Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Riwo SangChö (Seite 2 von 2)

Spirits

Meine Geister-Gäste erfreuen sich täglich an der magischen Nahrung, die ich ihnen durch den Rauch meines Riwo Sang Chöd zukommen lasse…

Im Elstermühlgraben – dem kleinen Flüsschen, das mitten durch das Waldstraßenviertel plätschert – wohnt ein Naga. Obwohl ich ihn noch nie gesehen habe, bin ich mir dessen sicher.

Der schmale Wasserlauf – eingezwängt zwischen Art-Deco-Villen und gesichtslosen Neubaublöcken – ist der Durchgang zu einer anderen Welt. Und es ist der Naga – ein Wassergeist – der mit seiner magischen Energie dafür sorgt, dass in seinem Reich die Tür zu dieser alternativen Wirklichkeit geöffnet ist.

Für die, die sehen können…

Ich weiß nicht, wie vielen Bewohner des Viertels die Fähigkeit gegeben ist, dieses zarte Flimmern über der Wasseroberfläche wahrzunehmen. Die Zeichen zu deuten, die ihnen von dieser urwüchsigen Kraft geschenkt werden.

Vermutlich nimmt der eine oder andere Bewohner das magische Geschehen aus den Augenwinkeln wahr, wenn er am Kanal entlang in die Altstadt läuft. Die meisten, vermute ich, werden die Signale dieser anderen Welt beiseite wischen.

Tagträume, Hirngespinste…

Im Gegensatz zu ihnen weiß ich, dass der Naga existiert. Ein lokaler Wassergeist, mit Magie und Weisheit gesegnet. Er ist einer von vielen, die hier im Viertel leben.

In der alten Ulme am Rosengarten, in der die Graureiher-Kolonie nistet, lebt ebenfalls ein Naturgeist. Es könnte sich um einen Sadag handeln, den örtlichen Geister-Besitzer des Landstreifens, auf dem das Viertel erbaut wurde.

Und in der verwunschenen Altbauwohnung, in der ich seit nun fast zwei Jahren in einem Untermietzimmer hause, lebt ein Theurang. Der Kerl verströmt eine atemberaubend negative Energie! Ich halte jedesmal automatisch die Luft an, wenn ich mein Zimmer verlasse.

Mir kann der Theurang nichts anhaben, ich bin durch meine spirituelle Praxis geschützt. Mein Zimmer kann er nicht betreten.

Aber meine Mitbewohner leiden unter seinem wilden Treiben: Er sorgt dafür, dass nichts von Wert in ihrem Haushalt Bestand hat. Sobald ein bisschen Geld verdient ist, muss es auch schon wieder ausgegeben werden, weil unerwartet etwas kaputt gegangen ist. Sachen verschwinden und sind nicht mehr auffindbar. Und ständig gibt es Streit.

Einen Theurang im Haus zu haben, ist eine wirklich ungute Sache.

Für alle diese Geister praktiziere ich täglich mein Riwo Sang Chöd.

Wenn der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aus meinem kleinen Räuchergefäß aufsteigt und über die Dächer davonzieht, weiß ich, dass sich der Naga im Elstermühlgraben daran erfreut. Genauso wie der Sadag in der alten Ulme und all die anderen Naturgeister, die in den Bäumen, den Weihern und den verschatteten Hinterhöfen des Viertels leben.

Und im Flur meiner verwunschen Wohnung drückt der Theurang seine Nase an den Türspalt und saugt gierig auch noch das letzte Fitzelchen der Opfergabe in sich hinein.

Mein kleines Riwo Sang Chöd ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die magischen Wesen aus der anderen Welt, die mitten unter uns sind, bräuchten unser aller Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Wer möchte, kann den heimatlichen Naturgeister ein Räucherstäbchen opfern und ihnen dabei ein paar liebevolle Gedanken schicken.

Auch das ist bereits ein Sang…

Feuer-Gott

Ohne die magische Kraft des Feuers wäre die Transformation der Speiseopfer im Riwo Sang Chöd nicht möglich…

Das Feuer lebt!

Wer in die Flammen eines offenen Feuers starrt – und sich dabei gestattet, einfach nur zu sehen, was ist – wird sich Auge in Auge mit dem mächtigen Feuer-Gott wiederfinden.

