Der Erzengel gießt Blumen. Kurz wirft er einen Blick zu mir herüber, bevor er sich abwendet und wieder in den dunklen Tiefen seines Wohnzimmers verschwindet. Seit meinem Einzug ins verwunschene Untermietzimmer vor einem Jahr beobachten wir einander. Der Erzengel lebt in der Wohnung auf der anderen Straßenseite. Mein Schreibtisch vor dem Fenster ist genau gegenüber seinem Wohnzimmer platziert, uns trennen gerade mal 15 Meter. Seit wir uns vor ein paar Wochen unerwartet getroffen haben, wissen wir allerhand von einander. Es war Karma, wir verstanden es beide. Die Zeichen ließen sich nicht anders deuten.

Er hat die Einladung ausgeschlagen. Es war ihm zu riskant, vermute ich. Dabei gäbe es viel, was er hinter sich lassen müsste. Zu seinem eigenen Wohl, wie er mir selbst sagte. Aber es gehört Kraft und Mut dazu, die alte Haut abzustreifen und sich von einer überlebten Identität zu verabschieden. Ich wünsche ihm eine weitere karmische Begegnung, die ihn auf sanftere Weise von seinem Fluch erlösen wird, als es mir möglich gewesen wäre.

Ich bin eines von unzähligen Juwelen in Indras Netz. In mir spiegeln sich alle anderen Juwelen und ich spiegele mich in ihnen. Jedes Mal, wenn jemand zeitgleich mit mir an einem der Fäden zieht, die uns verbinden, begegnen wir uns. Ich gehe davon aus, dass diese karmischen Aufeinandertreffen in der Mehrzahl unverstanden an mir – und den Anderen – vorüber gehen.

„Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, Pupillen, die Lider; Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück… Vorbei, verweht, nie wieder.“

Und dabei geht es nicht nur um Liebesbeziehungen. Der Erzengel hat sich gegen eine Freundschaft entschieden. Manchmal ist es noch banaler: man entscheidet sich in Sekunden gegen eine freundliche Geste, einen warmen Blick, einen emphatischen Gedanken. Und schon ist die Gelegenheit vertan, karmische Verstrickung aufzulösen, sich – und einem unbekannten Anderen – ein paar Gramm Balast von der Seele zu nehmen.

Dann ist das Ego stärker gewesen. Der Eigenwille hat einen Pyrrussieg davon getragen. Ohne es zu verstehen. Er hat kein Gefühl für Indras Netz, für die tiefe Verbundenheit mit allem, was ist. „Wie Innen – so Außen“ heißt es im Tantra. Der selbe warme Blick, die gedankliche Fürsorge, das nichtwertende Verstehen, die ich einem unbekannten Anderen vorenthalte, verbiete ich mir selbst.

In diesen Momenten haben unsere Konzepte uns fest im Griff: wir handeln unter der Maßgabe von Ideen, wer und wie wir sind, wer und wie die Anderen zu sein haben, damit sie uns genehm sind. Es ist die Quelle allen Leidens. Wir schneiden uns ab von den Geschenken, die uns das Leben in jedem Augenblick macht. Einer wunderbaren Begegnung, die unerkannt an uns vorüber gegangen ist, weil der, den uns Karma geschickt hat, nicht ins Konzept passt. Oder weil wir gerade so an Lebensumständen leiden, dass wir nur um uns kreisen und das Wunder nicht sehen, selbst wenn es verzweifelt winkend direkt vor unserer Nase herumhüpft.

„Wenn der Wind aus Norden bläst, gehe ich nach Süden. Wenn der Wind aus Westen bläst, gehe ich nach Osten.“ Die Kunst ist es, mit dem Leben zu fließen. Nicht, dem Leben möglichst gekonnt seinen Stempel aufzudrücken.