Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Riwo SangChö (Seite 1 von 2)

Totensonntag

Das sonntägliche Rauchopfer im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain bekommt spontan eine protestantische Note…

Um dreizehn Uhr sind wir mit der „Grünen Tara“ – dem ersten Teil unserer wöchentlichen Sonntagspraxis – durch. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Wie immer haben wir knapp zwei Stunden dafür gebraucht. Denn wir praktizieren die Grüne Tara in der langen tibetischen „Tempel-Version“ und nicht in der – im Westen üblichen – verkürzten Weise.

Trotz der Länge und Komplexität unserer Praxis – und der Tatsache, dass es im ungeheizten Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain im Winter ungemütlich kalt ist – haben sich heute wieder dreizehn Leute eingefunden, um gemeinsam zu rezitieren, zu singen und zu meditieren.

Nachdem wir fertig sind, versichern wir uns gegenseitig, was wir doch wieder einmal für eine schöne gemeinsame Praxis hatten! Danach flüchten die anderen in die gemütliche Teestube des Zentrums, in der die Heizkörper glühen.

Israfel und ich machen einen Abstecher in die Küche, die sich in einem Nebengebäude befindet. Wir wärmen die Gemüsesuppe mit den bayerischen Semmelknödeln auf, die wir beide gestern fabriziert haben. https://www.water-runs-east.eu/hausmannskost/

Als in der Teestube alle vor ihren dampfenden Tellern sitzen, breitet sich Schweigen über dem Tisch aus. Wir falten die Hände, Suriyel spricht das kurze tibetische Tischgebet.

Während der Mahlzeit diskutieren wir das anstehende Programm. Suryiel möchte ein „kleines“ Rauchopfer in einer Schale machen, anstelle des üblichen Feuers auf der Terrasse. Zu Schulungszwecken. Er hat – erklärt er uns – eine neue unkomplizierte Methode entdeckt, den Instant-Powder ohne Räucherkohle zu opfern. Die möchte er heute präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Kurz überlege ich, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch?

„Widerspruch!“, befiehlt mir meine intuitive Innere Stimme.

„Ach komm, Suriyel!“, rufe ich deshalb aus. „Mach ein Feuer! Bitte!“

„Ich mache doch ein Feuer! Ein ganz kleines!“, kommt es zurück.

„Du weißt genau was ich meine! Ich möchte ein großes! In der Feuerschale!“ Dazu setze ich einen erstklassigen Hunde-Blick auf.

Jetzt ist es an Suriyel zu überlegen, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch.

Er entscheidet sich für Akzeptanz. „Ja, gut. Wenn du das willst. Machen wir halt ein großes Rauchopfer.“

Alle am Tisch schauen erfreut. Anscheindend hat sich außer mir nur keiner getraut, Suriyel zu widersprechen.

Bevor wir im Tempel alles für das Rauchopfer vorbereiten, spüle ich mit einer Dharma-Schwester das schmutzige Geschirr. „Weißt du, das heute Totensonntag ist?“, fragt sie mich währenddessen.

„Nein, wusste ich nicht. Ich bin katholisch. Bei uns sind das Allerheiligen und Allerseelen. Die waren schon am 1. und 2. November.“

Die Dharma-Schwester versenkt den nächsten Suppenteller im Spülwasser. „Meine Mutter ist evangelisch. Der ist Totensonntag wichtig. Da rufe ich sie immer an.“

Auf dem Weg in den Tempel komme ich an einem Dharma-Bruder vorbei. Der steht im Flur und spricht besänftigtend ins Telefon.

Kurz darauf lässt er sich auf dem Meditationskissen zu meiner Rechten nieder. „Wusstest du, das heute Totensonntag ist?“

„Ja. Aber nur, weil es mir gerade gesagt wurde. Ich bin katholisch.“

Der Dharma-Bruder seufzt. „Ich habe es vergessen! Dabei ist meine Oma vor ein paar Wochen gestorben! Heute wurde im Gottesdienst ihr Namen verlesen, weil Totensonntag ist, und meine Mutter war ganz aufgelöst, weil ich nicht angerufen habe!“ Es ist dem Dharma-Bruder anzusehen, wie unglücklich er über die Situation ist.

Ich überlege, wie wir ihm beistehen können. „Sollen wir das Rauchopfer für deine Oma machen? Wo sie doch gerade gestorben ist?“

„Sie ist schon im August gestorben!“

Ja, gut, das ist deutlich länger als die 49 Tage, die Verstorbene im Bardo – dem Zwischenreich von Leben und Tod – verbringen. So wird es im tibetischen Buddhismus gelehrt. Außerdem praktiziert man für Verstorbene nicht Riwo SangChöd – das Rauchopfer, das wir gleich machen werden – sondern Sur. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Egal! „Wir sind flexibel!“, erkläre ich dem Dharma-Bruder. „Wir können trotzdem Rauchopfer für deine Oma machen.“ Maktiel, die an der großen Trommel Platz genommen hat, lacht belustigt auf.

„Es ist eher… Meine Mutter…“

Der Dharma-Bruder macht sich erkennbar weniger Sorgen um die Wiedergeburt seiner Oma, als um das Wohlbefinden seiner Mutter. Es ist doch gut, dass wir kein Sur, sondern ein Riwo Sangchö machen werden, denke ich. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

„Wie heißen denn deine Oma und deine Mutter?“

„Hildegard und Hannelore.“

Während wir über Oma und Mutter diskutieren, wurden die Vorbereitungen für das Rauchopfer abgeschlossen. Die Feuerschale, in der das Holz kunstvoll zu einem Turm aufgeschichtet ist, steht auf der Terrasse des Tempels. Davor sind auf einem Tischchen die Opfergaben aufgereiht.

Suriel zündet den Holzstoss an. Begleitet von lautem Knistern zucken die ersten Feuerzungen in die Höhe.

Dann kommt er zu uns und nimmt auf dem Meditationskissen zu meiner Linken Platz.

„Wir machen heute Sang für Hildegard und Hannelore! Das sind die verstorbene Oma und die Mama von …“, erkläre ich ihm. „Weil heute Totensonntag ist!“

Suriyel versteht erkennbar kein Wort. „Wir machen immer Sang für alle!“

„Für alle – und heute ganz besonders für Hildegard und Hannelore! Du musst es auch sagen, damit es wirkt!“

Suriyel weiß immer noch nicht, was gerade los ist, nickt aber ergeben. „Gut, dann machen wir heute Sang für alle und ganz besonders für Hildegard und Hannelore!“ Er kämpft hörbar mit den ungewohnten deutschen Namen.

„Weil Totensonntag ist.“

Das ignoriert er. Als Pole, denke ich, weiß er vermutlich nicht einmal was ‚Totensonntag‘ ist. „Das ist wie ‚Allerheiligen‘ und ‚Allerseelen‘ für Protestanten!“, schiebe ich schnell hinterher.

Auch das sagt ihm erkennbar nichts. Leider weiß ich nicht, wie die Feiertage auf Polnisch heißen.

Suriyel ist es egal. Er schlägt den Gong und stimmt das erste Sutra an. Während die Flammen in der Feuerschale höher und höher steigen und die Hitze die feuchten Terrassenbohlen dampfen lässt, nehmen wir Zuflucht, entwickeln Bodhichitta und laden die Gäste ein.

Die Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Dakinis, alle Naturgeister, Tiere, Menschen und alle anderen sichtbaren und unsichtbaren Wesen, mit denen wir in Verbindung stehen.

Und Hildegard und Hannelore…

Als wir bei der Opferung angekommen sind, steht Suriyel auf, geht zur Terrasse und wirft die Opfergaben in die Flammen.

Weißer Rauch steigt aus der Feuerschale auf und windet sich wie eine dicke Schlange in den grauen Herbsthimmel.

Auf Israfels Vorschlag hin singen wir, nachdem wir mit dem Rauchopfer durch sind, noch drei Mal das Dewa Chen Gebet für eine glückliche sofortige Wiedergeburt von Hildegard und Hannelore.

Hinterher sitzen alle auf ihren Kissen und sind geradezu betäubt vom Ritual. Nie zuvor haben wir ein solch perfektes Rauchopfer hinbekommen als das heutige am Totensonntag! Das Feuer, der Rauch, die Musik der Instrumente, unser Gesang – alles war genau so, wie es sein soll.

„Ich bin mir sicher, dass davon etwas bei deiner Oma und deiner Mutter angekommen ist!“, flüstere ich dem Dharma-Bruder zu meiner Rechten zu.

Der nickt. „Ganz sicher! Ich werde gleich meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass wir für sie und Oma gebetet haben. Sie wird sich sehr darüber freuen!“ Damit steht er auf und eilt – sein Handy aus der Jackentasche ziehend – aus dem Tempel.

Opfergabe

Ich praktiziere ein tibetisch-buddhistisches Rauchopfer auf einem keltischen Opferstein und hoffe, dass es bei den Gästen Anklang findet…

Zum zweiten Mal bin ich auf dem Hochplateau des Maimont in den Vogesen. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Ich will dort ein Opfer darbringen. Genau wie im September 2022. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.

War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.

Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.

Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.

Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.

Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.

Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.

Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.

Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.

Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!

Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!

Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.

Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.

Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?

Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?

Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.

Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.

Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.

Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.

Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.

Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.

Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.

Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.

Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.

Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.

Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.

Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.

In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.

Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.

Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.

Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.

Genau wie beim letzten Mal.

Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.

Die Einladung der Gäste.

Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.

Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.

So steht es im Text.

Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.

Aber diesmal „sehe“ ich sie nicht. Im Gegensatz um letzten Mal. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.

Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.

Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.

Mein Puls rast.

Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.

