Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Das Spirituelle Zentrum

Nagas

Im Meditationsraum der Spirituellen WG weiht uns Rinpoche in die Geheimnisse der mächtigen Wassergeister ein…

„Nagas“, erklärt uns Rinpoche, der an der Stirnseite des Raumes auf meinem grünen Samtsessel thront – „sind mächtige Geister, die im Wasser und in Feuchtgebieten leben.“

Die Sangha – um ihn auf dem Boden sitzend – hört gespannt zu.

“Weil wir Menschen fast nur aus Wasser bestehen, gibt es keine Spirits, mit denen wir so eng verbunden sind, wie mit Nagas.“

“Ja!“

Ich bin irritiert: irgendjemand aus der Gruppe begleitet jeden Satz Rinpoches mit zustimmenden Ausrufen.

“Deshalb haben Nagas einen großen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit!“

“Ja!“

Jetzt habe ich den Zuhörer entdeckt, der Rinpoches Ausführungen so geräuschvoll untermalt: Es ist Suriyel!

Ich bin erstaunt – Suriyel ist normalerweise wortkarg und stoisch. Aber jetzt hängt er gebannt an Rinpoches Lippen und scheint nicht zu registrieren, dass ihn alle indigniert anstarren.

Rinpoche fährt ungerührt fort: „Wenn Nagas gestört oder verärgert werden, kann das schlimme Konsequenzen für die Verursacher haben. Hauterkrankungen und alle Krankheiten, die mit einem Ungleichgewicht von Wasser im Körper zu tun haben, sind Naga-Krankheiten.“

Ich versuche, Suriyels zustimmendes „Ja!“ zu überhören.

Rinpoche hebt mahnend den Zeigefinger: „Nagas sind sehr nachtragend. Weil sie viele Jahrhunderte alt werden, verfolgt ihr Zorn nicht nur den Auslöser ihres Ärgers, sondern auch seine Nachkommen. Über Generationen!“

Er räuspert sich: „Zum Beispiel gab es einmal jemanden, der in einen Fluß gepinkelt hat. Der Naga-Fürst des Flusses war so wütend darüber, dass die Nachfahren des Pinklers noch in der fünften Generation von Krankheit und Unglück verfolgt waren.“

Das zustimmende „Ja!“ Suriyels finde ich an dieser Stelle besonders unpassend. Meinen Todes-Blick ignoriert er. Stattdessen hebt er die Hand und feuert seine Frage gleich hinterher: „Was muss man tun, um nicht als Naga wiedergeboren zu werden?“

Ich starre verblüfft zu ihm hinüber. Hat er das jetzt wirklich gerade gefragt? Aber, kein Zweifel – Suriyels Englisch ist ausgezeichnet – er ist wirklich und wahrhaftig besorgt, er könne als Naga reinkarnieren! Dass er nicht im Höllen-Areal oder im Areal der Hungrigen Geister wiedergeboren werden möchte: geschenkt! Aber was soll so schrecklich daran sein, ein mächtiger Wasser-Geist zu sein? Und wie kommt er überhaupt auf diese abstruse Idee?

Den anderen in der Runde ist anzusehen, dass sie Suriyels Frage ebenfalls befremdlich finden. Der Dharma-Bruder, der mir gegenüber auf der anderen Raumseite sitzt, verkneift sich mit Mühe ein Lachen. Auch die anderen versuchen, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen.

Der einzige, der sich von Suriyels Frage nicht irritieren lässt, ist Rinpoche. „Nagas,“ führt er aus, „werden dem Reich der Tierwesen zugeordnet.“

Das finde ich jetzt doch interessant. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass Nagas – die viele Jahrhunderte leben und über große Macht verfügen – im obersten Areal der Götter zu Hause sind.

“Als Bewohner des Tierreichs“, fährt Rinpoche fort, „sind sie dominiert von ihren Instinkten. Wenn jemand vermeiden möchte, als Naga wiedergeboren zu werden, muss er lernen, nicht immer seinen Impulsen zu folgen, sondern über seine Gedanken, Emotionen und Handeln zu reflektieren.“

Er nickt in die Runde: „Deshalb ist unsere Meditationspraxis so wichtig!“

Es war mir bisher nicht bewusst, dass meine tägliche Praxis mit dem positiven Nebeneffekt einhergeht, mich davor zu bewahren, als Naga wiedergeboren zu werden.

Ich blicke ein bisschen milder hinüber zu Suriyel. Der wirkt erleichtert.

Was hat er nur mit den Nagas?

Nachdem Rinpoche seine Ausführungen über die mächtigen Wassergeister beendet hat, ist Suriyel wieder so wortkarg und verschlossen wie üblich.

Ich gehe davon aus, dass ich nie erfahren werde, welche spezielle Beziehung er zu Nagas hat…

Sitzgruppe

Die Spirituelle WG am Prenzlauer Berg öffnet sich – und transformiert zu einem Ort gemeinsamer Meditation…

Das schöne Townhouse am Prenzlauer Berg, in dem die Spirituelle WG zuhause ist, war schon immer ein Ort der Stille und des Gebets. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/

Weil es Esthers Heim ist.

Seit es erbaut wurde, betet sie dort. Für sich – und für alle, die in Not sind und sie um Hilfe bitten.

Anfang März dieses Jahres zog ich ein. Seitdem hat sich zur Energie von Esthers christlichem Gebet die Kraft buddhistischer Meditationspraxis gesellt. https://www.water-runs-east.eu/geheime-arbeitsteilung/

Das hat nichts mit uns zu tun.

Esthers Gebet und meine Meditation öffnen einfach nur Türen. Esther nennt das, was sich dahinter verbirgt: „Das Göttliche“. Für mich ist es „Buddha-Natur“. https://www.water-runs-east.eu/fuelle/

Zwei Namen von unendlich vielen. Wie alle anderen, die seit Anbeginn der Menschheit für diese Kraft gefunden wurden, sagen sie – nichts…

Klüger wäre es, darüber zu schweigen – und diese Energie selbst zu erleben.

Deshalb startete in der Spirituellen WG Anfang Juli ein Experiment:

Jeden Donnerstagabend findet im Meditationsraum des Hauses eine „Sitzgruppe“ statt.

Wir sind gerade in der „Erprobungsphase“. Es wurde noch keine offizielle Einladung ausgesprochen.

Den Sommer über wollen wir uns in der Anleitung der gemeinsamen Meditation üben. Ab September – so der Plan – kann kommen, wer mag, und mit uns meditieren.

Trotzdem beginnt sich der Raum langsam zu füllen. Donnerstag für Donnerstag findet sich jemand anders aus dem Freundeskreis ein.

Was uns glücklich macht.

Denn gemeinsam zu meditieren ist eine tolle Sache! Es ist viel schöner – und geht viel tiefer – als alleine zu praktizieren.

Man kann das auf verschiedene Weise tun. Wir praktizieren Zazen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Wenn der Gongschlag verklingt und sich Stille über den Raum legt, kann jeder ganz bei sich sein: den eigenen Körper und den eigenen Atem spüren, dazu die unendliche Offenheit des Raums – und die Präsenz der anderen.

Man muss nicht miteinander sprechen, um zu erfahren, dass alles mit allem verbunden ist.

Es reicht, gemeinsam zu meditieren.

Dass ist die beglückende Weisheit, die Zen für alle bereithält, die sich auf diese Erfahrung einlassen wollen… https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Zen-Magie

Nach meiner Heimkehr vom Zen-Sesshin im Spirituellen Zentrum ziehe ich Bilanz und meditiere über die Magie von Zen…

Die Woche „Sitzen“ im Sommer-Sesshin des Spirituellen Zentrums war effektiv, stelle ich nach meiner Rückkehr fest. https://www.water-runs-east.eu/sitzen/

Zen ist direkt und brutal. Der Effekt der Meditationspraxis zeigt sich jedoch auf sanfte Weise.

