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	<title>Bialowieza Archive - Water runs East</title>
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	<description>Berichte von den Grenzen des Ich</description>
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	<title>Bialowieza Archive - Water runs East</title>
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		<title>Fazit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jul 2023 06:43:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich vermisse meine Seele, die im Nationalpark von Bialowieza zurückgeblieben ist, ziehe ein erstes &#8211; esoterisches &#8211; Fazit meiner Urwald-Reise und fasse einen Entschluss&#8230; Mein Leben in Leipzig ist wieder Business as usual: Ich meditiere täglich und treffe genauso regelmäßig Maria. Tagsüber sitze ich am Schreibtisch, arbeite vor mich hin und versuche dabei, den üblichen [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich vermisse meine Seele, die im Nationalpark von Bialowieza zurückgeblieben ist, ziehe ein erstes &#8211; esoterisches &#8211; Fazit meiner Urwald-Reise und fasse einen Entschluss&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-3129" width="611" height="458" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-Abendsonne-zwei-676x507.jpg 676w" sizes="(max-width: 611px) 100vw, 611px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph"> Mein Leben in Leipzig ist wieder Business as usual:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich meditiere täglich und treffe genauso regelmäßig Maria. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Tagsüber sitze ich am Schreibtisch, arbeite vor mich hin und versuche dabei, den üblichen Unfrieden in der verwunschenen Untermietwohnung auszublenden. Wenn mir das nicht mehr gelingen will, radle ich an einen der Seen im Leipziger Umland und schreibe &#8211; in der Hängematte liegend &#8211; auf dem iPad weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles wie gehabt&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur: irgendwie ist zwar mein Körper wieder aus dem Urwald zurückgekehrt &#8211; aber nicht meine Seele. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wandert weiterhin Nacht für Nacht im Traum durch den Nationalpark.  Begleitet von Geistern, formlosen Wesen und Dämonen ist sie auf der Flucht, auf der Suche &#8211; was genau geschieht, kann ich nicht sagen, dafür sind die intensiven Traumbilder zu wirr und zu kryptisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist, als ob ich &#8222;an der Grenze&#8220; festhängen würde. Ein unangenehmes Gefühl: ich will schließlich &#8222;Da&#8220; sein! Dafür meditiere ich seit Jahren &#8211; und das normalerweise durchaus erfolgreich. Und auf einmal fühle ich mich, als wäre ich zweigeteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich versuche, diese Grenzerfahrungen, die mich immer noch gefangen halten, zu strukturieren:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am einfachsten zu fassen ist die pyhsische Grenze: ein fünf Meter hoher Zaun zwischen Polen und Belarus, gekrönt mit Stacheldraht, bewacht von schwer bewaffnetem Militär. Das Grenzregime dient der Abwehr von Flüchtlingen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Womit ich bei der nächsten Grenze angekommen bin: der zwischen Zivilisation und Barbarei. An der Grenze, die quer durch den Nationalpark von Bialowieza führt, enden EU und NATO. Hier bin ich dem &#8222;Schatten&#8220; von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit begegnet: der eigenen Bevölkerung gegenüber zivil, Fremden gegenüber brutal. Der Tod von Flüchtlingen auf der anderen Seite des Zaunes und im Sumpfland des Nationalparks wird billigend in Kauf genommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu kommen all die schrecklichen Grausamkeiten, die hier in der Vergangenheit geschehen sind: ich wanderte, inmitten phantastischer Natur, von einem Mahnmal zum nächsten: hier wurden 222 Dorfbewohner erschossen, da 900 jüdische Männer, in der Sperrzone eine unbekannte Zahl Partisanen, die Ränder der Wege werden nicht &#8211; wie in Deutschland &#8211; von Kreuzen für Verkehrsopfer, sondern für von Scharfschützen niedergemähte sowjetische Soldaten geziert. Dazu die Überreste niedergebrannter Dörfer in Wäldern und Heiden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Hitlerowoow&#8220; &#8211; wie die deutsche Besatzung hier umschrieben wird &#8211; hat tiefe Spuren hinterlassen. Und das, was ich sah, war nur die Oberfläche, markiert durch eine institutionalisierte Erinnerungskultur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tiefe &#8211; glaubte ich zu spüren und zu &#8222;sehen&#8220; &#8211; ist der Schmerz so vielschichtig, differenziert und dicht wie die unendlich vielen Geruchsmoleküle, die der uralte Wald verbreitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Schmerz befindet sich auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze.  Abgetrennt nicht durch eine physische Barriere, sondern durch eine energetische. Und hinter diesem seltsamen Grenzregime scheint meine Seele festzuhängen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgendwie &#8211; so kommt es mir zumindest vor &#8211; haben im Urwald von Bialowieza die Gesetze von Zeit und Raum ihre Bedeutung verloren. Es gibt dort kein &#8222;Gestern&#8220; und &#8222;Heute&#8220;. Es gibt nur ein einziges großes &#8222;Jetzt&#8220;, in dem alles, was jemals in diesem Wald geschehen ist, aufzugehen scheint. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>&#8222;&#8230;und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod&#8230;&#8220;</em> heißt es im Herz-Sutra. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauso ist es dort: einerseits ist im Urwald &#8222;Tod&#8220; bedeutungslos. Nichts dort stirbt wirklich, alles ist einfach nur beständiger Wandel: jede Pflanze, jeder Organismus, jedes Tier, jeder Mensch ist einfach nur Energie. &#8222;Tod&#8220; ist lediglich ein Wechsel der Energie-Frequenz. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nie zuvor bin ich an einem Ort gewesen, der eine solche Vitalität verströmt. Alles im Urwald von Bialowieza ist Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und gleichzeitig bin ich noch nie zuvor an einem Ort gewesen, an dem es so viel &#8222;Tod&#8220; gibt: der Urwald ist ein einziges Schlachtfeld! Baumriesen werden von Pilzen gefällt, Wisentkinder von Wölfen gerissen. Jedes Jungtier, das im Wald geboren wird &#8211; von der winzigsten Insektenlarve bis zum Elchkalb &#8211; muss einem ganzen Heer von Feinden standhalten, wenn es überleben will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass ist die Quintessenz meiner Erfahrung: es gibt keinen Tod &#8211; und gleichzeitig ist er überall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Grunde, sinniere ich weiter, ist &#8222;Tod&#8220; dort greifbar, wo er mit Schmerz und Leid verbunden ist. Auf der energetischen Ebene handelt es sich um eine Art &#8222;Blockade&#8220;, der natürliche Fluß der Transformation scheint gestört zu sein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">All diese Symbole für Leid und Tod, mit denen ich im Nationalpark konfrontiert wurde &#8211; der Grenzzaun, der Schädel des Wisentkindes, all die Mahnmale und Gedenktafeln für die Opfer von Kriegsverbrechen &#8211; markieren Orte und Geschehen, an denen Lebensenergie aus dem Gleichgewicht geraten ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fazit: Ich wurde an einen Ort urwüchsiger Vitalität geschickt, der mit Symbolen energetischer Blockaden gespickt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin mir bewusst, dass das so esoterisch wie weltfremd klingt. Aber leider bin ich so gestrickt. Ich funktioniere komplett intuitiv. Mir ist weder politische Durchschlagkraft noch zivilgesellschaftlicher Aktionismus gegeben &#8211; so sehr ich das auch bedauere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzdem bin ich aufgefordert, etwas zu unternehmen. Im Rahmen dessen, was mir möglich ist. <br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich denke an das Versprechen, dass ich den formlosen Wesen an der Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes im Wald von Bialowieza gab: dass ich wiederkommen und Riwo Sangchö für sie praktizieren würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, schreibe ich am nächsten Morgen eine Textnachricht an Suriyel: Wann er denn in seinem Buddhistischen Zentrum die nächste Grüne-Tara-Praxis und Riwo Sangchö anbieten würde? Und ob es für ihn in Ordnung wäre, wenn ich dazu käme?</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Nächsten Sonntag&#8220;, kommt es zurück. Und wenn es mir nicht zu mühsam wäre, so weit zu fahren für ein bisschen Praxis, wäre ich willkommen&#8230;</p>
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		<title>Abschied von der Grenze</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Jul 2023 07:07:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich lasse alle Grenzen des Urwalds von Bialowieza hinter mir und kehre zurück nach Leipzig&#8230; Ein letztes Mal besuche ich den enthusiastischen Kellner im alten Holzhaus. Nach einer Portion polnischem Kartoffelkuchen in Pilzrahmsauce mache ich mich auf den Heimweg. Das Wasser der Narewka leuchtet im Abendlicht. Die Storchenkinder in den großen Nestern auf den Dächern [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich lasse alle Grenzen des  Urwalds von Bialowieza hinter mir und kehre zurück nach Leipzig&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-3126" width="516" height="387" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Zelt-676x507.jpg 676w" sizes="(max-width: 516px) 100vw, 516px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Ein letztes Mal besuche ich den enthusiastischen Kellner im alten Holzhaus. Nach einer Portion polnischem Kartoffelkuchen in Pilzrahmsauce mache ich mich auf den Heimweg. Das Wasser der Narewka leuchtet im Abendlicht. Die Storchenkinder in den großen Nestern auf den Dächern und Laternenmasten entlang der Dorfstraße schlafen schon.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> In der Ferne erklingt das hysterische Bellen von Hunden, während sich die letzten Vögel in den hohen Bäumen zur Ruhe begeben. Vom Info-Gelände des Nationalparks dröhnen die Generatoren der mobilen Kaserne. Aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser am Straßenrand fällt Licht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich dahinwandere, sage ich dem Ort &#8222;Auf Wiedersehen&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist fünf Uhr morgens, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt krieche. Nach einer Katzenwäsche und drei Tassen Instantkaffee baue ich das Zelt ab, packe Schlafsack und Isomatte ein und stopfe alles in den Kofferraum des kleinen Dacia.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um kurz vor sechs Uhr biege ich auf die Hauptstraße in Richtung Warschau ein. Das Dorf scheint noch zu schlafen, außer mir ist niemand unterwegs. Wieder geht es kilometerlang durch einen grünen Tunnel aus hohen Bäumen. Ich habe, trotz der morgendlichen Kühle, alle Fenster geöffnet, der Fahrtwind trägt ein letztes Mal den unglaublichen Waldgeruch zu mir herein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Beseelt von der Natur lasse ich die letzten Bäume hinter mir &#8211; und bin mit einem Mal mit einer Sraßensperre konfrontiert! Ein Polizeiwagen blockiert die Gegenfahrbahn. Auf meinem Fahrstreifen stehen zwei Polizisten mit Pistolen im Halfter, einer schwenkt eine Kelle. Ich bringe meinen Wagen vor ihnen zum Stehen und beobachte, wie einer der Polizisten langsam um mein Auto herum geht und dabei eine Art langen Stab an die Karosserie hält. Während ich noch versuche, aus dem Procedere schlau zu werden, winkt mir der Polizist mit der Kelle zu: ich kann weiterfahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fümf Kilometer danach, an der Kreuzung zur Bundesstraße, das selbe Schauspiel. Diesmal ist es Militär, das mich kontrolliert. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bin ich heilfroh, dass wir vorgestern bei unserer morgendlichen Wanderung  durch die Sperrzone, entgegen Wlodzimierz Ankündigung, keine Flüchtlinge getroffen haben. Wenn ich gebeten worden wäre, jemanden im Auto bis nach Warschau mitzunehmen, hätte ich das selbstverständlich getan. Mit dramatischen Folgen, so wie es aussieht. Auf die Idee, dass nicht nur die Grenze, sondern auch alle Ausfallstraßen aus dem Nationalpark überwacht werden, wäre ich wieder einmal nicht gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Stunde nach meinem Aufbruch setzt zwischen den kleinen Dörfern der morgendliche Berufsverkehr ein. Jetzt geht es langsamer vorwärts. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Um zehn Uhr bin ich am Rande Warschaus angelangt. Kurz vor dem Flughafen tanke ich, kreise erst zweimal um die beiden &#8211; glücklicherweise bescheidenen &#8211; Terminals bis ich die korrekte Tiefgarageneinfahrt gefunden habe und stelle um elf Uhr mit einem erleicherten Seufzer den kleinen Dacia auf dem Parkplatz des Autovermieters ab. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Im dortigen Büro im ersten Stock des Ankunftsterminals herrscht großer Andrang. Ein Angstellter nimmt mir einfach Schlüssel und Papiere ab, ohne mich irgendwas unterschreiben zu lassen. Was mit meiner Kaution wäre? Er müsse sich erst das Auto ansehen, wenn alles in Ordnung ist, bekäme ich das Geld zurück. Ich überlege kurz, ob ich auf etwas Schriftliches bestehen soll, komme mir unglaublich deutsch dabei vor &#8211; und lasse es bleiben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach kurzem Herumirren finde ich in der großen Ankunftshalle den Zugang zur S-Bahn. Glücklicherweise gibt es eine Direktverbindung zum Bahnhof Warsaw Gdanska. Von dort geht pünktlich um zwölf Uhr mein EC nach Frankfurt/Oder. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am frühen Abend ist meine Reise zu Ende. Gegenüber dem Bahnhof grüßt vom Dach des Einkaufszentrum der vertraute gelbe Schriftzug &#8222;Willkommen in Leipzig&#8220;. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin wieder da. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein Schock!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Sinne laufen geradezu Amok. Die Luft ist grauenhaft, das Licht fahl, der Geschmack auf der Zunge widerlich. Alles fühlt sich seltsam künstlich an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dabei wandere ich gerade &#8211; den schweren Rucksack über den Schultern &#8211; durch das wunderschöne Waldstraßenviertel. Links und rechts der breiten Straßen werfen mächtige alte Bäume ihre Schatten auf prächtige Jugendstilfassaden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und doch: Alles um mich erscheint mir unbeseelt und von erschreckender Leblosigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Irgend etwas ist mit mir geschehen, während ich an der Grenze war&#8230;</p>
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		<title>Kein Riwo Sangchö im Urwald</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Jul 2023 06:37:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister&#8230; Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie. Während meines [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister&#8230; </h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-3070" width="525" height="394" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Mahnmal-vier-676x507.jpg 676w" sizes="(max-width: 525px) 100vw, 525px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während meines zweiten Aufenthalt ist der kleine Campingplatz von Bialowieza noch leerer als bei meinem ersten: abgesehen von einem Wohnmobil aus den Niederlanden und einem VW-Passat mit Hannoveraner Kennzeichen und Dachzelt bin ich alleine auf der kleinen Wiese.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hier ist das komplette Gegenteil von Overtourism. Schön für die wenigen, die sich hierher verirren &#8211; bitter für die Einheimischen, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer Tasse Instantkaffee und ein paar Bissen altbackenem Brötchen bin ich halbwegs wach. Daran, dass ich mich heute wie achzig fühle, ändert das Frühstück leider nichts. Alle Glieder schmerzen, die Brustmuskulatur ist so verspannt, dass sich jeder Atemzug wie Arbeit anfühlt. Auf dem Rasen vor meinem Mini-Zelt absolviere ich ein paar Yoga-Übungen &#8211; vergebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Steifbeinig wanke ich in den Waschraum und inspiziere vor dem fleckigen Spiegel meine Augenringe. Dafür, dass gerade der zehnte &#8211; und letzte &#8211; Tag meines Urlaubs beginnt, sehe ich richtig fertig aus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe extrem schlecht geschlafen. Und es war nicht die unbequeme Isomatte, die mich um meine nächtliche Ruhe gebracht hat. Irgendwas habe ich geträumt. Im Traum war es Nacht, ich war im Wald und um mich waren Leid, Verzweiflung, Gewalt und Tod.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich setze mich noch mal in den Freisitz neben meinem Zelt, koche mir eine weitere Tasse Instant-Kaffee und überlege, während ich die heiße Brühe trinke, was zu tun ist. Irgendwas steht an. Nur was?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schließlich fasse ich einen Entschluss. Aus den Tiefen des Treckingrucksacks krame ich eine zerknautschte Schachtel mit Räucherstäbchen, schiebe das Feuerzeug in die Hosentasche, stopfe Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme und Insektenspray in den Tagesrucksack und mache mich auf den Weg in den Supermarkt. Mit vier Grablichtern im Gepäck wandere ich von dort auf der langen Hauptstraße bis zum anderen Dorfende von Bialowieza.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch ist die Temperatur gut auszuhalten, aber die Sonne sticht bereits vom Himmel. Heute soll es es zweiunddreißig Grad heiß werden. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ist das kein Vergnügen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die letzten Häuser hinter mir liegen, nehme ich wieder den Weg, der mich vor drei Tagen bis zur Grenze nach Belarus geführt hat. Erst ein Stück die &#8222;Wildtierautobahn&#8220; quer durch die Heide entlang, dann geht es rechterhand auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein bis zur befestigten Forststraße, auf der die Armeefahrzeuge verkehren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich folge ihr in Richtung Grenze. Nach etwa fünfhundert Metern taucht auf der linken Seite ein halbhohes Mäuerchen zwischen den Bäumen auf. Dahinter befindet sich eine Gedenkstätte. Ich hatte sie am Montag kurz in Augenschein genommen, bevor ich zur Grenzbefestigung weitergelaufen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit lautem Quietschen öffnet sich das gußeiserne Tor. Zwischen den bröckelnden Betonplatten wuchert Unkraut, links und rechts des Weges steht der Farn hüfthoch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Anlage selbst ist ein seltsames Sammelsurium aus Gedenkstätte und Friedhof. Auf der linken Seite befindet sich etwas, das wohl ein offizielles Mahnmal darstellt: ein architektonisch ambitionierter geschwungen aufsteigender Betonbogen in rot, der rechter Hand in einer hohen grauen Betonsäule mündet. In der Mitte des Betonbogens ist ein großes Kreuz und auf der Betonsäule eine beschriftete Steintafel angebracht. Bei meinem ersten Aufenthalt las ich nur das inzwischen vertraute &#8222;Hitlerowoow&#8220; und &#8222;1942&#8220;. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt mache ich mir die Mühe und tippe den ganzen Text in den Google Translater:</p>



