
Maria tritt erschrocken einen Schritt zurück. Der Mann, der uns auf dem Bahnsteig des Vorortbahnhofs von Gdanzk angesprochen hat, wechselt vom Englischen ins Russische und fängt an, wild gestikulierend auf sie einzureden. Ich verstehe nur „Putin“ und „Lukaschenko“. Als er Luft holt, weißt Maria auf mich: „She doesn´t speak Russia.“ Der Mann wendet sich mir zu und wechselt wieder ins Englische: „Where are you from?“ „Germany.“ Er sieht mich beeindruckt an. „And you?“, frage ich ihn. „Belarus“. Jetzt schaue ich beeindruckt, einen Weißrussen habe ich noch nie getroffen. Und er noch nie jemanden aus Deutschland.
Wir taxieren uns gegenseitig. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, klassischer Hipster, Dreitagebart, schwarzer Hoodie. Er holt wieder tief Luft und lässt dieselbe Tirade noch einmal auf Englisch los: Lukaschenko und Putin wären des Teufels und alle Russen würden mit ihnen zur Hölle gehen. Die Kraftausdrücke schiebt er auf Russisch dazwischen, dafür scheint sein englischer Wortschatz nicht auszureichen. Ich betrachte ihn besorgt, er steht schwitzend vor uns und wirkt agitiert. Ich versuche, Struktur in die Sache zu bringen: wie lange er schon in Polen wäre? „Four month.“ Er ist der erste männliche Flüchtling, den ich treffe. Ob er sein Land illegal verlassen hat, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf: nein, mit Visum, complitly legal. Als er meinen konfusen Gesichtsaudruck sieht, schiebt er nach: er hätte in Minsk IT studiert und würde als Sicherheitsexperte für ein amerikanisches Softwareunternehmen arbeiten. Die hätten alles organisiert, inklusive einer Wohnung für ihn hier in Gdansk. Von dem Typus Flüchtling habe ich bisher nur in der Presse gelesen.
Ich habe ihn nur kurz abgelenkt, er verfällt wieder wild gestikulierend in seine Hasstirade auf Putin und die Russen. Die habe ich in den letzten Monaten – in mehr oder weniger gutem Englisch, manchmal auch mithilfe von Google-Übersetzer – in diversen Variationen gehört. Bisher immer nur von Ukrainerinnen. Jetzt also ein Weißrusse. Ich unterbreche ihn: wie es wohl der russischen Bevölkerung damit geht, dass alle Welt sie so sehr hasst?
Er redet noch einen Takt schneller: sie wären es gewohnt! Schon seit Jahrhunderten dächten die Russen, dass alle Welt sie hassen würde, erklärt er mir. Es wäre in ihre Kultur eingeschrieben: Russland, umzingelt von bösartigen Neidern, die sie für ihre kulturelle Überlegenheit und ihre moralische Reinheit hassen. Er spukt es geradezu aus: „moral purity!“ Er holt Luft: „They are psychotic! Schizophrenic!“ Er starrt mir in die Augen: „Do you understand ´schizophrenic´?“ Als ich nicke, fährt er schwitzend und wild gestikulierend fort: „In Russia, there is only love and peace, holy family, fucking shit! And at the same time, drunken women are throwing there babies out of the windows! Russians are angels, the rest of the world are devils, so everyone deserves, what they are doing.“ Wieder die Gyalpos, denke ich. Und vor mir scheint einer zu stehen, der ihnen nicht wirklich entkommen ist.
Der Zug fährt ein, der weißrussische Hipster lässt sich mir gegenüber auf den Sitz fallen. Ich bin dankbar, dass er das Thema wechselt. Gerade wäre er an einem Fahrradladen vorbei gekommen. Die hätten endcoole Räder, personalised, you know? Er hätte gerne eines, erzählt er. Ich lache auf: „You are the perfect Hipster.“ Er zuckt mir gegenüber zusammen und fängt wieder an zu schwitzen: „I hate Hipsters!“ Was soll ich dazu sagen? Ich versuche, ihn zu besänftigen: „It was a joke!“ Er rutscht wieder in eine Tirade: „No, realy, I hate them. I am not a Hipster!“
Dankenswerterweise taucht Maria auf, sie hat die Zugtickets organisiert, ein Glück, dass sie einigermaßen Polnisch versteht. Der Hipster-hassende weißrussische Hipster will ihre Telefonnummer. Sie hält ihm ihren Instagram-Account unter die Nase. Das kenne ich schon: die schöne Maria wird ständig von Männern um ihre Nummer gebeten. Weil sie ein gutes Herz hat und Ärger vermeiden möchte, bekommen die, die für weitere Kontakte nicht in Frage kommen, den Instagram-Account angeboten. Besser als ein kränkendes „Nein“. Er starrt erst auf ihr Handy dann in ihr Gesicht: „You are a Tattoo-Artist? I hate Tattoos! Roality never had to mark itself!“
Wortlos schiebt Maria den Ärmel ihres Anoraks zum Ellbogen und präsentiert ihm ihren von oben bis unten tätowierten Unterarm. Ich schalte mich ein: „You know, in Europe we try to accept everyone at his own terms. As long as it doesn´t harm you it´s not your business. It is called ´liberalism´“. In seinem Kopf rattert es: „Yes, yes, I love liberalsm! I try to accept everything!“ Er springt auf, der Zug hält an dem Bahnhof, an dem er aussteigen will. Wir wünschen ihm einen schönen Abend und sehen ihm nach, wie er auf dem Bahnsteig verschwindet. „Poor Guy.“ Maria seufzt auf. „Let´s hope he will arrive in Europe someday.“
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