Der Kauf des alten Pfarrhauses ist ein langwieriger Prozess. Die Zeit des Abwartens bringt mich mit überkommenen Glaubenssätzen in Berührung…
Foto von MoFei
Nach aufregenden Wochen, in denen sich die Ereignisse geradezu überschlugen, kehrt Anfang November Ruhe ein. Einiges muss geklärt werden, bevor ich das Pfarrhaus kaufen kann. https://www.water-runs-east.eu/besichtigung/
Es bleibt mir nichts, als abzuwarten und mich in Geduld zu üben.
Ich versuche, die Situation als Geschenk zu nehmen: jetzt kann ich endlich in der Tiefe darüber nachdenken, was eigentlich seit dem 24. September – der Nacht, in der ich von dem Pfarrhaus geträumt habe – mit mir und meinem Leben geschehen ist. https://www.water-runs-east.eu/weiher/
„Jedesmal wenn wir uns sehen, erzählst du mir mindestens zwei Mal die Story vom Pfarrhaus“, konstatiert Israfel freundlich. „Man merkt, dass du die ganze Zeit versuchst, dir einen Reim daraus zu machen.“ https://www.water-runs-east.eu/israfel/
Wie gut, dass ich kluge – und geduldige – Freunde habe!
Allen ist nachvollziehbar, dass mich der Gedanke, die Verantwortung für ein sanierungsbedürftiges denkmalgeschütztes Ensemble zu tragen, einschüchtert.
Dass ich plane, alleine in dem riesigen alten Pfarrhaus zu leben, finden alle „mutig“.
Meine Trauer darüber, dass meine unbeschwerte Zeit in Berlin ein schlagartiges Ende gefunden hat, wird von allen nachempfunden.
Trotzdem habe ich das Gefühl, dass niemand versteht, was gerade mit mir los ist – inklusive ich selbst!
Blind tastend bewege ich mich durch meine Gedanken- und Gefühlswelt. Mir ist, als wäre ich unversehens auf einem unbekannten Planeten gelandet!
Dass ich mir selbst ein komplettes Rätsel bin, kränkt mich.
Und gerade als ich dachte, ich hätte einen Lebensstil und ein Lebensumfeld gefunden, das perfekt zu mir passt – Päng!!!!
Irgendwas ist ganz offensichtlich schief gelaufen…
Ich komme zu dem Schluss, dass es auf folgendes Problem hinausläuft: entweder ich habe mich in meinem alten Lebenskonzept getäuscht – oder ich täusche mich jetzt in meinem neuen!
Moment mal: Kann es sein, dass ich mich gerade von einer falschen Dichotomie narren lasse?
Dass ich unter der irrigen Vorstellung leide, mein alter und mein neuer Lebensentwurf würden sich gegenseitig ausschließen?
Dass ich irgendwo in der Tiefe die Überzeugung mit mir herumtrage, dass ich mich von meinem alten Ich verabschieden muss, damit ich meiner zukünftigen Lebensaufgabe gewachsen sein werde?
Das ist doch wohl Unfug?!
Was spricht dagegen, auch in Zukunft sonntägliche Praxistage im chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu verbringen? Hinterher den Australiern des „Salami-Social-Club“ in der Frankfurter Allee dabei zuzusehen, wie sie zu Punkrock Pizza backen?
Und mit einem Pizzakarton auf dem Beifahrersitz zum Pfarrhaus in die Mecklenburgische Provinz zurückzukehren?
Gut: Fahrtstrecke 100 Kilometer. Nicht um die Ecke, aber bewältigbar.
Es geht weniger um den Aufwand, stelle ich fest, sondern um ein bestimmtes Konzept:
Irgendwie scheine ich die Wirklichkeit unter der Prämisse zu betrachten, dass es nicht möglich ist, Verantwortung zu tragen – und gleichzeitig entspannt Spaß zu haben!
Wo ich die Idee wohl herhabe?
Ich vermute, es handelt sich um eine traditierte transgenerationale familiäre Weisheit.
Oder wohl besser: um eine Angstbewältigungsstrategie…
Meine aktuelle Arbeitshypothese ist, dass der Glaubensatz, der mir – sicher in bester Absicht – mitgegeben wurde, in etwa lautet: „Wenn du Besitz hast, musst du Tag und Nacht arbeiten und darfst dich niemals entspannen und Spaß haben, sonst wirst du zur Strafe alles verlieren!“
Kein Wunder, dass ich so verzweifelt von der Aussicht bin, das Pfarrhaus zu kaufen!
Dabei ist in meiner Familie meines Wissens nach noch nie jemand verarmt!
„Genau deshalb!“, rufen mir meine Ahnen zu. „Weil wir uns nie entspannt haben! Weil wir immer auf der Hut waren!
Es ist wohl an der Zeit, ein neues Kapitel der Familiengeschichte zu beginnen…
Während Rinpoche in meinem Zimmer seinen Koffer packt, beseitigt die Sangha alle Spuren des improvisierten Teachings. Es dauert nicht länger als eine Stunde, bis alles wieder an seinem Platz ist. https://www.water-runs-east.eu/teaching/
Die Mitglieder meiner Sangha wuseln durch die Räume, jagen Treppen hoch und Treppen hinunter, schleppen Gegenstände, putzen, spülen und räumen. Jeder Griff sitzt. Kein überflüssiges Wort wird verloren.
Ich habe – denke ich dankbar – eine unglaublich tüchtige Sangha.
Und eine liebenswerte noch dazu…
Rinpoche, so mein Eindruck, sieht es nicht anders. Als er – zusammen mit sechs Mitgliedern der Sangha – unter der Führung von Esther zur Sightseeing-Tour durch Berlin aufbricht, wirkt er rundum glücklich.
Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung schließe ich die Haustür hinter der vergnügten Truppe. Jetzt, wo alles überstanden ist, merke ich erst, wie erschöpft ich bin.
Die Tage mit Rinpoche waren schön – und anstrengend.
Ich habe drei Stunden Zeit, um mich etwas zu erholen. Die Stadtführung soll um vierzehn Uhr zu Ende sein. Danach wird Rinpoche noch einen Abschiedslunch in dem veganen chinesischen Restaurant einnehmen, in dessen Keller wir vor ein paar Monaten ein Rauchopfer abgehalten haben. https://www.water-runs-east.eu/keller-geister/
Suriyel hat dort einen Tisch für Rinpoche und die Sangha reserviert. Nach dem Essen will Suriyel unbedingt Rinpoche das Tibetisch-Buddhistische Zentrum von Friedrichshain zeigen. Vom chinesischen Restaurant bis zum Zentrum sind es nur fünf Minuten zu Fuß.
Spätestens um 16 Uhr müssen wir zum Flughafen aufbrechen. Rinpoche wird am Abend nach Florenz fliegen. Dort erwartet in eine italienische Sangha für ein Retreat.
Rinpoche ist ein viel beschäftigter Mann. Und begehrt. Sein Besuch in Berlin ist eine große Ehre.
Während ich mein Zimmer wieder in Besitz nehme – während der letzten drei Tage war dort Rinpoche untergebracht, ich durfte bei Maktiel übernachten – denke ich darüber nach, wie es mit uns und Rinpoche weitergehen wird.
Alle aus der Sangha wünschen sich, dass Rinpoche nächstes Jahr wieder zu Besuch kommt!
Ich habe deshalb beschlossen, ihn heute einzuladen, ein weiteres Mal zu uns zu kommen.
Nur: Was soll er unterrichten?
Während ich den Altar in meinem Zimmer wieder aufbaue, grüble ich vor mich hin. Gedankenversunken platziere ich meine Grüne Tara auf dem Podest. Dann greife ich zu Throma Nagma. https://www.water-runs-east.eu/throma-nagmo/
Rinpoche hat vorletzten März entschieden, dass Thröma – die Sadhana der zornvollen schwarzen Göttin des Todes und der Friedhöfe – meine Hauptpraxis ist.
Ich habe ein siebentägiges Thröma-Retreat bei ihm absolviert, aber die Sadhana seitdem nicht mehr praktiziert. Mir fehlt es an Übung, um sie alleine zuhause zu machen. Ich brauche ein weiteres intensives Retreat, um sie sicher zu beherrschen.
Wenn es nach mir ginge, würde ich mir deshalb wünschen, dass Rinpoche uns in Thröma unterweist.
Aber ist das auch das Beste für die Sangha?
Thröma ist eine zornvolle Praxis. Wer Thröma praktiziert, gewinnt an Kraft und Klarheit. Aber Thröma ist nicht ungefährlich. Wer die Praxis aus den falschen Motiven praktiziert, wem es an den rechten Voraussetzungen dafür mangelt, kann erhebliche Schäden davon tragen.
Als ich um kurz nach dreizehn Uhr zur S-Bahn eile, habe ich für mich beschlossen, die Entscheidung Rinpoche zu überlassen.
Am Ende des gemeinsamen Essens im Chinesischen Restaurant findet sich eine Gelegenheit, unter vier Augen mit Rinpoche zu sprechen.
Der sieht in etwa so müde aus, wie ich mich fühle. Er hört mir trotzdem konzentriert zu, als ich ihn frage, ob er uns denn nächstes Jahr wieder besuchen kommen möchte?
Er nickt zustimmend. „Next June I will come again.“ Ich muss mich beherrschen, ihm nicht um den Hals zu fallen.
„What would you like to teach us?“, frage ich ihn.
„Something you are lacking,“ kommt es zurück.
Jetzt wage ich es doch, zu fragen: „Could you teach us Thröma? I would like to build up a regular Thröma group!“
„Does a Thröma group exist in Berlin?“, fragt mich Rinpoche.
„No. Not as far as I know.“
„Then this is a really good idea!“
Ich spüre ein nervöses Ziehen im Magen! Er wird doch tatsächlich Thröma unterrichten! Es besteht die realistische Hoffnung, dass ich in naher Zukunft regelmäßig in einer festen Gruppe praktizieren kann!
„How long do you plan to teach us?“, erkundige ich mich. Ich rechne mit drei oder vier Tagen. Mehr Zeit, denke ich mir, hat er sicher nicht für uns.
„A week.“
Eine komplette Woche mit Rinpoche!
„You will have to organize the retreat. Three or four people.“, führt Rinpoche weiter aus.
„No way, Rinpoche. I will try to find at least ten people! You should earn a bit of money with your teaching!“ Dass er bereit ist, faktisch umsonst eine Woche zu opfern, berührt mich sehr.
Ich habe in diesem Moment keine Ahnung, an welchem Ort ich nächsten Juni ein Retreat organisieren soll. Die Spirituelle WG eignet sich nicht dafür. Und woher ich zehn Leute nehmen werde, die qualifiziert und bereit sind, sich den Verpflichtungen zu unterwerfen, die mit der Einweihung für Throma Nagmo einher gehen, weiß ich auch nicht.
Ich weiß nur, dass ich das hinbekommen werde. Irgendwie.
Am späten Nachmittag stehe ich Rinpoche während des Check-in am Flughafen zur Seite. Als die Ryan Air Angestelle vernimmt, dass es sich bei dem kleinen entspannten Mann vor ihr um einen echten buddhistischen Lama handelt, winkt sie großzügig auch noch Rinpoches zweite Tasche als Handgepäck durch.
Rinpoches riesigen Koffer auf das Förderband zu hieven, ist der letzte Kraftakt, den ich für ihn erbringe.