<pre id="tw-target-text" class="wp-block-preformatted">"Dieser Ort ist durch das Blut von 222 Einwohnern von Bialowieza und Umgebung geheiligt, die am 14. August und 24. Dezember von Hitlerow ermordet wurden."</pre>



<p class="wp-block-paragraph">Links neben dem Mahnmal befindet sich ein großer grauer Obelisk, davor ist eine graue Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Aufschrift in den Boden eingelassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Rechts neben dem Mahnmal steht ein großes orthodoxes Holzkreuz mit den typischen drei Querbalken,  eingerahmt von jeweils drei kleinen Grabmalen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Nebeneinander von katholischen und orthodoxen Kreuzen ist mir in den letzten Tagen schon während meiner Wanderungen durch die kleinen Ortschaften aufgefallen. Meist stehen sie einträchtig nebeneinander, ab und zu findet man das eine am Dorfeingang, das andere am Dorfausgang. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch hier scheint den von der deutschen Besatzung Ermordeten vereint und gleichzeitig getrennt gedacht zu werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Boden ist durch das Blut der Opfer geheiligt&#8230; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine seltsame Formulierung. Sie lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass genau hier, an dieser Stelle, im August und an Weihnachten 1942 222 Menschen ermordet wurden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich befinde mich am Tatort eines Massenmordes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um mich ist vollkommene Stille, als ich ein Grablicht nach dem anderen aus dem Rucksack ziehe. Dazu die schmale lila Schachtel mit den japanischen Räucherstäbchen, die ich aus einem Impuls heraus beim Packen in Leipzig in die Seitentasche des Rucksacks steckte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während in den Bäumen die Vögel singen, Insekten in den blühenden Brombeerranken summen und mich Mücken umschwirren, wandere ich von Grabmal zu Grabmal. Ich kippe Regenwasser und ertrunkene Käfer aus alten Grablichthaltern, werfe die ausgebrannten Plastikhüllen in meinen Rucksack, stelle jeweils eine frische Kerzen hinein, zünde den Docht an und stecke die Abdeckung wieder darauf, damit der Wind die Flamme nicht ausbläst. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich die vier Kerzen verteilt habe, gehe ich noch einmal von Grab zu Grab und platziere jeweils ein paar brennende Räucherstäbchen davor. Dazu singe ich das Vajra-Armor-Mantra. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ganze Zeit über bin ich mir sicher, dass ich nicht alleine bin. Ich fühle sie mehr als ich sie sehe: schwache halbtransparente Wesen, die mich aus den Schatten der dunklen Tannen heraus, die hinter den orthodoxen Gräbern aufragen, beobachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich spüre ihre unendliche Trauer. Und einen Schmerz, der mir den Atem nimmt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und da ist noch mehr. Viel mehr, ich bin mir sicher! Nur kann ich das &#8211; was immer es auch sein mag &#8211; in meinem aktuellen Zustand weder fühlen noch sehen. Und viel anzubieten habe ich den Wesen, die an diesem Ort ausharren, leider auch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein paar Kerzen und Räucherstäbchen, dazu ein wenig Mantra-Gesang. Viel zu wenig für einen Ort, an dem sich Leid, Schmerz, Verzweiflung und Wut geradezu in die Erde hineingefressen haben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Platz hier bräuchte ein Riwo Sangchö!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ganz Bialowieza bräuchte unendlich viele Riwo Sangchö!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich fühlt es sich so an, als fehle das traditionelle tibetische Rauchopfer, mit dem die Buddhas, Bodhisattvas, Naturgeister und formlosen Wesen im Bardo genährt werden, an allen Ecken und Enden: in der Sperrzone, im Sumpfland, an der schrecklichen Grenzmauer. Und an all den Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden. Denn dieser hier ist nur einer von vielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das einzige, was ich anzubieten weiß, sind ein paar Kerzen, Räucherstäbchen und ein bisschen Gesinge. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei habe ich sogar den Text des Rauchopfers dabei! Suriyel hatte ihn mir Anfang Mail als pdf geschickt, er ruht in der Datei meines ipads im Kofferraum des kleinen Dacia. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur leider bringt mir der Text alleine wenig: ich kenne weder die verschiedenen Melodien noch weiß ich genau, wie die Speiseopfer im Feuer dargebracht werden müssen, damit alle Gäste gesättigt werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich, mein Mantra singend, die Gräberreihe auf und ab wandere, bis die Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt sind, erinnere ich mich an die Begeisterung, die wir im Mai im Retreathaus am Ende der Welt mit unserem Riwo Sangchö bei all den Wesen, die dort lebten, auslösten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau so wie dort müsste es auch hier sein. Dann wäre es gut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich meinen Rucksack schultere, glaube ich die Frustration all der hilflosen Wesen zu spüren. Sie möchten den Bardo verlassen, aber dafür müssen sie genährt werden. Das, was ich ihnen gegeben habe, war viel zu wenig! </p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und leiste allen formlosen Wesen, die an diesem schrecklichen Ort gefangen sind, ein Versprechen: ich werde wiederkommen. Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen, nach allen Regeln der Kunst, wie es sich gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur muss ich es vorher lernen&#8230;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/">Kein Riwo Sangchö im Urwald</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">Water runs East</a>.</p>
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		<title>Baumriesen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Jul 2023 07:22:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich lerne von Wlodzimierz, dass Buddhas Leitspruch &#8222;Leben ist Leiden&#8220; auch für die Urwaldriesen von Bialowieza gilt &#8211; und dass es in der Tiefe keinen Tod gibt, genau wie es im Herz-Sutra geschrieben steht&#8230; Was für Bäume! Ach was! Was für BÄUME! Wlodzimierz führt mich durch das Allerheiligste des Nationalparks wie ein Küstner durch die [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich lerne von Wlodzimierz, dass Buddhas Leitspruch &#8222;Leben ist Leiden&#8220; auch für die Urwaldriesen von Bialowieza gilt &#8211; und dass es in der Tiefe keinen Tod gibt, genau wie es im Herz-Sutra geschrieben steht&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3041" width="516" height="688" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Urwaldriese-1-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 516px) 100vw, 516px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Was für Bäume!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ach was! </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was für BÄUME!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wlodzimierz führt mich durch das Allerheiligste des Nationalparks wie ein Küstner durch die ihm anvertraute Wallfahrtskirche. Er scheint jeden der alten Baumriesen mit Vor- und Zunamen zu kennen und weiht mich großzügig in ihre Familiengeschichten ein. Seit mehr als fünfzig Jahren, erfahre ich, geht er in der Sperrzone ein und aus. Er hat Stürme erlebt, Trockenheiten, Überschwemmungen, Mastjahre und Hungerjahre, hat Bäume wachsen und Bäume sterben sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen dreihundert und vierhundert Jahre sind die mächtigen Bäume alt, erklärt er mir. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wlodzimierz, stellt sich heraus, ist nicht nur der Hüter der Bäume, sondern auch ihr Totenwächter. Auf schmalen Pfaden führt er mich von Baumleiche zu Baumleiche. Vor jedem mit Moos überzogenen Riesen, der auf dem mit Gras überwuchterten Waldboden vor sich hinmodert, bleiben wir stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Eiche, erklärt er mir, fällte ein Sturm im Frühjahr 1974. Er hatte leichtes Spiel: das Mark des etwa 400 Jahre alten Baumes war von einem Pilz zersetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Früher oder später&#8220;, doziert Wlodzimierz, &#8222;stirbt jeder Baum an einen Pilz.&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei seien Pilze nicht die Feinde des Waldes, sondern die Basis seiner Existenz. Ohne Pilze, erklärt er mir, würde kein Totholz zersetzt werden, könne kein neues Leben entstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir bleiben vor einem anderen gefällten Baumriesen stehen: einer riesigen Esche, die buchstäblich in sich zusammengebrochen ist. Die Eschen und Ulmen des Nationalparks, erfahre ich, sterben wie alle ihre Artgenossen in Europa an zwei eingeschleppten Pilzen. Der eine greife die Wurzeln an und verhindere, dass die Baumkronen mit Wasser versorgt werden, der andere unterbinde den Nährstofftransport im Bast, so dass die Zucker der Photosynthese nicht mehr zu den Wurzeln gelange. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen den mächtigen Bäumen klaffen Lücken. Die niedergemähten Riesen liegen &#8211; von winzigen Schmarotzern gefällt &#8211; kreuz und quer auf dem Waldboden. Ich bin Zeugin eines stillen Massakers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Aber&#8220;, referiert Wlodzimierz, während wir andächtig vor diesem Schlachtfeld stehen, &#8222;ihre Baumleichen schützen im Tod die Sprößlinge und sorgen dafür, dass neue Bäume wachsen können.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und richtig: die riesigen umgestürzten Stämme mit ihren mehrere Meter in die Höhe ragenden kahlen Ästen bilden eine natürliche Barriere. In ihrer Mitte wachsen junge Eichen, Hainbuchen, Ahorne, Eschen und Ulmen heran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungeschützt durch das tote Altholz, erklärt mir Wldozimierz, haben die Baumschösslinge keine Chance. Sie werden sofort von den Hirschen und Wisenten verbissen. </p>


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<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_c861c3-17"><div class="kt-inside-inner-col">
<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3046" width="156" height="207" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Waldbienen-Totholz-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 156px) 100vw, 156px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_7db50b-11"><div class="kt-inside-inner-col">
<p class="wp-block-paragraph">Wir machen einen Abstecher in das Unterholz. Dort liegt eine Fichte, in deren Korpus eine Spalte für einen Wildbienenstock gesägt wurde. Diese Technik der Honiggewinnung wurde 1894 verboten, nachdem der Zar den Wald  von Bialowieza gekauft hatte. Irgendwann Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts muss irgendein Mensch diese Fichte hinaufgeklettert sein und hat auf der Höhe von fünf bis zehn Metern dieses Loch gesägt.</p>
</div></div>

</div></div>


<p class="wp-block-paragraph">1980 beendeten  Borkenkäfer das Leben der Fichte. Seitdem fault ihr Stamm vor sich hin. Gezeichnet von einem Menschen, der wohl schon lange vergessen ist.<br><br>So wandern wir kreuz und quer durch den Wald. Wlodzimierz erkennt jede Vogelstimme, kann jedes Kraut und jeden Pilz benennen und weiß die wunderlichsten Geschichten zu erzählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hier wären &#8222;Dachstoiletten&#8220; erklärt er mir, und zeigt mir am Wegesrand immer wieder Löcher, in denen Kot und schillernde Käferflügel liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehrmals finden wir auf dem Trampelpfad Spuren von Wölfen. Sie markieren ihr Revier wie Hunde, erklärt mir Wlodzimierz. Beeindruckt betrachte ich die Abdrücke der riesigen Pfoten und langen Krallen. Dazwischen sind in der aufgewühlten Erde kleine Pfotenabdrücke zu erkennen: ein Wolfswelpe hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Da Abdrücke sind frisch, die Erde noch nicht angedrocknet. Das Rudel ist nur wenige Minuten vor uns hier den Weg entlang gelaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter einer mächtigen alten Kiefer liegt ein großer Haufen Tannenzapfen. Das sei eine &#8222;Spechtschmiede&#8220;. Wlodzimierz zeigt auf eine Spalte in der Rinde auf etwa drei Metern Höhe. Dort würde ein Buntspecht die Zapfen hineinstecken, die Samen herauspicken und nach getaner Arbeit die Reste auf den Boden werfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überhaupt die Spechte: Ornitologen aus der ganzen Welt kommen nach Bialowieza, erfahre ich, weil hier alle europäischen Spechtarten zuhause sind, auch der Weißrücken- und der Dreizehenspecht. Ich habe weder von dem einen noch von dem anderen jemals zuvor gehört.</p>


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<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_d9ee72-d0"><div class="kt-inside-inner-col">
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-3049" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Biberburg-676x507.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_ebc27c-30"><div class="kt-inside-inner-col">
<p class="wp-block-paragraph">An einer großen Biberburg machen wir Rast. Bis vor fünfzehn Jahren wäre das hier ein schmaler Bach gewesen, wird mir erklärt. Dann wären die Biber gekommen, hätten den Damm gebaut und dieser Sumpf wäre entstanden. Ich bin beeindruckt: was zwei winzige Biber alles anrichten können!</p>
</div></div>

</div></div>


<p class="wp-block-paragraph">Genau genommen, präzisiert Wlodzimierz, ist die gesamte Auenlandschaft des Nationalparks ein Werk der Biber. Es wären ihre Dämme gewesen, die vor vielen tausend Jahren das Wasser der Bäche und Flüsse gestaut hätten. Genau so, erklärt er mir, entstehen Sümpfe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Biber schufen die Sümpfe und Wisente und Hirsche die lichten Laubwälder, die einst ganz Europa bedeckten. Dann legten die Menschen die Sümpfe trocken und rodeten den Wald. Der letzte Rest dieses urzeitlichen Waldes befindet sich hier, im äußersten Osten Polens und im Westen von Belarus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin wieder einmal erstaunt über meine naiven &#8222;Natur-Phantasien&#8220;. Wenn etwas &#8222;geschaffen&#8220; ist, muss es in meiner Logik immer durch Menschenhand  geschehen sein. Dass Biber riesige Sümpfe und Wisente und Hirsche Auenwälder &#8222;machen&#8220;, war bisher jenseits meiner Vorstellungskraft. &#8222;Natur&#8220; war das, was einfach da ist, wenn der Mensch nichts tut. Dass auch andere Geschöpfe ihre Umwelt tiefgreifend gestalten und verändern können, hatte ich nicht auf dem Plan. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wlodzimierz erträgt meine völlige Ahnungslosigkeit mit Würde.</p>


<div class="kb-row-layout-wrap kb-row-layout-id_c3a990-24 alignnone wp-block-kadence-rowlayout"><div class="kt-row-column-wrap kt-has-2-columns kt-row-layout-right-golden kt-tab-layout-inherit kt-mobile-layout-row kt-row-valign-top">

<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_2ee875-14"><div class="kt-inside-inner-col">
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-3052" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Denkmal-Sperrzone-676x507.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_07193e-d6"><div class="kt-inside-inner-col">
<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Rückweg zum Zarentor laufen wir an einer Gedenktafel vorbei. Ich entziffere &#8222;Hitlerowoow&#8220; und &#8222;1941-1944&#8220;.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wlodzimierz sieht mir dabei zu, wie ich die Tafel fotographiere.</p>
</div></div>

