Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Kategorie: Berlin, Berlin (Seite 1 von 2)

Kastanienallee

Ich darf mit Maktiel einen letzten schönen Tag am Prenzlauer Berg verbringen und bekomme eine wilde Zeit-Geschichte erzählt…

Den Tag, an dem ich mich von meinem Leben als Berlinerin verabschiede, verbringe ich mit Maktiel.

Mit ihrer gelben Strickmütze über den kurzgeschorenen Haaren steht sie am frühen Nachmittag an der Prenzlauer Allee vor einem koreanischen Ladenlokal.

Nachdem wir uns begrüßt haben, muss ich erst einmal mein Fahrrad absperren. Ich ziehe mein zwei Kilo schweres 150€-Schloss aus dem Rucksack. Mit dem Profi-Blick der Alt-Berlinerin hat Maktiel ein stabiles Verkehrschild am Straßenrand ausgemacht: „Das da drüben sieht gut aus!“

Inzwischen bin ich geübt. Ich schaffe es innerhalb weniger Sekunden, das unhandliche Schloss um Pfosten und Fahrradrahmen zu schieben und abzusperren. Das ist in etwa die selbe Geschwindigkeit, in der in Berlin Fahrräder geklaut werden.

Seit ich in die Stadt gezogen bin, lasse ich mein Fahrrad niemals unbeaufsichtigt, wenn ich es nicht mit meinem Monster-Schloss an einem stabilen Gegenstand fixiert habe. Nicht mal für zwei Minuten beim Bäcker mache ich eine Ausnahme. Berliner common sense…

Im Koreanischen Ladenlokal ergattern wir einen winzigen Tisch vor der Theke. Selbstbedienung. Die bunt tätowierte Frau hinter der Kasse bittet um eine Bestellung in Englisch. Während draußen Nieselregel auf dem Prenzlauer Berg niedergeht, löffeln Maktiel und ich Bibimbap.

Eine Stunde später wandern wir gemeinsam durch den Kiez. Vorbei an der Gethsemane-Kirche schiebe ich mein Fahrrad, danach über den Weihnachtsmarkt in den Höfen der Kulturbrauerei. Wir kreuzen die Schönhauser Allee. Über unseren Köpfen rauscht auf hohen Metallstelzen die U-Bahn in Richtung Alexanderplatz.

In der Kastanienallee reiht sich ein Szene-Laden an den anderen. Öko-Klamotten, schicker Krims-Krams, cross-over Restaurants in allen Schatierungen – vorzugsweise vegan.

An einem sympathisch stabilen Fahrradständer in der Oderberger Straße schließe ich mein Rad ab. Maktiel lotst mich in ein schlecht geheiztes Café, in dem Christbaumkugeln von der Decke baumeln. Auf einem durchgesessenen Sofa essen wir Buttermilchwaffeln mit Zimt-Zucker und unterhalten uns über das, was uns beiden am wichtigsten ist: Meditation, Praxis, Retreats…

Am Nebentisch sitzt eine schöne Frau „of color“ mit dicken Dreatlocks. Sie stillt ihren Sohn, während sie sich in breitem Amerikanisch bei einer asiatisch aussehenden Frau über die hohen Lebenshaltungskosten in New York beklagt. Später kommt der Vater dazu – ebenfalls mit prächtigen Dreatlocks unter der Strickmütze – und wird von seinem Sohn begeistert begrüßt.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Maktiel und ich brechen auf in Richtung Szene-Kino. Wir wollen „No other Land“ anschauen. Der Film über ein palästinensisches Dorf im Westjordanland hat die Auszeichnung „bester Dokumentarfilm“ der Berlinale gewonnen.

Unterwegs erzählt mir Maktiel, wie sie vor einigen Jahren erst knapp einen Selbstmordanschlag in Jerusalem überlebte, danach im Schockzustand in einen Bus flüchtete und sich in Bethlehem wiederfand. Später kletterte sie, von jüdischen Siedlern mit Müll beworfen, über Hebrons Hausdächer und passierte Straßensperren des israelischen Militärs.

Der Vorraum des Kinos ist vage beleuchtet. Der schmale Mann hinter dem Tresen schüttelt bedauernd den Kopf, als wir nach zwei Tickets für „No other Land“ verlangen.

„Der ist schon ausverkauft.“

Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Mittwochabends um 18:15 Uhr? Wie kann das sein?

„Wir haben nur zweiundreißig Plätze. Die sind schnell weg.“ Der Mann hinter dem Tresen zuckt bedauernd die Schultern. „Er läuft noch bis Ende Dezember.“

Schlagartig bin ich das erste Mal mit „nach Berlin“ konfrontiert. Ich weiß nicht, ob ich im Dezember in der Stadt sein werde. Meine „In Between Phase“ hat hier und jetzt begonnen…

Eine Stunde später bin ich wieder in meinem WG-Zimmer. Zuvor habe ich die Kündigung für meinen Mietvertrag im Späti um die Ecke aufgegeben. Per Einwurf-Einschreiben, damit alles seine Richtigkeit hat. Morgen wird sie im Briefkasten vor der Haustür liegen.

Meine Zeit in Berlin geht hier und jetzt zu Ende.

Was schade ist. Es gefällt mir hier.

Oder besser: es hat mir hier gefallen…

Keller-Geister

Der Rauchopfer-Trupp des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain erhält eine sehr spezielle Anfrage…

Nach unserem allerersten Rauchopfer-Auftritt im Chinesischen Tempel von Kreuzberg sind wir erleichtert und zufrieden. https://www.water-runs-east.eu/auftritt/

Das tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd, dass wir auf der Terrasse des Tempels zelebriert haben, hat die örtlichen Naturgeister besänftigt und dem neuen Gebäude Segen gebracht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Davon sind wir alle überzeugt, denn genauso hat es sich für uns während des Zeremoniells angefühlt.

Ob unsere zahlreichen Zuschauer das ebenso erlebt haben, bleibt uns verborgen. Dass während des einstündigen Zeremoniells alle konzentriert und still dabei saßen und niemand aufstand und ging, werten wir aber als positives Feedback.

Erst nachdem wir fertig sind, verlassen die Besucher des Vesak-Festes die Terrasse. Der nächste Programmpunkt – ein Vortrag – findet im Haupttempel im ersten Stock des Gebäudes statt.

Wir bleiben zurück, um aufzuräumen.

Unser allererstes öffentliches Riwo Sang Chöd ist zu Ende. Das nächste wird wohl in einem Jahr stattfinden. Beim nächsten Vesak.

Bis dahin wird jeder für sich täglich zuhause sein Rauchopfer praktizieren. Jeden Sonntag werden wir uns – wie üblich – hinter den hohen Mauern des tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain treffen, um gemeinsam unser Rauchopfer zu zelebrieren.

So denke ich, während ich meine tibetische Glocke und meine kleine Sanduhrtrommel – die Damaru – einpacke. https://www.water-runs-east.eu/damaru/

Weit gefehlt!

Denn genau in diesem Moment erhalten wir die nächste Einladung!

Die schöne Lu aus der chinesischen Sanga unseres tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichhain ist es, die sich von Suriyel ein Rauchopfer wünscht.

Während der die Ritualgegenstände in seinen Werkzeugkoffer aus dem Baumarkt packt, erklärt sie ihm ihr Problem:

Lu möchte ein veganes chinesisches Restaurant eröffnen. Sie hat in Friedrichshain Räume im Erdgeschoss eines Altbaus angemietet. Seit Februar ist sie mit der Renovierung beschäftigt. Jetzt ist alles fast fertig.

Nur – leider, leider – ist irgend etwas mit dem Keller nicht in Ordnung. Die Energie ist schlecht! Geradezu unerträglich!

Lu ist deshalb sehr besorgt. Schließlich sollen dort die Lebensmittel für das Restaurant gelagert werden. Und überhaupt: Sie fürchtet um den Erfolg ihres Unternehmens!

Deshalb fragt sie Suriyel, ob er nicht kommen kann, um bei ihr im Keller ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren. Auf das die verärgerten Naturgeister befriedet werden, die Schützer aktiviert und die Buddhas und Boddhisattvas dem Restaurant ihren Segen schenken mögen.

Und das bitte schnell! In zwei Wochen soll das Restaurant eröffnet werden!

So kommt es, dass wir bereits am nächsten Tag – einem Sonntag – wieder in Rauchopfer-Mission unterwegs sind.

Nachdem wir erst „Grüne Tara“ im Tempel und danach unser sonntägliches Sang im Garten des tibetisch-buddhistischen Zentrums absolviert haben, machen wir uns auf den Weg zu Lu.

Glücklicherweise ist ihr neues Restaurant gerade einmal zwei Straßen vom Zentrum entfernt. Lu packt die große Ritualtrommel in den Kofferraum ihres Autos und fährt schon mal vor.

Wir anderen laufen zu Fuß. Suriyel trägt seinen Baumarkt-Koffer mit den Zeremonien-Gegenständen, ich schleppe die Fahrradtasche mit Glocke und Damaru. Die Darma-Schwester, die immer die große Trommel schlägt und eine chinesische Freundin von Lu sind auch noch mit von der Partie.

Dass wir gerade auf dem Weg in ein veganes chinesisches Restaurant sind, um dort ein mehr als tausend Jahre altes tibetisches Ritual abzuhalten, um böse Geister zu vertreiben, erfreut und erheitert mich zutiefst.

So, finde ich, soll das Leben sein. Wenn es anders ist, läuft etwas verkehrt.

„Wir sind buddhistische ‚Ghost-Busters‘!“, erkläre ich Suriyel, während unsere schräge Truppe unter blühenden Linden durch Friedrichshain läuft. „Oder besser: ‚Gost-Feeders‘!“

Suryiel schweigt dazu. Aber ich sehe ihm an, dass ihn die Situation genauso erheitert wie mich.

Als die aufgekratzte Truppe bei Lu ankommt, werden wir von ihr mit offenen Armen empfangen.

Der Weg in den Keller führt an der Küche des Restaurants vorbei. Auf dem Herd stehen große Schüsseln mit Bergen von Gemüse. Ein schweigsamer Chinese schnippelt Zwiebeln.

Das Gemüse wäre für uns, erklärt uns Lu. Nach dem Ritual würde sie uns zum Essen einladen.

Fantastische Aussichten!

Aber erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen.

Als wir nacheinander im Gänsemarsch auf einer schmalen Stiege in den Keller hinunter steigen, weiß ich sofort, was Lu meint: Die Energie dort fühlt sich wirklich furchtbar an! Dabei riecht es nicht modrig. Es ist auch nicht übermäßig dunkel. Aber trotzdem ist es, als stünde man in einer dumpfen drückenden grauen Wolke.

Dabei wäre es schon viel besser geworden, versichert uns unsere Gastgeberin.

Sie hat auch einiges dafür getan: Quer über die riesige Fläche spannt sich eine lange Reihe tibetischer Gebetsfahnen. In der dunkelsten Ecke des riesigen Kellerraums hat Lu zwei große goldene elektrische Gebetsmühlen aufgestellt, die sich ununterbrochen drehen und dabei aus unsichtbaren Lautsprechern in monotonem Sing-Sang tibetische Gebete plärren.

Ich bin fasziniert von den elektrischen Gebetsmühlen: Wir haben die selben im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums. Auch dort stehen sie – sich unaufhörlich drehend – in einer Ecke. Aber dass sie auch noch beten können, wusste ich nicht.