Während Suriyel auf der Suche nach einem bezahlbaren Parkplatz auf dem Gelände herumirrt, verabschiede ich mich vor dem Gate von Rinpoche.
Als ich eine Viertelstunde später neben dem vor Wut schäumenden Suriyel auf den Beifahrersitz sinke – Kein Parkplatz, aber 4,50€, damit er das Parkhaus wieder verlassen dufte! – vibriere ich vor mich hin.
Währenddessen bereitet die Sangha die Terrasse der Spirituellen WG für das Naga-Offering vor. Teppiche werden ausgerollt, die Camping-Klapptische aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain im Halbkreis aufgestellt. https://www.water-runs-east.eu/teaching/
In der Mitte des Halbkreises richtet Suriyel den Platz für Rinpoche her. Der bekommt zwei Klapptische: einen für sein Ritual-Equipement, den zweiten für die Tormas.
Ein Dharma-Bruder aus der Sangha hat seine private Bhumpa mitgebracht. Er platziert die Zeremonienvase auf den kleineren von Rinpoches Klapptischen. Wie gut, dass er daran gedacht hat!
Gestern morgen, als Rinpoche das Riwo SangChö – das traditionelle Morgen-Rauchopfer – mit uns vollzog, kam die Zeremonie während der Weihe der Opfergabe zu einem abrupten Halt, weil die Bhumpa fehlte! Mit dem langen, von einer Pfauenfeder verzierten Stil, wird Safranwasser auf der Opfergabe verteilt. Gleichzeitig werden die Zauber-Silben „Ram Yam Kham“ gesprochen.
Das ist der Höhepunkt des Rauchopfers!
Weil ich mein tägliches Rauchopfer ohne Bhumpa praktiziere – ich beschränke mich auf eine Visualisierung des Weihevorgangs – hatte ich völlig vergessen, dass zu einer professionellen Opferung verpflichtend eine Opfervase gehört.
Glücklicherweise ist Rinpoche flexibel. Gestern behalf er sich mit einem chinesischen Esstäbchen in einem Wasserglas. Das war das einzige, das ich – als ich in fliegender Hast in die Küche schoß – finden konnte, das ansatzweise dem Prinzip einer Bhumpa entsprach. Ohne eine Miene zu verziehen schwenkte Prinpoche das Esstäbchen und murmelte, währen ein paar Wassertropfen auf meinen Instant-Powder tropften „Ram Yam Kham“ dazu. https://www.water-runs-east.eu/do-it-yourself-sang-pulver/
Heute – beim Opfer für die mächtigen wie empfindsamen Wasser-Geister – soll alles möglichst vorschriftsmäßig ablaufen. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn wir versehentlich unsere Naga-Gäste kränken! https://www.water-runs-east.eu/nagas/
Wie gut, dass ich eine tüchtige Sangha habe…
Aus der haben sich heute dreizehn in der Spirituellen WG eingefunden. Das bringt die Terrasse an ihre Kapazitätsgrenzen. Es dauert ein bisschen, bis wir uns so sortiert haben, dass jeder bequem auf seinem Meditationskissen sitzen kann, ohne den Nachbarn ständig die Ellenbogen in die Seiten zu rammen.
Über dem Garten hängt die feuchte Kühle des beginnenden Herbstes. Esther verteilt Decken und Schals.
Nachdem jeder noch eine Kopie des Praxistexte für das Naga-Offering bekommen hat, beobachten wir alle Rinpoche, der inzwischen die beiden Teller mit den Tormas und die Schüssel mit den „Naga-Pills“ auf die Terrasse gebracht hat.
Rinpoche zupft ein paar Stiele und Ästchen von Esthers Sträuchern und Bäumen ab. Damit dekoriert er mit Geschick die Tormas. Sie sehen jetzt aus wie Miniaturlandschaften.
Suriyel hockt vor Rinpoche im Gras. Vor ihm steht das Stativ, in das er sein Handy geklemmt hat. Ich bin froh, dass er heute die Aufgabe übernimmt, das Zeremoniell zu filmen. Das Video ist wichtig! Wir wollen ja, nachdem Rinpoche uns verlassen hat, regelmäßig in Eigenregie Naga-Offerings praktizieren.
Damit wir das dürfen, bekommen die, die gestern nicht beim Teaching über die Nagas dabei waren und deshalb die erste Übertragung verpasst haben, erst einmal das Lung. Denn nur mit der feierlichen Übertragung des Textes durch einen Lama darf eine sakrale tibetisch-buddhistische Praxis eigenständig durchgeführt werden.
Alle sitzen schweigend auf ihren Kissen und lauschen konzentriert Rinpoche, der in rasender Geschwindigkeit den tibetischen Ritualtext vorliest. Während er in monotonem Singsang die Worte rezitiert, legt sich tiefe Stille über den kleinen Garten.
Nachdem das Lung vollzogen ist, beginnt Rinpoche mit dem Offering.
Alle stimmen, den tibetischen Text in Lautschrift vom Blatt ablesenden, in seine Rezitation ein.
Im Gegensatz zu den Rauchopfern Riwo SangChö und Sur, durch die Großzügigkeit praktiziert und karmische Hindernisse beseitigt werden, ist das Naga Offering ein Heilungs-Ritual.
Da Menschen fast vollständig aus Wasser bestehen, sind wir energetisch an die Nagas in unserer Umgebung gebunden.
Ist die Beziehung zum lokalen Wassergeist gestört, oder befindet der sich – aufgrund von Umweltverschmutzung, Eingriffen in seinen natürlichen Lebensraum oder andere Störfaktoren – in innerer Not, kann das zu „Naga-Erkrankungen“ führen.
Durch Naga-Offerings werden die mächtigen Wassergeister besänftigt und ihre Energie balanciert. Karmische Verstrickungen, die uns an bestimmte Nagas binden, werden aufgelöst.
Allerdings muss das Opfer korrekt durchgeführt werden! Wenn man irgendetwas dabei falsch macht, kann das schnell dazu führen, dass man das Gegenteil des Erwünschten erreicht. Nagas sind extrem leicht kränkbar und sehr nachtragend!
Aber heute leitet Rinpoche das Naga-Offering an. Es ist offensichtlich, dass er sein Handwerk versteht!
Er führt uns durch die Einleitung – dort wird der Zweck des Offerings beschrieben – und danach durch die ersten beiden Mantras, die jeweils mit bestimmten Mudras – ritualisierten Handbewegungen – begleitet werden.
Danach werden die Nagas feierlich eingeladen: die acht mächtigsten Wassergeister samt ihrem Gefolge, die Nagas, die über alle fünf Elemente herrschen, danach jene Nagas, die sich zum Buddhismus bekehrt und zu Beschützern des Dharmas geworden sind und schließlich die lokalen Wassergeister.
Während wir – angeleitet von Rinpoche – das Willkommens-Mantra für die Naga-Gäste rezitieren, ist uns, als würde sich die Energie auf der Terrasse und im Garten verdichten.
Der Eindruck verstärkt sich mit jeder Zeile, die wir uns weiter durch den Sakraltext arbeiten.
Das nächste Mantra, wieder begleitet von Mudras. Alle starren konzentriert auf Rinpoches Hände und Arme, um nur nichts falsch zu machen.
Kurz darauf sind wir beim Haupt-Opfer-Mantra angekommen. Während wir es rezitieren, greift Rinpoche zur Karaffe mit der Ziegenmilch. Gerade als er damit beginnen will, sie in die Schüssel mit den Naga-Pills zu gießen, stoppt er.
„Something is wrong with your text! Let me see!“
Ich reiche ihm meine Text-Kopie hinüber.
„No! You have to recite it like this!“ Er spricht uns das Mantra langsam vor. Richtig: Rinpoches Version weicht in mehreren Silben von unserem Text ab.
Jemand holt einen Stift heraus. Rinpoche wiederholt mehrmals die korrekte Schreibweise des Mantras. Der Stift wandert von Hand zu Hand. Jeder, der ihn bekommt, fragt noch mal nach, wie das Mantra denn jetzt genau geht?
Was für ein Chaos! Und das mitten im Opferritual! Vor all den Nagas, die sich um uns versammelt haben!
„Please, Rinpoche!“, flehe ich ihn an. „Let´s carry on!“
Rinpoche, wie immer unerschütterlich, nickt zustimmend, greift wieder zum Krug mit der Ziegenmilch und kippt diese, während er betont deutlich das Mantra rezitiert, in die Schüssel mit den Naga-Pills.
Nach ein paar Runden hat die Sangha den Bogen raus. Wieder und wieder rezitieren wir das Mantra. Die Energie um uns vibriert. Mein Körper bebt.
Nachdem er die Naga-Pills mit der Ziegenmilch verrührt hat, erhält jeder von Rinpoche einen Teelöffel mit Milch aus der Schüssel in die flache Hand. Weiter das Mantra rezitierend, trinken und lecken wir die Flüssigkeit aus der Handfläche. Wer immer an Naga-Erkrankungen leidet: das ist die Medizin dagegen.
Während die Sangha weiter das Naga-Mantra rezitiert, gibt Rinpoche Suriyel und mir ein Zeichen: wir sollen das Naga-Opfer im Garten ausbringen. Suriyel nimmt den Teller mit den Tormas, mir drückt Rinpoche die Schüssel mit den Naga-Pills in der Ziegenmilch in die Hand.
Glücklicherweise hat Suriyel vor dem Beginn des Opfers mit Rinpoche besprochen, an welcher Stelle im Garten die Tormas plaziert werden sollen. Unter der Zypresse, deren Zweige wir immer für das sonntägliche Riwo SangChö im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum in Friedrichshain verwenden, wäre der richtige Ort dafür, entschied Rinpoche. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Während Suriyel, auf der Wiese kniend, vorsichtig die verzierten Teig-Kegel und die Ästchen-Deko ins Gras stellt, werfe ich schnell ein paar von den mit Milch getränkten Naga-Pills an die Stellen im Garten, an denen Esther in einen Dauerkrieg mit den Brombeer-Ranken verstrickt ist.
„Was machst du da?“, fährt mich Suriyel an. „Die gehören da hin!“ Verärgert nimmt er mir die Schüssel aus der Hand, greift in die Milch, holt die Kügelchen heraus und verteilt sie um die Tormas. Danach kippt er die Ziegenmilch mit einer weit ausholenden Bewegung kreisförmig um Opferkuchen und Naga-Pills.
Das Ergebnis, finde ich, sieht ziemlich professionell aus. Und gleichzeitig so schön wie fremdartig: Ein tibetisch-buddhistisches Torma-Opfer für die Nagas in einem Garten mitten in Prenzlauer Berg!
Von der Terrasse klingt das vielstimmig rezitierte Mantra zu uns herüber.
Suriyel und ich eilen zu den anderen zurück. Nachdem wir wieder Platz genommen haben, spricht die Sangha mit Rinpoche die Abschlussgebete.
Als das Naga-Offering zu Ende ist, gibt es endlich Frühstück. Wir sitzen eng gedrängt um die lange Tafel herum und erklären uns gegenseitig begeistert, was wir doch gerade für ein phantastisches Opfer hatten!
