Das tibetisch-buddhistische Zentrum von Friedrichshain zelebriert an Vesak sein erstes öffentliches Riwo Sang Chöd…

Als ich nach meiner Ankunft im chinesisch-buddhistischen Tempel von Kreuzberg auf die riesige Terrasse trete, sehe ich, dass Suriyel seine Feuerschale für das Rauchopfer exakt zwei Meter vor der Glasfront des Speisesaals aufgestellt hat. https://www.water-runs-east.eu/vesak/

Der Anblick lässt mich schaudern.

Der chinesische Tempel ist niegelnagelneu. Dazu unfassbar groß, unfassbar edel und unglaublich steril.

Zumindest für Buddhisten wie uns, die wir aus dem bezaubernden, aber armen und chaotischen tibetisch-buddhistischen Zentrum von Friedrichshain kommen.

Suriyels große rostige Feuerschale, die verloren auf der riesigen, strahlend weißen Terrasse steht, markiert exakt den Punkt, an dem diese beiden buddhistischen Welten aufeinanderprallen.

Geblendet von der Morgensonne halte ich Ausschau nach ihrem Besitzer. Der schleppt gerade sein Equipement für das Rauchopfer aus dem Auto, das vor dem Haupteingang geparkt ist, herbei. Damit es schneller geht, hat er einfach den Bauzaun ausgehebelt, der die Terrasse vom Rohbau der Tiefgarage abtrennt. Gerade turnt er behende über das Mäuerchen der halbfertigen Auffahrt.

Als Suriyel seine riesige blaue Ikea-Tüte mit den Speiseopfern und Grillanzündern neben mir abstellt, spare ich mir die Begrüßung.

Stattdessen zeige ich anklagend auf die Feuerschale: „Die kann da nicht stehen bleiben! Wir kriegen total Ärger!“

„Das ist abgesprochen! Die bleibt da!“ Suriyel dreht sich um, springt über das Mäuerchen und entschwindet wieder.

Ich bleibe fassungslos zurück.

Unser traditionelles tibetisches Riwo Sang Chöd soll während der Mittagspause stattfinden. Die Veranstalter haben beschlossen, dass das Rauchopfer auf der Terrasse vor dem Speisesaal die perfekte Unterhaltung während des Essens darstellt.

Was grundsätzlich eine gute Idee ist. Zumal der riesige Speisesaal zur Terrasse hin komplett verglast ist.

Allerdings ist seine hohe Decke auch mit einer beeindruckenden Zahl von High-Tech-Rauchmeldern bestückt. Und ich weiß besser als die Organisatoren der Veranstaltung, was für eine riesige Rauchwolke Suriyel in seiner Feuerschale zustande bringt.

Wer das noch nicht erlebt hat, hat keine Ahnung davon, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Für mich ist – wer immer Suriyel erlaubt hat, die Feuerschale direkt vor dem Speisesaal aufzustellen – einfach nur unglaublich naiv.

Ich muss meine Phantasie nicht anstrengen, um mir die Katastrophe auszumalen: Wir, unser Rauchopfer auf der Terrasse praktizierend – und die versammelte buddhistische Community Berlins, die ihre Pappteller mit chinesischen Nudeln umklammert, während sie vor dem schrillen Piepen der Rauchmelder aus dem Speisesaal flieht.

Wir werden in die Lokalgeschichte eingehen! Mit einem Skandal, über den sich auch in zwanzig Jahre alle noch köstlich amüsieren werden!

Als Suriyel das nächste Mal auftaucht – diesmal schleppt er die große Trommel und seine Zimbeln herbei – zeigt er sich völlig unbeeindruckt von meinen Ängsten. Ich würde hier nur katastrophisieren und überhaupt hätte er jetzt definitiv keine Zeit für solche Albernheiten!

Damit verschwindet er ein weiteres Mal hinter dem Bauzaun.

Ich bleibe hilflos zurück. Und beschließe, dass jetzt der Moment gekommen ist, mich in Akzeptanz zu üben. Und auf ein Wunder zu hoffen.

Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ich kenne Suriyel inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos ist.

Weil das Riwo Sang Chöd über magische Kräfte verfügt, manifestiert sich das Wunder bereits eine halbe Stunde später in Form des chinesischen Assistenten des Tempel-Leiters. Einer der freiwilligen Helfer aus der Sangha des Tempels hat ihm zugetragen, was gerade auf der Terrasse vor sich geht. Der Assistent ist glücklicherweise weit weniger naiv als die Organisatoren des Vesak-Festes.