Man könne die Lautsprecher auf „Null“ stellen, erklärt mir Lu. Ich bin erleichtert, als sie das jetzt auch bei den ihren macht. Das blecherne Geleier schmerzt mir in den Ohren.

Wir müssen improvisieren. In Lu’s Restaurant gibt es weder Meditationskissen noch Schreintische. Es dauert trotzdem höchstens eine Viertelstunde, dann sind wir startklar.

Zusammen mit Lu rezitieren, singen und musizieren wir, was das Zeug hält. Alles um uns glüht vor Energie.

Als wir beim Opfern der Speisen angekommen sind, steht Suriyel auf, nimmt die rauchende Schale und wandert mit ihr in der Hand, unaufhörlich das Mantra „Om Ah Hung“ rezitierend, erst durch den Keller, dann die Stiege hoch in das Restaurant und dort durch alle Räume.

Wir folgen ihm im Gänsemarsch, jede mit der Mala in der Hand, ebenfalls konzentriert das Mantra rezitierend.

Vor jeder Buddha-Figur – von denen es bei Lu in jedem Raum mindestens eine gibt – stellt Suriyel einen der brennenden Räucherkegel aus der Opferschale ab.

Am Ende sind wir wieder im Keller angelangt. Dort lassen wiruns erneut auf unseren provisorischen Plätzen nieder und schließen das Ritual feierlich ab.

Hinterher ist Lu erleichtert und dankbar.

Und wir anderen finden auch, dass wir einen guten Job gemacht haben! Das dumpfe drückende Gefühl ist aus dem Keller verschwunden.

Als wir – erschöpft und glücklich – hintereinander die steile Kellerstiege hochklettern, begrüßt uns das Sonnelicht eines späten Sonntagnachmittags. Es kommt uns vor, als hätten wir nicht nur ein paar Stufen, sondern einige Jahrhunderte und eine völlig fremde Welt hinter uns gelassen.

Die Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger, die an der grauen Hauswand des Altbaus vorbeilaufen, ahnen nicht, was hier gerade geschehen ist: Die ‚Ghost-Feeders‘ des tibetisch-buddhistischen Zentrums haben bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen ihre spirituelle Mission erfolgreich abgeschlossen!

Geister-Füttern macht hungrig!

Glücklicherweise ist das Essen fertig. Wir lassen uns an einer großen Tafel nieder. Lu stellt eine große Schüssel mit köstlichen chinesischen Gemüsegerichten nach der anderen vor uns auf den Tisch. Dazu gibt es fantastischen chinesischen Grünen Tee.

Wir sind begeistert von dem tollen Essen – und Lu ist glücklich über unser Entzücken.

Denn die tibetisch-buddhistischen ‚Ghost-Busters‘ sind die allerersten Gäste in Lu’s neuem Restaurant.

Dass wir nicht nur so viel gute Energie geschaffen haben, sondern jetzt auch noch so entzückt von ihrem chinesisch-veganen Essen sind, wertet die schöne Lu als positives Zeichen.

Wir können ihr nur zustimmen: Dieses Restaurant wird ganz sicher der Renner werden…

Auftritt

Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…

Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Der Anblick lässt mich schaudern.

Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.

Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.

Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.

Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.

Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.

Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“

„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.

Ich bleibe fassungslos zurück.

Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.

Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.

Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.

Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.

Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.

Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!

Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!

Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.

Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.

Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.

Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.

In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.

Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.

Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.

Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/

Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.

Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!

Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.

Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

So viel zum Willen des Meisters…

Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.

Ansonsten ist es vollkommend still.

Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.

Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.

Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.

Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.

Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.

Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…

Generalprobe

Wir üben das traditionelle tibetische Rauchopfer – Riwo Sang Chöd – für unseren Auftritt am höchsten buddhistischen Feiertag…

Das buddhistische Zentrums von Friedrichshain wird zur Ehren von Vesak ein Riwo Sang Chöd präsentieren! https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Denn das Zentrum gehört einer Traditionslinie des tibetischen Buddhismus an. Das traditionelle Rauchopfer ist eine ihrer Basis-Praktiken. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Dieses historische Ereignis wird am ersten Juni-Wochenende im chinesischen Chan-Kloster von Kreuzberg stattfinden!

Die Frage ist nur: Werden sich genug Unerschrockene für den Auftritt finden?

Denn es ist das eine, gut versteckt hinter hohen Mauern an einem mehr als tausend Jahre alten schamanischen Ritus teilzunehmen.

Und etwas ganz anderes, sich zu einer solch befremdlichen Handlung vor den Augen der Öffentlichkeit zu bekennen!

Und mag die auch noch so buddhistisch sein…

Als ich die Neuigkeit über unseren Auftritt an Vesak in der Whats-App-Gruppe der Sonntagspraktizierenden verkünde, bin ich gespannt, wie die Rückmeldungen ausfallen werden:

Es finden soch doch tatsächlich drei Mutige, die bereit sind, mitzumachen!

Mit Suriyel und mir wären wir zu fünft. Ich bin erleichtert: Das ist nicht beeindruckend, aber ausreichend.

Während der nächstens Sonntagstreffen im Zentrum sammle ich dann noch vier halbe bis dreiviertelte Zusagen ein: Wenn es sich an dem Tag ergeben würde, wäre man dabei, wird mir gesagt.

Am Ende, denke ich, werden wir wohl um die sieben Leute sein.

Dafür, dass wir das zweitgrößte buddhistische Zentrum Berlins repräsentieren, ist das eine bescheidene Truppe.

Aber angesichts der Herausforderung ist die Zahl erfreulich hoch.

An den folgenden Sonntagen wird im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain fleißig für den ersten Auftritt der Gruppe geübt.

Es klappt ganz gut, finde ich. Suriyel ist auch zufrieden.

Und schließlich: Die Generalprobe!

Am letzten Sonntag vor dem Vesak-Fest schleppen wir Sitzunterlagen, Meditationskissen, Schreintischen, Musikinstrumente, Sakralgegenstände, Holz, Speiseopfer und die große Feuerschale ins Freie.

Während der Zeremonie geben wir alles!

Suriyel schlägt die Zimbeln, eine Dharma-Schwester die große Trommel. Dazu schwenken alle die traditionellen tibetischen Handglocken und drehen die kleine Damaru.

Wir rezitieren und singen, dass es eine Freude ist.

Suriyels Rauchfahne ist von beeindruckender Dichte und von perfekt weißer Farbe.

Hinterher sind wir alle sehr zufrieden mit unserem Rauchopfer. Wenn wir das nächsten Sonntag noch einmal so hinbekommen, wäre das super!

Am Abend meldet sich eine Dharma-Schwester, die nicht an der Sonntagspraxis teilgenommen hat, in der Whats-App-Gruppe.

Was denn los gewesen wäre bei uns heute im Zentrum? Wir hätten bei unserem Rauchopfer einen Krach gemacht, dass man uns auch noch zwei Straßen weiter gehört hätte! Es klang, schreibt sie, als wäre eine Horde Fußballfans durch das Viertel gezogen!

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Vor allem, wenn es um das Riwo Sang Chöd geht. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Vesak

Das chinesische Kloster in Kreuzberg zelebriert ein buddhistisches Fest – und alle buddhistischen Zentren Berlins helfen mit…

Am Vollmondtag des vierten Monats jedes lunaren Jahres feiern Buddhisten in aller Welt Vesak. Dann wird der Geburt, der Erleuchtung und dem Tod Buddhas gedacht.

Das ist wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern an einem Tag!

In Berlin hat sich die Tradition eingebürgert, dass das Vesak-Fest jedes Jahr reihum von einem anderen buddhistischen Zentrum der Stadt ausgerichtet wird.

Die Mitglieder desjenigen Buddhistischen Zentrums, dem die Aufgabe zufällt, in diesem Jahr das große Fest zu organisieren, befinden sich schon Monate vor dem Fest – das auf einen Tag zwischen Ende April und Anfang Juni fällt – im Ausnahmezustand.

Alle anderen Buddhisten Berlins dürfen sich von den zurückliegenden Strapazen „ihres“ Vesak erholen und sich auf ein entspanntes Fest freuen.

In diesem Jahr trifft es das große chinesische Chan-Kloster in Kreuzberg.

Im Februar erhält das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain deshalb von der chinesischen Dharma-Verwandtschaft die Einladung zum Vesak-Fest. Weil der vierte Vollmond des neuen Jahres auf Donnerstag, den 23. Mai fällt, findet das Fest am Wochenende danach statt.

Ich erfahre von der Einladung, als ich, nach meinem Umzug nach Berlin Ende Februar, an meiner ersten Orga-Team-Sitzung im Zentrum teilnehme.

Das ist auch das erste Mal, dass ich von „Vesak“ höre. Das Fest stammt aus der Theravada-Tradition, der ältesten noch existierenden Schultradition des Buddhismus. Sie wird heute vor allem in Thailand, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha praktiziert.

Weil meine Zen-Tradition der jüngeren Schullinie des Mahayana angehört und aus Japan stammt, bin ich bisher noch nie mit dem Fest in Berührung gekommen.

Im japanischen Zen wird das Fest von Buddhas Erleuchtung am 8. Dezember gefeiert. Das ist unser „Bodhi-Tag“. Zuvor findet – gemäß der japanischen Tradition – immer ein siebentägiges intensives Retreat statt . In dieser „Rohatsu“ bereiten sich die Praktizierenden durch Meditation und Schweigen auf das Fest vor.

Als mir die anderen Teilnehmer der Orga-Runde erklären, was es mit diesem „Vesak“ auf sich hat, freue mich darüber, auch noch das Fest einer anderen Tradition erleben zu dürfen.

Schnell wird mir während der Orga-Sitzung allerdings klar, dass ich wieder einmal viel zu passiv gedacht habe! Ich werde – stellt sich heraus – nicht nur als Gast im Chinesischen Tempel erwartet.

Ich soll einen Programmpunkt mitgestalten!

Denn die Einladung des chinesischen KLosters ging mit der Bitte einher, alle anderen Zentren mögen sich mit einem Angebot am Tagesprogramm beteiligen.

Und zwar mit einer Praxis oder einem Ritus, der typisch für die Tradition des jeweiligen Zentrums ist.

Der Vorstand des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zerbrach sich gemeinsam den Kopf darüber, was man der versammelten Berliner Community an Vesak präsentieren könnte.

Am Ende fiel die Entscheidung, alle Buddhisten Berlins am hauseigenen Riwo Sang Chöd teilhaben zu lassen. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel praktiziert es jeden Sonntag als offenes Angebot im Tempel des Tibetisch-Buddhistischen Zentrums. Und ich bin – zusammen mit ein paar Anderen – regelmäßig mit dabei und mache mit.

In kleinem Rahmen. Ohne Publikum…

Dass auf einmal von mir erwartet wird, vor sämtlichen Buddhisten Berlins ein schamanisches Rauchopfer zu präsentieren, trifft mich unvorbereitet.

Drücken will ich mich aber auch nicht. Am Ende steht Suriyel alleine da. Das kommmt nicht in Frage.

Also nicke ich ergeben.

Die Runde reagiert erleichtert über meine Einwilligung.

„Wie gut, dass du dabei sein wirst!“, schallt mir entgegen.

Denn das Orga-Team hat noch einen weiteren Aufrag für mich, erfahre ich umgehend.