Dass es uns gegeben ist, ihm in dieser Direktheit zu begegnen, verdankt sich unserer Lebensenergie.

Auch wir tragen einen Funken dieses magischen Feuers in uns.

Tummo.

Im Westen ist es Yoga-Adepten als „Kundalini-Energie“ vertraut: Eine Feuerschlange, zusammengerollt schlafend im Unterleib. Durch spezielle Übungen kann sie zum Leben erweckt werden.

Dabei ist Vorsicht geboten: „Kundalini-Unfälle“ – die durch das verfrühte Aktivieren der magischen Feuerkraft verursacht werden – können böse Konsequenzen haben.

Denn die Kraft des Feuers nährt unser Leben – und hat gleichzeitig das Vermögen, es zu zerstören.

Feuer ist schnell: Ein Funke auf trockenem Holz genügt, schon steht alles in Flammen. Es besteht immer die Gefahr, dass es außer Kontrolle gerät.

Deshalb sollte man dem Gott des Feuers immer mit Respekt und Vorsicht begegnen. Egal ob wir mit unserem Tummo – unserer Lebensenergie – oder mit äußeren Flammen zu tun haben.

In den tibetisch-buddhistischen Sang – den rituellen Rauch-Opfern – kommt dem Gott des Feuers eine besondere Aufgabe zu: Es ist seine magische Kraft, durch die Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig, Melasse und Kräuter in Weißheitsnektar verwandelt wird. Der Rauch, der beim Verbrennen der Speiseopfer entsteht, dient lediglich als Vehikel.

In den Himmel aufsteigend, trägt er die sättigende Nahrung in alle Sphären jenseits von Raum und Zeit.

Auf dass sich Buddhas und Bodhisattvas, Schützer und alle fühlenden Wesen daran erfreuen und jeder auf seine Weise karmische Verstrickungen lösen kann.

Der mächtige archaische Gott des Feuers wird gezähmt und in den Dienst des liebenden Mitgefühls – Bodhicitta – gestellt.

Rauch

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – Sang – ist eine Übung in Großzügigkeit und liebendem Mitgefühl…

Suriyels perfektes Sang im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain…

Rauchopfer heißen auf Tibetisch „Sang“.

Das bedeutet „rein“.

Der Rauch, der beim rituellen Verbrennen von Speiseopfern, Kräutern und Hölzer entsteht, gilt als Mittel der Reinigung.

Die Basisvariante des Sang praktiziert jeder, der ein Räucherstäbchen entzündet.

Willkommen in der Welt des Schamanismus!

Das Riwo SangChö – das „Berg-Rauch-Opfer“ – ist eines von vielen Sang im Vajrayana. Allen ist gemeinsam, dass sie ursprünglich schamanische Praxis waren. Als der Buddhismus nach Tibet kam, wurden die traditionellen Rauchopfer in die neue Religion integriert.

Tibetische Buddhisten praktizieren Sang als Ausdruck von Bodhicitta, der Haltung des liebenden Mitgefühls. Mit dem täglichen Rauchopfer – das etwa eine halbe Stunde dauert – wird das voraussetzungslose großzügige Geben allen fühlenden Wesen gegenüber eingeübt. Niemand wird ausgeschlossen. Selbst die nicht, die dem Praktizierenden Böses wünschen und ihm schaden wollen.

Denn wir sind – so lehrt es der Buddhismus – mit allen fühlenden Wesen in tiefer Weise verbunden.

Durch den Rauch, der während des Ritus entsteht, wenn die Opfergaben verbrennen, werden alle fühlenden Wesen in sämtlichen Daseinsbereichen auf perfekte Weise gesättigt.

Negatives Karma, das uns – durch falsches Denken und Handeln in der Vergangenheit – in schmerzhaften Situationen gefangen hält, kann durch das großzügige liebende Geben des Rauchopfers aufgelöst werden.

Ein Sang zu vollziehen, ist deshalb eine so schöne wie erfüllende Angelegenheit – für die Praktizierenden, wie für ihre Gäste.

Das Riwo SangChö gibt es in „klein“ für das unkomplizierte tägliche Ritual Zuhause: Dafür wird in einem kleinen Gefäß Räucherkohle entzündet und ein Instant-Pulver darüber gestreut. Das geht schnell und raucht nur dezent.

