Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Der Opferstein

Besichtigung

Drei Wochen, nachdem ich mich im Traum im evangelischen Pfarrhaus wiederfand, bin ich das erste Mal dort zu Besuch…

Der Makler ist schon vor Ort. Sein Wagen mit Werbeaufschrift parkt neben einem VW-Passat. Als wir in die Auffahrt einbiegen, eilt eine Frau durch das Tor. Wohl eine andere Kaufinteressentin. Sie springt in den Passat und braust davon. Es wirkt, als wäre sie auf der Flucht.

Während ich die Beifahrertür öffne, tritt ein Mann mittleren Alters aus der Haustür des Pfarrhauses. Ich tippe auf den Makler. Kurz schweift sein Blick über mich. Dann sieht er meinen Bruder, der – wie immer in Zimmermannskluft – behutsam die Fahrertür seines Oberklasse-Audi zuschiebt.

Die Gesichtszüge des Maklers beginnen bei seinem Anblick zu leuchten. Enthusiastisch die Hand meines Bruders schüttelnd, ruft er aus: „Sie sind genau der Mann, den dieses Objekt braucht!“

„Ich bin diejenige, die sich für das Haus interessiert!“, mache ich ihn auf mich aufmerksam. „Bei dem Herrn“, ich deute auf meinen Bruder, „handelt es sich um den Sachverständigen.“

Diese Information dämpft die Begeisterung des Maklers etwas. Dabei habe ich ihn nur beim Wort genommen. Der letzte Satz des Exposés des Pfarrhauses lautet: „Bitte bringen Sie zum Besichtigungstermin einen Bausachverständigen mit.“

Glücklicherweise bin ich mit einem Bausachverständigen verwandt: Mein Bruder ist nicht nur Zimmerer und Bauingenieur, sondern auch noch Chef seiner eigenen Baufirma. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Als ich ihm von meinem Traum vom evangelischen Pfarrhaus erzähle und ihm das Makler-Exposé zukommen lasse, ist er nicht im geringsten erstaunt über die Geschichte. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Mein Bruder und ich funktionieren nach den selben Prinzipien. Wir sind beide intuitiv.

Was mindestens ein genauso großes Glück ist wie der Fakt, dass er etwas von Altbausanierung versteht.

„Gott, ist das schön!“, murmelte er vor sich hin, während er sich die Fotos des Pfarrhauses das erste Mal ansah.

Als wir jetzt leibhaftig vor dem Gebäude stehen, ist sein Gesichtsausdruck neutral. Auf der Fahrt zum Besichtigungstermin hat er mir eingeschäft, dass ich mir meine Begeisterung auf keinen Fall ansehen lassen darf! Das könne mich viel Geld kosten!

Es fällt mir nicht schwer, seinen Rat zu befolgen. Im Gegenteil: Während uns der Makler über das Gelände führt, wird mir bang und bänger!

Im Schafstall ist bereits ein Teil des Dachs eingebrochen. Die Tür hängt schief in den Angeln. Mein Bruder stemmt sie mit aller Kraft auf. Nach einem Blick zur Decke verbietet er mir den Zutritt: Akute Einsturzgefahr.

Seine Führsorge rührt mich. Alles andere überfordert mich.

Als nächstes ist der Hauptstall an der Reihe. Umständlich öffnet der Makler das Vorhangschloss an einer der Stalltüren. Als er sie aufzieht, fällt mein Blick auf rottendes Stroh. An der Wand hängen rostende Metallkörbe. Mein Bruder klettert die schmale Treppe hoch. Die rohen Dielenbretter sind stellenweise verfault. „Pass auf, dass du auf dem Hauptbalken bleibst!“, ruft er mir zu, während er vorsichtig Schritt für Schritt den Dachboden durchquert. Er bleibt stehen, den Kopf in den Nacken gelegt. „Na, das sieht aber nicht schön aus!“

Das, finde ich, ist eine absolute Untertreibung: Zwischen Dachfirst und Außenmauer klafft ein Loch von mindestens einem halben Meter! Und die Außenmauer sieht aus, als würde sie jeden Moment zusammenfallen!

Wir nehmen den nächsten Stallzugang in Augenschein. Im vorderen Bereich des Erdgeschosses wieder rottendes Stroh, im hinteren Teil eine weitere Pferdebox. Auch hier Stroh. Die schwache Ahnung von Pferdegeruch. Ein großer schwarzer leerer Plastikeimer. In der Ecke ein Rest Heu im Futtertrog. Allzu viele Jahre kann es nicht her sein, dass hier ein Tier gehalten wurde.

Wir nehmen die zweiteTreppe in den Dachboden. Im vorderen Teil lagert das rottende Heu hüfthoch. Mein Bruder wiegt skeptisch den Kopf.

Neben dem historischen Stall ein runder hölzerner Hühnerstall jüngeren Datums. Auch der ist eingestreut, im Inneren riecht es nach Huhn. Hier hat ganz sicher bis vor kurzem Federfieh gewohnt.

Der erste Lichtblick des Tages: Die Werkstatt. Mein Bruder pfeift anerkennend durch die Zähne, als uns der Makler das Tor aufschließt. Das Gebäude ist neu, aus Holz, mindestens sechs Meter hoch, mit großen Fenstern, einer riesigen Werkbank und Regalen, in denen ordentlich Werkzeug neben Werkzeug liegt.

Auf dem Weg zum Haupthaus kreuzen wir ein rotes Gartenhaus. Es befindet sich direkt am Ufer des Weihers, von dem ich geträumt hatte. „Zum alten Fritz“, steht über der Eingangstür. Durch die verglaste Front fällt unser Blick auf einen großen Tisch mit Wachstuchtischdecke. Drumherum Stühle. Auf einer kleinen Anrichte in der Ecke stappeln sich Schnapsgläser.

Das Häuschen wirkt inmitten des zweihundert Jahre alten Ensembles, als hätte es sich verlaufen.

Wir betreten das Haupthaus. In meinem Traum waren alle Räume leer. Jetzt bin ich mit der Realität konfrontiert: Während ich – wie in meinem Traum – von Zimmer zu Zimmer gehe, fällt mein Blick auf vergilbte Bravo-Poster aus den 90ern, DDR-Möbeln aus den 70ern. Auf wuchtigen Gründerzeit-Vitrinen stauben gerahmte Familienfotos vor sich hin. Die Küche wirkt, als wäre der Besitzer nur mal kurz zum Einkaufen gefahren.

Während ich mich – um Haltung bemüht – vom Makler verabschieden, ertönt hinter mir ein scharfes Surren. Mein Bruder lässt eine Drohne aufsteigen und über die Dächer der Gebäude fliegen, auf der Jagd nach weiteren Schäden, die nur durch Luftaufnahmen erkennbar sind.

Als ich – die Tür des Oberklasse-Audis achtsam zuziehend – auf den Beifahrersitz sinke, bin ich komplett bedient.

Das hier – denke ich – kann nur ein Alptraum sein!

Schock

Dass ich die Immobilienanzeige des evangelischen Pfarrhauses aus meinem Traum im Internet finde, hebt meine Welt aus den Angeln…

Mitte September war überraschend ein hoher nepalesischer Rinpoche in der Spirituellen WG zu Gast gewesen. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/

Rinpoche lehrte die Sangha, wie das Rauchopfer Sur praktiziert wird. Und er zeigte uns, wie man Opfer für Nagas – mächtige Wassergeister – vollzieht. https://www.water-runs-east.eu/naga-offering/

Rinpoche verließ uns, mit dem Versprechen, nächstes Jahr wieder zu kommen – für ein Thröma-Retreat. https://www.water-runs-east.eu/retreat/

Nach Rinpoches Abschied treibt mich die Frage um, an welchem Ort die Sangha ihre neu erworbenen Kenntnisse umsetzen, und das Thröma-Retreat stattfinden, soll?

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg ist ungeeignet. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Auch das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain kommt nicht in Frage. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

In der Großstadt ist zu wenig Platz. Der Lärm unserer Instrumente, der Rauch der Opferfeuer – das alles passt nicht hierher.

Wir brauchen Platz, denke ich mir. Und Ruhe.

Wir müssen raus aus der Stadt!

Am Besten – denke ich weiter – an ein Gewässer! Schließlich leben die Nagas im Wasser und in Feuchtgebieten.

Dann mussen wir an diesem Ort allerdings auch übernachten können! Denn Naga Opfer – so hat es uns Rinpoche erklärt – werden am Morgen vollzogen. Vor dem Frühstück!