Was sofort nach einem intensiven Sesshin zugänglich wird, ist die tiefe Ruhe, in der man sich danach durch die Tage bewegt.

Es ist, als hätte jemand im Universum auf die „Stop-Taste“ gedrückt.

Alle Sinne arbeiten mit verblüffender Präzision. Gleichzeitig ist mit einem Mal – hinter der neuen Intensität der Geräusche, Gerüche, Geschmäcker und Empfindungen – eine unendliche Stille erahnbar.

Das ist die Stille der Leerheit.

In einem jahrelangen schleichenden Prozess, der erst im Rückblick greifbar wird, transformiert diese Stille Wahrnehmung, Fühlen, Denken – und irgendwann die Persönlichkeit.

Das erlebt jeder anders. Man hört es an den Teshos der Lehrer. https://www.water-runs-east.eu/tesho/

Und auch das Ergebnis ist völlig individuell: Manche werden bescheiden, andere dominant. Die einen werden zu Künstlern, die anderen zu Handwerkern. Soziale Menschen entdecken ihre Egozentrik. Karrieristen erforschen Hingabe und Fürsorge.

Zen ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Niemand kann dem Anfänger sagen, was aus ihm nach einigen Jahren intensiver Praxis werden wird.

Gleich einer Raupe, die in der Stille des Kokons nur vage ahnt, dass sie zum Schmetterling wird, verharrt der Meditationsschüler auf dem Kissen und hat auszuhalten, dass die Veränderung gewiss, der Ausgang aber offen ist.

Als einzige Gewissheit des Zazen gilt: Alles, was nicht wirklich zur eigenen Persönlichkeit gehört, wird früher oder später abfallen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Diese Gewissheit speist sich aus zwei „Zauberformeln“ des Zen, die für mich an Magie grenzen:

Zum einen werden durch die innere Klarheit, die das Meditieren in der Stille schenkt, vorher unhinterfragbare Ideen und Konzepte transparent. Dadurch werden sie als bloße Anschauungen greifbar, können verändert oder abgelegt werden.

Ich habe diesen Prozess als persönliche „Kopernikanische Wende“ erlebt. Meine Weltsicht wurde buchstäblich vom Kopf auf die Füße gestellt.

Das Hinterfragen und Ablegen persönlicher, familiärer und sozialer Glaubensätze geht für gewöhnlich mit großen Ängsten einher.

Diese Gewissheiten aufzugeben, fühlt sich an wie der Gang zum Schafott.

Bei diesem existentiell bedrohlichen Prozess hilft die zweite „magische“ Wirkung des Zazen: über die Jahre hat man zu dem Zeitpunkt, an dem Gewissheiten zu bloßen Glaubenssätzen werden, gelernt, extreme Unlustgefühle auszuhalten.

Das, oft schmerzhafte und eintönige Meditieren, dazu die ruppige Behandlung durch den Lehrer im Dokusan, haben den – ständig besorgt um sein Wohlergehen kreisenden – Anfänger zum abgebrühten Stoiker gemacht. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Die Haltung der abgeklärten Akzeptanz gegenüber den Zumutungen der Realität macht den Zusammenbruch des Selbst- und Weltbildes zu einer beherrschbaren Katastrophe.

Hinterher steht der fortgeschrittene Praktizierende vor den Trümmern seines Egos. Nachdem der Schock überwunden ist, widmet er sich – als guter Zen-Schüler – stoisch der Neuordnung seines Lebens.

Und wird mit einer vitalen, lustvollen Existenz beschenkt.

Das typische Feedback, das Praktizierende nach dem Zusammenbruch ihres alten „Ich“ zu hören bekommen, ist üblicherweise nicht: „Du hast Dich aber verändert!“

Sondern: „Du bist jetzt viel mehr so, wie Du schon immer warst.“

Was schön ist, finde ich.

Und fast schon Magie…

Mondo

Das Mondo ist im Zen traditionell ein dialogisches „Battle“ zwischen Lehrer und Schüler. Im Mondo des Spirituellen Zentrum geht es zivilisierter zu…

An jedem letzten Abend eines Sesshins findet im Spirituellen Zentrum ein Mondo statt.

Nachdem der Assistent in einer feierlichen Zeremonie das Mondo angekündigt und der Lehrer die obligatorischen Niederwerfungen vollzogen hat, ist es den Meditierenden das erste Mal seit Beginn des Retreats erlaubt, in der Gruppe zu sprechen.

Im Mondo stellen sie dem Lehrer Fragen zu allen Aspekten von Zen, die der so verständlich als möglich beantwortet. Dieses Frage- und Antwortspiel geht für gewöhnlich routiniert und zivilisiert über die Bühne.

Deshalb entspricht das Mondo, wie es am Hof praktiziert wird, nur bedingt seinem klassischen Vorbild.

Der traditionelle Sinn eines Mondos ist nicht der freundliche Austausch von Ideen, sondern das öffentliche Prüfen der Kenntnisse von Lehrer und Schülern.

Ein traditionelles Mondo hat deshalb eine ähnliche Qualität wie ein modernes Rap Battle.

Der Lehrer muss im Mondo beweisen, dass er den Schülern in Weisheit und Erkenntnis wirklich überlegen ist. Die Schüler haben während des Mondos die Chance, der Sangha zu zeigen, dass sie es in ihrer Meditationspraxis zur Meisterschaft gebracht haben.

Wenn ihre Fragen jedoch von Hybris, und nicht von Erkenntis, geleitet sind, hat der Lehrer keine Skrupel, sie vor versammelter Mannschaft bis auf die Knochen bloß zu stellen.

Im Kern geht es darum zu prüfen, wie realitätsbezogen die Selbst- und Weltwahrnehmung der Diskutanten ist. Sind Lehrer und Schüler vollkommend im Hier und Jetzt, entspinnt sich ein atemberaubend schneller, intellektuell brillianter Schlagabtausch.

In dem Moment, in dem es dem einen gelingt, den anderen durch eine geschickte Frage aus der Präsenz und in ein Konzept zu drängen, ist es, als würde der Linienrichter in Wimbledon „Out!“ rufen.

Der Sieger hat seine Überlegenheit unter Beweis gestellt, der Verlierer schleicht gedemütigt vom Platz.

Manchmal gibt es, im Gegensatz zum Tennis, im Mondo auch ein Patt: der Meister bleibt Meister, hat aber nun einen ebenbürtigen Praktizierenden an seiner Seite.

„In der traditionellen Chan-Literatur werden folgende mögliche Resultate eines Mondos aufgezählt: „Der Meister bleibt Meister, der Schüler wird zum Meister anstelle des Meisters, der Schüler wird zum Meister neben dem Meister.“

Diese spannenden Mondos kenne ich allerdings nur aus der klassischen Literatur. Dort wird anschaulich beschrieben, wie sich ein solcher dialogischer Wettkampf zwischen Meister und Schüler, manchmal auch zwischen zwei Meistern, um das Verständnis von „Leerheit“ entfaltet.

Wenn ich meinem Lehrer während eines Mondos zuhöre, juckt es mich immer öfter, ihn herauszufordern. „Er ist nicht perfekt“, denke ich mir bei manchen seiner Sätzen, „genau jetzt könntest Du ihn stellen!“

Bisher hat er noch jeden meiner vorsichtigen Einwände parriert.

Irgendwann, so meine Hoffnung, wird der Moment gekommen sein, an dem ich mich behaupten kann.

Dass mein Meister in der Zukunft zum „Schüler“ wird, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen…

Tesho

Im Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – erklärt der Meister den Schülern die Prinzipien des Zen…

Regelmäßig, wenn ich während eines Sesshins dem Tesho – dem täglichen Lehrvortrag – meines Zen-Meisters lausche, bin ich fasziniert davon, in wie vielen Variationen er buchstäblich über „NICHTS“ referieren kann.

Denn das ist das einzige Thema, das im Zen wirklich von Bedeutung ist.

