Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Das Buddhistische Zentrum

Totensonntag

Das sonntägliche Rauchopfer im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain bekommt spontan eine protestantische Note…

Um dreizehn Uhr sind wir mit der „Grünen Tara“ – dem ersten Teil unserer wöchentlichen Sonntagspraxis – durch. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Wie immer haben wir knapp zwei Stunden dafür gebraucht. Denn wir praktizieren die Grüne Tara in der langen tibetischen „Tempel-Version“ und nicht in der – im Westen üblichen – verkürzten Weise.

Trotz der Länge und Komplexität unserer Praxis – und der Tatsache, dass es im ungeheizten Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain im Winter ungemütlich kalt ist – haben sich heute wieder dreizehn Leute eingefunden, um gemeinsam zu rezitieren, zu singen und zu meditieren.

Nachdem wir fertig sind, versichern wir uns gegenseitig, was wir doch wieder einmal für eine schöne gemeinsame Praxis hatten! Danach flüchten die anderen in die gemütliche Teestube des Zentrums, in der die Heizkörper glühen.

Israfel und ich machen einen Abstecher in die Küche, die sich in einem Nebengebäude befindet. Wir wärmen die Gemüsesuppe mit den bayerischen Semmelknödeln auf, die wir beide gestern fabriziert haben. https://www.water-runs-east.eu/hausmannskost/

Als in der Teestube alle vor ihren dampfenden Tellern sitzen, breitet sich Schweigen über dem Tisch aus. Wir falten die Hände, Suriyel spricht das kurze tibetische Tischgebet.

Während der Mahlzeit diskutieren wir das anstehende Programm. Suryiel möchte ein „kleines“ Rauchopfer in einer Schale machen, anstelle des üblichen Feuers auf der Terrasse. Zu Schulungszwecken. Er hat – erklärt er uns – eine neue unkomplizierte Methode entdeckt, den Instant-Powder ohne Räucherkohle zu opfern. Die möchte er heute präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

Kurz überlege ich, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch?

„Widerspruch!“, befiehlt mir meine intuitive Innere Stimme.

„Ach komm, Suriyel!“, rufe ich deshalb aus. „Mach ein Feuer! Bitte!“

„Ich mache doch ein Feuer! Ein ganz kleines!“, kommt es zurück.

„Du weißt genau was ich meine! Ich möchte ein großes! In der Feuerschale!“ Dazu setze ich einen erstklassigen Hunde-Blick auf.

Jetzt ist es an Suriyel zu überlegen, ob Akzeptanz angemessen ist – oder Widerspruch.

Er entscheidet sich für Akzeptanz. „Ja, gut. Wenn du das willst. Machen wir halt ein großes Rauchopfer.“

Alle am Tisch schauen erfreut. Anscheindend hat sich außer mir nur keiner getraut, Suriyel zu widersprechen.

Bevor wir im Tempel alles für das Rauchopfer vorbereiten, spüle ich mit einer Dharma-Schwester das schmutzige Geschirr. „Weißt du, das heute Totensonntag ist?“, fragt sie mich währenddessen.

„Nein, wusste ich nicht. Ich bin katholisch. Bei uns sind das Allerheiligen und Allerseelen. Die waren schon am 1. und 2. November.“

Die Dharma-Schwester versenkt den nächsten Suppenteller im Spülwasser. „Meine Mutter ist evangelisch. Der ist Totensonntag wichtig. Da rufe ich sie immer an.“

Auf dem Weg in den Tempel komme ich an einem Dharma-Bruder vorbei. Der steht im Flur und spricht besänftigtend ins Telefon.

Kurz darauf lässt er sich auf dem Meditationskissen zu meiner Rechten nieder. „Wusstest du, das heute Totensonntag ist?“

„Ja. Aber nur, weil es mir gerade gesagt wurde. Ich bin katholisch.“

Der Dharma-Bruder seufzt. „Ich habe es vergessen! Dabei ist meine Oma vor ein paar Wochen gestorben! Heute wurde im Gottesdienst ihr Namen verlesen, weil Totensonntag ist, und meine Mutter war ganz aufgelöst, weil ich nicht angerufen habe!“ Es ist dem Dharma-Bruder anzusehen, wie unglücklich er über die Situation ist.

Ich überlege, wie wir ihm beistehen können. „Sollen wir das Rauchopfer für deine Oma machen? Wo sie doch gerade gestorben ist?“

„Sie ist schon im August gestorben!“

Ja, gut, das ist deutlich länger als die 49 Tage, die Verstorbene im Bardo – dem Zwischenreich von Leben und Tod – verbringen. So wird es im tibetischen Buddhismus gelehrt. Außerdem praktiziert man für Verstorbene nicht Riwo SangChöd – das Rauchopfer, das wir gleich machen werden – sondern Sur. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Egal! „Wir sind flexibel!“, erkläre ich dem Dharma-Bruder. „Wir können trotzdem Rauchopfer für deine Oma machen.“ Maktiel, die an der großen Trommel Platz genommen hat, lacht belustigt auf.

„Es ist eher… Meine Mutter…“

Der Dharma-Bruder macht sich erkennbar weniger Sorgen um die Wiedergeburt seiner Oma, als um das Wohlbefinden seiner Mutter. Es ist doch gut, dass wir kein Sur, sondern ein Riwo Sangchö machen werden, denke ich. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

„Wie heißen denn deine Oma und deine Mutter?“

„Hildegard und Hannelore.“

Während wir über Oma und Mutter diskutieren, wurden die Vorbereitungen für das Rauchopfer abgeschlossen. Die Feuerschale, in der das Holz kunstvoll zu einem Turm aufgeschichtet ist, steht auf der Terrasse des Tempels. Davor sind auf einem Tischchen die Opfergaben aufgereiht.

Suriel zündet den Holzstoss an. Begleitet von lautem Knistern zucken die ersten Feuerzungen in die Höhe.

Dann kommt er zu uns und nimmt auf dem Meditationskissen zu meiner Linken Platz.

„Wir machen heute Sang für Hildegard und Hannelore! Das sind die verstorbene Oma und die Mama von …“, erkläre ich ihm. „Weil heute Totensonntag ist!“

Suriyel versteht erkennbar kein Wort. „Wir machen immer Sang für alle!“

„Für alle – und heute ganz besonders für Hildegard und Hannelore! Du musst es auch sagen, damit es wirkt!“

Suriyel weiß immer noch nicht, was gerade los ist, nickt aber ergeben. „Gut, dann machen wir heute Sang für alle und ganz besonders für Hildegard und Hannelore!“ Er kämpft hörbar mit den ungewohnten deutschen Namen.

„Weil Totensonntag ist.“

Das ignoriert er. Als Pole, denke ich, weiß er vermutlich nicht einmal was ‚Totensonntag‘ ist. „Das ist wie ‚Allerheiligen‘ und ‚Allerseelen‘ für Protestanten!“, schiebe ich schnell hinterher.

Auch das sagt ihm erkennbar nichts. Leider weiß ich nicht, wie die Feiertage auf Polnisch heißen.

Suriyel ist es egal. Er schlägt den Gong und stimmt das erste Sutra an. Während die Flammen in der Feuerschale höher und höher steigen und die Hitze die feuchten Terrassenbohlen dampfen lässt, nehmen wir Zuflucht, entwickeln Bodhichitta und laden die Gäste ein.

Die Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Dakinis, alle Naturgeister, Tiere, Menschen und alle anderen sichtbaren und unsichtbaren Wesen, mit denen wir in Verbindung stehen.

Und Hildegard und Hannelore…

Als wir bei der Opferung angekommen sind, steht Suriyel auf, geht zur Terrasse und wirft die Opfergaben in die Flammen.

Weißer Rauch steigt aus der Feuerschale auf und windet sich wie eine dicke Schlange in den grauen Herbsthimmel.

Auf Israfels Vorschlag hin singen wir, nachdem wir mit dem Rauchopfer durch sind, noch drei Mal das Dewa Chen Gebet für eine glückliche sofortige Wiedergeburt von Hildegard und Hannelore.

Hinterher sitzen alle auf ihren Kissen und sind geradezu betäubt vom Ritual. Nie zuvor haben wir ein solch perfektes Rauchopfer hinbekommen als das heutige am Totensonntag! Das Feuer, der Rauch, die Musik der Instrumente, unser Gesang – alles war genau so, wie es sein soll.

„Ich bin mir sicher, dass davon etwas bei deiner Oma und deiner Mutter angekommen ist!“, flüstere ich dem Dharma-Bruder zu meiner Rechten zu.

Der nickt. „Ganz sicher! Ich werde gleich meine Mutter anrufen und ihr sagen, dass wir für sie und Oma gebetet haben. Sie wird sich sehr darüber freuen!“ Damit steht er auf und eilt – sein Handy aus der Jackentasche ziehend – aus dem Tempel.

Hurra-Aktion

Der Fund des Pfarrhauses löst starke Emotionen aus – nicht nur in mir, sondern auch bei den Menschen, die mit mir verbunden sind…

Nach der Besichtigung des evangelischen Pfarrhauses ist mein Bruder enthusiastisch – während ich verzweifelt bin. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

So hatte ich mir mein zukünftiges Leben nicht vorgestellt! Noch wenige Tage zuvor war ich die gewesen, die in einer Spirituellen WG am Prenzlauer Berg lebt, Fantasy und Blogtexte schreibt, mit ihren spannenden Freunden im Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain abhängt, nebenher ein „Zentrum für Praktische Spiritualität“ betreibt und meditiert. https://www.water-runs-east.eu/plaene/

Und jetzt auf einmal das: Ein riesiges denkmalgeschütztes unsaniertes evangelisches Pfarrhaus von 1800, mitten im Nirgendwo der Mecklenburgischen Provinz.

Das soll ich kaufen? Dort soll ich leben?

Allein?

Während sich mein Bruder auf der Rückfahrt von der Besichtigung in Sanierungsphantasien ergeht, sitze ich auf dem Beifahrersitz und fürchte mich!

Mein Bruder ist Zimmermann und Bauingenieur: Kein Dach zu marode, kein Fußboden zu verfault… https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Ich dagegen bin gerade mal in der Lage, Dübel zu setzen und Ikea-Möbel zusammenzuschrauben. Gut, Lampen kann ich auch noch anschließen, aber damit sind meine handwerklichen Fertigkeiten auch schon erschöpft.

Meinen Klagegesang, ich wäre dem nicht gewachsen und würde ganz bestimmt scheitern, wischt mein Bruder zur Seite: „Ich liefere das Know-how und die Kontakte, du organisierst vor Ort. Das ist doch kein Problem!“

„Und was ist, wenn die Handwerker Mist bauen? Ich sehe so was nicht!“

„Wir leben im 21. Jahrhundert“, antwortet mein Bruder ungerührt. „Du schickst mir ein Video auf WhatsApp und ich sage dir, ob es passt.“

Na dann…

Damit auch alle Freunde und Familienmitglieder an meiner Neuendeckung teilhaben können, produziert mein Bruder, nachdem wir zurück in Berlin sind, am heimischen Computer ein kurzes Video über das Pfarrhaus. Er bastelt es innerhalb einer halben Stunde aus den Aufnahmen der Drohne zusammen, die er während des Besichtigungstermins über das Pfarrhaus und die Nebengebäude fliegen ließ. Die Bilder von den Löchern in den Dächern und der schiefen Giebelwand des Stalls schneidet er heraus. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/

Als er mit dem Video fertig ist, darf ich mir ein Stück aus seiner selbst komponierten Liedersammlung aussuchen. Ich habe nur die Wahl zwischen Pop, Rock und Techno. Nichts davon passt wirklich, aber egal.

Kurz darauf verschicke ich sein zweiminütiges „Werbevideo“ des Pfarrhauses, unterlegt mit rhythmischem Rock.

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten: es dominiert Begeisterung.

Allerdings gibt es auch kritische Rückmeldungen. Am harschesten fällt die von Suriyel aus. https://www.water-runs-east.eu/suriyel/

Der ist auch Handwerker. Er muss die Löcher in den Dächern nicht gesehen haben um zu wissen, was es bedeutet, ein mehr als 200 Jahre altes Haus zu sanieren.

Von solchen „Hurra-Aktionen“ würde er überhaupt nichts halten, erfahre ich umgehend. Ob ich denn überhaupt einen Business-Plan hätte?

Ich glaube erst, mich verlesen zu haben: Suriyel ist in meinen Augen der letzte, der etwas von „Business“ vesteht!

Und überhaupt: „Hurra-Aktion“.

Wenn mir gerade nach etwas ganz sicher nicht der Sinn steht, dann ist es „Hurra!“…

Aber so läuft es eben zwischen uns. https://www.water-runs-east.eu/karma/

Online-Sur

Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…

Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.

Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!

Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.

Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.

Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.

Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.

Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.

Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.

Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!

Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!

Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…

Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.

Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.

Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!

Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.

Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.

Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.

Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.

Nur wann?

Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.

„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.

„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.

Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?

Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.

Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.

Der Sur-Powder funktioniert!

Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.

Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.

Wir haben ganz offensichtlich ein Problem…

Sur-Powder

Sur – das Rauchopfer für alle Wesen, die sich im Reich zwischen Leben und Tod aufhalten – beschäftigt mich weiterhin…

Im Juni entschied Rinpoche, dass im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kein Sur – das Rauchopfer für die Verstorbenen im Bardo – abgehalten werden sollte. https://www.water-runs-east.eu/sur/

Doch damit war Sur nicht aus der Welt.