Vier Tage nachdem uns Rinpoche verlassen hat, bin ich auf dem Weg zum nächsten Privat-Teaching eines anderen hohen nepalesischen Rinpoches. https://www.water-runs-east.eu/linienhalter/

Im ICE nach München rekapituliere ich, welche Eigenschaften der Ort braucht, an dem die Sangha Praxis machen kann: Er muss abgelegen sein, zähle ich an den Fingern ab, aber trotzdem gut erreichbar. Außer Suiyel hat kein Sangha-Mitglied ein eigenes Auto! Dort muss es Schlafplätze und Verpflegungsmöglichkeit für mindestens fünfzehn Leute geben. Er muss an einem Gewässer liegen. Man muss dort Feuer machen können. Und Krach…

Ich bin mir sicher, dass es irgendwo außerhalb Berlins einen solchen Ort gibt.

Nur: Wie soll ich ihn finden?

Auf dem Rückweg vom Teaching in Oberbayern überkommt mich mit einem Mal das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen würde ein Ort nach mir rufen. Ein „heiliger Ort“ sogar… https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Mit der Bitte um einen Traum, der mir diesen Ort zeigen möge, schlafe ich ein. In der Nacht träume ich von einem alten evangelischen Pfarrhaus. Mit einem Weiher vor der Haustür.

Am nächsten Morgen finde ich eine Immobilienanzeige online, in der ein evangelisches Pfarrhaus angeboten wird, das genau dem Haus in meinem Traum entspricht. https://www.water-runs-east.eu/weiher/

Erst bin ich verblüfft.

Dann zweifle ich an meinem Verstand: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Im Zustand innerer Auflösung lasse ich Israfel die Immobilienanzeige zukommen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Mein Herz rast. Ich zittere am ganzen Körper. Verzweifelt versuche ich, meinen Atem zu beruhigen.

Ich rette mich auf mein Meditationskissen, wie ein Schiffbrüchiger auf eine einsame Insel. „Einatmend nehme ich wahr, dass ich einatme. Ausatmend nehme ich wahr, dass ich ausatme.“

Nach etwa einer halben Stunde habe ich zumindest genug Abstand zu meinem inneren Chaos entwickelt, dass ich eine Selbst-Diagnose zustande bringe:

Ich stehe unter Schock!

Weiher

Meine Bitte um ein Traum-Zeichen erfüllt sich auf wunderbare Weise. Es lässt mich den heiligen Ort finden, der mich rief…

Das bizarre Gefühl, irgendwo dort draußen gäbe es einen bestimmten Ort, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten, lässt mich auch nach meiner Ankunft in Berlin nicht los. https://www.water-runs-east.eu/ruf/

Als ich am späten Abend in meinem Zimmer in der Spirituellen WG angkomme, gehe ich sofort ins Bett. Ich bin völlig übermüdet, meine Nerven sind so überreizt, dass ich regelrecht vibriere.

Was ist nur los mit mir?

Während ich versuche einzuschlafen, wird die Energie, die sich in meinem Herzen verankert hat, stärker. Ich versuche, nicht in Panik zu geraten, konzentriere mich auf meinen Atem, der kommt und geht, und leere meine Gedanken.

„Wünsch dir einen Traum“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr.

Ich schrecke hoch. Stimmt! Das hat schon öfter funktioniert!

Ich schließe die Augen, fokussiere mich wieder auf meinen Atem und formuliere bewusst den Wunsch, in dieser Nacht von dem Ort zu träumen, der gerade versucht, mit mir in Kontakt zu treten.

Mit dem Gedanken an diesen Ort, und dem Fokus auf die fremdartige Energie in meinem Herzen, schlafe ich ein.

Es ist Nacht. Suriyel ist bei mir. Gemeinsam wandern wir von Zimmer zu Zimmer. Das fahle Licht des Mondes fällt durch die Fenster. Unter unseren Füßen knarren Dielenbretter. Die Räume stehen leer. Der Geruch von Staub hängt in der Luft. Hier wohnt schon lange niemand mehr.

Mit einem Mal verändert sich die Perspektive. Ich schaue von oben auf Suriyel und mein Traum-Ich herab. Es ist so dunkel, dass ich die Gesichtszüge meiner Traum-Figuren nur erahnen kann. Ich höre mein Traum-Ich zu Suriyel sprechen. „Das hier ist der Ort, an dem unsere Sangha Praxis machen muss!“, sagt es in bestimmtem Ton.

Mir ist, als würde ich angehoben werden. Mit der Bewegung geht das Wissen einher, dass ich mich gerade in einem alten evangelischen Pfarrhaus befinde. Mein Blick weitet sich. Ich bin im Haus – und gleichzeitig davor. Auf der Wasseroberfläche eines Weihers spiegelt sich der Mond.

Ich wache auf.

Mein erster Gedanke gilt schrägerweise nicht dem Pfarrhaus – sondern Suriyel! In meinem Kopf dröhnt der Satz: „Da macht der doch nie mit!“

Es ist zwei Uhr morgens, stelle ich fest.

Wolfsstunde.

Damit schlafe ich wieder ein.

Am nächsten Morgen erinnere ich mich beim Aufwachen sofort an den Traum. Ein evangelisches Pfarrhaus! Mit einem Weiher davor!

Ich stelle die Kaffeetasse auf dem Schreibtisch ab und fahre den Laptop hoch. Versuchsweise gebe ich „Evangelisches Pfarrhaus“ und „kaufen“ ein. Und siehe da: die Evangelische Kirche hat ein eigenes Immobilienportal! In der Suchmaske gibt es die Option „Häuser“.

Ich brauche keine halbe Stunde, bis ich es gefunden habe:

Ein rotes Backstein-Pfarrhaus, davor ein Weiher. Baujahr 1800, lese ich. Ortsrandlage. Sanierungsbedürftig.

Das also ist der Ort, der mich gerufen hat…

Opfergabe

Ich praktiziere ein tibetisch-buddhistisches Rauchopfer auf einem keltischen Opferstein und hoffe, dass es bei den Gästen Anklang findet…

Zum zweiten Mal bin ich auf dem Hochplateau des Maimont in den Vogesen. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Ich will dort ein Opfer darbringen. Genau wie im September 2022. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Diesmal soll es allerdings kein „Hexenopfer“ werden, sondern ein Riwo Sangchö. Schließlich habe ich in der Zwischenzeit gelernt, wie man das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer durchführt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Etwas mehr als eine halbe Stunde brauchen meine Freundin und ich für die Strecke vom Parkplatz bis zur keltischen Opferschale.

War das Finden des Opfersteins und das Darbringen des Opfers beim ersten Mal ein dramatisches Abenteuer, ist es jetzt beinahe Routine.

Meine Freundin nimmt wieder auf einem Felsen naher der Opferschale Platz und sieht mir dabei zu, wie ich das Opferritual vorbereite.

Im September 2022 opferte ich Blumen, Obst und ein Räucherstäbchen. So wie es mir die Hexe aus dem Thüringer Harz via Messenger aufgetragen hatte. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Diesmal hole ich Kupferschälchen aus meinem Rucksack, reihe sie – so gut das auf der Oberfläche des Felsens möglich ist – nebeneinander auf dem vorderen Rand der keltischen Opferschale auf und fülle eines nach dem anderen mit Wasser.

Jedes der Wasserschälchen symbolisiert eine andere Opfergabe für die Gäste, die ich bald einladen werde: Wasser zum Trinken, Wasser zum Waschen, Blumenschmuck, Weihrauch, Kerzen, Duftwasser, Speisen und Musik.

Alle Opfergaben werden durch das Wasser in den Schälchen symbolisiert. Bis auf die Kerze. Die gibt es in Natura: Zwischen dem vierten und dem fünften Schälchen stelle ich ein kleines Teelicht auf.

Dahinter platziere ich mein Räuchergefäß, in das ich ein Stück Kohle lege. Daneben stelle ich das Glas mit der Räuchermischung.

Schließlich hole ich einen Zierkissenbezug heraus, in dem ich den Text des Riwo Sangchö und meine Mala transportiere. Ich trapiere den Kissenbezug auf dem hinteren Teil des Opfersteins und lege meine Mala und den Ritualtext darauf.

Nachdem ich auch noch meine Ritualglocke, den Vajra und die kleine Handtrommel darauf platziert habe, bin ich startklar.

Die Freundin inspiziert stirnrunzelnd mein Arrangement: Wir haben kein Opfer für die Opferschale!

Sie hatte, als wir aufbrachen, ein weiteres Mal Obst und Blumen mitnehmen wollen. Das hatte ich zurückgewiesen. Es ist schließlich alles für ein Riwo Sangchö vorhanden, inklusive des Instant-Powder!

Jetzt muss ich ihr recht geben. Mein Opfer sieht irgendwie unpassend aus. Alles ist um die Opferschale aufgereiht, die Schale selbst bleibt leer.

Soll ich das Räuchergefäß hineinstellen? Aber eigentlich gehört es hinter die Schälchen.

Ich bin verunsichert. Wie ist es richtig?

Gleichzeitig komme ich mir blöd vor. Es ist schon exzentrisch genug, ein Opfer an einer keltischen Opferschale darzubringen. Warum sollte es einen Unterschied machen, ob das Opfer am Rand des Steins oder in dessen Mulde präsentiert wird?

