Ich bereite unsere Spirituelle WG für das Riwo Sang Chöd – das traditionelle tibetische Rauchopfer – vor…

In einer Fensternische im ersten Stock von Esthers Townhouse am Prenzlauer Berg sitzt bereits seit Jahren ein grauer Buddha.

Dabei ist Esther Christin.

Ein paar Tage bevor meine Sangha zu uns zu Besuch kam, um in der Spirituellen WG ein Riwo Sang Chöd zu praktizieren, war Suriyel bei uns zu Gast. https://www.water-runs-east.eu/sangha/

Nach dem Abendessen wanderten wir gemeinsam durch das Haus und besprachen, wie Esther und ich zukünftig die Räume nutzen wollten. Im ersten Stock angekommen, setzte ich mich – in ein Gespräch mit Suriyel vertieft – in die Fensternische.

Direkt neben den Buddha.

Suriyel zuckte zusammen. „Ist der gefüllt?“, fuhr er mich an.

Ich wäre vor Schreck beinahe von der Fensterbank gekippt. „Nein, nein!“, beruhigte ich ihn. „Du weißt doch, das Esther Christin ist! Der ist einfach nur Deko!“

Es war Suriyel anzusehen, dass er nicht glücklich darüber war. Er nahm die schwere Hartplastik-Figur in beide Hände und drehte sie um. Sie war Innen hohl.

„Na bitte!“, erklärte er uns. „Man kann sie füllen!“

Im tibetischen Buddhismus werden Statuen, die für Altäre bestimmt sind, in besonderer Weise sakralisiert: Man kauft eine profane Figur – wie Esthers Buddha aus dem Inneneinrichtungs-Shop – und bringt sie zu einem Lama. Der weiht sie nicht nur, sondern präperiert sie auf spezielle Weise: In einer feierlichen Zeremonie werden Schriftrollen mit Mantras im Inneren der Figur platziert. Danach wird der Hohlraum mit einer Mischung aus Kräutern und gesegneten Substanzen aufgefüllt und mit einem Deckel verschlossen.

Im Anschluss wird die Figur gesegnet. Der Besitzer kann mit einer sakralen Altar-Figur nach Hause gehen.

Suriyel war offensichtlich der Ansicht, dass auch Esthers Deko-Buddha diese Behandlung verdient hätte.

Am Samstagmorgen bereite ich alles für unser Riwo Sang Chöd in der Spirituellen WG vor. https://www.water-runs-east.eu/riwo-sang-choed/

Um elf Uhr kommen die Mitglieder meiner Sangha. Suriyel wird das Zeremoniell leiten.

Das Rauchopfer findet im Garten statt. Aber während des Speiseopfers werden wir alle durch die Räume des Hauses gehen und sie – mit Hilfe von brennendem Räucherwerk – reinigen.

Auch die Bibliothek im ersten Stock, in der Esthers Deko-Buddha zuhause ist.

Das Riwo Sang Chöd ist ein tibetisch-buddhistisches Ritual. Alle aus meiner Sangha, die heute zu Besuch kommen, um den Ritus mit uns – und für uns – zu vollziehen, sind Buddhisten.

Deshalb ist es komplett unpassend, dass Esthers Buddha während des Zeremoniells Deko ist. Da kann er noch so ungefüllt sein…

Ich muss improvisieren. Und zwar schnell! In vierzig Minuten kommen die Gäste!

Mit Schwung nehme ich die Treppenstufen in den dritten Stock. Mit zwei blühenden Pflanzen aus meinem Dachterrassen-Garten jage ich wieder nach unten.

Zufrieden stelle ich fest, dass der Buddha durch den Blumenschmuck gewinnt. Er sieht richtig feierlich aus!

Da geht doch noch mehr!

Opferschalen habe ich leider keine für ihn übrig. Aber zwei Kerzen und ein Schälchen! Nach einem weiteren wilden Galopp hoch in mein Zimmer und wieder die Treppen herunter, stelle ich schwer atmend auch noch zwei Schälchen mit Kerzen und eines mit einem Räucherkegel vor dem Buddha ab.

Als ich das Räucherwerk anzünde und der Rauch in zarten Fäden am Gesicht des Buddhas vorbeizieht, ist mir, als würde ich ihn lächeln sehen.

Suriyel hat recht, denke ich. Der Buddha würde wirklich gerne gefüllt werden.

„Du gehörst Esther“, flüstere ich ihm zu, bevor ich ihn verlasse, um mich den weiteren Vorbereitungen zu widmen. „Das musst du mit ihr besprechen!“