Ich lerne von Wlodzimierz, dass Buddhas Leitspruch „Leben ist Leiden“ auch für die Urwaldriesen von Bialowieza gilt – und dass es in der Tiefe keinen Tod gibt, genau wie es im Herz-Sutra geschrieben steht…

Was für Bäume!
Ach was!
Was für BÄUME!
Wlodzimierz führt mich durch das Allerheiligste des Nationalparks wie ein Küstner durch die ihm anvertraute Wallfahrtskirche. Er scheint jeden der alten Baumriesen mit Vor- und Zunamen zu kennen und weiht mich großzügig in ihre Familiengeschichten ein. Seit mehr als fünfzig Jahren, erfahre ich, geht er in der Sperrzone ein und aus. Er hat Stürme erlebt, Trockenheiten, Überschwemmungen, Mastjahre und Hungerjahre, hat Bäume wachsen und Bäume sterben sehen.
Zwischen dreihundert und vierhundert Jahre sind die mächtigen Bäume alt, erklärt er mir.
Wlodzimierz, stellt sich heraus, ist nicht nur der Hüter der Bäume, sondern auch ihr Totenwächter. Auf schmalen Pfaden führt er mich von Baumleiche zu Baumleiche. Vor jedem mit Moos überzogenen Riesen, der auf dem mit Gras überwuchterten Waldboden vor sich hinmodert, bleiben wir stehen.
Diese Eiche, erklärt er mir, fällte ein Sturm im Frühjahr 1974. Er hatte leichtes Spiel: das Mark des etwa 400 Jahre alten Baumes war von einem Pilz zersetzt.
„Früher oder später“, doziert Wlodzimierz, „stirbt jeder Baum an einen Pilz.“
Dabei seien Pilze nicht die Feinde des Waldes, sondern die Basis seiner Existenz. Ohne Pilze, erklärt er mir, würde kein Totholz zersetzt werden, könne kein neues Leben entstehen.
Wir bleiben vor einem anderen gefällten Baumriesen stehen: einer riesigen Esche, die buchstäblich in sich zusammengebrochen ist. Die Eschen und Ulmen des Nationalparks, erfahre ich, sterben wie alle ihre Artgenossen in Europa an zwei eingeschleppten Pilzen. Der eine greife die Wurzeln an und verhindere, dass die Baumkronen mit Wasser versorgt werden, der andere unterbinde den Nährstofftransport im Bast, so dass die Zucker der Photosynthese nicht mehr zu den Wurzeln gelange.
Zwischen den mächtigen Bäumen klaffen Lücken. Die niedergemähten Riesen liegen – von winzigen Schmarotzern gefällt – kreuz und quer auf dem Waldboden. Ich bin Zeugin eines stillen Massakers.
„Aber“, referiert Wlodzimierz, während wir andächtig vor diesem Schlachtfeld stehen, „ihre Baumleichen schützen im Tod die Sprößlinge und sorgen dafür, dass neue Bäume wachsen können.“
Und richtig: die riesigen umgestürzten Stämme mit ihren mehrere Meter in die Höhe ragenden kahlen Ästen bilden eine natürliche Barriere. In ihrer Mitte wachsen junge Eichen, Hainbuchen, Ahorne, Eschen und Ulmen heran.
Ungeschützt durch das tote Altholz, erklärt mir Wldozimierz, haben die Baumschösslinge keine Chance. Sie werden sofort von den Hirschen und Wisenten verbissen.

Wir machen einen Abstecher in das Unterholz. Dort liegt eine Fichte, in deren Korpus eine Spalte für einen Wildbienenstock gesägt wurde. Diese Technik der Honiggewinnung wurde 1894 verboten, nachdem der Zar den Wald von Bialowieza gekauft hatte. Irgendwann Mitte bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts muss irgendein Mensch diese Fichte hinaufgeklettert sein und hat auf der Höhe von fünf bis zehn Metern dieses Loch gesägt.
1980 beendeten Borkenkäfer das Leben der Fichte. Seitdem fault ihr Stamm vor sich hin. Gezeichnet von einem Menschen, der wohl schon lange vergessen ist.
So wandern wir kreuz und quer durch den Wald. Wlodzimierz erkennt jede Vogelstimme, kann jedes Kraut und jeden Pilz benennen und weiß die wunderlichsten Geschichten zu erzählen.
Das hier wären „Dachstoiletten“ erklärt er mir, und zeigt mir am Wegesrand immer wieder Löcher, in denen Kot und schillernde Käferflügel liegen.
Mehrmals finden wir auf dem Trampelpfad Spuren von Wölfen. Sie markieren ihr Revier wie Hunde, erklärt mir Wlodzimierz. Beeindruckt betrachte ich die Abdrücke der riesigen Pfoten und langen Krallen. Dazwischen sind in der aufgewühlten Erde kleine Pfotenabdrücke zu erkennen: ein Wolfswelpe hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Da Abdrücke sind frisch, die Erde noch nicht angedrocknet. Das Rudel ist nur wenige Minuten vor uns hier den Weg entlang gelaufen.
Unter einer mächtigen alten Kiefer liegt ein großer Haufen Tannenzapfen. Das sei eine „Spechtschmiede“. Wlodzimierz zeigt auf eine Spalte in der Rinde auf etwa drei Metern Höhe. Dort würde ein Buntspecht die Zapfen hineinstecken, die Samen herauspicken und nach getaner Arbeit die Reste auf den Boden werfen.
Überhaupt die Spechte: Ornitologen aus der ganzen Welt kommen nach Bialowieza, erfahre ich, weil hier alle europäischen Spechtarten zuhause sind, auch der Weißrücken- und der Dreizehenspecht. Ich habe weder von dem einen noch von dem anderen jemals zuvor gehört.