In der Küche der Spirituellen WG zeigt uns Rinpoche, wie Opfer-Kuchen für die mächtigen Wassergeister hergestellt werden…
An diesem Samstag ist die komplette Sangha bereits um acht Uhr morgens vollständig in der Küche der Spirituellen WG versammelt. Wir dürfen nur noch wenige Stunden mit Rinpoche verbringen. Am Nachmittag werden Suriyel und ich ihn zum Flughafen bringen. Am Abend wird er in Florenz erwartet. https://www.water-runs-east.eu/rinpoche/
Am letzten Tag, den er bei uns verbringen wird, macht uns Rinpoche ein besonderes Geschenk: Er wird mit uns im Garten der Spirituellen WG ein Naga Opfer darbringen. https://www.water-runs-east.eu/nagas/
Dass dies möglich ist, verdanken wir zwei glücklichen Umständen: Rinpoche ist einer von wenigen Lamas, die dieses Ritual beherrschen.
Und: Heute ist ein „Naga-Tag“!
Denn Naga-Opfer dürfen nur an „Naga-Tagen“ dargebracht werden. Die werden nach alter tibetischer Tradition berechnet und für jedes Jahr in speziellen „Naga-Kalendern“ festgeschrieben. Während seines gestrigen Teachings über Nagas hat uns Rinpoche eingeschärft, immer den Naga-Kalender zu konsultieren, bevor wir eigenständig ein Naga-Opfer praktizieren.
„Nagas“, erklärte er uns, „schlafen und wachen in einem anderen Rhythmus als wir Menschen. Nur an den Naga-Tagen sind sie wach und freuen sich über ein Opfer! Wenn man an anderen Tagen eine Naga-Zeremonie praktiziert, reißt man sie damit aus dem Schlaf! Das kann schlimme Konsequenzen haben!“
Während wir in der Küche herumstehen und auf Rinpoche warten, konsultiere ich den Naga-Kalender, den Maktiel gestern in die WhatsApp-Gruppe gestellt hat. Monatlich gibt es etwa vier bis zwölf Naga-Tage.
Einzige Ausnahme ist der Oktober. Das ist der Ruhe-Monat der Wassergeister. Rinpoche hat uns ausdrücklich davor gewarnt, im Oktober Naga-Offerings zu machen. Wer in diesem Monat einen Naga aufweckt – und sei es mit den besten Absichten – muss sich auf das Schlimmste gefasst machen!
Dass wir bereits alle um acht Uhr früh versammelt sind, liegt an einer weiteren Besonderheit der Nagas. „Opfer für die Wasser-Geister müssen immer am Morgen dargebracht werden“, hat uns Rinpoche gestern erklärt.
Und: „Wer den Nagas opfert, muss das in nüchternem Zustand tun! Wasser und Tee vor der Zeremonie sind erlaubt, aber kein Kaffee und keine Milchprodukte!“
Deshalb stehen wir alle unausgeschlafen, kaffee-los und hungrig in der Küche herum.
Um kurz vor neun Uhr betritt Rinpoche die Küche. Dass wir alle bereits seit einer Stunde auf ihn warten, ficht ihn nicht an. Freundlich lächelnd und tiefenentspannt nimmt er am Tisch Platz und beginnt mit der Herstellung der Tormas für die Nagas.
Diese traditionellen Opfer-Kuchen sind ein fester Bestandteil jedes Opfer-Rituals im tibetischen Buddhismus. Dabei unterscheiden sich Form, Farbe und Dekoration der Tormas je nachdem, welches Ritual vollzogen und welcher höheren Macht das Opfer dargebracht wird.
Die korrekte Zubereitung von Tormas ist eine Kunst für sich…
Gestern Abend habe ich Rinpoche bereits eine Tüte Haferflocken auf den Tisch gestellt. Die kippt er jetzt in eine große Schüssel. Dann gibt er einen Esslöffel „Naga-Medizin“ darüber.
Das Rezept für diese Naga-Medizin hat er uns gestern eine halbe Stunde lang diktiert. Deshalb wissen wir jetzt, dass es aus siebenundzwanzig Zutaten besteht, die es in gut sortierten Apotheken für traditionelle tibetische Medizin zu kaufen gibt. In Nepal und Buthan. Aber gewiss nicht in Deutschland.
Rinpoche verlangt nach kochendem Wasser und Butter. Umringt von der Sangha, die ihm fasziniert auf die Finger starrt, knetet er einen festen Teig und formt daraus in Blitzgeschwindigkeit zwei schmale Kegel. Um den größeren wickelt er eine Teig-Schlange – Symbol für den örtlichen Naga, dem das Opfer dargebracht wird – und dekoriert ihn mit einer Scheibe, sowie Kügelchen, die er aus Butter formt. Er braucht allerhöchstens 15 Minuten dafür!
Dann greift Rinpoche zu einem etwa dreißig Zentimeter langen braunen Holzstab. Den hat er extra für uns aus Nepal mitgebracht. In das Kantholz sind auf allen sechs Seiten größere und kleinere Wassertiere und andere Figuren geschnitzt.
„Das ist die beste Methode, um Naga-Tormas zu machen!“, erklärt uns Rinpoche, während er mit schnellen Bewegungen zwei schmale Teigstreifen auf das Kantholz drückt und wieder abzieht.
Und richtig: Die beiden Teigstreifen sind jetzt mit winzigen Fischen, Krebsen, Schlangen und anderem Wassergetier verziert.
Aus dem Rest des Teigs formt Rinpoche Kügelchen.
Die Kügelchen gibt er in eine Schüssel. Dann verlang Rinpoche nach der Milch.
Die Milch für Naga-Opfer – schärfte uns Rinpoche gestern während des Teachings ein – darf nur von einer roten Kuh oder einer weißen Ziege stammen!
„Woher soll ich wissen, welche Farbe das Tier hat, von dem die Milch kommt?“, fragte ich Rinpoche verzweifelt, als er mir den Auftrag erteilte, die Milch zu besorgen. Er überlegte kurz: „Wenn das Tier, das auf der Verpackung abgebildet ist, die richtige Farbe hat, reicht das!“
Meine Erleichterung, als ich im Kühlregal des örtlichen Bio-Supermarktes eine Packung Ziegenmilch entdecke, auf der mich eine glückliche weiße Ziege anstrahlt, ist grenzenlos.
Auch Rinpoche nickt zufrieden, als er die weiße Ziege auf der Verpackung sieht. Er schraubt den Deckel ab und füllt den großen Wasserkrug der Spirituellen WG damit bis zum Rand.
Im Meditationsraum der Spirituellen WG weiht uns Rinpoche in die Geheimnisse der mächtigen Wassergeister ein…
„Nagas“, erklärt uns Rinpoche, der an der Stirnseite des Raumes auf meinem grünen Samtsessel thront – „sind mächtige Geister, die im Wasser und in Feuchtgebieten leben.“
Die Sangha – um ihn auf dem Boden sitzend – hört gespannt zu.
“Weil wir Menschen fast nur aus Wasser bestehen, gibt es keine Spirits, mit denen wir so eng verbunden sind, wie mit Nagas.“
“Ja!“
Ich bin irritiert: irgendjemand aus der Gruppe begleitet jeden Satz Rinpoches mit zustimmenden Ausrufen.
“Deshalb haben Nagas einen großen Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit!“
“Ja!“
Jetzt habe ich den Zuhörer entdeckt, der Rinpoches Ausführungen so geräuschvoll untermalt: Es ist Suriyel!
Ich bin erstaunt – Suriyel ist normalerweise wortkarg und stoisch. Aber jetzt hängt er gebannt an Rinpoches Lippen und scheint nicht zu registrieren, dass ihn alle indigniert anstarren.
Rinpoche fährt ungerührt fort: „Wenn Nagas gestört oder verärgert werden, kann das schlimme Konsequenzen für die Verursacher haben. Hauterkrankungen und alle Krankheiten, die mit einem Ungleichgewicht von Wasser im Körper zu tun haben, sind Naga-Krankheiten.“
Ich versuche, Suriyels zustimmendes „Ja!“ zu überhören.
Rinpoche hebt mahnend den Zeigefinger: „Nagas sind sehr nachtragend. Weil sie viele Jahrhunderte alt werden, verfolgt ihr Zorn nicht nur den Auslöser ihres Ärgers, sondern auch seine Nachkommen. Über Generationen!“
Er räuspert sich: „Zum Beispiel gab es einmal jemanden, der in einen Fluß gepinkelt hat. Der Naga-Fürst des Flusses war so wütend darüber, dass die Nachfahren des Pinklers noch in der fünften Generation von Krankheit und Unglück verfolgt waren.“
Das zustimmende „Ja!“ Suriyels finde ich an dieser Stelle besonders unpassend. Meinen Todes-Blick ignoriert er. Stattdessen hebt er die Hand und feuert seine Frage gleich hinterher: „Was muss man tun, um nicht als Naga wiedergeboren zu werden?“
Ich starre verblüfft zu ihm hinüber. Hat er das jetzt wirklich gerade gefragt? Aber, kein Zweifel – Suriyels Englisch ist ausgezeichnet – er ist wirklich und wahrhaftig besorgt, er könne als Naga reinkarnieren! Dass er nicht im Höllen-Areal oder im Areal der Hungrigen Geister wiedergeboren werden möchte: geschenkt! Aber was soll so schrecklich daran sein, ein mächtiger Wasser-Geist zu sein? Und wie kommt er überhaupt auf diese abstruse Idee?
Den anderen in der Runde ist anzusehen, dass sie Suriyels Frage ebenfalls befremdlich finden. Der Dharma-Bruder, der mir gegenüber auf der anderen Raumseite sitzt, verkneift sich mit Mühe ein Lachen. Auch die anderen versuchen, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen.
Der einzige, der sich von Suriyels Frage nicht irritieren lässt, ist Rinpoche. „Nagas,“ führt er aus, „werden dem Reich der Tierwesen zugeordnet.“
Das finde ich jetzt doch interessant. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass Nagas – die viele Jahrhunderte leben und über große Macht verfügen – im obersten Areal der Götter zu Hause sind.
“Als Bewohner des Tierreichs“, fährt Rinpoche fort, „sind sie dominiert von ihren Instinkten. Wenn jemand vermeiden möchte, als Naga wiedergeboren zu werden, muss er lernen, nicht immer seinen Impulsen zu folgen, sondern über seine Gedanken, Emotionen und Handeln zu reflektieren.“
Er nickt in die Runde: „Deshalb ist unsere Meditationspraxis so wichtig!“
Es war mir bisher nicht bewusst, dass meine tägliche Praxis mit dem positiven Nebeneffekt einhergeht, mich davor zu bewahren, als Naga wiedergeboren zu werden.
Ich blicke ein bisschen milder hinüber zu Suriyel. Der wirkt erleichtert.
Was hat er nur mit den Nagas?
Nachdem Rinpoche seine Ausführungen über die mächtigen Wassergeister beendet hat, ist Suriyel wieder so wortkarg und verschlossen wie üblich.
Ich gehe davon aus, dass ich nie erfahren werde, welche spezielle Beziehung er zu Nagas hat…
Im Meditationsraum der Spirtuellen WG soll uns Rinpoche in die Geheimnisse von Sur und Naga Offering einweihen…
Während Rinpoche am Freitagmorgen in der Küche beim Frühstück sitzt, bereite ich den Raum für sein Teaching vor.
Suriyel hat gestern Abend aus dem Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zehn Camping-Klapptische mitgebracht. Die lagern dort im Speicher und kommen bei großen Veranstaltungen zum Einsatz.
