Zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – werden alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche geladen…

Wenn die dritte Klasse der Gäste zum Sang – dem traditionellen tibetisch-buddhistischen Rauchopfer – eintrifft, geht es hoch her!

Hungergeister mit langen dünnen Hälsen kämpfen verzweifelt um den besten Platz an der Tafel: ihre Gier ist grenzenlos! Obwohl sie sich immer alles in ihre riesigen Münder stopfen, was ihnen vor die Nase kommt, sind sie bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Schlund ist so eng, dass fast nichts davon in ihren leeren Mägen ankommt.

Mit rasender Wut werden sie von den Bewohnern der Hölle zur Seite gedrängt. Die kämpfen gegen alles, was ihren Wünschen und Bedürfnissen in die Quere kommt. Obwohl sie unendliche Qualen leiden, ist es ihnen nicht möglich, von ihrem Hass zu lassen.

Der große Pulk der Tiere, die ebenfalls den Ruf zum Mahl vernommen haben, hält sich von diesen Gästen fern. Von ihren Instinkten geleitet, spüren sie, wie gefährlich ihnen Hungergeister und Höllenbewohner werden können.

Die Halbgötter in ihren Rüstungen lassen sich von den Höllenbewohnern nicht beeindrucken. Die Hand am Schwerknauf stossen sie die wüsten Gesellen zur Seite, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Dewas, den Göttern. Denn der größte Wunsch der Halbgötter ist es, aufzusteigen und selbst zum Gott zu werden. Weil ihnen das nicht gegeben ist, werden sie von Eifersucht zerfressen.

Die Dewas lässt das kalt. Sie schweben in erhabener Arroganz über der Masse des gemeinen Volkes. Durch gutes Karma in die höchste Stufe der sechs Daseinsbereiche hineingeboren und mit allen Attributen des Glücks versehen, sind sie den Sorgen und Nöten der anderen fühlenden Wesen enthoben. Ihre größte Angst ist es, alt zu werden und zu sterben. Und das werden sie, auch wenn ihre Lebensspanne viele Jahrtausende umfasst. Früher oder später ist ihr gutes Karma aufgebraucht und sie müssen wieder in den Kreislauf des Samsara zurückkehren.

Während ich vorsichtig einen Löffel der nepalesischen Rauchopfer-Fertigmischung auf das Stück glühende Kohle in meiner Feuerschale gebe, beobachte ich aus den Augenwinkeln meine Gäste, die am offenen Fenster auf ihr Mahl warten.

Mit der kleinen Schale in der Hand trete ich zu ihnen, stelle mein qualmendes Speiseopfer vor ihnen auf das Sims und nehme auf meinem Kissen Platz.

Dort murmle ich – dazu die Perlen meiner Mala durch meine Finger gleiten lassend – das Mantra „Om ah hung“ vor mich hin und konzentriere mich dabei darauf, im Zustand des tiefen Mitgefühls den tanzenden Rauch in magischen Weisheitsnektar zu verwanden.

Befriedigt stelle ich fest, dass der Trick funktioniert: jeder meiner Gäste bekommt genau das, was er braucht!

Die Hungergeister können sich endlich satt essen.

Die Höllenbewohner werden durch das spirituelle Mahl friedlich gestimmt.

Die Tiere unter meinen Gästen entspannen sich und werden weniger von ihren Instinkten getrieben.

Die Halbgötter vergessen während des Mahls ihre Eifersucht und ihren Neid.

Und die Arroganz der Götter verwandelt sich in Bescheidenheit und Akzeptanz.

Als Mensch bin ich Teil der bunten Schar. Auch ich bin eine Bewohnerin der sechs Daseinsbereiche. In meiner jetzigen Form bin ich zum Leid verurteilt, denn das ist die Last der menschlichen Existenz – und gleichzeitig die Qualität, die uns auszeichnet.

Denn den Menschen ist es als einzigen Wesen der sechs Daseinsbereiche vorbehalten, gutes Karma zu generieren, zur Erleuchtung zu erlangen und Samsara – den Kreislauf der Widergeburten – dauerhaft zu überwinden.

Deshalb praktiziere ich jeden Morgen mein Riwo Sang Chöd: Ich erwerbe mit jedem Ritual des Rauchopfers „Verdienst“ – gutes Karma – das sich positiv auf meine zukünftigen Widergeburten auswirken wird.

Und während ich es praktiziere, fühlt es sich nicht nur wunderbar für meine Gäste an – sondern auch für mich: Denn ich trage alle fühlenden Wesen der sechs Daseinsbereiche in mir.

Durch die Praxis des Riwo Sang Chöd füttere ich jeden Morgen meine eigenen hungrigen Anteile, befriede meine Wut, besänftige meine Ängste, lindere meine Eifersucht und Arroganz.

Das Riwo Sang Chöd dauert nur eine halbe Stunde. Wenn ich mich danach von meinem Meditationskissen erhebe, fühle ich mich super!

Ich kann nur allen empfehlen, es ebenfalls einmal zu versuchen…