In gebieterischem Ton erklärt mir der Assistent, dass die Feuerschale hier nicht stehen bleiben könne. Der Meister – erfahre ich – wünsche das Rauchopfer genau da! Er zeigt auf eine Art Amphietheater, das ein paar Stufen tiefer direkt an die Terrasse anschließt.

Ohne Frage der perfekte Platz für unser Riwo Sang Chöd! Erleichtert nehme ich die Feuerschale, trage sie die Treppenstufen hinunter und platziere sie in der Mitte der weiten Fläche.

Als Suriyel kurz darauf ein weiteres Mal auftaucht und über die Entscheidung des Meisters informiert wird, trägt er sie zu meiner Erleichterung mit Würde.

Kurz nach 12 Uhr ist es dann so weit: Im gleißenden Licht der Mittagssonne nehmen acht Freiwillige aus der Sangha des tibetisch-buddhistischen Zentrums Friedrichhains hinter vier Klapptischen Platz. Vor uns liegen unsere Rezitationstexte, dazu die traditionellen tibetischen Glocken und die kleinen Handtrommeln. Eine von uns schlägt die große Standtrommel. https://www.water-runs-east.eu/generalprobe/

Am Kopfende – zentral in der Mitte – habe ich einen kleinen Klapptisch nur für Suryiel platziert. Das machen wir zuhause nicht so, da sitzt er zwischen den anderen Praktizierenden. Heute finde ich es passend: Er ist schließlich der Zeremonienmeister! Er schaut kurz irritiert, bevor er schulterzuckend Platz nimmt.

Was als nächstes kommt, lässt mich wieder nach Luft schnappen! Weil es in der Sonne so heiß ist, zieht er sich einfach sein T-Shirt über den Kopf, bevor er sich sein traditionelles tibetisches Umschlagtuch, dass er immer bei Zeremonien trägt, um den nackten Oberkörper wickelt.

Nachdem ich mich von dem Schock erholt habe, stelle ich fest, dass er jetzt perfekt in das Amphietheater passt! Mit seinem Wickeltuch sieht er aus wie ein römischer Konsul!

Inzwischen sitzen mindestens fünfzig Nudeln essende Buddhisten auf der Terrasse. Alle warten auf den nächsten Programmpunkt: Das traditionelle tibetische Rauchopfer des buddhistischen Zentrums von Friedrichshain.

Begleitet von den interessierten Blicken der Zuschauer steht Suriyel auf und überquert die große freie Fläche es Amphietheaters, um das kunstvoll gestapelte Brennholz in der Feuerschale zu entzünden. Bevor er das macht, packt er mit ungerührter Miene die beiden Griffe der Schale, hebt sie hoch, trägt sie die Treppenstufen hoch und stellt sie wieder auf die Terrasse.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

So viel zum Willen des Meisters…

Die ersten Feuerzungen lodern auf. Das Knacken der brennenden Holzscheite klingt über die weite Terrassenfläche. In den Bäumen zwischern Vögel.

Ansonsten ist es vollkommend still.

Angeleitet von Suriyel rezitieren wir den mehr als 1000 Jahre alten tibetischen Text. Als wir das erste Mal die Trommeln drehen und die Glocken schwenken, bin ich mir sicher, dass sie da sind: All unsere unsichtbaren Geister-Gäste, für die wir hier und jetzt das Speiseopfer darbringen.

Als Suriyel die traditionellen Opfergaben ins Feuer wirft und die brennenden Speisen in einer dicken weißen Rauchwolke zum Himmel aufsteigen, während wir in monotonem Singsang wieder und wieder das Mantra „Om Ah Hung“ rezitieren, vibriert alles um uns vor Energie.

Ohne Zweifel: Wir sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Und wir tun, was zu tun ist.

Hinterher sind wir uns sicher, dass unser Rauchopfer nicht nur ein „gelungener Programmpunkt“ des Vesak-Festes war.

Wir haben gutes Karma geschaffen. Und ein paar zutiefst gekränkte örtliche Naturgeister milde gestimmt, die keiner um Erlaubnis gefragt hat, bevor hier mit den Baumaßnahmen für den Tempel begonnen wurde.

Was für ein Glück, dass es das Riwo Sang Chöd gibt…