Denn tibetisch-buddhistische Praxistexte sind sakral! Sie dürfen niemals auf dem Boden liegen! Man darf nicht einmal über sie hinweg steigen!
Deshalb sind die grauen Klapptische von existenzieller Wichtigkeit. Nachdem sie aufgestellt und die kopierten Praxistexte darauf verteilt sind, widme ich mich dem nächsten Punkt auf meiner To-do-Liste:
Dem Altar.
Maktiel und ich haben ihn gestern aufgebaut. Nach ein bisschen hin und her haben wir uns dafür entschieden, ihn an der Stirnseite des Raums auf einem Mauervorsprung zu platzieren.
Keine der Figuren wurde von einem Lama mit Sutra-Rollen und heiligen Gegenständen gefüllt. Deshalb haben sie eigentlich auf einem Altar – und noch dazu für das Teaching eines Rinpoche – nichts verloren!
Aber etwas anderes hat die Spirituelle WG nicht zu bieten.
Nachdem ich noch zwei Blumensträuße auf unseren improvisierten Altar gestellt habe, fülle ich die kleinen Schälchen, die vor dem Buddha und den beiden weiblichen Buddha-Emanationen aufgereiht sind, mit Wasser.
Dann zünde ich Kerze und Räucherstäbchen an.
Ich trete einen Schritt zurück, um mein Werk kritisch in Augenschein zu nehmen. Ein grauer Rauchfaden zieht an der Nase des Deko-Buddha vorbei. Vor seinem runden Bauch tanzt die Kerzenflamme.
Er lächelt!
Mir wird ganz warm ums Herz, als ich sehe, wie glücklich er aussieht!
Kurz darauf kommt Rinpoche. Der sieht auch zufrieden aus, stelle ich erleichtert fest. Er nimmt probeweise neben dem lächelnden Deko-Buddha auf meinem grünen Samt-Sofa-Stuhl Platz. Den haben Maktiel und ich gestern Nachmittag mit vereinten Kräften aus meinem Zimmer hinunter in den ersten Stock geschleppt.
Rinpoche schlägt die Beine übereinander, wippt ein paar Mal auf und ab – und nickt zustimmend. Dass er nicht – wie es eigentlich üblich ist – auf einem roten Holzthron platziert wurde, scheint ihn nicht zu stören.
Wir machen ein paar Probeaufnahmen mit meinem Handy. Dafür habe ich – auf Anraten Maktiels hin – gestern extra noch ein Stativ besorgt. Die Teachings sollen aufgezeichnet werden, damit wir in der Sangha nach Rinpoches Abreise mit den Videos üben können.
Während Rinpoche und ich den richtigen Winkel für die Aufnahmen und den besten Platz für sein Tischchen mit den Texten und dem Equipement für das Rauchopfer austesten, treffen die Teilnehmer des Teachings ein. Trotz Freitagvormittag sind wir immerhin zu acht. Am Nachmittag haben sich noch ein paar weitere Sangha-Mitglieder angekündigt.
Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, als ich mich neben Rinpoches grünem Samtsessel auf dem Meditationskissen niederlasse.
Dass die Spirituelle WG einen hohen nepalesischen Lama beherbergigen darf, ist eine Ehre – aber auch eine kulturelle Herausforderung…
Am Donnerstag, dem 12. September ist es so weit: Rinpoche wird am Abend zu uns kommen und mit einem Welcoming Dinner begrüßt werden. https://www.water-runs-east.eu/wendung/
Tagsüber bin ich mit den Vorbereitungen für seinen Besuch beschäftigt. Glücklicherweise hilft mir Maktiel dabei, unseren Meditationsraum für das Teaching am Freitag herzurichten.
Bereits am frühen Morgen habe ich eine große Portion indisches Curry für unseren hohen Gast gekocht. Damit mein Basmatireis Rinpoches Ansprüchen genügt, hat mir Maktiel ihren Reiskocher ausgeliehen. Denn das einzige, von dem ich bisher erlebt habe, dass es Rinpoche um seinen eigentlich unerschütterlichen Gleichmut bringt, war – verkochter Reis.
Zumindest den will ich ihm bei seinem Besuch ersparen. Er wird – so denke ich, während ich in der S-Bahn auf dem Weg nach Friedrichshagen bin, um Rinpoche einzusammeln – genug unter uns zu leiden haben.
Niemand in der Spirituellen WG weiß, wie man sich einem hohen nepalischem Lama gegenüber benimmt!
Esther ist Christin.
Dass ich als Buddhistin so unbeleckt bin, verdankt sich zum einen der Tatsache, dass mein Wurzel-Lama – der Lehrer, bei dem ich Zuflucht genommen habe – eine amerikanische Khandro ist. https://www.water-runs-east.eu/zuflucht/
Bei Retreats und Teachings, die nicht von meinen westlichen Lehrern, sondern von nepalesischen Lamas gehalten werden, gehöre ich zum Fußvolk. Deshalb war ich bisher nie in der Situation, mich Auge um Auge um einen nepalesischen Lama kümmern zu müssen. Was ich aus der Ferne mitbekommen habe: Die Sache ist kompliziert. Man hüpft von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und kann im Grunde nur alles falsch machen.
Der einzige nepalesische Lama, mit dem ich persönlich bekannt bin, ist der kleine runde herzliche Mann, den ich gerade abhole. Letztes Jahr habe ich drei wunderbare Wochen während eines privaten Retreats in Uriels Retreathaus am Ende der Welt mit ihm verbracht. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/
Völlig entspannt.
Wir haben gemeinsame Mahlzeiten eingenommen, uns ausführlich unterhalten und abends zu zweit Uriels kleinen weißen Hund ausgeführt. Sollte er von meinen Umgangsformen irritiert gewesen sein, hat er es sich nie anmerken lassen.
Ich kann nur darauf hoffen, dass es auch diesmal so sein wird.
Nach etwas hin und her finde ich die Adresse. Auf mein Klingeln hin öffnen mir zwei kleine Jungs, die unverkennbar tibetisch aussehen. Ein winziger Spitz hüpft kläffend um ihre Beine. Ich werde in den ersten Stock geführt. Dort sitzt Rinpoche in einem quietschgelben Hemd zum traditionellen roten Rock an einem großen Tisch.
Ich freue mich sehr ihn wiederzusehen.
Gleichzeitig bin ich verwirrt: Wie soll ich ihn begrüßen? Das „Hi Norbu, how are you?“, das mir auf der Zunge liegt, ist komplett unangebracht. Ich stammle „Good evening Rinpoche“, verneige mich verkrampft und komme mir dämlich vor.
Er freut sich erkennbar, wirkt aber auch etwas hilflos.
Die tibetische Gastgeberin bietet mir einen Stuhl an. Während ich mit ihr Small Talk mache, wird mir bewusst, dass ich Rinpoche eigentlich mit einem Katak – einem weißen Schal – begrüßen hätte müssen!
Man verbeugt sich und streckt den Schal entgegen. Der Lama legt ihn um den Hals, drückt seine Stirn gegen die eigene und murmelt einen Segen. So gehört sich das.
Tja…
Kurz nach Rinpoches Abreise lerne ich, dass man einen Katak nie „leer“ übergeben darf. Es muss immer ein Umschlag mit Geld darin stecken, wenn man ihn dem Lama hinhält. Aber es muss mehr als ein Schein übergeben werden! Die Zahl eins bringt Unglück…
Wie auch immer. Wir müssen los! Zuhause in der Spirituellen WG wartet sicher schon die halbe Sangha mit knurrenden Mägen auf Rinpoche, damit das Welcoming Dinner starten kann.
Es dauert ein bisschen, bis bei der Gastgeberin und Rinpoche ankommt, dass wir nicht irgendwann, sondern sofort aufbrechen müssen. Hier herrscht erkennbar ein anderes Zeitgefühl.
Schließlich ist das Taxi organisiert. Nachdem Rinpoche, der einen großen zusammengerollten Tanka – einen bemalten Wandbehang – im Arm hält, sowie sein riesiger Koffer verstaut sind, können wir endlich aufbrechen.
„Wo seid ihr?“, schreibt mir Suriyel. „Wir warten hier alle auf euch!“
Ich bin so platt, dass ich nur noch „Taxi“tippen kann.
„Taxi ist gut“, kommt es zurück.
Der Fahrer kommt aus dem Libanon. Als er hört, dass er einen nepalesischen Lama transportiert, erkundigt er sich sofort, wie das bei ihm mit dem Visum läuft.
Der nepalesische Rinpoche und der libanesische Taxifahrer sind sich einig, dass die Sache mit dem Visum in Deutschland eine Katastrophe ist.
Draußen zieht Straßenzug um Straßenzug Berlin bei Nacht vorbei.
Das Leben ist schön, denke ich mir, währen ich in die Dunkelheit starre und zuhöre. Trotz kultureller Konfusion, ständigen Missverständnissen, Chaos und dauerndem Ärger.
Ich möchte kein anderes haben, als das in dem ich jetzt gerade bin. Mit einem nepalesischen Rinpoche auf dem Rücksitz und einem libanesischen Taxifahrer neben mir, der mir von seinem herzkranken Vater in Beirut erzählt.
Endlich sind wir an der Spirituellen WG angekommen. Fast zwei Stunden zu spät. Aber was heißt das schon, wenn ein echter Rinpoche zu Besuch kommt!
In der Küche ist es warm und gemütlich. Erleichtert sehe ich, dass Esther den Tisch mit dem goldenen Rosenthal-Geschirr eingedeckt hat. Wie es sich für einen Rinpoche gehört.
Während Suriyel den schweren Koffer unseres Gastes in den dritten Stock schleppt – er übernachtet in meinem Zimmer – wird Rinpoche begeistert begrüßt.
Sicher nicht nach tibetisch-buddhistischen Regeln, dafür aber mit großer Herzlichkeit.
Rinpoche strahlt. Es scheint ihm genug zu sein.
Und das, obwohl er er ein „Tulku“ ist! Ein von den geistigen Führern seiner Traditionslinie anerkannter wiedergeborener hoher Lama.
Für die Belehrungen des nepalesischen Rinpoche in der Spirituellen WG benötigen wir tibetisch-buddhistische Praxistexte der Nyingma-Tradition…
Das erste Mal in meinem Leben trage ich Verantwortung für ein Vajrayana-Teaching!
Ungewollt.
Denn für die Rolle der Veranstalterin – finde ich – bin ich eigentlich nicht qualifiziert. Dafür fehlen mir Wissen und Erfahrung.
Die Teachings und Retreats, an denen ich bisher teilgenommen habe, wurden von Profis organisiert. Leuten wie Uriel und Suriyel, die seit Jahrzehnten Tantra praktizieren und über sämtliche Details tibetisch-buddhistischer Rituale informiert sind.
Denn die Sache ist kompliziert. Man kann unglaublich viel falsch machen.
Deshalb beschränkte sich mein Beitrag bei Veranstaltungen bisher auf basale Tätigkeiten: putzen, backen, kochen…
Aber nun ist ein leibhaftiger nepalesischer Rinpoche im Anmarsch. Ich habe ihn eingeladen, also bin ich auch dafür verantwortlich, dass die Sache läuft.
Glücklicherweise hat mir Karma den liebenswertesten und unkompliziertesten aller Lamas geschickt.
Ein tröstlicher Gedanke.