Praktiziert die Sangha – die buddhistische Gemeinde – im Tempel zusammen, ist ein „großes“ Riwo SangChö angesagt. Denn genauso ist es im jahrhundertealten Ritualtext festgeschrieben: Die Speiseopfer – Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Melasse, Honig und Kräuter – werden in Natura in ein offenes Feuer gekippt. Je mehr Rauch dabei entsteht, um so besser!

Allerdings gibt es ein kleines Problem dabei – zumindest im Westen: Die Nachbarn!

Normalsterbliche nichtbuddhistische Muggles sehen kein Reinigungsritual und sind beim Anblick des Rauches erfüllt von Bodhicitta – sie sehen Feinstaub und fühlen sich belästigt!

Dass Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum im dicht besiedelten Berlin-Friedrichshain liegt, macht die Sache nicht leichter. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Da hat es Uriel im Retreathaus am Ende der Welt besser. Bei ihm hat sich noch nie jemand über sein Riwo SangChö beschwert. Kein Wunder: er hat keine direkten Nachbarn. https://www.water-runs-east.eu/experience/

Der Kampf um die Interpretation des Rauches tobt, seit Suriyel vor einem Jahr das Riwo SangChö in die Sonntags-Praxis des buddhistischen Zentrums aufgenommen hat.

Die hingebungsvoll Praktizierenden beharren darauf, dass sie Gutes tun.

Die Nachbarn wollen von Religionsausübungen jeder Couleur unbelästigt bleiben.

Es ging hoch her!

Statt von karmischen Verstrickungen zu reinigen, bestand die Gefahr, dass das Sang welche produzierte.

Deshalb musste eine friedvolle Lösung gefunden werden. Wie es sich für ein buddhistisches Zentrum gehört.

Letzten Sonntag hat Suriyel das erste Mal ein Indoor-Riwo-SangChö praktiziert. Mit Räucherkohle. Ganz bescheiden. Niemand wurde von den zarten Rauchschwaden belästigt.

Nächsten Sonntag wird im buddhistischen Zentrum Losar gefeiert – lunares Neujahr. Zu diesem Anlass darf Suriyel ein großes Feuer machen. Mit ganz viel Rauch. Egal, was die Nachbarn sagen…

Homemade Sang

Ich emanzipiere mich – zumindest ein bisschen – und wage mich an ein privates Riwo Sang Chöd, das traditionelle tibetische Rauchopfer.

Ich praktiziere Zen – und gleichzeitig tibetisch-buddhistisches Vajrayana.

Das chinesisch-japanische Zen ist so etwas wie die Instantversion des Mahajana-Buddhismus: Der lösliche Kaffee im Schraubglas. Ein Löffel davon in die Tasse, heißes Wasser drüber, fertig.

Für meine tägliche Meditation – das Zazen – brauche ich einfach nur ein Kissen. Platz nehmen, ruhig werden, atmen. That´s it.

Vajrayana – die tibetische Form des Mahajana-Buddhismus – ist dagegen so etwas wie die Barista-Kaffee-Version.

Man braucht eine ausgefeilte – und oft teure – Ausstattung. Es gibt tausend Tricks und Kniffe, die man beachten muss und man kann wahnsinnig viel falsch machen.

Zen und Vajrayana bieten das selbe „Produkt“: Erleuchtung.

Aber der Weg dahin könnte nicht unterschiedlicher sein.

Wie bei der Wahl des Kaffees ist es eine Frage des Persönlichkeitstyps: Die einen bevorzugen Purismus, die anderen mögen es üppiger.

Und dann gibt es seltsame Menschen wie mich, die wollen beides.

Mit dem Ergebnis, dass ich morgens aus dem Bett wanke und auf mein Meditationskissen sinke. Dort sitze ich und tue nichts außer Atmen und „Da-Sein“.

Es ist fantastisch. Ich liebe es!

Wer es nicht glaubt, sollte das Zazen einfach mal selbst ausprobieren. Wie gesagt: Man braucht nur ein Kissen und Disziplin.

Aber danach ist es bei mir vorbei mit dem Minimalismus. Dann wird es kompliziert. Denn dann wechsle ich ins Vajrayana.