Zwischen angemessener Sorgfalt und zwanghafter Neurose liegen oft nur Nuancen.

Ich beschließe, die Räucherschale am Rand der Opferschale stehen zu lassen. Auf die paar Zentimeter wird es nicht ankommen.

Das nächste Mal werde ich wieder Obst und Blumen in die Mulde legen, aber jetzt haben wir keine dabei. Es lässt sich nicht mehr ändern.

Unter dem kritischen Blick der Freundin entzünde ich die Kerze und turne auf den Opferstein.

Nachdem ich im Schneidersitz hinter meinem Zierkissenbezug Platz genommen habe, nehme ich zuerst meine Mala und rezitiere 108 Mal mein Vajra Armor Mantra. Für jede Perle der Mala ein Mantra. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

Das Mantra habe ich auch während des ersten Rituals vor zwei Jahren gesprochen.

Als ich mit dem Vajra Armor Mantra durch bin, beginne ich mit dem traditionellen tibetischen Rauchopfer.

Zuerst rezitiere ich Tashi Zigpa, danach Gyaltsen Tsen Ma.

Tashi Zigpa mag ich gerne. Es ist die Bitte um den siegreichen Ausgang aktueller Projekte und wird traditionell zu Beginn tibetisch-buddhistischer Tantra-Praktiken gesprochen.

Gyaltsen Tsen Ma – ein ungewöhnlich kraftvoller Text, der fast nur aus Keimsilben besteht – liebe ich. Die Anrufung zur Überwindung aller Hindernisse verdanke ihn meiner Khandro.

Während ich die magischen Silben spreche, senkt sich Stille über das Hochplateau.

Ich bin beim Haupttext des Riwo Sangchö angelangt.

Zuerst rufe ich Guru Rinpoche an und nehme Zuflucht zu ihm. Als nächstes entwickle ich bewusst Bodhichitta – liebendes Mitgefühl für alle fühlenden Wesen – bevor ich in einer Visualisierungsmeditation durch die Energie Guru Rinpoches gereinigt werde und mich danach in ihn transformiere.

In der Form Guru Rinpoches verwandle ich das Rauchopfer-Pulver in Amrita. Diesen magischen Akt vollziehe ich mit Hilfe von Mantras – tibetischen Zaubersprüchen – und Mudras – einer Abfolge von Handbewegungen.

Nachdem die Transformation abgeschlossen ist, läute ich die Ritualglocke und drehe die kleine Handtrommel dazu.

Das Drohnen der Glocke, untermalt vom fiebrigen „Tocktocktock“ der Damaru, lässt die Stille beben.

Auf einmal kriecht eisige Kälte über das Hochplateau.

Genau wie beim letzten Mal.

Ich versuche die Angst, die mich an der Kehle packt, zu ignorieren und rezitiere weiter.

Die Einladung der Gäste.

Buddhas, Bodhisattvas, Schützer – und die Geister der Natur. „The real landlords“, nennt sie meine Khandro.

Nach den wahren Herren des Maimont lade ich noch alle Tiere ein, die hier leben – und zum Schluss alle Kräfte, die mir feindlich gesonnen sind und sogar die, die mir den Tod wünschen.

So steht es im Text.

Sie sind da. Alle miteinander. Ich glaube sie zu spüren, während ich – zitternd vor Nervosität – die Räuchermischung auf die glühende Kohle gebe.

Aber diesmal „sehe“ ich sie nicht. Im Gegensatz um letzten Mal. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während der Rauch des Opfers in weißen Schwaden zum Himmel steigt und dabei einen intensiven Geruch verströmt, murmle ich – die Perlen der Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om a Hung“.

Nach etwa zehn Minuten ist die Räucheropfermischung verbrannt. Ich verabschiede die Gäste, widme die Verdienste, die ich – hoffentlich!!! – durch dieses Opfer erworben habe allen fühlenden Wesen und schließe mit einem Gebet an Guru Rinpoche.

Als ich von der Opferschale klettere, fühlen sich meine Beine an, als wären sie aus Gummi.

Mein Puls rast.

Ich habe keine Ahnung, ob das Opfer, das ich gerade unter Aufbietung all meiner Kräfte und Fähigkeiten dargebracht habe, angenommen worden ist.

Denn ich habe nichts „gesehen“.

Was nichts heißen muss. Ich bin schließlich eine unbeholfene Laien-Praktizierende. Mit eingeschränkter Sichtweise.

Mal sehe ich etwas – oder glaube zumindest, das zu tun – ein andermal sehe ich nichts. Was nicht bedeutet, dass da nichts gewesen sein könnte.

Die Freundin tritt zu mir und beobachtet mich dabei, wie ich mein Equipement von der Opferschale nehme und in den Rucksack packe. Auch sie ist sich unschlüssig, ob die Gäste hier waren.

Die Landlords.

Es hat sich so angefühlt. Für uns beide. Aber sicher sind wir uns nicht.

Im Gegensatz zum letzten Mal. Da waren sie da. Wir wussten es beide.

„Was, wenn wir sie verärgert haben?“ Die Freundin ist besorgt.

Wir sind beide keine Experten, wenn es um örtliche Naturgeister geht.

Während wir dem Wanderweg bergabwärts in Richtung Parkplatz folgen, diskutieren wir das Opfer. Wir sind uns einig, dass die Kälte, die während des Rauchopfers über das Hochplateau kroch, nicht feindselig war.

Sie war von nüchterner Klarheit.

Wie auch immer. Geschehen ist geschehen.

Uns bleibt nichts anderes, als das Beste zu hoffen. Wenn es wieder so sein wird wie beim ersten Mal, werden wir bald erfahren, ob wir gutes oder schlechtes Karma generiert haben. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Rauchopfer

Zwei Jahre nach meinem ersten Besuch mache ich mich bereit für eine weitere Opfergabe auf dem keltischen Opferstein auf dem Maimont…

Am Abend vor dem Aufbruch in den Pfälzer Wald packe ich meine Sachen. Dabei kreisen meine Gedanken um den keltischen Opferstein auf dem Maimont. https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Am 24. September 1922 praktizierte ich an diesem seltsamen Ort ein „Hexen-Opfer“. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Aus einer Laune heraus. Gedankenlos gegenüber den Konsequenzen. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich Schlafanzug und Kosmetikbeutel in den Rucksack stopfe, wird mir bewusst, wie vollkommend naiv ich damals gewesen bin!

Als ich Obst und Blumen in der Schale des Opfersteins drapierte und das Räucherstäbchen entzündete, tat ich dies ohne jede Vorstellung davon, dass dieser simple Akt derart dramatische Folgen haben würde!

Am 28. September – vier Tage nach meiner Opfergabe – lernte ich unter seltsamen Umständen Maria kennen.

Im Februar 2023 brachen ich mit ihr zu einer Reise auf. https://www.water-runs-east.eu/danzig/

Der Weg führte uns nach Danzig und von dort in das Retreathaus ans Ende der Welt. https://www.water-runs-east.eu/amulett/

Die Kräfte des keltischen Opfersteins hatten Maria und mich aufeinander treffen lassen, damit wir den Weg des Dharma gemeinsam gehen konnten.

Im Rückblick macht alles, was sich ereignete, Sinn. Eine Kette von Wundern.

Währenddessen fühlten wir uns den Ereignissen hilflos ausgeliefert.

Deshalb wurde der Beginn dieser Reise zur Geburtsstunde des Blogs.

Ein Mittel, darüber zu reflektieren, was uns geschah. Gedankliche Ordnung in das Chaos unseres Lebens zu bringen. Deshalb begann ich zu bloggen. Zwischendurch schrieb auch Maria. https://www.water-runs-east.eu/about-the-idea-of-going-to-poland/

Diese Aufgabe erfüllt der Blog bis heute.

Denn die Reise ist noch lange nicht zu Ende. https://www.water-runs-east.eu/wunder/

Auch wenn Maria in Leipzig zurückblieb, als es mich nach Berlin verschlug. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Übermorgen werde ich an den keltischen Opferstein zurückkehren. Dort werde ich ein zweites Mal ein Ritual vollziehen.

Diesmal nicht nach Hexen-Art. Denn in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt. Unter andem, wie man ein traditionelles tibetisches Rauchopfer durchführt.

Das Riwo SangChö. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Deshalb werde ich diesmal nicht Obst und Blumen darbringen, sondern Sang-Powder verbrennen. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/

Die Frage ist nur: Welchen?

Denn ich habe mehrere. Zum einen die Fertigmischung aus dem nepalesischen Nyingma-Kloster. Zum anderen mehrere „Do-it-yourself-Sang-Powder“, die ich gemeinsam mit Suriyel produziert habe. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Ich gehe meine Vorräte durch und bin hin- und hergerissen: Den nepalesischen Sang-Powder oder doch lieber einen aus eigener Herstellung? Und wenn ja, welchen?

