
Ich zähle nicht mit, während ich auf ein „Bestätigen“ nach dem anderen tippe. Es ist Donnerstagabend und damit Zeit für mein wöchentliches Facebook-Ritual: ich nehme alle Freundschaftsanfragen an. Auch die von Männern, deren Fotos mich zurückzucken lassen.
Haben die keine Frau, Freundin, Schwester, Tochter – what´s ever – die ihnen sagt, dass dieses Profilbild indiskutabel ist? Und ihnen, wenn sie auch in Natura so unglücklich aussehen, zeigt, wie Photoshop funktioniert?
Die wenigen Frauen, die mit mir befreundet sein wollen, wirken dafür umso hochglanzpolierter. Es gibt auch zu viel Photoshop, denke ich, während ich einer jungen Vietnamesin die Ehre meiner Freundschaft gewähre.
Den ganzen Abend und den nächsten Tag über erklingt in regelmäßigen Abständen „ping“: Wieder eine Nachricht auf Messenger, meldet mein Handy. Drei besonders verwegene neue „Freunde“ versuchen, mich via Videoanruf zu erreichen. Jungs, das hier ist Facebook, nicht Tinder!
Freitagabend ziehe ich vor dem Schlafengehen Bilanz: vierundvierzig neue Chats. Und nicht nur das übliche „Hi“! Lesen sie in Indien meinen Blog? Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen: eine Frau, dreiundvierzig Männer. Was gegen die These spricht, dass es in Indien üblich ist, sich für das Annehmen der eigenen Freundschaftsanfrage zu bedanken.
Die einzige Frau im Chatverlauf ist Amerikanerin. Sie nimmt Bezug auf das Gedicht von Emily Dickinson, mit dem ich mich in meinem Facebook-Profil vorstelle. Das ist eine Antwort wert, beschließe ich, und formuliere einen dürren Satz, der nicht zu weiterer Konversation einlädt. Mein erstes Jahr als Single hat mich gelehrt, dass auch Frauen eindeutig zweideutige Absichten verfolgen können.
Danach gehe ich die Männer durch: einer ohne Profilbild erklärt mir, er wäre „empty space“. Ohne Anrede. Ich glaube es ihm sofort.
Außerdem sechs „Hello“, ein „Hallo“, drei „Hi“, einmal „Hru“ (?), einmal „o“ (?), dazu noch „Hii“, „Hoi“, „Hoy“, „Hola“ und „Hey“. Ein paar haben sich ein bisschen mehr Mühe gegeben und dem obligatorischen „Hi“ meinen Vornamen angefügt. Des weiteren zwei Mal „Namaste“, einer schickt ein kritisch guckendes Smiley und drei je einen hochgereckten Daumen. Die Frankreich-Fraktion schreibt, wie immer, „Bonjour“. Der einzige Italiener in der Runde schafft einen kompletten – netten – Satz: „Bounasera Katharina come stai spero tutto bene.“ Dafür kriegt er ein „Grazie“
Einer schreibt „Hey Baby“, ein anderer garniert sein „Good morning, babe“ mit einer tanzenden Hindu-Göttin. Etwas irritiert bin ich von „Yes Mam!“ und von „Nmha Sivay Mom“.
Dark Rock hat mir einen Sticker geschickt, ein hüpfendes rosa Blümchen in Herzchenform, dazu „Greetings from the dark side of the moon.“
Einer aus Bombay und einer aus Kairo bedanken sich formell: „Thanks for accepting my friends request.“
So weit, so gut.
Ich lösche die Chats – an Konversationen mit „Freunden“ bin ich nicht interessiert – und schaue, was die Neuerwerbungen posten. Fazit: alles völlig harmlos. Familienfotos, Gartenbilder, der üblichen Kitsch auf asiatisch: in Herzchenform drapierte Elefantenköpfe, schrill-bunte Hindu-Göttinnen, Sonnenuntergänge an Palmenstränden. Erstaunlich viele Bilder von Haustempeln mit appetitlich dekorierten Opfergaben. Die automatischen Übersetzungen aus dem Sanskrit sind noch mal wilder als die aus dem Polnischen. Und ich kriege jetzt Reels von ekstatisch zu Discomusik tanzenden jungen Indern mit Turban.
Maria würde sagen „Nice!“.
Schreibe einen Kommentar