Das Ziel buddhistischer Meditation ist die Befreiung von Leid. Das ist im nüchternen Zen nicht anders als im bunten tibetischen Vajrayana.

Im Herzsutra – einem der Basistexte des Mahayana-Buddhismus, zu dem auch das Zen gehört – heißt es „Bodhisattva Avalokitheshvara, in tiefer Versenkung, erkannte, dass alle fünf Skandhas leer sind und überwand so alles Leiden“.

Die „Fünf Skandhas“ sind die Sinneswahrnehmungen, zu denen im Buddhismus nicht nur das Hören, Sehen, Riechen und Schmecken gehört, sondern auch alle Gefühle, Gedanken und das Ich-Bewusstsein.

Alle dies, lehrte Buddha, ist nicht – wie es uns unser Körper und unser Geist vorgaukelt – fraglos gegeben und absolut, sondern bedingt.

Jeder Sinneseindruck, jede emotionale Reaktion darauf, alle Gedanken, die wir uns über äußere Reize und innere Zustandsveränderungen machen und all die Schlüsse, die wir daraus in Bezug auf unser „Ich“ ziehen, sind vollkommend subjektiv, vom Augenblick, und von äußeren und inneren situativen Gegebenheiten, abhängig.

Deshalb sind sie in ihrer Bedingtheit und Flüchtigkeit ohne Substanz: sie sind leer.

Wer dies erkennt und versteht, ist von allen Leiden befreit.

Darum besteht die einzige Funktion des Lehrers im Zen darin, seine Schülern mit allen Tricks und Mitteln ins „Nichts“ zu bringen.

Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr sitzt der Lehrer deshalb in der Mitte seiner Schüler und referiert in seinen Teshos über Leerheit.

Nur: wie erklärt man etwas, das es nicht gibt?

Die Lehrer der Zen-Linie „Leere Wolke“ am Hof haben unterschiedliche Lösungen für dieses Problem gefunden.

Es gibt die „Prediger“, die jedes Tesho mit einem klassischen Text aus der Zen-Literatur eröffnen und dann, im Stil einer protestantischen Predigt, eine Textexegese vornehmen .

Es gibt die „Pragmatiker“, die das Prinzip der Leerheit anhand aktueller Alltagsereignisse aufdröseln.

Es gibt die „Humoristen“, die ihre Schüler mit kurzweiligen unterhaltsamen Anektdoten zur Erleuchtung bringen wollen.

Und dann gibt es am Hof noch meinen Lehrer, der das Problem der Leerheit wissenschaftlich angeht. Irgendwie schafft er es, habe ich über die Jahre gelernt, aus allem, was gerade en vouge ist, Zen zu extrahieren.

Wir hatten Tiefenpsychologie, Emotionstheorien, Sprechakttheorien und Dekonstruktion. Seit ein paar Jahren sind es die Erkenntisse der Neurowissenschaften, die für die Erklärung der „Leerheit“ herhalten müssen.

Früher oder später findet fast jeder Schüler am Hof „seinen“ Lehrer, der ihm das Prinzip der „Leerheit“ auf eine, für ihn verständliche Weise, vermitteln kann.

Aber grundsätzlich bleibt es ein schwieriges Geschäft, Abend für Abend, Sesshin für Sesshin, Jahr für Jahr über „Nichts“ referieren zu müssen.

Sitzen

Ein paar grundsätzliche – und nicht immer ganz ernst gemeinte – Gedanken zur Praxis des Meditierens im Zen des Spirituellen Zentrums…

Im Zen ist das Meditieren im Zazen – der Präsenz in offenem Gewahrsein – essenziell. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber kein Mensch am Spirituellen Zentrum sagt „Zazen“. Alle sprechen nur vom „Sitzen“.

„Ich sitze immer morgens“, heißt es. Oder „Ich sitze schon seit zwanzig Jahren.“ Für Außenstehende klingt das sicher schräg.

Wer es im Zen zu etwas bringen möchte, heißt es im Spirituellen Zentrum, der müsse täglich vierzig Minuten lang „Sitzen“ und dazu noch zwei Sesshins im Jahr „Durchsitzen“.

Das schwarze Meditationskissen heißt im übrigen „Zafu“. Die meisten Zen-Praktizierenden haben eine sehr persönliche und enge Beziehung zu ihrem häuslichen Zafu.

Wobei viele Zen-Praktizierende nicht auf dem Zafu Platz nehmen, wenn sie meditieren. Nicht jeder verfügt über die – für das Sitzen auf dem Zafu erforderliche – Beweglichkeit der Hüft- und Kniegelenke. Alternativ gibt es hölzernen Meditationsbänckchen, auf denen man kniend Platz nimmt.

Für die, denen auch das Meditationsbänckchen noch zu unbequem ist, gibt es Meditationshocker ohne Rückenlehne.

Es gibt auch Achtzigjährige, die auf dem Zafu sitzen. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Früher oder später, weiß der Zen-Jünger, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Meditationshocker landen. Das ist der Lauf der Zeit. Die einen erwischt es eher, die anderen später…

Während der Retreats stellt man schnell fest, dass sich die Praktizierenden nicht nur in ihren Sitzgelegenheiten, sondern auch in ihren „Sitzgewohnheiten“ unterscheiden. Das lässt sich unschwer erkennen, wenn man während des Kinhins – der Gehmeditation – im Kreis durch das Zendo läuft und dabei den Blick über die Sitzunterlagen schweifen lässt.

Es gibt ein paar Grundtypen von Sitzern, die ich hiermit vorstelle:

Typus eins ist „Der Purist“. In seiner Reinform ist er immer männlich. Das einzige, was der Purist auf seinem Platz duldet, ist ein – möglichst kleines – schwarzes Kissen. Das war es.

Kissen, muss ich dazu sagen, gibt es am Hof in drei Größen: klein und rund, flach und breit, und dazu noch die hohe runde Variante.

Puristen wollen den Zen von Zen. Sie suchen nicht nur Erleuchtung, sondern auf dem Weg dorthin auch körperliche Herausforderung und sportlichen Wettkampf. Je kleiner das Kissen, desto besser der Sitzer, so die Logik der Puristen. Das kleine Kissen wird hier zum Statussymbol. Die Botschaft: „Ich bin so ein harter Kerl, dass ich ein komplettes Sesshin auf DIESEM kleinen Kissen durchsitze!“

Es gibt auch die weibliche Variante der Puristen. Die ist ebenfalls fokussiert auf ein einziges und möglichst kleines Kissen. Nur habe ich noch keinen Sitzplatz einer Frau gesehen, auf dem sich – neben dem allerkleinsten schwarzen Kissen – nicht auch noch eine Decke befunden hätte. Frauen frieren eben schneller als Männer.

Typus zwei ist dafür ausschließlich weiblich: Das sind die „Hygge-Sitzerinnen“. Ihre Sitzplätze sehen einladend kuschelig aus. Dafür scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie bringen ihr eigenes geschmackvolles Sitzkissen oder -Bänkchen von Zuhause mit, dazu farblich passende Decken. Meist eine als Unterlage unter das Sitzkissen und eine zweite zum Zudecken, wenn es beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren zu kalt werden sollte.

Zusätzlich haben sie meist auch noch – ebenfalls farblich perfekt abgestimmt – kleine Kissen auf dem Platz liegen, wenn zwischendurch mal die Knie schmerzen sollten. Und oben drauf noch ein schönes – ebenfalls farblich stimmiges – Plaid – dass sie beim Kinhin über die Schultern werfen. In jedem Sesshin sind ein oder zwei Frauen dabei, die das Zen-Hygge zur Perfektion gebracht haben.

Typus drei ist „Der bequeme Sitzer“. Die gibt es in der weiblichen wie männlichen Variante. Die Haltung ist: wenn man sich schon etwas so anstrengendes wie ein Sesshin zumutet, dann soll es so schmerzfrei und komfortabel als möglich ablaufen.

