
Am Bahnsteig empfängt mich ein doppelter Regenbogen. Wenn ein Praktizierender stirbt, der Vollendung erlangt hat – so heißt es im Vajrayana – vergeht seine Seele in den Spektralfarben des Lichts. Ich bin in meiner Phantasie so sehr mit dem Erleuchteten beschäftigt, dessen Reise ins Nirvana ich gerade beobachten darf, dass ich um ein Haar den Anschlusszug verpasse.
Mitte Januar, am letzten Tag des Vajra-Armor-Retreats, kämpften Schnee, Regen und Sonnenschein verbissen um den besten Sendeplatz. Ein Regenbogen jagte den nächstens. Die Khandro freute sich, alle Zeichen sprächen für einen erfolgreichen Abschluss des Retreats. Am Abend bestanden genau so viele Sangha-Mitglieder den Test, wie wir tagsüber Regenbogen gezählt hatten. Einer davon war meiner gewesen.
Jetzt also wieder ein Regenbogen – und gleich ein doppelter! „There is no such thing as an accident.“
Draußen zieht im Nieselregen die graue Stadt vorüber. Ich steige an meinem alten Leben aus. Jenseits des Bahnsteigs gesichtsloser gehobener Neubau. Das zart sprießende Grün der jungen Bäume kämpft vergebens gegen die leblos fade Atmosphäre an. Dagegen ist die verwunschene staubige Wohnung im Leipziger Gründerzeitviertel, in der ich im Untermietzimmer hause, ein Hort der Vitalität.
Ich erinnere mich an das Gefühl, tot zu sein, das mein Leben an diesem Ort begleitete. Und an die seltsame Begegnung, die mich unversehens ins Offene jagte. Es war wie im Märchen: ich hatte mich zu meiner Überraschung auf einem Barockball wiedergefunden. Dort war ich zum Tanz aufgefordert worden. Und zwar vom leibhaftigen Charakter eines meiner Helden aus meiner Geschichte! Nach diesem zauberhaften Abend verschluckte ihn das Leben wieder, ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Er praktizierte ebenfalls tibetisch-buddhistische Meditation. Es war nur eine von vielen verblüffenden Gemeinsamkeiten, die wir an diesem Abend konstatierten.
Wir hatten wohl beide zeitgleich an einem der unzähligen Fäden von Indras Netz gezogen. Die Schwingung, die wir dadurch auslösten, ließ uns für einen Abend aufeinander treffen und stellte die Weichen meines Lebens neu.
Während ich in der Abenddämmerung den Weg zur Freundin einschlage, die früher einmal meine Nachbarin war, fühle ich tiefe Dankbarkeit dafür, dass mir diese wundersame Begegnung geschenkt worden ist. Wie Dornröschen, das vom Prinzen erlöst wurde, befreite mich Einer – ohne es zu wissen – von einem uralten Fluch und erweckte mich aus meinem Zauberschlaf.
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