Als erstes will Rinpoche wissen, was er denn jetzt eigentlich lehren soll? Für Sur – schreibt er mir – braucht er höchstens einen halben Tag. Er wird aber zweieinhalb Tage bei uns zu Gast sein. Die müssen irgendwie gefüllt werden.
Ich überlege: Welche Praxis kann die Sangha noch gut gebrauchen?
Schon lange möchte ich an einem Opfer für die mächtigen Wassergeister teilnehmen. Bisher hat es nie geklappt. Es gibt nur wenige in Europa, die das Ritual beherrschen.
Die Idee, nicht nur dabei sein zu dürfen, sondern – zusammen mit meiner Sangha – die Opferung zu lernen und in Zukunft gemeinsam zu praktizieren, lässt mich vor Aufregung vibrieren.
Mit zitternden Fingern tippe ich in mein Handy: „Could you teach us Naga Offering?“
„For sure“, kommt es zurück. „If you have a text.“
Tja.
Das ist immer die entscheidende Frage. Bei allen Tantra-Teachings und Retreats.
Der Praxistext….
Denn Texte für hohe Tantra-Praktiken sind schwer zu bekommen.
Erstens, weil sie geheim sind.
Und zweitens, weil die Lamas, die sie Auserwählten unterrichten, zwar über eine ganze Bibliothek an Ritualtexten verfügen. Allerdings in Tibetisch.
Damit westliche Praktizierende damit arbeiten können, müssen sie in sinnvoller Weise übersetzt werden. Eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Denn die liturgischen Texte stammen zumeist aus dem tibetischen Mittelalter. Es genügt nicht, lediglich Tibetisch zu können. Die Übersetzer müssen darüber hinaus detailiertes kulturelles und religiöses Wissen über den Vajrayana besitzen.
Je besser die Übersetzung des Texts, desto effektiver die Praxis. Man kann in Bezug auf die Qualität Glück haben – oder Pech.
Ich habe Glück.
Auf der Homepage meiner amerikanischen Khandro gibt es sowohl für Sur als auch für Naga Offering Text-Übersetzungen zu kaufen. Dass ich mir für mein erstes Teaching zwei basale, kurze und nicht-geheime Praktiken ausgesucht habe, erleichtert die Sache.
Ich platziere die beiden Texte im virtuellen Warenkorb, bezahle mit PayPal und bekomme per Mail einen Link zugeschickt. Mit der Info, dass mir zwei Kopien zur Verfügung stünden.
Ich schicke einen Link an Rinpoche. Fünf Minuten später erhalte ich die Rückmeldung, die Texte wären in Ordnung.
Erleichtert speichere ich sie als pdf auf meinem Laptop. Weil ich gerade dabei bin, schreibe ich eine Mail an Suriyel. Er möchte die Texte sicher auch gerne sehen. Die beiden pdf´s wandern in den Anhang. Als ich den vor dem Abschicken kontrolliere, bin ich mit zwei leeren Dokumenten konfrontiert! Quer über jede Seite steht gedruckt: „You have reached your limit!“
Ich bin beeindruckt: Tibetisches Mittelalter trifft Silicon Valley…
Von nun an behandle ich die beiden Übersetzungen wie Rohdiamanten! Erst als mein Drucker zwei vollständige Exemplare in Papierform ausgespuckt hat, wage ich wieder zu atmen!
Ein Punkt auf der langen To-Do-Liste ist schon mal erledigt…
Während der Vorbereitungen des Online-Teachings für Sur werde ich mit einer Überraschung konfrontiert…
Die Zusage des nepalesischen Rinpoche, meiner Sangha mit Hilfe eines Online-Teachings das tibetisch-buddhistische Rauchopfer Sur zu lehren, löst hektische Betriebsamkeit aus. https://www.water-runs-east.eu/eingebung/
Esther plant um. Aus ihrer Bibliothek macht sie einen neuen Teaching- und Meditationsraum. Der – beschließen wir – müsste groß genug für das Online-Teaching sein. Denn das soll hier in der Spirituellen WG stattfinden. Die Sangha braucht nicht nur Belehrungen und Einweihung – das Rauchopfer Sur muss auch geübt werden. Nachdem das im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum nicht möglich ist, bleibt nur der Garten der WG. https://www.water-runs-east.eu/sur/
Die Technik ist ein weiteres Problem, das uns umtreibt. Ich diskutiere im Freundeskreis und in der Sangha verschiedene Möglichkeiten einer kostenlosen Online-Übertragung. Immer in der Hoffnung, dass Rinpoche im fernen Kathmandu technisch kompatibel mit uns sein wird.
Gleichzeitig suchen Rinpoche und ich via WhatsApp nach passenden Terminen: zwei Mal eineinhalb Stunden veranschlagt der für das Teaching und die Einweihung. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Dazu kommt die Zeitverschiebung.
Er schlägt mir zwei Tage im August vor. Da sind in Deutschland alle im Urlaub, schreibe ich ihm zurück. Erst ab September würde das Teaching Sinn machen.
Da müsse er sehen…
Am Abend rufe ich Facebook auf und verstehe mit einem Mal, warum Rinpoche nicht sicher ist, ob er uns im September ein Online-Teaching geben kann.
Er ist von September bis November in Europa!
Jemand, den ich nicht persönlich kenne, aber auf Facebook befreundet bin – keine Ahnung seit wann und wieso – hat eine lange Liste gepostet: Darauf alle Termine für Retreats und Teachings meines Rinpoche! In der Slowakei – lese ich – geht es los. Danach stehen mehrere Orte in Deutschland auf dem Plan, gefolgt von Polen.
Mit tibetisch-buddhistischen Lehrern zu kommunizieren ist eine Kunst – in der ich nicht sehr bewandert bin. Das führt mir der Facebook-Post des unbekannten Jörg wieder einmal vor Augen.
Ich hätte Rinpoche danach fragen müssen, ob er nach Europa kommt!
Vielleicht möchte er ja auch Berlin besuchen? Wer weiß…
Nachdem ich mit Esther gesprochen habe, schicke ich via WhatsApp eine offizielle Einladung nach Nepal: Wie sehr wir uns doch freuen würden, wenn Rinpoche zu uns käme und sein Teaching persönlich, live und vor Ort abhalten könnte!
Während ich das tippe, ist mir bewusst, dass die Chancen einer Zusage äußerst gering sind. Rinpoche ist sicher schon komplett verplant. Nur extrem gutes Karma, Glück – what´s ever – wird ihn zu uns bringen.
„We will see“, kommt es zurück.
Immerhin keine Absage.
Während des Augustes suchen Rinpoche und ich nach einem Termin für seinen Besuch. Er möchte wirklich gerne kommen, merke ich. Das freut mich sehr.
Rinpoche ist mein Herzens-Lama.
Nur: Es ist kompliziert. Er kann nur im Oktober. Da hat aber niemand aus der Sangha Zeit für ihn. In diesem Monat jagt eine Veranstaltung die nächste im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain. Alle, die zum Teaching kommen wollen, werden dort gebraucht.
Es wird wohl nichts werden, denke ich Ende August frustriert. Vielleicht im nächsten Jahr…
Zwei Tage später bekomme ich eine Nachricht von Rinpoche: Er könne vom 12.09.-14.09. kommen.
Bingo!
Das ist das einzige Wochenende in drei Monaten, in denen im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum keine Veranstaltungen stattfinden!
Ich versichere Rinpoche, wie sehr wir uns alle auf seinen Besuch freuen! Und ich verspreche ihm, dass ich alles tun werde, damit er ein erfolgreiches Teaching in der Spirituellen WG abhalten kann.
Danach muss ich mich erst einmal setzen. Ich stehe unter Schock!
Wir werden einen leibhaftigen Rinpoche zu Gast haben!
Und ich muss das erste Mal in meinem Leben ein Teaching organisieren…
Ich schließe die Haustür hinter ihr ab und steige frustriert die Treppen in den dritten Stock der Spirituellen WG hoch.
Sur – das tibetisch-buddhistische Rauchopfer, das den Verstorbenen im Bardo Nahrung und Wärme gibt und ihnen hilft, in guter Weise wiedergeboren zu werden – möchte praktiziert werden! https://www.water-runs-east.eu/sur/
Alle Zeichen sind da: Die beiden Fremden, die im Tempel auftauchten, auf der Suche nach einem Segen für eine Verstorbene. Maktiels Frage nach dem Sur-Powder, dazu noch ihre Online-Sangha, die einmal wöchentlich Sur via Zoom durchführt….
Vor mich hin grübelnd öffne ich die Tür meines Dachzimmers. Mir ist, als wäre ich nicht in der Spirituellen WG, sondern in einem Haus, das mir völlig fremd ist. Es ist alt, groß und verwinkelt. Irgendwo aus der Tiefe erklingen rhythmische Schläge. Jemand klopft an die Haustür, energisch Einlass verlangend…
Es ist an mir, diese Tür zu öffnen.
Nur: Wo ist sie?
Ich stecke mich in meinem Bett aus. An die Zimmerdecke starrend, kreisen meine Gedanken um den Kern des Problems: Wir haben keinen Lama!
Denn nur ein tibetisch-buddhistischer Lehrer kann uns in der Praxis unterweisen und uns das Lung – die Ermächtigung zur Ausübung des Rituals – geben. https://www.water-runs-east.eu/lung/
Irgendwie muss ich einen Lama auftreiben! Nur: Wie soll ich das anstellen?
Auf einmal flüstert mir meine Innere Stimme ins Ohr: „Du kennst einen Lama! Frag Norbu!“
Ich fahre hoch! Natürlich! Ich kenne wirklich einen Lama! Allerdings lebt der in Kathmandu.
Meine Innere Stimme lässt sich nicht davon beeindrucken: „Wenn ihr das Lung für Riwo Sangchö online bekommen habt, warum nicht auch ein Teaching und Lung für Sur?“, murmelt sie. https://www.water-runs-east.eu/online-lung/
Dagegen gibt es nichts einzuwenden.
Ich rufe meine WhatsApp-Kontakte auf und scrolle bis fast ganz nach unten. Da ist er! „Norbu Rinpoche“ steht neben dem Photo, auf dem ein freundlich lächelnder nepalesischer Lama in quietschgelbem Shirt zu sehen ist.
Vor eineinhalb Jahren hatte mir Rinpoche seine Nummer gegeben, nachdem die drei Wochen mit ihm im Retreathaus am Ende der Welt zu Ende gegangen waren. https://www.water-runs-east.eu/drei-initiation/
Es war der liebenswerte Rinpoche aus Kathmandu gewesen, der mich im März 2023 in die Praxis der Göttin der Friedhöfe einwies. Und es war Rinpoche gewesen, der mir Throma als Hauptpraxis verschrieben hatte.
Wie der Wolf verschwanden auch der Lama und die Göttin der Friedhöfe aus meinem Leben. Und das, obwohl ich, als ich die Einweihung für ihre Praxis erhielt, das Gelübde abgelegt hatte, Throma Nagmo immer zu folgen.
Zwanzig Tage später schicke ich via WhatsApp eine Anfrage nach Kathmandu: Ob sich Rinpoche vorstellen könnte, mir und meiner Sangha in Berlin ein Online-Teaching für Sur zu geben und das Lung noch dazu?
Zwei Stunden später ploppt eine Nachricht auf meinem Handy auf: „Oh, ok! Idea very good with Online Teaching!“
Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…
Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.
Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!
Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.
Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.
Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.
Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.
Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.
Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.
Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!
Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!
Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…
Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.
Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.
Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!
Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.
Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.
Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.
Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.
Nur wann?
Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.
„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.
„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.
Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?
Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.
Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.
Der Sur-Powder funktioniert!
Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.
Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.
Sur – das Rauchopfer für alle Wesen, die sich im Reich zwischen Leben und Tod aufhalten – beschäftigt mich weiterhin…
Im Juni entschied Rinpoche, dass im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kein Sur – das Rauchopfer für die Verstorbenen im Bardo – abgehalten werden sollte. https://www.water-runs-east.eu/sur/
Doch damit war Sur nicht aus der Welt.
Der Besuch der beiden Fremden, die im Frühsommer im Tempel aufgetaucht waren, um einen Segen für eine Verstorbene zu erbitten, war das Signal gewesen, dass etwas im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum fehlte.
Die Information, dass es dort eine Leerstelle gab, die gefüllt werden wollte.
Mit dem Rauchopfer Sur.
Das Rauchopfer Sur ist Teil des Dharma – der Lehre Buddhas, die zur Befreiung führt. Buddhistische Praktiken haben ihre eigene Macht und folgen ihren eigenen Gesetzen.
Wenn die karmischen Voraussetzungen gegeben sind, manifestieren sie sich…
Wie sich in den Wochen nach dem Besuch der beiden Fremden zeigen sollte, war Sur in unserer Sangha aufgetaucht, um zu bleiben.
Im Juli begann Maktiel – die Dharma-Schwester, die bei Ritualen die große Trommel schlägt und den Bodhi-Baum hütet – gemeinsam mit der europäischen Online-Sangha eines tibetischen Lama das Rauchopfer Sur zu praktizieren. Einmal wöchentlich via Zoom.
„Weißt du auch, wie man Sur-Powder zubereitet?“, fragte mich Maktiel.
Ich wusste es nicht.
Nach einer Internet-Recherche war ich klüger: Sur-Powder besteht aus sechs traditionellen tibetischen Heilkräutern, die mit Tsampa – geröstetem Gerstenmehl – vermengt werden. Deutlich unkomplizierter als der Sang-Powder!
„Wenn du mit europäischen Heilkräutern zufrieden bist, kann ich dir einen machen“, schrieb ich Maktiel zurück.
Weil die damit einverstanden war, produzierte ich am nächsten Tag meinen ersten eigenen Sur-Powder.
Sie tauchten während der wöchentlichen Sonntagspraxis auf.
Still standen sie in einer Ecke und warteten geduldig, bis wir unsere „Grünen Tara“ Puja abgeschlossen hatten.
Ich sah sie aus den Augenwinkeln, während ich – gemeinsam mit den anderen aus der Sangha – den tibetischen Praxistext rezitierte. Die Frau war blaß, ihr Haar unfrisiert. Mit verkrampften Händen drückte sie ein verwaschenes kleines Kissen an ihre Brust. Der Mann hatte schützend den Arm um ihre Schulter gelegt. Auch er sah müde und verstört aus.
Nach dem Ende der Grünen Tara sprach das Paar Suriyel an. Eine nahe Angehörige der Frau war gestorben. Sie baten Suriyel um einen Segen für die Verstorbene. Die Frau drückte Suriyel das kleine Kissen in die Hand.
Er dürfe keinen Segen sprechen, erklärte er den beiden, er wäre kein Lama.
Geistesgegenwärtig lud Suriyel das Paar zum Rauchopfer ein. Nachdem wir alle im Halbkreis um die Feuerschale Platz genommen hatte, erklärte er in die Runde, dass wir das heutige Riwo SangChö der verstorbenen Anna widmen würden.
Was wir dann auch taten.
Nach der Zeremonie verschwanden die beiden Gäste. Sie verflüchtigten sich wie Rauch. Keiner hat sie seitdem wieder im Zentrum gesehen.
„Das hast du schön gemacht!“, lobte ich Suriyel hinterher. „Aber es war das falsche Ritual! Sie hätten Sur gebraucht!“
Denn Sur ist die Nachtschwester von Sang.
Beide Rauchopfer sind Ausdruck selbstloser Großzügigkeit.
Traditionell wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern jeden Morgen das Rauchopfer „Sang“ zelebriert. Unser RiwoSangChö ist nur eine von vielen Varianten. Alle Sang Rituale dienen der Anhäufung positiver Verdienste und gelten als Königsweg zur Beseitigung von Hindernissen und Widerständen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.
Am Abend wird in den tibetisch-buddhistischen Klöstern traditionell das Rauchopfer Sur für alle Verstorbenen praktiziert, die sich gerade im Bardo befinden.
Der tibetisch-buddhistischen Tradition nach dauert der Aufenthalt im Reich zwischen Leben und Tod neunundvierzig Tage. Für die große Mehrheit der Wesen ist das Bardo kein angenehmer Ort: Gequält von schwer erträglichen Traumzuständen, in denen sie mit den karmischen Verstrickungen vergangener Leben konfrontiert werden, an Hunger, Durst und Kälte leidend, befinden sie sich in einer beklagenswerten Situation. Nicht jedem Wesen gelingt es zudem, nach neunundvierzig Tagen den Bardo zu verlassen und in den Kreislauf der Wiedergeburten zurückzukehren. Manche von ihnen sind so schwach und verwirrt, dass sie im Bardo gefangen bleiben.
Um diesen armen hilflosen Wesen zu helfen, wird Sur praktziert. Die heilige Kraft des Feuers verwandelt das Speiseopfer – bestehend aus Mehl und Heilkräutern – in nährenden Rauch. Dieser wird durch die kraftvolle Energie von Meditation, der Rezitation von Mantras und dem Einsatz von Mudras transformiert.
Der magische Rauch, der durch das Sur-Ritual entsteht, dient der Stärkung und Stabilisierung der körperlosen schwachen Wesen im Bardo. Beschenkt mit Kraft und Klarheit ist es ihnen früher oder später möglich, das Reich zwischen Leben und Tod zu verlassen und erneut wiedergeboren zu werden.
Suriyel weißt meinen Einwand, unser RiwoSangChö wäre das falsche Ritual für die trauernden Angehörigen, wie für die verstorbene Frau, gewesen, trotzdem zurück.
„Das Sang war nicht falsch. Das dient auch den Verstorbenen. Sur wäre nur besser gewesen.“
So sieht es auch Rinpoche – der Gründer und Leiter des Zentrums von Friedrichshain – als Suriyel ihn ein paar Wochen später um die Erlaubnis bittet, zusätzlich zum Sang auch noch ein regelmäßiges Sur im Tempel abhalten zu dürfen.
Suriyel solle sich auf das Sang konzentrieren. Ein weiteres Rauchopfer wäre nicht notwendig.
Wir hatten beide mit einer Absage gerechnet. Rinpoche – ein hoher tibetischer Lama – reist unermüdlich von Kontinent zu Kontinent, um in all seinen Tibetisch-Buddhistischen Zentren nach dem Rechten zu sehen. Unser Zentrum in Berlin ist nur eines von vielen. Dass Rinpoche weder Zeit noch Nerven dafür hat, aus der Ferne neben dem Dauerkonflikt um unser Sang auch noch den Ärger um unser Sur in seinem Zentrum in Berlin zu befrieden, ist uns beiden nachvollziehbar. https://www.water-runs-east.eu/rauch/
Als Suriyel mit die Entscheidung des Rinpoche übermittelt, bin ich trotzdem enttäuscht. Suriyel wohl auch. Obwohl er es nicht zugibt.
Aber so ist es nun mal. Kein Sur im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum von Friedrichshain…
Während ich in Schweigen und „Nichts-Tun“ verharrte, war Esther in der Spirituellen WG am Prenzlauer Berg von Morgens bis Abends beschäftigt. https://www.water-runs-east.eu/spirituelle-wg/
Denn wir haben große Pläne!
Ab September wird die Spirituelle WG mehr sein, als ein privates Wohnprojekt.
Sie wird zum „Zentrum für Praktische Spiritualität“!
Etwas, was weder Esther noch ich im Sinn hatten, als ich Anfang März in das Townhouse am Prenzlauer Berg zog.
Ziel war ein privates Wohnprojekt, dass uns beiden – und ein bis zwei weiteren Personen, die bis dato noch nicht gefunden sind – einen gemeinsamen spirituellen Alltag ermöglichen sollte.
Das haben wir in den letzten Monaten richtig gut hinbekommen!
Zu Beginn unseres gemeinsamen WG-Lebens betete Esther im ersten Stock, während ich unter dem Dach meditierte und mein Rauchopfer darbrachte. https://www.water-runs-east.eu/arbeitsteilung/
Nach einigen Wochen und vielen intensiven Gesprächen funktionierten wir Anfang Juni ein Zimmer zum provisorischen Meditationsraum um. Wir begannen, dort täglich eine Stunde lang gemeinsam zu meditieren.
Im Freundeskreis stieß unsere „Mini-Haus-Meditationsgruppe“ auf Begeisterung. Man wolle auch mitmachen, wurde uns gesagt.
Deshalb starteten wir Anfang Juli eine abendliche Sitzgruppe. Jeden Donnerstag ab 19.30 Uhr kann sich jeder, der Lust hat, bei uns im Meditationsraum in der Kunst des Zazen und Kinhin üben. https://www.water-runs-east.eu/sitzgruppe/
Sitzen und Atmen. Gehen und Atmen.
That´s it.
Das Angebot kommt erstaunlich gut an.
Religionsübergreifend!
Sowohl aus Esthers Evangelikaler Gemeinde wie aus meiner Tibetisch-Buddhistischen Sangha kommen Freunde, um mit uns gemeinsam zu meditieren.
Wie gut die Stille täte, wird uns gesagt. Und wie schön es wäre, mit Gleichgesinnten zu praktizieren und sich hinterher austauschen zu können.
Denn nach der Meditation gibt es Tee und Gespräche.
Dass es ein so großes Bedürfnis nach gemeinsamer spiritueller Praxis im Alltag gibt, war uns nicht bewusst. Und auch nicht, dass die Sehnsucht nach Austausch darüber so intensiv ist.
Deshalb soll die Spirituelle WG ein Ort werden, an dem sich alle – und nicht nur ihre Bewohner – in der Kunst praktischer Spiritualität üben können.
So viel wissen Esther und ich.
Wie das Programm unseres Zentrums – jenseits der Meditationsgruppe – gestaltet sein wird, liegt noch im Dunkeln.
Denn Esther und ich sind intuitiv. Während wir Wände streichen, mit den Tücken der Homepage-Gestaltung kämpfen und lange Gespräche führen, warten wir auf überraschende Eingebungen. https://www.water-runs-east.eu/nachricht/
Und auf Impulse von Außen.
Für Esther ist das die „Führung des Göttlichen“. Für mich ist es „Karma“.
Wie immer man die Wunder des Alltags nennt: Wir werden ihnen die Tür der Spirituellen WG öffnen und sie willkommen heißen.
Ein traditioneller Haus-Altar gehört zur Grundausstattung jedes Vajrayana-Praktizierenden…
Wer ernsthaft tibetischen Buddhismus praktiziert, verfügt über einen eigenen Haus-Altar.
Denn der gehört zu den Grundvoraussetzungen für die tägliche Praxis.
Deshalb haben alle aus meiner Sangha einen.
Außer mir.