Schließlich entscheide ich mich für die selbstgemachte „Lung-Mischung“. Die habe ich aus Kräutern des Gartens des Buddhistischen Zentrums hergestellt, die während unseres Online-Lungs – der Ermächtigung zur Ausübung des Rauchopfers – neben dem Altar standen. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/

Als das Ritual zu Ende war, nahm ich den Strauß zu mir nach Hause mit. Dort ließ ich die Kräuter trocknen und vermengte sie mit Eichenholzspäne und Harzen. Ein Glas der Mischung schenkte ich Suriyel. Der mahlte sie in der Kaffeemaschine, damit sie staubfein war und gab noch etwas Aroma-Öl dazu, bevor er mir die Hälfte davon wieder zurückgab.

Diese Sang-Powder-Mischung – beschließe ich – ist perfekt für den keltischen Opferstein! Sie ist die Summe der Ereignisse, die seit meinem ersten Ritual dort über mich gekommen sind:

Suriyel, sein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin-Friedrichshain, in das es mich verschlagen hat und das Riwo SangChö, das ich an diesem Ort von Suriyel gelernt hatte.

Einen anderen als diesen Sang-Powder zu nehmen, wäre komplett unangemessen, beschließe ich.

Allerdings riecht er eigenwillig. Der Garten des Buddhistischen Zentrums wird dominiert von Lavendel und Rosmarin. Die Mischung ist etwas einseitig geraten. Dazu kommt Suryiels Aroma-Öl-Behandlung. Was immer er genommen hat, es verströmten einen strengen herben Duft.

Ich mag den Geruch. Aber was, wenn die Naturgeister des Maimont nicht davon begeistert sind? Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn sie sich von meinem Opfer gekränkt fühlen!

Als mich meine Freundin am Bahnhof abholt, habe ich mein Equipement für ein traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer im Gepäck. Und ein Schraubglas mit einem sehr speziellen Sang-Powder. Der besteht zur einen Hälfte aus unserem eigenwillig riechenden „Home-Made-Lung-Powder“, zur anderen Hälfte aus dem in Nepal hergestellten Pulver.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass dieses Opfer Anklang finden wird…

Auftrag

Zwei Jahre nach dem Hexen-Opfer am keltischen Opferstein befiehlt mir meine Innere Stimme, dorthin zurückzukehren…

Atemzug auf Atemzug.

Die Sonne zeichnet weiße Kringel auf das Eichenparkett. Durch das geöffnete Fenster zieht Sommerduft herein. Im Innenhof singt eine Amsel. https://www.water-runs-east.eu/der-hof/

Durch das tagelange Schweigen sind alle Sinneseindrücke von erstaunlicher Nuanciertheit und Intensität . https://www.water-runs-east.eu/schweigen

Schritt für Schritt.

Ich spüre den glatten Parkettboden unter den nackten Fußsohlen, das Pendeln meiner Arme, ein leichtes Kribbeln in den Fingern.

Hart schlagen die Klanghölzer aneinander.

Der Assistent des Zen-Lehrers hat die Geh-Meditation beendet. https://www.water-runs-east.eu/kinhin/

Zusammen mit den anderen in der Gruppe bleibe ich abrupt stehen, als der trockene Knall durch den Raum hallt. Gemeinsam verbeugen wir uns und eilen zu unseren Plätzen. Ich lasse mich auf meinem Kissen nieder und kontrolliere, ob ich auch bequem sitze. Die anderen, die mit mir an den Längsseiten des Raumes aufgereiht mit den Gesichtern zur Wand sitzen, tun dasselbe.

Dann schlägt der Assistent auch schon die große Klangschale. Drei Mal ertönt das wuchtige Dröhnen und lässt die Luft im Zendo vibrieren.

Ab jetzt darf sich niemand mehr bewegen, bis das zweimalige Anschlagen der Klangschale das Ende der Meditationseinheit signalisieren wird. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Vollkommene Stille liegt über dem Zendo.

Es ist der vierte Tag des Sesshins.

Mein neurotisches Ego – das mich im Alltag von Morgens bis Abends mit seinen Ideen, Sorgen und Ängsten auf Trab hält – ist zur Ruhe gekommen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Endlich Frieden!

Mit einem Mal erklingt in mir die Innere Stimme: „Du musst zum Opferstein!“, flüstert sie.

Der Opferstein! https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

An die keltische Opferschale auf dem Maimont in den Vogesen habe ich seit Monaten nicht mehr gedacht! https://www.water-runs-east.eu/maimont/

Es ist so viel passiert in den letzten zwei Jahren, seit ich dort ein Hexen-Opfer darbrachte, dass ich den seltsamen Stein – und alles was dort geschah – vollkommend vergessen hatte. https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich starr auf meinem Meditationskissen sitze und auf die weiße Wand vor mir starre, sinne ich dem Befehl meiner Inneren Stimme nach. Er ist vollkommend verückt. Aber Irgendwie auch folgerichtig – obwohl ich nicht zu sagen wüsste, warum.

Als das Sesshin drei Tage später zu Ende gegangen ist, kehre ich zurück in den Alltag: An der Bushaltestelle des Spirituellen Zentrums starte ich mein Handy.

Bevor ich im schaukelnden Bus die Mails und Nachrichten der vergangenen Woche lese, schreibe ich der Freundin in der Pfalz.

„Ich würde gerne zu dir zu Besuch kommen! Wir müssen zur Opferschale!“

Meine Freundin – die von ungewöhnlichem Langmut ist – nimmt sich sofort einen Tag Urlaub, um meinem schrägen Ansinnen Folge leisten zu können.

Eine Woche später holt sie mich am Bahnhof ab. Ich bin neun Stunden lang quer durch die Republik bis in die hinterste Ecke der Pfalz gefahren, um ein Opferritual an einer keltischen Opferschale zu verrichten.

Und habe keine Ahnung, warum…

Konsequenzen

Mein „Hexen-Opfer“, das ich auf dem keltischen Opferstein am Mainmont dargebracht habe, bleibt nicht ohne Folgen…

Dass ich mich an einem „Hexen-Opfer“ versuchte hatte, war einem spontanen Impuls zu verdanken gewesen. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Und meiner Zen-Praxis.

Denn Zen lehrt, dass es so etwas wie „Zufall“ nicht gibt.

Alles, was das Leben schenkt, ist von Bedeutung.

Selbst wenn es so etwas schräges ist, wie die Bekanntschaft mit einer Hexe aus dem Harz, deren energetischer Sog einen keltischen Opferstein herbeizaubert. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Der japanische Zen-Meister Dogen legte im 11. Jahrhundert anhand der Regeln einer buddhistischen Kloster-Küche dar, was Alltagshandeln „Sinn-voll“ macht:

Man müsse lernen, aus allen Zutaten, die das Leben in diesem Augenblick schenkt, wohlschmeckende Gerichte zuzubereiten. So etwas wie „falsch“, „zuviel“ oder „zuwenig“ gibt es nicht. Weder in der Küche, noch im Leben… https://www.water-runs-east.eu/nahrung/

Voilá!

Im Rezeptbuch meines Lebens stand deshalb an diesem 24. September des Jahres 2022 geschrieben: Man nehme eine keltische Opferschale + ein „Do-it-yourself“-Hexenrezept und bereite ein leckeres Opfer zu!

Serviert bekam ich: Den Schock meines Lebens!

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die riesigen eisigen Gestalten, die sich während des Opfers um den Stein scharten, Hirngespinste waren – oder Geister? https://www.water-runs-east.eu/geister-gaeste/

Während ich der erstenThese zuneige, ist meine tibetisch-buddhistische Lehrerin von der zweiten überzeugt. https://www.water-runs-east.eu/vajra-armor/

„Wenn sich die Naturgeister zeigen, bedeutet dies, dass sie das Opfer angenommen haben“, erklärte sie mir ungerührt, als ich ihr – zwei Monate nach den Ereignissen auf dem Maimont – von meiner seltsamen Erfahrung berichtete.

Dass daraus nach dem tibetisch-buddhistischen Schamanen-Ein-Mal-Eins folgt, dass dieses Opfer nicht ohne Konsequenzen für mein Leben bleiben würde, musste sie mir nicht sagen.

Das wusste ich auch so. Schließlich war ich bereits seit ein paar Jahren ihre Schülerin.

Und wirklich geschahen nach dem Hexen-Opfer die seltsamsten Dinge!

Überraschende Begegnungen, unerwartete Ereignisse und erschütternde Einsichten reihten sich in einer Geschwindigkeit aneinander, dass ich aus dem Kopfschütteln und Händeringen nicht mehr herauskam!

Auch dieser Blog – gestartet im Februar 2023 – ist ein Produkt dieses überwältigenden Stroms von Lebensereignissen.