„Bequeme“ mauern sich auf ihrem Platz mit Sitzgelegenheiten, Decken und Kisschen in allen Größen und Variationen regelrecht ein. Mit dem Ziel, für jeden Modus und für jedes Zipperlein sofort die passende Lösung zur Hand zu haben.

Das ist der Typus, der sich in dauerndem Kampf mit dem Assistenten befindet, der versucht, das Horten von Sitzgelegenheiten am Platz einzudämmen.

Dann gibt es noch „Chaos-Sitzer“: die nehmen alle möglichen und unmöglichen Gegenstände mit in das Zendo und lagern sie auf ihrem Platz. Was ebenfalls den Assistenten auf dem Plan ruft. Chaos stört die Konzentration, erklärt er dann.

„Chaos-Sitzer“ sind im Zen aber eine seltene Erscheinung. Der durchschnittliche Zen-Praktizierende ist ordentlich und gut organisiert.

Die Mehrheit der Zen-Praktizierenden changiert irgendwo zwischen den Extremen. So wie ich. Ich bin, nach Jahren Meditationspraxis, irgendwo zwischen „Purist“ und „Bequem“ angelangt.

Regelmäßig vor dem Beginn eines Sesshins mahnt der Assisstent, man solle es mit dem Ehrgeiz im Sitzen nicht übertreiben. Jeder – erklärt er – solle eine Stufe unter seiner anspruchsvollsten Sitzkomposition wählen. Auf das sich niemand verletze und sich selbst Schäden zufüge.

Ein weiser Ratschlag. Ich lernte ihn erst zu befolgen, nachdem ich mir im Versuch, eines meiner ersten Sesshins im vollen Lotus-Sitz „durchzusitzen“, beinahe meine Hüftgelenke ruiniert hätte.

Auch ich war zu Beginn meiner Zen-Karriere „Puristin“. Ich musste viele Stunden und Tage auf meinem kleinen schwarzen Kissen leiden – und mir noch dazu eine ganze Sammlung verbale Ohrfeigen meines Zen-Lehrers im Dokusan abholen – bis ich bereit war, meine aggressiven Ansprüche an meinen Körper aufzugeben. Der Wechsel vom kleinsten zum größten schwarzen Kissen während meines fünften Sesshins war ein Meilenstein in meiner spirituellen Entwicklung. https://www.water-runs-east.eu/dokusan/

Seitdem sitze ich nicht nur entspannter: ich bin auch in Bezug auf Essen, Sport treiben, Schlaf und alle anderen Bedürfnisse meines Körpers, nachsichtiger mit mir geworden.

Das ist das Prinzip des „Sitzens“: Zazen lehrt nicht einfach nur Achtsamkeitsmeditation. Die Praxis schreibt sich über die Jahre schleichend in das Gehirn und den Körper ein. Ohne dass dieser Prozess bewusst zugänglich wäre, verkörpert man irgendwann Zazen.

Die Praxis wird zur Haltung. Und macht das Leben zwar nicht einfach oder unkompliziert – eher im Gegenteil – aber dafür reich und spannend.

Kinhin

Das Kinhin – die Meditation im Gehen – ist das zweite Kernelement des Zen im Spirituellen Zentrums…

Neben dem Zazen – dem stillen Meditieren im Sitzen – gibt es im Zen noch eine zweite Form der Meditation: Kinhin – das meditative Gehen. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Es gibt die flotte Variante, bei der zügig im Kreis gegangen wird. Am Hof läuft sie unter „Schnelles Kinhin“.

„Langsames Kinhin“, wird am Hof immer vor dem Tesho – dem Abendvortrag des Lehrers – praktiziert. Dann bewegt sich die ganze Sangha im Gänsemarsch durch das Zendo, indem jeder sehr langsam einen Fuß vor den anderen setzt.

Ich war aber auch schon mal bei einer Soto-Zen-Gruppe zu Gast. Bei denen – lernte ich – bedeutet „Kinhin“ seeeeeehr langsam zu gehen. Nach einer Viertelstunde Kinhin hatte ich mich etwa dreißig Zentimeter durch den Raum bewegt. https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Interessante Erfahrung…

Während eines Zen-Retreats ist es nur dem Assistenten, der die schweigende Gruppe durch die Tage führt, erlaubt, zu sprechen. https://www.water-runs-east.eu/schweigen/

Der Assistent ist jedoch darauf fokussiert, so wenig Worte als möglich zu verlieren.

Während des Zen-Retreats soll der analytischen Geist der Meditierenden vollkommend zur Ruhe kommen. Schon Gesprochenes zu hören, aktiviert ihn.

Deshalb lenkt der Assistent die Sangha nicht durch Sprache, sondern durch Klänge.

Im Rinzei-Zen – und damit am Hof – sind sein wichtigstes Instrument zwei einfach braune Klanghölzer.

Jeder Tag eines Sesshins am Hof startet um 5:25 Uhr mit dem morgendlichen Kinhin. Der Beginn des meditativen Gehens wird vom Assistenten lautstark angekündigt. Dazu stellt er sich in die Mitte des Innenhofs, nimmt in jede Hand eines der kurzen braunen Klanghölzer und schlägt sie rhythmisch aufeinander. Das klingt fast wie ein Trommelwirbel.

Worauf die verschlafenen Mitglieder der Sangha ihre Teetassen auf den Geschirrwagen des Speisesaals stellen und gehorsam den Innenhof betreten, um dort stumm und in sich gekehrt eine halbe Stunde um einen Baum zu laufen.

Die Konzentration liegt während des Gehens – wie im Zazen – auf dem Atem. Dazu kommt der Fokus auf die Bewegung. Der Geist soll im Kinhin so zur Ruhe kommen, dass man sich selbst nicht mehr im Modus von „ich gehe“ erlebt, sondern zum Gehen wird.

Klingt schräg, funktioniert aber.

Zum Ende des Kinhins erklingen wieder die Klanghölzer. Diesmal schlägt der Assistent die beiden Stäbe einmal kräftig aufeinander. Ein lautes Klacken ertönt.

Das bedeutet „Achtung!“

Alle erstarren mitten in der Bewegung des Kinhin, um dann eine aufrechte Stehhaltung einzunehmen.

Der Assistent wartet kurz, dann schlägt er die Klanghölzer ein weiteres Mal aufeinander. Alle falten die Hände vor der Brust und verneigen sich.

Damit ist das Kinhin beendet.

Nach jedem Zazen – das in den Sesshins am Hof zwischen dreißig und vierzig Minuten bewegungsloses Sitzen auf dem Kissen bedeutet – folgen zwischen zehn und fünfzehn Minuten schnelles Kinhin.

Zu Beginn der Übungsblöcke am Morgen, am Vormittag und nach dem Mittagessen wird normalerweise im Freien Kinhin praktiziert. Während der Übungsblöcke – die aus zwei beziehungsweise drei Runden Zazen bestehen – laufen die Teilnehmer im Zendo im Kreis.

Dabei kommt einiges zusammen: im Schnitt legt man während eines Sesshins etwa zehn Kilometer am Tag durch Kinhin zurück.

Immer orchestriert von den Klanghölzern des Assistenten. Ihr Diktat gibt den Abläufe, denen sich Praktizierende im Rinzei-Zen zu unterwerfen haben, die Anmutung von Exerzierübungen.

Das Rinzei-Zen war im Mittelalter Teil der Elite-Ausbildung der Samurai, der adeligen Kriegerkaste Japans.

Auch heute noch wird, wer sich den Regeln des Rinzei-Zen unterwirft, mit den Jahren zum Krieger – oder zur Kriegerin.

Das muss man mögen.

Ich finde: es hat was…

Grundsätzliches über Zen

Das Zen des spirituellen Zentrums hat seine Wurzeln im chinesischen Chan. Der ist ein Amalgam aus Buddhismus und Daoismus. Das verleiht dem Zen in der Familie der buddhistischen Traditionen eine Sonderstellung…

Was viele nicht wissen: Zen ist keine originär japanische Erfindung, sondern stammt aus China.

