Die Drama-Queen-Zustände meines Ego nicht mehr ernst zu nehmen, schenkte mir Freiheit. Dafür zahlte ich einen Preis…

Gegen das eigene neurotische Ego in den Krieg zu ziehen, ist Unsinn.
Mehr noch: masochistisch!
In den ersten Jahren meiner Meditationspraxis übte ich mich darin, Frieden mit meinen Neurosen zu schließen.
„Entspannt mit ihnen Tee zu trinken“, wie mein Zen-Lehrer und Therapeut es formulierte. https://www.water-runs-east.eu/sterben-oder-tee-trinken/
Irgendwann war ich so entspannt, dass ich mit albernen Spielen begann.
Genauer: mit Visualisierungspielen rund um meine Chakren.
Ich visualisierte ihre Energie als Tiere – und entdeckte einen aufregenden neuen Kosmos in mir.
Allerdings um den Preis meines Therapeuten und Zen-Meisters. Der wollte dabei nicht mitmachen.
Aber auf meine intensive Zen-Praxis wollte ich nicht verzichten! Auch wenn ich „blumig“ war, Zen gehörte zu mir!
Also wechselte ich zu Zen-Meister Alexander Poraj. Bei ihm hatte ich schon mein Einführungsseminar am Benediktushof und danach mehrere Sesshins (Zen-Retreats) absolviert.
Während der Sesshins ging ich mit großem Gewinn regelmäßig zu Alexander in das Dokusan (die Einzelberatung durch den Lehrer). Dass ich in meinem Inneren eine bunte Schar magischer Tiere mit mir herumtrug, die wilde Dinge taten, behielt ich wohlweißlich für mich. Sie passten nicht ins Zen, hatte ich gelernt.
Der nüchterne machtbewusste Alexander lehrte mich, die unangenehmen Seiten des Lebens mit stoischer Haltung zu tragen und mich von Widerständen nicht beirren zu lassen.
Meine Größenfantasien und manipulative Bedürftigkeit quittierte er mit verbalen Ohrfeigen.
Die kurzen Wortwechsel im Dokusan mit Alexander waren oft schmerzhaft, manchmal äußerst kränkend. Wenn ich nach dem Gespräch mit ihm die Dokusan-Tür hinter mir zuzog, tat ich das für gewöhnlich mit höchst unfreundlichen Gefühlen für meinen Zen-Lehrer.
Nach einigen wütenden Stunden auf dem Kissen gelang es mir aber immer, das große Geschenk zu würdigen, das er mir durch seine kühle Spiegelung meiner Versuche, ihn für mich einzunehmen, gemacht hatte.
Unter dem Einfluss von Alexander transformierte meine Haltung zu meinem „Ego“ ein weiteres Mal. Während der Zeit mit Cornelius war es mein Ziel gewesen, Frieden mit meinen ungeliebten Ego-Anteilen zu schließen. „Entspannt mit ihnen Tee zu trinken“, wie Cornelius es formulierte.
Alexander lehrte mich, die Dauererregung und Besorgnis meines neurotischen Egos weniger ernst zu nehmen. Nun gut, es hatte einen schlechten Tag: der Nachbar war unfreundlich, der Brief vom Finanzamt ärgerlich.
Die emotionale Aufregung war nicht mehr als ein kurzes Kräuseln der Wellen auf der Oberfläche des Bewusstseins. Die Stille in der Tiefe blieb davon unberührt.
Während der Zeit mit Alexander wurde ich mir und anderen gegenüber klarer, nüchterner und kühler. Wenn ich die Zurückweisungen von Alexander unbeschadet überstand, dann waren sie auch anderen Menschen zuzumuten!
Ich hörte auf, mich ständig um das Wohl anderer zu sorgen und lernte, klar Position für meine Bedürfnisse und Sichtweisen zu beziehen. Negative Reaktionen meines Umfeldes beeindruckten mich immer weniger.
Es handelte sich nur um das Rauschen ihrer Egos. In der Tiefe bedeutungslos.
Zen – lernte ich durch Alexander – schenkt Freiheit!
Im Dezember 2017 nahm ich das erste Mal an einem Rohatsu unter der Leitung von Alexander teil. Das Sesshin zur Feier der Erleuchtung Buddhas dauert acht Tage. Die Teilnahme wird – da körperlich wie seelisch fordernd – nur erfahrenen Meditierenden empfohlen.
Das Rohatsu – sechzig Menschen im großen Zendo, die eine Woche lang in feierlicher Stille meditieren – beeindruckte mich zutiefst.
Das Schweigen, die Klarheit der Rituale, die Dunkelheit und Kälte der Wintertage, dazu das unbewegte Sitzen während des Meditierens vom frühen Morgen bis zum späten Abend.
Irgendwann war die Stille in mir so vollkommen, dass sich in meinem Unbewussten eine Tür öffnete.
Mein Ego reagierte mit einer Panikattacke! Der ersten meines Lebens!
