Mein morgendliches Sang – das traditionelle tibetisch-buddhistische Rauchopfer – dient dem Wohl meiner Mitbewohner…

Seit drei Tagen stellt das morgendliche Sang eine echte Herausforderung dar!

Denn: Ich werde übermorgen umziehen – und entsprechend chaotisch sieht es in meinem Untermiet-Zimmer aus.

Die Räucherschale mit der glühenden Kohle in der Hand balanzierend, steige ich über Stapel von aussortierten Büchern und stolpere über zusammengerollte Teppiche.

Dass hinter meinem Rücken eine Wand aus bereits gefüllten Umzugskartons aufragt, ist meiner Konzentration nicht förderlich.

Ich gebe trotzdem jeden Morgen mein Bestes.

Bald werde ich die verwunschene Wohnung verlassen haben.

Das tägliches Riwo Sang Chöd ist mein Abschiedsgeschenk.

Für die dustere Wohnung, in der sich negative Energie in allen Ritzen und Ecken abelagert zu haben scheint.

Für deren unglücklichen Bewohner, die gefangen sind in seltsamen Phantasien, Riten und Bräuchen.

Für meinen Nachfolger, der noch nicht gefunden ist.

Und für den Theurang.

Der kleine Kobold, der in der Garderobe im Flur zuhause ist und seine Mitbewohner ohne Unterlass quält, ist der einzige, der versteht, was ich tue.

Deshalb erfreut er sich jeden Morgen an meinem Rauchopfer. Und ist den Rest des Tages umgänglich.

Aber allen anderen nützt es ebenso. Und nicht nur, weil der Theurang dadurch befriedet ist.

Die Energie in der Wohnung ist fühlbar angenehmer, seit ich täglich mein Rauchopfer praktiziere.

Ich gehe davon aus, dass es sich nur um einen temporären Effekt handelt. Ich bin schließlich kein Lama, sondern nur eine kleine Praktizierende.

Wenn ich übermorgen verschwunden sein werde, ist es sicher nur eine Frage der Zeit, bis sich das Unglück die Wohnung zurückerobert haben wird.

Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Aber ich tue, was ich kann.