Denn ich habe nichts „gesehen“.

Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.

Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.

Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.

Die Landlords.

Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.

Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.

„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.

Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.

Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.

Sie war von nüchterner Klarheit.

Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.

Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Rauchopfer

Zwei Jahre nach meinem ersten Besuch mache ich mich bereit für eine weitere Opfergabe auf dem keltischen Opferstein auf dem Maimont…

Am Abend vor dem Aufbruch in den Pfälzer Wald packe ich meine Sachen. Dabei kreisen meine Gedanken um den keltischen Opferstein auf dem Maimont. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Am 24. September 1922 praktizierte ich an diesem seltsamen Ort ein „Hexen-Opfer“. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Aus einer Laune heraus. Gedankenlos gegenüber den Konsequenzen. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich Schlafanzug und Kosmetikbeutel in den Rucksack stopfe, wird mir bewusst, wie vollkommend naiv ich damals gewesen bin!

Als ich Obst und Blumen in der Schale des Opfersteins drapierte und das Räucherstäbchen entzündete, tat ich dies ohne jede Vorstellung davon, dass dieser simple Akt derart dramatische Folgen haben würde!

Am 28. September – vier Tage nach meiner Opfergabe – lernte ich unter seltsamen Umständen Maria kennen.

Im Februar 2023 brachen ich mit ihr zu einer Reise auf. https://www.water-runs-east.eu/danzig/

Der Weg führte uns nach Danzig und von dort in das Retreathaus ans Ende der Welt. https://www.water-runs-east.eu/amulett/

Die Kräfte des keltischen Opfersteins hatten Maria und mich aufeinander treffen lassen, damit wir den Weg des Dharma gemeinsam gehen konnten.

Im Rückblick macht alles, was sich ereignete, Sinn. Eine Kette von Wundern.

Währenddessen fühlten wir uns den Ereignissen hilflos ausgeliefert.

Deshalb wurde der Beginn dieser Reise zur Geburtsstunde des Blogs.

Ein Mittel, darüber zu reflektieren, was uns geschah. Gedankliche Ordnung in das Chaos unseres Lebens zu bringen. Deshalb begann ich zu bloggen. Zwischendurch schrieb auch Maria. https://www.water-runs-east.eu/about-the-idea-of-going-to-poland/

Diese Aufgabe erfüllt der Blog bis heute.

Denn die Reise ist noch lange nicht zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/wunder/

Auch wenn Maria in Leipzig zurückblieb, als es mich nach Berlin verschlug. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Übermorgen werde ich an den keltischen Opferstein zurückkehren. Dort werde ich ein zweites Mal ein Ritual vollziehen.

Diesmal nicht nach Hexen-Art. Denn in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt. Unter andem, wie man ein traditionelles tibetisches Rauchopfer durchführt.

Das Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Deshalb werde ich diesmal nicht Obst und Blumen darbringen, sondern Sang-Powder verbrennen. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Die Frage ist nur: Welchen?

Denn ich habe mehrere. Zum einen die Fertigmischung aus dem nepalesischen Nyingma-Kloster. Zum anderen mehrere „Do-it-yourself-Sang-Powder“, die ich gemeinsam mit Suriyel produziert habe. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Ich gehe meine Vorräte durch und bin hin- und hergerissen: Den nepalesischen Sang-Powder oder doch lieber einen aus eigener Herstellung? Und wenn ja, welchen?

Schließlich entscheide ich mich für die selbstgemachte „Lung-Mischung“. Die habe ich aus Kräutern des Gartens des Buddhistischen Zentrums hergestellt, die während unseres Online-Lungs – der Ermächtigung zur Ausübung des Rauchopfers – neben dem Altar standen. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Als das Ritual zu Ende war, nahm ich den Strauß zu mir nach Hause mit. Dort ließ ich die Kräuter trocknen und vermengte sie mit Eichenholzspäne und Harzen. Ein Glas der Mischung schenkte ich Suriyel. Der mahlte sie in der Kaffeemaschine, damit sie staubfein war und gab noch etwas Aroma-Öl dazu, bevor er mir die Hälfte davon wieder zurückgab.

Diese Sang-Powder-Mischung – beschließe ich – ist perfekt für den keltischen Opferstein! Sie ist die Summe der Ereignisse, die seit meinem ersten Ritual dort über mich gekommen sind:

Suriyel, sein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Friedrichshain, in das es mich verschlagen hat und das Riwo SangChö, das ich an diesem Ort von Suriyel gelernt hatte.

Einen anderen als diesen Sang-Powder zu nehmen, wäre komplett unangemessen, beschließe ich.

Allerdings riecht er eigenwillig. Der Garten des Buddhistischen Zentrums wird dominiert von Lavendel und Rosmarin. Die Mischung ist etwas einseitig geraten. Dazu kommt Suryiels Aroma-Öl-Behandlung. Was immer er genommen hat, es verströmten einen strengen herben Duft.

Ich mag den Geruch. Aber was, wenn die Naturgeister des Maimont nicht davon begeistert sind? Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn sie sich von meinem Opfer gekränkt fühlen!

Als mich meine Freundin am Bahnhof abholt, habe ich mein Equipement für ein traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer im Gepäck. Und ein Schraubglas mit einem sehr speziellen Sang-Powder. Der besteht zur einen Hälfte aus unserem eigenwillig riechenden „Home-Made-Lung-Powder“, zur anderen Hälfte aus dem in Nepal hergestellten Pulver.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass dieses Opfer Anklang finden wird…

Online-Lung

Wir bekommen die Ermächtigung für ein mehr als tausend Jahre altes tibetisch-buddhistisches Ritual via Zoom…

Um halb acht Uhr morgens stehe ich vor dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain.

Heute bekommen wir hier Lung für unser traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer! Deshalb ist das Tor bereits geöffnet. Zwei aus der Rauchopfer-Gruppe sind seit sieben Uhr morgens hier, um alles für das feierliche Ereignis vorzubereiten. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Ich hänge meine feuchte Jacke an die Garderobe im Flur und schiebe den Vorhang zum Tempel beiseite.

Der ist hell erleuchtet. Auf dem Altar – zu Füßen der riesigen Buddha-Statue – sind die Opfer-Schalen mit frischem Wasser gefüllt. Dazwischen brennen Kerzen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen hängt in der Luft.

Nachdem ich meine drei Niederwerfungen vor dem Altar vollzogen habe, eile ich den anderen zur Hilfe. Jemand schaltet den Beamer an, den Suriyel uns gestern Abend an die Tempel-Decke montiert hat:

Auf der Leinwand erscheint eine Terrasse. Darauf ist ein großer Ofen aus Ton platziert, in dem ein Holzfeuer brennt. Sanft streicht der Rauch aus dem Kamin der Feuerstelle.

Noch fünfzehn Minuten!

Bevor er sich gestern Abend verabschiedete, hat Suriyel die Feuerschale für uns präperiert. Kunstvoll stapelt sich das Holz darin fünfzig Zentimeter hoch. Dazwischen sind Grillanzünder patziert, damit wir das Feuer ganz sicher zum Brennen bringen.

Wir müssen heute morgen ohne Suriyel auskommen. Er ist der einzige von uns, der bereits Lung – die feierliche Übertragung der Praxis – erhalten hat. Deshalb darf er ausschlafen.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Sonntags-Sangha. Die laufen gerade alle ein. Die meisten erkennbar unausgeschlafen. Aber es hilft nichts: Wenn wir Lung für das Riwo Sangchö haben wollen, dann hier und heute – und auf ungewöhnlichem Wege.

Denn eigentlich wird das Lung direkt übertragen: Der Lehrer sitzt auf seinem Thron und liest den Schülern feierlich den Praxistext auf Tibetisch vor. Getragen von der Intention, diese in die jahrhundertealte Linie der Meisterinnen und Meister aufzunehmen, die diese Praxis entwickelt und ausgeführt haben.

So ist es seit altersher üblich. Eigentlich ist es nur dann ein Lung. Der tibetische Buddhismus heißt nicht umsonst „Lamaismus“: In keiner anderen buddhistischen Tradition ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so eng und verbindlich wie hier.

Allerdings braucht man dafür einen leibhaftigen Lama.

Den das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain nicht vorrätig hat. Es funktioniert ohne „Präsenz-Lama“. Der Gründer des Zentrums – ein hoher tibetischer Würdenträger – kommt mehrmals im Jahr vorbei. Andere Lamas werden eingeladen, um Seminare und Teachings zu geben.

Obwohl inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag ein Riwo Sangchö im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain praktiziert wird, hat es sich irgendwie nie ergeben, dass einer von den „Besuchs-Lamas“ Lung für das Riwo Sangchö gegeben hat.

Warum auch immer…

Und das, obwohl aus der Sonntags-Sangha regelmäßig um das Lung gebeten wird.

Inzwischen ist nicht nur die Frustration in der Rauchopfer-Gruppe groß, es macht sich auch immer stärker Unbehagen breit. Schließlich wurden wir bereits in andere buddhistische Zentren geschickt, um dort unser Rauchopfer zu präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Wir wurden sogar schon eingeladen, um es bei anderen Mitgliedern unserer Sangha zu praktizieren. Auf das wir gute Energie damit schaffen. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Und das alles ohne Lung!

Wir fühlen uns wie Hochstapler. Da können wir noch so viel üben: ohne Lung keine vernünftige Praxis!

Es musste also dringend eine Lösung her! Nur welche?

Schließlich die erlösende Nachricht: Ein Mitglied unserer Sangha erfährt zufällig, dass der Lama einer anderen Sangha an einem Samstag im Juni Lung geben wird.