Der Blog und alles, was damit zusammenhing – und zusammenhängt – brachte mich von Leipzig nach Berlin. https://www.water-runs-east.eu/adieu-leipzig/

Er katapultierte mich aus meinem verwunschenen Untermietzimmer in die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Er ließ mich mit Wucht im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain aufschlagen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Ob all das, was in den zwei Jahren seit diesem Septembertag auf dem Mainmont geschah, den Naturgeistern des magischen Berges zu verdanken ist?

Mein Ego findet die Idee komplett albern!

Meine Innere Stimme ist davon überzeugt, dass dem so ist! https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Geister-Gäste

Ich zelebriere ein Hexen-Opfer auf einem keltischen Opferstein – und werde mit erstaunlichen Besuchern konfrontiert…

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich Quadrille. https://www.water-runs-east.eu/barock/

Mit einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/hexe/

Die zelebriert regelmäßig Hexen-Opferfeste auf keltischen Opfersteinen. Von denen gibt es im Thüringer Harz mehrere. https://www.water-runs-east.eu/hexenopfer/

Ein paar Wochen nach dem Ball bin ich bei einer Freundin in Rheinland-Pfalz zu Besuch. Durch Zufall erfahre ich von ihr, dass sich auch im Pfälzer Wald ein keltischer Opferstein befindet.

Auf dem Maimont.

Am nächsten Tag machen wir uns auf dem Weg zum Berg – und zur keltischen Opferschale. Denn ich habe mir in den Kopf gesetzt, dort ein Hexen-Opfer darzubringen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8731&preview=true

Als wir endlich an der Opferschale auf dem Hochplateau des Maimont angekommen sind, ist es bereits Mittag.

Der Stein reicht mir fast bis zur Hüfte. Er hat eine Länge von etwa zwei Metern und ist einen Meter breit. In der vorderen Hälfe befindet sich eine große Mulde. Von oben, finde ich, sieht diese „Opferschale“ aus wie ein Vogelkopf.

Der große Stein ist geborsten. Wie der Riss, der sich quer durch die Vertiefung zieht, entstanden ist, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob der Stein schon seit vielen Jahrhunderten beschädigt ist, oder der Sprung jüngeren Datums ist.

Falls ein Wissenschaftler die Geheimnisse der keltischen Opferschale auf dem Maimont erforscht hat, hat er seine Erkenntnisse nicht online gestellt. Google weiß nichts über den Opferstein.

Was schade ist.

Während ich die Opfergaben für das Hexen-Ritual aus meinem Rucksack hole, frage ich mich, ob der Stein schon immer hier gewesen ist, oder ob ihn die keltischen Erbauer der Ringanlage von irgendwo hierher geschafft haben?

Wurde er wirklich für Opferrituale benutzt, so wie das bei den Opferschalen im Harz der Fall ist? Zumindest hat mir das die Hexe erzählt. Ich habe keine Ahnung, ob ihre Geschichten historisch korrekt sind.

Egal.

Geträulich befolge ich die Anweisungen der Hexe, die sie mir gestern über Messenger hat zukommen lassen. Vorsichtig platziere ich Rosen, Lavendel, Weintrauben und einen Apfel in der Opferschale und komme mir albern dabei vor.

Glücklicherweise sieht mir nur meine Freundin bei den Vorbereitungen zu. Die hat es sich auf einem Felsen nicht weit von mir gemütlich gemacht und Tee und belegte Brote ausgepackt.

Obwohl ein Wanderweg direkt am Opferstein vorbeiführt, scheinen wir alleine auf der Hochebene zu sein.

Um uns herrscht tiefe Stille.

Nachdem ich das Opfer so appetitlich als möglich in der Schale angerichtet habe, kommt das wichtigste: Das Räucherstäbchen!

Vorsichtig platziere ich ein edles japanisches Stäbchen in einem kleinen Halter auf dem Rand des Opfersteins und zünde es an.

So hat mir das die Hexe erklärt.

Und, dass ich an der Opferschale ausharren müsse, bis das Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt ist! Sonst wäre es kein „gültiges“ Opfer!

Als ich heute morgen vor dem Aufbruch noch einmal die Anweisungen für das Opfer überflog, hatte ich spontan meine Mala eingesteckt.

Denn mir war eine Idee gekommen: Während der halben Stunde, die es dauert, bis das Räucherwerk verglüht ist, konnte ich mein Mantra rezitieren, anstatt untätig herumzusitzen!

Jetzt lasse ich mich gegenüber des Räucherstäbchens auf der anderen Seite der Opferschale auf dem Felsen nieder und hole die tibetische Gebetskette mit ihren 108 Perlen aus meiner Jackentasche.

Während der feine Rauchfaden des Räucherstäbchens in den Himmel steigt, rezitiere ich mein Vajra-Armor-Mantra. Das ist magisch und speziell. Ich habe es von meiner Khandro – meiner tibetischen Lehrerin – bekommen. https://www.water-runs-east.eu/?p=8782&preview=true

Auf einmal ist mir, als würde es schlagartig kühler. War mir noch vor wenigen Minuten in der warmen Herbstsonne angenehm war, beginne ich jetzt zu frieren.

Gleichzeitig glaube ich, die Tritte vieler Menschen wahrzunehmen. Von allen Seiten klingt das Rascheln von Laub zu mir herüber.

So kommt es mir vor – und gleichzeitig auch wieder nicht.

Da ist die vollkommene Stille auf dem – von der warmen Herbstsonne beschienenen – Hochplateau. Und zur selben Zeit die Kälte und die Geräusche.

Ich rezititere weiter konzentriert mein Mantra und starre dabei auf den zarten Rauchfaden des Räucherstäbchens – mit einem Mal glaube ich, in einiger Entfernung Gestalten zu erkennen.

Oder doch nicht?

Verwirrt hebe ich den Blick. Im Abstand von etwa zwanzig Metern um die Opferschale – so scheint es mir – stehen riesige Gestalten.

Eingehüllt in bodenlange fließende Gewänder, das lange Haar offen, die Bärte bis zur Brust reichend, stehen dicht an dicht Männer und Frauen. Sie wirken, als wären sie aus Eis gegossen.

Sie verströmen Klarheit – und Kälte.

Vor Schreck kippe ich beinahe vom Opferstein. Irgendwie gelingt es mir – vor Angst und Kälte mit den Zähnen klappernd – weiter mein Mantra zu rezitieren.

In einem Moment glaube ich, die Gestalten – es müssen mehrere hundert sein – klar zu erkennen. Im nächsten Moment bin ich mir sicher, dass ich mir das alles einbilde.

Sehe ich sie – oder ist das hier alles ein wilder Fiebertraum.

Schließlich ist das Räucherstäbchen heruntergebrannt. Als ich mit zitternden Fingern die Mala wieder in meine Jackentasche stecke, drehen sich die eisigen Gäste um und verschwinden innerhalb von Sekunden zwischen den Bäumen.

Von Minute zu Minute wird es auf dem Hochplateau wieder wärmer.

Irgenwo über mir ruft eine Krähe im Baumwipfel. Es ist, als würde ihr hartes Krächzen einen Zauber brechen.

Meine Freundin kommt zu mir. „Hast du das auch gehört?“

„Was denn?“

„Diese Schritte! Als ob viele Menschen hierher gekommen sind! Und diese Kälte! Was ist das nur gewesen?“

Ich habe keine Ahnung.

Nicht einmal davon, ob es mich beruhigt, dass meine Freundin ähnliches erlebt hat.

Vielleicht spinnen wir einfach beide gleichzeitig?

Nach meinem „Hexen-Opfer“ bin ich so erschöpft, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann.

Die wenigen Kilometer bis zum Parkplatz bewältige ich nur mit Mühe. Am Auto angekommen, lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen und versuche, meinen Nerven zu beruhigen.

Ich stehe unter Schock, stelle ich fest.

Zweieinhalb Monate nach dem Hexen-Opfer auf dem Maimont treffe ich meine Khandro wieder. Das nächste Vajra Armor Retreat beginnt.

Endlich – nach mehr als zwei Jahren Pause wegen der Covid-Pandemie!

Ich erzähle der Khandro, dass ich das Vajra Armor Mantra an einem keltischen Opferstein rezitiert habe. Und dass daraufhin hunderte riesige Gestalten aufgetaucht sind. Geformt aus Eis.

Die Khandro verzieht keine Miene. „When they appear it implies that they accept the offer.“

„Who are they?“, frage ich sie.

„Natural spirits. The land lords of this montain.“

Maimont

Der Berg in den Vogesen ist ein geschichtsträchtiger Ort, um den sich wilde Sagen ranken…

Auf einem Barockballs in der Sächsischen Provinz mache ich die Bekanntschaft einer Hexe aus dem Harz. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696&preview=true

Eine so seltsame wie bereichernde Begegnung.

Einem Facebook-Post dieser Hexe verdanke ich, dass ich von der keltischen Opferschale auf dem Maimont erfahre. https://www.water-runs-east.eu/?p=8711

Fünf Wochen nach dem Barockball.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich zu Besuch bei einer Freundin im Pfälzer Wald. Als ich der – gemütlich Abends auf ihrer Coach sitzend – mein Handy mit dem Post der Hexe aus dem Harz unter die Nase halte, identifiziert die den großen grauen Felsen, auf dem die Hexe ein Opfer darbringt, sofort als keltischen Opferstein!