Ich solle doch bitte darauf achten, dass Suriyel sich benimmt! Er möge bitte nur ein kleines Feuer im Garten der chinesischen Dharma-Brüder und -Schwestern entfachen. Und um Himmels Willen nicht zu viel Rauch produzieren! Und nicht zu viel Krach machen!

Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain will schließlich einen guten Eindruck hinterlassen – und keinen Ärger produzieren!

Ich werde, denke ich im Stillen, an Vesak nicht nur als Tantra-Praktizierende gefordert sein, sondern auch noch als Kindermädchen!

Na toll…

Spirituelle WG

Esther möchte eine „Spirituelle WG“ gründen – und ich bin auserwählt, das erste Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden…

„Intuition is the ability of experts to rapidly solve complicated problems that are highly difficult for the average person. […] These findings suggest that experts, after long-term, focused training, can use these evolutionarily-old brain structures for „intuitive“ decision-making, which, in non-experts, are only involved in primitive behaviors.“ https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29887530/

Am Sonntag, dem 23. Oktober 2023 besichtige ich am Prenzlauer Berg ein WG-Zimmer. https://www.water-runs-east.eu/prenzlauer-berg/

Dass Esther – die Vermieterin und Mitbewohnerin – speziell ist, bemerkt man nicht auf den ersten Blick. Aber auf dem zweiten. Schon während sie mich durch ihr Haus führt, bin ich beeindruckt von der tiefen Ruhe, die sie ausstrahlt. Dass sie intensiv meditiert, ist offensichtlich.

Ich bin fasziniert, dass sie diese Qualität der Präsenz nicht durch buddhistische Praxis, sondern durch eine spezielle Form des christlichen Gebets erreicht hat. Dass dies möglich ist, wusste ich bisher nicht.

Als wir uns – nachdem die Führung beendet ist – mit einer Tasse Tee am Küchentisch niederlassen, haben wir uns viel zu erzählen. Ich lasse mir von Esther die Prinzipien ihrer täglichen Praxis erklären, sie sich die meinen.

Wir gleichen unsere Biographien ab und stellen verblüffende Parallelen fest.

Aber das, was uns am stärksten verbindet – so sehe ich das zumindest – sind unsere „Inneren Stimmen“. Beide tragen wir diese autonome Instanz in uns. Und beide sind wir in der Lage, sie nicht nur bewusst zu hören, sondern auch ihren Anweisungen zu folgen.

Dass es andere Menschen gibt, die das – wie ich – können, wusste ich bisher nur aus der Literatur. Leibhaftig ist mir noch niemand begegnet, der diese Fähigkeit besitzt. Oder – was wahrscheinlicher ist – niemand hat sich bisher dazu bekannt.

Auch ich pflege darüber zu schweigen. Aus den bekannten Gründen. https://www.water-runs-east.eu/?p=7380&preview=true

Dass Esther so offen darüber spricht, erlebe ich als beglückend. Ich bin doch tatsächlich auf eine Seelenverwandte gestossen!

Und Esther ist auch erfreut darüber, dass ich an ihrem Küchentisch sitze. Sie plane – so erklärt sie mir im Laufe unseres Gesprächs – eine „spirituelle WG“. Sie wolle mit Gleichgesinnten zusammenleben! Und ganz besonders erfreulich findet sie es, dass ich Buddhistin bin. Denn der Buddhismus – vor allem der tibetische – hätte sie schon immer fasziniert.

Vorletzten Freitag sinierte sie nach dem Aufwachen über ihre Pläne und rief – aus einem Impuls heraus – das einschlägige Online-Portal auf. Exakt zu dem Zeitpunkt, als ich – 120 Kilometer entfernt – in Leipzig meine „WG-Zimmer-gesucht“-Anzeige hochgeladen hatte. https://www.water-runs-east.eu/die-anzeige/

Das erste, was auf Esthers Bildschirm aufploppte, war die Annonce einer dauermeditierenden Buddhistin und Autorin gleichen Alters und mit dem selben Beruf.

Auf einmal verstand ich, warum meine „Innere Stimme“ an diesem Freitagmorgen so beharrlich darauf bestanden hatte, ich müsse SOFORT die Annonce schreiben! Nicht einmal eine Tasse Morgenkaffee hatte sie mir zugestanden!

Kein Wunder. Ich gehe davon aus, dass unser beider „Innere Stimmen“ in direktem Kontakt miteinander standen. So stelle ich mir das zumindest vor.

Wie auch immer: Esther und ich haben zusammen gefunden. Der Gründung der „Spirituellen WG“ am Prenzlauer Berg stand nichts mehr im Wege…

Prenzlauer Berg

Ich besichtige das WG-Zimmer im Haus einer „Spirituellen Heilerin“ in Berlin-Mitte – und beschließe, an den Prenzlauer Berg zu ziehen…

Neun Tage nach der überraschenden Antwort auf mein Zimmer-Gesuch mache ich mich auf den Weg zum Prenzlauer Berg. https://www.water-runs-east.eu/?p=7288&preview=true

Als die Sonntagspraxis im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain zu Ende gegangen ist, nehme ich die Ringbahn.

Draußen zieht Berlin-Mitte vorbei. Drinnen hocken und stehen Berliner in allen Variationen: Übergewichtige Frauen mit künstlichen Wimpern und Fingernägeln in knallengen Jeans. Rentner in Wanderkluft. Eine Familie mit Bollerwagen. Zugekiffte Jugendliche. Ein schwarz gekleidetes Pärchen mit ganz vielen Tattoos.

Und dazwischen: Ich. Beschäftigt mit der bangen Frage, was ich hier – bitteschön – soll? https://www.water-runs-east.eu/metropole/

An der S-Bahn-Station „Schönhauser Allee“ muss ich aussteigen. Erst geht es ein Stück die vierspurige Straße entlang. Dann biege ich in eine ruhige Seitenstraße ein.

Während ich – die Hausnummern abzählend – den Gehweg entlang laufe, spüre ich ein unangenehmes Ziehen im Magen. Die Angst hat mich fest im Griff.

Denn die Situation, in die ich mich selbst laviert habe, ist wieder einmal mehr als befremdlich.

Zuerst zwang mich meine Innere Stimme, ein schräges Zimmer-Gesuch online zu stellen. Tenor: „Ich bin dauermeditierende Buddhistin und Autorin.“ https://www.water-runs-east.eu/?p=7288&preview=true

Darauf kam umgehend eine Antwort. Von einer „Spirituellen Heilerin“.

Später wird sich herausstellen, dass dies das einzige seriöse Angebot auf meine Anzeige bleiben wird. Alles andere, was sonst noch in meinem Postfach aufploppt, ist Scam. Die akute Wohnungsnot in Berlin zieht jede Menge Betrüger an.

So erfreulich die Offerte deshalb ist: Ein weniger exotisches Zimmerangebot wäre mir lieber gewesen. Ich hause schließlich seit beinahe zwei Jahren – zusammen mit zwei verschrobenen Mitbewohnern und einem Theurang – in einer verwunschen Altbauwohnung in Leipzig. Zur Untermiete. Das ist so anstrengend wie bedrückend. Nicht nur mein Ego findet, dass ich mir etwas Erholung und Normalität verdient hätte.

Das aktuelle Angebot klingt nicht danach.

Ich bin vor der richtigen Hausnummer angekommen. Ein schmales modernes Townhouse in freundlichem Gelb. Nervös drücke ich den Klingelknopf. Wie wohl eine „Spirituelle Heilerin“ aussieht?

Ganz normal, stellt sich heraus, als die Haustür aufgeht. Esther ist klein, blond, energisch und herzlich.

Ich werde eingelassen und bekomme das Haus präsentiert. Das ist toll: hell, in schönen Farben gehalten und großzügig geschnitten. Es gibt eine offene Küche – und sogar einen Garten!

Im dritten Stock schließlich das freie Zimmer. Es handelt sich um ein großes Studio. Inklusive einer eigenen Dachterrasse mit Blick auf die begrünten Innenhöfe des Straßenzugs.

Ich bin sprachlos – was mir nicht oft passiert.

Zwei Stunden später verabschiedet mich Esther. Sie hat mir versprochen, zügig den Mietvertrag zu schicken.

Zum ersten März werde ich an den Prenzlauer Berg ziehen.

Mein Ego ist glücklich und zufrieden darüber. Es könnte sogar sein, dass es die Innere Stimme lobt. Wenn auch nur ganz leise. Obwohl ich nichts gehört habe, würde es mich nicht wundern…

Nachricht

Meine Innere Stimme diktiert mir eine schräge WG-Zimmer-Gesucht-Anzeige – und ich erhalte umgehend eine Antwort…

Am Freitag, den 13. Oktober, jagt mich meine Innere Stimme unmittelbar nach der Morgenmeditation an den Schreibtisch. Mein Flehen, sie möge mir doch zumindest noch einen Kaffee zugestehen, bleibt unerhört.

„Jetzt! Sofort!“, fährt sie mich an.

Ergeben starte ich den Laptop.

Während der Meditation hatte mir meine Innere Stimme ins Ohr geflüstert, was ich zu tun habe: Ich müsse ein Zimmer-Gesuch verfassen. Den Text teilte sie mir ebenfalls mit. Wort für Wort. Inklusive der Quadratmeter und der Höchstgrenze der Miete.

„So groß?“, frage ich zweifelnd, während ich tippe, was mir aufgetragen wurde. „Und so teuer???“

Die Innere Stimme schweigt. Sie hat mir gesagt, was es zu sagen gibt. Jedes weitere Wort wäre Energieverschwendung.

Ich habe gelernt, ihr zu gehorchen. Genau dafür praktiziere ich seit Jahren Zen. Damit ich tue, was ansteht.

Und dabei mein Ego ausblende. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Denn dem fällt einiges zum Auftrag der Inneren Stimme ein. Und definitv nichts positives!

„Bist du wahnsinnig geworden?“, fährt es mich an. Seine Stimme überschlägt sich vor Angst und Wut. „Du hast keine Ahnung, wie die Schlacht ausgehen wird! https://www.water-runs-east.eu/?p=7263&preview=true

Warte gefälligst ab, bist du weißt, ob du dir das leisten kannst!“ Es muss kurz Luft holen, bevor es kreischt: „Und heute ist auch noch Freitag, der 13.!!!!“

Ich blende das hysterische Gekeife des Egos aus, so gut es geht. Dank der exakten Vorgaben der Inneren Stimme brauche ich gerade einmal eine Stunde, dann ist die „WG-Zimmer-Gesucht“-Anzeige geschrieben, korrigiert und hochgeladen.

Danach darf ich mir endlich einen Espresso kochen. Während ich das Aluminium-Kännchen auf den altertümlichen Herd stelle, beruhige ich mein Ego: „Du musst dich nicht so aufregen. Es wird sich niemand auf das Gesuch melden! Der Text war viel zu schräg!“

Meine volle Kaffeetasse balancierend, wandere ich zurück an meinen Schreibtisch. Einen Schluck nehmend, rufe ich, bevor ich anfange zu arbeiten, meine E-Mails ab.

„Sie haben eine Antwort auf ihre Anzeige erhalten.“, informiert mich das Wohnungs-Portal, auf dem ich gerade einmal vor zwanzig Minuten meine Anfrage platziert habe.

Verblüfft rufe ich die Nachricht auf. Esther hat mir geschrieben, lese ich. Ein paar magere Zeilen: Sie würde ein Zimmer am Prenzlauer Berg vermieten. Exakt in der Größe und zu dem Preis, den ich angegeben hatte. Angehängt ein Photo des Zimmers: Helle Holzdielen, eine Fensterfront. Davor ein großer Balkon.