Die indische Religion des Buddhismus gelangte im 2. Jahrhundert nach Christus nach China, wurde dort heimisch und zur dritten Staatsreligion neben Konfuzianismus und Daosimus.

Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte verschmolz der Buddhismus in China mit dem Daoismus.

Der Daoismus wurzelt in Jahrtausende alten schamanischen Traditionen und erhielt durch Laotse im 4. Jahrhundert vor Christus eine ganz eigene Philosophie. Laotse lehrte, dass das „Dao“ das „höchste Mysterium“ darstellt. Ihm sind alle kosmischen Prozesse unterworfen. Das Dao repräsentiert sowohl Sein als auch Nicht-Sein und vollzieht sich in unaufhörlichem Wandel.

Der Daoismus hat kein Gottesbild. Das Dao wird als mysteriöses Naturgesetz verstanden, dessen Kräften alles unterworfen ist.

Im Ergebnis entstand im 5. Jahrhundert nach Christus im Norden Chinas das Chan. Es waren Wandermönche, die sich vom traditionellen Buddhismus, wie er in chinesischen Klöstern nach indischer Tradition praktiziert wurde, distanzierten. Dort lag der Fokus auf dem Rezitieren von Sutren, dem Praktizieren aufwendiger Riten und dem Vermitteln intellektuellen Wissens über die Lehren des Buddhismus.

Die chinesischen Wandermönche suchten den direkten Weg zur Erleuchtung, fokussierten sich auf Meditation und beriefen sich dabei auf den historischen Shakayamuni.

Auch Buddha hatte seine Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum nach acht Tagen und Nächten des konzentrierten Meditierens erlangt.

Zuvor hatte er sich an allem versucht, was die spirituellen Traditionen des Hinduismus bereit hielten, um dem Leiden zu entkommen: er hatte diverse Meditationstechniken erlernt und bis zur völligen Erschöpfung praktiziert, er hatte sich kasteit und wäre bei seinem Versuch, durch strenge Nahrungsvorschriften erleuchtet zu werden, beinahe verhungert. Alles war vergebens gewesen.

Am Ende erreichte er durch das Meditieren in offenem Gewahrsein die Erkenntnis über das Entstehen und die Überwindung allen Leidens.

Deshalb, so die chinesischen Wandermönche, reiche diese Praxis der Meditation aus, um Erleuchtung zu erlangen. Alles andere, was der traditionelle Buddhismus noch bereithält, wäre überflüssiger Schnick-Schnack.

Nachvollziehbarer Weise waren traditionelle Buddhisten nicht begeistert von dieser Sichtweise. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die aufmüpfigen Wandermönche zogen durch die Berge Nordchinas, meditierten über viele Jahre und interpretierten die spirituellen Erfahrungen, die ihnen in tiefer Versenkung zuteil wurden, als Mysterienspiele des Dao.

Deshalb hat das Chan eine ganz eigene Philosophie, die Praktizierenden anderer buddhistischer Traditionen nicht ohne weiteres zugänglich ist.

Im 9. Jahrhundert nach Christus kam das Chan durch japanische buddhistische Mönche, die in China in dieser Tradition zu Meistern wurden, nach Japan.

Dort wurde es zum Zen.

In Japan gibt es heute drei Hauptströmungen des Zen-Buddhismus: Soto, Ubaku und Rinzei. Wer im Westen Zen praktizieren möchte, hat üblicherweise die Wahl zwischen Soto-Zen und Rinzei-Zen.

Soto-Zen ist stark vom japanischen Zen-Meister Dogen geprägt. Der erlangte im 13. Jahrhundert in der chinesischen Soto-Tradition Erleuchtung, kehrte danach in sein Heimatland zurück und reformierte dort den japanischen Soto-Zen.

Dogen, der ein bezaubernder Mensch gewesen sein muss, bemühte sich darum, auch Laien den Zugang zum Zen zu ermöglichen. Er – der aus dem japanischen Hochadel stammt – hatte keine Berührungsängste mit dem „einfachen Volk“ und entwickelte eine Meditationspraxis, die auch Menschen mit wenig Bildung und freier Zeit zugänglich war. Er war sehr erfolgreich in seinen Bemühungen. Soto ist bis heute die beliebteste Zen-Tradition in Japan. Sie ist, wie ihr Begründer Dogen, sanft und freundlich.

Die zweite große Zen-Tradition Japans, der Rinzei-Zen, blickt traditionell auf den Soto-Zen herab. Er gilt dort als „Zen der Bauern“.

Rinzei dagegen war das Zen des japanischen Krieger-Adels, der Samurai. Entsprechend elitär und martialisch ist die Tradition das Rinzei-Zen. Das machte ihn anfällig für nationalistische und faschistische Strömungen, die im Zuge der Meiji-Restauration zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan populär wurden.

Der Rinzei-Zen spielte während des Zweiten Weltkriegs eine unrühmliche Rolle in Japan. Zen-Meister dieser Tradition bildeten zum Beispiel Kamikazi-Piloten aus, die durch Zen-Meditation lernten, ihre Todesangst zu überwinden, während sie ihre Flugzeugen in amerikanische Kriegsschiffe steuerten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mehrere japanische Zen-Meister als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.

Auch aus diesem Grund beruft sich die Zen-Linie des spirituellen Zentrums weniger auf den japanischen Rinzei-Zen, sondern auf die ursprüngliche chinesische Tradition und ihren Gründer Linij.

Der lebte im achten Jahrhundert in einem abgelegenen Kloster inmitten eines Gebirges. Er war berühmt für seine Klarheit und berüchtigt für seine Grobheit. Das von ihm bevorzugte Mittel, um seine verstockten Mönche zu tieferer Erkenntnis zu bewegen, war eine saftige Ohrfeige.

Deshalb ist das Zen des spirituellen Zentrums, trotz seiner Hinwendung zum chinesischen Chan, immer noch nichts für sensible Gemüter.

Wer gerne Zen praktizieren möchte und einen etwas weniger rauen Umgang bevorzugt, dem sei eine Soto-Linie empfohlen.

Dokusan

Das Einzelgespräch mit dem Lehrer während des Retreats ist im Zen des Spirituellen Zentrums integraler Bestandteil der Praxis…

Unter jeder der beigen Sitzunterlagen im Zendo befindet sich ein kleiner roter Papierzettel.

Wenn der Assistent zu Beginn einer Meditationseinheit verkündet: „Gelegenheit für Dokusan!“, kann man den Zettel unter der Matte hervorholen und davor platzieren. Dann weiß der Assistent, dass man den Zen-Lehrer sprechen möchte.

Der wartet in einer kleinen Kammer neben dem Zendo auf die Schüler. Wenn er die Glocke läutet, tritt man ein, verneigt sich und nimmt ihm gegenüber auf dem kleinen schwarzen Kissen Platz.

Im Dokusan prüft der Lehrer die Meditation des Schülers. Hat der verstanden, was zu tun ist?

Man sollte regelmäßig den Lehrer konsultieren, wird jedem Zen-Praktizierenden erklärt. Zu recht. Es ist erstaunlich, wie viel man bei einer so simplen Tätigkeit wie Sitzen und Atmen falsch machen kann!

Denn das Zazen ist nicht einfach nur „herumsitzen und entspannen“. Es geht darum, in der Realität anzukommen.

Dummerweise ist das kein Ort, den man freiwillig aufsucht.

Wie der Lehrer nicht müde wird auszuführen, sind wir so gestrickt, dass wir uns automatisch immer in den Modus des „Wohlbefindens“ einschwingen. Darauf ist unser System ausgerichtet. Jeder Einzelne verfügt über eine Fülle von Techniken, um sich im Alltag automatisch zu stabilisieren – und damit einen Schleier aus Phantasien und Konzepten über die Wirklichkeit zu legen.