Denn, im Gegensatz zu mir, kennt sie diese mystischen Steine.

Einer davon – erfahre ich von ihr – befindet sich nur wenige Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Inmitten einer 2000 Jahre alten keltischen Ringanlage, die um den Gipfel eines Berges verläuft.

Dem Maimont.

Ich bin elektrisiert!

Inspiriert von den Fotos der Hexe auf Facebook, die stolz ihr Herbst-Tag-und-Nachtgleichen-Opfergaben auf einem keltischen Opferstein im Harz präsentiert, beschließen wir, ebenfalls ein „Hexen-Opfer“ darzubringen.

Denn: Wenn eine keltische Opferschale in erreichbarer Nähe ist, muss sie bespielt werden!

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Im Rucksack, den ich im Kofferraum des Auots meiner Freundin verstaue, befinden sich die Opfergaben.

Ich habe schlecht geschlafen. Was gestern Abend ein spontaner Scherz war, hat über Nacht existenzielle Bedeutung gewonnen.

Warum ist mir mit einem Mal, als ginge es bei dieser schrägen Opferung um Leben und Tod?

Ich bin mir selbst wieder einmal ein völliges Rätsel.

Meine seltsame Getriebenheit erscheint mir höchst albern. Beschämt über mich selbst bemühe ich mich, meine Freundin nichts davon spüren zu lassen.

Die parkt in Erwartung eines netten Ausflugs am Fuße des Maimont. Mit den Rucksäcken über den Schultern schlagen wir den Weg in Richtung „Gipfel“ ein. So steht es auf der Wandermarkierung.

„Anhöhe“, finde ich, träfe es besser. Der Maimont ist gerade einmal 518 Meter hoch. Eine halbe Stunde Wegzeit veranschlagt die Wandermarkierung bis zur Opferschale.

Weil ich nicht zu einer Bergwanderung aufgebrochen bin, sondern zu einem Opferritual, kommt mir das entgegen. Ich stürme die Forststraße hoch, als ginge es um ein Wettrennen.

Getrieben von dem Gedanken: „Ich MUSS da hoch!“

Nach einer Viertelstunde kommen wir an der Ruine einer Burg vorbei. Nur die Grundmauern und die Reste eines Turmes stehen noch. Die interessieren mich gerade nicht die Bohne.

Weil ich mir das nicht anmerken lassen möchte, folge ich der Freundin den Trampelpfad entlang zur Ruine.

Auf dem Weg dorthin berichtet sie mir, was sich die Einheimischen seit Generationen über die Burg erzählen:

„Der Sage nach existiert die Burg in zwei Zeitdimensionen. Es gibt einen Punkt am Gipfel des Maimont, von dem man einen direkten Blick hinunter auf die Ruine hat. An speziellen Tagen – so wird erzählt – sehen Menschen immer wieder nicht nur Steine und Geröll, sondern die unzerstörte Burg, in der mittelalterliches Leben herrscht! An diesen Tagen ist es gefährlich auf dem Maimont: Immer wieder verschwinden Menschen! Es heißt, sie wären versehentlich in diese andere Zeitdimension geraten und hunderte von Jahren in die Vergangenheit katapultiert worden, ohne jede Chance, wieder in ihre Zeit zurückzukehren!“

An normalen Tagen hätte ich diese Geschichte faszinierend gefunden.

Heute bin ich völlig auf die Opferschale fixiert.

Weil das so albern wie bizarr ist, folge ich zähneknirschend der Freundin in die Ruine, klettere hinter ihr auf die Turmreste, bewundere den Ausblick über das Elsass – und amte erleichtert auf, als wir wieder auf dem Hauptweg zum Gipfel stehen.

Jetzt stürme ich geradezu voran, die Freundin hat Mühe, mit mir Schritt zu halten. Jäh werde ich von einem rot-weißen-Flatterband gestoppt. Dahinter: Ein großes Schild. „Betreten verboten! Lebensgefahr!“, lese ich.

“Stimmt! Das hatte ich ganz vergessen!“ Die Freundin ist neben mir zum Stehen gekommen. „Hier hat es letzte Woche gebrannt!“

Und wirklich: Den Steilhang hinauf, über den sich der Wanderweg in Serpentinen hochschlängelt, steht ein schwarz verkohlter Baumstamm neben dem anderen. Schwer hängt der Geruch verbrannten Holzes in der Luft.

Die Freundin packt umständlich die Wanderkarte aus. Ich muss mich beherrschen, sie nicht anzufahren. Ich muss SOFORT hinauf!

“Es gibt noch einen Wanderweg, der auf der französischen Seite hoch führt“, erklärt mir meine Freundin. Ihr Finger zeichnet einen großen Bogen auf der Karte. „Wir müssen da lang.“ Sie zeigt auf einen schmalen Pfad, der um den Berg herumführt.

Zähneknirschend laufe ich hinter ihr her.

Nach einiger Zeit stoßen wir auf eine Abzweigung. Endlich geht es wieder hoch zum Gipfel. Ich hetze den Weg hinauf.

“Schau!“, ruft die Freundin hinter mir. „Tibetische Gebetsfahnen!“ Ich drehe mich zu ihr um. Richtig! Einige Meter abseits vom Weg spannen sich bunte tibetische Gebetsfahnen über einer Felsformation. Ich war so absorbiert von der keltischen Opferschale, dass ich sie nicht wahrgenommen hatte!

“Wer die wohl gespannt hat? Und warum ausgerechnet hier?“ Die Freundin, die wie ich tibetischen Buddhismus praktiziert, ist hingerissen von dem Ort.

Ich habe ihn schon wieder vergessen. Das einzige, das mich gerade interessiert, ist die keltische Opferschale!

Sollte die Freundin mein Verhalten seltsam finden, behält sie es für sich. Stumm klettert sie hinter mir den steilen Hang hinauf. Etwa zwanzig Minuten später stehen wir auf dem Hochplateau.

“Der Maimont hat zwei Gipfel. Der eine liegt auf der französischen, der andere auf er deutschen Seite“, referiert meine Freundin, während wir die Hochebene überqueren. „1940 fand hier eine verlustreiche Schlacht zwischen der deutschen Wehrmacht und der französischen Armee statt. Viele Soldaten sind gestorben.“

Das reißt mich kurz aus meiner Obsession. Eine seltsame Schwere scheint über der bewaldeten Hochebene zu liegen. Schweigend laufen wir hintereinander den schmalen Pfad entlang. Der endet an einem mächtigen Metallkreuz, das auf einer Felsnase montiert ist.

Das „Friedenskreuz“, das auf dem deutschen Gipfel des Maimont zur Erinnerung an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurde. Wir klettern die Trittleiter zum Denkmal hoch. Aus der Tiefe klingt das an- und abschwellende Rauschen einzelner Autos zu uns hoch. Die Häuser des Dorfes, das sich in das Tal schmiegt, sehen von hier oben aus wie Spielzeugklötze. Die bewaldeten Hänge, die sich dahinter erstrecken, leuchten schon in bunten Herbstfarben.

Kurz bin ich von dem friedlichen Ausblick gefangen, dann fällt mich wieder der Gedanke an die Opferschale an.

„Wir müssen weiter!“

Gehorsam klettert meine Freundin hinter mir die Trittleiter hinunter.

„Wo ist der Opferstein?“, frage ich sie ungeduldig. Der Weg, dem wir den Berg hoch gefolgt sind, endet am Friedenskreuz.

Die Freundin sucht auf der Wanderkarte. Der Opferstein ist nicht eingezeichnet. Sie ruft die Wander-App auf. Auch die kennt keine keltische Opferschale.

Jetzt werde ich hysterisch: „Ich MUSS da hin!“

„Wir finden sie schon!“, beruhigt mich die Freundin. „Sie muss irgendwo da drüben sein!“

Jetzt trabe ich hinter ihr her. Quer über die Hochebene, dann erst einen steilen Hang hinunter und danach einen weiteren hoch.

Wir waten durch raschelndes Laub, um uns segeln Blätter zu Boden. Der schrille Ruf eines Bussards dringt durch die dichten Äste zu uns hinunter.

Hinter seinem Schrei steht die Stille wie eine Wand. Es ist, als wären wir mit einem Mal vollkommend alleine auf diesem seltsamen Berg.

Auf einmal fällt mir die Sage über die zwei Zeitdimensionen wieder ein. Was, wenn heute gerade einer dieser Tage ist, an denen die Tür zwischen Gegenwart und Vergangenheit offen steht und wir uns auf einmal im Mittelalter wiederfinden?