Ach ja: Sie wäre „Spirituelle Heilerin“ – und habe dasselbe Fach wie ich studiert.

Während das Ego schluchzend neben dem Schreibtisch zusammenbricht, schmunzelt die Innere Stimme zufrieden vor sich hin…

Betriebsstörung

Ein unerwartetes Ereignis macht meine Zukunftspläne zunichte und versetzt mein Ego in Angst und Schrecken…

Die innere Gewissheit, ich würde in naher Zukunft in die gemütliche Altbauwohnung des Schutzengels Israfel in Berlin-Friedrichshain einziehen, hält gerade einmal eine Woche. https://www.water-runs-east.eu/probe-wohnen/

Ein paar Tage bevor der ereignisreiche September sein Ende findet, meldet sich Karma mit einer schallenden Ohrfeige. https://www.water-runs-east.eu/falken/

Sie erreicht mich in Form einer E-Mail. Gefolgt von einem Telefonanruf.

Am anderen Ende: mein altes Leben.

Die letzten Septembertage verbringe ich damit, die Tragweite der über mich hereinbrechenden Ereignisse zu verdauen.

Und ihre Konsequenzen.

Am ersten Oktober lelefoniere ich mit Israfel. Und teile ihm mit, dass ich leider nicht bei ihm einziehen kann. Die Hiobsbotschaft aus meiner unabgeschlossenen Vergangenheit hat dafür gesorgt, dass ich nicht mehr die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen erfülle, um einen Mietvertrag für seine Wohnung zu erhalten.

In den Tagen vor dem Gespräch mit Israfel war ich gezwungen, eine harte Entscheidung zu treffen.

Es war meine Innere Stimme, die nüchtern beschloss, in den Krieg zu ziehen. Wenn es notwendig war, für Dharma und Sangha die Klinge zu kreuzen – wohlan! https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/

Das Ego war – nachdem es die Mail gelesen und dem Telefonat gelauscht hatte – in panischer Angst unter die Bettdecke gekrochen. Dort bibberte es seit Tagen vor sich hin. Als es realisierte, wozu die Innere Stimme bereit war, heulte es hohl auf, kniff die Augen zusammen, hielt sich unter der Decke die Ohren zu und stellte sich tot. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Seufzend nehme ich am frühen Morgen des 2. Oktober auf meinem Meditationskissen Platz. Über dem schönen Waldstraßenviertel hängt die Finsternis des Herbstes. Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.

In die Stille hinein knarren die ausgetretenen Dielen des Flurs. Der Theurang hat sein Versteck auf der Garderobe verlassen und presst seine Nase von Außen gegen den Spalt meiner Zimmertür. Ausgehungert wie er ist, versucht er, etwas von der positiven Energie meiner Morgenmeditation abzubekommen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Ich sitze auf meinem Kissen, atme in der Dunkelheit und lausche seinem gierigen Schnüffeln.

„Alles wird gut!“, flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr. „Vertrau mir!“

Falken

Auf dem Weg zum Probewohnen in Berlin-Friedrichshain bekomme ich am magischen Elstermühlgraben ein Zeichen geschenkt…

Der September nähert sich seinem Ende. Der Monat ist ereignisreich verlaufen.

Anfang September begann ich mit einem neuen Blog-Thema. Arbeitstitel: „Die Engel von Friedrichshain“. Es war auf vier bis sechs Wochen angelegt. Gerade entwickelt es sich zum Mamut-Projekt und droht, mir über den Kopf zu wachsen. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Mitte September fiel mein „Probe-Wohnen“ bei Israfel genau auf das Mönlam – das traditionelle tibetische Gebetsfest – im Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/

Meine Innere Stimme hatte beschlossen, ich müsse nach Berlin ziehen – und Israfel hatte ein freies Zimmer anzubieten. https://www.water-runs-east.eu/probe-wohnen/

Nach dem Probe-Wohn-Wochenende gehe ich davon aus, dass ich bei Israfel einziehen werde.

Denn alles – so verwirrend und überwältigend es auch ist – vollzieht sich auf vollkommend natürliche Weise.

Der vertraute karmische Flow….

Allerdings hatte ich – zu Beginn von Probe-Wohnen und Mönlam – ein Zeichen geschenkt bekommen, das ich nicht zu deuten weiß.

Es begegnete mir auf dem Weg zum Bahnhof am magischen Elstermühlgraben. Dort, wo der Naga wohnt. https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Als ich – in Gedanken beim am Abend beginnenden Probe-Wohnen – am Kanal vorbeilief, ertönte ganz in der Nähe der schrille Ruf eines Greifvogels. Ich legte den Kopf in den Nacken und starrte in den herbstblauen Himmel. Der war leer.

Aber irgendwo musste der Vogel sein! Seine rhythmischen Schreie hallten durch das Gründerzeit-Viertel. Suchenden Blickes lief ich weiter – und entdeckte einen Falken, der auf dem First eines Art-Deco-Hauses hockte. War er krank?

Während ich versuchte, mir einen Reim aus der Sache zu machen, ertönten plötzlich Greifvogel-Rufe vom Himmel.

Erst konnte ich nur sechs schwarze Punkte erkennen, die über den Dächern des Waldstraßenviertels kreisten. Aber innerhalb kurzer Zeit waren die Vögel so nah, dass Silhouetten und Farben keinen Zweifel ließen: Am Elstermühlgraben hatten sich sieben Wanderfalken eingefunden!

War das ein Elternpaar mit seinen gerade flügge gewordenen Kindern? Oder eine Schar Jungvögel?

Noch nie hatte ich so viele Falken gleichzeitig gesehen! Und dann auch noch in der Leipziger Innenstadt!

Das so seltsame wie seltene Schauspiel absorbierte mich. Ich stand, den Kopf in den Nacken gelegt, und starrte abwechselnd auf die kreisenden Raubvögel am Himmel und den einen auf dem Dachfirst, lauschte ihren schrillen Schreien, die das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf dem Ring übertönten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schreckte mich ein Gedanke aus meiner Trance: In einer halben Stunde ging mein Zug nach Berlin!

Ich wandte mich schweren Herzens ab und machte mich auf den Weg in die Fußgängerzone in der Annahme, ich würde die Vögel zurücklassen.

Aber ein paar Minuten später – ich hatte inzwischen den Ring überquert – ertönten erneut schrille Raubvogel-Rufe. Der Falke, den ich zuerst entdeckt hatte, war über den Goerdelerring geflogen und saß jetzt auf dem Dachfirst eines Hauses am Richard-Wagner-Platz. Über ihm kreisten die anderen sechs Wanderfalken. Ihre Schreie halten über die belebte Fußgängerzone.

Zu meinem Erstaunen schien keiner der Passanten das seltene Ereignis zu registrieren. Niemand um mich blieb stehen, hob den Kopf und versuchte herauszufinden, woher die Rufe kamen.

Lediglich die Stadttauben verstanden, was es geschlagen hatte. Ein Schwarm schoss direkt an mir vorbei. Die Vögel flogen so tief, dass ihre Bäuche beinahe das ausgetretene Kopfsteinpflaster streiften. Innerhalb von Sekunden waren sie in einer dunklen Tordurchfahrt verschwunden.

Auf meinem Weg durch die Altstadt begleiteten mich unaufhörlich die schrillen Schreie der Wanderfalken. Im Schutz von Dachfirsten und Erkern kauerten Tauben in Todesangst. Die frechen Spatzen, die sich sonst um die Essensreste an den Mülleimern balgten, waren verschwunden.

Aber keiner der Passanten realisierte, dass er gerade gerade ein ornithologisches Kriegsgebiet durchquerte.

Am Himmel kreisten sieben ununterbrochen schreiende Wanderfalken – auch der vom Dachfirst hatte sich jetzt seinen Artgenossen angeschlossen – am Boden war alles Gurren, Piepen und Singen verstummt.

Während ich die Altstadt durchquerte, schraubten sich die Falken höher und höher in den Herbsthimmel. Ihre schrillen Schreie wurden schwächer, bis sie vom Straßenlärm verschluckt wurden.

Als ich – kurz vor dem Hauptbahnhof – am Unteren Park angekommen war, sangen dort die Amseln in den Bäumen. Ein Pulk Spatzen stritt sich, laut zschirpend, um die Reste eines Brötchens.

Die Raubvögel waren verschwunden.

Während der Fahrt nach Berlin starrte ich aus dem Fenster des ICE auf die ausgedörrten Wälder Brandenburgs. In meinen Ohren klangen immer noch die schrillen Schreie der sieben Wanderfalken.

Sie waren wahrhaftig ein Zeichen gewesen!

Nur: Was es zu bedeuten hatte, war mir nicht zugänglich.

Zuflucht

Meine Entscheidung, Buddhistin zu werden, katapultiert mich vier Jahre später in das gottlose Berlin-Friedrichshain…

Nach dem Probe-Wohn-Wochenende spricht alles dafür, dass ich zukünftig einen Schutzengel als WG-Genossen haben werde. https://www.water-runs-east.eu/israfel/

Meine Innere Stimme hat schließlich beschlossen, dass ich nach Berlin ziehen soll. https://www.water-runs-east.eu/metropole/

Und Karma hat das passende Zimmer dafür geliefert. https://www.water-runs-east.eu/probe-wohnen/

Israfels Wohnung ist gerade einmal 900 Meter von Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum in Friedrichshain entfernt. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Genau dieses Zentrum ist – so meine Vermutung – das eigentliche Ziel meines unfreiwilligen Umzugs: Damit ich weiterhin Fortschritte in meiner Meditationspraxis mache, muss ich dorthin. Und nicht nur als Gast. Ich muss Teil der Gemeinschaft werden.

Buddhistin unter Buddhisten.

Denn ich bin Buddhistin. Ich habe Zuflucht genommen.

Die Zufluchtnahme ist ein magischer Pakt zwischen Lehrer und Schüler: Der Lehrer verspricht, alles zu tun, um den Schüler dabei zu unterstützen, Buddhaschaft zu erlangen. Und der Schüler verspricht dem Lehrer, alles zu geben, um dieses Ziel zu erreichen.

Wenn einer von beiden dieses Versprechen – Samaya – bricht, hat das weitreichende negative karmischen Konsequenzen. Über viele Leben – so heißt es – ist in diesem Fall der Zugang zu den Lehren Buddhas versperrt.

Deshalb sollte man niemals leichtfertig Zuflucht nehmen zu Lama, Dharma und Sangha…

Man nimmt nämlich nicht nur zum Lehrer Zuflucht – dem Lama – sondern gleichzeitig auch zur Lehre Buddhas – dem Dharma – und zur Gemeinschaft der buddhistischen Praktizierenden – der Sangha.

Vor vier Jahren habe ich zu meiner Khandro Zuflucht genommen. Dadurch bin ich zur Buddhistin geworden.

Ohne jede Begeisterung – um es vorsichtig zu formulieren. Ich war schließlich durch und durch katholisch.

Die Zufluchtnahme war der Preis, den ich bezahlen musste, um „mein“ Mantra zu bekommen. Vajra Armor. Es ist speziell.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nichts darüber. Niente! Nothing!

Abgesehen davon, dass ich es unbedingt brauchte. Weil dies meine Innere Stimme beschlossen hatte.

