Auf einem Barockball in der sächsischen Provinz tanze ich mit einer Hexe aus dem Harz Quadrille…

Am Morgen weckt mich das Summen einer Fliege. Schlaftrunken versuche ich, mich zu orientieren: Die staubigen Fenstern sind von Efeu überwuchert. Über der fleckigen Matratze, die an der Wand lehnt, hängt mein rotes Samtkleid.

Richtig! Ich bin in einem sächsischen Schloss. Heute Abend wird der Barockball stattfinden! https://www.water-runs-east.eu/?p=8648

Ich tappe die schmale Stiege hinunter, drehe den riesigen Eisenschlüssel im Schloss und trete auf den Innenhof. Die frühe Morgensonne lässt den Kies leuchten. In den Zweigen der Kastanien singen Vögel.

Ich lasse die Gebäude hinter mir und folge dem schmalen Pfad in den Schlosspark. Das Knirschen meiner Schritte im Kies klingt unnatürlich laut in der Stille. Am Ufer des verschlammten Weihers lasse ich mich im feuchten Gras nieder und verrichte meine Morgenmeditation.

In gelassenem Gleichmut kehre ich eine Dreiviertelstunde später wieder zum Schloss zurück.

Im Stillen bete ich darum, dass mich diese Geisteshaltung heute nicht verlassen wird. Denn mir steht eine harte Bewährungsprobe bevor: Ich muss einen Barockball überleben.

Mit sämtlichen Vorbereitungen: Und die sind aufwendig!

Beim Frühstück im Innenhof des Schlosses erfahre ich von den anderen Gästen, dass diese mehrere Stunden für das Ankleiden und Frisieren einplanen. Alleine die Unterkleider anzuziehen, wäre echte Arbeit, wird mir erklärt.

Mein frisch herbei meditierter Gleichmut gerät sofort ins Wanken. Ich habe nicht mal einen Unterrock dabei! Und mehr als Haare hochstecken ist auch nicht drin! Ich kann – mangels einer Dusche – noch nicht mal duschen!

„Es ist, wie es ist!“, ermahnt mich meine Innere Stimme. „Genieß den Tag und erfreue dich an dem, was du hast!“

Um fünf Uhr Abends lege ich mein Buch zur Seite, verabschiede mich von den Fröschen des Weihers, die mich mit ihrem Gequake den Tag über unterhalten haben, und steige die Stiege zum Pilgerzimmer hinauf.

Nach einer Katzenwäsche schlüpfe ich in mein Rokoko-Kleid. Das reicht bis zum Boden und ist aus dickem rotem Samt genäht. Obwohl es schon auf den Abend zugeht, hat es draußen immer noch dreiundreißig Grad. Ich habe noch nicht einmal den Reißverschluss auf dem Rücken zugezogen, da ist mir schon zu heiß. „Was für ein Glück,“ denke ich bei mir, „dass ich nicht auch noch Unterröcke tragen muss!“

Vor dem winzigen fleckigen Spiegel im Badezimmer stecke ich mir irgendwie die Haare hoch. Die Haarnadeln mit den Perlen habe ich im Brautmodeladen besorgt. Noch ein bisschen Rouge und Lippenstift, dann bin ich fertig für den Ball.

Unten im Hof flanieren schon die ersten Gäste. Die sehen atemberaubend aus! Die Damen tragen prächtige Barockroben, dazu aufwendigen Kopfputz in den hohen Perücken. Die Herren stecken in Samt und Seide, der Dreizack sitzt perfekt auf den gepuderten Perücken.

Ich wandere von Gruppe zu Gruppe, bewundere ausführlich die liebevollen Details und bin entzückt von der Gesellschaft, in die ich geraten bin.

Die erfreut sich an meiner Begeisterung und sieht mir großmütig meine Minimalkostümierung nach. Es scheint ausreichend zu sein, dass ich mir Mühe gegeben habe.

Eine Frau nimmt mich zur Seite und steckt mir kunstvoll das Haar hoch. Dass ich mich glücklich schätzen könne, so lange und dicke Haare zu haben, erklärt sie mir. Die meisten hier müssten bei diesen Temperaturen Perücken tragen, weil die Natur ihnen gegenüber weniger großzügig gewesen ist.

Nach einem gemeinsamen Flanieren – und Fotografieren – im Schlosspark wird ein Drei-Gänge-Menü serviert. Dass ist gut-bürgerlich und nicht höfisch, aber alles andere wäre zu teuer. Schließlich speist hier nicht der echte Hochadel, sondern eher die untere Mittelschicht.

Nach dem Dessert wandern wir eine Etage höher in den Schlosssaal. Dort findet die Audienz statt.

Jeder der Gäste wird vom Zeremonienmeister namentlich aufgerufen. Mit dem Adelsnamen. Den musste man mit der Anmeldung einreichen. Den meinen hatte ich mühsam online recherchiert und – nachdem ich ihn in der Mail niedergeschrieben hatte – sofort wieder vergessen.

Deshalb realisiere ich nicht, dass diese Freifrau von sowieso, die jetzt ausgerufen wird, mein adeliges Alias ist. Glücklicherweise nehmen die Umstehenden die Sache ernster als ich. Gleich mehrere wissen, im Gegensatz zu mir, wie ich heute Abend heiße!

Jemand packt mich am Ellenbogen und schiebt mich energisch aus dem Pulk vor den Vorsitzenden des Vereins, der heute Abend als „seine Majestät“ fungiert.

Ich bekomme irgendwie einen halben Hofknicks hin und bringe mich – tiefrot vor Scham – wieder in der Menge in Sicherheit.

Danach schaltet jemand die Stereoanlage ein. Beschwingte Barockmusik ertönt. Die Tanzmeisterin ruft „Polonaise!“, alle reihen sich in Paaren hinter seiner Majestät und dessen Ehefrau auf und dann ziehen wir im Wechselschritt durch den Saal.

Die ersten Tänze, die danach kommen, bringe ich erstaunlich gut über die Bühne. Während ich zwei Schritte nach links und einen nach rechts mache, mich zwischendurch um die eigene Achse drehe und in den Knien wiege, beobachte ich fasziniert eine Frau in einer prächtigen silbernen Robe, die neben mir tanzt. Sie hat dickes braunes Haar, eine große Nase, viele Sommersprossen – und sieht wahrhaftig aus, wie eine Hexe!

In einer Pause komme ich auf dem Balkon neben dem Ballsaal mit ihr ins Gespräch. Sie sieht nicht nur aus wie eine Hexe – stellt sich heraus – sie IST doch wahrhaftig eine Hexe.

Eine echte Hexe aus dem Harz!

Die letzten Tänze darf ich mit der Hexe aus dem Harz tanzen. Die kann das so gut – und führt mich so energisch – dass ich auch die anspruchsvollen Schrittfolgen in Würde hinter mich bringe.

Der Ball, stelle ich fest, als ich um zwei Uhr morgens im Pilgerzimmer in meinen Schlafsack krieche, war ein voller Erfolg! Nur selten in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in dieser Nacht!

Und dann habe ich auch noch eine echte Hexe kennengelernt.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück packt mich die Hexe in ihr Auto und fährt mich nach Hause. Leipzig liegt auf ihrem Weg und wir haben uns einiges zu erzählen.

Sie wäre auf Facebook zu finden, teilt sie mir zum Abschied mit. Wenn ich möchte, könne ich sie gerne einmal besuchen kommen.