Online. Via Zoom!

Jeder, der Zuflucht genommen hat – egal bei welchem Lehrer – kann daran teilnehmen, wird uns auf Nachfrage erklärt.

Obwohl die Skepsis groß ist, was von einem Online-Lung zu halten ist, lassen wir uns darauf ein.

Besser ein Lung über Zoom, als gar keines, beschließen wir.

Damit das Lung – trotz der seltsamen Umstände – würdevoll und feierlich über die Bühne geht, wollen wir nicht nur passiv bei dem Rauchopfer der Online-Sangha des fremden Lamas zusehen.

Wir werden parallel zur Zoom-Veranstaltung ein Rauchopfer auf der Terrasse unseres Tempels veranstalten!

Deshalb hat Suiyel gestern Abend die Feuerschale vorbereitet. Bevor er nach Hause ging, schärfte er mir noch ein, am Morgen auf keinen Fall zu vergessen, bei der Feuerwache anzurufen!

Das ist deshalb das erste, was ich mache, nachdem ich meine Niederwerfungen beendet habe. Die Nummer der Feuerwache ist unter meinen Kontakten gespeichert. Als der diensthabende Feuerwehrmann abhebt, sage ich brav den Spruch auf, den ich schon so oft von Suriyel gehört habe: „Hier ist das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain. Wir werden bis etwa 13 Uhr ein Ritualfeuer mit starker Rauchentwicklung abhalten.“ Ich muss meinen Namen, meine Telefonnummer und die Adresse des Zentrums hinterlassen.

Ich beende das Gespräch mit dem Gefühl der Erheiterung. Heute bin zur Abwechslung ich mal „die Spinnerin mit dem Ritualfeuer“. Obwohl man als Feuerwehrmann in Berlin sicher härteres erlebt als ein paar Exzentriker, die mit sehr viel Rauch Buddhas, Bodhisattvas und alle fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen nähren…

Als ich wieder in den Tempel komme, züngeln die ersten Flammen aus der Feuerschale, die Israfel auf die Terrasse platziert hat.

Ich bin verstimmt: eigentlich wollte ich das Feuer hüten. Das Holz – dicke Eichenscheite – habe ich gestern bei meinem Zimmerer-Bruder besorgt. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Auch der Instant-Powder, der während der Opferungen verbrannt werden wird, ist von mir. Eine Spezialmischung, die ich extra für unser Lung zubereitet habe. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Aber nun gut. Schließlich geht es um „Ego-Losigkeit“! Da wäre es höchst unpassend, wenn ich mich mit Israfel um das Feuer streiten würde.

Noch zwei Minuten bis acht Uhr. Wir nehmen auf unseren Sitzunterlagen Platz und starren auf die Leinwand. Dort flackert weiterhin das Feuer im Brennofen auf der Terrasse vor sich hin.

Wir sitzen und warten. Warum passiert nichts?

Jemand aus der Gruppe ruft den Zoom-Link mit seinem Handy auf. „Es gab gerade eine Durchsage: Noch eine Minute, dann geht es los!“

Im Tempel bricht Panik aus. Warum funktioniert die Tonübertragung nicht? Gestern haben die beiden Techniker bis Mitternacht Kabel verlegt und die Lautsprecher an das Mischpult angeschlossen. Und jetzt das!

Ich krame mein Handy aus der Tasche, rufe mit fliegenden Fingern den Zoom-Link auf und stelle den Lautstärke-Regler bis zum Anschlag hoch.

Gerade noch rechtzeitig: Auf der Leinwand erscheint der Lama. Er nickt würdig in die – visuelle – Runde.

Dann beginnt er sofort mit dem Lung!

Wir sitzen mit angehaltenem Atem und lauschen den Worten, die aus meinem Handy in den Tempel klingen.

Auf einmal springt Israfel auf und jagt zur Terrasse: Brennende Holzscheite sind von Suiyels kunstvollem Turm auf die Holzplanken gefallen und haben bereits zu rauchen begonnen.

Während wir anderen dem Lama zuhören, beobachten wir Israfel dabei, wie er hektisch die brennenden Scheite von der Terrasse befördert und die Brandstellen austritt.

Das ist wahrhaftig ein dramatisches Lung!

Erstaunlicherweise hat es – trotz der Übertragung via Zoom und der bescheidenen Tonqualität – beeindruckende Kraft.

Es fühlt sich nicht anders an – stelle ich fest – als eine „klassisches“ Übertragung!

Nachdem wir das Lung erhalten haben, zelebrieren wir acht Rauchopfer hintereinander: Wir im Tempel – und parallel dazu die Online-Sangha abwechselnd in verschiedenen Städten Europas und in den USA.

Um zwölf Uhr mittags verabschieden sich alle von einander: auch die Sonntags-Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Berlin-Friedrichshain winkt fröhlich in die Kamera, bevor die Zoom-Übertragung beendet wird.

Danach machen wir es uns in der Teestube bei einem späten Frühstück gemütlich und feiern unser Lung.

Das wirken wird. Keine Frage…

Lung

Wir bekommen endlich die Ermächtigung, das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren…

Als ich leise die Haustür der Spirituellen WG hinter mir ins Schloss ziehe, ist es gerade einmal kurz vor sieben Uhr morgens.

Völlig übermüdet trabe ich die Schönhauser Allee entlang. Über den stählernen Trägern der Hochbahn spannt sich der Morgenhimmel in dumpfem Grau. Sanft, aber unerbittlich geht seit Stunden Nieselregen nieder.

Eigentlich ist es einer dieser Samstage, die man am Besten im Bett verbringt.

Mir fiel das Aufstehen heute trotzdem nicht schwer. Und das trotz meines Schlafdefizits!

Als ich die Treppen zum Bahnsteig hinunterlaufe, fährt mit lautem Rumpeln die Ringbahn ein. Ein paar letzte Partygänger hängen in den Sitzen. Draußen zieht Berlin vorbei.

Am Frankfurter Ring steige ich aus und schlage den Weg ins tibetisch-buddhistische Zentrum ein.

Das ich gerade einmal vor sieben Stunden verlassen habe!

Denn am vorherigen Abend waren wir bis Mitternacht damit beschäftigt gewesen, alles für den großen Moment heute Morgen vorzubereiten:

Wir bekommen Lung!

Für das Riwo Sang Chö!

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer wird inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum praktiziert.

Und der einzige, der Lung für das Riwo Sang Chö hat, ist Suriyel.

Was eigentlich ein Unding ist!

Denn im tibetischen Buddhismus ist die Ausübung von Meditationspraxen an strenge Regeln gebunden.

Eine davon lautet: Nur wer Lung – die feierliche Ermächtigung eines Lehrers – für eine Praxis erhalten hat, darf sich ihr widmen.

Das ist nicht nur Formsache! Denn wer das Lung übertragen bekommt, erhält nicht nur die offizielle Erlaubnis für die Ausübung der Praxis.

Er wird in die Traditionslinie aufgenommen, aus der diese Praxis hervorgegangen ist.

In dem Moment, in dem der Lama feierlich die magischen Worte des Praxistexts auf tibetisch ausspricht, vollzieht sich eine Transformation. Die Teilnehmer der Zeremonie hören auf, isoliere Individuen zu sein.

Durch die feierliche Übertragung werden die Schüler vom mächtigen Energiestrom der Praxis aufgesogen und zu winzigen Partikel der vielen Jahrhunderte alten Linie. Die ganze Kraft all der mächtigen Meister und Meisterinnen, die sich in dieser Praxis geübt haben, steht ihnen von nun an zur Verfügung.

Gleichzeitig wird es durch das Lung möglich, dass die Energie-Tropfen, die diese neuen Mitglieder der Linie generieren, wenn sie sich der Praxis widmen, in den karmischen Fluß der Traditionslinie eingespeist werden.

Jeder, der Lung erhält, kann gewiss sein, dass er von nun an über mehr verfügt, als seine eigenen bescheidenen Kräfte. Er wird durch die Energie aller Praktizierenden der Linie getragen, die sich über viele Generationen dieser Praxis gewidmet haben.

Ohne Lung zu praktizieren ist eine nette, aber wenig fruchtbare Angelegenheit.

Erst das Lung ermöglicht den vollen Zugang zur Macht einer Meditationspraxis.

Und jeder, der den Unterschied schon einmal erlebt hat, wird das bestätigen…

Weißer Salbei

Die Räume der Spirituellen WG werden mit dem Rauch des traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – Riwo Sangchö – von negativer Energie befreit…

In den Wochen vor dem ersten Riwo Sangchö in unserer Spirituellen WG habe ich mich intensiv mit der Herstellung von Räuchermischungen beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Auf meinem Schreibtisch liegt eine lange Liste mit den Namen von Kräutern, Harzen, Hölzern und Wurzeln, die traditionell für Räucherwerk verwendet werden.

Einige Zutaten habe ich inzwischen besorgt: manches wuchs im Garten. Anderes entdeckte ich auf Streifzügen durch den Prenzlauer Berg und Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Mastix – das Harz des Pistazienbaums – und eine Reihe von getrockneten Heilkräuern habe ich online gekauft.

Am meisten entzückte mich bei meiner Recherche das Angebot einer Spezial-Gärtnerei für Räucherpflanzen! In einem regelrechten Kaufrausch füllte ich den virtuellen Warenkorb mit den Setzlingen exotischer Pflanzen, die Schamanen in Amerika, Afrika und Mexiko für ihre Rauchopfer verwenden.