Die monatelange Dauerklage meines Egos – dem das Mantra schnurz-piep-egal war und das bei dem Gedanken, Buddhistin zu werden, Krämpfe bekam – hatte nichts daran geändert. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

An einem sonnigen Donnerstag im Oktober 2019 nahm ich also Zuflucht bei der Khandro. Zum Erstaunen meines Egos fuhr während des Ritus kein Blitz vom Himmel und erschlug mich.

Vier Jahre später ist diese Zufluchtnahme auf einmal wieder sehr präsent. Denn während des Mönlam – des tibetischen Gebetswochenendes – habe ich mich zum ersten Mal als Teil einer buddhistischen Gemeinschaft gefühlt. https://www.water-runs-east.eu/moenlam/

Buddhistin unter Buddhisten. So wie es eigentlich sein soll. Und wie ich es in der Zufluchtnahme versprochen hatte.

In meinem Untermietzimmer in Leipzig steigen während der Morgenmeditation Bilder in mir auf.

Die Khandro mit ihrem prächtigen tibetischen Hut. Ihr langes blondes Haar glänzt im Licht der warmen Herbstsonne. Gedämpft klingt das Rauschen eines Wildbaches herein. Eine Fliege brummt am Fenster.

Der gleichförmige tibetische Singssang der Khandro erfüllt den Raum. Sie schwenkt eine Bhumpa – die tibetische Ritualvase mit geweihtem Safranwasser – über meinem Kopf.

Alles ist vollkommend fremd, zutiefst beängstigend – und gleichzeitig auf seltsame Weise vertraut…

Die Bilder, die aus meinem Inneren aufsteigen, sind so intensiv, das mir ist, als würde ich alles hier und jetzt erleben. Der Geruch der brennenden Räucherstäbchen. Ihre zarten Rauchfäden, während die Khandro das geheimnisvolle Ritual vollzieht.

Die Energie ist atemberaubend.

Ich fühle, wie ich, als alles zu Ende ist, schwankend aufstehe, mich ungeschickt vor der Khandro verbeuge – dabei einen Dank stammelnd – und aus dem Schreinraum stolpere.

Der schmale Flur liegt dunkel und kalt vor mir. Die Tür auf der anderen Seite ist halb geöffnet. Stimmengewirr dringt zu mir. Ich mache ein paar Schritte und stehe in der Küche des unbekannten Hauses. Um einen großen Tisch sitzen Fremde, ins Gespräch vertieft.

Der erste, auf den mein Blick fällt, ist Suriyel. https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-zwei/

Ich schnappe auf meinem Meditationskissen im grauen Leipzig erschrocken nach Luft. Das hatte ich vollkommend vergessen!

Nach der Zufluchtnahme und dem daran anschließenden Vajra-Armor-Retreat kehrte ich nach Hause zurück in der naiven Annahme, ich könne mein Leben weiterleben wie zuvor.

Aber während folgenden zwei Jahren zerbrach meine Existenz. Alles was geschah, war mir völlig unverständlich. Eine Aneinanderreihung von Katastrophen, denen ich hilflos ausgeliefert schien.

Am Ende finde ich mich in einer verwunschenen Altbauwohnung in Leipzig wieder. Dort lebe ich zur Untermiete. Zusammen mit einem Theurang und zwei verschrobenen Mitbewohnern. https://www.water-runs-east.eu/spirits/

Auch hier ist die Energie atemberaubend. Atemberaubend negativ.

Mehr als ein Jahr muss ich das aushalten, bevor ich bereit bin, die Rettung anzunehmen. Sie kommt in Form von Suriyels Riwo Sang Chöd. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Dreieinhalb Jahre nach meiner Zufluchtnahme finde ich mich wegen des Rauchopfers das erste Mal in Suriyels Tibetisch-Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain ein. https://www.water-runs-east.eu/praxis/

Mit dem gleichen Widerwillen, mit dem ich Zuflucht nahm. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Und wieder das Gefühl vollkommener Fremdheit – und gleichzeitig seltsamer Vertrautheit.

Das fahle Grau der Morgendämmerung fällt durch die hohen Altbaufenster. Auf meinem Meditationskissen sitzend, starre ich auf den ausgetretenen Parkettboden. Alles um mich dreht sich.

Ich habe – wird mir in diesem Moment bewusst – an dem Tag, an dem ich Zuflucht nahm, den gesamten Dreiklang des Buddhismus geschenkt bekommen: Dharma, Lama und Sangha!

Verbohrt wie ich war, konnte ich nur eines davon – den Lama in Gestalt der Khandro – akzeptieren.

Bis ich in der Lage war, auch die anderen beiden Gaben meiner Zuflucht annehmen zu können, musste ich lange und intensiv leiden.

Vier Jahre, um genau zu sein…

Lichterfest

Das Mönlam – das traditionelle tibetisch-buddhistische Gebetsfest – in Berlin-Friedrichshain findet ein stimmungsvolles Ende…

Nach drei Tagen des gemeinsamen Betens findet das Mönlam am Sonntagabend ein würdiges Ende.

Mit brennenden Kerzen in den Händen wandern die Teilnehmer – ein Mantra singend – in Scharen zur Stupa im Garten. Sieben Mal muss sie umkreist werden, so lautet die Regel. Nach den vorgeschriebenen Runden stellt einer nach dem anderen seine flackernde Kerze auf dem Sims des großen weißen Kegels mit der goldenen Spitze ab.

In der Dunkelheit hängt der Geruch von Herbst über dem Garten des buddhistischen Zentrums. Mitten darin leuchtet die majestätische Stupa – umkränzt von einer Kette aus Kerzenschein – wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Sie scheint vor Energie zu glühen.

Einer Energie, die das ganze Zentrum vibrieren lässt und sicher auch jenseits des hohen Zaunes in den Straßen Friedrichhains wahrnehmbar ist.

Für die, die spüren wollen…

Als ich von der Stupa zurückkomme, hat sich das ehrenamtliche Orga-Team in der Teestube versammelt. Alle sind gerade damit beschäftigt sich gegenseitig zu versichern, wie gut alles gelaufen ist. Und das bei mindestens 150 Teilnehmern täglich und mehr als zwanzig Lamas, die im Zentrum übernachtet haben. Dazu kamen Gäste aus anderen buddhistischen Zentren Berlins, die an den Nachmittagen Vorträge hielten. Tausend Dinge hätten schief gehen können. Von der Organisation über die Technik bis zur Verpflegung.

Aber – wie durch ein Wunder – hat alles wie am Schnürchen geklappt. Und das mit einem ehrenamtlichen Team, dass noch nie eine Veranstaltung in dieser Größenordnung organisieren musste.

Das Orgateam ist glücklich, erleichtert – und völlig fertig! Niemand der Verantwortlichen hat irgendetwas von der Veranstaltung mitbekommen. Alle waren ununterbrochen von ihren tausend Pflichten in Beschlag genommen.

Nichts desto Trotz: Das Tibetisch-Buddhistische Zentrum in Friedrichhain hat wieder eine Bewährungsprobe bestanden. Und ein ganzes Wochenende lang viele Menschen glücklich gemacht.

Später laufen Israfel und ich auf überfüllten Gehwegen an Kneipen, Bars und Spätis vorbei. Jenseits der Mauern des Buddhistischen Zentrums genießen Nachtschwärmer eine der letzten lauen Nächte, bevor der Herbst endgültig das Regiment übernimmt.

Während ich – auf Israfels Küchensofa liegend – dem gedämpften Lärm Friedrichhains vor dem geöffneten Fenster lausche, wird mir bewusst, dass die Idee, nach Berlin zu ziehen, viel von seinem Schrecken verloren hat.

Es könnte sogar sein, denke ich beim Einschlafen, dass es schön werden wird…

Wundersame Begegnung

Am dritten Tag des Mönlam – des traditionellen tibetisch-buddhistischen Gebetswochenendes – findet ein Problem eine überraschende Lösung…

Während des Mönlams wird von morgens bis abends gebetet.

Angeleitet von der dröhnenden Stimme des nepalesischen Unze – des Vorbeters – rezitieren etwa 150 Menschen im Tempel des buddhistischen Zentrums stundenlang traditionelle tibetische Texte.

Das erzeugt eine ganz eigene Energie. Alles – so kommt es mir vor – beginnt zu fließen.

Weil das stundenlange Sitzen und Rezitieren anstrengend ist, haben die Organisatoren in weiser Vorraussicht großzügige Pausen eingeplant.

Während der Unterbrechungen wird getrunken, gegegessen, geplaudert – und vor den Toiletten angestanden. Für solche Menschenmassen wie während des Mönlam ist das Zentrum nicht ausgerichtet.

Zu Beginn der ersten Pause an diesem Sonntagvormittag steuere ich deshalb das Ende der langen Schlange vor der Toilette neben dem Tempel an. In Trippelschritten bewege ich mich vorwärts. Es fällt mir nicht schwer, mich in Geduld zu üben. Bin ich doch seit gestern Abend intensiv mit einem Problem beschäftigt.

Es geht um meinen Blog. Genauer um einen Blogtext für meine Fantasy-Geschichte „Die Engel von Friedrichshain“. Gerade hänge ich im Plot: Dem Dämon Beelzebub ist der Zutritt zu genau dem Zentrum, vor dessen Toilette ich gerade anstehe, verwehrt.

Er kommt nicht rein – hatte ich beim Schreiben beschlossen – weil die Energie im Inneren des Zentrums so positiv ist.

Das war einerseits eine tolle Idee – erzähltechnisch. Andererseits hatte ich mir damit ein ordentliches Problem eingehandelt. Ebenfalls erzähltechnisch.

Denn irgendwie musste Beelzebub trotzdem in das Zentrum kommen. Nur wie?

Ich hatte mir stundenlang den Kopf zerbrochen, alle möglichen Varianten durchgespielt – aber es war nichts vernünftiges dabei rausgekommen.

Und ich wollte eine „buddhistische“ Lösung. Es war schließlich ein buddhistisches Zentrum, mit dem der archaische Naturgott Baal konfrontiert war. Deshalb musste es auch eine dem Zentrum – und dessen Energie – angemessene Auflösung geben.

Aber mir wollte einfach nichts Brauchbares einfallen!

Ich brauchte Hilfe!

Glücklicherweise hatte mich Karma pünktlich für diesen Blog-Beitrag im Mönlam platziert – umgeben von mindestens 20 Lamas. Einer davon würde mir ganz sicher weiter helfen können!

Während des Betens in den Morgenstunden war mein Blick immer wieder die Bänke vor dem Altar hinauf und hinunter gewandert. Da saßen die offiziellen Würdenträger ordentlich aufgereiht, Asiaten und Europäer bunt gemischt. Lediglich zwei Frauen waren darunter.

Welchen von ihnen sollte ich fragen?

Die Idee, einfach nach dem Zufallsprinzip ein paar Lamas anzusprechen, hatte ich sofort wieder verworfen. Alle waren auf das Gebet fokussiert. Die Gefahr war groß, dass sie meine Frage – und dann auch noch wegen eines christlichen Dämons! – als störend empfinden könnten.

Ich brauchte ein Zeichen.

Vor mich hin sinierend, wie ich es am Besten anstellen sollte, war ich an der Spitze der Schlange angekommen. Die Toilettentür schwang auf und ein rundlicher europäischer Lama mit Brille in roter Robe trat heraus, schlängelte sich an mir vorbei und verschwand im Tempel.

