Im Spirituellen Zentrum ist alles perfekt durchorganisiert. Man kann den Verstand am Ankunftstag am Empfang abgeben und nach dem Ende des Zen-Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen, ohne dass man ihn in sieben Retreattagen auch nur einmal vermisst hätte…

Während eines Sesshins verbringe ich die Nächte auf engem Raum mit anderen Menschen.
Tagsüber ist es nicht anders: Jeder Teilnehmer hat einen festen Platz im Zendo – der Meditationshalle.
Exakt einen Quadratmeter groß sind die beigen Meditationsunterlagen, die an den Wänden entlang ausgelegt sind. Davor hat der Assistent – alphabetisch geordnet – die Namensschilder der Teilnehmer platziert. Man kann sich weder aussuchen wo, noch neben wem man sitzt.
Und auch auf dem eigenen einen kostbaren Quadratmeter ist es nicht erlaubt, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat.
Jeder darf nur so viele Sitzgelegenheiten auf den Platz nehmen, wie gerade benötigt werden, ermahnt der strenge Assistent. Private Dinge haben im Zendo nichts verloren! Und auf dem Platz hat immer Ordnung zu herrschen!
Auch die Kleiderordnung ist festgelegt: am Hof sind keine grellen Farben erlaubt, der Körper soll bedeckt sein und alles was intensiv riecht – vom Parfum über Rasierwasser bis Weichspüler – ist ebenfalls verpönt.
Nichts soll die Sinne von der Konzentration auf das Sitzen und Atmen abhalten.
Nach dem Abendessen – das selbstverständlich im Schweigen stattfindet – beginnt das Sesshin.
Vierzig Leute haben sich diesmal zum Sommertraining eingefunden, stelle ich fest, während wir stumm und bewegungslos vor unseren Matten stehen. In Bezug auf das Geschlecht herrscht Parität. Die Altersspanne reicht von Anfang Zwanzig bis Ende Siebzig.
Bevor er das Sesshin feierlich eröffnet, erklärt der Assistent den wenigen Novizen die Regeln. Tagesablauf, Ordnung am Platz, Schweigen immer und überall.
Besonders wichtig: Pünktlichkeit! Man hat sich fünf Minuten vor dem Beginn jedes Meditationsblocks an seinem Platz einzufinden. Wer zu spät kommt, stört nicht nur die anderen in ihrer Konzentration – und dazu noch das fein abgestimmte Procedere – sondern läuft auch noch Gefahr, sich vor verschlossener Tür wiederzufinden. Dann muss dreißig bis vierzig Minuten gewartet werden, bis der Assistent die Meditationsrunde mit einem kräftigen Gongsschlag beendet und wieder Zutritt zum Zendo gewährt.
Überhaupt läuft der Hof wie ein Uhrwerk. Wenn man die Prozesse einmal verstanden hat – und sie sind so logisch, dass das nicht schwer ist – kann man seinen Verstand bei der Anmeldung am Empfang abgeben und ihn am Ende des Sesshins bei der Schlüsselabgabe wieder abholen.
Es ist, als würde man in einen Fluss steigen. Wenn der Widerstand gegen die dauernde Bevormundung überwunden ist, treibt man durch die Tage, ohne sich auch nur einmal fragen zu müssen: „Was soll ich tun?“
Es ist toll! Ja, wirklich!
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