Ich backe Kekse für alle fühlenden Wesen der sechs Bereiche, die beim Riwo Sang Chöd – dem traditionellen tibetischen Rauchopfer – eingeladen sind…

Nachdem wir die Rauch-Eiche-Späne für unseren Instant-Powder abgeholt haben, herrscht Harmonie zwischen Suriyel und mir. https://www.water-runs-east.eu/rauch-eiche/
Wie üblich währt der Frieden nur kurz. https://www.water-runs-east.eu/karma/
Als wir am Abend auf meiner Dachterrasse beim Essen sitzen, serviere ich Suriyel zum Dessert den ersten Prototypen meiner Rauchopfer-Mischung. Es besteht aus Fichtenharz, sieben verschiedenen getrockneten Heilkräutern und den Eichen-Spänen meines Bruders. Alles abgewogen, dokumentiert und im Mörser zerstoßen.
Riechen tut die Do-it-yourself-Mischung gut, stellen wir beide zufrieden fest.
Suriyel kippt eine kleine Probe in mein Räuchergefäß, hält sein Feuerzeug an die Brösel – und es passiert: Nichts!
Die nepalesische Instant-Mischung, die wir bisher verwendet haben, brennt immer sofort.
Aber die Späne, die mein Bruder gehobelt hat, ist viel grober. Und Eiche ist Hartholz! Das fängt nur schwer Feuer.
Ich hole eine Kohletablette, halte das Feuerzeug dagegen und lege sie, als sie anfängt zu glühen, in das Räuchergefäß.
Suriyel kippt die Home-Made-Instant-Mischung drüber.
Anstelle zu brennen und kräftig zu rauchen, qualmt alles ein bisschen vor sich hin. Das war es.
Kein Duft, kein Rauch – so bekommen wir keinen einzigen Naturgeist satt! https://www.water-runs-east.eu/spirits/
Geschweige denn sämtliche Wesen aus den sechs Bereichen!
Ich bin verzweifelt!
Suriyel ist weiterhin frohen Mutes: Er wird die Mischung Zuhause in seiner Kaffeemühle malen. Gut zerkleinert brennt sie sicher leichter. Und dann wird er noch ordentlich flüssige Butter darüber gießen. Das Fett wird schon dafür sorgen, dass die Mischung richtig raucht und brennt.
Ich falle beinahe in Ohnmacht: Ich sammle und trockne hier seit Wochen Kräuter, mörsere Harz und organisiere eine edle Rauch-Eiche – und dann will er über den kostbaren Vorrat an Instant-Pulver einfach Butter gießen?
„Das wird ranzig!“
Suriyel ist unbeeindruckt. „Wird es nicht!“
„Wird es doch!“
„Die drei weißen und drei süßen Zutaten müssen sowieso rein! Da mische ich noch Milchpulver, Joghurt, Zucker, Melasse und Honig mit der Butter drunter, dann passt das!“
Ich bin entsetzt! Bei unseren Sang am Sonntag im tibetisch-buddhistischen Zentrum gibt Suriyel die drei weißen und drei süßen Zutaten, die im Praxistext vorgeschrieben sind, immer zusätzlich zum Instant-Powder in kleinen Muffin-Papierförmchen ins Feuer. Ich dachte, er wird das auch mit unserer Mischung so machen.
Aber er will sie ja auch für die tägliche Praxis zuhause verwenden. Da nimmt er – wie ich auch – ein kleines Räuchergefäß. Und nur die nepalesische Fertigmischung.
„In der ist auch Milch, Butter, Joghurt und so drin!“, erklärt er mir.
„Ist es nicht. Das würde man riechen!“ Ich will auf keinen Fall, dass er Milchprodukte in unsere Sang-Fertigmischung gibt!
Selbst wenn die Buddhas, Bodhisattvas und Schützer aus Indien und Nepal stammen, haben sie Anspruch auf europäische Lebensmittel-Hygiene, finde ich.
Ich sehe unser kostbares, selbst fabriziertes, Rauchopfer-Pulver in Suriyels „Sang-Kiste“ im Tempel des tibetisch-buddhistischen Zentrums von Friedrichshain landen. Zwischen Packen von Brennholz, Grill-Anzündern und diversen Räucherstäbchen wird es dort monatelang vor sich hin gammeln. Wenn es nicht in kürzester Zeit die Tempel-Mäuse aufgefressen haben, wird die Mischung – zumal im Sommer – anfangen zu schimmeln und das Milchfett ranzig werden!
