel – wer immer gerade Totenwache halten muss – neben dem Sarg und nehmen die Beileidsbezeugungen der trauerenden Gemeinschaft entgegen. Über Verstorbene darf nicht mehr schlecht gesprochen werden, lerne ich, das schadet ihrer wie der eigenen Seele. Mit den Lebenden verhält es sich anders.

Kaum ist das Friedhofstor in die Angeln gefallen, wird gegen die Aussätzigen hinter der Aussegnungshalle gehetzt.

Wer gegen die Regeln verstößt, Schwäche zeigt, scheitert, wird ins Reich von Krodhi Kali verwiesen. Vorbei ist es mit dem beschaulichen Spießerdasein, es bleiben Kälte, Ablehnung und das Hausen mit den wächsernen Toten, die gestorben sind in der Hoffnung, dass sie Auferstehen.

Ich bin aufgewachsen mit diesem bösen Blick auf alle die schwach und hilflos sind, die gefehlt haben. Dabei hat der Pfarrer im Sonntagsgottesdienst des Öfteren die Geschichte vom Zöllner Zachäus erzählt.

Als Jesus in Jerusalem einzog, versammelten sich viele Menschen. Einer davon war der Zöllner Zachäus, der, weil klein von Gestalt, auf einen Baum kletterte. Als Jesus vorbeikam, sprach er Zachäus mit Namen an und sagte ihm, er solle schnell herunterkommen, denn heute wolle er bei ihm zu Gast sein. Das brachte die Umstehenden auf, Zachäus war ein Sünder, der mit den verhassten Römern gemeinsame Sache gemacht und auf Kosten seiner jüdischen Mitbrüder reich geworden war. Er hatte selbstsüchtig gegen die Regeln der Gemeinschaft verstossen und Jesus wollte trotzdem bei ihm übernachten! Es war eine meiner Lieblingsgeschichten als Kind.

Mit denen, die sich und Anderen keine Fehler verzeihen können, die nur auf Kontrolle und Perfektion aus sind, habe ich lange genug verkehrt. Es ist macht keinen Spaß. Ich bin Pallas Athene und Medusa zugleich. Und das ist gut so.

Sieben: Medusa

Eine unerwartete Begegnung im Bayreuther Hofgarten.

Hoch über mir ragt Pallas Athene auf. Sie versteht zu kämpfen, daran lassen Helm und Kettenhemd keinen Zweifel. Unter den Falten ihrer Tunika verbirgt sich ihr Schwert. Gelassen ruht ihr Blick auf den frisch bepflanzten Rabatten, in denen Narzissen und Krokusse vom Frühlingsregen benetzt werden.

Schlachtenerprobt stützt sie sich mit ihrer Linken auf das große Schild. Darauf: der abgeschlagene schlangenumkränzte Kopf der schrecklichen Medusa.

Ich bin schon des Öfteren an der schönen Göttin der Weisheit, des Krieges und der Kunst vorbeigewandert, die aus dem Olymp in die Parkanlage hinter dem Neuen Schloss herabgestiegen ist. Sie ist mir vertraut.

Aber heute registriere ich zum ersten Mal die andere Frau: ich starre verblüfft auf den abgeschlagenen Kopf der Medusa auf Athenes Schild. Wie kann es sein, dass ich die Gorgonin immer übersehen habe?

„Sie sieht aus wie Krodhi Kali!“ denke ich, während ich im Nieselregen das von Schlangen umkränzte Antlitz mit den wilden Augen und dem zum Schrei aufgerissenen Mund betrachte.

Medusa, ein Kind unbedeutender Götter – so heißt es – war in einem der Tempel Pallas Athenes vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt worden. Um sich an dem Frevel zu rächen, bestrafte die Göttin nicht den Täter, das war ihr zu riskant. Er war Athene an Macht ebenbürtig und beide gehörten dem selben Hausstand an: als Hauptgötter lebten sie gemeinsam auf dem Olymp. Als Bruder des Göttervaters Zeus stand Poseidon zudem unter besonderem Schutz. Er konnte tun und lassen, was er wollte.