An einer großen Biberburg machen wir Rast. Bis vor fünfzehn Jahren wäre das hier ein schmaler Bach gewesen, wird mir erklärt. Dann wären die Biber gekommen, hätten den Damm gebaut und dieser Sumpf wäre entstanden. Ich bin beeindruckt: was zwei winzige Biber alles anrichten können!
Genau genommen, präzisiert Wlodzimierz, ist die gesamte Auenlandschaft des Nationalparks ein Werk der Biber. Es wären ihre Dämme gewesen, die vor vielen tausend Jahren das Wasser der Bäche und Flüsse gestaut hätten. Genau so, erklärt er mir, entstehen Sümpfe.
Biber schufen die Sümpfe und Wisente und Hirsche die lichten Laubwälder, die einst ganz Europa bedeckten. Dann legten die Menschen die Sümpfe trocken und rodeten den Wald. Der letzte Rest dieses urzeitlichen Waldes befindet sich hier, im äußersten Osten Polens und im Westen von Belarus.
Ich bin wieder einmal erstaunt über meine naiven „Natur-Phantasien“. Wenn etwas „geschaffen“ ist, muss es in meiner Logik immer durch Menschenhand geschehen sein. Dass Biber riesige Sümpfe und Wisente und Hirsche Auenwälder „machen“, war bisher jenseits meiner Vorstellungskraft. „Natur“ war das, was einfach da ist, wenn der Mensch nichts tut. Dass auch andere Geschöpfe ihre Umwelt tiefgreifend gestalten und verändern können, hatte ich nicht auf dem Plan.
Wlodzimierz erträgt meine völlige Ahnungslosigkeit mit Würde.

Auf dem Rückweg zum Zarentor laufen wir an einer Gedenktafel vorbei. Ich entziffere „Hitlerowoow“ und „1941-1944“.
Wlodzimierz sieht mir dabei zu, wie ich die Tafel fotographiere.
Was denn da stünde, frage ich ihn. Er antwortet ausweichend. Schlimme Dinge wären im Wald passiert, damals im Krieg.
Ich bohre nicht weiter nach, es ist offensichtlich, dass er nicht mit mir darüber sprechen möchte.
Wir laufen schweigend ein paar Minuten nebeneinander her. „Damals war hier Armageddon,“ unterbricht er mit einem Male die Stille. „Und heute haben die Ukrainer Armageddon.“
Dann wechselt er abrupt das Thema, indem er meine Aufmerksamkeit auf Flechten lenkt, die am Wegesrand auf einem umgestürzten Baumstamm wachsen. Sie wären ein Beleg für die ausgezeichnete Luftqualität im Urwald: kein Lebewesen reagiere empfindlicher auf Schwermetalle und Stickoxide als diese Lebensgemeinschaft zwischen Pilzen und Algen.
Kurz darauf sind wir wieder auf dem Hauptweg – und im vorderen Teil der Sperrzone – angelangt. Von weitem kommt uns eine Gruppe Menschen entgegen. Im ersten Moment denke ich: Flüchtlinge! Aber es ist eine Touristengruppe, angeführt von einer blonden Polin, die den gleichen eingeschweißten Ausweis um den Hals trägt wie Wlodzimierz.
Es ist kurz nach elf Uhr, als wir das mächtige Zarentor hinter uns lassen und aus dem schattigen Wald auf die breite Forststraße und in die pralle Sonne treten. Als Wlodzimierz sich am Parkplatz von mir verabschiedet, bin ich völlig erschlagen. Die sechs Stunden Führung waren der komplette Informations-Overkill! Gefühlt hat mir mein kluger Guide jeden Baum, jedes Blümchen und jeden Pilz der Sperrzone namentlich vorgestellt, dazu noch all die Geschichten über Mensch und Tier – ich habe richtig was geboten bekommen für meine 700 Zloty.
Und ich habe wahnsinnig viel gelernt, stelle ich auf der Fahrt zum Campingplatz fest.
Das wichtigste: ich weiß jetzt, dass es so etwas wie „tot“ in der Natur nicht gibt! Ein Baum hört nicht auf zu existieren, nur weil er umstürzt und vermodert. Er bleibt durch all die Pilze, Flechten, Moose, Insekten in seinem Holz weiter „lebendig“ und schützt dazu mit seinem mächten Leib den Nachwuchs. Es gibt nicht den definierten Moment, an dem ein Baum aufhört zu existieren. Er wird einfach nur Teil von etwas anderem, das lebt.
Diese Weisheit rezitiere ich Morgen für Morgen nach der Meditation im „Herz-Sutra“: „…und so gibt es weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod…“
Bisher waren das nur Worte. In der Tiefe hat mir dieser Satz nie etwas gesagt.
Bis heute.
Für den Rest meines Lebens werde ich von jetzt an jeden Morgen, wenn ich das „Herz-Sutra“ rezitiere, an Wlodzimierz denken – und an die gefallenen Riesen des Urwalds von Bialowieza.
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