Für Suriyel eine Unterstellung, die er scharf zurückweist.
Wir verabschieden uns in Unfrieden voneinander.
Nach einer unruhigen Nacht kommt mir während der Morgenmeditation die Erleuchtung: Ich werde Spirit Cookies backen!
Aber zuerst muss ich zur Mediations-Praxis in das tibetisch-buddhistische Zentrum in Friedrichshain. Es ist schließlich Sonntag!
Zusammen mit zwölf anderen aus der Sangha praktiziere ich mit Suriyel erst Grüne Tara und danach ein Riwo Sang Chöd im Garten.
Während des Zeremoniells verbrennt Suriyel unseren Instant-Powder-Prototypen. In der großen Feuerschale ist das kein Problem. Milch, Joghurt, Butter, Zucker, Honig und Melasse kippt er – wie immer – seperat in die Flammen.
Ich versuche ihn für meine „Spirit-Cookie“ Idee zu begeistern. Er hat erkennbar keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen.
Das ist mir egal, beschließe ich, als ich nach der Sonntagspraxis wieder nach Hause an den Prenzlauer Berg radle.
Es geht schließlich nicht um Suryiel, sondern um sämtliche Buddhas, Bodhisattvas, Schützer, Naturgeister und alle anderen Gäste aus den sechs Bereichen!
Zurück in der Spirituellen WG mache ich mich sofort ans Werk. Glücklicherweise haben wir alle Zutaten vorrätig: Milch, Butter, Joghurt, Honig, Zucker und Melasse.
Die perfekten Zutaten für leckere Kekse!
Allerdings fehlt in der Zutatenliste das Bindemittel für die Milch!
Suriyel wollte Milchpulver nehmen. Aber es ist Sonntag – alle Supermärke sind geschlossen. Und die Idee mit dem chemisch verarbeiteten Milchpulver behagt mir eh nicht. Vor zwölfhundert Jahren haben die ersten Riwo Sang Chöd Praktizierenden sicher auch kein Milchpulver in ihre Fertigmischungen gekippt!
Zu meinem Glück ist die traditionelle Anweisung für die Opfer-Nahrung erfreulich unpräzise. In englischer Übersetzung steht dort: „Burn aromatic woods, resins, medicinal plants, the three white and three sweet substances (yoghurt, milk and butter; sugar, molasses and honey) and all kinds of incense and powder – whatever you have available, and sprinkle with pure water.“
Ich nehme also eine Tasse Reis (Vollkorn!) und lasse ihn – zusammen mit einem großen Stück Butter – in zwei Tassen Milch kochen. Als der Reisbrei fertig ist, mische ich Zucker, Honig und Sirup darunter.
Nachdem die Masse abgekühlt ist, püriere ich sie und gebe noch Joghurt darunter. Das ganze schmeckt ein bisschen wie Marzipan, stelle ich zufrieden fest. Süß, aber lecker.
Das pappige Zeug streiche ich auf ein Stück Backpapier und lasse es bei 60 Grad bis Montagmorgen im Backofen trocknen.
Am Schluss breche ich alles in Stücke und beobachte mit angehaltenem Atem, wer stärker ist: Esthers britischer Luxus-Mixer oder die Spirit Cookies?
Der Mixer trägt den Sieg davon. Ohne Mühe. Mit seinen 1500 Watt zerlegt er innerhalb von zwei Minuten meine Geister-Nahrung in handliche Semmelbrösel.
Als ich ein paar Tage später Suriyel das Glas mit den Instant-Bröseln überreiche, sind wir beide zufrieden.
Er hat inwischen meine selbstgemixte Kräuter-Späne-Harz-Mischung in seiner Kaffee-Mühle gemahlen. Das feine Mehl, dass er produziert hat, brennt genauso gut wie der nepalesische Instant-Powder.
Meine Cookie-Brösel ändern nichts daran, stellen wir fest.
Und riechen tut sie super, unsere Do-it-yourself-Sang-Powder-Mischung!
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