Der Besuch der beiden Fremden, die im Frühsommer im Tempel aufgetaucht waren, um einen Segen für eine Verstorbene zu erbitten, war das Signal gewesen, dass etwas im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum fehlte.

Die Information, dass es dort eine Leerstelle gab, die gefüllt werden wollte.

Mit dem Rauchopfer Sur.

Das Rauchopfer Sur ist Teil des Dharma – der Lehre Buddhas, die zur Befreiung führt. Buddhistische Praktiken haben ihre eigene Macht und folgen ihren eigenen Gesetzen.

Wenn die karmischen Voraussetzungen gegeben sind, manifestieren sie sich…

Wie sich in den Wochen nach dem Besuch der beiden Fremden zeigen sollte, war Sur in unserer Sangha aufgetaucht, um zu bleiben.

Im Juli begann Maktiel – die Dharma-Schwester, die bei Ritualen die große Trommel schlägt und den Bodhi-Baum hütet – gemeinsam mit der europäischen Online-Sangha eines tibetischen Lama das Rauchopfer Sur zu praktizieren. Einmal wöchentlich via Zoom.

Leider hatte sie keinen Sur-Powder. Denn wie bei Sang wird auch bei Sur eine spezielle „Geister-Nahrung“ verbrannt. https://www.water-runs-east.eu/rauchopfer/

Der Sang-Powder, den Maktiel jeden morgen bei ihrem Riwo Sangchö opfert, stammt aus meiner Herstellung. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/

„Weißt du auch, wie man Sur-Powder zubereitet?“, fragte mich Maktiel.

Ich wusste es nicht.

Nach einer Internet-Recherche war ich klüger: Sur-Powder besteht aus sechs traditionellen tibetischen Heilkräutern, die mit Tsampa – geröstetem Gerstenmehl – vermengt werden. Deutlich unkomplizierter als der Sang-Powder!

„Wenn du mit europäischen Heilkräutern zufrieden bist, kann ich dir einen machen“, schrieb ich Maktiel zurück.

Weil die damit einverstanden war, produzierte ich am nächsten Tag meinen ersten eigenen Sur-Powder.

Er riecht super!

Sur

Das tibetisch-buddhistische Rauchopfer „Sur“ nährt alle Wesen, die sich im Bardo – dem Reich zwischen Leben und Tod – befinden…

Es muss irgendwann im Mai oder Juni passiert sein. Im Rückblick kann sich niemand mehr an den genauen Zeitpunkt erinnern.

Genauso wenig, wie an die Namen der Frau und des Mannes, die auf einmal im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums standen. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Sie tauchten während der wöchentlichen Sonntagspraxis auf.

Still standen sie in einer Ecke und warteten geduldig, bis wir unsere „Grünen Tara“ Puja abgeschlossen hatten.

Ich sah sie aus den Augenwinkeln, während ich – gemeinsam mit den anderen aus der Sangha – den tibetischen Praxistext rezitierte. Die Frau war blaß, ihr Haar unfrisiert. Mit verkrampften Händen drückte sie ein verwaschenes kleines Kissen an ihre Brust. Der Mann hatte schützend den Arm um ihre Schulter gelegt. Auch er sah müde und verstört aus.

Nach dem Ende der Grünen Tara sprach das Paar Suriyel an. Eine nahe Angehörige der Frau war gestorben. Sie baten Suriyel um einen Segen für die Verstorbene. Die Frau drückte Suriyel das kleine Kissen in die Hand.

Er dürfe keinen Segen sprechen, erklärte er den beiden, er wäre kein Lama.

Glücklicherweise waren wir mit unserem Sonntagsprogramm noch nicht zu Ende: Das Riwo SangChö stand noch aus! https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Geistesgegenwärtig lud Suriyel das Paar zum Rauchopfer ein. Nachdem wir alle im Halbkreis um die Feuerschale Platz genommen hatte, erklärte er in die Runde, dass wir das heutige Riwo SangChö der verstorbenen Anna widmen würden.

Was wir dann auch taten.

Nach der Zeremonie verschwanden die beiden Gäste. Sie verflüchtigten sich wie Rauch. Keiner hat sie seitdem wieder im Zentrum gesehen.

„Das hast du schön gemacht!“, lobte ich Suriyel hinterher. „Aber es war das falsche Ritual! Sie hätten Sur gebraucht!“

Denn Sur ist die Nachtschwester von Sang.

Beide Rauchopfer sind Ausdruck selbstloser Großzügigkeit.

Traditionell wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern jeden Morgen das Rauchopfer „Sang“ zelebriert. Unser RiwoSangChö ist nur eine von vielen Varianten. Alle Sang Rituale dienen der Anhäufung positiver Verdienste und gelten als Königsweg zur Beseitigung von Hindernissen und Widerständen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Am Abend wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern traditionell das Rauchopfer Sur für alle Verstorbenen praktiziert, die sich gerade im Bardo befinden.

Der tibetisch-buddhistischen Tradition nach dauert der Aufenthalt im Reich zwischen Leben und Tod neunundvierzig Tage. Für die große Mehrheit der Wesen ist das Bardo kein angenehmer Ort: Gequält von schwer erträglichen Traumzuständen, in denen sie mit den karmischen Verstrickungen vergangener Leben konfrontiert werden, an Hunger, Durst und Kälte leidend, befinden sie sich in einer beklagenswerten Situation. Nicht jedem Wesen gelingt es zudem, nach neunundvierzig Tagen den Bardo zu verlassen und in den Kreislauf der Wiedergeburten zurückzukehren. Manche von ihnen sind so schwach und verwirrt, dass sie im Bardo gefangen bleiben.

Um diesen armen hilflosen Wesen zu helfen, wird Sur praktziert. Die heilige Kraft des Feuers verwandelt das Speiseopfer – bestehend aus Mehl und Heilkräutern – in nährenden Rauch. Dieser wird durch die kraftvolle Energie von Meditation, der Rezitation von Mantras und dem Einsatz von Mudras transformiert.

Der magische Rauch, der durch das Sur-Ritual entsteht, dient der Stärkung und Stabilisierung der körperlosen schwachen Wesen im Bardo. Beschenkt mit Kraft und Klarheit ist es ihnen früher oder später möglich, das Reich zwischen Leben und Tod zu verlassen und erneut wiedergeboren zu werden.

Suriyel weißt meinen Einwand, unser RiwoSangChö wäre das falsche Ritual für die trauernden Angehörigen, wie für die verstorbene Frau, gewesen, trotzdem zurück.

„Das Sang war nicht falsch. Das dient auch den Verstorbenen. Sur wäre nur besser gewesen.“

So sieht es auch Rinpoche – der Gründer und Leiter des Zentrums von Friedrichshain – als Suriyel ihn ein paar Wochen später um die Erlaubnis bittet, zusätzlich zum Sang auch noch ein regelmäßiges Sur im Tempel abhalten zu dürfen.

Suriyel solle sich auf das Sang konzentrieren. Ein weiteres Rauchopfer wäre nicht notwendig.

Wir hatten beide mit einer Absage gerechnet. Rinpoche – ein hoher tibetischer Lama – reist unermüdlich von Kontinent zu Kontinent, um in all seinen Tibetisch-Buddhistischen Zentren nach dem Rechten zu sehen. Unser Zentrum in Berlin ist nur eines von vielen. Dass Rinpoche weder Zeit noch Nerven dafür hat, aus der Ferne neben dem Dauerkonflikt um unser Sang auch noch den Ärger um unser Sur in seinem Zentrum in Berlin zu befrieden, ist uns beiden nachvollziehbar. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Als Suriyel mit die Entscheidung des Rinpoche übermittelt, bin ich trotzdem enttäuscht. Suriyel wohl auch. Obwohl er es nicht zugibt.

Aber so ist es nun mal. Kein Sur im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain…

Online-Lung

Wir bekommen die Ermächtigung für ein mehr als tausend Jahre altes tibetisch-buddhistisches Ritual via Zoom…

Um halb acht Uhr morgens stehe ich vor dem tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain.

Heute bekommen wir hier Lung für unser traditionelles tibetisch-buddhistisches Rauchopfer! Deshalb ist das Tor bereits geöffnet. Zwei aus der Rauchopfer-Gruppe sind seit sieben Uhr morgens hier, um alles für das feierliche Ereignis vorzubereiten. https://www.water-runs-east.eu/lung/

Ich hänge meine feuchte Jacke an die Garderobe im Flur und schiebe den Vorhang zum Tempel beiseite.

Der ist hell erleuchtet. Auf dem Altar – zu Füßen der riesigen Buddha-Statue – sind die Opfer-Schalen mit frischem Wasser gefüllt. Dazwischen brennen Kerzen. Der schwere Geruch von Räucherstäbchen hängt in der Luft.

Nachdem ich meine drei Niederwerfungen vor dem Altar vollzogen habe, eile ich den anderen zur Hilfe. Jemand schaltet den Beamer an, den Suriyel uns gestern Abend an die Tempel-Decke montiert hat:

Auf der Leinwand erscheint eine Terrasse. Darauf ist ein großer Ofen aus Ton platziert, in dem ein Holzfeuer brennt. Sanft streicht der Rauch aus dem Kamin der Feuerstelle.

Noch fünfzehn Minuten!

Bevor er sich gestern Abend verabschiedete, hat Suriyel die Feuerschale für uns präperiert. Kunstvoll stapelt sich das Holz darin fünfzig Zentimeter hoch. Dazwischen sind Grillanzünder patziert, damit wir das Feuer ganz sicher zum Brennen bringen.

Wir müssen heute morgen ohne Suriyel auskommen. Er ist der einzige von uns, der bereits Lung – die feierliche Übertragung der Praxis – erhalten hat. Deshalb darf er ausschlafen.

Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Sonntags-Sangha. Die laufen gerade alle ein. Die meisten erkennbar unausgeschlafen. Aber es hilft nichts: Wenn wir Lung für das Riwo Sangchö haben wollen, dann hier und heute – und auf ungewöhnlichem Wege.

Denn eigentlich wird das Lung direkt übertragen: Der Lehrer sitzt auf seinem Thron und liest den Schülern feierlich den Praxistext auf Tibetisch vor. Getragen von der Intention, diese in die jahrhundertealte Linie der Meisterinnen und Meister aufzunehmen, die diese Praxis entwickelt und ausgeführt haben.

So ist es seit altersher üblich. Eigentlich ist es nur dann ein Lung. Der tibetische Buddhismus heißt nicht umsonst „Lamaismus“: In keiner anderen buddhistischen Tradition ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler so eng und verbindlich wie hier.

Allerdings braucht man dafür einen leibhaftigen Lama.

Den das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain nicht vorrätig hat. Es funktioniert ohne „Präsenz-Lama“. Der Gründer des Zentrums – ein hoher tibetischer Würdenträger – kommt mehrmals im Jahr vorbei. Andere Lamas werden eingeladen, um Seminare und Teachings zu geben.

Obwohl inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag ein Riwo Sangchö im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain praktiziert wird, hat es sich irgendwie nie ergeben, dass einer von den „Besuchs-Lamas“ Lung für das Riwo Sangchö gegeben hat.

Warum auch immer…

Und das, obwohl aus der Sonntags-Sangha regelmäßig um das Lung gebeten wird.

Inzwischen ist nicht nur die Frustration in der Rauchopfer-Gruppe groß, es macht sich auch immer stärker Unbehagen breit. Schließlich wurden wir bereits in andere buddhistische Zentren geschickt, um dort unser Rauchopfer zu präsentieren. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Wir wurden sogar schon eingeladen, um es bei anderen Mitgliedern unserer Sangha zu praktizieren. Auf das wir gute Energie damit schaffen. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/

Und das alles ohne Lung!

Wir fühlen uns wie Hochstapler. Da können wir noch so viel üben: ohne Lung keine vernünftige Praxis!

Es musste also dringend eine Lösung her! Nur welche?

Schließlich die erlösende Nachricht: Ein Mitglied unserer Sangha erfährt zufällig, dass der Lama einer anderen Sangha an einem Samstag im Juni Lung geben wird.

Online. Via Zoom!

Jeder, der Zuflucht genommen hat – egal bei welchem Lehrer – kann daran teilnehmen, wird uns auf Nachfrage erklärt.

Obwohl die Skepsis groß ist, was von einem Online-Lung zu halten ist, lassen wir uns darauf ein.

Besser ein Lung über Zoom, als gar keines, beschließen wir.

Damit das Lung – trotz der seltsamen Umstände – würdevoll und feierlich über die Bühne geht, wollen wir nicht nur passiv bei dem Rauchopfer der Online-Sangha des fremden Lamas zusehen.

Wir werden parallel zur Zoom-Veranstaltung ein Rauchopfer auf der Terrasse unseres Tempels veranstalten!

Deshalb hat Suiyel gestern Abend die Feuerschale vorbereitet. Bevor er nach Hause ging, schärfte er mir noch ein, am Morgen auf keinen Fall zu vergessen, bei der Feuerwache anzurufen!