Das war Ende April. Ich warte bis heute auf meine Pflänzchen. Denn die Lieferzeit der Spezial-Gärtnerei beträgt zwei Monate. Mein Räucherwerk-Hobby ist wohl doch nicht so exotisch und ungewöhnlich, wie ich dachte.

Und bevor ich Blüte, Früchte, Blätter und Rinden meiner Räucherpflanzen ernten kann, müssen die ja erst einmal auf meiner Dachterrasse wachsen und gedeihen. Vor Herbst 2025 ist realistischerweise nicht mit schamanischem Eigenanbau zu rechnen.

Es handelt sich um ein langfristiges Projekt.

Um trotzdem für unser allererstes Riwo Sangchö in der heimischen Spirituellen WG gerüstet zu sein, bestelle ich deshalb mehrere Bündel Weißen Salbei bei einem Online-Anbieter. Denn Weißer Salbei wird seit altersher von indianischen Schamanen für Reinigungs-Rituale verwendet.

Als meine Sangha am Samstag zu Besuch ist, stelle ich für Suriyel ein Schälchen mit meiner „Home-Made-Sang-Powder-Mischung“ auf den Terrassentisch. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Dazu lege ich eines der, etwa 15 Zentimeter langen, Bündel aus getrocknetem Weißem Salbei.

So etwas haben wir noch nie für unser Rauchopfer verwendet.

Damit Suriyel die geschnürten Zweige nicht einfach ins Feuer wirft, erkläre ich ihm, der Weiße Salbei wäre für die Reinigung des Hauses. Er dürfe ihn nur anzünden, nicht verbrennen!

Die Mitglieder meiner Sangha aus dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain haben inzwischen an der langen Tafel in der Wohnküche der Spirituellen WG Platz genommen. Durch die verglaste Fensterfront schauen wir auf die Terrasse und den Garten von Esthers Townhouse.

Nachdem Suriyel dort draußen das Brennholz in der großen Feuerschale entzündet hat, beginnen wir mit dem Ritual.

Als wir – den tibetischen Text rezitierend und singend – an der Stelle angelangt sind, an der das Speiseopfer dargebracht wird, legt Suriyel erst ein paar frische Zweige von Esthers Zypresse auf die brennenden Scheite, bevor er meinen „Do-it-yourself-Sang-Powder“ in die Flammen kippt. Eine dichte weiße Rauchwolke steigt auf, während wir alle unablässig das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren.

Dann hält Suriyel das Bündel Weißen Salbei in die Flammen. Als es brennt, kommt er in die Küche und drückt es mir in die Hand. Das Zeug raucht wie verrückt – und riecht unglaublich gut.

Während das Speiseopfer in der Feuerschale im Garten in weißem Rauch aufgeht, reinigen wir das Haus: Suriyel geht mit einer Schale mit glühendem Räucherwerk von Raum zu Raum, ich folge ihm mit dem brennenden Weißen Salbei. Hinter uns wandern die anderen Teilnehmer des Rituals. Wir rezitieren unaufhörlich „Om Ah Hung“, während wir – das glühende Räucherwerk in alle Ecken haltend – jedes Zimmer auf allen drei Stockwerken mit wohlriechendem Rauch füllen.

Als wir uns – nachdem wir ganz am Schluss auch noch mein großes Zimmer und meine Dachterrasse im Gänsemarsch durchschritten haben – wieder alle in einer langen Reihe die Treppen hinunter zurück in die Küche begeben, während unser monotones „Om Ah Hung“ durch das Haus schallt, ist das so bizarr wie berührend.

Als wir mit dem Ritual zu Ende sind, bedanken wir uns alle gegenseitig beieinander: Was hatten wir doch wieder für ein wunderbares Riwo Sangchö!

Danach gibt es Brunch. Begleitet von vielen anregenden Gesprächen.

Es war ein wunderschöner Tag, stellen Esther und ich fest, als uns unsere Gäste am späten Nachmittag verlassen haben.

Und das Haus wirkt, als würde es leuchten…

Buddha

Ich bereite unsere Spirituelle WG für das Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetische Rauchopfer – vor…

In einer Fensternische im ersten Stock von Esthers Townhouse am Prenzlauer Berg sitzt bereits seit Jahren ein grauer Buddha.

Dabei ist Esther Christin.

Ein paar Tage bevor meine Sangha zu uns zu Besuch kam, um in der Spirituellen WG ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren, war Suriyel bei uns zu Gast. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Nach dem Abendessen wanderten wir gemeinsam durch das Haus und besprachen, wie Esther und ich zukünftig die Räume nutzen wollten. Im ersten Stock angekommen, setzte ich mich – in ein Gespräch mit Suriyel vertieft – in die Fensternische.

Direkt neben den Buddha.

Suriyel zuckte zusammen. „Ist der gefüllt?“, fuhr er mich an.

Ich wäre vor Schreck beinahe von der Fensterbank gekippt. „Nein, nein!“, beruhigte ich ihn. „Du weißt doch, das Esther Christin ist! Der ist einfach nur Deko!“

Es war Suriyel anzusehen, dass er nicht glücklich darüber war. Er nahm die schwere Hartplastik-Figur in beide Hände und drehte sie um. Sie war Innen hohl.

„Na bitte!“, erklärte er uns. „Man kann sie füllen!“

Im tibetischen Buddhismus werden Statuen, die für Altäre bestimmt sind, in besonderer Weise sakralisiert: Man kauft eine profane Figur – wie Esthers Buddha aus dem Inneneinrichtungs-Shop – und bringt sie zu einem Lama. Der weiht sie nicht nur, sondern präperiert sie auf spezielle Weise: In einer feierlichen Zeremonie werden Schriftrollen mit Mantras im Inneren der Figur platziert. Danach wird der Hohlraum mit einer Mischung aus Kräutern und gesegneten Substanzen aufgefüllt und mit einem Deckel verschlossen.

Im Anschluss wird die Figur gesegnet. Der Besitzer kann mit einer sakralen Altar-Figur nach Hause gehen.

Suriyel war offensichtlich der Ansicht, dass auch Esthers Deko-Buddha diese Behandlung verdient hätte.

Am Samstagmorgen bereite ich alles für unser Riwo Sang Chöd in der Spirituellen WG vor. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Um elf Uhr kommen die Mitglieder meiner Sangha. Suriyel wird das Zeremoniell leiten.

Das Rauchopfer findet im Garten statt. Aber während des Speiseopfers werden wir alle durch die Räume des Hauses gehen und sie – mit Hilfe von brennendem Räucherwerk – reinigen.

Auch die Bibliothek im ersten Stock, in der Esthers Deko-Buddha zuhause ist.

Das Riwo Sang Chöd ist ein tibetisch-buddhistisches Ritual. Alle aus meiner Sangha, die heute zu Besuch kommen, um den Ritus mit uns – und für uns – zu vollziehen, sind Buddhisten.

Deshalb ist es komplett unpassend, dass Esthers Buddha während des Zeremoniells Deko ist. Da kann er noch so ungefüllt sein…

Ich muss improvisieren. Und zwar schnell! In vierzig Minuten kommen die Gäste!

Mit Schwung nehme ich die Treppenstufen in den dritten Stock. Mit zwei blühenden Pflanzen aus meinem Dachterrassen-Garten jage ich wieder nach unten.

Zufrieden stelle ich fest, dass der Buddha durch den Blumenschmuck gewinnt. Er sieht richtig feierlich aus!

Da geht doch noch mehr!

Opferschalen habe ich leider keine für ihn übrig. Aber zwei Kerzen und ein Schälchen! Nach einem weiteren wilden Galopp hoch in mein Zimmer und wieder die Treppen herunter, stelle ich schwer atmend auch noch zwei Schälchen mit Kerzen und eines mit einem Räucherkegel vor dem Buddha ab.

Als ich das Räucherwerk anzünde und der Rauch in zarten Fäden am Gesicht des Buddhas vorbeizieht, ist mir, als würde ich ihn lächeln sehen.

Suriyel hat recht, denke ich. Der Buddha würde wirklich gerne gefüllt werden.

„Du gehörst Esther“, flüstere ich ihm zu, bevor ich ihn verlasse, um mich den weiteren Vorbereitungen zu widmen. „Das musst du mit ihr besprechen!“

Sangha

Meine Dharma-Brüder und Schwestern kommen zum ersten Mal zu Besuch in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg…

Um halb elf Uhr steht die erste Dharma-Schwester vor der Tür.

Dreißig Minuten zu früh!

Nach einer kurzen Begrüßung drücke ich ihr den Besen in die Hand mit der Bitte, die Wohnküche zu fegen.

Als ich sehe, wie sie energisch den Staub aus den Ecken holt, verstehe ich, dass sie genau zur rechten Zeit gekommen ist!

Obwohl Esther und ich schon seit dem Morgen damit beschäftigt sind, die Spirituelle WG vorzubereiten, sind wir noch nicht fertig!

Wir hetzen die Treppen hoch und runter, schleppen Stühle und decken Tische.

Um Viertel vor elf läutet es ein weiteres Mal. Suriyel steht im Hauseingang. Mit seiner großen Feuerschale unter dem Arm und der riesigen blauen Ikea-Tüte über der Schulter. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Ich eile ihm voran und öffne die beiden Flügeltüren zum Garten.

Suriyel trägt sein Equipement auf die Terrasse, platziert alles neben Esthers Sonnenschirm und spannt ihn auf. Es regnet in Strömen, das Brennholz darf nicht naß werden.

Während ich im Minutentakt neue Gäste begrüße und Esther noch schnell das Buffett bestückt, bereitet Suriyel auf der Terrasse alles für das Zeremoniell vor.

