Wie ein Biologe am Mikroskop beobachte ich die Charaktere meiner Geschichte in meinem Inneren, versuche ihr Mienenspiel zu lesen, jede ihrer Emotionen zu erspüren. Und wie ein verlässlicher Sekretär tippe ich auf meinem Laptop ihre Gedanken und Gespräche herunter. Es ist das selbe Prinzip wie mit meinem Wolf: die Charaktere meiner Geschichte gibt es nicht wirklich – aber ich denke sie mir auch nicht aus.

Damit ich dieses spezielle Niveau der Wahrnehmung halten kann, brauche ich meine tägliche Meditationspraxis – und eine Umgebung, die es mir erlaubt, mich zu entspannen. In der düsteren staubigen Wohnung hier in Leipzig, in der ich zur Untermiete lebe, scheint eine böse Fee die Zeiger der Uhren angehalten zu haben.

Ein halbes Jahr lang habe ich in dieser verwunschenen Stimmung versucht, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich quälte mich Stunde für Stunde. Nur um in regelmäßigen Abständen frustriert wieder alle Seiten zu löschen. Was ich zustande brachte, hatte ich mir ausgedacht, es las sich blutleer und konventionell. Ich kann keine Geschichten erfinden, ich kann sie nur „sehen“.

Ich lebe um zu schreiben – und schreibe, um zu leben. Ich protokolliere, was in meinem Inneren geschieht – und es ereignet sich im Außen. Und ich nähre meine Charaktere mit meinen äußeren Erlebnissen, auf dass sie sich, ihre Gedanken und Beziehungen transformieren. Was ich wiederum niederschreibe, auf das es in meiner äußeren Welt Folgen zeigen möge. Es ist ein ständiger osmotischer Austausch, es gibt keine wirkliche Grenze zwischen meiner inneren und meiner äußeren Welt.

Uriel meinte einmal, ich würde in einer Soap-Opera leben. Von der er ein Teil ist. Er brauchte nur zwanzig Seiten, um sich im „Hamberger“ zu erkennen. Ich habe zwei Jahre gebraucht und war nicht weniger verblüfft als er. Im Buch ist der Hamberger Mitglied im Rotary-Club. Wieder nichts, was ich mir ausgedacht hatte. Ich hielt schriftlich fest, wie er nach den Freitagsvorträgen am blank polierten Tresen der Bar des Landhotels sein Pils trank. Uriel war so inspiriert davon, dass er Mitglied bei den Rotariern wird.

Wieder einmal verschmelzen Geschichte und Leben…

Wie diese Osmose funktioniert, ist mir ein Rätsel. Deshalb kann ich sie auch nicht willentlich steuern. Es bleibt mir nur, auf meinem Kissen sitzend zu beobachten, wie der Atem kommt und geht. Zu hören, wie die Vögel singen. Regen gegen die Scheiben klopft. Das Leben dahinfließt. Und dadurch so wach und präsent zu sein, dass ich erkenne: „Jetzt!“

Es gibt diese kurzen Momente, in denen mir meine Intuition sagt, dass genau hier und in diesem Augenblick etwas zu tun ist. Nach Tagen, Wochen, manchmal Monaten des stillen Abwartens, der mühsam erkämpften Akzeptanz für Lebenssituationen, die eigentlich danach verlangen würden, in Aktion zu treten. Aber das wäre kontraproduktiv. So funktioniert es bei Anderen, aber nicht bei mir. Wenn ich den falschen Impulsen folge – aus Angst, Unzufriedenheit, Frustration, Ärger oder Gier aktiv werde – verändere ich lediglich meine Koordinaten. Energetisch finde ich mich im selben Schlamassel wieder.

Die Kunst ist es abzuwarten, bis sich mein Energielevel in meinem Inneren so verändert hat, dass auch im Außen die Dinge zu fließen beginnen. Dafür brauche ich Tantra. Damit ich den Moment erkenne, in dem sich im Außen eine Tür zur neuen Welt öffnet, ich den entscheidenden Schritt machen muss, brauche ich Zen.

Es sind Impulse – ein vages Gefühl, ein Flüstern im Herzen – in meinem Inneren. Oder eine hingeworfene Bemerkung im Gespräch, ein Flyer unter vielen im Hotelfoyer – im Außen. Wenn ich wach bin, reagiere ich darauf wie ein Jagdhund, der auf die Schweißspur des angeschossenen Wildes gestoßen ist. Ich bin elektrisiert und nicht mehr davon abzubringen, der Fährte zu folgen. Wehe, jemand versucht sich mir in den Weg zu stellen, wenn meine Intuition mich lenkt. Dass ich so aggressiv sein kann, trauen mir die wenigsten zu. Was von Außen abstrus erscheint, ist für mich eine Sache auf Leben und Tod.

Ich jage nach dem Anfang des Regenbogens. Bisher hat es immer funktioniert. Nicht in dem Sinne, dass ich am Ziel immer mit etwas Schönem oder Beglückenden belohnt worden wäre. Des Öfteren warten dort Schmerz und Verzweiflung auf mich. Aber es ist der Ort an dem ich zu diesem Zeitpunkt sein muss, damit die Dinge ins Gleichgewicht kommen können, die Energie wieder zu fließen beginnt. Auf das ich meine Geschichte weiterschreiben kann…