Die meisten dieser Techniken zerschellen am Zazen. Während der dreißig bis vierzig Minuten des stillen Sitzens auf dem Kissen kann man sich nicht mehr mit Handyscrollen, Textnachrichten schreiben oder dem Gang zum Kühlschrank ablenken. Während der Meditationszeiten darf man nicht auf die Toilette. Man darf sich noch nicht mal bewegen. Selbst das Kratzen an der juckenden Nase oder das Verlagern des schmerzenden Knies sind verpönt.

Heftige Unlustgefühle sind die Folge. Und als einzige Möglichkeit, sich trotzdem emotional in das Gleichgewicht zu bringen, bleibt nur noch der Kopf. Der arbeitet dafür um so hochtouriger: Zukunftsphantasien, Trostworte, Wutanfälle – mit allen Tricks versucht der Geist, der harten Realität zu entfliehen.

Und hier ist der Lehrer gefragt: im Dokusan hört er sich an, was für Ideen, Phantasien und Vorstellungen der Schüler entwickelt, um selbst in dieser misslichen Lage noch irgendwie ein – wie auch immer geartetes – „gutes Gefühl“ zu produzieren.

Worauf der Lehrer zum scharfen Schwert der Logik greift und mit einem entschiedenen Streich alle Gedankenstränge durchtrennt.

Während meiner ersten Jahre Zen-Praxis fühlte ich mich im Dokusan immer wie im „Märchen vom Hasen und vom Igel“. Egal wo ich gedanklich hin flüchtete: der Lehrer war schon da! Das gab er mir üblicherweise mit einer verbalen Ohrfeige zu verstehen. Zen – zumal das der Rinzei-Tradition, zu der meine Linie gehört – ist nichts für empfindsame Gemüter.

Für gewöhnlich bedachte ich, wenn ich nach dem Dokusan die Tür hinter mir zuzog, den Lehrer mit einem stummen „Arschloch!“.

Wenn der Lehrer perfekt ins Schwarze getroffen hatte, verbrachte ich nach einem Dokusan durchaus auch mal ein oder zwei Tage im „Arschloch-Modus“ auf meinem kleinen schwarzen Kissen. Es gibt wenige Menschen, die ich mit derselben Intensität gehasst habe, wie meinen Zen-Lehrer.

Irgendwann lernte ich, dass „Arschloch!“ ein Qualitätssiegel war: der Zen-Lehrer hatte seinen Job wieder einmal gut gemacht.
Früher oder später verrauchte die Wut und ich konnte das Geschenk, das in der Ohrfeige versteckt war, annehmen: ein kleines Stückchen Realität, dass hinter den Wolken meiner Konzepte und Phantasien hervor blitzte.

Zazen

Zazen – das Sitzen in der Stille – ist die zentrale Mediation im Zen des Spirituellen Zentrums…

Es gibt nur wenige Beschäftigungen, die mein pedantisches Ego und meine intuitive Innere Stimme gleichermaßen lieben. Konkret sind das: Wandern, Kochen, Schreiben, Klassische Musik hören – und Zazen.

Beim stundenlangen bewegungslosen Meditieren in der Stille während eines Sesshins sind meine intuitive Innere Stimme und mein Ego beide glücklich.

Allerdings aus völlig verschiedenen Gründen: der Zendo – und das kleine schwarze Meditationskissen darin – ist einer der ganz wenigen Orte, an denen sich mein ängstliches Ego entspannen kann.

Es darf einfach nur „Da-sein“ und dabei dem Atem lauschen, der kommt und geht, den Körper spüren, der unbewegt im Lotussitz auf dem kleinen schwarzen Kissen platziert ist – und zur Ruhe kommen.

Es muss nichts kontrollieren – es ist alles perfekt organisiert.

Es muss sich nicht damit herumplagen, was es jetzt, in den nächsten fünf Minuten oder heute Abend tun oder lassen soll – es ist alles festgelegt.

Es muss sich nicht überlegen, wie es irgendjemand irgendwas erklärt – während der nächsten Tage ist Sprechen verboten.

Es muss nicht ständig die Umgebung nach Gefahren scannen und Überlebensstrategien durchspielen – der Hof ist „Safe Space“.

Das Ego darf sich zurücklehnen, alle Viere von sich strecken und zum Mitläufer werden. Was es genießt.

Mein Ego ist – das habe ich durch Zazen gelernt – von bescheidener Natur: es hat weder das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, noch möchte es über andere bestimmen. Im Gegenteil: das sind genau die Modi, in denen es sich unwohl fühlt.

Mein Ego ist kein egozentrischer Tyrann. Mein Ego ist ein ängstlicher Neurotiker. Es will Ordnung und Struktur. Menschen und Situationen sollen berechenbar, alles Notwendige zuverlässig vorhanden sein.

Dann ist es gut, findet das Ego. Mehr braucht es nicht.

Für all das ist am Hof gesorgt. Sobald der Assistent mit dröhnendem Gongschlag die erste Runde Zazen zu Beginn eines Sesshins einläutet, geht das Ego auf seinem kleinen schwarzen Kissen deshalb in den Entspannungsmodus über.

Und meine intutitive Innere Stimme atmet erleichtert auf: Endlich Ruhe!

Bevor die beiden mit Zazen begannen, war meine intuitive Innere Stimme vierundzwanzig Stunden täglich damit beschäftigt, das hysterische Ego zu stabilisieren. Ein Drama jagte das nächste!

Die intuitive Stimme besänftigte und beruhigte, setzte Katastrophen-Phantasien des Egos Happy Ends entgegen, offerierte Ablenkungsangebote – und fühlte sich andauernd erschöpft und überfordert.

Irgendwann ergab es sich, dass sich das neurotische Ego auf dem Hof und in Willigis Ostergottesdienst wiederfand. Die intuitive Innere Stimme wird das ihrige dazu beigetragen haben. Was – und wie das alles zugegangen ist – darüber schweigt sie sich bis heute aus.

Das Ego war von Anfang an begeistert und klagte und jammerte kein bisschen, als ihm die intuitive Innere Stimme den Besuch des Zen-Einführungsseminars vorschlug.

Dort angekommen, saß das Ego keine fünf Minuten das erste Mal in Zazen auf dem kleinen schwarzen Kissen, als es begriff, dass es genau die Tätigkeit und den Ort gefunden hatte, nach dem es sich sein Leben lang gesehnt hatte.

Und die intuitive Innere Stimme musste sich das erste Mal in diesem Leben nicht um das Ego kümmern, sondern konnte sich auf sich selbst konzentrieren.

Ergebnis: so bescheiden und unkompliziert das Ego ist, so dominant und komplex ist die intuitive Innere Stimme.

Das Ego darf im Alltag gerne freundlich und bescheiden sein. Das stört die intuitive Innere Stimme kein bisschen. Auch sie schätzt Harmonie. Je größer die Stille im Außen und Innen, desto besser kann sie wahrnehmen was ist – und sich danach ausrichten.

Denn das ist ihre Funktion: sie hat – in einer Weise, die sich weder verstehen noch durch Sprache erklären lässt – Zugang zu etwas, von dem das Ego keine Ahnung hat. Was das ist, darüber schweigt die Innere Stimme. Und beschränkt sich – wenn das Ego wieder einmal auf Erklärungen drängt – auf ein Lächeln.

Wie immer es auch zugehen mag: wenn das Ego befriedet ist, kann die Innere Stimme beide mit traumwandlerischer Sicherheit durchs Leben führen. Von Wunder zu Wunder, wie sich über die Jahre herausgestellt hat.

Deshalb lieben die beiden Zazen. So einfach ist das…

Autopilot

Im Spirituellen Zentrum ist alles perfekt durchorganisiert. Man kann den Verstand am Ankunftstag am Empfang abgeben und nach dem Ende des Zen-Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen, ohne dass man ihn in sieben Retreattagen auch nur einmal vermisst hätte…

Während eines Sesshins verbringe ich die Nächte auf engem Raum mit anderen Menschen.