</div></div>


<p class="wp-block-paragraph">Was denn da stünde, frage ich ihn. Er antwortet ausweichend. Schlimme Dinge wären im Wald passiert, damals im Krieg. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bohre nicht weiter nach, es ist offensichtlich, dass er nicht mit mir darüber sprechen möchte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir laufen schweigend ein paar Minuten nebeneinander her. &#8222;Damals war hier Armageddon,&#8220; unterbricht er mit einem Male die Stille. &#8222;Und heute haben die Ukrainer Armageddon.&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wechselt er abrupt das Thema, indem er meine Aufmerksamkeit auf Flechten lenkt, die am Wegesrand auf einem umgestürzten Baumstamm wachsen. Sie wären ein Beleg für die ausgezeichnete Luftqualität im Urwald: kein Lebewesen reagiere empfindlicher auf Schwermetalle und Stickoxide als diese Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Algen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz darauf sind wir wieder auf dem Hauptweg &#8211; und im vorderen Teil der Sperrzone &#8211; angelangt. Von weitem kommt uns eine Gruppe Menschen entgegen. Im ersten Moment denke ich: Flüchtlinge! Aber es ist eine Touristengruppe, angeführt von einer blonden Polin, die den gleichen eingeschweißten Ausweis um den Hals trägt wie Wlodzimierz. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist kurz nach elf Uhr, als wir das mächtige Zarentor hinter uns lassen und aus dem schattigen Wald auf die breite Forststraße und in die pralle Sonne treten. Als Wlodzimierz sich am Parkplatz von mir verabschiedet, bin ich völlig erschlagen. Die sechs Stunden Führung waren der komplette Informations-Overkill! Gefühlt hat mir mein kluger Guide jeden Baum, jedes Blümchen und jeden Pilz der Sperrzone namentlich vorgestellt, dazu noch all die Geschichten über Mensch und Tier &#8211; ich habe richtig was geboten bekommen für meine 700 Zloty.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich habe wahnsinnig viel gelernt, stelle ich auf der Fahrt zum Campingplatz fest. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wichtigste: ich weiß jetzt, dass es so etwas wie &#8222;tot&#8220; in der Natur nicht gibt! Ein Baum hört nicht auf zu existieren, nur weil er umstürzt und vermodert. Er bleibt durch all die Pilze, Flechten, Moose, Insekten in seinem Holz weiter &#8222;lebendig&#8220; und schützt dazu mit seinem mächten Leib den Nachwuchs. Es gibt nicht den definierten Moment, an dem ein Baum aufhört zu existieren. Er wird einfach nur Teil von etwas anderem, das lebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Weisheit rezitiere ich Morgen für Morgen nach der Meditation im &#8222;Herz-Sutra&#8220;: &#8222;&#8230;und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod&#8230;&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bisher waren das nur Worte. In der Tiefe hat mir dieser Satz nie etwas gesagt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis heute. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Für den Rest meines Lebens werde ich von jetzt an jeden Morgen, wenn ich das &#8222;Herz-Sutra&#8220; rezitiere, an Wlodzimierz denken &#8211; und an die gefallenen Riesen des Urwalds von Bialowieza.</p>
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		<title>Sumpfland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 18 Jul 2023 07:12:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wlodzimierz führt mich in die Sperrzone und weiht mich in die Geheimnisse des Urwaldes von Bialowieza ein&#8230; &#8222;Wlodzimierz&#8220; steht auf dem Notizzettel, den mir der schrullige Guide vom Infopoint des Nationalparks gestern in die Hand gedrückt hat. Dazu eine Mobilfunknummer. Das Büro der Nationalparksleitung hat mir die Erlaubnis erteilt, den hinteren Teil der Sperrzone zu [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Wlodzimierz führt mich in die Sperrzone und weiht mich in die Geheimnisse des Urwaldes von Bialowieza ein&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf-908x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3028" width="526" height="594" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf-908x1024.jpg 908w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf-266x300.jpg 266w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf-768x866.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf-676x763.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Sumpf.jpg 1124w" sizes="auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wlodzimierz&#8220; steht auf dem Notizzettel, den mir der schrullige Guide vom Infopoint des Nationalparks gestern in die Hand gedrückt hat. Dazu eine Mobilfunknummer. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Büro der Nationalparksleitung hat mir die Erlaubnis erteilt, den hinteren Teil der Sperrzone zu betreten. Obwohl der &#8211; laut Homepage &#8211; nur Wissenschaftlern zugänglich ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass ich den Antrag, den der Guide am Montag im Infopoint für mich ausgefüllt hat, nicht unterschreiben musste, stimmte mich genauso misstrauisch wie die Tatsache, dass Führungen in die Sperrzone bar bezahlt werden müssen. Keine Kartenzahlung möglich &#8211; im Gegensatz zur Eintrittskarte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass das nach Korruption riecht, ist mir auch ohne &#8222;Transparency International&#8220; klar. Aber ich bin nicht Siemens oder die Deutsche Bank und meine innere Compliance-Abteilung ist gerade im Urlaub. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Redlichkeit hin oder her &#8211; ich bin es komplett leid, ständig um die Schutzzone herumzulaufen: ich will da rein!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich also Gottergeben 700 Zloty auf die Theke geblättert hatte &#8211; die 56 Zloty für den Eintritt zahlte ich mit Karte &#8211; wurde ich in die Details eingeweiht. Der ominöse &#8222;Wlodzimierz&#8220; erwarte mich am nächsten Morgen um fünf Uhr früh am Obelisken vor der russisch-orthodoxen Kirche. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nacht sehe ich mich im Traum in der Dunkelheit durch den Urwald irren. Ich bin nicht alleine &#8211; andere sind in meiner Nähe, wir sind gemeinsam auf der Flucht. Ich spüre meinen Herzschlag, die Angst schnürt mir die Kehle zu. Als ich aufwache, weiß ich weder zu sagen, wer im Traum mit mir floh, noch, wer uns verfolgte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als mich um vier Uhr morgens der Wecker aus dem Schlaf reißt, fühle ich mich wirr und benommen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Draußen ist es bereits hell. Vogelgesang begleitet mich, als ich meinen Rucksack ins Auto trage. Nachdem sich der Regen verzogen hat, werde ich die letzten zwei Nächte meines Aufenthalts in Bialowieza im Zelt verbringen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sage &#8222;ade&#8220; zu dem kleinen Holzhaus, lasse den Haustürschlüssel auf dem Küchentisch zurück und rolle in der frühen Morgensonne durch den schlafenden Ort bis zur großen roten russisch-orthodoxen Kirche. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich vor dem Obelisken parke, springt auch schon ein hagerer kleiner Mann unbestimmbaren Alters aus dem Wagen vor mir. &#8222;Katharina?&#8220;, fragt er, als ich aussteige. Er stellt sich mit &#8222;Wlodzimierz&#8220; vor und erklärt mir in fließendem Deutsch, ich solle hinter ihm herfahren, er würde mich zum Eingang der Sperrzone bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Dorf liegt hinter uns. Ich stelle meinen kleinen Dacia hinter Wlodzimierz´ SUV am Wegesrand ab. Aus der Ferne klingt gleichmäßiges Rattern zu uns herüber: Die Generatoren der Armee-Kaserne, erklärt mir mein Führer erkennbar verstimmt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wandern nebeneinander einen Feldweg entlang, der durch die Heidelandschaft zum Waldrand führt. In den Büschen singen Vögel, eine Lerche steigt jubilierend vom Boden auf. Trotz der Sonnenstrahlen ist es so früh am Morgen kühl. Fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Etwa fünfzig Meter von uns entfernt bewegt sich etwas im hohen Gras. Durch das Fernglas, das mir Wlodzimierz mitgebracht hat, sehe ich ein Rudel Hirschkühe in Richtung Wald laufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich erzähle ihm von dem Wisentschädel, den ich am Ufer der Narewka gefunden hatte. Wlodzimierz weiß Bescheid: Das Kalb ist wirklich von Wölfen gerissen worden. Der Kadaver läge direkt am Grenzzaun, erzählt er mir. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob es viele Wölfe hier gäbe? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Drei Rudel im polnischen Teil des Nationalparks, dazu noch ein paar Einzelgänger.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Wlodzimierz bleibt stehen und zeigt auf Kot, der vor uns auf dem Weg liegt: der wäre von einem Wolf. Für mich sieht es nach Hundekot aus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, kommt es zurück. Man erkenne Wolfskot an den Tierhaaren im Stuhl. Dieser Wolf hätte ein Reh oder einen Hirsch gefressen! Und wirklich: bei näherer Betrachtung besteht der Kot fast vollständig aus grau-braunen kurzen Haaren. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lang wäre es noch nicht her, dass der Wolf hier vorbei gekommen ist, vielleicht zwei oder drei Stunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sind wir auch schon am Waldrand angekommen. Der Zugang zur Schutzzone wird von einem riesigen hölzernen Portal mit Torflügeln versperrt. Es stamme noch aus der Zarenzeit, erklärt mir mein Führer, während er mich einlässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mir ist, als hätte ich keinen Wald betreten, sondern eine Kathedrale. Hinter dem vielstimmigen Vogelgesang herrscht vollkommene Stille. Nur einzelne Streifen Sonnenlicht finden ihren Weg durch das dichte grüne Laub hoch über unseren Köpfen. Die Gerüche des Waldes sind hier noch vielschichtiger und intensiver, als ich das in den letzten Tagen erlebt habe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sind die ersten heute, stellt Wlodzimierz zufrieden fest, als er mich auf einem schmalen Trampelpfad in die Tiefe der Schutzzone führt. &#8222;Könnte es sein, dass wir ein Wisent sehen?&#8220;, frage ich ihn. &#8222;Oder einen Wolf?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Höchst unwahrscheinlich, erklärt er mir zu meiner Enttäuschung. Die Wölfe wären sehr scheu. Er wedelt mit den Händen nach links und rechts: die säßen sicher gerade hier irgendwo im Gebüsch und würden uns beobachten, aber man müsse Glück haben, dass man mal einen zu Gesicht bekomme. Und die Wisente hätten im Mai  geworfen. Bis Mitte August würden sie sich mit den Jungtieren im Unterholz vor den Wölfen verstecken und erst wieder herauskommen, wenn die Kälber schnell genug laufen könnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dagegen wäre so früh am Morgen die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir Flüchtlingen begegnen würden. Erst vorgestern hätte er um vier Uhr morgens einen Mann aus Kuba getroffen. Wlodzimierz ist das Erstaunen darüber immer noch anzuhören. &#8222;Einer aus Kuba!&#8220;, wiederholt er. Und letzte Woche wären es drei Pakistaner gewesen. Afghanen, sogar Afrikaner &#8211; aus aller Herren Länder kämen hier Menschen vorbei. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf meine Nachfragen hin erklärt er mir, dass sich der Zaun über 500 Kilometer die Grenze entlangziehe. Nur an einer einzigen Stelle gäbe es eine Lücke: in der Sumpflandschaft im Herzen des Nationalparks wäre der Boden so morastig, dass kein Fundament betoniert werden konnte. Es handele sich um den unwirtlichsten und unpassierbarsten Teil des Urwaldes. Seit undenklichen Zeiten würde der nur von den Elchen durchwandert werden. Nicht einmal die Wölfe trieben sich dort herum.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auf einmal wagten sich Afrikaner, Lateinamerikaner und Asiaten dort hindurch!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich frage Wlodzimierz nicht, was er von den Flüchtlingen hält und was genau passiert, wenn er sie &#8222;trifft&#8220;. Er macht den Eindruck eines liebenswerten altersklugen Menschen: vermutlich grüßt er freundlich, wer immer ihm auch über den Weg läuft, und weißt den Weg ins Dorf. Ansonsten, vermute ich, möchte er mit Politik nicht viel zu tun haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und auch nicht mit der Armee, so wie es klingt. Das Dorf, erzählt er mir, war, während der Grenzzaun gebaut wurde, komplett gesperrt. Ein ganzes Jahr lang durfte niemand nach Bialowieza, die Dorfbewohner waren völlig isoliert. Und als der Grenzzaun endlich fertig war und alle auf ein normales Leben hofften, begann die Pandemie und der Tourismus kam zwei weitere Jahre zum Erliegen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Wovon haben die Leute gelebt?&#8220;, frage ich ihn. Der Staat hätte Ausgleichszahlungen geleistet, aber es wäre trotzdem sehr schwierig gewesen. Und jetzt auch noch das ganze Militär! </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während mich Wlodzimierz tiefer und tiefer in den uralten Wald führt, denke ich an all die Flüchtlinge, die sich nachts von Belarus aus auf den Weg durch das Sumpfland gemacht haben &#8211; und nie an das hölzernen Tor des Zaren gelang sind. </p>
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		<title>Homo homini lupus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Jul 2023 13:22:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Grenzanlage quer durch den Urwald von Bialowieza und ein totes Wisentkind verhelfen zu neuen Einsichten&#8230; Auf der befestigten Forststraße kommt mir ein großer Militärlaster entgegen. Ich trete schnell zur Seite. Nachdem er an mir vorbei gerumpelt ist, sehe ich ihm nach. Auf der Ladefläche sitzen etwa ein Dutzend Männer und Frauen in Uniform unter [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Die Grenzanlage quer durch den Urwald von Bialowieza und ein totes Wisentkind verhelfen zu neuen Einsichten&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-1024x694.jpg" alt="" class="wp-image-3002" width="561" height="380" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-1024x694.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-300x203.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-768x520.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-1536x1041.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-2048x1388.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Narewka-tags-676x458.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 561px) 100vw, 561px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Auf  der befestigten Forststraße kommt mir ein großer Militärlaster entgegen. Ich trete schnell zur Seite. Nachdem er an mir vorbei gerumpelt ist, sehe ich ihm nach. Auf der Ladefläche sitzen etwa ein Dutzend Männer und Frauen in Uniform unter der Flecktarn-Plane, alle mit Maschinengewehren zwischen den Beinen. Die Wachablösung für meinen „Schwiegermutterliebling“ und seine Kameraden vorne an der Grenzanlage? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich, begleitet von Vogelgesang und Mückengeschwirr, durch die wunderschöne Auenlandschaft laufe, sinniere ich über das Militäraufgebot im Urwald: Die mobile Kaserne auf dem Infogelände des Nationalparks ist, so weit sich das von Außen überblicken lässt, von beachtlicher Größe. Und ständig treffe ich im Dorf auf Uniformierte. Gefühlt kommen hier auf jeden Urlauber fünf Soldaten. </p>