Als die Mittagspause anbrach, war ich immer noch nicht klüger. Wieder reihte ich mich in die lange Schlange ein. Wieder ging, als ich vor der Toilette angekommen war, die Tür auf – und wieder trat der selbe rundliche europäische Lama mit Brille in seiner roten Robe heraus.

Das Spiel wiederholte sich während der Nachmittagspause: Wieder ging – als ich an der Reihe war – die Toiletten-Tür auf und wieder trat der rundliche Lama mit Brille heraus.

Ich atmete erleichtert auf. Na bitte! Das Zeichen!

Nachdem auch ich meinen Toiletten-Besuch absolviert hatte, ging ich sofort zum Angriff über. Ich entdeckte den nichtsahnenden Lama am Ende des Speisesaal. Als ich bei ihm angelangt war, erklärte ich ihm – Englisch – ich hätte ein Problem, wir hätten uns gerade zum dritten Mal vor der Toilettentür getroffen und deshalb wäre ich der Überzeugung, dass er derjenige wäre, der mir helfen könne. Ob er kurz Zeit für mich hätte?

Es war ihm anzusehen, dass er keine Lust darauf hatte, sich während seiner wohlverdienten Kaffee-Pause das Problem einer offensichtlich völlig überspannten Frau anzuhören.

Ergeben nickend ließ er sich trotzdem von mir zum nächsten freien Tisch schieben. Dort erklärte ich ihm, ich schriebe einen Blog. In der Geschichte käme ein Dämon vor, der in ein buddhistisches Zentrum wolle, aber durch die positive Energie dort am Zutritt gehindert wäre. Die Erzählung wäre aber so angelegt, dass er unbedingt hinein müsse. Ich bräuchte ein buddhistische Lösung für dieses Problem. Ob ihm was einfallen würde?

Ich war beeindruckt von seiner Reaktion. Erst die Story mit der Toilettentür, dann der Blog mit dem Dämon vor dem buddhistischen Zentrum – die allermeisten hätten daraus geschlossen, ich wäre ein Fall für die Psychiatrie.

Der rundliche Lama blühte auf. Seine wachen Augen hinter den Brillengläsern blitzten. „Es ist eine Geschichte?“, fragte er auf Englisch noch einmal nach. „Ja, genau!“, bestätigte ich. „Ich suche jemanden, der sich mit Buddhismus auskennt und Geschichten mag!“

„I love stories!“, kam es zurück. Mein Gesprächspartner dachte etwa drei Sekunden konzentriert nach, bevor er Luft holte, und zu einer Erklärung ansetzte: „Das ist ganz einfach! Jedes Mal, wenn jemand in diesem Zentrum von negativen Gefühlen übermannt wird, ist es so, als ob er diesem Dämon die Tür öffnet!“

Genau das war es, was ich gesucht hatte!

Während ich mich überschwenglich bedankte, war der Lama bereits aufgestanden, nickte mir noch einmal zu und verschwand in Richtung Kuchen-Buffett.

Ich sah ihm beeindruckt nach. Karma hatte mir einen außergewöhnlich intelligenten Lama über den Weg geschickt.

Nachdem ich mir eine Tasse Kaffee besorgt hatte, entdeckte ich in einer Ecke des Speisesaals zu meinem Erstaunen Suryiel, der sich angeregt unterhielt. Und zwar genau mit „meinem“ Lama.

Ich konnte es mir nicht verkneifen, zu den beiden zu treten und Suriyel von dem schrägen karmischen Zeichen zu berichten, dass mich zu seinem Gesprächspartner geführt hatte.

Und den blitzgescheiten Lama informierte ich darüber, dass Suriyel in der Blog-Geschichte vorkam, für die er gerade eine so brillante Wendung gefunden hatte. Dass der Hardcore-Buddhist Suriyel im Blog ausgerechnet als Erzengel auftrat, behielt ich allerdings für mich.

Irgendwann am Abend traf ich Suriyel in einer ruhigen Minute alleine an. Ich nutzte die Gelegenheit ihn zu fragen, wer denn dieser Lama wäre, den ich heute drei Mal vor der Toilette getroffen hatte?

Das wäre sein Wurzel-Lama gewesen, erfuhr ich. Und der höchste Würdenträger der tibetisch-buddhistischen Linie in Polen. Er habe, faktisch im Alleingang, Vajrayana nach Polen gebracht.

Jetzt war mir mein Auftritt peinlich. In meiner Fokussierung auf die Blog-Geschichte und das seltsame karmische Zeichen waren ein paar elementare soziale Informationen an mir vorüber gegangen: z.B., dass der rundliche Lama in der ersten Reihe platziert worden war, direkt neben dem Abt. Und auch, mit welchem Respekt ihm ansonsten begegnet wurde.

Ich hatte mich wieder einmal ordentlich daneben benommen. Der hohe Würdenträger schien sich darüber allerdings – so zumindest mein Eindruck – weniger geärgert, sondern eher amüsiert zu haben.

Ein paar Wochen später machte sich Suriyel auf den Weg nach Polen. Er wollte an einem Retreat seines Wurzel-Lamas teilnehmen.

Ich trug Suriyel auf, er solle ihn doch bitte von mir grüßen und ihm ausrichten, dass aus seiner Idee inzwischen eine Geschichte geworden war.

Ich ging davon aus, dass der polnische Lama mich nicht vergessen hatte: Die Frau, die er in Berlin-Friedrichshain drei Mal vor der Toiletten-Tür getroffen und von der er deshalb um Hilfe für eine schräge Blog-Story gebeten worden war.

Obwohl man als Lama sicher die seltsamsten Dinge erlebt…

Feuer-Puja

Am ersten Abend des Mönlam – dem traditionellen tibetischen Gebetsfest – findet eine Feuer-Puja statt…

Während der Teepause am Nachmittag bildet sich in einer Ecke des Tempels eine lange Schlange. Die Teilnehmer des Mönlams tragen Namen über Namen in eine Liste ein, die dort ausliegt.

Denn heute Abend gibt es eine Feuer-Puja.

Über dem Buddhistischen Zentrum hängt die Dunkelheit. Alle sind satt vom guten Essen und müde vom stundenlangen Gebet. Als die zwanzig Lamas in ihren orangenen Roben den Tempel betreten, fällt einigen der Teilnehmer des Mönlams das Aufstehen für die respektvolle Begrüßung erkennbar schwer.

Der tibetische Abt, der uns alle den ganzen Tag durch das Zeremoniell geführt hat, wirkt vollkommend wach. Und das trotz seines fortgeschrittenen Alters!

Er wird auch die Feuer-Puja anleiten. Als er das Eingangsgebet spricht, bildet sich im Tempel ein seltsamer Sog.

Begleitet vom schrillen Dröhnen der Trompeten, dem durchringenden Scheppern der Zimbeln und dem fibrigen Klingeln der Glocken in den Händen der Lamas, tritt der Chöpen – der Messdiener – an den Altar, um dort das Zeremoniell vorzubereiten.

Mit jeder Minute wird die Energie im Tempel intensiver. Alles scheint zu vibrieren. Die Teilnehmer sind jetzt wach. Alle Müdigkeit ist verschwunden.

Von einen unsichtbaren Band gezogen, stehe ich auf, schlängele mich durch dichtbesetzte Reihen und setze mich direkt vor den Altar. Es ist gerade noch so viel Platz, dass der Chöpen an mir vorbei laufen kann. Er schenkt mir keine Beachtung.

Der rhythmische tibetische Sing-Sang des Abtes wird von den konzentrierten Bewegungen des Chöpen am Altar begleitet.

Auf der Terrasse des Tempels entzündet Suriyel währenddessen das Feuer. Durch die offene Tür dringt die Kälte der Nacht, begleitet vom Knacken und Knistern der Holzscheite, an denen die ersten Flammen lecken. Der Geruch von Rauch breitet sich im Raum aus. Nach ein paar Minuten tanzen die ersten Feuerzungen in der Dunkelheit, ich nehme es aus den Augenwinkeln war, während ich wie hypnotisiert beobachte, was sich direkt vor mir abspielt.

Der Messdiener tritt mit den Opfergaben zum Abt. Der greift mit der einen Hand zur Glocke, die andere hebt er und segnet die Gaben. Während der Chöpen das Tablett mit den kleinen Schalen langsam vor dem Abt kreisen lässt, schwenkt der die Glocke und murmelt dabei vor sich hin.

Das fiebrige Läuten der Glocke, begleitet vom unverständlichen Strom der Worte füllt den Saal und steigt zur hohen Decke. Die Energie ist jetzt so stark, dass mein ganzer Körper vibriert.

Direkt vor dem Abt ist die aufgerollte Liste mit all den Namen befestigt, die die Mönlam-Teilnehmer am Nachmittag darauf geschrieben haben.

Der Chöpen nimmt den Stab mit der Namensliste, legt ihn auf das Tablett und trägt – in die plötzliche Stille hinein – beides auf die Terrasse.

Während der Abt wieder die Stimme erhebt und – begleitet von den Lamas – rezitiert und betet – wirft Suriyel erst die Opfergaben, danach die Liste in das wild lodernde Feuer.

Als das Papier von den Flammen verzehrt wird, schießt eine Stichflamme in die Dunkelheit.

All die Namen der Menschen, die krank oder vor kurzem gestorben sind, verbrennen in Sekunden. Begleitet von der Energie des Rituals, das sie von ihrem Leid befreien soll.

Kurz darauf ist die Feuer-Puja zu Ende.

Sie hat gewirkt. Ich bin mir sicher.

Buddhistisches Schlaraffenland

Das Mönlam – des traditionellen tibetischen Gebetsfest – ist eine so stimmungsvolle wie überraschende Angelegenheit…

Der Unze – der Vorbeter – ein schöner junger Lama mit Löwenstimme – wurde extra für das Mönlam aus Nepal eingeflogen. Hospitiert vom Chöpen – dem nepalesischen Lama, der als Messdiener fungiert – führt er souverän durch das Programm. Unter seiner Anleitung beten und singen wir den ganzen Vormittag über.

Als die Mittagspause beginnt, treten wir aus dem kühlen Tempel in die warme Herbstsonne. Vor der Tür begrüßt uns der Lärm der Großstadt: Von der nahen Karl-Marx-Allee klingt monotones Verkehrsrauschen, über unseren Köpfen dröhnt ein Rettungshubschrauber. Die Stimmen von Schulkindern schallen vom Gehweg in den verwunschenen Innenhof des buddhistischen Zentrums.

Nach den Stunden, die wir – begleitet von der dröhnenden Stimme des Unze – mit tibetischem Gebet verbracht haben, löst der plötzliche Kontakt mit der Realität Berlin-Mittes ein geradezu schockartiges Gefühl aus.

Im Zentrum geht es weiterhin exotisch zu: Die Lamas in ihren leuchtend roten und orangen Gewändern reihen sich – streng hierarchisch geordnet – als erstes am Buffett auf. Nachdem sie versorgt sind, darf sich das Fußvolk anstellen. Es gibt reichlich und köstlich zu essen. Ein Trupp Ehrenamtlicher hat den ganzen Vormittag für mehr als 100 Leute gekocht – und deshalb das Vormittagsgebet verpasst.

Nachdem die Mittagspause beendet ist, finden sich wieder alle im Tempel ein. Der Abt eines Berliner Klosters, aus Sri Lanka stammend, hält einen Vortrag. Seine Linie gehört zur Theravada-Tradition des Buddhismus. Diese ursprüngliche Form fußt ausschließlich auf die überlieferten Reden Buddhas, den Pali-Kanon.