Das ist deshalb das erste, was ich mache, nachdem ich meine Niederwerfungen beendet habe. Die Nummer der Feuerwache ist unter meinen Kontakten gespeichert. Als der diensthabende Feuerwehrmann abhebt, sage ich brav den Spruch auf, den ich schon so oft von Suriyel gehört habe: „Hier ist das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain. Wir werden bis etwa 13 Uhr ein Ritualfeuer mit starker Rauchentwicklung abhalten.“ Ich muss meinen Namen, meine Telefonnummer und die Adresse des Zentrums hinterlassen.

Ich beende das Gespräch mit dem Gefühl der Erheiterung. Heute bin zur Abwechslung ich mal „die Spinnerin mit dem Ritualfeuer“. Obwohl man als Feuerwehrmann in Berlin sicher härteres erlebt als ein paar Exzentriker, die mit sehr viel Rauch Buddhas, Bodhisattvas und alle fühlenden Wesen aus den sechs Daseinsbereichen nähren…

Als ich wieder in den Tempel komme, züngeln die ersten Flammen aus der Feuerschale, die Israfel auf die Terrasse platziert hat.

Ich bin verstimmt: eigentlich wollte ich das Feuer hüten. Das Holz – dicke Eichenscheite – habe ich gestern bei meinem Zimmerer-Bruder besorgt. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/

Auch der Instant-Powder, der während der Opferungen verbrannt werden wird, ist von mir. Eine Spezialmischung, die ich extra für unser Lung zubereitet habe. https://www.water-runs-east.eu/healing-plant/

Aber nun gut. Schließlich geht es um „Ego-Losigkeit“! Da wäre es höchst unpassend, wenn ich mich mit Israfel um das Feuer streiten würde.

Noch zwei Minuten bis acht Uhr. Wir nehmen auf unseren Sitzunterlagen Platz und starren auf die Leinwand. Dort flackert weiterhin das Feuer im Brennofen auf der Terrasse vor sich hin.

Wir sitzen und warten. Warum passiert nichts?

Jemand aus der Gruppe ruft den Zoom-Link mit seinem Handy auf. „Es gab gerade eine Durchsage: Noch eine Minute, dann geht es los!“

Im Tempel bricht Panik aus. Warum funktioniert die Tonübertragung nicht? Gestern haben die beiden Techniker bis Mitternacht Kabel verlegt und die Lautsprecher an das Mischpult angeschlossen. Und jetzt das!

Ich krame mein Handy aus der Tasche, rufe mit fliegenden Fingern den Zoom-Link auf und stelle den Lautstärke-Regler bis zum Anschlag hoch.

Gerade noch rechtzeitig: Auf der Leinwand erscheint der Lama. Er nickt würdig in die – visuelle – Runde.

Dann beginnt er sofort mit dem Lung!

Wir sitzen mit angehaltenem Atem und lauschen den Worten, die aus meinem Handy in den Tempel klingen.

Auf einmal springt Israfel auf und jagt zur Terrasse: Brennende Holzscheite sind von Suiyels kunstvollem Turm auf die Holzplanken gefallen und haben bereits zu rauchen begonnen.

Während wir anderen dem Lama zuhören, beobachten wir Israfel dabei, wie er hektisch die brennenden Scheite von der Terrasse befördert und die Brandstellen austritt.

Das ist wahrhaftig ein dramatisches Lung!

Erstaunlicherweise hat es – trotz der Übertragung via Zoom und der bescheidenen Tonqualität – beeindruckende Kraft.

Es fühlt sich nicht anders an – stelle ich fest – als eine „klassisches“ Übertragung!

Nachdem wir das Lung erhalten haben, zelebrieren wir acht Rauchopfer hintereinander: Wir im Tempel – und parallel dazu die Online-Sangha abwechselnd in verschiedenen Städten Europas und in den USA.

Um zwölf Uhr mittags verabschieden sich alle von einander: auch die Sonntags-Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Berlin-Friedrichshain winkt fröhlich in die Kamera, bevor die Zoom-Übertragung beendet wird.

Danach machen wir es uns in der Teestube bei einem späten Frühstück gemütlich und feiern unser Lung.

Das wirken wird. Keine Frage…

Lung

Wir bekommen endlich die Ermächtigung, das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer zu praktizieren…

Als ich leise die Haustür der Spirituellen WG hinter mir ins Schloss ziehe, ist es gerade einmal kurz vor sieben Uhr morgens.

Völlig übermüdet trabe ich die Schönhauser Allee entlang. Über den stählernen Trägern der Hochbahn spannt sich der Morgenhimmel in dumpfem Grau. Sanft, aber unerbittlich geht seit Stunden Nieselregen nieder.

Eigentlich ist es einer dieser Samstage, die man am Besten im Bett verbringt.

Mir fiel das Aufstehen heute trotzdem nicht schwer. Und das trotz meines Schlafdefizits!

Als ich die Treppen zum Bahnsteig hinunterlaufe, fährt mit lautem Rumpeln die Ringbahn ein. Ein paar letzte Partygänger hängen in den Sitzen. Draußen zieht Berlin vorbei.

Am Frankfurter Ring steige ich aus und schlage den Weg ins tibetisch-buddhistische Zentrum ein.

Das ich gerade einmal vor sieben Stunden verlassen habe!

Denn am vorherigen Abend waren wir bis Mitternacht damit beschäftigt gewesen, alles für den großen Moment heute Morgen vorzubereiten:

Wir bekommen Lung!

Für das Riwo Sang Chö!

Das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer wird inzwischen seit eineinhalb Jahren jeden Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum praktiziert.

Und der einzige, der Lung für das Riwo Sang Chö hat, ist Suriyel.

Was eigentlich ein Unding ist!

Denn im tibetischen Buddhismus ist die Ausübung von Meditationspraxen an strenge Regeln gebunden.

Eine davon lautet: Nur wer Lung – die feierliche Ermächtigung eines Lehrers – für eine Praxis erhalten hat, darf sich ihr widmen.

Das ist nicht nur Formsache! Denn wer das Lung übertragen bekommt, erhält nicht nur die offizielle Erlaubnis für die Ausübung der Praxis.

Er wird in die Traditionslinie aufgenommen, aus der diese Praxis hervorgegangen ist.

In dem Moment, in dem der Lama feierlich die magischen Worte des Praxistexts auf tibetisch ausspricht, vollzieht sich eine Transformation. Die Teilnehmer der Zeremonie hören auf, isoliere Individuen zu sein.

Durch die feierliche Übertragung werden die Schüler vom mächtigen Energiestrom der Praxis aufgesogen und zu winzigen Partikel der vielen Jahrhunderte alten Linie. Die ganze Kraft all der mächtigen Meister und Meisterinnen, die sich in dieser Praxis geübt haben, steht ihnen von nun an zur Verfügung.

Gleichzeitig wird es durch das Lung möglich, dass die Energie-Tropfen, die diese neuen Mitglieder der Linie generieren, wenn sie sich der Praxis widmen, in den karmischen Fluß der Traditionslinie eingespeist werden.

Jeder, der Lung erhält, kann gewiss sein, dass er von nun an über mehr verfügt, als seine eigenen bescheidenen Kräfte. Er wird durch die Energie aller Praktizierenden der Linie getragen, die sich über viele Generationen dieser Praxis gewidmet haben.

Ohne Lung zu praktizieren ist eine nette, aber wenig fruchtbare Angelegenheit.

Erst das Lung ermöglicht den vollen Zugang zur Macht einer Meditationspraxis.

Und jeder, der den Unterschied schon einmal erlebt hat, wird das bestätigen…

Keller-Geister

Der Rauchopfer-Trupp des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain erhält eine sehr spezielle Anfrage…

Nach unserem allerersten Rauchopfer-Auftritt im Chinesischen Tempel von Kreuzberg sind wir erleichtert und zufrieden. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Das tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd, dass wir auf der Terrasse des Tempels zelebriert haben, hat die örtlichen Naturgeister besänftigt und dem neuen Gebäude Segen gebracht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Davon sind wir alle überzeugt, denn genauso hat es sich für uns während des Zeremoniells angefühlt.

Ob unsere zahlreichen Zuschauer das ebenso erlebt haben, bleibt uns verborgen. Dass während des einstündigen Zeremoniells alle konzentriert und still dabei saßen und niemand aufstand und ging, werten wir aber als positives Feedback.

Erst nachdem wir fertig sind, verlassen die Besucher des Vesak-Festes die Terrasse. Der nächste Programmpunkt – ein Vortrag – findet im Haupttempel im ersten Stock des Gebäudes statt.

Wir bleiben zurück, um aufzuräumen.

Unser allererstes öffentliches Riwo Sang Chöd ist zu Ende. Das nächste wird wohl in einem Jahr stattfinden. Beim nächsten Vesak.

Bis dahin wird jeder für sich täglich zuhause sein Rauchopfer praktizieren. Jeden Sonntag werden wir uns – wie üblich – hinter den hohen Mauern des tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain treffen, um gemeinsam unser Rauchopfer zu zelebrieren.

So denke ich, während ich meine tibetische Glocke und meine kleine Sanduhrtrommel – die Damaru – einpacke. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Weit gefehlt!

Denn genau in diesem Moment erhalten wir die nächste Einladung!

Die schöne Lu aus der chinesischen Sanga unseres tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichhain ist es, die sich von Suriyel ein Rauchopfer wünscht.

Während der die Ritualgegenstände in seinen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt packt, erklärt sie ihm ihr Problem:

Lu möchte ein veganes chinesisches Restaurant eröffnen. Sie hat in Friedrichshain Räume im Erdgeschoss eines Altbaus angemietet. Seit Februar ist sie mit der Renovierung beschäftigt. Jetzt ist alles fast fertig.

Nur – leider, leider – ist irgend etwas mit dem Keller nicht in Ordnung. Die Energie ist schlecht! Geradezu unerträglich!

Lu ist deshalb sehr besorgt. Schließlich sollen dort die Lebensmittel für das Restaurant gelagert werden. Und überhaupt: Sie fürchtet um den Erfolg ihres Unternehmens!

Deshalb fragt sie Suriyel, ob er nicht kommen kann, um bei ihr im Keller ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren. Auf das die verärgerten Naturgeister befriedet werden, die Schützer aktiviert und die Buddhas und Boddhisattvas dem Restaurant ihren Segen schenken mögen.

Und das bitte schnell! In zwei Wochen soll das Restaurant eröffnet werden!

So kommt es, dass wir bereits am nächsten Tag – einem Sonntag – wieder in Rauchopfer-Mission unterwegs sind.

Nachdem wir erst „Grüne Tara“ im Tempel und danach unser sonntägliches Sang im Garten des tibetisch-buddhistischen Zentrums absolviert haben, machen wir uns auf den Weg zu Lu.

Glücklicherweise ist ihr neues Restaurant gerade einmal zwei Straßen vom Zentrum entfernt. Lu packt die große Ritualtrommel in den Kofferraum ihres Autos und fährt schon mal vor.

Wir anderen laufen zu Fuß. Suriyel trägt seinen Baumarkt-Koffer mit den Zeremonien-Gegenständen, ich schleppe die Fahrradtasche mit Glocke und Damaru. Die Darma-Schwester, die immer die große Trommel schlägt und eine chinesische Freundin von Lu sind auch noch mit von der Partie.

Dass wir gerade auf dem Weg in ein veganes chinesisches Restaurant sind, um dort ein mehr als tausend Jahre altes tibetisches Ritual abzuhalten, um böse Geister zu vertreiben, erfreut und erheitert mich zutiefst.

So, finde ich, soll das Leben sein. Wenn es anders ist, läuft etwas verkehrt.

„Wir sind buddhistische ‚Ghost-Busters‘!“, erkläre ich Suriyel, während unsere schräge Truppe unter blühenden Linden durch Friedrichshain läuft. „Oder besser: ‚Gost-Feeders‘!“

Suryiel schweigt dazu. Aber ich sehe ihm an, dass ihn die Situation genauso erheitert wie mich.

Als die aufgekratzte Truppe bei Lu ankommt, werden wir von ihr mit offenen Armen empfangen.

Der Weg in den Keller führt an der Küche des Restaurants vorbei. Auf dem Herd stehen große Schüsseln mit Bergen von Gemüse. Ein schweigsamer Chinese schnippelt Zwiebeln.

Das Gemüse wäre für uns, erklärt uns Lu. Nach dem Ritual würde sie uns zum Essen einladen.

Fantastische Aussichten!

Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.

Als wir nacheinander im Gänsemarsch auf einer schmalen Stiege in den Keller hinunter steigen, weiß ich sofort, was Lu meint: Die Energie dort fühlt sich wirklich furchtbar an! Dabei riecht es nicht modrig. Es ist auch nicht übermäßig dunkel. Aber trotzdem ist es, als stünde man in einer dumpfen drückenden grauen Wolke.

Dabei wäre es schon viel besser geworden, versichert uns unsere Gastgeberin.

Sie hat auch einiges dafür getan: Quer über die riesige Fläche spannt sich eine lange Reihe tibetischer Gebetsfahnen. In der dunkelsten Ecke des riesigen Kellerraums hat Lu zwei große goldene elektrische Gebetsmühlen aufgestellt, die sich ununterbrochen drehen und dabei aus unsichtbaren Lautsprechern in monotonem Sing-Sang tibetische Gebete plärren.

