Der Wolf schlich letzte Nacht in der Dunkelheit zum Retreathaus ans Ende der Welt. Uriel entdeckte ihn um drei Uhr morgens vor seiner Tür. Er wusste sofort, wer sich da bei ihm eingefunden hatte. Mein Wolf wäre wirklich ein wildes Tier und kein „Spirit in Tierform“, schrieb er mir am Morgen. Und dass er, sollte mein wilder Begleiter noch einmal bei ihm auftauchen, mit ihm Kontakt aufnehmen wolle. Wir hatten schon darüber diskutiert: Uriel möchte, dass ich dem Geheimnis meines Wolfs auf den Grund gehe. Aber ich wage es nicht: mein geheimnisvoller Gefährte ist so scheu wie eigen! Was, wenn ich ihn aus Unbedachtheit und Ignoranz in die Flucht schlage? Dafür ist er mir zu kostbar.

Bei Uriel ist es etwas anderes. Ich schreibe ihm zurück, dass er es gerne versuchen kann. Und dass es ja auch möglich ist, dass mein Schatten-Tier von ihm entschlüsselt werden möchte. Ohne Grund wird mein wachsamer Wolf nicht von meiner Seite gewichen sein.

Er wartete einen Moment ab, an dem ich so tief schlief, dass ich ihn nicht vermisste. Und das ist gut so, gerade brauche ich ihn sehr. Die Retreats arbeiten in mir, vor allem das letzte, Throma. Der Rinpoche wussste, warum er mich zur schwarzen Herrin der Friedhöfe verurteilte: sie gräbt und wühlt in den Tiefen meiner Seele, als wäre es ein Bergwerk. Möglicherweise ist dort wirklich der Schatz verborgen, nachdem sie mit eisernem Willen zu suchen scheint. Bisher hat sie nur Schlacke und Gestein Zutage gefördert. Die Fruchtlosigkeit ihres Unterfangens scheint sie nicht zu kümmern, sie arbeitet unermüdlich Tag und Nacht und gönnt weder sich noch mir Ruhe.

Ich muss ihr stures Tätigsein ertragen. Es ist mir nicht möglich ihr Einhalt zu gebieten, auch wenn mich das, was sie vor meinen Augen ausbreitet, völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Der Pakt mit Krodhi Kali war in dem Augenblick besiegelt, als mir der nepalesische Rinpoche während des Retreats das Lung – die Übertragung der Praxis – gab. Er tat es mit einer Energie, die alles vibrieren ließ.

Jetzt habe ich den Salat, denke ich mir, während ich mich im Unfrieden mit mir und der Welt durch den Tag schleppe und Nachts von düsteren Träumen gequält werde. Es kommt mir gerade vor, als wäre ich ohne meinen Wolf verloren.