Im Gegensatz dazu gehört der tibetische Buddhismus zur Mahayana-Tradition. Der Mahayana – eine Reformbewegung, die etwa 500 Jahre nach Buddhas Tod im 2. Jahrhundert nach Christus entstand – beruft sich, neben dem Pali-Kanon, auch auf andere Schriften und zeichnet sich durch ein divergierendes Verständnis des Bodhisattva-Prinzips, des Laientum und des Klosterlebens aus.

Das Verhältnis zwischen den „alten“ und den „reformierten“ Traditionen des Buddhismus ist kompliziert. Es dominieren Vorurteile und Vorbehalte. Umso schöner finde ich es, dass ein Vertreter des Theravada zu einem Mahayana-Gebetsfest eingeladen wurde. Der Abt betet in seiner Tradition mit uns, danach hält er einen anregenden Vortrag.

Um zu uns zu kommen, musste er gerade mal ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. So wäre das eben in Berlin, erklärt mit Suryiel in der Kaffee-Pause: Hier wolle jede Buddhistische Linie – egal ob „alt“ oder „reformiert“ – Flagge zeigen und einen Tempel unterhalten. Berlin, London und Paris – da müsse man als buddhistische Linie, die auf sich hält, präsent sein. Mit dem Ergebnis, das alles, was global im Buddhismus von Wichtigkeit ist, seinen Weg nach Berlin findet.

Ich bin unversehens im Buddhistischen Schlaraffenland gelandet! Das hätte ich dem säkularen Berlin nicht zugetraut! In meiner bayerisch-katholischen Arroganz ging ich immer davon aus, dass es hier nur Party und Subkultur, aber keine Religion gibt. Umso schöner, dass mich Karma ausgerechnet in Suriyels buddhistisches Zentrum nach Berlin-Mitte geführt hat!

Beseelt nehme ich nach der Pause wieder auf meinem Gebetskissen Platz und stimme, zusammen mit hundert Mitbetern – Zeile für Zeile tibetischen Text von der Leinwand ablesend – in den dröhnenden Gesang des schönen nepalesischen Unze ein.

Das Mönlam beginnt

Zum Mönlam finden sich buddhistische Lehrer aus verschiedenen Ländern, Klöstern, Linien und Traditionen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain ein…

Misstrauisch beäugt von Israfels Katze nehme ich am frühen Morgen auf meinem Meditationskissen Platz.

Von der Warschauer Straße ertönt gedämpfter Verkehrslärm. Vor dem Haus entlädt der türkische Gemüsehändler seinen Transporter. Das Klappern und Krachen der abgestellten Kisten klingt rhythmisch zu mir hoch.

Ich lausche den Geräuschen Friedrichhains und beobachte, wie die Morgensonne langsam über den Parkett des leeren Zimmers wandert. Das hier ist der Raum, für den ich mich zum „Probe-Wohnen“ bei Israfel eingefunden haben.

Ich sitze, atme, lausche den Geräuschen um mich und bemühe mich, dem beängstigenden Gefühl vollkommener Verlorenheit, das mich erfüllt, mit freundlicher Gelassenheit zu begegnen.

Nachdem meine Meditationseinheit abgeschlossen ist, stoße ich im Flur auf Israfel. Er ist gerade dabei, sein schönstes Hemd zu bügeln. Ich hole mein langes Kleid aus dem Rucksack. Es ist schließlich Mönlam!

Nach einem hastigen Frühstück ziehen wir vor der frustrierten Katze die Wohnungstür ins Schloss und eilen zu Fuß ins Buddhistische Zentrum.

Dort herrscht bereits reger Betrieb. Zwanzig Lamas aus Nepal und verschiedenen Ecken Europas sind in den letzten Tagen angereist. Sie übernachten während des Mönlam im Buddhistischen Zentrum. Dazu werden noch eine Reihe buddhistischer Lehrerinnen und Lehrer aus verschiedenen Zentren Berlins erwartet. Und obendrauf noch mindestens 100 Laien. Alle müssen ein komplettes Wochenende lang bekocht und versorgt werden.

Das Mönlam ist selbst für Suryiels tibetisch-buddhistisches Zentrum, das zu den größten Berlins gehört, eine Herausforderung. Dazu kommt, dass es das allererste traditionelle Gebetsfest ist, dass dort stattfinden wird. Niemand hat Erfahrung damit. Entsprechend nervös sind die ehrenamtlichen Helfer und Organisatoren.

Als wir eintreffen, sind die Lamas gerade mit ihrem Frühstück fertig und wandern von der Teestube in den Tempel. Dort wurden – in jeweils drei Reihen links und rechts des Altars – Schreintische und Sitzgelegenheiten für sie bereitgestellt.

Suriyel erzählt mir später, dass es eine höchst komplexe Angelegenheit war, im Vorfeld zu entscheiden, welcher Lama an welcher Stelle platziert werden sollte. Das wäre ganz große Politik gewesen: Es musste streng nach Hierarchie und Status entschieden werden.

Die wichtigsten Lamas dürfen in die erste Reihe, die ein bisschen weniger wichtigen in die zweite. Das Lama-Fußvolk kommt in die dritte Reihe. Dazu sind alle noch mal in jeder einzelnen Reihe nach Wichtigkeit sortiert. Je näher am Altar, desto höher der Status.

Die tibetisch-buddhistischen Lamas – Asiaten wie Europäern – tragen rote Kutten. Heute sind außerdem noch drei Herren in Orange zu Gast. Es handelt sich um indonesische Theravada-Mönche aus einem buddhistischen Zentrum in Berlin, dessen Abt heute Nachmittag einen Vortrag halten wird.

Israfel und ich sichern uns zwei Plätze, von denen wir einen guten Blick auf eine der beiden Leinwände haben, die links und rechts des Altars aufgebaut wurden. Wir werden die nächsten drei Tage von morgens bis abends beten: Die Gebetstexte werden mit Beamern darauf projiziert.

Als der Gründer des Zentrums – eine hoher tibetisch-buddhistischer Lama – den Tempel betritt, ist der bis auf den letzten Platz besetzt. Und das an einem ganz normalen Freitag-Morgen! Wer es irgendwie einrichten konnte, hat sich den Tag frei genommen.

Nach den Niederwerfungen setzen sich alle. Dann wird das Mönlam feierlich eröffnet: Die Lamas in den ersten beiden Reihen stülpen sich riesige gelbe Hüte über den Kopf. Ein paar greifen zu den traditionellen tibetischen Trompeten, zwei andere schlagen die großen Trommeln.

Das schrille Vibrato der Trompeten, untermalt von den rhythmischen Trommelschlägen, lässt den Tempel beben. Dazu steigt aus mehreren Schalen der Geruch von Räucherwerk auf. Er vermischt sich mit dem intensiven Duft der Blumen, die in großen Vasen neben dem Altar platziert sind.

Alles um uns bebt vor Energie. Es fühlt sich an, als wären wir in eine andere Dimension und in eine andere Wirklichkeit katapultiert worden. Dass jenseits der Mauern des Zentrums der ganz normale Wahnsinn eines Werktags in Berlin-Friedrichshain stattfindet, erscheint plötzlich surrial.

Wir dagegen befinden uns mit einem Mal im 15. Jahrhundert, irgendwo in einem Kloster in Zentral-Tibet. Die unverputzten Wände des Tempels, die moderne Technik, die Europäer in ihrer westlichen Kleidung – es ist, als wäre alles durch die intensive Vibration transzendiert worden.

Nachdem die Musik verstummt ist, erhebt der höchste Lama seine Stimme und beginnt in wohlklingendem Singsang auf Tibetisch das erste Gebet zu sprechen. Alle anderen fallen ein.

Das Mönlam hat begonnen…

Zu Gast bei Israfel

Ich verbringe eine Nacht in Friedrichshain auf dem Küchensofa eines Schutzengels…

Als ich mich mit Israfel auf den Weg zu ihm nach Hause mache, geht hinter dem Fernsehturm gerade die Sonne unter.

In der Woche davor war ich bereits einmal in der Altbauwohnung in der Nähe der Warschauer Straße zu Besuch gewesen: Wir hatten die Modalitäten meines „Probe-Wohnens“ besprochen und mir wurden die gemütliche Altbauwohnung und die Katze vorgestellt.

Oder besser gesagt: Ich wurde der Katze vorgestellt.

An diesem Tag hatte ich zwei Entscheidungen getroffen: Zum einen, dass der fusselbärtige Assistent Suriyels in Zukunft als Schutzengel Israfel in diesem Blog von Bedeutung sein wird.

Zum anderen, dass ich dort eine Geschichte über die „Engel Friedrichshains“ schreiben würde…

Wie sich herausstellen sollte, waren die Engelsgeschichte und das Mönlam – das Gebetswochenende im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum – auf das engste miteinander verwoben.

Aber erst einmal durfte ich die Nacht vor dem offiziellen Beginn des Mönlams auf Israfels Küchensofa verbringen. Kritisch beäugt von Israfels eigenwilliger Katze, der anzusehen war, dass sie nicht viel von der Idee mit dem „Probe-Wohnen“ hielt.

Nachdem Israfel und seine Katze zu Bett gegangen waren, lauschte ich in der dunklen Küche der fremdartigen Geräuschkulisse Friedrichhains während einer Donnerstagnacht. Verkehrslärm mischte sich mit Musik aus den Kneipen und Bars. Es wurde gerufen, geschrien und gejohlt.

Das hier sollte mein zukünftiges Zuhause sein?

Mein spießiges Ego zog sich verstört die Decke über die Ohren.

Die Innere Stimme schwieg…

Mönlam

Mein „Probe-Wohnen“ in Friedrichshain fällt ausgerechnet auf das große Gebetswochenende im Buddhistischen Zentrum.

Als ich am Berliner Hauptbahnhof die Treppe hinunter zur U-Bahn nehme, spüre ich ein fast schon vergessenes Kribbeln im Bauch. Es fühlt sich genauso an wie damals, während der Kindheit, als das Christkind hinter der verschlossenen Wohnzimmertür die Geschenke brachte.

Heute ist nicht Weihnachten, aber dafür beginnt Mönlam!

Die Tradition dieses großen tibetischen Gebetsfestes reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück. Es dauert sieben Tage und wird gleich nach dem tibetischen Neujahr im Februar zelebriert.

Während des Mönlam versammeln sich Mönche und Laien, um gemeinsam für ein langes Leben ihrer Lehrer, für die Verbreitung des Dharma – der Lehre Buddhas – und für Frieden auf der Welt zu beten. In Tibet finden schon lange keine Mönlams mehr statt, die chinesischen Besatzer haben sie verboten. Aber in den großen tibetischen Exilgemeinden in Indien und Nepal werden sie immer noch gefeiert. Dann kommen jedes Jahr Tausende zusammen.

Das Mönlam im Buddhistischen Zentrum in Berlin-Friedrichshain ist in allem eine Nummer kleiner: es dauert nur drei Tage und keine sieben. Es werden keine tausend Gäste erwartet, sondern lediglich um die 150. Und es findet nicht im Februar statt, sondern im September.