Athene richtete ihren Zorn deshalb gegen die schutzlose Medusa und verzauberte sie in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schweinshauern, Schuppenpanzer, heraushängender Zunge und glühenden Augen. Aus einer schönen jungen Frau war ein Monster geworden: jeder, der sie zu Gesicht bekam, erstarrte vor Schreck zu Stein.

Mit dem Wolf an meiner Seite wandere ich durch die barocke Gartenanlage. Mein Gefährte lässt sich weder vom grauen Regenwetter noch von der schlangenköpfigen Medusa aus der Ruhe bringen. Ab und zu unterbricht er die eingehende Untersuchung der Fährten am Wegesrand, hebt kurz den Kopf und blickt wachsam umher. Er kann keine Gefahr erkennen.

Im Gegensatz zu mir: der Anblick der verhexten Medusa hat mich aus der Fassung gebracht. Es arbeitet in mir. Langsam schält sich eine Idee heraus, warum mich die Praxis von Krodhi Kali so an meine Grenzen bringt. Sie rührt an meinen Urängsten und bringt mich mit meiner eigenen Nachtseite in Berührung.

Ich dachte, es wäre ihre Macht, die mich so erschreckt. Das ist falsch. Als Pallas Athene fühle ich mich wohl. Es ist die Seite an mir, die ich zu schätzen gelernt habe: dank meiner Meditationspraxis bin ich nüchtern und klar. Geschützt durch das Kettenhemd vor meinem Herzen ziehe ich mein Schwert, wenn die Situation es erfordert. Athene ist das Sinnbild für Autonomie und Selbstkontrolle, auf die mein Leben ausgerichtet ist.

Was mich ängstigt, ist Hilflosigkeit. Das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Wenn ich mit dieser Seite in mir konfrontiert bin, reagiere ich genauso brutal und empathielos wie die Göttin des Krieges. Da ist kein Mitleid in mir. Nur Zorn darüber, dass sich mir meine eigene Schwäche in den Weg stellt und mich daran hindert, meinen Weg zu gehen. Ich kann diese hilflosen ohnmächtigen Aspekte in mir nur als schlangenköpfiges Monster wahrnehmen. Jedesmal, wenn mein Blick darauf fällt, erstarre ich zu Stein.

Über diesen Aspekt von Wildheit habe ich noch nie nachgedacht. Gedankenversunken folge ich meinem Wolf, der einen schmalen Seitenweg entlang des Kanals eingeschlagen hat. Ein Entenpaar paddelt in der grün-gelben Lache neben uns her, der leise Nieselregen malt zarte Kreise auf die Oberfläche des Wassers.

Sechs: Höhle

Die Sonne schickt ein paar warme Strahlen durch das Fenster des ICE, bevor sie wieder von dunklen Wolken verschluckt wird. Im Vorgarten am Bahnhof des Zwischenhalts blüht eine Zierkirsche in zartem Rosa.

Der Wolf liegt im Großraumabteil unter dem schmalen Tisch und döst vor sich hin. Wie gut, dass nur ich ihn sehe, denke ich, während der Schaffner meine Fahrkarte kontrolliert. Sein Schattenwesen spart nicht nur Beförderungsentgeld, Leine und Maulkorb. Wenn Andere ihn wahrnehmen könnten, gäbe es sicher Ärger. Jenseits des Ganges öffnen zwei junge Männer ihre Bierflaschen und packen ein Kartenspiel aus. Auch sie achten darauf, nur so viel Wildheit zu zeigen, wie es gerade noch akzeptabel ist.

Wir sind alle lediglich an der Oberfläche domestiziert. In der Tiefe brodeln unsere Instinkte. Während ich meiner eigenen ungezähmten Stimme lausche, die mich während der Nacht wach hielt und meine Gedanken und Emotionen Achterbahn fahren lässt, fällt mir ein Satz meines Zen-Lehrers ein: viele wären in den ersten Jahren der Praxis vor allem damit beschäftigt, Selbstkontrolle zu entwickeln. Nicht mehr auf jeden Impuls anzuspringen, nicht mehr jedem Begehren nachzujagen, nicht mehr alles reflexhaft wegzustoßen, was nicht ins Konzept passt. Sich nicht mehr von jedem Gedanken vom DA-sein ablenken zu lassen. Nicht mehr jede Emotion auszuleben.

