Das Mönlam – des traditionellen tibetischen Gebetsfest – ist eine so stimmungsvolle wie überraschende Angelegenheit…

Der Unze – der Vorbeter – ein schöner junger Lama mit Löwenstimme – wurde extra für das Mönlam aus Nepal eingeflogen. Hospitiert vom Chöpen – dem nepalesischen Lama, der als Messdiener fungiert – führt er souverän durch das Programm. Unter seiner Anleitung beten und singen wir den ganzen Vormittag über.

Als die Mittagspause beginnt, treten wir aus dem kühlen Tempel in die warme Herbstsonne. Vor der Tür begrüßt uns der Lärm der Großstadt: Von der nahen Karl-Marx-Allee klingt monotones Verkehrsrauschen, über unseren Köpfen dröhnt ein Rettungshubschrauber. Die Stimmen von Schulkindern schallen vom Gehweg in den verwunschenen Innenhof des buddhistischen Zentrums.

Nach den Stunden, die wir – begleitet von der dröhnenden Stimme des Unze – mit tibetischem Gebet verbracht haben, löst der plötzliche Kontakt mit der Realität Berlin-Mittes ein geradezu schockartiges Gefühl aus.

Im Zentrum geht es weiterhin exotisch zu: Die Lamas in ihren leuchtend roten und orangen Gewändern reihen sich – streng hierarchisch geordnet – als erstes am Buffett auf. Nachdem sie versorgt sind, darf sich das Fußvolk anstellen. Es gibt reichlich und köstlich zu essen. Ein Trupp Ehrenamtlicher hat den ganzen Vormittag für mehr als 100 Leute gekocht – und deshalb das Vormittagsgebet verpasst.

Nachdem die Mittagspause beendet ist, finden sich wieder alle im Tempel ein. Der Abt eines Berliner Klosters, aus Sri Lanka stammend, hält einen Vortrag. Seine Linie gehört zur Theravada-Tradition des Buddhismus. Diese ursprüngliche Form fußt ausschließlich auf die überlieferten Reden Buddhas, den Pali-Kanon.

Im Gegensatz dazu gehört der tibetische Buddhismus zur Mahayana-Tradition. Der Mahayana – eine Reformbewegung, die etwa 500 Jahre nach Buddhas Tod im 2. Jahrhundert nach Christus entstand – beruft sich, neben dem Pali-Kanon, auch auf andere Schriften und zeichnet sich durch ein divergierendes Verständnis des Bodhisattva-Prinzips, des Laientum und des Klosterlebens aus.

Das Verhältnis zwischen den „alten“ und den „reformierten“ Traditionen des Buddhismus ist kompliziert. Es dominieren Vorurteile und Vorbehalte. Umso schöner finde ich es, dass ein Vertreter des Theravada zu einem Mahayana-Gebetsfest eingeladen wurde. Der Abt betet in seiner Tradition mit uns, danach hält er einen anregenden Vortrag.

Um zu uns zu kommen, musste er gerade mal ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. So wäre das eben in Berlin, erklärt mit Suryiel in der Kaffee-Pause: Hier wolle jede Buddhistische Linie – egal ob „alt“ oder „reformiert“ – Flagge zeigen und einen Tempel unterhalten. Berlin, London und Paris – da müsse man als buddhistische Linie, die auf sich hält, präsent sein. Mit dem Ergebnis, das alles, was global im Buddhismus von Wichtigkeit ist, seinen Weg nach Berlin findet.

Ich bin unversehens im Buddhistischen Schlaraffenland gelandet! Das hätte ich dem säkularen Berlin nicht zugetraut! In meiner bayerisch-katholischen Arroganz ging ich immer davon aus, dass es hier nur Party und Subkultur, aber keine Religion gibt. Umso schöner, dass mich Karma ausgerechnet in Suriyels buddhistisches Zentrum nach Berlin-Mitte geführt hat!

Beseelt nehme ich nach der Pause wieder auf meinem Gebetskissen Platz und stimme, zusammen mit hundert Mitbetern – Zeile für Zeile tibetischen Text von der Leinwand ablesend – in den dröhnenden Gesang des schönen nepalesischen Unze ein.