Unser allererstes tibetisch-buddhistisches Rauchopfer in der Spirituellen WG! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Denn Esther will ihr Townhouse reinigen.

Deshalb habe ich meine Sangha – meine spirituelle Gemeinschaft – dazu eingeladen. https://www.water-runs-east.eu/identitaetskrise/

Über unsere WhatsApp-Gruppe. Da sind alle drin, die mit mir an den offenen Praxisangeboten teilnehmen, die Suriyel jeden Freitag und Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain anbietet. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Die Gruppe hat mehr als fünfzig Mitglieder.

Beim Rauchopfer – das auf Tibetisch „Riwo Sang Chöd“ heißt – machen etwa zwölf Personen regelmäßig mit.

Drei haben sich entschuldigt. Die anderen neun stehen jetzt in unserer Küche.

Dazu noch eine Freundin von Esther aus ihrer evangelikalen Gemeinde. Und ein Dharma-Freund von mir, mit dem ich Zen praktiziere. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Die tibetischen Buddhisten packen ihre Ritual-Texte und Instrumente aus. Die beiden anderen Gäste schauen ihnen interessiert dabei zu. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Nachdem alle an den beiden langen Tafeln Platz genommen haben, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gruppe auf Suriyel.

Der hat inzwischen die beiden Flügeltüren, die Küche und Terrasse trennen, komplett aufgeklappt.

Es hat aufgehört zu regnen. Die Feuerschale, in der kunstvoll das Brennholz zu einem kleinen Turm gestapelt ist, steht unter den tropfenden Obstbäumen im Rasen.

Suriyel drückt seine große weiße Muschel an die Lippen und bläst kräftig hinein. Der tiefe dumpfe langgezogene Klang der Conch hallt über die Gärten und Innenhöfe. https://www.water-runs-east.eu/muschel/

Alle örtlichen Naturgeister https://www.water-runs-east.eu/spirits/ und die anderen fühlenden Wesen der sechs Bereiche sollen wissen, dass hier und jetzt das Riwo Sang Chöd beginnen wird! https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Spirit Cookies

Ich backe Kekse für alle fühlenden Wesen der sechs Bereiche, die beim Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetischen Rauchopfer – eingeladen sind…

Nachdem wir die Rauch-Eiche-Späne für unseren Instant-Powder abgeholt haben, herrscht Harmonie zwischen Suriyel und mir. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Wie üblich währt der Frieden nur kurz. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.

Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.

Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!

Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.

Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.

Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.

Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.

Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.

Kein Duft, kein Rauch – so bekommen wir keinen einzigen Naturgeist satt! https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!

Ich bin verzweifelt!

Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.

Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?

„Das wird ranzig!“

Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“

„Wird es doch!“

„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“

Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.

Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.

„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.

„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!

Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.

Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!

Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.

Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.

Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!

Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!

Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.

Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.

Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.

Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!

Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.

Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!

Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!

Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!

Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.

Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.

Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.

Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?

Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.

Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.

Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.

Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.

Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!

Rauch-Eiche

Wir machen uns auf die Suche nach „aromatischen Hölzern“ für das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer…

Anfang Juni stapeln sich in meinem WG-Zimmer Marmeladengläser mit getrockneten Heilpflanzen und eine Dose mit Kiefernharz. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Denn das alles brauchen wir für unseren „Home made Sang-Powder“. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.

Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?

Ein echtes Problem!

Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.

Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.

Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!

Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.

Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.

So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.

Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.

Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!

Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!

Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.

„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“

Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.

Darf ich das dann noch schön finden?

Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.

Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.

Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.

Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…

Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.

Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.

Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!

Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.

Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.

Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“

Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.

Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…

Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.

Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.

Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.

Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.

Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.

In der Mitte steht ein brauner Flügel.

Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.

Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.

Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.

Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.

Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.

Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.

Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.

Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.

Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!

Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.

Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…

Healing Plants

Wir starten den Versuch, das Instantpulver für unser Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – selbst herzustellen…

Eineinhalb Jahre, nachdem Suriyel damit begonnen hat, regelmäßig Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu praktizieren, hat sich das Rauchopfer dort etabliert. Wir machen es jeden Sonntag in der Gruppe, einige von uns praktizieren es zudem noch täglich zuhause.

Mit dem Ergebnis, dass wir Unmengen von dem teuren nepalesischen Instant-Powder verbrauchen! https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Weil das Nachbestellen des Powders in Nepal so kostspielig wie klimaschädlich ist, hatten im April nach längerer Diskussion beschlossen, ihn zukünftig selbst zu fabrizieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Allerdings ohne konkrete Idee, wie das zu bewerkstelligen ist. Die einzige Information über die Zusammensetzung des Instant-Powders entnehmen wir der Einleitung des Jahrhunderte alten Rezitationstextes des Riwo Sang Chöd.

In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Das beruhigendste an dieser Liste ist für mich der Zusatz „…whatever you have available…“.

Während sich unsere Vorräte an gekauftem Pulver mehr und mehr dem Ende zuneigen, sammle ich deshalb, was mir gerade vor die Nase kommt:

Von einer Treckingtour an der Polnischen Ostseeküste bringe ich eine Dose Kiefernharz nach Hause. Teuer bezahlt mit vielen Mückenstichen, die ich abbekam, als ich, so vorsichtig als möglich, das klebrige Harz von Baumrinden schabte.

Wieder zurück in Berlin, halte ich weiter auf jeder Tour durch die Stadt Ausschau nach allem, was sich für den Do-it-yourself-Sang-Powder verbraten lässt.

Zuvor habe ich das Internet befragt und zu meiner Erleichterung erfahren, dass sich im Grunde jede Pflanze, die duftet und heilt, auch für Räucherwerk eignet.

Ich sammle also alles, was eine Großstadt wie Berlin in Sachen „healing plants“ zu bieten hat. Im Frühsommer, stellt sich heraus, ist das einiges: Am Mauerpark entdecke ich eine Ansammlung großer blühender Holundersträucher.

Ein paar Tage später werden die blühenden Linden in unserer Straße zurückgeschnitten. Ich sammle einen Berg Äste ein und verbringe meinen Abend damit, die Lindenblüten zu zupfen.

Vor dem Zubettgehen lege ich eine weitere Reihe Papier aus und breite die duftenden Lindenblüten neben den vor sich hin trocknenden Holunderblüten darauf aus. Zur Belohnung darf ich in einem wahren Geruchsparadies einschlafen.

Im Garten der Spirituellen WG wächst auch einiges, was sich zum Räuchern eignet: Der rote Rosenbusch neben dem Gartenhaus blüht nicht nur wunderbar, seine Blüten verströmen einen intensiven Geruch, der das Duft-Potpourri meiner – sich immer weiter ausdehnenden – Räucherecke auf das schönste erweitert.

Rosmarin, Thymian, Minze und Melisse, die im Kräuterbeet wuchern, können ebenfalls veräuchert werden.

Ich suche, sammle, trockne, befülle und beschrifte leere Marmeladengläser – und kann, als Suriyel Anfang Juni zu mir zu Besuch kommt, eine stattliche Sammlung „healing plants“ für unseren Sang-Powder präsentieren.

Der zeigt sich angemessen beeindruckt.

Und ich freue mich, dass ich schon mal zwei Punkte auf der tibetischen Zutatenliste abhaken kann: „Resins“ und „Healing Plants“ haben wir schon mal…

Do-it-yourself-Sang-Pulver

Wir starten ein neues Projekt mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches Riwo SangChö Pulver nach historischem Rezept selbst herzustellen…

Am Sonntag sitzen wir nach der Grünen-Tara-Praxis und dem Riwo SangChö in der gemütlichen Teestube des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zusammen und diskutieren über das Instant-Pulver aus Nepal. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Ich erzähle den anderen von der E-Mail, die ich vom Leiter der Kunstschule des Niyngma-Klosters von Boudhanath in Kathmandu erhalten habe. Dass wir von dort Sang-Pulver bekommen können, aber nicht klar ist, was es kostet.

Für mich ist es keine Frage, dass wir den traditionellen Sang-Powder bei Experten bestellen müssen. Ich habe in der Vergangenheit bereits an Rauchopfern teilgenommen, für die selbstgefertigte Instant-Nahrung verwendet wurde. Die war aus Mehl und diversen Küchenkräutern zusammengemixt worden. Das Ergebnis hat mich nie überzeugt. Es roch nach wenig bis garnichts und es brannte auch nicht so, wie das gekaufte Pulver.

Wenn ich ein 1200 Jahre altes Ritual abhalte, dann nach Vorschrift.

Ich plädere deshalb in der Runde dafür, nachzufragen, wie viel das Nyingma-Kloster für das Pulver verlangt. Und, wenn es irgendwie bezahlbar ist, dort zu bestellen.

Es handelt sich schließlich, argumentiere ich, um traditionell und fachgerecht zubereiteten Sang-Powder nach altem Nyingma-Rezept! Wenn wir ein Pulver nehmen, dann das! Schließlich ist Padmasambahva – der größte Heilige Tibets – nicht nur der Schöpfer unseres Rauchopfers, sondern auch Gründer der Nyingma-Tradition!

So steht es auch auf den kostbaren Packungen des Nyingma-Klosters: „This Riwo Sangcho Powder is made at our Monastry in Nepal according to ancient Tibetan tradition. It is made only from natural herbal substances, fragrant woods, aromatic medicinal plants, white and sweet substances combinded to make this supreme offering.“

Selbstverständlich wollen wir ein „supreme offering“! Was sonst?

Die einzige Lösung die ich sehe, um kostengünstig Riwo SangChö zu praktizieren, ist, das Pulver direkt bei dem Kloster in Nepal zu bestellen.