„Wir könnten uns noch nicht mal verständigen!“, erkläre ich voller Furcht der Freundin. „Wir können weder Althochdeutsch noch Latein.“

„Ich habe das große Latinum“, antwortet sie gedankenverloren, während sie sich zu orientieren versucht. „Schau! Da oben ist die Wallanlage!“

Richtig: Der Hang, den wir gerade hochklettern, wird von einer langgezogenen Erhöhung umschlossen.

Als wir dort ankommen, muss ich erst einmal Luft holen. Die keltische Verteidigungsanlage – ein etwa zwei Meter hoher Wall, der in einem großen Bogen über das Plateau verläuft – ist auch nach 2000 Jahre deutlich zu erkennen.

„Dort ist der Opferstein!“ Die Freundin weist auf einen großen roten Felsen, nicht weit vom Wall entfernt.

Endlich!

Ich renne auf den Stein zu, als ginge es um mein Leben.

Hexenopfer

Inspiriert von einem keltischen Tages-und-Nachtgleichen-Ritual im Thüringer Harz fasse ich einen spontanen Beschluss…

Am 23. September – einen Monat, nachdem ich auf dem Barockball in der sächsischen Provinz eine echte Hexe kennengelernt habe – mache ich mich wieder auf die Reise. https://www.water-runs-east.eu/?p=8696

Nicht in den Harz, wo die Hexe wohnt, sondern in den Pfälzer Wald. Die Dharma-Schwester, die ich dort besuche, lebt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt in einem zweihundert Jahre alten Bauernhof.

Nachdem wir es uns am Abend auf dem Sofa gemütlich gemacht haben, erzähle ich der Freundin vom Barockball.

Und von der Frau, mit der ich dort getanzt habe. Die nicht nur aussieht wie eine Hexe, sondern wahrhaftig eine ist!

Ich rufe den Facebook-Account meiner neuen Bekanntschaft auf, um ihr Profilbild zu präsentieren.

“Schau dir das an!“ Ich halte meiner Freundin das Handy unter die Nase. „Was sagst du dazu?“

Die Hexe aus dem Harz hat heute Morgen ein Foto gepostet: Ein grauer Felsen, auf dem sie kunstvoll Blumen, Obst und Kerzen drapiert hat. „Herzlicher Mabon!“ steht darunter.

Was ist „Mabon“?

Google weiß Rat: Es handelt sich um die Herbst-Tages-und-Nacht-Gleiche, die heute gefeiert wird, lese ich meiner Freundin vor.

Am Tag nach dem Barockball hat mir die Hexe auf der gemeinsamen Rückfahrt nach Leipzig von diesen keltischen Ritualen erzählt. Die praktiziert sie immer an original keltischen Opfersteinen. Von denen, hat sie mir erklärt, gibt es im Harz mehrere.

Bei dem Felsen auf dem Foto muss es sich demnach um einen dieser seltsamen Opfersteine handeln.

Meine Freundin betrachtet interessiert das Foto. „So einen haben wir hier auch!“

Ich falle beinahe vom Sofa. „Im Ernst?“ Ich kann mich nicht entsinnen, jemals in meinem Leben auf einen keltischen Opferstein getroffen zu sein.

Und auf einmal ist unversehens einer um die Ecke!

Wenn es einen Opferstein gibt – beschließe ich umgehend – muss er auch genutzt werden!

Nur wie?

Meine Dharma-Freundin und ich haben schon öfter an tibetisch-buddhistischen Opferritualen teilgenommen. Aber ohne Lama eines an einem keltischen Opferstein durchführen?

Das trauen wir uns beide nicht zu.

Dann muss es eben nach Hexen-Art gehen!

Netterweise lässt uns die Hexe aus dem Harz, die ich über Messenger anschreibe, detaillierte Anweisungen zukommen.

„Die Schale des Opfersteins“, lese ich meiner Freundin vor, „muss mit Rosen, Lavendel, Äpfeln und Weintrauben gefüllt werden. Davor werden Kerzen platziert. Für das Ritual werden Räucherstäbchen angezündet. Der Opferstein darf erst verlassen werden, wenn die Räucherstäbchen niedergebrannt sind.“

“So einfach?“, fragt meine Freundin ungläubig.

Tibetisch-Buddhistische Opferrituale sind erheblich anspruchsvoller.

“Ist doch gut so. Das bekommen wir auf alle Fälle hin!“ Ich bin entzückt von der Idee, am nächsten Tag ein Hexen-Ritual an einem original keltischen Opferstein abhalten zu dürfen. Egal, wie unterkomplex das aus Vajrayana-Perspektive auch sein mag.

Und wirklich – stellt sich am nächsten Morgen heraus – hat meine Freundin alles, was benötigt wird, vorrätig: Äpfel und Weintrauben, Rosen und Lavendel wachsen in ihrem Garten. Räucherstäbchen hat sie als gläubige Buddhistin schachtelweise im Schrank. Und zwei Teelichter in Gläsern finden sich auch.

Ich packe alles in meinen Rucksack, dann brechen wir auf.

Hexe

Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich mit einer Hexe aus dem Harz Quadrille…

Am Morgen weckt mich das Summen einer Fliege. Schlaftrunken versuche ich, mich zu orientieren: Die staubigen Fenstern sind von Efeu überwuchert. Über der fleckigen Matratze, die an der Wand lehnt, hängt mein rotes Samtkleid.

Richtig! Ich bin in einem sächsischen Schloss. Heute Abend wird der Barockball stattfinden! https://www.water-runs-east.eu/?p=8648

Ich tappe die schmale Stiege hinunter, drehe den riesigen Eisenschlüssel im Schloss und trete auf den Innenhof. Die frühe Morgensonne lässt den Kies leuchten. In den Zweigen der Kastanien singen Vögel.

Ich lasse die Gebäude hinter mir und folge dem schmalen Pfad in den Schlosspark. Das Knirschen meiner Schritte im Kies klingt unnatürlich laut in der Stille. Am Ufer des verschlammten Weihers lasse ich mich im feuchten Gras nieder und verrichte meine Morgenmeditation.

In gelassenem Gleichmut kehre ich eine Dreiviertelstunde später wieder zum Schloss zurück.

Im Stillen bete ich darum, dass mich diese Geisteshaltung heute nicht verlassen wird. Denn mir steht eine harte Bewährungsprobe bevor: Ich muss einen Barockball überleben.

Mit sämtlichen Vorbereitungen: Und die sind aufwendig!

Beim Frühstück im Innenhof des Schlosses erfahre ich von den anderen Gästen, dass diese mehrere Stunden für das Ankleiden und Frisieren einplanen. Alleine die Unterkleider anzuziehen, wäre echte Arbeit, wird mir erklärt.

Mein frisch herbei meditierter Gleichmut gerät sofort ins Wanken. Ich habe nicht mal einen Unterrock dabei! Und mehr als Haare hochstecken ist auch nicht drin! Ich kann – mangels einer Dusche – noch nicht mal duschen!

„Es ist, wie es ist!“, ermahnt mich meine Innere Stimme. „Genieß den Tag und erfreue dich an dem, was du hast!“

Um fünf Uhr Abends lege ich mein Buch zur Seite, verabschiede mich von den Fröschen des Weihers, die mich mit ihrem Gequake den Tag über unterhalten haben, und steige die Stiege zum Pilgerzimmer hinauf.

Nach einer Katzenwäsche schlüpfe ich in mein Rokoko-Kleid. Das reicht bis zum Boden und ist aus dickem rotem Samt genäht. Obwohl es schon auf den Abend zugeht, hat es draußen immer noch dreiundreißig Grad. Ich habe noch nicht einmal den Reißverschluss auf dem Rücken zugezogen, da ist mir schon zu heiß. „Was für ein Glück,“ denke ich bei mir, „dass ich nicht auch noch Unterröcke tragen muss!“

Vor dem winzigen fleckigen Spiegel im Badezimmer stecke ich mir irgendwie die Haare hoch. Die Haarnadeln mit den Perlen habe ich im Brautmodeladen besorgt. Noch ein bisschen Rouge und Lippenstift, dann bin ich fertig für den Ball.

Unten im Hof flanieren schon die ersten Gäste. Die sehen atemberaubend aus! Die Damen tragen prächtige Barockroben, dazu aufwendigen Kopfputz in den hohen Perücken. Die Herren stecken in Samt und Seide, der Dreizack sitzt perfekt auf den gepuderten Perücken.

Ich wandere von Gruppe zu Gruppe, bewundere ausführlich die liebevollen Details und bin entzückt von der Gesellschaft, in die ich geraten bin.

Die erfreut sich an meiner Begeisterung und sieht mir großmütig meine Minimalkostümierung nach. Es scheint ausreichend zu sein, dass ich mir Mühe gegeben habe.

Eine Frau nimmt mich zur Seite und steckt mir kunstvoll das Haar hoch. Dass ich mich glücklich schätzen könne, so lange und dicke Haare zu haben, erklärt sie mir. Die meisten hier müssten bei diesen Temperaturen Perücken tragen, weil die Natur ihnen gegenüber weniger großzügig gewesen ist.