Sieben Jahre lang habe ich Vajrayana praktiziert – ohne Altar!
Ein Skandal!
Weil meine Sangha-Schwestern und -Brüder wohlgeübt darin sind, „nicht über die Fehler und Irrtümer anderer zu sprechen“ – die dritte der „acht Wahrheiten“ des Buddha – bin ich trotzdem von Kritik verschont geblieben.
Das einzige, was ich erntete, wenn ich mich zu diesem Mangel bekannte – oder wenn jemand aus der Sangha zu Besuch kam und feststellte, dass bei mir etwas entscheidendes fehlte – waren hochgezogene Augenbrauen.
Anfangs war es einfach Unwissenheit. Ich stolperte in das tibetische Tantra, wie andere in eine schlecht gesicherte Kellerlucke.
Deshalb dauerte es einige Zeit, bis ich verstand, dass ein Altar nicht nur während der Seminare und Teachings, sondern auch Zuhause von Nöten ist.
Mein Ego hasst die grellen Farben – und vor allem den ganzen Schnick-Schnack! All diese Schalen und Schälchen, Götter-Figuren und Figürchen, Wandbehänge und Devotonalien!
Dafür praktiziert mein Ego mit Leidenschaft Zen!
Zen ist klar.
Minimalistisch.
Alles in seiner Ästhetik – von der Gestaltung der Räume bis zu den berühmten Zen-Gärten – ist darauf ausgelegt, den Geist zur Ruhe zu bringen.
Ganz automatisch beginnt jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, um Zazen zu üben, seine Umgebung in einer Weise zu gestalten, die der Meditationspraxis gemäß ist. https://www.water-runs-east.eu/zazen/
Schrille Farben und intensive Gerüche werden – wenn sich Konzentration und Sinneswahrnehmungen durch die tägliche Praxis intensivieren – als störend empfunden.
Unordnung tut auf einmal weh.
Mehr und mehr wird spürbar, wie energieraubend Chaos ist.
Mit dem Ergebnis, dass ich seit Jahren nicht nur Zen praktiziere, sondern auch mein Leben danach ausrichte – und meiner Zen-Praxis gemäß wohne.
Die Idee, in meinem klaren, reduzierten, ordentlichen Zuhause einen traditionellen tibetisch-buddhistischen Altar mit all seinen Staubfängern aufzustellen, fand ich geradezu verstörend.
Dazu kam, dass ich – als Zen-Praktizierende – mit dem Konzept eines Altars grundsätzlich nichts anzufangen wusste!
Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.
Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.
Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!
Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.
Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.
Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.
Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.
Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.
Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!
Ich bin verzweifelt!
Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.
Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?
„Das wird ranzig!“
Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“
„Wird es doch!“
„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“
Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.
Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.
„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.
„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!
Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.
Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!
Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.
Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.
Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!
Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!
Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.
Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.
Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.
Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.
Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!
Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.
Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!
Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!
Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!
Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.
Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.
Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.
Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?
Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.
Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.
Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.
Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.
Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!
So wie es in dem Jahrhunderte alten Text für das Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – geschrieben steht. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/
Was noch fehlt, sind „aromatic woods“.
Woher die nehmen, wenn man mitten in Berlin wohnt?
Ein echtes Problem!
Zumal wir das „aromatische Holz“ in Form von Sägespäne benötigen. Denn genau die sind die Basis des teuren nepalesische Instant-Rauchpulvers, das wir bisher immer verbrannt haben.
Diese Qualität wollen wir weiterhin haben! Nur eben selbst fabriziert.
Glücklicherweise gibt es meinen kleinen Bruder!
Im Gegensatz zu seiner großen Schwester hat der es im Leben zu etwas gebracht: Er betreibt eine eigene Zimmerei in den Outskirts von Berlin. Dort fabriziert er mit seiner Mannschaft fantastische ökologische Holzhäuser.
Wenn uns irgendjemand weiterhelfen kann, dann er.
So ist es dann auch: Als ich ihm erkläre, dass ich für ein mehrere hundert Jahre altes tibetisches Rauchopfer-Rezept Sägespäne aus „aromatischen Hölzern“ benötige, zeigt er sich in keinster Weise irritiert.
Kein Problem. Ich soll einfach vorbeikommen.
Was leichter gesagt als getan ist. Ich habe kein Auto. Mit dem Fahrrad in das Industriegebiet am Stadtrand Berlins zu fahren, ist versuchter Selbstmord. Und mit dem Bus dauert es fast zwei Stunden!
Glücklicherweise erbarmt sich Suriyel. An einem Samstag Anfang Juni treffen wir uns in einer ruhigen Seitenstraße in Berlin-Mitte. Zu meinem Entzücken nehmen wir nicht sein Auto, sondern seinen „Dienstwagen“. Das ist ein riesiger oranger Laster mit einer beeindruckenden Hebebühne. Mit dem wollte ich schon immer mal mitfahren!
Jetzt ist es endlich so weit: Hoch über dem Verkehr throne ich auf dem Beifahrersitz und bekomme auf dem Weg zur Werkstatt meines Bruders von Suriyel auch noch gleich eine kleine Stadtführung: Wir fahren quer durch Berlin-Mitte am Reichstag und am Brandenburger Tor vorbei. Dann geht es durch das Diplomaten-Viertel. Eine Botschaft reiht sich neben der anderen. Bunte Landesfahnen flattern in der Morgensonne. Im Vorbeifahren zieht die halbe Welt an mir vorbei. Es gibt große protzige Botschaftsgebäude, kleine bescheidene, viel dazwischen. Manche sind fade, andere architektonisch ambitioniert. Ein riesiger Rundbau, geschmückt mit filigranen orientalischen Ornamenten, entlockt mir einen Entzückensruf.
„Schau!“, sage ich zu Suriyel. „Das sieht toll aus!“
Nur um gleich darauf festzustellen, dass es sich bei dem Gebäude um die Botschaft Saudi-Arabiens handelt.
Darf ich das dann noch schön finden?
Während ich darüber grüble, zieht draußen erst der Tiergarten, dann Schöneberg vorbei. Wir fahren weiter durch Steglitz und Lichterfelde, bis wir ganz im Süden Berlins angekommen sind.
Als wir auf das historische Werksgelände abbiegen, in dem sich die Zimmerei befindet, fährt mein Bruder vor uns. Im edlen Oberklasse-Audi.
Er verzieht keine Miene, als Suriyel seinen orangen Laster neben seinem Auto abstellt und ich vom Beifahrer-Sitz turne.
Er ist Berliner – und kennt seine Schwester…
Nachdem ich ihm Suriyel vorgestellt habe, führt er uns nicht in seine Zimmerei. Das hatten wir erwartet. Wir hatten beide gedacht, mein Bruder würde uns dort in irgendeiner Ecke einen Berg Sägespäne präsentieren, den wir einpacken und mitnehmen dürfen.
Ich habe sogar einen großen Eimer dafür mitgebracht.
Als ich meinem Bruder das erkläre, schüttert er erheitert den Kopf. Die Zeiten vom Meister Eder und seinem Pumuckl wären vorbei! Heutzutage wird die Späne sofort abgesaugt! Alles andere verstößt gegen arbeitsrechtliche Vorgaben!
Deshalb wird mein Bruder unsere Rauchopfer-Sägespäne extra für uns produzieren.
Das macht er nicht in der Werkstatt, sondern in seinem Büro. Das ist groß und edel. Im vorderen Teil befindet sich eine „Mini-Schreinerei“: Eine Hobelbank, ein Werkzeug-Regal. That’s it.
Stolz präsentiert uns mein Bruder einen dicken Holzblock. „Rauch-Eiche! Habe ich exra für euch besorgt!“
Ich bin gerührt. Suriyel ist entzückt.
Dass jemand unsere tibetisch-buddhistische Praxis ernst nimmt, passiert uns eher selten. Die meisten fassen sich an den Kopf und denken, wir spinnen…
Mein Bruder dagegen hat nicht nur extra eine edle geräucherte Eiche für uns organisiert. Jetzt stülpt er sich auch noch einen Gehörschutz über den Kopf und greift zur Hobelmaschine.
Bevor er die anwirft, schickt er uns in den Nebenraum. Mit der Auflage, die Tür hinter uns zu schließen, damit unsere Ohren durch den Lärm der Maschine keinen Schaden nehmen.
Er ist ganz offensichtlich ein fürsorglicher Vorgesetzter. Das freut seine große Schwester.
Suriyel und ich flüchten in den Nebenraum und lassen meinen Bruder – die aufheulende Hobelmaschine in der Hand – zurück.
Wir finden uns in einem großen Raum wieder. Unter den Fenstern sind mehrere Schreibtische platziert.
In der Mitte steht ein brauner Flügel.
Mein Bruder ist nicht nur ein tüchtiger Handwerker und kluger Geschäftsmann, sondern auch noch ein begeisterter Musiker. Er spielt mehrere Instrumente.
Aber am meisten liebt er das Klavier. Darauf zu spielen ist seine Methode des Stressabbaus.
Das war schon so, als er ein Kind war. Wenn er von der Schule kam, warf er seinen Schulranzen in die Ecke und setzte sich als erstes ans Klavier. Zur Entspannung.
Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nur dass er jetzt nicht mehr seine Familie, sondern seine Angestellten unterhält.
Während mein Bruder im Nebenraum hobelt, setzt sich Suriyel an den Flügel und fängt an zu spielen. Das macht er gut.
Ich lehne mich an eine Schreibtischkante und lausche den sanften Klängen des großen Flügels, die vom vom gedämpften Jaulen der Hobelmaschine untermalt werden.
Der banale Samstagvormittag hat mit einem Mal magische Qualität.
Kein Wunder, denke ich: Der Segen des Riwo Sang Chöd – des traditionellen tibetischen Rauchopfers – begleitet uns.
Zehn Minuten später ist mein Bruder fertig: Zufrieden kippt er einen großen Berg Rauch-Eichen-Späne aus dem Auffangbeutel der Hobelmaschine in einen blauen Müllsack.
Dann begleitet er uns auf den Parkplatz, verabschiedet sich, springt in seinen edlen Audi und rauscht davon: Die Familie wartet!
Suriyel packt die blaue Tüte mit unseren wertvollen Eichen-Spänen in den Bauch seines orangen LKW, bevor er mich wieder nach Berlin-Mitte kutschiert.
Wir sind beide zufrieden: Das Projekt „Home-made-Sang-Powder“ schreitet voran…
Wir starten den Versuch, das Instantpulver für unser Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – selbst herzustellen…
Eineinhalb Jahre, nachdem Suriyel damit begonnen hat, regelmäßig Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain zu praktizieren, hat sich das Rauchopfer dort etabliert. Wir machen es jeden Sonntag in der Gruppe, einige von uns praktizieren es zudem noch täglich zuhause.
Allerdings ohne konkrete Idee, wie das zu bewerkstelligen ist. Die einzige Information über die Zusammensetzung des Instant-Powders entnehmen wir der Einleitung des Jahrhunderte alten Rezitationstextes des Riwo Sang Chöd.
In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Das beruhigendste an dieser Liste ist für mich der Zusatz „…whatever you have available…“.
Während sich unsere Vorräte an gekauftem Pulver mehr und mehr dem Ende zuneigen, sammle ich deshalb, was mir gerade vor die Nase kommt:
Von einer Treckingtour an der Polnischen Ostseeküste bringe ich eine Dose Kiefernharz nach Hause. Teuer bezahlt mit vielen Mückenstichen, die ich abbekam, als ich, so vorsichtig als möglich, das klebrige Harz von Baumrinden schabte.