So meine Logik…

Suriyel wiederspricht: „Klassisches Nyingma-Rezept!“ Das wäre Unfug, erklärt er uns. Auch in dem Kloster würden sie einfach nur das zusammenmischen, was in den Anweisungen der Sadhana – dem Rezitationstext für das Rauchopfer – angegeben ist.

Erst will ich das so nicht stehen lassen. Das Puver ist kostbar, speziell und hoch komplex in der Fertigung! Aber nach ein bisschen hin und ziehe ich dann doch meinen Text aus der Tasche und lese nach, was als Einleitung geschrieben steht: „Making an auspicious fire in a clean fessel or burner, burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“

Ich muss die Zeilen drei mal lesen, bis die Botschaft bei mir ankommt: „Der Instant-Powder ist einfach nur aromatisiertes Sägemehl?“

Jetzt verstehe ich auch, warum Suryiel es hinbekommt, dass der Sang-Powder bei ihm auch ohne die übliche Kohle-Tablette brennt. Es liegt nicht an seiner überragenden Feuer-Kompetenz, sondern daran, dass das Pulver aus Holz besteht!

Es bleibt mir nur, ihm zuzustimmen: Sägespänne mit Baumharz und Heilkräutern zu mischen, dass können wir auch selbst. Dazu brauchen wir weder ein nepalesisches Nyingma-Kloster, noch ein klima-schädliches Shipment um den halben Globus.

Eine Woche später breche ich zu einem Camping-Urlaub an die polnische Ostsee-Küste auf. Im Rucksack: Mein Taschenmesser und eine kleine Plastikdose. Das Ziel: Baum-Harz sammeln.

Denn das Projekt „Wir produzieren unser eigenes Do-it-yourself-Sang-Pulver nach traditionellem Rezept“ wird hiermit in Angriff genommen.

Sang-Powder

Für das traditionelle tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd gibt es ein praktisches – und teures – Instantpulver…

Anfang März bestelle ich bei der tibetisch-buddhistischen Spezialbuchhandlung 12 Packungen traditionelles Riwo-Sang-Chöd-Instant-Pulver. Je 250 Gramm für 12 Euro. Importiert aus Nepal.

Ein teures Vergnügen. Aber notwendig.

Schließlich praktiziere ich seit Februar mein eigenes Rauchopfer. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Dafür brauche ich täglich einen Teelöffel von dem Instant-Pulver. Der Rauch, der entsteht, wenn das Pulver verbrannt wird, nährt meine hungrigen Gäste. https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/

Ich liebe das Instant-Pulver. Der Geruch des Rauchs ist wunderbar!

Dass der „Traditional Riwo Sang Choed Powder“ in einem Nyingma-Kloster in Nepal hergestellt wird, verleiht ihm einen so exotischen wie luxeriösen Charakter.

Das sehe nicht nur ich so: In meiner Sangha im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain haben auch noch andere Mitglieder begonnen, täglich ein häusliches Rauchopfer zu zelebrieren. Meine Großbestellung Sang-Pulver kommt genau zur richtigen Zeit. Innerhalb kurzer Zeit gebe ich fünf Päckchen weiter.

Sie nehme täglich eine oder zwei Messerspitzen von dem kostbaren Pulver, erfahre ich von einer Dharma-Schwester. Es rieche ja so wunderbar und wäre überhaupt ganz speziell!

Bei meiner Bestellung war ich davon ausgegangen, dass das Puver mindestens ein Jahr reichen würde. Für mich – und für Suriyels Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum.

Das Pulver ist mein Beitrag zur Sonntagspraxis. Suriyel kauft das Holz und die Lebensmittel, die verbrannt werden, ich spende den Instant-Powder. Weil Suriyel inzwischen ebenfalls begonnen hat, täglich ein häusliches Rauchopfer zu machen, bekommt er auch dafür von mir Sang-Pulver ab.

Dass ich auf einen Schlag fünf Packungen aus meinem Vorrat an die Sangha weiterverkauft habe, bringt meine Kalkulation durcheinander. Immerhin, beruhigte ich mich, ein halbes Jahr wird das Pulver sicher reichen.

Allerdings habe ich meine Rechnung ohne Suriyel gemacht: Denn der – stellt sich heraus – ist durch und durch großzügig. Im Alltag – und ganz besonders, wenn es um Buddhas, Bodhisattvas, Spirits und alle Bewohner der sechs Daseinsbereiche geht.

Diese Gäste bekommen nur das Beste von ihm – und das in rauen Mengen!

Als er mir erklärt, dass er für sein häusliches Riwo Sang Chöd täglich fünf Teelöffel von dem kostbaren nepalesischen Instant-Pulver verbrennt, muss ich mich setzen.

„Fünf Löffel!“ Ich bin fassungslos. „Ich brauche einen! Die anderen nehmen eine oder zwei Messerspitzen!“ Dann muss ich erst mal Luft holen. „Das Zeug kommt aus einem Nyingma-Kloster in Nepal!“

Ich überschlage seinen Verbrauch im Kopf und realisiere, dass mein Vorrat Instant-Powder in sechs bis acht Wochen aufgebraucht sein wird!

Gleichzeitig bin ich beeindruckt von seiner Großzügigkeit. Und davon, wie entspannt er mit Mangel umgeht: Obwohl er nicht weiß, wann und wie wieder neues Instant-Pulver auftauchen wird, gibt er, was er hat.

So wie es eigentlich auch sein soll… https://www.water-runs-east.eu/dana/

Nichtsdestotrotz muss dringend neuer Sang-Powder her! Und bei den Mengen, in dem der im tibetisch-buddhistischen Zentrum verbraucht wird, macht es keinen Sinn, ihn teuer in der Spezialbuchhandlung zu bestellen.

Auf den Etiketten der Päckchen ist eine nepalesische Mail-Adresse vermerkt. Am Abend setze ich mich an meinen Schreibtisch und formuliere eine Anfrage – in Englisch: Ob es dem Nyingma-Kloster in Boudhanath/Kathmandu möglich wäre, ein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin/Friedrichshain direkt zu beliefern? „Kind regards – a member of the Sangha…“

Drei Tage später ploppt die Antwort in meinem Postfach auf. „Dear Member of the Sangha“, lese ich, „thank you for reaching out to us regarding your interest in ordering our Riwo Sang Chod Powder…“

Es wäre möglich, heißt es weiter, allerdings wären die Frachtkosten nach Europa gerade ungewöhnlich hoch. Ich solle mitteilen, wie viele Päckchen wir bestellen wollen, dann würden sie den Versand in die Wege leiten. Was das Pulver und die Warensendung kosten, bleibt im Dunkeln.

Die Angelegenheit ist kompliziert. Aber irgendwie werden wir zu unserem Instant-Pulver kommen. Schließlich warten alle fühlenden Wesen in den sechs Daseinsbereichen darauf, von uns genährt zu werden…

Abschiedsgeschenk

Mein morgendliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – dient dem Wohl meiner Mitbewohner…

Seit drei Tagen stellt das morgendliche Sang eine echte Herausforderung dar!

Denn: Ich werde übermorgen umziehen – und entsprechend chaotisch sieht es in meinem Untermiet-Zimmer aus.

Die Räucherschale mit der glühenden Kohle in der Hand balanzierend, steige ich über Stapel von aussortierten Büchern und stolpere über zusammengerollte Teppiche.

Dass hinter meinem Rücken eine Wand aus bereits gefüllten Umzugskartons aufragt, ist meiner Konzentration nicht förderlich.

Ich gebe trotzdem jeden Morgen mein Bestes.

Bald werde ich die verwunschene Wohnung verlassen haben.

Das tägliches Riwo Sang Chöd ist mein Abschiedsgeschenk.

Für die dustere Wohnung, in der sich negative Energie in allen Ritzen und Ecken abelagert zu haben scheint.

Für deren unglücklichen Bewohner, die gefangen sind in seltsamen Phantasien, Riten und Bräuchen.

Für meinen Nachfolger, der noch nicht gefunden ist.

Und für den Theurang.

Der kleine Kobold, der in der Garderobe im Flur zuhause ist und seine Mitbewohner ohne Unterlass quält, ist der einzige, der versteht, was ich tue.

Deshalb erfreut er sich jeden Morgen an meinem Rauchopfer. Und ist den Rest des Tages umgänglich.

Aber allen anderen nützt es ebenso. Und nicht nur, weil der Theurang dadurch befriedet ist.

Die Energie in der Wohnung ist fühlbar angenehmer, seit ich täglich mein Rauchopfer praktiziere.

Ich gehe davon aus, dass es sich nur um einen temporären Effekt handelt. Ich bin schließlich kein Lama, sondern nur eine kleine Praktizierende.

Wenn ich übermorgen verschwunden sein werde, ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich das Unglück die Wohnung zurückerobert haben wird.

Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Aber ich tue, was ich kann.

Mondphasen

Mein tägliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – ruft seltsame Traumbilder in mir wach…

In der Nacht nach meinem fünften „Homemade Riwo Sang Chöd“ träumte ich das erste Mal vom Mond. Im Traum stand er unbewegt am nächtlichen Himmel. Mir schien es, als würde er mich mit kaltem Blick fixieren.

Am nächsten Morgen nahm ich im Zustand des emotionalen Aufruhrs auf meinem Meditationskissen Platz, um mein tägliches Rauchopfer zu praktizieren.

Während ich meine zahlreichen Gäste bewirtete und dabei tiefes Mitgefühl für die Leiden aller fühlenden Wesen in mir wach hielt, versuchte ich zu ergründen, was gerade geschah?

Ich tappte völlig im Dunkeln…

In der darauffolgenden Nacht träumte ich abermals vom Mond: Wieder stand er voll und still am Himmel. Um mich erkannte ich die vagen Umrisse menschlicher Gestalten. Ein seltsames Murmeln begleitete ihre Bewegungen. Sie kamen und gingen als flüchtige Schatten.