Nach einem gemeinsamen Flanieren – und Fotografieren – im Schlosspark wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Dass ist gut-bürgerlich und nicht höfisch, aber alles andere wäre zu teuer. Schließlich speist hier nicht der echte Hochadel, sondern eher die untere Mittelschicht.

Nach dem Dessert wandern wir eine Etage höher in den Schlosssaal. Dort findet die Audienz statt.

Jeder der Gäste wird vom Zeremonienmeister namentlich aufgerufen. Mit dem Adelsnamen. Den musste man mit der Anmeldung einreichen. Den meinen hatte ich mühsam online recherchiert und – nachdem ich ihn in der Mail niedergeschrieben hatte – sofort wieder vergessen.

Deshalb realisiere ich nicht, dass diese Freifrau von sowieso, die jetzt ausgerufen wird, mein adeliges Alias ist. Glücklicherweise nehmen die Umstehenden die Sache ernster als ich. Gleich mehrere wissen, im Gegensatz zu mir, wie ich heute Abend heiße!

Jemand packt mich am Ellenbogen und schiebt mich energisch aus dem Pulk vor den Vorsitzenden des Vereins, der heute Abend als „seine Majestät“ fungiert.

Ich bekomme irgendwie einen halben Hofknicks hin und bringe mich – tiefrot vor Scham – wieder in der Menge in Sicherheit.

Danach schaltet jemand die Stereoanlage ein. Beschwingte Barockmusik ertönt. Die Tanzmeisterin ruft „Polonaise!“, alle reihen sich in Paaren hinter seiner Majestät und dessen Ehefrau auf und dann ziehen wir im Wechselschritt durch den Saal.

Die ersten Tänze, die danach kommen, bringe ich erstaunlich gut über die Bühne. Während ich zwei Schritte nach links und einen nach rechts mache, mich zwischendurch um die eigene Achse drehe und in den Knien wiege, beobachte ich fasziniert eine Frau in einer prächtigen silbernen Robe, die neben mir tanzt. Sie hat dickes braunes Haar, eine große Nase, viele Sommersprossen – und sieht wahrhaftig aus, wie eine Hexe!

In einer Pause komme ich auf dem Balkon neben dem Ballsaal mit ihr ins Gespräch. Sie sieht nicht nur aus wie eine Hexe – stellt sich heraus – sie IST doch wahrhaftig eine Hexe.

Eine echte Hexe aus dem Harz!

Die letzten Tänze darf ich mit der Hexe aus dem Harz tanzen. Die kann das so gut – und führt mich so energisch – dass ich auch die anspruchsvollen Schrittfolgen in Würde hinter mich bringe.

Der Ball, stelle ich fest, als ich um zwei Uhr morgens im Pilgerzimmer in meinen Schlafsack krieche, war ein voller Erfolg! Nur selten in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in dieser Nacht!

Und dann habe ich auch noch eine echte Hexe kennengelernt.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück packt mich die Hexe in ihr Auto und fährt mich nach Hause. Leipzig liegt auf ihrem Weg und wir haben uns einiges zu erzählen.

Sie wäre auf Facebook zu finden, teilt sie mir zum Abschied mit. Wenn ich möchte, könne ich sie gerne einmal besuchen kommen.

Barock

Ich unternehme eine Zeitreise von 400 Jahren und versuche, Quadrille zu tanzen…

Zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, machte ich mich auf den Weg in die Sächsische Provinz.

Irgendwo hinter Dresden öffnete der Regionalzug seine Türen und entließ mich in den heißen Augusttag. Gegen meine Gewohnheit zog ich einen laut ratternden Rollkoffer hinter mir her.

In der gleißenden Sonne an einem Jägerzaun lehnend und beäugt von verblichenen Gartenzwergen, wartete ich auf den Bus.

Der kam pünktlich. Ein paar Haltestellen weiter entließ er mich vor einem Schloss.

Das war etwas in die Jahre gekommen, stellte ich fest, als ich, den Rollkoffer hinter mir herziehend, durch das Tor in den Innenhof trat.

Von den Hausmauern blätterte der Putz. Den Holzfenstern und Türen hätte ein neuer Anstrich gut getan.

Während ich mich umsah, schoss ein runder Herr in kurzen Hosen aus dem Eingangsportal. Der Veranstalter, stellte sich heraus. Er begrüßte mich herzlich in breitem Sächsisch und führte mich zu meinem Schlafplatz – einem Pilgerzimmer über der Scheune.

Das war spartanisch eingerichtet, aber ideal für mich. Auto-los wie ich war, musste ich im Schloss übernachten. Die Hotels im Umkreis waren mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht erreichbar.

Zumindest Nachts. Wenn der Ball zu Ende war.

Denn in diesem Schloss würde morgen ein Barockball stattfinden. An dem ich unbedingt teilnehmen musste. Schließlich schrieb ich gerade ein Buch, indem genau ein solcher Barockball die Schlüsselzsene bildete.

Damit die so authentisch wie möglich gestaltet war, musste die Autorin des Werks einen erleben, hatte ich beschlossen.

Das ist in Sachsen nicht schwer: Im Verborgenen blüht und gedeiht eine bunte Szene, die sich der Barockmusik und dem Barocktanz verschrieben hat. Und genug Schlösser für solche Veranstaltungen gibt es auch.

Bereits im Mai hatte ich mich für diesen hier angemeldet. Die Suche nach einem einigermaßen passenden Kleid beschäftigte mich über Wochen. Barock – lernte ich – ist kompliziert. Die handgenähten Kleider sind teuer. Gebrauchte Kleider wurden zwar auf E-Bay angeboten, aber nie in meiner Größe. Barockenthusiasten – so schien es – tendieren zur Üppigkeit.

Schließlich ergatterte ich ein günstiges Rokoko-Kleid. Es stammte aus einem Theater und war lediglich milde historisch. Roter Samt und goldene Rüschen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Kostümierung den Ansprüchen genügen würde.

Nachdem ich mein Ballkleid aus dem Koffer geholt und zum Entknittern über eine, an die Wand gelehnte, alte Matratze gespannt hatte, stieg ich die schmale Stiege wieder hinunter. Der Türstock zum Hof war so niedrig, dass ich den Kopf einziehen musste, um hindurch zu kommen.

Außer mir schienen sich alle, die sich im schattigen. Schlosshof auf den Bierbänken niederließen, zu kennen. Bei jedem Neuankömmling gab es ein großes „Hallo“.

Ich wurde neugierig beäugt. Dass ich die angebotene Bratwurst zurückwies, löste Irritation aus. Vegetarier war man erkennbar nicht gewohnt. Umgekehrt war ich irritiert von der Selbstverständlichkeit, mit der rassistische und rechte Sprüche geklopft wurden. Offensichtlich ohne böse Hintergedanken. Das schien einfach die Art und Weise zu sein, wie man sich hier unterhielt.

Dass ich Bücher schreibe, behielt ich für mich. Wie immer. Neue Bekanntschaften reagieren häufig besorgt, sie könnten sich ungewollt in meinen Geschichten wiederfinden. Meine Zusicherung, in meinen Texten alle Personen zu anonymisieren, beruhigt die wenigsten.

Nach dem Abendessen versammelten sich die Gäste im Schlosssaal. Alle Fenster standen offen. Vom Weiher strich eine kühle Brise herein. Der Schweiß lief trotzdem in Strömen. Denn die Tanzmeisterin, eine kleine drahtige Frau mit kräftiger Stimme, jagte uns energisch durch sämtliche Figuren, die für den morgigen Ball geplant waren.

Nachdem ich in meinem Ungeschick mehrere Karambolagen verursacht hatte, wurde mir zu meiner Erleichterung ein kompetenter Tanzpartner zugewiesen. Der schob mich mit eisernem Griff von Schrittfolge zu Schrittfolge. Als wir mit der Generalprobe durch waren, bedankte ich mich bei seiner Frau, dass sie ihn mir so großzügig überlassen hatte.

Morgen würde ich ohne ihn auskommen müssen.

Um Mitternacht verschwanden die anderen Gäste in Richtung Parkplatz.

Ich zog die alte Holztür hinter mir zu und drehte den mächtigen Schlüssel im Schloss, bevor ich wieder die schmale Stiege zum Pilgerzimmer hochstieg. Im Licht einer matten Glühbirne putzte ich mir in der winzigen Toilette die Zähne. Dusche gab es keine, ich beschränkte mich auf eine Katzenwäsche am Waschbecken.

In der Kammer strich ich noch einmal mein Samtkleid glatt, bevor ich in meinen Schlafsack kroch.

Während des Einschlafens versuchte ich, mir die einzelnen Tänze mit ihren Schrittfolgen ins Gedächtnis zu rufen. Mir war bang! Die Chancen standen gut, dass ich mich beim morgigen Ball bis auf die Knochen blamieren würde…