
Eine unerwartete Begegnung im Bayreuther Hofgarten.
Hoch über mir ragt Pallas Athene auf. Sie versteht zu kämpfen, daran lassen Helm und Kettenhemd keinen Zweifel. Unter den Falten ihrer Tunika verbirgt sich ihr Schwert. Gelassen ruht ihr Blick auf den frisch bepflanzten Rabatten, in denen Narzissen und Krokusse vom Frühlingsregen benetzt werden.
Schlachtenerprobt stützt sie sich mit ihrer Linken auf das große Schild. Darauf: der abgeschlagene schlangenumkränzte Kopf der schrecklichen Medusa.
Ich bin schon des Öfteren an der schönen Göttin der Weisheit, des Krieges und der Kunst vorbeigewandert, die aus dem Olymp in die Parkanlage hinter dem Neuen Schloss herabgestiegen ist. Sie ist mir vertraut.
Aber heute registriere ich zum ersten Mal die andere Frau: ich starre verblüfft auf den abgeschlagenen Kopf der Medusa auf Athenes Schild. Wie kann es sein, dass ich die Gorgonin immer übersehen habe?
„Sie sieht aus wie Krodhi Kali!“ denke ich, während ich im Nieselregen das von Schlangen umkränzte Antlitz mit den wilden Augen und dem zum Schrei aufgerissenen Mund betrachte.
Medusa, ein Kind unbedeutender Götter – so heißt es – war in einem der Tempel Pallas Athenes vom Meeresgott Poseidon vergewaltigt worden. Um sich an dem Frevel zu rächen, bestrafte die Göttin nicht den Täter, das war ihr zu riskant. Er war Athene an Macht ebenbürtig und beide gehörten dem selben Hausstand an: als Hauptgötter lebten sie gemeinsam auf dem Olymp. Als Bruder des Göttervaters Zeus stand Poseidon zudem unter besonderem Schutz. Er konnte tun und lassen, was er wollte.
Athene richtete ihren Zorn deshalb gegen die schutzlose Medusa und verzauberte sie in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, Schweinshauern, Schuppenpanzer, heraushängender Zunge und glühenden Augen. Aus einer schönen jungen Frau war ein Monster geworden: jeder, der sie zu Gesicht bekam, erstarrte vor Schreck zu Stein.
Mit dem Wolf an meiner Seite wandere ich durch die barocke Gartenanlage. Mein Gefährte lässt sich weder vom grauen Regenwetter noch von der schlangenköpfigen Medusa aus der Ruhe bringen. Ab und zu unterbricht er die eingehende Untersuchung der Fährten am Wegesrand, hebt kurz den Kopf und blickt wachsam umher. Er kann keine Gefahr erkennen.
Im Gegensatz zu mir: der Anblick der verhexten Medusa hat mich aus der Fassung gebracht. Es arbeitet in mir. Langsam schält sich eine Idee heraus, warum mich die Praxis von Krodhi Kali so an meine Grenzen bringt. Sie rührt an meinen Urängsten und bringt mich mit meiner eigenen Nachtseite in Berührung.
Ich dachte, es wäre ihre Macht, die mich so erschreckt. Das ist falsch. Als Pallas Athene fühle ich mich wohl. Es ist die Seite an mir, die ich zu schätzen gelernt habe: dank meiner Meditationspraxis bin ich nüchtern und klar. Geschützt durch das Kettenhemd vor meinem Herzen ziehe ich mein Schwert, wenn die Situation es erfordert. Athene ist das Sinnbild für Autonomie und Selbstkontrolle, auf die mein Leben ausgerichtet ist.
Was mich ängstigt, ist Hilflosigkeit. Das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Wenn ich mit dieser Seite in mir konfrontiert bin, reagiere ich genauso brutal und empathielos wie die Göttin des Krieges. Da ist kein Mitleid in mir. Nur Zorn darüber, dass sich mir meine eigene Schwäche in den Weg stellt und mich daran hindert, meinen Weg zu gehen. Ich kann diese hilflosen ohnmächtigen Aspekte in mir nur als schlangenköpfiges Monster wahrnehmen. Jedesmal, wenn mein Blick darauf fällt, erstarre ich zu Stein.
Über diesen Aspekt von Wildheit habe ich noch nie nachgedacht. Gedankenversunken folge ich meinem Wolf, der einen schmalen Seitenweg entlang des Kanals eingeschlagen hat. Ein Entenpaar paddelt in der grün-gelben Lache neben uns her, der leise Nieselregen malt zarte Kreise auf die Oberfläche des Wassers.
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