Wieder zurück in Berlin, halte ich weiter auf jeder Tour durch die Stadt Ausschau nach allem, was sich für den Do-it-yourself-Sang-Powder verbraten lässt.
Zuvor habe ich das Internet befragt und zu meiner Erleichterung erfahren, dass sich im Grunde jede Pflanze, die duftet und heilt, auch für Räucherwerk eignet.
Ich sammle also alles, was eine Großstadt wie Berlin in Sachen „healing plants“ zu bieten hat. Im Frühsommer, stellt sich heraus, ist das einiges: Am Mauerpark entdecke ich eine Ansammlung großer blühender Holundersträucher.
Ein paar Tage später werden die blühenden Linden in unserer Straße zurückgeschnitten. Ich sammle einen Berg Äste ein und verbringe meinen Abend damit, die Lindenblüten zu zupfen.
Vor dem Zubettgehen lege ich eine weitere Reihe Papier aus und breite die duftenden Lindenblüten neben den vor sich hin trocknenden Holunderblüten darauf aus. Zur Belohnung darf ich in einem wahren Geruchsparadies einschlafen.
Im Garten der Spirituellen WG wächst auch einiges, was sich zum Räuchern eignet: Der rote Rosenbusch neben dem Gartenhaus blüht nicht nur wunderbar, seine Blüten verströmen einen intensiven Geruch, der das Duft-Potpourri meiner – sich immer weiter ausdehnenden – Räucherecke auf das schönste erweitert.
Rosmarin, Thymian, Minze und Melisse, die im Kräuterbeet wuchern, können ebenfalls veräuchert werden.
Ich suche, sammle, trockne, befülle und beschrifte leere Marmeladengläser – und kann, als Suriyel Anfang Juni zu mir zu Besuch kommt, eine stattliche Sammlung „healing plants“ für unseren Sang-Powder präsentieren.
Der zeigt sich angemessen beeindruckt.
Und ich freue mich, dass ich schon mal zwei Punkte auf der tibetischen Zutatenliste abhaken kann: „Resins“ und „Healing Plants“ haben wir schon mal…
Wir starten ein neues Projekt mit dem Ziel, tibetisch-buddhistisches Riwo SangChö Pulver nach historischem Rezept selbst herzustellen…
Am Sonntag sitzen wir nach der Grünen-Tara-Praxis und dem Riwo SangChö in der gemütlichen Teestube des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain zusammen und diskutieren über das Instant-Pulver aus Nepal. https://www.water-runs-east.eu/sang-powder/
Ich erzähle den anderen von der E-Mail, die ich vom Leiter der Kunstschule des Niyngma-Klosters von Boudhanath in Kathmandu erhalten habe. Dass wir von dort Sang-Pulver bekommen können, aber nicht klar ist, was es kostet.
Für mich ist es keine Frage, dass wir den traditionellen Sang-Powder bei Experten bestellen müssen. Ich habe in der Vergangenheit bereits an Rauchopfern teilgenommen, für die selbstgefertigte Instant-Nahrung verwendet wurde. Die war aus Mehl und diversen Küchenkräutern zusammengemixt worden. Das Ergebnis hat mich nie überzeugt. Es roch nach wenig bis garnichts und es brannte auch nicht so, wie das gekaufte Pulver.
Wenn ich ein 1200 Jahre altes Ritual abhalte, dann nach Vorschrift.
Ich plädere deshalb in der Runde dafür, nachzufragen, wie viel das Nyingma-Kloster für das Pulver verlangt. Und, wenn es irgendwie bezahlbar ist, dort zu bestellen.
Es handelt sich schließlich, argumentiere ich, um traditionell und fachgerecht zubereiteten Sang-Powder nach altem Nyingma-Rezept! Wenn wir ein Pulver nehmen, dann das! Schließlich ist Padmasambahva – der größte Heilige Tibets – nicht nur der Schöpfer unseres Rauchopfers, sondern auch Gründer der Nyingma-Tradition!
So steht es auch auf den kostbaren Packungen des Nyingma-Klosters: „This Riwo Sangcho Powder is made at our Monastry in Nepal according to ancient Tibetan tradition. It is made only from natural herbal substances, fragrant woods, aromatic medicinal plants, white and sweet substances combinded to make this supreme offering.“
Selbstverständlich wollen wir ein „supreme offering“! Was sonst?
Die einzige Lösung die ich sehe, um kostengünstig Riwo SangChö zu praktizieren, ist, das Pulver direkt bei dem Kloster in Nepal zu bestellen.
So meine Logik…
Suriyel wiederspricht: „Klassisches Nyingma-Rezept!“ Das wäre Unfug, erklärt er uns. Auch in dem Kloster würden sie einfach nur das zusammenmischen, was in den Anweisungen der Sadhana – dem Rezitationstext für das Rauchopfer – angegeben ist.
Erst will ich das so nicht stehen lassen. Das Puver ist kostbar, speziell und hoch komplex in der Fertigung! Aber nach ein bisschen hin und ziehe ich dann doch meinen Text aus der Tasche und lese nach, was als Einleitung geschrieben steht: „Making an auspicious fire in a clean fessel or burner, burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Ich muss die Zeilen drei mal lesen, bis die Botschaft bei mir ankommt: „Der Instant-Powder ist einfach nur aromatisiertes Sägemehl?“
Jetzt verstehe ich auch, warum Suryiel es hinbekommt, dass der Sang-Powder bei ihm auch ohne die übliche Kohle-Tablette brennt. Es liegt nicht an seiner überragenden Feuer-Kompetenz, sondern daran, dass das Pulver aus Holz besteht!
Es bleibt mir nur, ihm zuzustimmen: Sägespänne mit Baumharz und Heilkräutern zu mischen, dass können wir auch selbst. Dazu brauchen wir weder ein nepalesisches Nyingma-Kloster, noch ein klima-schädliches Shipment um den halben Globus.
Eine Woche später breche ich zu einem Camping-Urlaub an die polnische Ostsee-Küste auf. Im Rucksack: Mein Taschenmesser und eine kleine Plastikdose. Das Ziel: Baum-Harz sammeln.
Denn das Projekt „Wir produzieren unser eigenes Do-it-yourself-Sang-Pulver nach traditionellem Rezept“ wird hiermit in Angriff genommen.
Für das traditionelle tibetisch-buddhistische Riwo Sang Chöd gibt es ein praktisches – und teures – Instantpulver…
Anfang März bestelle ich bei der tibetisch-buddhistischen Spezialbuchhandlung 12 Packungen traditionelles Riwo-Sang-Chöd-Instant-Pulver. Je 250 Gramm für 12 Euro. Importiert aus Nepal.
Dafür brauche ich täglich einen Teelöffel von dem Instant-Pulver. Der Rauch, der entsteht, wenn das Pulver verbrannt wird, nährt meine hungrigen Gäste. https://www.water-runs-east.eu/gaesteschar/
Ich liebe das Instant-Pulver. Der Geruch des Rauchs ist wunderbar!
Dass der „Traditional Riwo Sang Choed Powder“ in einem Nyingma-Kloster in Nepal hergestellt wird, verleiht ihm einen so exotischen wie luxeriösen Charakter.
Das sehe nicht nur ich so: In meiner Sangha im tibetisch-buddhistischen Zentrum in Friedrichshain haben auch noch andere Mitglieder begonnen, täglich ein häusliches Rauchopfer zu zelebrieren. Meine Großbestellung Sang-Pulver kommt genau zur richtigen Zeit. Innerhalb kurzer Zeit gebe ich fünf Päckchen weiter.
Sie nehme täglich eine oder zwei Messerspitzen von dem kostbaren Pulver, erfahre ich von einer Dharma-Schwester. Es rieche ja so wunderbar und wäre überhaupt ganz speziell!
Bei meiner Bestellung war ich davon ausgegangen, dass das Puver mindestens ein Jahr reichen würde. Für mich – und für Suriyels Riwo Sang Chöd im tibetisch-buddhistischen Zentrum.
Das Pulver ist mein Beitrag zur Sonntagspraxis. Suriyel kauft das Holz und die Lebensmittel, die verbrannt werden, ich spende den Instant-Powder. Weil Suriyel inzwischen ebenfalls begonnen hat, täglich ein häusliches Rauchopfer zu machen, bekommt er auch dafür von mir Sang-Pulver ab.
Dass ich auf einen Schlag fünf Packungen aus meinem Vorrat an die Sangha weiterverkauft habe, bringt meine Kalkulation durcheinander. Immerhin, beruhigte ich mich, ein halbes Jahr wird das Pulver sicher reichen.
Allerdings habe ich meine Rechnung ohne Suriyel gemacht: Denn der – stellt sich heraus – ist durch und durch großzügig. Im Alltag – und ganz besonders, wenn es um Buddhas, Bodhisattvas, Spirits und alle Bewohner der sechs Daseinsbereiche geht.
Diese Gäste bekommen nur das Beste von ihm – und das in rauen Mengen!
Als er mir erklärt, dass er für sein häusliches Riwo Sang Chöd täglich fünf Teelöffel von dem kostbaren nepalesischen Instant-Pulver verbrennt, muss ich mich setzen.
„Fünf Löffel!“ Ich bin fassungslos. „Ich brauche einen! Die anderen nehmen eine oder zwei Messerspitzen!“ Dann muss ich erst mal Luft holen. „Das Zeug kommt aus einem Nyingma-Kloster in Nepal!“
Ich überschlage seinen Verbrauch im Kopf und realisiere, dass mein Vorrat Instant-Powder in sechs bis acht Wochen aufgebraucht sein wird!
Gleichzeitig bin ich beeindruckt von seiner Großzügigkeit. Und davon, wie entspannt er mit Mangel umgeht: Obwohl er nicht weiß, wann und wie wieder neues Instant-Pulver auftauchen wird, gibt er, was er hat.
Nichtsdestotrotz muss dringend neuer Sang-Powder her! Und bei den Mengen, in dem der im tibetisch-buddhistischen Zentrum verbraucht wird, macht es keinen Sinn, ihn teuer in der Spezialbuchhandlung zu bestellen.
Auf den Etiketten der Päckchen ist eine nepalesische Mail-Adresse vermerkt. Am Abend setze ich mich an meinen Schreibtisch und formuliere eine Anfrage – in Englisch: Ob es dem Nyingma-Kloster in Boudhanath/Kathmandu möglich wäre, ein tibetisch-buddhistisches Zentrum in Berlin/Friedrichshain direkt zu beliefern? „Kind regards – a member of the Sangha…“
Drei Tage später ploppt die Antwort in meinem Postfach auf. „Dear Member of the Sangha“, lese ich, „thank you for reaching out to us regarding your interest in ordering our Riwo Sang Chod Powder…“
Es wäre möglich, heißt es weiter, allerdings wären die Frachtkosten nach Europa gerade ungewöhnlich hoch. Ich solle mitteilen, wie viele Päckchen wir bestellen wollen, dann würden sie den Versand in die Wege leiten. Was das Pulver und die Warensendung kosten, bleibt im Dunkeln.
Die Angelegenheit ist kompliziert. Aber irgendwie werden wir zu unserem Instant-Pulver kommen. Schließlich warten alle fühlenden Wesen in den sechs Daseinsbereichen darauf, von uns genährt zu werden…