<p class="wp-block-paragraph">So wie es aussieht, hat die polnische Armeeführung hier ein ganzes Bataillon tapferer Kämpfer stationiert. Nur wegen des Krieges  in der Ukraine?  Schwer vorstellbar&#8230; Und dass der unsympathische Zaun mit Stacheldrahtkrone eine feindliche Armee abschreckt, ist wohl auch eher unwahrscheinlich…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich auf der Forststraße, die im Abstand von etwa 500 Metern parallel zur Grenze verläuft, entlangwandere, kapiere ich es endlich: das alles hier dient der Abwehr von Flüchtlingen!</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Ich kann nur den Kopf über mich schütteln! Dass mir als einziger Daseinszweck des Militärs hier an der Grenze zu Belarus der Krieg in der Ukraine in den Sinn kam, zeugt von ausgeprägter Egozentrik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei kocht Lukaschenko &#8211; zusätzlich zur Komplizenschaft mit Putins Russland &#8211;  auch noch seine eigenen Süppchen: er unterdrückt brutal die Opposition und versucht, die EU mit Hilfe von Flüchtlingen so unter Druck zu setzen, dass die Sanktionen gegen ihn und sein Land gelockert werden. Aus der ganzen Welt fliegt das Regime von Belarus verzweifelte Menschen nach Minsk und transportiert sie an die Westgrenze. Manche von ihnen schaffen es &#8211; trotz Mauern, Stacheldraht und militärischer Abwehr &#8211; in den gelobten Westen. Wie viele von ihnen scheitern, oder dabei gar zu Grunde gehen, weiß niemand. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich leide offensichtlich an einem strukturellen Denkfehler, wenn es um &#8222;Natur&#8220; geht. &#8222;Nationalpark&#8220; ist für mich das Synonym für &#8222;Paradies&#8220;.  Irgendwie muss hier &#8211; im &#8222;Naturzustand&#8220; &#8211; alles gut sein, so meine unreflektierte Grundannahme. Frei nach Rousseau, sozusagen. Dabei konnte der &#8222;Émile&#8220; schreiben und gleichzeitig alle seine Kinder im Waisenhaus abgeben.  </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesem Gedanken bin ich an einem Holzsteg angekommen, der über die Narewka führt. Der schmale Fluß entspringt im belarussischen Teil des Nationalparks, fließt über die Grenze und quer durch Bialowieza bevor er irgendwo im Nordosten Polens in die Weichsel mündet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Mitte des Steges angekommen, schaue ich mich um. In den breiten Schilfgürteln pfeifen Vögel. Libellen summen über die Wasseroberfläche, auf einem Seerosenblatt quackt ein großer dicker Frosch. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Schöner und friedlicher, denke ich, kann kein Ort sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich den Steg überquere, sehe ich, dass auf der anderen Flußseite die Erde des Uferbereich aufgewühlt ist. Eine Tiertränke, schlussfolgere ich. Und wirklich: kurz nach dem Steg verläuft rechter Hand ein breiter Wildpfad durch das hohe Gras bis zum Wasser hinunter. </p>


<div class="kb-row-layout-wrap kb-row-layout-id_273973-c6 alignnone wp-block-kadence-rowlayout"><div class="kt-row-column-wrap kt-has-2-columns kt-row-layout-right-golden kt-tab-layout-inherit kt-mobile-layout-row kt-row-valign-top">

<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_828d0e-20"><div class="kt-inside-inner-col">
<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="768" height="1024" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-768x1024.jpg" alt="" class="wp-image-3004" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-768x1024.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-225x300.jpg 225w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-1152x1536.jpg 1152w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-1536x2048.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-676x901.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Wisentschaedel-1-scaled.jpg 1920w" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" /></figure>
</div></div>



<div class="wp-block-kadence-column kadence-column_c14885-bd"><div class="kt-inside-inner-col">
<p class="wp-block-paragraph">Genau gegenüber dem Wildpfad entdecke ich am Rande des Weges etwas großes Braunes im Gras liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich mache ein paar Schritte darauf zu, um es genauer zu betrachten: ganz offensichtlich ist es der Schädel eines Tieres. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann nur ein Wisent gewesen sein!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allerdings muss es noch jung gewesen sein: der Schädel hat eine Länge von höchsten dreißig Zentimetern. Und lange tot ist es sicher auch noch nicht: in den Fleischresten der Kieferhöhlen winden sich Fliegenmaden, auf dem knöchernen Nasenrücken glänzt brauens Fell.</p>
</div></div>