Ich bin fasziniert von den elektrischen Gebetsmühlen: Wir haben die selben im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums. Auch dort stehen sie – sich unaufhörlich drehend – in einer Ecke. Aber dass sie auch noch beten können, wusste ich nicht.

Man könne die Lautsprecher auf „Null“ stellen, erklärt mir Lu. Ich bin erleichtert, als sie das jetzt auch bei den ihren macht. Das blecherne Geleier schmerzt mir in den Ohren.

Wir müssen improvisieren. In Lu’s Restaurant gibt es weder Meditationskissen noch Schreintische. Es dauert trotzdem höchstens eine Viertelstunde, dann sind wir startklar.

Zusammen mit Lu rezitieren, singen und musizieren wir, was das Zeug hält. Alles um uns glüht vor Energie.

Als wir beim Opfern der Speisen angekommen sind, steht Suriyel auf, nimmt die rauchende Schale und wandert mit ihr in der Hand, unaufhörlich das Mantra „Om Ah Hung“ rezitierend, erst durch den Keller, dann die Stiege hoch in das Restaurant und dort durch alle Räume.

Wir folgen ihm im Gänsemarsch, jede mit der Mala in der Hand, ebenfalls konzentriert das Mantra rezitierend.

Vor jeder Buddha-Figur – von denen es bei Lu in jedem Raum mindestens eine gibt – stellt Suriyel einen der brennenden Räucherkegel aus der Opferschale ab.

Am Ende sind wir wieder im Keller angelangt. Dort lassen wiruns erneut auf unseren provisorischen Plätzen nieder und schließen das Ritual feierlich ab.

Hinterher ist Lu erleichtert und dankbar.

Und wir anderen finden auch, dass wir einen guten Job gemacht haben! Das dumpfe drückende Gefühl ist aus dem Keller verschwunden.

Als wir – erschöpft und glücklich – hintereinander die steile Kellerstiege hochklettern, begrüßt uns das Sonnelicht eines späten Sonntagnachmittags. Es kommt uns vor, als hätten wir nicht nur ein paar Stufen, sondern einige Jahrhunderte und eine völlig fremde Welt hinter uns gelassen.

Die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die an der grauen Hauswand des Altbaus vorbeilaufen, ahnen nicht, was hier gerade geschehen ist: Die ‚Ghost-Feeders‘ des tibetisch-buddhistischen Zentrums haben bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen ihre spirituelle Mission erfolgreich abgeschlossen!

Geister-Füttern macht hungrig!

Glücklicherweise ist das Essen fertig. Wir lassen uns an einer großen Tafel nieder. Lu stellt eine große Schüssel mit köstlichen chinesischen Gemüsegerichten nach der anderen vor uns auf den Tisch. Dazu gibt es fantastischen chinesischen Grünen Tee.

Wir sind begeistert von dem tollen Essen – und Lu ist glücklich über unser Entzücken.

Denn die tibetisch-buddhistischen ‚Ghost-Busters‘ sind die allerersten Gäste in Lu’s neuem Restaurant.

Dass wir nicht nur so viel gute Energie geschaffen haben, sondern jetzt auch noch so entzückt von ihrem chinesisch-veganen Essen sind, wertet die schöne Lu als positives Zeichen.

Wir können ihr nur zustimmen: Dieses Restaurant wird ganz sicher der Renner werden…

Auftritt

Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…

Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Der Anblick lässt mich schaudern.

Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.

Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.

Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.

Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.

Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.

Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“

„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.

Ich bleibe fassungslos zurück.

Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.

Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.

Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.

Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.

Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.

Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!

Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!

Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.

Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.

Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.

Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.

In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.

Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.

Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.

Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/

Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.

Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!

Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.

Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

So viel zum Willen des Meisters…

Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.

Ansonsten ist es vollkommend still.

Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.

Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.

Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.

Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.

Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.

Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…

Generalprobe

Wir üben das traditionelle tibetische Rauchopfer – Riwo Sang Chöd – für unseren Auftritt am höchsten buddhistischen Feiertag…

Das buddhistische Zentrums von Friedrichshain wird zur Ehren von Vesak ein Riwo Sang Chöd präsentieren! https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Denn das Zentrum gehört einer Traditionslinie des tibetischen Buddhismus an. Das traditionelle Rauchopfer ist eine ihrer Basis-Praktiken. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Dieses historische Ereignis wird am ersten Juni-Wochenende im chinesischen Chan-Kloster von Kreuzberg stattfinden!

Die Frage ist nur: Werden sich genug Unerschrockene für den Auftritt finden?

Denn es ist das eine, gut versteckt hinter hohen Mauern an einem mehr als tausend Jahre alten schamanischen Ritus teilzunehmen.

Und etwas ganz anderes, sich zu einer solch befremdlichen Handlung vor den Augen der Öffentlichkeit zu bekennen!

Und mag die auch noch so buddhistisch sein…

Als ich die Neuigkeit über unseren Auftritt an Vesak in der Whats-App-Gruppe der Sonntagspraktizierenden verkünde, bin ich gespannt, wie die Rückmeldungen ausfallen werden:

Es finden soch doch tatsächlich drei Mutige, die bereit sind, mitzumachen!

Mit Suriyel und mir wären wir zu fünft. Ich bin erleichtert: Das ist nicht beeindruckend, aber ausreichend.

Während der nächstens Sonntagstreffen im Zentrum sammle ich dann noch vier halbe bis dreiviertelte Zusagen ein: Wenn es sich an dem Tag ergeben würde, wäre man dabei, wird mir gesagt.

Am Ende, denke ich, werden wir wohl um die sieben Leute sein.

Dafür, dass wir das zweitgrößte buddhistische Zentrum Berlins repräsentieren, ist das eine bescheidene Truppe.

Aber angesichts der Herausforderung ist die Zahl erfreulich hoch.

An den folgenden Sonntagen wird im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain fleißig für den ersten Auftritt der Gruppe geübt.

Es klappt ganz gut, finde ich. Suriyel ist auch zufrieden.

Und schließlich: Die Generalprobe!

Am letzten Sonntag vor dem Vesak-Fest schleppen wir Sitzunterlagen, Meditationskissen, Schreintischen, Musikinstrumente, Sakralgegenstände, Holz, Speiseopfer und die große Feuerschale ins Freie.

Während der Zeremonie geben wir alles!

Suriyel schlägt die Zimbeln, eine Dharma-Schwester die große Trommel. Dazu schwenken alle die traditionellen tibetischen Handglocken und drehen die kleine Damaru.

Wir rezitieren und singen, dass es eine Freude ist.

Suriyels Rauchfahne ist von beeindruckender Dichte und von perfekt weißer Farbe.

Hinterher sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Rauchopfer. Wenn wir das nächsten Sonntag noch einmal so hinbekommen, wäre das super!

Am Abend meldet sich eine Dharma-Schwester, die nicht an der Sonntagspraxis teilgenommen hat, in der Whats-App-Gruppe.

Was denn los gewesen wäre bei uns heute im Zentrum? Wir hätten bei unserem Rauchopfer einen Krach gemacht, dass man uns auch noch zwei Straßen weiter gehört hätte! Es klang, schreibt sie, als wäre eine Horde Fußballfans durch das Viertel gezogen!

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Vor allem, wenn es um das Riwo Sang Chöd geht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Vesak

Das chinesische Kloster in Kreuzberg zelebriert ein buddhistisches Fest – und alle buddhistischen Zentren Berlins helfen mit…

Am Vollmondtag des vierten Monats jedes lunaren Jahres feiern Buddhisten in aller Welt Vesak. Dann wird der Geburt, der Erleuchtung und dem Tod Buddhas gedacht.

Das ist wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern an einem Tag!

In Berlin hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Vesak-Fest jedes Jahr reihum von einem anderen buddhistischen Zentrum der Stadt ausgerichtet wird.

Die Mitglieder desjenigen Buddhistischen Zentrums, dem die Aufgabe zufällt, in diesem Jahr das große Fest zu organisieren, befinden sich schon Monate vor dem Fest – das auf einen Tag zwischen Ende April und Anfang Juni fällt – im Ausnahmezustand.

Alle anderen Buddhisten Berlins dürfen sich von den zurückliegenden Strapazen „ihres“ Vesak erholen und sich auf ein entspanntes Fest freuen.

In diesem Jahr trifft es das große chinesische Chan-Kloster in Kreuzberg.

Im Februar erhält das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain deshalb von der chinesischen Dharma-Verwandtschaft die Einladung zum Vesak-Fest. Weil der vierte Vollmond des neuen Jahres auf Donnerstag, den 23. Mai fällt, findet das Fest am Wochenende danach statt.

Ich erfahre von der Einladung, als ich, nach meinem Umzug nach Berlin Ende Februar, an meiner ersten Orga-Team-Sitzung im Zentrum teilnehme.

Das ist auch das erste Mal, dass ich von „Vesak“ höre. Das Fest stammt aus der Theravada-Tradition, der ältesten noch existierenden Schultradition des Buddhismus. Sie wird heute vor allem in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha praktiziert.

Weil meine Zen-Tradition der jüngeren Schullinie des Mahayana angehört und aus Japan stammt, bin ich bisher noch nie mit dem Fest in Berührung gekommen.

Im japanischen Zen wird das Fest von Buddhas Erleuchtung am 8. Dezember gefeiert. Das ist unser „Bodhi-Tag“. Zuvor findet – gemäß der japanischen Tradition – immer ein siebentägiges intensives Retreat statt . In dieser „Rohatsu“ bereiten sich die Praktizierenden durch Meditation und Schweigen auf das Fest vor.

Als mir die anderen Teilnehmer der Orga-Runde erklären, was es mit diesem „Vesak“ auf sich hat, freue mich darüber, auch noch das Fest einer anderen Tradition erleben zu dürfen.

Schnell wird mir während der Orga-Sitzung allerdings klar, dass ich wieder einmal viel zu passiv gedacht habe! Ich werde – stellt sich heraus – nicht nur als Gast im Chinesischen Tempel erwartet.

Ich soll einen Programmpunkt mitgestalten!

Denn die Einladung des chinesischen KLosters ging mit der Bitte einher, alle anderen Zentren mögen sich mit einem Angebot am Tagesprogramm beteiligen.

Und zwar mit einer Praxis oder einem Ritus, der typisch für die Tradition des jeweiligen Zentrums ist.

Der Vorstand des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zerbrach sich gemeinsam den Kopf darüber, was man der versammelten Berliner Community an Vesak präsentieren könnte.

Am Ende fiel die Entscheidung, alle Buddhisten Berlins am hauseigenen Riwo Sang Chöd teilhaben zu lassen. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel praktiziert es jeden Sonntag als offenes Angebot im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. Und ich bin – zusammen mit ein paar Anderen – regelmäßig mit dabei und mache mit.

In kleinem Rahmen. Ohne Publikum…

Dass auf einmal von mir erwartet wird, vor sämtlichen Buddhisten Berlins ein schamanisches Rauchopfer zu präsentieren, trifft mich unvorbereitet.

Drücken will ich mich aber auch nicht. Am Ende steht Suriyel alleine da. Das kommmt nicht in Frage.

Also nicke ich ergeben.

Die Runde reagiert erleichtert über meine Einwilligung.

„Wie gut, dass du dabei sein wirst!“, schallt mir entgegen.

Denn das Orga-Team hat noch einen weiteren Aufrag für mich, erfahre ich umgehend.

Ich solle doch bitte darauf achten, dass Suriyel sich benimmt! Er möge bitte nur ein kleines Feuer im Garten der chinesischen Dharma-Brüder und -Schwestern entfachen. Und um Himmels Willen nicht zu viel Rauch produzieren! Und nicht zu viel Krach machen!

Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain will schließlich einen guten Eindruck hinterlassen – und keinen Ärger produzieren!

Ich werde, denke ich im Stillen, an Vesak nicht nur als Tantra-Praktizierende gefordert sein, sondern auch noch als Kindermädchen!

Na toll…

Karma

Ich reflektiere über Karma, Riwo Sangchö, die Konsequenzen des Vajra Armor Mantras und andere Seltsamkeiten…

An jedem Freitagabend können alle, die Lust und Zeit haben, im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain mit Suriyel „Chenrezig“ praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-chenrezig-eins/

Am Sonntagvormittag bietet er dazu noch seit Jahren „Grüne Tara“ an. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Vor sieben Monaten hat er sein Programm um Riwo Sangchö erweitert. Seit Januar bringt er jeden Sonntag nach der „Grünen Tara“ noch das traditionelle tibetische Rauchopfer dar. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

„Warum ausgerechnet Riwo Sangchö?“, frage ich ihn.

Es wäre eine spontane Idee gewesen. Oder, besser, ein Gefühl. Das Gefühl, dass Riwo Sangchö im Zentrum fehlen würde.

Also besorgte er sich den Text, bestellte die Musikinstrumente im Internet und versuchte sich im Ritual. Anfangs lief es eher holprig, erzählt er mir. Er konnte die Melodien nicht richtig, der Einsatz von Zimbeln und Trommel ging des Öfteren daneben. Aber inzwischen klappe es gut.

Was ich nur bestätigen kann.

Von einem seiner ersten Riwo Sangchö gibt es ein Video. In der Winterkälte steht eine Gruppe Menschen im Innenhof des Buddhistischen Zentrums. Suriyel führt durch das Ritual und nährt, als das Speiseopfer ansteht, die Flammen in der großen Feuerschale mit den Resten eines Christbaums.