Tagsüber ist es nicht anders: Jeder Teilnehmer hat einen festen Platz im Zendo – der Meditationshalle.

Exakt einen Quadratmeter groß sind die beigen Meditationsunterlagen, die an den Wänden entlang ausgelegt sind. Davor hat der Assistent – alphabetisch geordnet – die Namensschilder der Teilnehmer platziert. Man kann sich weder aussuchen wo, noch neben wem man sitzt.

Und auch auf dem eigenen einen kostbaren Quadratmeter ist es nicht erlaubt, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat.

Jeder darf nur so viele Sitzgelegenheiten auf den Platz nehmen, wie gerade benötigt werden, ermahnt der strenge Assistent. Private Dinge haben im Zendo nichts verloren! Und auf dem Platz hat immer Ordnung zu herrschen!

Auch die Kleiderordnung ist festgelegt: am Hof sind keine grellen Farben erlaubt, der Körper soll bedeckt sein und alles was intensiv riecht – vom Parfum über Rasierwasser bis Weichspüler – ist ebenfalls verpönt.

Nichts soll die Sinne von der Konzentration auf das Sitzen und Atmen abhalten.

Nach dem Abendessen – das selbstverständlich im Schweigen stattfindet – beginnt das Sesshin.

Vierzig Leute haben sich diesmal zum Sommertraining eingefunden, stelle ich fest, während wir stumm und bewegungslos vor unseren Matten stehen. In Bezug auf das Geschlecht herrscht Parität. Die Altersspanne reicht von Anfang Zwanzig bis Ende Siebzig.

Bevor er das Sesshin feierlich eröffnet, erklärt der Assistent den wenigen Novizen die Regeln. Tagesablauf, Ordnung am Platz, Schweigen immer und überall.

Besonders wichtig: Pünktlichkeit! Man hat sich fünf Minuten vor dem Beginn jedes Meditationsblocks an seinem Platz einzufinden. Wer zu spät kommt, stört nicht nur die anderen in ihrer Konzentration – und dazu noch das fein abgestimmte Procedere – sondern läuft auch noch Gefahr, sich vor verschlossener Tür wiederzufinden. Dann muss dreißig bis vierzig Minuten gewartet werden, bis der Assistent die Meditationsrunde mit einem kräftigen Gongsschlag beendet und wieder Zutritt zum Zendo gewährt.

Überhaupt läuft der Hof wie ein Uhrwerk. Wenn man die Prozesse einmal verstanden hat – und sie sind so logisch, dass das nicht schwer ist – kann man seinen Verstand bei der Anmeldung am Empfang abgeben und ihn am Ende des Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen.

Es ist, als würde man in einen Fluss steigen. Wenn der Widerstand gegen die dauernde Bevormundung überwunden ist, treibt man durch die Tage, ohne sich auch nur einmal fragen zu müssen: „Was soll ich tun?“

Es ist toll! Ja, wirklich!

Schweigen

Im Spirituellen Zentrum herrscht Schweigen. Nicht nur während der Zen-Praxis, sondern immer und überall. Eine existentielle Erfahrung…

„Ich bin wieder da!“, denke ich beglückt, als ich – den Rucksack über den Schultern – den Innenhof betrete.

Im großen Springbrunnen plätschert das Wasser. Vögel singen in den Bäumen. Auf der Terrasse des Buchladens sitzen ein paar Gäste in der Sonne, trinken Kaffee und blättern in Büchern.

Ich reihe mich in die lange Schlange ein, die, vom Empfang kommend, die Treppe des Eingangsportals hinunter bis auf den Weg reicht. Es ist Sonntagnachmittag und mit dem Abendessen beginnen gleich mehrere Kurse: neben meinem „Zen-Sommertraining“ die „Schwesterveranstaltung“ „Kontemplations-Sommertraining“, dazu noch ein Tai-Chi-Kurs und zwei Selbsterfahrungsangebote mit seltsamen Titeln, die mir nichts sagen.

Als ich nach zwanzig Minuten am Empfangstresen angekommen bin, zahle ich und bekomme den Schlüssel in die Hand gedrückt. Ich bin im Mehrbettzimmer untergebracht. Zusammen mit acht anderen Frauen, wie sich herausstellen wird.

Während meiner Schulzeit besuchte ich jahrelang ein Internat: ich bin es gewohnt, mit anderen in einem Raum zu schlafen. Trotzdem musste ich zu meinem Glück gezwungen werden: für meine ersten Retreats am Hof nahm ich immer ein Einzelzimmer. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.

Allerdings sind Einzelzimmer im spirituellen Zentrum ein rares Gut. Man muss Wochen vorher buchen, wenn man den Luxus eines eigenen Zimmers haben möchte.

Irgendwann beschloss ich spontan, ein Retreat zu besuchen, dass nur wenige Tage später starten sollte. Das Sesshin war noch nicht ausgebucht – aber die Einzelzimmer. Ich fand mich mit einem Bett im Mehrbettzimmer ab – und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass sich das „Rudelschlafen“ positiv auf meine Meditationspraxis auswirkt.

Auf einmal konnte ich mich nicht mehr zurückziehen und das Sesshin für ein paar Stunden „aussperren“. Im Mehrbettzimmer gibt es keine Auszeit von der Praxis!

Ich war auf einmal Tag und Nacht in mitten der Sangha und ununterbrochen den subtilen energetischen und sozialen Prozessen ausgeliefert, die sich während eines mehrtägigen Retreats entfalten.

Auch in der Stille.

Denn am Hof herrscht Schweigen. Immer und überall. Damit man das nicht vergisst, wird man, wo man steht und geht, mit dem oben abgebildeten Symbol daran erinnert. Es klebt buchstäblich überall – und auch an der Tür des Mehrbettzimmers.

Während meiner ersten Retreats war das Schweigen eine Herausforderung. Nicht mehr spontan bei den Mahlzeiten den Tischnachbarn um Butter oder die Käseplatte bitten können. Keine Entschuldigung mehr aussprechen, wenn ich versehentlich jemanden in der engen Umkleide auf die Zehen getreten war. Nicht mehr „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ wünschen.

Und das für solide fünf, sechs oder sieben Tage!

Nachdem Verwirrung und Stress nachließen, wurde ich – wie die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen – mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt.

Für mich war die entscheidende Erfahrung, wie sehr ich meine Umgebung durch freundliche Kommunikation zu kontrollieren versuche. Das wurde mir aber erst zugänglich, als ich es nicht mehr durfte: die Angst, die mich plötzlich in sozialen Situationen anfiel, die ich nicht mehr durch Sprechen steuern konnte, war heftig.

Es kostete mich anfangs erhebliche Anstrengungen, das Schweigegebot durchzuhalten. Aber die Stille am Hof ist so überwältigend, die Strenge, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, so greifbar, dass ich zähneknirschend den Mund hielt – und die Angst und die heftigen Unlustgefühle, die sie begleiteten, ausstand.

Erste Erkenntnis: die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht „Entschuldigung“ sage. Oder jemandem „Guten Morgen“ wünsche. Oder mit dem Zeigefinger auf die Butter deute und mich lediglich mit einem Kopfnicken beim Tischnachbarn bedanke.

Zweite Erkenntnis: es ist angenehm, nicht dauernd die Bedürfnisse anderer bei jeder Alltagshandlung mit einplanen zu müssen. Ich sorge für mich, halte mich an die Regeln – alle anderen tun das gleiche.

Im Schweigen eine Woche mit acht Frauen im Schlafsaal zu verbringen, ist deshalb gut auszuhalten.

Mehr noch: Es ist erholsam!

Der Hof

Ich mache mich auf die Reise in das Spirituellen Zentrum meiner Zen-Linie, um zum jährlichen Zen-Sommer-Training anzutreten…

Der Linienbus schleicht von Haltestelle zu Haltestelle durch die Unterfränkische Provinz. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt – wie immer, wenn am Hof neue Kurse beginnen.