Bisher waren meine Bemühungen immer provisorisch. Und das ist noch milde ausgedrückt. Ich beschränkte mich auf das nackte Rezitieren meines Mantras. Immerhin mit Mala und Räucherstäbchen, aber für Vajrayana-Verhältnisse ist das Frevel.

Vergleichbar mit einem Barista, der ganze Espresso-Bohnen in eine Kaffeetasse gibt und heißes Wasser darüber gießt. Jeder Kaffeehaus-Besitzer würde ihn sofort feuern.

Seit ein paar Tagen absolviere ich deshalb täglich nach dem Zazen mein eigenes Riwo Sang Chöd! Das morgendliche Rauchopfer ist fester Bestandteil im Leben jedes gläubigen tibetischen Buddhisten. Es dauert etwa dreißig Minuten und ist nicht sonderlich kompliziert. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Ich habe beschlossen, dass ich mich nicht länger auf Suriyels und Uriels Praxis ausruhen und nur immer konsumieren kann. Nach sechs Jahren Vajrayana ist es an der Zeit, dass ich anfange, mein eigenes Ding zu machen.

Und das tue ich mit allem Chichi: Ich rezitiere den kompletten Text. Ich verbrenne währenddessen in einem kleinen Räuchergefäß original „Mountain-Top pure fragrant Smoke Offering“, gefertigt in einem Kloster in Nepal.

Das Räuchern praktiziere ich am offenen Fenster auf dem Fensterbrett, immer mit besorgtem Blick auf den Rauchmelder. Bisher ist er stumm geblieben. Möge es so bleiben.

Die größte Hemmnis für die häusliche Praxis des Riwo Sang Chöd ist aber nicht der Rauch, sondern der Krach, den man während des Rituals verursacht.

An mehreren Stellen muss mit der linken Hand die große Handglocke geläutet und gleichzeitig mit der rechten Hand die kleine Damaru – eine traditionelle tibetische Handtrommel – gedreht werden. Das ist koordinationstechnisch eine Herausforderung.

Und man produziert höchst exotischen Lärm – bei offenem Fenster. Dem Rauchmelder-Gesetz sei dafür gedankt.

Viele hier im Westen, die im stillen Kämmerlein tibetische Meditation praktizieren, wollen sich nicht vor ihren Nachbarn outen. Sie verzichten deshalb schweren Herzens auf die Praxis.

Das Riwo Sang Chöd – in Tibet, Nepal und Bhutan selbstverständlicher Teil des Alltags – ist in westlichen Großstädten ein Störfaktor. Der Rauch! Und dann noch der Lärm!

Aber ohne geht es nicht…

Insgesamt wird fünf mal Krach gemacht:

Am Ende der Anrufung von Guru Padmasambhava (dem wir der Legende nach das Riwo Sang Chöd verdanken) wird getrommelt und geläutet, um Dankbarkeit auszudrücken.

Nachdem das Speiseopfer durch Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt wurde, werden die vier Klassen der Gäste mit dem Lärm zum Mahl gebeten.

Nachdem das Opfer verbrannt ist – und dann noch einmal ganz zum Schluss – wird verkündet, dass alles erfolgreich verlaufen ist.

Und im letzten Drittel werden mit ohrenbetäubendem Krach alle negativen Kräfte vertrieben.

Das muss so sein. Ohne Musikinstrumente ist es kein Riwo Sang Chöd.

In einem anthropologischen Buch über Schamanen in der Mongolei habe ich folgendes traditionelle Zitat gelesen: „Wer mutig ist, wird ein Held. Wer sich nicht schämt, wird Schamane.“

Ich wäre lieber eine Heldin geworden, hätte ich die freie Wahl gehabt.

Mehr als eine „Schamanin in Ausbildung“ ist leider nicht aus mir geworden.

Was sich meine Nachbarn von mir denken, haben sie bisher für sich behalten…

Von links nach rechts, oben: Die traditionelle Ritual-Glocke mit dem Dorje, das Sang-Fertigpulver, ein kleiner Löffel, Räucherkohle, darunter ein traditionelles tibetisches Räuchergefäß, daneben die kleine Damaru. Darunter links die Mala, die für die Rezitation des Mantras von Guru Padmasambahavas gebraucht wird, sowie der Rezitationstext, gedruckt auf den typischen Papierstreifen.

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