Suriyel schickte das Video Uriel. Der schickte es mir. Als ich es sah, wusste ich, wer Maria in den tibetischen Buddhismus einführen – und mir darin Nachhilfe geben – sollte: Suriyel! https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-zwei/

Es war keine rationale Entscheidung, sondern – um mit Suriyel zu sprechen – ein Gefühl. Uriel hätte die Einführung ebenfalls hinbekommen. Und auch ein paar andere Dharma-Schwestern und -Brüder aus der Sangha hätten es gekonnt. Ich meditiere mit Profis.

Aber nein!

Genauso wie Suriyel auf einmal das Gefühl überkam, sein Buddhistisches Zentrum brauche Riwo Sangchö, sagte mir mein Gefühl, Maria – und ich – brauchen Suriyels Praxis.

Suriyels, zeitlich überschaubare, Praxiseinheiten während Marias Einführungswochenendes im Retreathaus am Ende der Welt lösten unerwartet heftige emotionale und visuelle Reaktionen aus. https://www.water-runs-east.eu/fuenfzehn-euphorie/

Von den Träumen aller Beteiligten ganz zu schweigen. https://www.water-runs-east.eu/neun-im-nebel/

Sechs Wochen nach unserem meditativen LSD-Trip im Retreathaus am Ende der Welt breche ich zu einer Treckingtour auf. Tagelang in Einsamkeit durch die Natur laufen, dazu die stillen Nächte im Zelt – ich brauche das mehrmals im Jahr, damit es mir gut geht.

In Polen war ich noch nie beim Wandern. Dabei ist das Land nach meinem Umzug nach Leipzig auf einmal so nah – und billig ist es dort auch noch. Der einzige Pole im Freundeskreis – Suriyel – empfiehlt mir den Nationalpark von Bialowieza. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Die Wandertour wird zur Grenzerfahrung. Meine Träume im Urwald sind von extremer Intensität, immer wieder halluziniere ich regelrecht. Am letzten Tag meines Aufenthaltes an der Grenze zu Belarus bin ich in einem Zustand, der sich nur sehr eingeschränkt als „zurechnungsfähig“ beschreiben lässt.

In diesem Modus leiste ich am Schauplatz einer Massenhinrichtung ein Versprechen. https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Ich gelobe all den formlosen Wesen, die dort im Bardo gefangen sind, und den örtlichen Naturgeistern, die wegen der Gräueltaten mit der energetischen Blockade ihres Zuhauses klar kommen müssen, dass ich wiederkommen werde.

Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen. Denn das ist das Ritual, in dem durch Magie Weisheitsnektar erschaffen wird. Er gibt allen Wesen genau das, was sie brauchen, um Befreiung zu erlangen.Dafür muss ich das Ritual lernen. https://www.water-runs-east.eu/fazit/

Womit sich der Kreis schließt.

Suriyel und ich wissen beide, dass wir – warum auch immer – durch Karma aneinander gebunden sind. Und dass wir deshalb miteinander auskommen müssen.

Das ist aber auch der einzige Punkt, an dem wir uns einig sind.

Ansonsten sind wir komplett verschieden:

Er leidet unter meinem überbordenden Mitteilungsbedürfnis. Mich treibt seine Schweigsamkeit in den Wahnsinn.

Er empfindet meine Offenheit als übergriffig. Mich überfordert seine Verschlossenheit.

Ihn stört mein Perfektionismus. Mich irritiert sein Chaos.

Ihn nervt meine Dominanz. Mich seine Sturheit.

And so on…

Irgendwann schreibe ich ihm völlig entnervt: „Wir beide sind ein karmischer Frontalunfall! Einer von uns ist falsch rum in die intergalaktische Einbahnstraße eingebogen – und es ist nicht gesagt, dass ICH das war!“

Worauf zurückkommt: „Es gibt kein ‚Ich‘.“

Nachdem wir uns wieder beruhigt haben – oder, aus der Perspektive Suriyels, nachdem ICH mich wieder beruhigt habe – texte ich ihm: „Wann bist Du auf die Idee gekommen, Riwo Sangchö anzubieten? Vor oder nach unserem Vajra-Armor-Retreat im Januar?“

„Nach dem Retreat.“

„Karma, Baby…“ schreibe ich zurück.

Ich bin mir im Grunde sicher, dass wir unsere seltsame karmische Beziehung unserem Vajra-Armor-Mantra verdanken.

Wie Suriyel das sieht, entzieht sich meiner Kenntnis. Der schweigt dazu und behält seine Gedanken für sich. Wie üblich…

Zauberei

Im Buddhistischen Zentrum opfert Suriyel – unter strenger Beobachtung – mit zu viel Rauch Weisheitsnektar. Ich bin so irritiert, dass meine Visualisierung misslingt – und meditiere stattdessen über die Natur von Tantra…

Nachdem wir mit der Grünen-Tara fertig sind, schleppt Suriyel aus den Tiefen des Buddhistischen Zentrums wieder die große Plastiktüte mit dem Equipement für das traditionelle tibetische Rauchopfer herbei.

Zu meinem Erstaunen stellt er die große Feuerschale auf die kleine Holzterrasse auf der linken Seite des Schreinraums.

Beim letzten Mal fand das Riwo Sangchö auf der Terrasse statt, die rechts der riesigen Buddhastatue zu einem kleinen Innenhof führt. Heute ist die Terrassentür mit rot-weißem Band umwickelt, auf den Holzblanken – sehe ich durch die Glasscheibe – stehen graue Müllsäcke.

Als ich das binäre Wesen frage, warum der schöne Innenhof gesperrt wäre, bekomme ich erst erklärt, die Holzplanken wären morsch. Auf meinen verblüfften Blick hin – wir standen schließlich erst vor zwei Wochen zu viert darauf – schiebt es nach, es hätte nach unserem Riwo Sangchö vom vorletzten Sonntag im Zentrum Beschwerden wegen des Rauchs gegeben.

Nach einer halben Stunde ist alles für das Rauchopfer bereit – und wir sitzen herum und plaudern, weil wir noch auf jemanden aus dem Leitungsgremium des Zentrum warten.

Schließlich taucht eine sympathische Frau auf. Als einzige. Ansonsten sind es nur das binäre Wesen und ich, die beim Riwo Sangchö mitmachen. Ich frage die Zentrums-Frau, warum denn nicht mehr an dem Ritual teilnehmen?

„Naja,“ antwortet sie, „Suriyel bietet es jede Woche an. Die Leute werden müde.“

Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden einzelnen Morgen mit einem Riwo Sangchö. Zugegeben einer Kurzversion von etwa 25 Minuten, aber trotzdem!

Uriel erklärte mir im März, dass das traditionelle Rauchopfer nicht nur ein schönes Zeremoniell wäre, sondern auch noch höchst effektiv, um formlose Wesen aus dem Bardo zu befreien und karmische Verstrickungen aufzulösen.

Mit nichts lasse sich unkomplizierter gutes Karma anhäufen, als mit Riwo Sangchö, so Uriel.

Und dann werden sie in einem Buddhistischen Zentrum „müde“, weil die Praxis einmal in der Woche angeboten wird?

Und stören sich am Rauch eines Rauchopfers?

Denn die nette Zentrumsoffizielle, so zumindest mein Eindruck, nimmt nicht am Riwo Sangchö teil, um positives Karma zu generieren, sondern um dafür zu sorgen, dass Suriyel möglichst rauchlos opfert.

Was bei einem „Rauchopfer“ ein Widerspruch in sich ist…

Sollte Suriyel den Anspruch als Zumutung empfinden, lässt er es sich nicht anmerken. Allzu kompromissbereit ist er aber auch nicht: er reduziert lediglich die Anzahl der Thujazweige. Statt der üblichen sieben wandern nur zwei auf die glühenden Kohlen. Das reduziert die Dauer der Rauchentwicklung, nicht aber die Intensität: denn was richtig qualmt, ist weniger das Brennmaterial, als die Speisen.

Als Suriyel – beim Opferritual angekommen – nacheinander Honig, Melasse, Zucker, Butter, Joghurt, Milch und zwei Becher mit Kräutern ins Feuer kippt, dazu noch einen Krug Wasser hinterher, steigt eine dicke weiße Rauchwolke hoch. Genau wie es sein soll…

Ich bin so irritiert von den unvermuteten Spannungen um mich, dass ich nicht in die Visualisierung komme. Und das, wo ich schon die halbe Grüne-Tara wegen der Deutschen Bahn verpasst habe. Jetzt läuft auch noch das Riwo Sangchö nicht rund. Wie ärgerlich!

Damit der Karma-Effekt von Riwo Sangchö wirklich funktioniert, muss nicht nur rezitiert, gesungen und geopfert werden – was Suriyel in Perfektion beherrscht – sondern auch noch visualisiert.

Und das bedeutet in Riwo Sangchö – wie bei allen Tantra-Praktiken – nicht, einfach noch nebenher ein nettes Filmchen im Kopf abzuspielen, sondern durch einen bewussten Akt der energetischen Transformation zu einem Bodhisattva zu werden: einem erleuchteten Heiligen, der freiwillig Wiedergeburt auf Wiedergeburt annimmt, um alle leidenden Wesen befreien zu können.

Im Zustand dieser bewusst gehaltenen visuellen Selbsttransformation werden die Speisen geopfert: aber das, was da ins Feuer wandert, sind nicht einfach nur Lebensmittel. Damit sie die formlosen Wesen im Bardo, alle Naturgeister, Buddhas und Bodhisattvas nähren können, müssen sie energetisch in „Weisheitsnektar“ verwandelt werden, einer magischen Substanz, die jedem der vielen verschiedenen Gäste genau das gibt, woran es mangelt.

Diese Verwandlung der Speiseofper erfolgt durch Zauberkraft – und Zaubersprüche: Dem Mantra „Om ah hum“ und dem Mantra „Nama sarva tatagaté…“ das, um seine volle magische Wirkung zu entfalten, von einer festgelegten Abfolge von Mudras – rituellen Handbewegungen – begleitet wird.

Wenn man Riwo Sangchö – und alle anderen Tantra-Praktiken – als das praktizieren möchte, was sie ihrem Ursprung nach sind – Magie – muss man für sich akzeptieren, zum Zauberer oder zur Zauberin zu werden.

Und man muss akzeptieren, dass das, was man da rituell einlädt, wirklich existiert. All diese formlosen Wesen im Bardo, die Naturgeister, Buddhas, Bodhisattvas sind mitten unter uns. Nur sind wir so sehr in unserem limitierten Alltagsgeist gefangen, dass wir sie nicht wahrnehmen können.

Was an unseren Verstrickungen mit ihnen – und dem daraus für alle Beteiligten resultierenden Leid – nichts ändert.

Deshalb suchen Menschen seit den Ursprüngen unseres Geschlechts diese Barrieren unseres beschränkten Denkens und Wahrnehmens zu überwinden. Schamanen gab es zu allen Zeiten – und es wird sie bis ans Ende der Menschheit geben. Denn das, was sie tun, ist die elementarste aller menschlichen Tätigkeiten: sie bringen Lebensenergie ins Gleichgewicht.

Dass das ein anspruchsvoller Job ist, versteht sich von selbst.

Und dass es dabei manchmal etwas unruhiger zugeht, auch. Manchmal raucht es sogar – und nicht nur ein bisschen…

Trotz aller Widrigkeiten – und der fehlenden Visualisierung – sind wir irgendwann im Flow, alles um uns glüht vor Energie.

Ob Gäste kommen oder nicht, entzieht sich leider meiner Kenntnis, denn – wie gesagt – ich „sehe“ nichts.

Hinterher finde ich: wir haben das Beste draus gemacht.

Und die Zentrumsfrau lobt Suriyel, weil er diesmal statt der üblichen 90 Minuten bereits nach sozialverträglichen 45 Minuten mit seinem Riwo Sangchö fertig ist.

Als ich um fünf Uhr Abends wieder im Zug nach Leipzig sitze – der abermals Verspätung hat, wenn auch diesmal nur eine halbe Stunde – texte ich Suriyel: „Das war der Tag des Widerstandes.“

„…oder der Möglichkeiten“, kommt es zurück.

Oder so…

Höheres Tantra

Im Buddhistischen Zentrum finde ich mich – obwohl verspätet – überraschend befriedet ein. Während Suriyel seine Grüne Tara praktiziert, reflektiere ich über das Prinzip neurotischen Leidens und die Herausforderungen der Tantrapraxis für alle Beteiligten…

Als ich am Sonntag aus dem U-Bahnschacht in Berlin-Mitte haste, ist es schon nach 12 Uhr Mittags. Ich bin mehr als eine Stunde zu spät dran für die Praxis im Buddhistischen Zentrum – vielen Dank an die Deutsche Bahn!

Schon seit dem Aufwachen bin ich im Widerstands-Modus. Die zäh dahinfließenden Minuten im still stehenden Zug mit Blick auf die Pampa Brandenburgs ließen mich innerlich vor Wut kochen. Ich musste die Konzentration meiner kompletten Zen-Praxis aufbringen, um nicht einen armen unschuldigen Mitreisenden ohne Anlass anzugiften.