In einem kleinen Dorf, dreißig Kilometer hinter Würzburg, spuckt er fast alle Fahrgäste auf einmal aus. Mit Rollkoffern, Rucksäcken und Taschen beladen, wandert die kleine Karavane von der Bushaltestelle zum Empfang des spirituellen Zentrums.

Sie nimmt den Weg über den großen Parkplatz. Die Mehrheit der Gäste kommt mit dem Auto. Und zwar aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, wie die Kfz-Kennzeichen verraten.

Nach dem Parkplatz geht es an der roten Backsteinkirche vorbei durch einen Durchgang. Dann steht man im riesigen Innenhof. Der wird auf allen vier Seiten von Gebäuden umrahmt.

Ich praktiziere Zen in einem der größten spirituellen Zentren Europas.

Über viele hundert Jahre war der Hof ein Benediktinerkloster. Die Säkularisierung machte dem Klosterleben ein Ende. Nach einer wechselvollen Geschichte – und Jahren des Leerstandes – erwachte er zu neuem spirituellen Leben.

Was wohl die Benediktinermönche, die hier einst beteten und arbeiteten, über diese Spiritualität denken würden?

Immerhin war es einer ihrer Brüder, der den Hof aus seinem Zauberschlaf erweckte: der Benediktinermönch Willigis Jäger.

Die katholische Kirche war ihm nicht dankbar dafür – um es Milde auszudrücken. Der Leiter der Glaubenskongregation in Rom – Kardinal Ratzinger (der später ironischerweise den Papstnamen „Benedikt“ wählen sollte) – überzog Willigis mit Lehr- und Publikationsverboten.

Das war die Vorgeschichte: damals war Willigis noch in Würzburg aktiv. In seiner Dreifachfunktion als Ordenspriester, Lehrer (Latein) und Zen-Meister gab er in einem ehemaligen Priesterseminar seines Ordens Meditationskurse, schrieb Bücher und zelebrierte Gottesdienste. Seine Messfeiern, Predigten und Veröffentlichungen entsprachen nur bedingt der reinen Lehre der katholischen Kirche.

Das kam in den Leitungsgremien der katholischen Kirche nicht gut an. Aber viele andere waren ihm sehr dankbar dafür. Zumal Willigis damals – Mitte der 80er Jahre – einer von ganz wenigen Deutschen war, die in Japan zu Zen-Meistern wurden und diese Kunst in ihre Heimat zurückbrachten.

Zuvor waren es nur japanische Meister gewesen, die immer wieder für ein paar Wochen nach Deutschland reisten und hier Sesshins anboten. Sie sprachen weder Deutsch noch Englisch und waren deshalb immer auf Dolmetscher angewiesen. Es muss für beide Seiten eine mühsame Angelegenheit gewesen sein.

Deshalb wurde Willigis überrannt von Praktizierenden. Jeder Raum, in dem er Kurse abhielt, jedes Haus, in dem Sesshins unter seiner Leitung stattfanden, war bald zu klein. Erst waren es fünfzig Schüler, dann hundert, irgendwann zweihundert.

Umgekehrt proportional zur Popularität Willigis bei den Praktizierenden entwickelte sich seine Reputation in Rom. Er und eine Reihe anderer Ordensschwestern und -Brüder, die sich der Mystik verschrieben hatten und in Japan zu Zen-Lehrern geworden waren, galten dort als Bedrohung für die Lehre der katholischen Kirche.

Als das – lange erwartete – Lehr- und Publikationsverbot von der Glaubenskongregation verhängt wurde, gab es deshalb schon einen Plan: Willigis ließ sich von seiner Ordensgemeinschaft „beurlauben“ und seine Truppe kaufte ein Retreathaus im Schwarzwald. Nur – wie immer – war es bald zu klein.

Eine große Lösung musste her.

Eine von Willigis Schülerinnen hatte als Unternehmerin ein Vermögen erwirtschaftet. Sie gründete eine Stiftung, die das halb verfallene Kloster im Mainfränkischen kaufte.

Willigis war damals Mitte 70. Die Leute schüttelten die Köpfe und fragten: „Was will der Alte mit der Ruine?“

Wie sich herausstelle: Viel. Oder besser: Alles. Bescheidenheit gehörte nur bedingt zu Willigis hervorstechenden Charaktereigenschaften.

Dafür konnte Willigis gut führen und hatte ein Gespür dafür, auf welche seiner Schüler er setzen musste, damit der Hof gedieh.

Und das tut er noch immer. Auch, nachdem Willigis in hohem Alter die Leitung abgab, und nachdem er 2020 starb.

Dabei ist der Hof nicht jedermanns Geschmack. Viele „Altschüler“ aus der Würzburger Zeit waren nicht begeistert darüber, als es auf einmal so anonym zuging. Und auch darüber, dass nicht mehr nur Zen und die christliche Meditationsvariante „Kontemplation“ angeboten wird, waren nicht alle glücklich.

Aber ein Haus mit 200 Betten, zwei Speisesälen und einer ganzen Sammlung Seminarräumen muss bespielt werden.

Deshalb gleicht das Jahresprogramm des Hofes einem spirituellen Gemischtwarenladen: man kann Bogenschießen und japanischen Schwertkampf lernen, achtsam töpfern und vergolden, Reki, hypotrophes Atmen und Chanten üben, Paartherapie- und Familienaufstellungswochenenden buchen.

Die zwei bis drei Zen-Einführungskurse im Monat sind gut besucht. Genau wie die Sesshins, die mehrmals im Monat stattfinden. Aber die Zen-Leute müssen damit leben, dass sie nicht unter sich sind. Dass sie sich den Hof mit Menschen teilen müssen, von denen sich viele mit dem Schweigen schwer tun und denen es an Achtsamkeit und Präsenz mangelt.

Im Ergebnis ist der Hof mit seinem stilvollen Zen-Garten, seinen gepflegten Außenanlagen, seinen geschmackvollen Gebäuden und dem wohlsortierten Buch- und Hofladen Spiegelbild und Sammelbecken der deutschen Achtsamkeits-Kultur. Die teilweise schrille Blüten treibt.

Ich betrachte es als Übung in Akzeptanz – und Humor. Auch über mich selbst.

Umgekehrt muss für viele Entschleunigungsadepten der Anblick all der konzentriert im Schweigen vor sich hin wandelnden Zen- und Kontemplations-Schüler befremdlich sein.

Ich finde, es hat alles seine Vor- und Nachteile: das Retreathaus am Ende der Welt ist klein und persönlich. Ich bin mit meinen Dharma-Schwestern und -Brüdern befreundet. Wir treffen uns regelmäßig, um gemeinsam mit unserer Lehrerin zu meditieren. Zugehörigkeit und Beständigkeit sind wichtige Qualitäten – im Leben, wie in der Spiritualität. Allerdings geht es unvermeidlich mit den Schattenseiten sozialer Beziehungen einher: persönliche Spannungen, Divergenzen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft der Gemeinschaft…

Eine Sangha ist nichts anderes als eine spirituelle Familie. Mit allen Konsequenzen.

Die Anonymität des Hofs – und das Schweigen während der Kurse – verhindert, dass persönliche Beziehungen entstehen können. Und sorgt dafür, dass soziale Spannungen und Richtungsstreitigkeiten für Durchschnittspraktizierende wie mich ohne Bedeutung sind.

Ich komme Jahr für Jahr, praktiziere Zazen (Sitzmeditation), Kinhin (Gehmeditation), verrichte die tägliche Arbeitsstunde, zu der jeder Gast verpflichtet ist und erfreue mich am leckeren Essen und den schönen Gärten.

Normalerweise spreche ich während meines Aufenthaltes nur mit einem Menschen: dem Zen-Lehrer im Dokusan.

Und am Ende bedanke ich mich beim Assistenten. Mit zwei Sätzen. Das war es.