</div></div>


<p class="wp-block-paragraph">Suchenden Blickes wandere ich den Weg auf und ab: wo ist nur der restliche Kadaver des Tieres geblieben? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Da ist nichts, stelle ich fest. Irgendein Raubtier hat den Kopf vom Körper getrennt und hierher geschleppt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Welches Tier ist überhaupt in der Lage ein Wisent zu erlegen? Das hier war noch jung, aber die Jungtiere werden von den erwachsenen Tieren der Herde beschützt. Und Wisente sind die größten Landsäuger Europas. Eine ausgewachsene Wisentkuh wiegt um die 400 Kilogramm. Wenn das Wisentkind keinem Unfall zum Opfer gefallen ist, kann es nur von einem Rudel Wölfe erlegt worden sein. </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Homo homini lupus&#8220;, geht mir durch den Kopf. &#8222;Der Mensch ist des Menschen Wolf.&#8220; Thomas Hobbes hatte Recht, als er dem &#8222;Naturzustand&#8220;, den Rousseau später idealisieren sollte, nicht viel abgewinnen konnte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Der letzte Urwald Europas ist kein Paradies, sondern ein Schlachtfeld: sämtliche Spezies &#8211; inklusive Homo sapiens sapiens &#8211; kämpfen hier ums Überleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich muss, wird mir bewusst, meine Vorstellung von &#8222;Natur&#8220; einer gründlichen Überprüfung unterziehen&#8230;</p>
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		<title>Grenze</title>
		<link>https://www.water-runs-east.eu/grenze/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Jul 2023 10:59:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mitten durch den Urwald von Bialowieza verläuft eine Grenze. Sie ist mit Stacheldraht bewehrt und wird mit Maschinengewehren bewacht&#8230; Während ich auf dem Waldweg dahinlaufe, werfe ich immer wieder einen Blick auf den Bildschirm meines Handys: dort bewegt sich mein virtuelles &#8222;Ich&#8220; als kleiner blauer Punkt näher und näher an die Grenze heran. Die grauen [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Mitten durch den Urwald von Bialowieza verläuft eine Grenze. Sie ist mit Stacheldraht bewehrt und wird mit Maschinengewehren bewacht&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-2898" width="561" height="421" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun-676x507.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Grenzzaun.jpg 1317w" sizes="auto, (max-width: 561px) 100vw, 561px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich auf dem Waldweg dahinlaufe, werfe ich immer wieder einen Blick auf den Bildschirm meines Handys: dort bewegt sich mein virtuelles &#8222;Ich&#8220; als kleiner blauer Punkt näher und näher an die Grenze heran. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die grauen Regenwolken sind weitergewandert, vom Himmel brennt die Sonne. Hitze und Luftfeuchtigkeit lassen mir den Schweiß über den Rücken laufen. Ich bin inzwischen seit mehr als zwei Stunden unterwegs. Dabei sind es von der kleinen Datscha bis zur Grenze zwischen Polen und Belarus gerade mal ein paar hundert Meter. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Luftlinie. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nachdem ich nicht fliegen kann, muss ich mich auf zwei Beinen zur &#8222;Ostflanke&#8220;  der NATO bewegen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und das zieht sich. Erst die lange Hauptstraße von Bialowieza entlang. Nach dem Ortsende geht es auf einem Feldweg durch eine Heidelandschaft. Das Gras steht hüfthoch, unzählige Blumen blühen, Insekten summen, Grillen zirpen. Jubilierend steigen Lerchen aus den Wiesen in den Himmel auf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Über einem Buchenhain kreist majestätisch ein riesiger dunkelbrauner Raubvogel. Für einen Bussard ist er zu groß. Ein Adler? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Umso tiefer ich in die Heide hineinlaufe, desto zahlreicher werden die Pfoten- und Hufabdrücke im Matsch des Weges. Ich scheine auf eine Art &#8222;Wildtierautobahn&#8220; geraten zu sein!  Wenn es die letzten Stunden über nicht so stark geregnet hätte, wäre dieses Geheimnis an mir vorüber gegangen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt sehe ich, dass vor Kurzem riesige Hirsche hier entlang gelaufen sind: ihr Gewicht hat sie tief in den Schlamm einsinken lassen. Dazwischen die Abdrücke von Kälbern, zart und klein gegen die mächtigen Klauen der erwachsenen Tiere. Erst sind sie gegangen, schlussfolgere ich. An einer Stelle muss sie etwas aufgescheucht haben: die Abdrücke &#8211; mit einem Schlag noch tiefer eingegraben &#8211;  deuten auf jagenden Lauf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazwischen riesige Pfotenabdrücke. Wölfe? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Links und rechts des Feldweges führen zahlreiche Wildpfade ins Grasland. Hufspuren und Pfotenabdrücke verschwinden auf einem davon, dafür tauchen ein paar Meter weiter neue Abdrücke von Hirschen auf, die sich im Rudel die Straße entlang bewegt haben, nur um kurz darauf auf einem anderen Wildpfad abzubiegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazwischen seltsam schaufelartige Pfotenabdrücke eines kleineren Tieres mit langen Krallen. Ein Dachs? Und diese schmale schnurartige Spur: das kann doch nur ein Fuchs gewesen sein! Oder das? Ein Marder? Ach: Wildschweine waren auch unterwegs! Mit Frischlingen, so wie es aussieht. Und hier die vertrauten Klauenabdrücke eines einzelnen Rehes, wohl ein Bock. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin es völlig falsch angegangen, wird mir bewusst. Anstatt nachts zu schlafen und tagsüber zu wandern, hätte ich es andersherum halten müssen. Nach Einbruch der Dunkelheit ist der Aufenthalt im Nationalpark verboten. Aber es ist kurz vor Mittsommer. Gerade wird es erst um elf Uhr abends dunkel und um drei Uhr morgens dämmert es bereits wieder. Es gäbe also genug Spielraum, sich hier spät am Abend oder früh am morgen ins  Gebüsch zu setzen und einfach zu schauen, was alles vorbeiläuft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lasse die Tiere, deren Fährten ich gerade entdeckt habe, in einem Reigen an meinem inneren Auge  vorbei wandern. Hirsche, Rehe, Dachse, Füchse &#8211; schön. <br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Wölfe? Und Bachen mit Frischlingen? Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie mein Hund vor ein paar Jahren beim Spaziergang im heimischen Wald von einer Bache attackiert wurde. Er überlebte nur mit viel Glück. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht ist eine nächtliche Wacht im Gebüsch doch keine so brillante Idee?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesem Gedanken finde ich mich unversehens vor einer rot-weißen Schranke wieder. Daneben ein großes Schild, das in entschiedenem Ton auf Polnisch und Englisch verkündet, dass hier die Sperrzone des Nationalparks beginne. &#8222;Off Limits to unauthorized personnel! Video control!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Ist ja gut, ist ja gut,&#8220; denke ich, während ich mich umdrehe, um den Weg wieder zurückzulaufen. Ich kann nur hoffen, dass meinem Antrag auf eine Führung in die Sperrzone, den ich heute früh im Büro des Nationalparks gestellt habe, stattgegeben wird. Morgen werde ich Bescheid bekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Bogen laufe ich durch die Heide um die Sperrzone herum, umschwirrt von zahlreichen Mücken, denen &#8222;Anti-Brumm&#8220; glücklicherweise etwas sagt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Irgendwann finde ich mich in einer Auenlandschaft wieder: links und rechts der aufgeschütteten Straße steht &#8211; zwischen Birken, Eichen und Hainbuchen &#8211; das Wasser in kleinen Tümpeln. Darin blühen Seerosen, Frösche quaken, blaue Libellen schießen über den Weg. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich zucke zurück: beinahe wäre ich auf eine Kreuzotter getreten. Ich sehe ihr nach, wie sie, sich hastig windend, im Gras der Uferböschung verschwindet. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der befestigten Schotterstraße scheinen regelmäßig schwere LKWs zu fahren. Ihre Reifenabdrücke haben sich tief in den Matsch eingegraben. Je näher ich der Grenze komme, desto ausgefahrener werden die Wege. Irgendwann biege ich &#8211; dem Navi folgend &#8211; auf einen Feldweg ab, der von den Reifen schwerer Fahrzeuge regelrecht ausgehöhlt ist. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich steige über Steine, springe über Furchen, stolpere über harte Erdbrocken. Jetzt ist es keine idyllische Wanderung mehr, sondern ein Hindernislauf. Um mich wird es im Wald immer dunkler. Die Bäume &#8211; fast nur noch Fichten &#8211; sind jung und wachsen dicht an dicht. Nicht nur ich scheine mich hier unwohl und verloren zu fühlen: aller Vogelgesang ist verstummt. Das einzige, das mich noch  begleitet, ist das penetrante Surren der Mücken. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach etwa zwanzig Minuten blitzt etwas Helles vor mir zwischen den Baumstämmen auf. Gleich da vorne, sehe ich auf dem Routenplaner, muss die Grenze zu Belarus sein! Im Näherkommen entdecke ich einen etwa fünf Meter hohen stabilen Metallzaun, gekrönt von fünfzig Zentimeter Stacheldraht. Davor lagern Panzersperren aus Beton. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beschleunige meine Schritte und öffne im Dahineilen die Kamera des Handys. Irgendetwas sagt mir, dass ich hier nicht willkommen bin. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wirklich! Rechts von mir läuft zwischen den Bäumen eine menschliche Gestalt auf mich zu. Es ist ein Soldat in Flecktarn-Uniform, der sich, auf mich zueilend, hektisch eine schwarze Maske über Mund und Nase zieht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Schnell drücke ich auf den Auslöser und schiebe das Handy wieder in meine Hosentasche. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich der Hüter der Grenze &#8211; ein Maschinengewehr über der Schulter &#8211; vor mir aufbaut. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich mustere ihn. Er macht trotz seiner martialischen Aufmachung einen harmlosen Eindruck. Ich sehe nur seine Augenpartie &#8211; Augenfarbe braun &#8211; aber die lässt vermuten, dass ich es mit einem polnischen Wehrpflichtigen von Anfang zwanzig zu tun habe.  Er spricht mich &#8211; erkennbar um Autorität bemüht &#8211; auf Polnisch an. </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;I don´t speak Polish!&#8220; Dazu wedle ich hilflos mit beiden Händen,  setze meinen &#8222;Damsel in Distress&#8220;-Gesichtsausdruck auf und erkläre ihm, dass ich &#8222;on holidays and interested in the border&#8220; wäre. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich sehe nicht viel von ihm. Das was ich sehe, verrät mir, dass er sich gerade überfordert fühlt. &#8222;Please, go!&#8220; stößt er hervor. &#8222;You are not allowed to be here!&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Abiturient&#8220;, denke ich automatisch und &#8222;Liebling aller Schwiegermütter&#8220;. &#8222;Was ich immer denke!&#8220;, denke ich weiter, während ich &#8211; um einen würdevollen Abgang bemüht &#8211; dem Schwiegermutterliebling &#8222;A good day to you!&#8220; wünsche und auf dem Weg zurück stolpere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute ist wahrhaftig ein &#8222;Grenztag&#8220;, resümiere ich, während ich wieder in Richtung der befestigten Straße laufe. Ich wurde zwei Mal hintereinander zurückgewiesen. Und dazu noch diese extremen Übergänge zwischen wilder Natur und menschlicher Rigidität: erst die Heide mit den Wildfährten, durch die die Grenze der Sperrzone  des Naturschutzgebiets führt, danach die wilde Auenlandschaft, das von einem Bollwerk aus Menschenhand durchschnitten wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe &#8211; wird mir mit einem Mal bewusst &#8211; mein ganzes bisheriges Leben in einer &#8222;Sperrzone&#8220; verbracht: der &#8222;Festung Europa&#8220;. Ein &#8222;Naturschutzgebiet&#8220; für die Glücklichen, die in diesem Leben das große Los gezogen haben: Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, Frieden, dazu die Freiheit, sich lebenslang mit nichts anderem als den eigenen Neurosen beschäftigen zu dürfen. Ein Fakt, der mir auf der rationalen Ebene bewusst war, mir aber emotional nichts sagte. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit einem Mal hat das Wort &#8222;Grenze&#8220; eine neue Bedeutung für mich bekommen. Von nun an werde ich es nicht mehr mit einem dicken schwarzen Strich auf Landkarten verbinden, sondern mit der stacheldrahtbewährten Zaunanlage im Wald im Osten Polens. Und mit dem Gedanken, dass ich mich &#8211; auf die menschliche Ebene übersetzt &#8211; in der gleichen Kategorie wie die Wisente des Nationalparks bewege: als Europäerin bin ich ein rares Exemplar meiner Spezies. Ich werde in einer Sperrzone beschützt und bewacht, damit ich nicht zu Grunde gehe&#8230;</p>