„So wird das nie was!“, denke ich verzweifelt. Wie soll ich eine anspruchsvolle tibetisch-buddhistische Praxis wie die „Grüne Tara“ lernen, wenn ich nur höchstens zwei Mal im Monat teilnehme und dann auch noch regelmäßig zu spät komme?

Ich sehe mich die nächsten Jahre meines Lebens – hilflos der Deutschen Bahn ausgeliefert – zwischen Leipzig und Berlin hin und her pendeln, ohne irgendwelche Fortschritte in meiner Meditationspraxis vorweisen zu können. Ein moderner weiblicher Sisyphos, verurteilt zu ewiger sinnloser Anstrengung.

Zu meiner Verblüffung verfliegen Wut, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in dem Moment, in dem ich neben Suriyel im großen Schreinraum auf das Meditationskissen sinke.

Er und das binäre Wesen sind die einzigen, die gerade die Grüne Tara praktizieren. Sie sind schon in der zweiten Hälfte der Praxis angelangt.

Ich sitze still da, höre zu, nehme verblüfft meine plötzliche innere Friedfertigkeit zur Kenntnis – und siniere dabei über das Prinzip buddhistischer Praxis.

Buddha lehrte, dass alles Leiden auf drei Wurzelgifte zurückzuführen ist: Gier, Hass und Ignoranz. Wenn uns diese Emotionen dominieren, leiden wir. Das Leben fühlt sich falsch und ungerecht an. Wir erleben uns als Opfer böser äußerer Mächte, die uns etwas antun und damit verhindern, dass wir glücklich sind.

Dabei entscheiden wir in jedem Moment selbst darüber, ob wir leiden oder nicht. Solange ich einverstanden bin mit dem was ist, gibt es kein Leid – auch wenn das sehr provokativ klingt, angesichts all des Unrechts und der Gewalt in dieser Welt.

Die Wurzel dieses Problems liegt, so nehme ich an, nicht in der buddhistischen Philosophie begründet, sondern in deren Übersetzung.

Dass wir glauben, „Akzeptanz“ wäre gleichbedeutend mit „etwas gut finden“, hat vermutlich etwas mit unserer sprachlichen – und kulturellen – Konnotation zu tun.

Der Buddhismus und seine Philosphie stammen aus einem anderen Kulturkreis. Die Übersetzung von Begriffen und Konzepten ist deshalb immer eine Herausforderung. Im Buddhismus ist die Haltung der Akzeptanz nicht gleichbedeutend damit, moralisch einverstanden zu sein.

Es beschreibt einfach nur eine radikale Haltung der Annahme von Realität: die Dinge sind in diesem Moment genau so, wie sie sind. Punkt!

Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, wie genial diese Haltung ist. Wie befreiend es ist, sich nicht mehr als Opfer der Umstände fühlen zu müssen.

Dass ich dem Prinzip nach verstanden habe, worum es in meiner Praxis geht (oder das zumindest glaube), bedeutet nicht, dass ich in der Lage bin, diese Haltung der Akzeptanz von Realität konsquent einzunehmen. Im Gegenteil – wie der Text oben und die vorhergehenden Blogeinträge beweisen.

Mit dem Ergebnis, dass ich leide. Nicht an tibetisch-buddhistischer Praxis, einem unperfekten buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte oder der Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn – sondern an meinen Neurosen!

Wir alle tragen in vielen Schichten, bis hinunter in unser Unbewusstes, fixe Ideen mit uns herum, wie unser Leben und unsere Umwelt zu sein haben, damit wir glücklich sein können. Das ist einfach das Prinzip unserer Conditio Humana. Evolutionsbiologisch scheint diese Form der inneren Selbstorganisation mit Vorteilen für das Überleben unserer Spezies einherzugehen.

Dummerweise dient die Evolutionsbiologie der effektiven Weitergabe von Genen – Lebensglück ist kein Thema für sie.

Deshalb sind wir „Überlebensmaschinen“ und gleichzeitig prädestiniert für seelisches Leid.

Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Konzepte vom „guten Leben“ umzusetzen in der Hoffnung, „glücklich“ zu sein und ahnen nicht, dass wir einfach nur neurobiologischen Gesetzmäßigkeiten folgen, die uns und unseren Nachkommen das Überleben sichern.

Es gibt natürlich eine Schnittstelle zwischen „Glück“ und evolutionären Überlebensmustern: Solange alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, kommen wir weder mit Leid noch mit unseren beschränkten Konzepten in Berührung.

Das fühlt sich gut an, läuft aber – so Buddha – unter „Ignoranz“.

In dem Moment, in dem die Realität den inneren Ansprüchen entgegenläuft, ist es vorbei mit der Zufriedenheit. Wir reagieren mit Widerstand, Kränkung, Verzweiflung, Kontrollstreben, Wut etc. = wir „leiden“.

Und suchen verzweifelt nach dem Notausgang: „Das fühlt sich gerade alles so völlig falsch und schrecklich an – ich will hier raus!!!“

Und dabei ist genau diese Erfahrung so unendlich wertvoll! Sie ist der Schlüssel, um Ignoranz hinter sich lassen zu können, und wirklich im Hier und Jetzt anzukommen. Nur diese extremen Frustrationserfahrungen, das Leiden an den Begrenzungen und Ungerechtigkeiten des Lebens, befreit.

Denn das, was sich oberflächlich so gut anfühlt – zu bekommen was man will, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, abgeschirmt zu sein von den Zumutungen der Existenz – erweist sich langfristig als „Goldener Käfig“.

Der Kokon unserer Konzepte wird, je länger wir darin vergraben sind, zu einem Gefängnis, dass uns von der Realität – und damit vom Leben – trennt.

Im Ergebnis fühlt sich unsere Existenz fade an. Wir haben das Gefühl, nicht mehr richtig am Leben teilhaben zu können. Wir sind zu Zaungästen von Freude, Lust und Spontanität geworden, zu Konsumenten der aufregenden Leben anderer.

Der Preis für Sicherheit und Berechenbarkeit ist Depression.

Diesen Zustand beendet kein Zaubertrick. Wieder ins Leben zurückzufinden, ist harte Arbeit.

Denn der einzige Weg, Zugang zur eigenen Vitalität – und damit zur Vitalität aller Existenz zu finden – führt durch den Prozess der Annahme dessen, was ist.

Mehr noch: der Annahme dessen, was ich bin: der eigenen Limitierungen, der eigenen Ängste – und der eigenen Schwächen.

Und dabei geht es nicht nur um die „allzu menschlichen“ Aspekte der eigenen Persönlichkeit, sondern auch um tief sitzende charakterliche Mängel.

Hinter all diesen „Schatten“ der eigenen Persönlichkeit, die man sich selbst in den dunkelsten Stunden nur kurz und verschämt ansehen möchte, steht letztendlich immer eine Urangst: die Angst vor der eigenen Vernichtung.

Und genau dort setzen die anspruchsvollsten Techniken buddhistischer Meditation an.

Im Gegensatz zu den basalen Praktiken – wie das Singen oder Rezitieren von Mantras, die den Geist beruhigen und friedlich stimmen – haben Praktiken des Höheren Tantra einen disruptiven Effekt: sie „zerlegen“ das Ego.

Gnadenlos.

Dass ich, in dem Moment an dem ich beschloss, Riwo Sangchö und auch noch Grüne-Tara lernen zu müssen, mit den allerunschönsten Seiten meiner Persönlichkeit konfrontiert wurde, gehört zum „Trainingsprogramm“.

Wäre es anders, würde etwas falsch laufen.

Normalerweise dauert diese erste exzessive Phase des hilflosen Um-sich-Schlagens nicht allzu lange. Ich bin „durch“, erkenne ich, während ich still Suriyel lausche, der gerade das Abschlussgebet der Grünen-Tara anstimmt.

Was danach kommt, ist auch nicht vergnüglicher – im Gegenteil – aber immerhin habe ich schon mal den ersten Bewährungstest bestanden.

Ich habe nicht aufgegeben, sondern bin immer noch dabei!

Trotz schlafloser Nächte, unendlicher autoaggressiver Gedankenkreisel, äußeren Widerständen – und einem handfesten Krach mit Suriyel. Auch der hat den Bewährungstest bestanden und nicht aufgegeben. Obwohl mein hysterisches Ego mit allerlei schmutzigen Tricks versucht hat, ihn dazu zu bewegen, mich vor die Tür zu setzen.

Wir wissen eben beide, wie das Spiel läuft: nicht nur die, die die Praxis lernen, müssen zäh sein. Auch die, die sie vermitteln, haben einiges aushalten.

So sind die Regeln für alle, die zum Höheren Tantra berufen sind. Es ist ein unendlicher Leidens- und Lernprozess – für alle Beteiligten…

Wächter

Bei meinem zweiten Besuch im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum versuche ich mich in der Grünen-Tara-Praxis, bin ein weiteres Mal irritiert darüber, dass ich keine Gästen während Riwo Sangchö „sehe“ und muss akzeptieren, dass mich wieder einmal mein „Innerer Wächter“ davon abhalten will, Fortschritte in meiner Meditationspraxis zu machen…

Am nächsten Sonntagmorgen nehme ich wieder den ICE nach Berlin. Meine zweite Reise in das Tibetisch-Buddhistische Zentrum fühlt sich schon fast wie Routine an.

Im Pavillon im großen Innenhof, in dem letzten Sonntag die Praxis stattfand, heftet gerade eine Gruppe von Frauen handgeschriebene Zettel an ein Whiteboard. Irgendeine Weiterbildung, vermute ich.

Wo findet diesmal die Praxis statt?

Ich wandere suchend umher. Im Flur des Haupthauses treffe ich auf das binäre Wesen von letztem Sonntag. Es trägt wieder Batik und weist mir den Weg in den zentralen Schreinraum des Zentrums.

Der ist groß und schön, sehe ich beim Eintreten – und noch ein halber Rohbau. An der Stirnseite steht ein prächtiger tibetisch-buddhistischer Altar vor einer weiß gestrichenen Wand, aber die anderen Seitenwände sind unverputzt, der Dachstuhl ist noch nicht verschallt.

Suriyel hat schon alles vorbereitet. Außer ihm ist nur noch eine einzelne Frau im Raum. Dann kommt auch noch das binäre Wesen dazu und nimmt neben der großen Trommel Platz.

Ich setze mich ebenfalls hinter ein Schreintischchen, auf dem bereits der Rezitationstext der Grünen-Tara-Praxis liegt. Heute, habe ich während der Herfahrt beschlossen, praktiziere ich das erste Mal mit. Nur immer passiv zuzuhören, während Suriyel die Arbeit macht, ist unangemessen.

Hier im Zentrum bin ich mit den traditionellen schmalen Textstreifen konfrontiert, die ich normalerweise nur von tibetischen Lamas kenne. Sie haben mich schon bei meinem ersten Aufenthalt letzten Sonntag während des Riwo Sangchö ins Schleudern gebracht.

Suriyel musste mir zeigen, wie man umblättert – sie werden, wenn die Vorderseite rezitiert ist, nach oben geklappt, dann kann die Rückseite gelesen werden. Trotzdem verlor ich nach kurzer Zeit den Überblick und brachte die Blätter durcheinander.

Diesmal ergeht es mir nicht besser: Rezitiert wird der tibetische Text, der in Lautschrift in lateinischen Buchstaben unter den tibetischen Schriftzeichen steht. Darunter befindet sich eine englische Übersetzung. Die muss ich mir in Ruhe zuhause durchlesen, in dem Tempo, das Suriyel vorlegt, schaffe ich es nur mit größter Mühe, wenigstens ansatzweise dem tibetischen Text zu folgen.

Ich haste mit den Augen von Zeile zu Zeile, meine Zunge stolpert über komplizierte Silben. Wieder einmal merke ich, was für ein ausgezeichnetes Konzentrationstraining die Rezitation tibetisch-buddhistischer Texte ist: sobald mein Geist auch nur eine Sekunde abschweift, verliere ich die Zeile oder zerschelle an einzelnen Silben.

Dazu wird der Text nicht einfach Zeile für Zeile durchgearbeitet. Einzelne Passagen werden mehrmals widerholt. Dann muss mehrere Seiten zurückgeblättert werden – immer so, dass der Text nicht versehentlich verkehrt herum gedreht wird – und wenn ich den Anfang der Passage gefunden habe, ist Suriyel schon wieder zwei Seiten weiter und ich finde die richtige Zeile nicht, weil er alles in rasender Geschwindigkeit auf Tibetisch rezitiert und singt.

Zwischendurch wird auch noch der Text gewechselt – ich blättere und sortiere, suche nach den richtigen Zeilen, falle über komplizierte Silben und bin, als wir nach zwei Stunden am Ende angekommen sind, völlig erschöpft.

Und dabei ist die Rezitation und das Singen des Textes nur ein Aspekt der Praxis. Dazu kommt Meditation: in der Grünen-Tara-Praxis gibt es einen Abschnitt, in dem in offenem Gewahrsein meditiert wird, dazu noch eine ausführliche Meditationspraxis mit dem spezifischen Mantra der Grünen Tara.