Aber ansonsten ist alles, wie es sein soll: Bereits seit ein paar Wochen ist ein Lama aus Nepal im Buddhistischen Zentrum zu Gast, der die riesigen Tormas – die Opfergaben – für das Mönlam vorbereitet. Suriyel hilft ihm dabei, die Formen aus Holz herzustellen, um die dann ein Getreide-Teig geknetet wird. Wenn der getrocknet ist, werden die Opfergaben aufwendig bemalt. Die Herstellung von Tormas ist eine Kunst für sich! Der bescheidene Mönch ist ein Meister seines Fachs.

Als ich, vom U-Bahn-Ausgang kommend, das Buddhistische Zentrum betrete, summt es dort wie in einem Bienenstock!

Aus der Küche klingt das Klappern von Töpfen: Gerade wird das Abendessen für die Lamas gekocht, die bereits aus allen Ecken Europas angereist sind.

Durch die Gänge und Wege des Zentrums hasten Freiwillige, kontrollieren Listen, schleppen Stühle, Teller, Gebetstexte und tausend andere Kleinigkeiten.

Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und betrete den großen Tempel. Der Blick des riesigen Buddha ruht voller Gelassenheit auf dem bunten Treiben zu seinen Füßen.

In einer Ecke schraubt die Technik-Crew am Mischpult herum. Ein paar Leute rücken Sitzunterlagen und Stühle zurecht. Jemand verteilt Meditationskissen.

Ich trete an den Altar: Noch nie habe ich so schöne und große Tormas gesehen! Sie sind perfekt geformt und von Hand bemalt. Das zentrale Torma ist der Grünen Tara gewidmet. Im zarten Halbrelief streckt sie Hand zum Friedenssegen aus.Es wirkt, als wolle sie die gläserne Statue eines Kindes beschützen, die direkt unter ihr platziert ist.

Auf meine Frage hin erklärt mir eine Nonne mit britischem Akzent auf Englisch, dass es sich um den kindlichen Buddha handelt. Er wird, so sagt sie mir, während der Zeremonien eine wichtige Rolle spielen.

Während ich die Tormas und das seltsame Kind aus Glas bestaune, betritt ein Trupp nepalesischer Lamas den Tempel. Sie nehmen vor dem Altar Platz und packen traditionelle tibetische Trompeten – Rag Dung – aus. Gemeinsam fangen sie an, darauf zu spielen. Das schrille Vibrato ihrer Instrumente hallt durch den Tempel, hinaus in die Straßen und Hinterhöfe Friedrichhains.

„Alles ist bereit!“, rufen sie. „Das Mönlam kann beginnen!“

Probe-Wohnen

Ich verbringe einen sonnigen Augustsonntag im Buddhistischen Zentrum und erhalte eine Einladung…

Meine Innere Stimme hat beschlossen, dass ein Umzug nach Berlin ansteht.

Gegen meinen Willen!

Den ganzen August über bin ich im Widerstand. Das Keifen und Lamentieren meines verstörten Egos hält mich während der Nächte wach und verdüstert meine Tage.

Es hat eine lange Liste an Argumenten, die gegen ein Leben in Berlin sprachen. Aber eine Sorge treibt es besonders um:

„Und wie stellst du dir das vor? Bei dem angespannten Wohnungsmarkt in Berlin? Dort eine Wohnung zu suchen ist ein Albtraum! Da mache ich nicht mit!“

Ich kann meinem ängstlichen Ego nur zustimmen. Wenn die Innere Stimme uns in Berlin sehen will, ist es an ihr, dafür zu sorgen, dass eine Unterkunft auftaucht. Wie immer sie das auch anstellen will.

Die Innere Stimme schweigt.

Am letzten Sonntag im August fahre ich das erste Mal seit vier Wochen wieder ins Buddhistische Zentrum nach Friedrichshain. Die Sommerpause dort ist vorüber.

Nachdem wir die „Grüne Tara“ und das Riwo Sang Chöd hinter uns gebracht haben, sitzen Suriyel, sein Assistent Israfel und ich hinter der Teeküche auf der Terrasse und plaudern.

Israfel beklagt sich darüber, dass seine Mitbewohnerin, die gerade erst eingezogen ist, nächste Woche wieder ausziehen wird. Und das, wo es so anstrengend ist, jemanden zu finden, mit dem er gut zurechtkommt!

„Ich suche übrigens ein Zimmer in Berlin“, höre ich mich zu ihm sagen.

Suriyel, der links von mir sitzt, wäre vor Schreck beinahe von der Bank gekippt. Ich bin genauso erschrocken wie er.

„Was redest du da?“, zischt mein Ego die Innere Stimme an. „Bist du verrückt geworden?“

Aber es ist zu spät: Der Satz ist ausgesprochen. Er schwebt über dem kleinen Rasenstück vor der Terrasse. Nach ein paar Sekunden beginnt er sich im Takt der Gebetsfähnchen sanft im Wind zu wiegen. Vor unseren Augen steigt er zur goldenen Kuppel der Stupa auf und tanzt einmal um ihre Spitze, bevor er über den Dächern Friedrichhains verschwindet.

Nun gut, erklärt mir Israfel, nachdem er unseren Blicken entschwunden war. Wenn ich das wollen würde, könne ich gerne am nächsten Wochenende bei ihm übernachten.

Zum Probewohnen.

Metropole

Eine Aufenthalt im letzten Urwald Europas katapultiert mich nach Berlin…

Im Juli letzten Jahres war ich das erste Mal in Suriyels Buddhistischem Zentrum in Berlin-Friedrichshain. https://www.water-runs-east.eu/das-buddhistische-zentrum/

Auf der Suche nach Riwo Sang Chöd, dem tibetisch-buddhistischen Rauchopfer. https://www.water-runs-east.eu/rauch/

Suriyel bot es jeden Sonntag dort an. Ich musste es lernen. https://www.water-runs-east.eu/praxis/

Denn während meines Aufenthalts im polnisch-weißrussischen Bialowieza-Nationalpark zwei Wochen zuvor, war mir bewusst geworden, wie sehr ich diese Praxis entbehre. https://www.water-runs-east.eu/frevert/

Im letzten Urwald Europas begegneten mir auf Schritt und Tritt all die fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche, deren Erlösung meine Aufgabe ist.

Das ist das Grundprinzip buddhistischer Praxis in der Mahajana-Tradition. Zu Beginn jeder Meditation leiste ich den „Bodhicitta-Schwur“: Das Versprechen, Erleuchtung nicht aus eigensüchtigen Motiven erreichen zu wollen, sondern zur Beendigung allen Leidens.

Noch nie sind mir so viele Schattenwesen begegnet, wie in dieser archaischen Landschaft:

Erschossenen Juden.

Zu Tode gehetzten und gefolterte Partisanen.

Niedergemetzelten Dorfbewohner.

Und all die unzähligen Anderen, die in diesem riesigen uralten Wald ihr Leben verloren.

Ein nicht enden wollender Strom von Leid, Tod und Verzweiflung.

Heute sind es Flüchtlinge aus den entferntesten Orten der Erde, die hier – in diesem wilden Schwemmland, dessen Moore so unwegsam sind, dass nicht einmal die Wölfe es durchqueren – versuchen, nach Europa zu gelangen.

Wie viele von ihnen in den Sümpfen von Bialowieza zu Grunde gehen, weiß niemand.

Und ich konnte all diesen Wesen – deren verzweifelte Energie mir regelrecht den Atem nahm – nichts besseres anbieten, als ein paar Kerzen und Räucherstäbchen.

Kein Riwo Sang Chöd. Obwohl es das war, was sie gebraucht hätten. https://www.water-runs-east.eu/kein-riwo-sangchoe-im-urwald/

Weil ich zu träge gewesen war, das Rauchopfer zu lernen. Immer nur dabei saß, wenn Uriel – der Herr der Mühle – es mit mir praktizierte. Das hatte ich nun davon: Am hungrigsten Ort, in dem ich jemals gewesen war, fand ich mich alleine und mit leeren Händen wieder.

Deshalb trat ich an einem Sonntag im Juli – nach meiner Rückkehr aus dem Urwald – die Fahrt nach Berlin an. Es gab keinen anderen Platz, an dem ich das Rauchopfer hätte lernen können. Uriel lebt in einer einsamen Mühle am Ende der Welt. Er ist nicht erreichbar für mich. https://www.water-runs-east.eu/vier-transformation-teil-eins/

Also musste es Berlin sein. Genauer: Friedrichshain. Ein Gedanke, der mich schaudern ließ!

Im Buddhistischen Zentrum angekommen, stellte ich fest, dass es dort angenehm ist. Mein Fazit während der Heimfahrt mit dem ICE zurück nach Leipzig war trotzdem: Es war kein Ort, den ich mir freiwillig ausgesucht hätte.

Umso verblüffte war ich deshalb über das, was sich am darauffolgenden Samstag ereignete: Während eines nachmittaglichen Spaziergangs durch die Leipziger Altstadt, meldete sich auf einmal meine Innere Stimme: „Tschüss Leipzig“, murmelte sie in mein Ohr. Kopfschüttelnd lief ich weiter. Ich musste mich verhört haben.

Doch es kam schlimmer!

Am nächsten Tag – einem Sonntag – fuhr ich ein zweites Mal nach Berlin, um mich von Suriyel in der korrekten Durchführung des Riwo Sang Chöd unterweisen zu lassen. Nachdem wir damit zu Ende waren, machte ich mich auf den Heimweg. Es war ein schöner Sommertag. Deshalb beschloss ich – anstatt die U-Bahn zu nehmen – bis zum Hauptbahnhof zu laufen.

Umweht von Abgasen, wanderte ich in Richtung Alexanderplatz – und dachte dabei an nichts. Auf einmal erklang erneut meine Innere Stimme: „Hallo Berlin!“

Diesmal war es kein Flüstern. DAS hatte ich mir definitv nicht eingebildet. Ich blieb wie erstarrt auf dem breiten Gehsteig der Karl-Marx-Allee stehen.

Auf den Fahrstreifen wurde gerade eine Radfahr-Demo abgehalten: Hunderte entspannt winkende Berliner radelten an frustriert hupenden Autofahrern vorbei, die schon seit längerem im Stau festsaßen. Auf einer nahen Parkbank hockten – beschallt von einem Ghetto-Blaster – kiffende Jugendliche und ergötzten sich an dem Schauspiel.

Ich fand es auch interessant. In der Art, in der ein Anthropologe den Ritus eines Indigenen-Stammes auf Papua-Neuguinea spannend findet. Und begleitet vom Wissen, dass mich bald ein ICE in mein zivilisiertes Leipzig zurückbringen würde.

Und auf einmal hieß es „Hallo Berlin!“

„Ach komm!“, flehte ich meine Innere Stimme an. „Das kann doch jetzt nicht dein Ernst sein? Gestern: ‚Tschüss Leipzig‘? Heute ‚Hallo Berlin‘?

Die Innere Stimme schwieg. Sie hatte mir mitgeteilt, was es zu sagen gab. Auf Erklärungen verzichtete sie. Wie immer. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Als ich am Abend wieder in meinem Untermietzimmer angekommen war, schrieb ich eine Textnachricht an Uriel: „Ich werde wohl nach Berlin ziehen müssen.“ Der dachte, ich mache einen Scherz. Wie ich fand er, dass Berlin schön für ein paar Stunden ist. Aber sicher kein Ort, an dem man freiwillig lebt.

Ich ziehe nicht aus freien Stücken nach Berlin: Meine Inneren Stimme hat mich dazu verurteilt…

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