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		<title>Datscha</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jul 2023 06:59:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich träume von einem Leben in der eigenen Datscha in Bialowieza&#8230; Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag über rauscht der Regen vom Himmel. Ich verbringe lesend und schreibend einen entspannten Sonntag in meiner Datscha. Zwischendurch koche ich mir eine Tasse Tee und nehme mir etwas zu Essen aus dem wunderbaren Kühlschrank. Mein Bedürfnis, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich träume von einem Leben in der eigenen Datscha in Bialowieza&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot-968x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2919" width="466" height="493" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot-968x1024.jpg 968w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot-284x300.jpg 284w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot-768x812.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot-676x715.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Immobilienangebot.jpg 1061w" sizes="auto, (max-width: 466px) 100vw, 466px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag über rauscht der Regen vom Himmel. Ich verbringe lesend und schreibend einen entspannten Sonntag in meiner Datscha. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischendurch koche ich mir eine Tasse Tee und nehme mir etwas zu Essen aus dem wunderbaren Kühlschrank. Mein Bedürfnis, jemals wieder in mein Untermietzimmer nach Leipzig zurückzukehren, geht gegen Null.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war schon während meines allerersten Aufenthaltes in Polen erstaunt darüber gewesen, dass ich mich so sehr Zuhause gefühlt hatte. Im Februar begründete ich das fehlende Fremdheitsgefühl noch damit, dass Danzig ursprünglich eine deutsche Stadt ist. Architektonisch hätte ich mich auch in Lübeck oder Kiel befinden können.  </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt bin ich ganz im Osten Polens, aber immer noch will sich kein Fremdheitsgefühl einstellen. Dabei unterscheiden sich Landschaft und Architektur erkennbar von &#8222;Zuhause&#8220; und das Polnische ist mir ein völliges Rätsel.  </p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles hier fühlt sich für mich seltsam &#8222;natürlich&#8220; an: die wunderbare Landschaft, die kleinen pittoresken Ortschaften, dazu die sinnenberauschende Natur und die netten Menschen. Es ist mir, als würde ich hierher gehören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während ich über dieses seltsame Gefühl das &#8222;Da-Seins&#8220; siniere, höre ich mit einem Mal eine Stimme. &#8222;Warum&#8220;, wispert sie mir ins Ohr, &#8222;bleibst Du nicht einfach hier? Arbeiten kannst Du schließlich überall, wo es Internet und einen Supermarkt gibt!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ehe ich mich versehe, bin ich mit Hilfe von Google-Translater auch schon auf Immobiliensuche. Was wohl so ein gemütliches Holzhaus in Bialowieza kostet? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Es sind  gleich mehrere Datschas im Angebot, sehe ich auf einer einschlägigen polnischen Seite. Und sie kosten nicht die Welt. Ab 200.000 Zloty &#8211; etwa 45.000€ &#8211; ist man dabei. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein hübsches braunes Holzhaus mit rotem Dach und weißen Sprossenfenstern hat es mir besonders angetan: vier Zimmer, dazu Sommerküche, Nebengebäude und fast 2000 Quadratmeter Grund. Das alles für gerade mal 50.000 €! </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schicke die Anzeige einer Freundin. Ein paar Minuten später schreibt sie zurück: sie kennt die Immobilienmaklerin, die genau dieses Haus verkauft! Ich bin fassungslos: Hey, ich bin 1000 Kilometer von ihr entfernt am Ende der Welt! Aber nein: ihre polnische Freundin ist von Deutschland zurück nach Warschau gezogen, versucht sich im Immobiliengeschäft &#8211; und bietet genau die Datscha an, in die ich mich verliebt habe. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn es nach &#8222;There is no such thing as an accident&#8220; geht, müsste ich mir die Datscha kaufen und nach Bialowieza ziehen. 255.000 Zloty lassen sich sicher irgendwie auftreiben. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Lang ausgestreckt auf dem Bett liegend, finde ich mich im Tagtraum auf der sonnenbeschienenen Veranda der kleinen braunen Datscha wieder. Vor mir steht der Laptop, auf der Blumenwiese summen Bienen, in den alten Obstbäumen zwitschern Vögel und zu meinen Füßen ruht ein großer freundlicher Hund. Was für ein Leben&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Moment mal!&#8220;,meldet sich barsch die Stimme der Vernunft. &#8222;Wie stellst Du Dir das vor? Du kannst ja nicht einmal Polnisch!&#8220; </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das trifft einen wunden Punkt: Vorgestern hatte ich Suriyel triumphierend ein Photo geschickt, auf dem die erste polnische Beschriftung abgebildet war, die ich  automatisch im Vorbeilaufen übersetzt hatte: &#8222;Uwaga Pies!&#8220; Von &#8222;Vorsicht Hund!&#8220; bis zum alltagstauglichen Polnisch ist es ein weiter Weg. Und die Sprache ist tricky &#8211; das wurde mir schon bei der ersten vorsichtigen Annäherung klar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine idealistische Innere Stimme hält dagegen: &#8222;Es ist schließlich nicht Chinesisch! Mit ein bisschen Mühe wird das schon!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Stimme der Vernunft fährt das nächste Gegenargument auf: &#8222;Glaubst Du wirklich, dass Du die Menschen hier überhaupt verstehen willst?&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bringt mich zum Nachdenken. Noch habe ich mich mit niemandem unterhalten, der nicht des Deutschen oder Englischen mächtig ist. Das führt unweigerlich zu einer sozialen Vorauswahl meiner Gesprächspartner. Die, mit denen ich bisher näher zu tun hatte, waren alle offen und entspannt. Aber eben auch höher gebildet und polyglott. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ich hier wohl alles zu hören bekommen würde, wenn ich mich mit den Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten könnte? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mit Weltanschauungen konfrontiert wäre, die den meinen diametral entgegenstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hmmmm&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Stimme der Vernunft stellt zufrieden fest, dass sie einen Treffer gelandet hat. Jetzt holt sie zum großen Rundumschlag aus: &#8222;Willst Du wirklich zu jedem Retreat 1000 Kilometer weit fahren? Und weit und breit keine Sangha! Das nächste Buddhistische Zentrum ist in Warschau, 250 Kilometer von hier! Es käme ab und zu sicher jemand zu Besuch, aber Du würdest hier sozial und spirituell trotzdem völlig vereinsamen! Sieh doch ein, dass es eine Schnapsidee ist!&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lausche in mich hinein. Meine idealistische Innere Stimme schweigt. Ist sie gekränkt? Traurig? Oder flüstert sie gerade so leise, dass ich sie nicht hören kann?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seufzend schließe ich die polnische Immobilienseite. Eine Datscha im letzten Urwald Europas ist eine schöne Phantasie &#8211; mehr aber leider auch nicht&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph"> </p>
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		<title>Vom kleinen Glück</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jul 2023 07:32:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich starte Verhandlungen für eine Führung ins Allerheiligste des Nationalparks, laufe blind in einen Gewittersturm, ziehe in ein pittoreskes Holzhaus um und reflektiere über Up- und Downgrades und das kleine Glück im Leben&#8230; Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krieche, ist der Himmel grau. Während der kleine Spirituskocher das Wasser für den Instantkaffee [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.water-runs-east.eu/datscha-2/">Vom kleinen Glück</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.water-runs-east.eu">Water runs East</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich starte Verhandlungen für eine Führung ins Allerheiligste des Nationalparks, laufe blind in einen Gewittersturm, ziehe in ein pittoreskes Holzhaus um und reflektiere über Up- und Downgrades und das kleine Glück im Leben&#8230;</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-2860" width="550" height="413" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-1024x768.jpg 1024w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-300x225.jpg 300w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-768x576.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-1536x1152.jpg 1536w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-2048x1536.jpg 2048w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Datscha-Innen-676x507.jpg 676w" sizes="auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt krieche, ist der Himmel grau. Während der kleine Spirituskocher das Wasser für den Instantkaffee zum Kochen bringt, rufe ich die Wetter-App auf. Die Aussichten sind trübe: Neunzig Prozent Regenwahrscheinlichkeit während der nächsten vier Tage. Die werde ich nicht im Zelt verbringen, beschließe ich, dafür bin ich zu verweichlicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf einer altbackenen Mohnschnecke kauend, suche ich online nach einem Dach über den Kopf. Während der Wanderung gestern war ich entzückt von den traditionellen Holzhäusern gewesen. Wie gerne, hatte ich gedacht, würde ich in so einem gemütlichen Ding mal übernachten. Bei booking.com werden gleich mehrere davon hier in der Ecke angeboten, aber ein komplettes Haus ist viel zu teuer.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Schließlich finde ich drei Kilometer weiter die Hauptstraße entlang ein einzelnes Zimmer in einem Holzhäuschen, das bezahlbar ist. Ich buche und beende zügig mein Frühstück, damit ich das Zelt abbauen kann, bevor es anfängt zu regnen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich meine Utensilien im Kofferraum verstaue, fallen die ersten Tropfen. Ich flüchte mich in den kleinen Dacia, winke im Vorbeifahren dem Campingplatzbesitzer zum Abschied zu und steuere das Informationszentrum des Nationalparks an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich von der Hauptstraße auf das Gelände abbiege, muss ich mich im Schritttempo durch einen großen Pulk Soldaten zum Besucherparkplatz schieben. Der ist besetzt, stelle ich fest: von einer kompletten mobilen Kaserne. Generatoren rattern, Militärlaster rangieren, Dutzende von Männern und Frauen in Tarnfarben laufen mehr oder weniger geschäftig zwischen grauen Containern herum. </p>