Und oben drauf muss zu all dem Rezitieren, Singen und Meditieren auch noch visualisiert werden. Das „Drehbuch“ für den Film, inklusive der Emotionen, die begleitend aufgerufen werden müssen, findet sich im Text. Für Westler gibt es eine englische Übersetzung, in der alles Schritt für Schritt erklärt wird. Man muss sie nicht nur auswendig lernen, sondern auch noch im Kopf haben, an welcher Stelle der Zeremonie welche Bilder und Emotionen abgerufen werden müssen.

Tantra ist eine anspruchsvolle und vorraussetzungsreiche Angelegenheit. Vor allem für uns im Westen, denke ich mir, während ich die Textstreifen wieder in die richtige Reihenfolge bringe und dem binären Wesen überreiche. Tibeter haben es leichter: sie verstehen zumindest, was sie tun.

Als ich das in der Pause zwischen Grüner-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu Suriyel sage, widerspricht er mir: für tibetische Muttersprachler wären die sakralen Rezitationstexte völlig unverständlich. Die dort verwendete Sprache hätte mit dem üblichen Alltagstibetisch so gut wie nichts gemein. Und Übersetzungen in modernes Tibetisch wären nicht üblich. Wir Westler wären tibetischen Praktizierenden gegenüber im Vorteil, weil wir über die englischen Übersetzungen verfügen, die uns detailiert erklären, was korrekterweise zu tun sei.

Das tröstet mich etwas. Daran, dass ich noch sehr viel Arbeit, Zeit und Mühe investieren muss, bis ich die Praxis irgendwann beherrschen werde, ändert das leider nichts.

Während Suriyel von irgendwo eine riesige Plastiktüte mit all seinem Equipement für das Riwo Sangchö herbeischleppt, plaudere ich ein bisschen mit dem binären Wesen, das im übrigen ganz bezaubernd ist. Auf den halben Rohbau-Zustand des Schreinraums angesprochen, erklärt es mir, das Buddhistische Zentrum wäre wie der Kölner Dom: wenn an einem Ende endlich etwas fertig wäre, sei am anderen Ende schon wieder was kaputt. Und wirklich, die schöne Holzterrasse zum kleinen verwunschenen Innenhof, auf der Suriyel gerade seine große Feuerschale platziert, ist an einzelnen Stellen schon wieder morsch.

Bevor Suriyel die Kohlen anzündet, ruft er zu meiner Erheiterung wieder bei der Feuerwache um die Ecke an und meldet, dass es unter der genannten Adresse wegen eines Rituals zu erhöhter Rauchentwicklung kommen wird.

Auf einem kleinen Altar, der vor der Terrasse im Schreinraum platziert ist, hat Suriyel acht kleine Näpfe mit Wasser, einer Blume, einer Kerze und Räucherstäbchen aufgereiht. Sie symbolisieren verschiedene Gegenstände, mit denen die Gäste, die wir zum Festmahl erwarten, willkommen geheißen werden.

In der Ablagefläche darunter hat er die Speiseopfer gestellt, die er später während des Zeremoniells verbrennen wird.

Nachdem wir wieder alle vier Platz genommen haben – das binäre Wesen schlägt abermals die Trommel – beginnt das Zeremoniell. Riwo Sangchö ist einfacher als die Grüne-Tara-Praxis: es gibt weniger Text, der Aufbau ist übersichtlicher, die Melodien sind eingängig und werden langsamer gesungen. Außerdem habe ich es schön öfter praktiziert. Im Retreathaus am Ende der Welt beginnt Uriel jeden Tag mit einem Riwo Sangchö, es ist mir deshalb schon ein wenig vertraut.

Ich versuche also, während ich singe und das Mantra rezitiere, auch noch zu visualisieren. Aber wieder ergeht es mir nicht besser als beim Riwo Sangchö am vorherigen Sonntag hier im Zentrum: ich „sehe“ keine Gäste.

Und dabei vibriert alles um uns vor Energie! Wir sind gerade richtig im Flow – genau wie es sich gehört. Dazu produzieren die Thuja-Zweige, die Suriyel auf die glühenden Kohlen gelegt hat, dicke Rauchschwaden und seine Opfergaben sind vom Feinsten.

Während ich, zusammen mit den anderen, wieder und wieder im Singsang das Mantra rezitiere, schaue ich auf den Boden und versuche gleichzeitig, mein „Drittes Auge“ zu justieren. Das kann ja wohl nicht sein, dass da nichts ist? Normalerweise kommen sie immer!

Aber ich „sehe“ keine wie auch immer gearteteten Wesen, Gestalten, Gottheiten, Naturgeister – what´s ever – um die Feuerschale herum auftauchen. Gibt es hier keine oder ist heute einfach nicht mein Tag?

Als wir fertig sind, fühle ich mich seltsam leer und unzufrieden. Dabei war es wieder einmal so ein schönes Ritual: niemand beherrscht es in dieser Perfektion wie Suriyel.

Auf dem Weg zurück nach Leipzig beschließe ich, dass mir gerade mein arrogantes Ego einen Streich spielen will: es mault und tobt Tag und Nacht in meinem Kopf, seit ich beschloss, in Suriyels Buddhistischem Zentrum Riwo Sangchö – und jetzt auch noch Grüne Tara – zu lernen. Es spielt sicher gerade ein böses Spiel mit mir, in der Hoffnung, ich könne die Lust an der Praxis verlieren und einfach nicht mehr hinfahren.

Je größer der Gewinn einer Praxis, desto extremer der Widerstand, lautet die Faustformel. https://www.water-runs-east.eu/sieben-der-waechter/

Schizophrene Beziehungskrise

Die Entscheidung, im Buddhistischen Zentrum in Berlin regelmäßig Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö zu praktizieren, beschert mir eine heftige „Beziehungskrise“ zwischen meinem kontrollbedürftigen Ego und meiner intuitiven Inneren Stimme….

Der Besuch am Sonntag im Buddhistischen Zentrum hat mir gut getan. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Am Montag bin ich regelrecht befriedet, mein arrogantes Ego ist abgetaucht. Am Dienstag bin ich immer noch gut gelaunt, während mein Ego schweigend schmollt.

Am Mittwochmorgen brauche ich garnicht erst auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen. Ich muss noch nicht mal nach dem Aufwachen mein Bett verlassen, um zu realisieren, dass dieser Tag schon gelaufen ist, bevor er überhaupt begonnen hat.

Mein widerständiges Ego hat den Schock der intensiven Praxis vom Sonntag überwunden und ist bereit für einen neuen Frontalangriff. Es will mit allen Mitteln verhindern, dass ich noch einmal nach Berlin fahre, um mit Suriyel Grüne Tara und Riwo Sangchö zu praktizieren. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Es lamentiert, klagt, droht und beschimpft mich – oder besser meine intuitive Innere Stimme, die ihm den Schlamassel eingebrockt hat.

Es gibt Phasen in meinem Leben, in denen sich mein Ego und meine intuitive Innere Stimme gut verstehen. Wenn meine intuitive Innere Stimme dafür sorgt, dass alles so läuft, wie sich das mein Ego wünscht, ist es ihr sogar sehr zugetan.

Aber wehe, die intuitive Innere Stimme entscheidet sich für irgendwas, was dem Ego Angst macht. Und das passiert schnell: mein Ego ist – wie alle Egos – extrem ängstlich. Es will Kontrolle, immerzu, in allen Situationen, sonst dreht es hohl.

Im Gegensatz zu meiner intuitiven Inneren Stimme: die ist komplett furchtlos. Mehr noch: das ständige Katastrophisieren des Egos ist ihr ein Rätsel.

Dazu sind die beiden auch noch völlig verschieden: mein Ego ist komplett an Sprache gebunden. Es braucht logische Erklärungen, will argumentativ überzeugen – und überzeugt werden – und lässt nur stehen, was in vertraute und bewährte Konzepte passt. Es ist intelligent, intellektuell beschlagen, sprachlich gewandt – und gleichzeitig engstirnig, unflexibel und bar jeder Phantasie. Kurz: es ist ein ängstlicher bildungsbürgerlicher Spießer.

Meine intuitive Innere Stimme dagegen kann mit Logik, Argumenten und Konzepten nichts anfangen. Planen, Bewerten, Ziele formulieren – wofür soll das gut sein? Das Leben macht eh was es will! Kontrolle ist Illusion, erklärt sie dem ängstlichen Ego wieder und wieder. Und so etwas wie Tod gibt es nicht!

Denn das ist die größte Furcht des Egos: dass die intuitive Innere Stimme in ihrer völligen Blindheit für die Konsequenzen etwas tut, was ihm das Leben kosten könnte.

Für diese Situationen hat das ängstliche Ego einen siebten Sinn: es riecht regelrecht, wenn die intuitive Innere Stimme wieder mal in größter Naivität Entscheidungen trifft, die sein Überleben bedrohen.

Suriyels tibetisch-buddhistisches Zentrum und die Meditationspraxis, die er anbietet, hat genau die Qualitäten, die alle Alarmsirenen meines Egos schrillen lassen.

Und das Ego kennt die intuitive Innere Stimme gut: es muss schließlich schon sein ganzes Leben mit ihr klar kommen. Es hat aus bitterer Erfahrung gelernt, dass die sich von ihm nichts sagen lässt. Und dass der intuitiven Inneren Stimme im Zweifelsfall das Wohlbefinden des Egos komplett egal ist.

Dass das tibetisch-buddhistische Zentrum mit Konsequenzen für sein Wohlergehen einhergehen wird, kann sich das Ego an seinen 10 Fingern abzählen. Auf beruhigende Sprüche wie „Du musst Dich nicht aufregen, wir fahren da ein paar Mal hin und dann ist es gut!“, fällt das Ego nicht mehr rein. Die hat es in den letzten Jahren zu oft gehört – und was war?

Erst hieß es: „Wir praktizieren ein bisschen Traum-Yoga, damit wir besser schlafen können.“

Und auf einmal fand es sich in einem schmuddeligen Retreathaus mitten im Odenwald wieder und musste zwei Jahre Ngöndro-Praxis ertragen.

Mit allen Konsequenzen für sein Seelenheil: für ein fragiles spießiges Ego sind Meditationstechniken, in denen es der intuitiven Inneren Stimme dabei zusehen muss, wie die visualisiert, der gemeinsam bewohnte Körper würde sterben, alles Fleisch würde von den Knochen gesägt werden, die Schädelschale werde zum Suppenkessel, die Haare zum Brennmaterial, Fleisch und Innereien zur Suppeneinlage und wenn alles gut gekocht ist, bekommen es die Buddhas, Bodhisattvas und Dhakinis serviert, ein einziger Albtraum.

Auch damals war ihm gesagt worden: „Keine Panik, mehr wird es nicht werden!“

Und dann?

Hatte die dämliche intuitive Innere Stimme inmitten 140 Teilnehmern mit gewohnter Zielsicherheit ausgerechnet Uriel ausgewählt, dem die E-Mail-Adresse in die Hand gedrückt und um Aufnahme in seinen Verteiler gebeten. https://www.water-runs-east.eu/hypnotized/

Es kam, wie es kommen musste: die Einladung zum Vajra-Armor-Mantra-Retreat entzückte die intuitive Innere Stimme und trieb das kontrollwütige Ego in den Wahnsinn. https://www.water-runs-east.eu/no-muggles/

Das Ego mutete Uriel damals einiges zu: es wollte kein Mantra, es wollte keine Zuflucht nehmen, es wollte partout überhaupt nichts von allem, was sich da auf einmal auftat. Uriel ertrug mit Würde alle hysterischen Mails, widmete auch den dümmsten Einwänden noch seine freundliche Aufmerksamkeit, lies sich von allen Versuchen meines Egos, die Sache durch gezielte Blödheit an die Wand zu fahren, nicht beeindrucken – und am Ende fand sich das völlig verzweifelte Ego als Buddhistin in einem komplett bizarren Boundary-Retreat mit einem Haufen Röcke tragender singender Männer wieder. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Die Konsequenzen waren so zahlreich wie tiefgreifend: Drei Jahre später war das Ego sein bequemes Leben, seinen Status und all die Annehmlichkeiten los, die ihm so wichtig gewesen waren. https://www.water-runs-east.eu/spalt/

Als einziger Trost war ihm erklärt worden, mehr als das Vajra-Armor-Mantra würde es nie ertragen müssen.

Und was war?

Im März gleich drei zornvolle Praktiken hintereinander! Am Schluss stand es mit einer zornvollen schwarzen Göttin da, die seitdem ununterbrochen im Unterleib vor sich hin tanzt. Mit den entsprechenden Konsequenzen für den Energiehaushalt und die Dominanz der intuitiven Inneren Stimme. https://www.water-runs-east.eu/vierzehn-wolf/

Und wieder als einziger Trost das Versprechen, dass jetzt aber wirklich Schluss wäre: Vajra-Armor-Mantra, Throma-Praxis, dazu täglich Zazen – das wäre genug. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Aber dann fand es sich statt in einem Wanderurlaub auf einem Selbsterfahrungstrip wieder – und kurz danach in einem tibetisch-buddhistischen Zentrum in Berlin-Mitte. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

„Und da wunderst Du Dich, dass ich Dir nicht mehr über den Weg traue?“, tobt und schreit es meine intuitive Innere Stimme an. „Ständig werde ich hier belogen und betrogen! Alles was Du machst ist kompletter Wahnsinn und ich muss mit den Konsequenzen leben! Dabei bin ICH die Stimme der Vernunft! Und du spinnst!“

Erste Praxis

Meine erste Praxis in einem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum geht mit konfusen Eindrücken einher…

Das Buddhistische Zentrum ist weit größer, als es von Außen den Anschein hat. Es besteht nicht nur aus einem Gebäude, wie ich es erwartet hatte, sondern aus einem ganzen Gebäudeensemble. Ich sehe mich um: wo muss ich hin?

