Maktiel und ich testen meinen neuen Homemade-Sur-Powder während eines Online-Rauchopfers via Zoom…

Am Abend des 27. Juli bekomme ich Besuch von Maktiel. Mit ihrer orangen Wollmütze über dem Kopf und ihrem Laptop unter dem Arm steht sie vor der Tür der Spirituellen WG.

Wir wollen gemeinsam den Home-Made-Sur-Powder ausprobieren!

Dafür brauchen wir ein Feuer. Aus Kohle. So ist es in den traditionellen tibetisch-buddhistischen Anweisungen festgeschrieben.

Ich bin etwas besorgt, ob ich ein Feuer zustande bringe. Im Tibetisch-Buddhistischen Zentrum macht das immer Suryiel. Wenn der nicht da ist, übernimmt Israfel das Kommando.

Deshalb habe ich dort keine Chance, mich in der Kunst des Feuermachens zu üben.

Weil das auch zum Rauchopfer-Praktizieren dazugehört, habe ich mir darum vor ein paar Wochen eine eigene Feuerschale besorgt. Dazu ein Spaltbeil, Grillanzünder und ein cooles professionelles Feuerzeug, wie Suriyel eines hat.

Anfang Juli absolvierte ich unter den besorgten Blicken von Esther mein erstes „richtiges“ Riwo SangChö im Garten der Spirituellen WG. Denn traditionell wird die Opfergabe in einem Holzfeuer verbrannt. Die kleine glühende Kohletablette, auf der ich das Sang täglich absolviere, ist eine Notlösung.

Nachdem ich Holz klein gehackt und aufgeschichtet hatte, rief ich Esther. Die kam – und brachte einen Eimer Wasser mit. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, dass sie ernsthaft fürchtete, ich könne ihr Haus abfackeln.

Weit gefehlt! Wir hatten nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig!

Als wir im Ritualtext zur Stelle kamen, während der der Sang-Powder in das Feuer gekippt werden muss, war kein Feuer mehr da! Ich hatte zu wenig Holz aufgeschichtet – und es auch noch zu früh angezündet!

Mein eigenes erstes Riwo SangChö in der Feuerschale war ein Fiasko…

Heute werde ich einen zweiten Versuch starten, in meiner Feuerschale ein vernünftiges Rauchopfer zu fabrizieren.

Ich kippe eine ordentliche Portion Grillkohle in die Schale, schiebe eine halbe Packung Grillanzünder zwischen die schwarzen Brocken und halte die Flamme meines Profi-Feuerzeugs gegen die Holzwolle. Die brennt wie Zunder. Es dauert keine zehn Minuten bis die Kohlen glühen.

Ich atme erleichtert auf. Na bitte! Geht doch!

Maktiel ist es inzwischen gelungen, unser Internet zu zähmen. Gerade noch rechtzeitig! Sie ruft den Zoom-Link auf. Der Bildschirm ihres Laptops füllt sich mit den Gesichtern der Online-Sangha. Eine Frau beginnt ohne lange Vorrede mit der Rezitation des Praxis-Textes. Maktiel hat ihn ausgedruckt mitgebracht. In der fremden Online-Sangha werden die traditionellen Texte nicht – wie bei uns – in Tibetisch, sondern in Englisch rezitiert.

Wir sehen nur das gesenkte Gesicht der Frau, die den Unze – den Vorbeter – gibt. Sie rezitiert in rasender Geschwindigkeit. Wir haben Mühe, mitzukommen.

Der selbstgemachte Sur-Powder steht griffbereit vor mir auf dem Gartentisch. Zwei Meter von uns entfernt glüht die Kohle in der Feuerschale.

Maktiel und ich haben beide während Retreats an Sur-Ritualen teilgenommen. Wir wissen deshalb, dass bei Sur – im Gegensatz zum Sang – nicht nur einmal, sondern mehrmals während des Rituals geopfert wird.

Nur wann?

Die Frau auf dem Bildschirm rezitiert und rezitiert.

„Ich glaube, wir haben die erste Runde verpasst“, stößt Maktiel hektisch hervor, während sie eine Seite der Textkopie umblättert.

„Soll ich einfach mal was reinkippen?“, frage ich sie besorgt.

Was sollen unsere unsichtbaren Gäste und vor allem die armen formlosen Wesen im Bardo denken, wenn sie von uns zum Sur eingeladen werden und dann bekommen sie nichts zu essen?

Auf Maktiels zustimmendes Nicken hin kippe ich einen gehäuften Esslöffel Sur-Powder über die glühende Kohle.

Weiße Rauchfäden steigen auf. Der Geruch, der sich ausbreitet, ist phantastisch.

Der Sur-Powder funktioniert!

Der Rest ist eine Katastrophe. Wir finden bis zum Abschluss des Rituals nicht heraus, an welchen Textstellen das Pulver über die Kohle gegeben werden muss. Ich kippe einfach immer wieder auf Verdacht einen Löffel davon ins Feuer und hoffe dabei darauf, dass uns alle Buddhas, Bodhisattvas, Schützer sowie alle Wesen der sechs Bereiche inklusive der, die gerade im Bardo festhängen, unseren ungeschickten ersten Versuch verzeihen mögen.

Als das Ritual abgeschlossen und die Zoom-Konferenz beendet ist, sind Maktiel und ich schweißgebadet und unzufrieden mit uns, unserem Sur – und der Welt.

Wir haben ganz offensichtlich ein Problem…