Diese Form der Selbstkontrolle geht mit dem Geschenk der Freiheit einher. Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich mich auf das tägliche Sitzen einließ. Umso beglückender war die Erfahrung, auf einmal Herrscherin über das eigene innere wie äußere Reich geworden zu sein. Zen ist der Weg der Samurai, der Krieger. Anfangs ängstigte mich diese neue distanziert-kühle Haltung, die ich eigenen wie fremden emotionalen Dramen und Irrationalitäten entgegen brachte. Aber bald wurde mir bewusst, dass mir unverhofft eine scharfe – bisweilen tödliche – Waffe in die Hand gegeben worden war. Ich lernte die Macht, die mit der souveränden Kontrolle von Wildheit einher ging, zu schätzen und zu gebrauchen.

Und jetzt das: die unbezähmbare schwarze Herrin der Friedhöfe, die in meinen Eingeweiden wühlt und gräbt, hat mir meine Selbstkontrolle geraubt. Ich fühle mich wie ein Schiff, dessen Ankerkette dem tosenden Sturm nicht standgehalten hat. Es bleibt mir nichts, als meine innere Aufruhr auszuhalten. Es wird seinen tieferen Sinn haben, obwohl sich gerade alles einfach nur falsch anfühlt.

Während der ICE durch die Tunnel des Thüringer Waldes jagt, träume ich davon, mich mit meinem Wolf in einer Höhle zu verkriechen. Irgendwo im Bauch eines Berges im Schutz der Dunkelheit von ihm gewärmt zu werden und einfach nur zu schlafen, während Krodhi Kali in den Tiefen meines Unbewussten für Aufruhr sorgt. Und erst wieder ans Tageslicht zu kommen, wenn sie ihr Werk vollendet hat.

Der Wolf streckt sich unter dem Tisch und legt seine Schnauze auf meinen rechten Schuh. Er sieht es genauso, will er mir wohl sagen. Leider hat das Leben andere Pläne mit uns. Noch zehn Minuten bis Leipzig Hauptbahnhof.

Fünf: Bergwerk

Der Wolf schlich letzte Nacht in der Dunkelheit zum Retreathaus ans Ende der Welt. Uriel entdeckte ihn um drei Uhr morgens vor seiner Tür. Er wusste sofort, wer sich da bei ihm eingefunden hatte. Mein Wolf wäre wirklich ein wildes Tier und kein „Spirit in Tierform“, schrieb er mir am Morgen. Und dass er, sollte mein wilder Begleiter noch einmal bei ihm auftauchen, mit ihm Kontakt aufnehmen wolle. Wir hatten schon darüber diskutiert: Uriel möchte, dass ich dem Geheimnis meines Wolfs auf den Grund gehe. Aber ich wage es nicht: mein geheimnisvoller Gefährte ist so scheu wie eigen! Was, wenn ich ihn aus Unbedachtheit und Ignoranz in die Flucht schlage? Dafür ist er mir zu kostbar.

Bei Uriel ist es etwas anderes. Ich schreibe ihm zurück, dass er es gerne versuchen kann. Und dass es ja auch möglich ist, dass mein Schatten-Tier von ihm entschlüsselt werden möchte. Ohne Grund wird mein wachsamer Wolf nicht von meiner Seite gewichen sein.

Er wartete einen Moment ab, an dem ich so tief schlief, dass ich ihn nicht vermisste. Und das ist gut so, gerade brauche ich ihn sehr. Die Retreats arbeiten in mir, vor allem das letzte, Throma. Der Rinpoche wussste, warum er mich zur schwarzen Herrin der Friedhöfe verurteilte: sie gräbt und wühlt in den Tiefen meiner Seele, als wäre es ein Bergwerk. Möglicherweise ist dort wirklich der Schatz verborgen, nachdem sie mit eisernem Willen zu suchen scheint. Bisher hat sie nur Schlacke und Gestein Zutage gefördert. Die Fruchtlosigkeit ihres Unterfangens scheint sie nicht zu kümmern, sie arbeitet unermüdlich Tag und Nacht und gönnt weder sich noch mir Ruhe.

