Ich lasse die dustere Wohnung samt ihren verwunschenen Bewohnern hinter mir…

Während der Nacht fühle ich mich, als würde ich am nächsten Morgen zum Schafott geführt werden.

Nach unruhigen Stunden im Halbschlaf kündigt trübes Morgengrauen den 29. Februar. Ein Schalttag.

Zufall…

Aber trotzdem stimmig: Ein gewöhnliches Datum wäre für dieses Ereignis unpassend gewesen.

Ein letztes Mal tappe ich auf knarzenden Dielen über den dusteren Flur, stelle in der Küche meine Espressokanne auf den altertümlichen Herd.

Meine verwunschenen Mitbewohner schlafen noch.

Lediglich der Theurang ist bereits wach. Er hockt wie eine zerzauste Krähe auf der Garderobe und beobachtet jede meiner Bewegungen. https://www.water-runs-east.eu/spirits/

„Ich gehe heute,“ flüstere ich ihm im Vorbeilaufen zu. „So leid es mir tut, ich kann dich nicht mehr füttern.“

Ich spüre seinen missgünstigen Blick, als ich – vorsichtig die Kaffeetasse balancierend – die Tür zu meinem Zimmer aufstemme.

Dort sieht es ungemütlich aus: Umzugskisten stapeln sich fast bis zur Decke. Schwarze Müllsäcke lagern Schicht auf Schicht. Während ich mein Bettzeug in die letzte leere Tüte stopfe, lausche ich auf das Läuten der Umzugsleute.

Die kommen – wie immer – zu spät.

Ich habe noch keine Umzugsfirma erlebt, die zum versprochenen Zeitpunkt vor der Tür steht. Und ich bin schon oft in meinem Leben umgezogen.

Deswegen verstehe ich auch nicht, warum sich ausgerechnet dieser Umzug so sehr nach „Tod“ anfühlt.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachte ich zwei Stunden später, wie der Außenaufzug in gleichmütiger Monotonie mein Hab und Gut aus dem vierten Stock in den Transporter befördert.

Damit die beiden Umzugsleute in Ruhe ihre Arbeit tun können, gehe ich in die Bäckerei an der Ecke, um dort einen letzten Kaffee zu trinken. Maria und ich haben uns dort fast täglich getroffen. Jetzt ist sie in der Arbeit.

Sie wird in Zukunft ohne mich zurecht kommen müssen…

Mein Untermietzimmer ist übrigens wieder vermietet! Am Vortag kam ein Interessent, der es genommen hat.

Ich habe nur Gesprächsfetzen mitgehört, aber allem Anschein nach leidet er an Liebeskummer. Er habe eine Beziehung beendet und brauche so schnell als möglich eine neue Bleibe.

Willkommen im „Liebeskummer-Zimmer“.

So habe ich es getauft.

Meinem verwunschenen Vermieter fiel der Zusammenhang nicht auf: Kurz nach meinem Einzug vor zwei Jahren zählte er auf, wer schon alles in diesem Zimmer gewohnt hatte. Und erklärte mir, warum der-, oder diejenige, ein- und wieder ausgezogen war.

Fazit: Alle hatten sie Liebeskummer…

Das ist die Grundvorraussetzung, um in dieses Untermietzimmer einziehen zu können. Alle anderen – die eine praktische Bleibe suchen, eine gute WG-Gemeinschaft, oder ein günstiges Zuhause im schönen Waldstraßenviertel – lehnen dankend ab. Die Wohnung ist ihnen zu duster, der Vermieter zu seltsam.

Und auch wenn sie ihn weder sehen, ja noch nicht einmal von seiner Existenz ahnen, spüren sie die negative Energie des Theurangs, der jede ihrer Bewegungen während der Besichtigung aus den Augenwinkeln verfolgt.

Aber jemand, der mit Liebeskummer auftaucht, fühlt sich zuhause!

Die dusteren Bilder an den Wänden empfindet er als anheimelnd.

Der ausgetretene Parkett knarzt im Rhythmus der inneren Seufzer.

Die ausgehungerte Gier des Theurang, die drückend in allen Winkeln der Wohnung hängt, korrespondiert perfekt mit der Leere des Herzens.

Als ich damals in dieser Wohnung stand, wusste ich, dass ich genau das gefunden hatte, was ich brauchte.

Meinem Nachfolger wird es nicht anders ergangen sein. So habe ich ihn zumindest verstanden, während ich so still als möglich mein bescheidenes Fach im Badezimmer leerte und sauber wischte.

Heute darf ich weiterziehen. Was immer mich an diese Wohnung und seine verwunschenen Bewohner gebunden hat, scheint abgegolten zu sein.

Während ich – nachdem die Umzugsleute aufgebrochen sind – mein leeres Zimmer kehre, frage ich mich, was es wohl in der Tiefe gewesen ist, das mich hierher gebracht hat?

Ich habe keine Antwort darauf…

So ist es das mit Karma: Wir wissen, dass es uns leitet – von einer Verstrickung zur nächsten.

Auf das – Schritt für Schritt, in einer unendlichen Abfolge an Handlungen – die Balance wiederhergestellt wird.

Das Gleichgewicht allen Lebens…

Aber wie dessen Regeln lauten und welchen Gesetzen es folgt, bleibt uns verschlossen.

Zumindest in dieser Existenz…