<p class="wp-block-paragraph"> Als ich wende, um wieder vom Gelände zu fahren, klopft ein rundlicher Herr an mein Fenster. Ich könne, bedeutet er mir, mein Auto vor seinem Souvenir-Shop gegenüber des Besucherparkplatzes abstellen. Erleichtert nehme ich das nette Angebot an und eile im Sprühregen die Treppen hoch in das kleine Büro des Nationalparks. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin steht ein grauhaariger Ranger in Tarnfarben, der, zu meinem Erstaunen, Deutsch spricht. Er sucht mir eine Wanderkarte heraus und erklärt mir, dass ich überall wandern darf &#8211; nur nicht in der Sperrzone, dort wo der Urwald am ältesten und wildesten ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das hatte ich schon Zuhause auf der Homepage des Nationalparks gelesen: in geführten Gruppen wären der Besich des vorderen Teils der Sperrzone möglich. Der hintere &#8211; weit größere Teil &#8211; stünde nur Wissenschaftlern offen. Die schriftlich zu beantragenden Sondererlaubnis würde von der Parkleitung ausgestellt werden, wenn das Forschungsinteresse nachweisbar wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte gerne an einer Touristenführung teilnehmen. Ob denn während der nächsten Tage eine stattfindet, frage ich den Guide. Der blättert in einem großen Kalender. Morgen früh gäbe es eine auf Spanisch, ansonsten wären nur noch Führungen auf Polnisch angemeldet. Damit kann ich nichts anfangen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir diskutieren ein bisschen hin und her und auf einmal erklärt er mir, dass ich auch eine Führung in den hinteren Teil der Sperrzone anmelden könne &#8211; vorausgesetzt ich wäre bereit, dafür zu zahlen. Aha? Wie viel das kosten würde? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Er zählt zusammen: 700 Zloty für die Führung, 65 Zloty für den Eintritt, also 765 Zloty, etwa 170 Euro. Von wegen &#8222;Low-Budget-Urlaub&#8220;! Erst die Vollkasko-Versicherung beim Autovermieter, gleich darauf die 400 Zloty für die Geschwindigkeitsüberschreitung, heute morgen der Übernachtungs-Upgrate wegen des Regenwetters &#8211; und jetzt auch noch eine teure Führung. Egal! Wann ich gehen könne, frage ich enthusiastisch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Jetzt rudert der Guide wieder zurück. Hat er den Mund zu voll genommen? Er wiegt den Kopf hin und her, blättert im Kalender, starrt an die Zimmerdecke. Erst müsse eine Sondergenehmigung beantragt werden, dann werde man sehen. Und überhaupt ginge das erst ab Montag, heute &#8211; einem Samstag &#8211; wäre niemand im Büro. Ich solle zu Wochenbeginn noch einmal nachfragen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Also was jetzt: Führung oder keine Führung? Ich will es mir nicht mit ihm verscherzen, bedanke mich, verspreche &#8211; oder drohe &#8211; dass ich auf alle Fälle wieder kommen werde und eile, die Wanderkarte in der Hand, zum Auto zurück. Hinter dem Tresen des Souvenir-Shops langweilt sich der nette Besitzer. Ein paar Touristen wandern zwischen Trauben von Soldaten in Tarnfarben über das Gelände, es ist ein seltsamer Anblick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der kauzige Guide im Info-Point hat mir erklärt, im nördlichen Teil des Nationalparks wären die Bäume besonders alt. Dort lebten die Wisente. Im südlichen Teil wären die Bäume jünger, dort gäbe es besonders viele Vögel und „tolle Energie“. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Regen von draußen an die Windschutzscheibe klopft, überlege  ich,  die Wanderkarte über das Lenkrad gebreitet, worauf mir der Sinn steht? Alte Bäume und Wisente oder junge Bäume und „tolle Energie“? Davon, beschließe ich nach kurzem Nachdenken, hatte ich gestern genug. Also auf nach Norden in den alten Wald und zu den Wisenten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Straße dorthin führt durch einen kilometerlang grünen Tunnel, so hoch und dicht stehen hier die Bäume. In regelmäßigen Abständen warnen Schilder vor Wildwechsel.  Statt des üblichen Hirsch-Symbols ist ein massiges Wisent darauf abgebildet.  Ich scheine mich wirklich in der &#8222;Büffel-Ecke&#8220; zu befinden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Fünfzehn Kilometer hinter Bialowieza parke ich auf einem großen Wanderparklatz. Darauf stehen gerade mal drei Autos, alle mit polnischem Kennzeichen. Ich breche mit einem besorgten Blick zum wolkenverhangenen Himmel auf. Hoffentlich wird der Regen nicht stärker!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wald ist wirklich alt! Links und rechts des schmalen Forstwegs stehen riesige alte Eichen, Hainbuchen und Kiefern. Die Äste bilden ein regelrechtes Dach über dem Weg, der mich vor dem immer stärkeren Regen schützt. Während ich vor mich hinlaufe, frischt der Wind merklich auf und lässt die Blätter über meinem Kopf rauschen. Dumpfes Grollen rollt über die Wipfel, ein lauter Knall lässt mich zusammenzucken. Irgendwo, ein paar Kilometer entfernt, hat der Blitz eingeschlagen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich drehe um und haste zum Auto zurück, so schnell es mir möglich ist. Die Bäume hier sind richtig alt &#8211; und einige sicher morsch. Im Gewittersturm einen Ast &#8211; oder gleich einen ganzen Baum &#8211; auf den Kopf zu bekommen, ist keine attraktive Idee. Erst gehe ich zügig. Als das Grollen lauter und lauter wird, fange ich an zu laufen &#8211; und ärgere mich dabei über mich selbst. Wie konnte ich nur so blöd sein, mich auf die Wetter-App zu verlassen? Auch wenn die nur Regen verkündet hat &#8211; es war offensichtlich, dass ein Gewitter aufzog. Ich bin aber auch immer noch neben der Spur!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die letzten paar hundert Meter lege ich in getrecktem Galopp zurück. Um mich tobt der Wald im Sturmwind, über meinem Kopf rollt der Donner. Einmal knallt es, dass es mir durch Mark und Bein geht: irgenwo hat ein Blitz eingeschlagen. Dazu gießt es wie aus Kübeln. Schwer atmend und triefend vor Nässe werfe ich mich ins Auto.  Immerhin: ich lebe  &#8211; und jetzt bin ich wach!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Völlig durchnässt parke ich zwanzig Minuten später an der Hauptstraße von Bialowieza vor der Datscha, in der ich ein Zimmer gebucht habe. Ein pittoreskes altes Holzhäuschen mit Sprossenfenstern, an der Front halb überwachsen von Kletterrosen. Während sanft der Regen rauscht, stehe ich fröstelnd vor der geschlossenen Haustür und wähle die Nummer meiner Zimmerwirtin. Ihre Mutter käme gleich, um mir die Tür zu öffnen, erklärt sie mir in gebrochenem Englisch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wirklich: ein paar Minuten später läuft &#8211; vom Nachbarhaus kommend &#8211; eine ältere Frau in Wickelschürze über die Wiese zu mir herüber. Sie spricht kein Englisch, stellt sich heraus, während sie mich in das alte Holzhaus einlässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innen ein großer Raum: rechts ein langer Tisch &#8211; und links eine kleine Küche, dazu in der Ecke ein großer Kühlschrank! Davon stand nichts bei booking.com. Ob ich das alles benutzen dürfe? Die Frau nickt und erklärt mir irgendwas auf Polnisch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann öffnet sie eine Tür gleich neben dem Küchenbord: mein Zimmer. Darin ein großes Bett samt Nachtisch, dazu ein einfaches Bad. Als ich zustimmend nicke, bekomme ich die Schlüssel in die Hand gedrückt und dann ist meine Wirtin auch schon verschwunden. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe die Datscha für mich alleine, stelle ich fest, nachdem ich &#8211; geduscht und in trockener Kleidung- alles in Augenschein nehme. Was für ein Upgrate! Vom Treckingzelt zum pitoresken Holzhaus &#8211; genau wie ich es mir gestern gewünscht hatte. Dass Bialowieza gerade nicht von Touristen, sondern vom Militär überrannt wird, scheint mein persönliches Glück zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im örtlichen Supermarkt gebe ich mich anschließend einem regelrechten Kaufrausch hin.  Ich habe einen Kühlschrank! Also Milch statt Milchpulver für den Kaffee, Pfirsiche statt Äpfel, was ich für Frischkäse halte, wird sich zuhause als handgemachter Quark entpuppen. Ich muss ein bisschen suchen, bis ich zwischen den Regalen jemanden auftreibe, der Englisch spricht, aber schließlich übersetzt mir ein Pole die Zutatenliste der Fertig-Piroggen. Es gibt zwei vegetarische Sorten! Die Tomatensauce ist sogar im Angebot. Um den Pfefferminztee zu identifizieren, genügen meine bescheidenen botanischen Kenntnisse. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Wieder in der Datscha angekommen, verstaue ich meine Vorräte feierlich in dem großen Kühlschrank. Er hat sogar ein Tiefkühlfach! Seit eineinhalb Jahren muss ich in meiner Untermietwohnung in Leipzig mit einem winzigen Campingkühlschrank auskommen. Dass ein absolut durchschnittlicher Kühlschrank solche Glücksgefühle in mir auslösen kann, ist eine neue Erfahrung. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dazu noch eine Küche! Obwohl das etwas hochgegriffen ist: es gibt gerade mal einen zweiflammigen Gaskocher, ein paar einfache Töpfe und nicht mal einen Kochlöffel. Ich krieche unter die Spüle, drehe die Propangasflasche auf, koche eine Portion Piroggen &#8222;Ukrainische Art&#8220; (lecker) mit polnischer Fertiggemüsesoße (furchtbar) und bin glücklich. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dem Essen sitze ich vor einer Tasse dampfendem Pfefferminztee, schaue in den regennassen Garten hinaus und meditiere über mein Leben. Dass mich ein winziges Holzhaus, ein simpler Kühlschrank und ein primitiver Propangaskocher einmal so glücklich machen könnten, wäre mir noch vor zwei Jahren niemals in den Sinn gekommen. Im &#8222;Früher&#8220; war die Designerküche so selbstverständlich wie der Urlaub im Luxushotel. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Manchmal ist wohl ein radikaler Down-Grade nötig &#8211; sinniere ich &#8211; damit sich die Tür für das Glück öffnen kann&#8230;</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Berauscht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Katharina]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Jul 2023 07:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bialowieza]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich stoße im Wald von Bialowieza auf Spuren der Taten Walter Freverts, sehe den ersten Eisvogel meines Lebens und bin berauscht von Natur. Die Dorfstraße entlanglaufend, suche ich in der Wander-App nach einer Route. Zweiundzwanzig Kilometer, denke ich benebelt, müssten reichen, damit ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Ich lade die Strecke herunter, ohne [&#8230;]</p>
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<h2 class="wp-block-heading has-small-font-size">Ich stoße im Wald von Bialowieza auf Spuren der Taten Walter Freverts, sehe den ersten Eisvogel meines Lebens und bin berauscht von Natur.</h2>