Am Morgen wieder das tägliche Rauchopfer.

Während ich die Instant-Nahrung auf das glühende Kohlestück löffelte, war es mir, als würden sich an meinem offenen Fenster die Traumgestalten der letzten Nacht versammeln.

Das Mantra „Om ah Hum“ murmelnd, ließ ich die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten. Im Zustand tiefer Trance beobachtete ich dabei die tanzenden Rauchschwaden, die zum wolkenbedeckten Himmel aufstiegen.

Auf einmal war ich mir sicher, dass hier und jetzt meine Traumgestalten um mich waren, die sich an meinem Opfer gütlich taten!

Die Erkenntnis wurde begleitet von tiefem Mitgefühl: Wie waren sie doch verzweifelt und verloren!

Eine Welle der Trauer überschwemmte mich, kaum war dieser Gedanke an die Oberfläche meines Bewusstseins aufgestiegen.

Die nächsten Tage und Nächte waren unschön. Um es vorsichtig zu formulieren.

Jeden Morgen fütterte ich meine hungrigen Gäste.

Meine Tage brachte ich irgendwie hinter mich, innerlich gequält vom Gefühl völliger Verlorenheit.

Und jede Nacht träumte ich von Monden.

Vom vertrauten Erdtrabanten, der mich seit dem Beginn dieser Existenz begleitet.

Von fremden Monden, die um unbekannte Planeten kreisen und auf denen ich mich in meinen Träumen unversehens wiederfand. Ich wanderte Nacht für Nacht durch seltsame Landschaften – Wüsten, Dschungel, Hochebenen, Gebirge – immer begleitet von kahlen, mit Kratern überzogenen Himmelskörpern.

In diesen Träumen begegnete ich den seltsamsten Wesen. Mit allen schien ich auf tiefe Weise verbunden zu sein.

So kam es mir zumindest vor.

Meine Tage waren erfüllt von Trauer. Immer wieder überschwemmte mich das Gefühl des unendlichen Verlustes. Dabei hätte ich nicht zu sagen gewusst, was es war, was ich verloren hatte.

Es war einfach nur ein Gefühl vollkommener Leere. Als hätte sich unversehens in mir ein gigantischer Krater aufgetan, der gefüllt werden wollte.

Jeden Morgen fütterte ich während des Riwo Sang Chöd meine Gäste. Insbesondere die, die ich Nachts in meinen Träumen auf den fremden Planeten getroffen hatte.

Aber ganz besonders fütterte ich mich selbst. Nach jedem Rauchopfer erhob ich mich von meinem Kissen mit dem tröstlichen Gefühl, das Loch in meinem Inneren würde gerade – Schicht für Schicht – mit etwas aufgeschüttet, was ich unendlich lange entbehrt hatte.

Erdbeben

Sang – traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – sind unkompliziert und angenehm. Ihre Wirkung aber ist nicht zu unterschätzen…

…“Khorwa dong né trukpar solwa deb…“ rezitiere ich jeden Morgen bei meinem Riwo Sang Chöd, dem „Berg-Rauch-Opfer“.

Der Satz kommt irgendwann in der Mitte des Ritus, im Kapitel „The Seven Aspects of Devotional Pracitce“.

Weil man in diesem kurzen Kapitel nichts tun muss – weder Visualisieren, noch Opfern, noch Musik machen – habe ich ihm bisher keine große Beachtung geschenkt.

Während der ersten beiden Wochen, in denen ich mein tägliches Sang alleine Zuhause praktizierte, war ich vollauf damit beschäftigt, das „Drehbuch“ korrekt durchzuziehen.

Rauchopfer gehören zu den unkomplizierten Riten des tibetischen Buddhismus.

Das bedeutet nicht, dass es nichts zu tun gäbe: Der Text muss mit verschiedenen Melodien gesungen werden.

Es gilt, drei verschiedene Mantras zu rezitieren – zwei mit Hilfe der Mala, eines mit Mudras, speziellen Handbewegungen.

An den mehreren Stellen bin ich gefordert, gleichzeitig in der rechten Hand die kleine Trommel zu drehen und in der Linken die Glocke zu schwingen.

Und natürlich muss visualisiert werden! Anfangs produziert man das Bild Guru Padmasambhavas – des höchsten Heiligen Tibets, von dem, der Legende nach, das „Riwo Sang Chöd“ stammt – vor sich.

Zu diesem visualisierten Bild nimmt man „Zuflucht“, während man sein tiefes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen bewusst wahrnimmt. Danach „verwandelt“ man sich selbst in ihn, ruft dabei diese Emotion in sich selbst wach und hält sie während des gesamten Ritus.

Der Rauch des verbrennenden Speiseopfers wird mit Hilfe von Visualisierung in Weisheitsnektar verwandelt und an alle Gäste der vier Klassen verteilt.

Deren Anwesenheit man zumindest „fühlen“, noch besser aber „sehen“ sollte.

Und oben drauf bin ich immer gefordert, mein Speiseopfer in einer Weise darzubringen, die den Rauchmelder nicht alarmiert.

“Unkompliziert“ ist eine Frage der Definition…

Deshalb hat es ein bisschen gedauert, bis bei mir ankam, was ich mir da eigentlich jeden Morgen wünsche.

Übersetzt bedeutet “Khorwa dong né trukpar solwa deb“: „Ich bete dafür, dass mein Samsara in der Tiefe durchgerüttelt wird.“

So harmlos das Riwo Sang Chöd daherkommt: Sein Anspruch ist radikal.

Und auch sein Effekt.

Ich zumindest bin gerade ziemlich damit beschäftigt, nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, weil der Boden unter meinen Füßen bebt.

Ohne dass es mir bewusst war, habe ich mir ein Erdbeben gewünscht – und ich habe es bekommen…

Intention

Während des traditionellen Rauchopfers soll man nicht nur alle Gäste Mitgefühl entgegenbringen, sondern auch sich selbst…

Jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, weiß, dass das Ziel der Übung „Erleuchtung“ ist.

Zwischen dem Praktizierenden und diesem wunderbaren Zustand – der nicht weniger als das Ende allen Leidens bedeutet – steht ein störrisches Etwas, das aufgeregt hüpft, winkt und ununterbrochen redet, um ganz viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.

Üblicherweise läuft dieses lästige Ding in der westlichen buddhistischen Szene unter „Ego“.

Keiner mag es. Alle wollen es so schnell als möglich los werden. Es gibt in der buddhistischen Szene markige Sprüche wie „Das Ego muss sterben!“

Deshalb ist es verblüffend, dass während des Rauchopfers nicht nur mit liebendem Mitgefühl – dem Bodhicitta – an alle fühlenden Wesen gedacht werden soll – sondern auch an den eigenen karmisch verstricken Geist.

Sonst wirkt das Opfer nicht.

In unserer westlichen Logik steht das in diametralem Widerspruch zu „Selbst-Losigkeit“.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich sie in einem der Bücher Jack Kornfields gelesen. Der wurde, zusammen mit vielen anderen renomierten westlichen buddhistischen Lehrern, nach Dharamsala eingeladen. Dort wollte der Dalai Lama von ihnen wissen, was denn das größte Problem wäre, mit dem sie in ihren Meditationsunterweisungen konfrontiert wären.

Ausnahmslos alle im Konferenzraum erklärten, der „Selbsthass“ ihrer Schüler wäre das größte Hindernis in ihrem Bemühen, den Buddhismus zu lehren.

Und dann passierte etwas schräges: Der Dalai Lama verstand nicht, was ihm die westliche Lehrer sagen wollten! Und seinen tibetischen Berater ging es nicht anders. Und es handelte sich nicht um ein Übersetzungsproblem.

Die tibetischen Mönche samt ihrem höchsten Oberhaupt wusste mit dem Konzept von „Selbsthass“ nichts anzufangen.

Worauf die westlichen buddhistischen Lehrer unter Zuhilfenahme von vielen Beispielen erklärten, was es damit auf sich hatte. Es war kompliziert und zeitaufwendig.

Als der Dalai Lama schließlich begriff, was „Selbsthass“ ist, war er fassungslos. Und begann zu weinen…

Wer also nicht alle Buddhas und Bodhisattvas – die Gäste der ersten Klasse, die zum häuslichen Riwo Sang Chöd erscheinen – traurig machen will, der sollte es sich erlauben, auch an sich selbst in liebender Güte zu denken.

Trotz aller Neurosen, Charakterschwächen und sonstiger Unzulänglichkeiten, die der Erleuchtung entgegenstehen…

Hindernisse

Durch die Praxis des Sang – des klassischen tibetisch-buddhistischen Rauchopfers – werden karmische Beschwernisse beseitigt…

Regelmäßig tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren, geht mit vielen positiven Resultaten einher:

Von den Buddhas und Bodhisattvas – den Gästen der ersten Klasse – erhält man Segnung.

Die Gäste der zweiten Klasse – Schützer – beschenken mit besonderen Fähigkeiten und Einsichten.

Wenn die fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen – die Gäste der dritten Klasse – gesättigt sind, danken sie es mit Wohlwollen.

Es gibt jedoch noch eine vierte Klasse von Gästen: die fühlenden Wesen, die uns nicht gut gesonnen sind!

Während unserer unendlichen Wanderung von Wiedergeburt zu Wiedergeburt ist viel geschehen. Mit uns – und mit denen, die uns auf unserer Reise begegnet sind.

Wir haben Gutes getan – und Schlechtes.