Auf einer großen Tafel im Eingangsbereich wird verkündet, dass heute ein „Schweige-Retreat“ stattfindet. Mehr Information gibt es nicht.

Ich wandere suchend umher, entdecke durch ein Fenster eine Gruppe Menschen in stiller Meditation vertieft – wohl das Schweige-Retreat – biege um eine Ecke und stoße zu meiner Erleichterung in einem großen Innenhof auf Suriyel.

Er befindet sich in Begleitung eines rundlichen binären Wesens mit Knebelbart und in Batikkleidung.

Ich begrüße Suriyel, stelle mich seiner Begleitung vor, und bekomme den Weg in den Schreinraum gewiesen.

Der ist schön, das muss selbst mein dämliches Ego zugeben. Meditationskissen gibt es auch, sogar in rauen Mengen, dazu bequeme Sitzunterlagen und Schreintischchen oben drauf. Mein Ego ist verstimmt, dass es nichts zu meckern gibt.

Ich nehme Platz und harre der Dinge, die da kommen werden. Während Suriyel alles für das Ritual vorbereitet, tröpfeln nach und nach die anderen Teilnehmer herein. Am Ende sind wir zu fünft – inklusive des binären Wesens.

Dann geht es los: Suriyel rezitiert, singt und opfert, die anderen machen mit – ich sitze einfach nur da. Ich bin wegen des Riwo Sangchö hier, die Grüne Tara nehme ich mit, habe ich beschlossen. Zwei lange Praxiseinheiten hintereinander sind mir zu anstrengend. Außerdem ist es ein Genuss, Suriyel zuzuhören, der mir gegenüber sitzt. Er macht das richtig schön. Genau, wie beim ersten Mal, als ich mit ihm praktizieren durfte. https://www.water-runs-east.eu/gruene-tara/

Obwohl ich passiv bin, geht die Praxis nicht spurlos an mir vorüber: irgendwann schmerzt meine ganze linke Körperhälfte zum Gotterbarmen. Was das Ritual in mir auslöst, weiß ich nicht zu sagen. Irgendwas triggert mich, sonst würde ich hier nicht gerade so sehr auf meinem Kissen leiden. Ich versuche mich in Akzeptanz, senke den Blick und konzentriere mich auf meinen Atem und den Raum um mich herum. Aber was ist das?

Direkt vor mir steht auf einmal eine riesige Grüne Tara! Ihr Kopf reicht bis zur Decke, sie hat beide Arme erhoben, dazu ein Bein.

Ihre Energie hebt mich regelrecht von meinem Sitzkissen.

Das kann ja wohl nicht sein! Ich habe schließlich nicht visualisiert! Ich sitze einfach nur da, lausche einer Praxis, die ich überhaupt nicht kenne, denke an nichts und trotzdem ist da auf einmal diese Göttin. Noch dazu ist das Bild ist von erstaunlicher Stabilität. Normalerweise muss ich mich konzentrieren, um eine Visualisierung so konstant zu halten. Jetzt bin ich einfach nur irritiert – das Bild bleibt.

Außerdem ist diese Grüne Tara schlammgrün. Hätte ich sie bewusst visualisiert, wäre meine Grüne Tara flaschengrün, ich bin mir sicher. Diesen wenig attraktiven Grünton würde ich niemals für eine buddhistische Göttin wählen, er widerspricht meiner Ästhetik.

Was ist hier los? „Sehe“ ich auf blöd Suriyels Grüne-Tara-Visualisierung? Ist so etwas möglich?

Das schlammgrüne Drei-D-Bild samt der überwältigenden Energie bleibt stabil fast bis zum Schluss des Rituals in der Mitte des Raumes stehen. Erst als Suriyel das Abschlussgebet anstimmt, verschwindet sie.

Völlig erschlagen flüchte nach dem Ende des Zeremoniells in den Innenhof. Der ist gerade besetzt: mit verklärten Gesichtern wandeln dort die Teilnehmer des Schweigeretreats in der warmen Mittagssonne. Den Zustand kenne ich gut, so geht es mir auch immer während meiner Zen-Retreats. Das sind heilige – und hart ersessene – Momente.

Es dauert ein bisschen, bis Suriyel alles für das Riwo Sangchö hergerichtet hat. Dafür lässt er sich nicht lumpen: nur das Beste für die Gäste!

Während Uriel im Retreathaus am Ende der Welt auf eine praktische nepalesische Fertigmischung zurückgreift, gibt es hier alles frisch: Butter, Joghurt, Milch, Honig, Melasse, Zucker, dazu Räucherwerk und einen Krug Wasser. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Wir nehmen vor der Hausmauer im Innenhof Platz. Der Wind zerrt an der großen Trommel und lässt die Praxistexte flattern.

Bevor er die Kohle in der großen Feuerschale anzündet, telefoniert Suriyel zu meiner Erheiterung mit der örtlichen Feuerwehr: wegen eines Rituals würde es unter dieser Adresse zu Rauchentwicklung kommen.

Wie sich herausstellt, eine vernünftige Maßnahme, denn der Rauch, den Suriyel produziert, ist vom Feinsten. Er hat einen großen Sack Thuja-Zweige mitgebracht, die er auf die glühenden Kohlen legt. Es raucht und qualmt, dass es eine Freude ist.

Unter den abwesenden Blicken der stumm vor sich hin wandelnden Schweigeretreat-Teilnehmer singen wir die tibetischen Texte des Opfer-Rituals. Das gebatikte Wesen schlägt die große Trommel dazu. Als wir bei der Opferung angekommen sind, rezitieren wir alle das Mantra, während Suriyel die Opfergaben auf das Feuer legt.

Ich genieße das Ritual und die Energie, die uns umgibt, während ich wieder und wieder das Mantra rezitiere. Allerdings bin ich irritiert, weil ich keine Gäste „sehe“. Das hatte ich eigentlich erwartet, denn so bin ich es gewöhnt: Spätestens wenn das Opfer dargebracht wird, tauchen halb transparente Wesen in allen Formen und Variationen auf, die sich über das Dargebotene freuen. Diesmal spüre ich tiefe Freude in meinem Herzen – aber weit und breit ist nichts und niemand um die Opferschale herum zu erkennen oder zu spüren.

Seltsam!

Erst „sehe“ ich gegen jede Logik und Erfahrung eine Grüne Tara – und dann „sehe“ ich keine Gäste, obwohl die da sein müssten?

Ob es am Buddhistischen Zentrum liegt? Allzuviele Naturgeister werden sich in Berlin-Mitte wohl nicht rumtreiben. Und vielleicht sind alle formlosen Wesen im Bardo bereits durch die viele Praxis hier erlöst und die Buddhas und Bodhisattvas haben gerade etwas Besseres zu tun?

In dem Moment merke ich, dass ich gerade dabei bin, mir schräge Geschichten auszudenken. Die vielen neuen Reize und Eindrücke überfordern mein Gehirn.

Ich verordne mir selbst Schweigen, helfe – nachdem wir fertig sind – aufräumen, bedanke ich mich bei Suriyel und eile heimwärts.

Das Buddhistische Zentrum

Ich beuge mich meiner intuitiven Inneren Stimme und mache mich auf den Weg in ein Tibetisch-Buddhistisches Zentrum, um Riwo Sangchö zu lernen, während in mir ein Gewittersturm tobt…

Irgendwo in der Innenstadt Berlins befindet sich ein Buddhistisches Zentrum. Versteckt im Innenhof liegt es in einer Ecke der Stadt, die grau, trist und fade ist.

So kommt es mir zumindest vor, als ich aus dem U-Bahn-Schacht trete. Nach ein paar Metern biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein. Suriyel hat mir den Weg beschrieben.

Während ich durch das morgendlich stille Viertel laufe, denke ich über die Absonderlichkeit der aktuellen Situation nach. Es war ausgerechnet Suriyel gewesen, der mir zum Besuch des Nationalparks von Bialowieza geraten hatte. Und das sicher nicht mit dem Ziel, mich deshalb eines Sonntags in seinem Schreinraum vorzufinden. https://www.water-runs-east.eu/?p=3124&preview=true

Ich hatte ihn um einen Tipp für einen Wanderurlaub in Polen gebeten, und er – der aus Warschau stammt – empfahl mir den letzten Urwald Europas.

Und dann komme ich nicht aus einem Wanderurlaub, sondern von einer extremen Grenzerfahrung zurück – und das auch nur halb – und bin damit konfrontiert, dass ich dringend Riwo Sangchö lernen muss. https://www.water-runs-east.eu/zehn-riwo-sangchoe/

Und der einzige für mich erreichbare Ort, an dem ich Riwo Sangchö lernen kann, ist ausgerechnet Suriyels Buddhistisches Zentrum in Berlin. Jeden Sonntag bietet er hier „Grüne Tara-Praxis“ an – und danach Riwo Sangchö.

Das ich brauche, nicht nur zu meinem Wohl, sondern auch zum Wohl anderer. Wer immer diese „Anderen“ auch sein mögen… https://www.water-runs-east.eu/gedenken/

Das ist einer der Punkte in dieser ganzen schrägen Geschichte, über den ich nicht genauer nachdenken möchte. Das ist mir zu spekulativ, zu esoterisch und zu heikel.

Überhaupt finde ich gerade alles schwierig und anstrengend. In mir tobt – seit ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, ins Buddhistische Zentrum zu fahren – ein Gewittersturm.

„Widerstand“ nennt sich das, was da in mir abgeht, im Achtsamkeitsmeditations-Fachjargon. Jeder Praktizierende kennt die höchst schmerzhafte und verstörende Erfahrung, in der Stille der Meditation auf einmal mit einem Amok laufenden Ego konfrontiert zu sein.

An welchem Punkt das Ego austickt, ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Es hängt davon ab, was biographisch und strukturell als „Kontrollverlust“ erlebt wird.

Bei mir ist es die bunte esoterische Praxis des tibetischen Tantra.

Dass ich gerade dabei bin, das erste Mal in meinem Leben ein tibetisch-buddhistisches Zentrum zu betreten, lässt mein Ego buchstäblich die Wände hochgehen.

Während ich eine Baustelle umrunde, die den Gehweg blockiert, lausche ich der wütenden Dauerklage meines egozentrischen Geistes.

Ich versuche, ihm mit Argumenten zu kommen. „Pfadabhängigkeit“ nennt sich das, womit er gerade konfrontiert ist. Prozesse folgen ihrer eigenen inhärenten Logik. Ob es ihm passt, oder nicht.

Es passt ihm nicht!

Mein Ego will das alles nicht! Wortreich erklärt es mir, dass es kein Orange mag, und auch kein Gold, Ornamente völlig überflüssig sind und kein vernünftiger Mensch Riten brauche! Und überhaupt: Berlin! Und dann auch noch Berlin-Friedrichshain! Wenn es wenigstens Unter-den-Linden wäre! Aber nein! Ausgerechnet hier! Und dann auch noch tibetisch-buddhistische Praxis!

„Warum“, fragt es mich völlig entnervt, „musst Du Dich immer zum Idioten machen? Du bist gesegnet mit Bildung, Kultur und guten Umgangsformen, beherrscht Konversation und Lebensart – und dann willst Du ausgerechnet da hin? Bist Du komplett bescheuert?“

Mein Ego – das weiß ich schon lange – liebt Zen. Zen ist ästhetisch, elitär und über jeden esoterischen Chichi erhaben. In meinem gepflegten Zen-Retreathaus ist mein Ego ganz bei sich, glücklich und zufrieden. So wie dort, findet es, sollte all meine Meditations-Praxis sein. Zen entspricht meiner Herkunft, meinem Bildungsstand und meinem Lebensstil.

Nur, leider leider, besteht meine intuitive Innere Stimme seit Jahren darauf, dass Zen zu wenig ist. Meine intuitive Innere Stimme liebt Tantra. Uneingeschränkt. Die Praxis, all das Mantra-Gesinge, die Riten – sogar das Orange und die goldenen Ornamente.

Und in meinem Leben bestimmt meine intuitive Innere Stimme, was geschieht, und nicht mein arrogantes Ego. Was dem überhaupt nicht passt. Und dann macht es Drama. So wie jetzt!

Den wüsten Beschimpfungen meines Egos lauschend, sehe ich auf einmal jenseits einer hohen Mauer bunte tibetische Gebetsfahnen flattern. Ich bin da.

Exakt zwei Stunden dauert es, um von meiner Haustür in Leipzig bis zum Metalltor des Buddhistischen Zentrums zu kommen, stelle ich mit einem Blick auf die Uhr fest.

Und das alles, weil ich gezwungen bin, Riwo Sangchö zu lernen. Und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig.

„Halt jetzt endlich die Klappe!“, herrsche ich mein maulendes Ego an. „Wir ziehen das jetzt durch, ob es Dir passt oder nicht!“

Damit atme ich tief durch und betrete den Innenhof.