<figure class="wp-block-image size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel-766x1024.jpg" alt="" class="wp-image-2836" width="471" height="629" srcset="https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel-766x1024.jpg 766w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel-224x300.jpg 224w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel-768x1027.jpg 768w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel-676x904.jpg 676w, https://www.water-runs-east.eu/wp-content/uploads/2023/07/Bialowieza-Tuempel.jpg 1097w" sizes="auto, (max-width: 471px) 100vw, 471px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Dorfstraße entlanglaufend, suche ich in der Wander-App nach einer Route. Zweiundzwanzig Kilometer, denke ich benebelt, müssten reichen, damit ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Ich lade die Strecke herunter, ohne auf mehr zu achten, als das ich am Ende wieder auf dem Campingplatz ankommen werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor dem Info-Center des Nationalparks muss ich links in eine schmale Teerstraße einbiegen. Eine braune Hündin schiebt sich durch das Loch im Zaun eines der kleinen Holzhäuser und trabt mir freundlich wedelnd entgegen. Ich gehe vor ihr in die Hocke und kraule ihr ausführlich den Rücken. Sie begleitet mich zum Ortsausgang und schaut mir nach, als ich von der Straße in einen Waldweg abbiege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier ist es kühler als in der prallen Sonne. Dafür werde ich sofort von Mückenschwärmen attackiert. Ich krame das Insektenspray aus dem Rücksack, verteile es großzügig über sämtliche Gliedmaßen und stelle erleichtert fest, dass sich das lästige Volk davon beeindrucken lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach ein paar Kilometern durch den Wald eine Ansiedlung. Ein paar pitoreske kleine Holzhäuser entlang der schmalen Teerstraße, mehr ist es nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor einem leeren Grundstück, auf dem die verwitterten Grundmauern eines Häuschens zu erkennen sind, eine vergilbte Tafel, beschriftet in Polnisch und Englisch. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ursprüngliche Ortschaft, lese ich, wurde im 19. Jahrhundert gegründet, als der Urwald von Bialowieza im Privatbesitz des russischen Zaren war. Ihre Bewohner bewirtschafteten den Wald und dienten als Fußvolk für Jagdveranstaltungen. 1941 wurde der Ort von den deutschen Besatzern niedergebrannt, die Bewohner vertrieben. Nach dem Ende des Krieges kehrten diese zurück und bauten ihre Häuser wieder auf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr steht da nicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich schaue mich um. Die hübschen Häuser mit den blühenden Vorgärten scheinen in der Schwüle des Sommertages vor sich hin zu dösen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Die Vögel zwitschern in den Bäumen um die Wette, in den Rabatten summen unzählige Insekten. Ansonsten herrscht vollkommene Stille.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alles fühlt sich unwirklich und seltsam bleiern an. Ob es an meiner seelischen Verfassung liegt, am heranziehenden Gewitter oder an der Atmosphäre der Ortschaft, weiß ich nicht zu sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Weiterlaufen denke ich über den nüchternen Text auf der vergilbten Tafel nach. Im Wikipedia-Eintrag über den Oberforstmeister Walter Frevert, der den Befehl Hermann Görings zur Vertreibung der Bevölkerung damals umsetzte, klang das dramatischer: ingesamt vierundreißig Dörfer im Urwald von Bialowieza waren vom &#8222;Forstschutzkorps&#8220; eingekesselt worden. Die Bewohner bekamen eine halbe Stunde Zeit, ihre Habseligkeiten auf Wagen zu laden, bevor sie vertrieben wurden. Was sie zurücklassen mussten, wurde verbrannt. </p>



<p class="wp-block-paragraph">584 jüdische Männer, die in den Ortschaften lebten, wurden erschossen, jüdische Frauen und Kinder in ein Ghetto nahe Brest-Litovsk deportiert. Wer von ihnen hat wohl den Krieg überlebt und ist hierher zurückgekommen, um sein Haus wieder aufzubauen? Über ihr Schicksal schweigt die Tafel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von frustrierten Mücken umsurrt, wandere ich immer tiefer in den Wald hinein. Er ist verwunschen, stelle ich fest. Hinter der betäubenden Geräuschkulisse aus Vogelgesang und Insektengesumm herrscht vollkommene Stille. Und hinter der Stille atmet der Wald. Ich spüre seine tiefen gleichmäßigen Atemzüge auf der Haut. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich sanft seine Brust. Mit jedem Ausatmen ertrinke ich in Geruchsmolekülen, bei jedem Einatmen nimmt er etwas von meiner Energie in sich auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung. Irgendwann gelange ich auf einem schmalen Trampelpfad zu einer Brücke, die einen Tümpel überspannt. Ich starre fasziniert auf die Wasseroberfläche. Glänzende blaue Libellen schießen über die Seerosenblätter. Eine Bachstelze stolziert, bei jedem Schritt wippend, über einen im Wasser vor sich hin modernden Baumstamm. Im Schilf quacken unzählige Frösche. Auf einmal schießt etwas leuchtend Blaues direkt an meinem Kopf vorbei und landet auf einem nahen Ast. Ein Eisvogel! Als ich ihn näher in Augenschein nehmen will, schwirrt er davon. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich sechs Stunden nach meinem Aufbruch wieder auf dem Campingplatz zurückkehre, bin ich müde, entspannt &#8211; und betrunken von Natur. Meine Sinnesorgane sind völlig überfordert davon, Reize in dieser Komplexität und Dichte aufzunehmen und zu verarbeitet. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und dabei stamme ich aus einem Dorf im bayerischen Chiemgau. Ich hatte bisher gedacht, ich wüsste, was Natur ist. Das war eine Illusion, hat mich der heutige Tag gelehrt. Was für mich bisher &#8222;Natur&#8220; war, ist nur begrünte Zivilisation. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Als ich nach dem vegetarischen Abendessen &#8211;  ein weiteres Mal serviert vom enthusiastischen Kellner des alten Holzhauses &#8211;  um zehn Uhr Abends in mein Zelt krieche, krakeelen die Vögel immer noch in der Abenddämmerung. Ich lasse mich von ihnen in den Schlaf singen und wandere im Traum die ganze Nacht durch einen riesigen verwunschenen Wald.</p>
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