Ein traditioneller Haus-Altar gehört zur Grundausstattung jedes Vajrayana-Praktizierenden…

Wer ernsthaft tibetischen Buddhismus praktiziert, verfügt über einen eigenen Haus-Altar.

Denn der gehört zu den Grundvoraussetzungen für die tägliche Praxis.

Deshalb haben alle aus meiner Sangha einen.

Außer mir.

Sieben Jahre lang habe ich Vajrayana praktiziert – ohne Altar!

Ein Skandal!

Weil meine Sangha-Schwestern und -Brüder wohlgeübt darin sind, „nicht über die Fehler und Irrtümer anderer zu sprechen“ – die dritte der „acht Wahrheiten“ des Buddha – bin ich trotzdem von Kritik verschont geblieben.

Das einzige, was ich erntete, wenn ich mich zu diesem Mangel bekannte – oder wenn jemand aus der Sangha zu Besuch kam und feststellte, dass bei mir etwas entscheidendes fehlte – waren hochgezogene Augenbrauen.

Anfangs war es einfach Unwissenheit. Ich stolperte in das tibetische Tantra, wie andere in eine schlecht gesicherte Kellerlucke.

Deshalb dauerte es einige Zeit, bis ich verstand, dass ein Altar nicht nur während der Seminare und Teachings, sondern auch Zuhause von Nöten ist.

Ich legte mir trotzdem keinen zu.

Eisern.

Denn mein stures Ego läuft jedesmal Amok, wenn es mit traditioneller tibetischer Ästhetik konfrontiert wird. https://www.water-runs-east.eu/schizophrene-beziehungskrise/

Mein Ego hasst die grellen Farben – und vor allem den ganzen Schnick-Schnack! All diese Schalen und Schälchen, Götter-Figuren und Figürchen, Wandbehänge und Devotonalien!

Dafür praktiziert mein Ego mit Leidenschaft Zen!

Zen ist klar.

Minimalistisch.

Alles in seiner Ästhetik – von der Gestaltung der Räume bis zu den berühmten Zen-Gärten – ist darauf ausgelegt, den Geist zur Ruhe zu bringen.

Ganz automatisch beginnt jeder, der regelmäßig auf seinem Meditationskissen Platz nimmt, um Zazen zu üben, seine Umgebung in einer Weise zu gestalten, die der Meditationspraxis gemäß ist. https://www.water-runs-east.eu/zazen/

Schrille Farben und intensive Gerüche werden – wenn sich Konzentration und Sinneswahrnehmungen durch die tägliche Praxis intensivieren – als störend empfunden.

Unordnung tut auf einmal weh.

Mehr und mehr wird spürbar, wie energieraubend Chaos ist.

Mit dem Ergebnis, dass ich seit Jahren nicht nur Zen praktiziere, sondern auch mein Leben danach ausrichte – und meiner Zen-Praxis gemäß wohne.

Die Idee, in meinem klaren, reduzierten, ordentlichen Zuhause einen traditionellen tibetisch-buddhistischen Altar mit all seinen Staubfängern aufzustellen, fand ich geradezu verstörend.

Dazu kam, dass ich – als Zen-Praktizierende – mit dem Konzept eines Altars grundsätzlich nichts anzufangen wusste!

Schließlich lehrte Rinzei: „Wenn du den Buddha triffst, töte den Buddha!“ https://www.water-runs-east.eu/grundsaetzliches-ueber-zen/

Ich musste sieben Jahre tibetisches Tantra praktizieren, bis mir der Wert eines Haus-Altars bewusst wurde!

Seit drei Wochen besitze ich einen.

Und erfreue mich täglich an ihm.

Er passt wunderbar in mein Zen-Zimmer, finde ich…