Ich muss ihr stures Tätigsein ertragen. Es ist mir nicht möglich ihr Einhalt zu gebieten, auch wenn mich das, was sie vor meinen Augen ausbreitet, völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Der Pakt mit Krodhi Kali war in dem Augenblick besiegelt, als mir der nepalesische Rinpoche während des Retreats das Lung – die Übertragung der Praxis – gab. Er tat es mit einer Energie, die alles vibrieren ließ.

Jetzt habe ich den Salat, denke ich mir, während ich mich im Unfrieden mit mir und der Welt durch den Tag schleppe und Nachts von düsteren Träumen gequält werde. Es kommt mir gerade vor, als wäre ich ohne meinen Wolf verloren.

Vier: Indras Netz – Teil drei

Am Bahnsteig empfängt mich ein doppelter Regenbogen. Wenn ein Praktizierender stirbt, der Vollendung erlangt hat – so heißt es im Vajrayana – vergeht seine Seele in den Spektralfarben des Lichts. Ich bin in meiner Phantasie so sehr mit dem Erleuchteten beschäftigt, dessen Reise ins Nirvana ich gerade beobachten darf, dass ich um ein Haar den Anschlusszug verpasse.

Mitte Januar, am letzten Tag des Vajra-Armor-Retreats, kämpften Schnee, Regen und Sonnenschein verbissen um den besten Sendeplatz. Ein Regenbogen jagte den nächstens. Die Khandro freute sich, alle Zeichen sprächen für einen erfolgreichen Abschluss des Retreats. Am Abend bestanden genau so viele Sangha-Mitglieder den Test, wie wir tagsüber Regenbogen gezählt hatten. Einer davon war meiner gewesen.

Jetzt also wieder ein Regenbogen – und gleich ein doppelter! „There is no such thing as an accident.“

Draußen zieht im Nieselregen die graue Stadt vorüber. Ich steige an meinem alten Leben aus. Jenseits des Bahnsteigs gesichtsloser gehobener Neubau. Das zart sprießende Grün der jungen Bäume kämpft vergebens gegen die leblos fade Atmosphäre an. Dagegen ist die verwunschene staubige Wohnung im Leipziger Gründerzeitviertel, in der ich im Untermietzimmer hause, ein Hort der Vitalität.

Ich erinnere mich an das Gefühl, tot zu sein, das mein Leben an diesem Ort begleitete. Und an die seltsame Begegnung, die mich unversehens ins Offene jagte. Es war wie im Märchen: ich hatte mich zu meiner Überraschung auf einem Barockball wiedergefunden. Dort war ich zum Tanz aufgefordert worden. Und zwar vom leibhaftigen Charakter eines meiner Helden aus meiner Geschichte! Nach diesem zauberhaften Abend verschluckte ihn das Leben wieder, ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Er praktizierte ebenfalls tibetisch-buddhistische Meditation. Es war nur eine von vielen verblüffenden Gemeinsamkeiten, die wir an diesem Abend konstatierten.

Wir hatten wohl beide zeitgleich an einem der unzähligen Fäden von Indras Netz gezogen. Die Schwingung, die wir dadurch auslösten, ließ uns für einen Abend aufeinander treffen und stellte die Weichen meines Lebens neu.

Während ich in der Abenddämmerung den Weg zur Freundin einschlage, die früher einmal meine Nachbarin war, fühle ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass mir diese wundersame Begegnung geschenkt worden ist. Wie Dornröschen, das vom Prinzen erlöst wurde, befreite mich Einer – ohne es zu wissen – von einem uralten Fluch und erweckte mich aus meinem Zauberschlaf.

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