Deshalb gibt es die Kräfte, die uns karmisch in positiver Weise verbunden sind.

Aber auch die, bei denen wir karmische „Schulden“ haben.

In unserem Dasein zeigen sich diese Verbindlichkeiten aus früheren Leben als Konflikte, Widerstände, gescheiterte Pläne und Niederlagen.

Der unerträgliche Vorgesetzte, der nervige Kunde, die tyranische Verwandtschaft, der untreue Geliebte…

Sie tun uns etwas an – weil wir bei ihnen in der Schuld stehen.

Diese karmischen Passiva müssen entweder mühsam und schmerzhaft „abgearbeitet“ werden – oder man praktiziert ein Sang.

Denn zum Rauchopfer werden bewusst nicht nur die Kräfte eingeladen, die uns wohlmeinend bis neutral gegenüberstehen, sondern auch die vierte Klasse der Gäste.

Die, die mit uns ein Hühnchen zu rupfen haben.

Ihre Anwesenheit ist nicht immer einfach auszuhalten. Trotzdem bitten wir sie zur Tafel: Während der Rauch des verbrennenden Speiseopfers aufsteigt, visualisieren wir die Präsenz all derer, mit denen wir in Konflikten verstrickt sind. Und wir bewirten sie mit Weisheitsnektar, so gut es uns möglich ist.

Wenn es uns gelingt, während des Rauchopfers eine Haltung der Großzügigkeit gegenüber unseren Widersachern einzunehmen – tiefes Mitgefühl für ihr Leiden zu entwickeln, während wir sie nähren – kann sich mit der Zeit die karmische Blockade auflösen.

Nachdem das morgendliche Sang abgeschlossen ist, wird auf die – immer noch glühenden – Kohle in der Räucherschale ein Bröckchen Guggul gelegt.


Das tibetische Baumharz sondert, während es qualmend verbrennt, einen strengen Geruch ab.

Die Gäste der vierten Klasse – unsere karmischen Gläubiger- verabscheuen ihn!

Wir laden sie zum Mahl, um unsere Schulden bei ihnen zu begleichen. Aber dauerhaft im Haus möchte sie niemand haben. Deshalb werden sie am Ende des Rauchopfers zügig hinauskomplimentiert.

Da sind die Tibeter pragmatisch…

Gästeschar

Zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – werden alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche geladen…

Wenn die dritte Klasse der Gäste zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – eintrifft, geht es hoch her!

Hungergeister mit langen dünnen Hälsen kämpfen verzweifelt um den besten Platz an der Tafel: ihre Gier ist grenzenlos! Obwohl sie sich immer alles in ihre riesigen Münder stopfen, was ihnen vor die Nase kommt, sind sie bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Schlund ist so eng, dass fast nichts davon in ihren leeren Mägen ankommt.

Mit rasender Wut werden sie von den Bewohnern der Hölle zur Seite gedrängt. Die kämpfen gegen alles, was ihren Wünschen und Bedürfnissen in die Quere kommt. Obwohl sie unendliche Qualen leiden, ist es ihnen nicht möglich, von ihrem Hass zu lassen.

Der große Pulk der Tiere, die ebenfalls den Ruf zum Mahl vernommen haben, hält sich von diesen Gästen fern. Von ihren Instinkten geleitet, spüren sie, wie gefährlich ihnen Hungergeister und Höllenbewohner werden können.

Die Halbgötter in ihren Rüstungen lassen sich von den Höllenbewohnern nicht beeindrucken. Die Hand am Schwerknauf stossen sie die wüsten Gesellen zur Seite, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Dewas, den Göttern. Denn der größte Wunsch der Halbgötter ist es, aufzusteigen und selbst zum Gott zu werden. Weil ihnen das nicht gegeben ist, werden sie von Eifersucht zerfressen.

Die Dewas lässt das kalt. Sie schweben in erhabener Arroganz über der Masse des gemeinen Volkes. Durch gutes Karma in die höchste Stufe der sechs Daseinsbereiche hineingeboren und mit allen Attributen des Glücks versehen, sind sie den Sorgen und Nöten der anderen fühlenden Wesen enthoben. Ihre größte Angst ist es, alt zu werden und zu sterben. Und das werden sie, auch wenn ihre Lebensspanne viele Jahrtausende umfasst. Früher oder später ist ihr gutes Karma aufgebraucht und sie müssen wieder in den Kreislauf des Samsara zurückkehren.

Während ich vorsichtig einen Löffel der nepalesischen Rauchopfer-Fertigmischung auf das Stück glühende Kohle in meiner Feuerschale gebe, beobachte ich aus den Augenwinkeln meine Gäste, die am offenen Fenster auf ihr Mahl warten.

Mit der kleinen Schale in der Hand trete ich zu ihnen, stelle mein qualmendes Speiseopfer vor ihnen auf das Sims und nehme auf meinem Kissen Platz.

Dort murmle ich – dazu die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om ah hung“ vor mich hin und konzentriere mich dabei darauf, im Zustand des tiefen Mitgefühls den tanzenden Rauch in magischen Weisheitsnektar zu verwanden.

Befriedigt stelle ich fest, dass der Trick funktioniert: jeder meiner Gäste bekommt genau das, was er braucht!

Die Hungergeister können sich endlich satt essen.

Die Höllenbewohner werden durch das spirituelle Mahl friedlich gestimmt.

Die Tiere unter meinen Gästen entspannen sich und werden weniger von ihren Instinkten getrieben.

Die Halbgötter vergessen während des Mahls ihre Eifersucht und ihren Neid.

Und die Arroganz der Götter verwandelt sich in Bescheidenheit und Akzeptanz.

Als Mensch bin ich Teil der bunten Schar. Auch ich bin eine Bewohnerin der sechs Daseinsbereiche. In meiner jetzigen Form bin ich zum Leid verurteilt, denn das ist die Last der menschlichen Existenz – und gleichzeitig die Qualität, die uns auszeichnet.

Denn den Menschen ist es als einzigen Wesen der sechs Daseinsbereiche vorbehalten, gutes Karma zu generieren, zur Erleuchtung zu erlangen und Samsara – den Kreislauf der Widergeburten – dauerhaft zu überwinden.

Deshalb praktiziere ich jeden Morgen mein Riwo Sang Chöd: Ich erwerbe mit jedem Ritual des Rauchopfers „Verdienst“ – gutes Karma – das sich positiv auf meine zukünftigen Widergeburten auswirken wird.

Und während ich es praktiziere, fühlt es sich nicht nur wunderbar für meine Gäste an – sondern auch für mich: Denn ich trage alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche in mir.

Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd füttere ich jeden Morgen meine eigenen hungrigen Anteile, befriede meine Wut, besänftige meine Ängste, lindere meine Eifersucht und Arroganz.

Das Riwo Sang Chöd dauert nur eine halbe Stunde. Wenn ich mich danach von meinem Meditationskissen erhebe, fühle ich mich super!

Ich kann nur allen empfehlen, es ebenfalls einmal zu versuchen…

Beschützer

Die „zweite Klasse der Gäste“ die zum tradtitionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer geladen wird, hat besondere Aufgaben…

Unser persönlicher Beschützer ist immer bei uns. Er begleitet uns von Wiedergeburt zu Wiedergeburt seit dem Beginn unserer vagen Existenz.

Er wird bei uns bleiben, bis wir das große Ziel – Buddhaschaft – erlangt haben werden.

So heißt es in der Nyingma-Tradition, einer der beiden „alten“ schamanischen Schulen des tibetischen Buddhismus.

In unseren Träumen können wir mit unserem persönlichen Beschützer in Kontakt treten. Wenn wir offen dafür sind und Präsenz auch im Schlaf halten können, wird er sich zeigen. Dann gibt er Rat und lädt ein in sein Reich, das jenseits von Raum und Zeit liegt.

Wem so viel Wachheit nicht gegeben ist, den führt er aus dem Unbewussten. Er – oder sie, es gibt Beschützer und Beschützerinnen – ist die Innere Stimme, die den Weg weißt.

Das, was wir „Intuition“ nennen…

Es gibt „zornvolle“ und „friedvolle“ Beschützer und Beschützerinnen.

Wer mit der sanften Variante gesegnet ist, wird zur Erleuchtung geführt.

Wer die „zornvolle“ Version abbekommen hat, wird zur Überwindung allen Leidens geprügelt.

So kommt es mir zumindest vor.

Ich werde von einer sehr energischen Beschützerin geführt. Sie reagiert allergisch auf Widerspruch, akzeptiert keine Schwächen, ist taub gegenüber meinen Klagen und hat keine Skrupel, mich auch noch die steilste und unwegsamste Abkürzung zum großen Ziel hinaufzujagen.

Denn das ist ihre Aufgabe.

So wie die aller anderen Beschützer – der „zweiten Klasse der Gäste“, nach den Buddhas und Bodhisattvas – die zum Rauchopfer geladen werden.

Einst waren die Beschützer mächtige Naturgeister und animistische Götter. Von Buddhas und Bodhisattvas befriedet, verpflichteten sie sich den Dharma – die Lehre Buddhas – gegen alle Bedrohungen zu verteidigen.

Ihre Obligenheit ist es, dafür zu sorgen, dass jedes fühlende Wesen zur Erleuchtung geführt wird.

Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd treten wir mit ihnen in eine persönliche Beziehung.

Wir bringen ihnen Opfer dar, um unseren Dank für ihren Schutz auszudrücken. Im Gegenzug erhalten wir von ihnen spezielle Fähigkeiten, die uns helfen, unser Ziel – die Überwindung allen Leidens – schneller zu erreichen.

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