Jede Sekunde zählt! Ich schnalle den Treckingrucksack enger, werfe mich, als sich die Tür des EC vor mir öffnet, aus dem Zug, haste die steilen Treppen des Berliner Hauptbahnhofs hinunter, jage den langen Flur des zweiten Untergeschosses entlang, schlittere um die Kurve.

Da, die letzte Treppe, unten steht der ICE nach Leipzig! Monotones Piepen begleitet das Schließen der Türen. Als ich keuchend am Bahnsteig ankomme, fährt der Zug an. „Sänk you for Träveling wiss Deutsche Bahn“, denke ich ergeben. …Deutschland hat mich wieder.

Die erste Zugdurchsage auf Deutsch während der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt/Oder hatte mir regelrecht in den Ohren geschmerzt. Das polnische Sprachbad in Gdanzg war zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dass ich über Tage nicht verstand, was um mich herum gesprochen wurde, hatte mich nicht gestört. Im Gegenteil: erst als ich wieder mit dem Deutschen konfrontiert bin, wird mir bewusst, dass ich in Gdanzg die ganze Zeit mit dem Gefühl herum gelaufen war, in der Tiefe würde ich alles verstehen.

Die deutschen Sätze um mich kommen mir vor wie eine Fremdsprache, es ist, als müsse ich sie die ganze Zeit im Kopf übersetzen. Ich habe einen regelrechten Kulturschock! Und das nach zehn Tagen im Nachbarland Polen!

Ich wandere quer durch den Bahnhof, es ist fünf Uhr abends. Rush Hour. Eine Stunde, bis der nächste ICE nach Leipzig fährt. Auf dem Vorplatz sitzen die üblichen Berliner Verdächtigen in der Abendsonne, von der anderen Seite der Spree grüßt die Reichstagskuppel.

„Ich bin wieder da,“ denke ich, während ich die träge im Wind flatternden Deutschlandfahnen betrachte. „Unfug!“, ermahne ich mich. Was ist das für ein Satz? Ich bin immer „da“! Oder ich sollte es zumindest sein, denn das ist das Ziel meiner Meditationspraxis: Präsenz. Ich war in Gdanzg da, jetzt bin ich in Deutschland da. Ein Zitat von Meister Dosan aus dem 16. Jahrhundert fällt mir ein: „Der Weg liegt immer unter deinen Füßen.“

Das ist die eine Wahrheit. Die unmittelbare, sinnliche: ich höre, ich sehe, ich rieche, ich schmecke. An mir ziehen Geräusche, Farben, Gerüche, Geschmäcker vorbei. In diesem Augenblick: meine Bewegung, meine Emotion, mein Schritt. Jetzt! Alles ist immer nur genau dieser eine Atemzug, dieser eine Moment. Es ist die Essenz dessen, lebendig zu sein.

Gleichzeitig gibt es noch eine andere Wahrheit. Kapuscinski schreibt in „Travels with Herodotus“: „A journey, after all, neither begins in the instant we set out, nor ends when we have reached our doorstep once again. It starts much earlier and is really never over, because the film of memory continues running on inside of us long after we have come to a physical standstill. Indeed, there exists something like a contagion of travel, and the disease is essentially incurable.“

Ich bin im Außen gereist – und gleichzeitig im Inneren. Mein „film of memory“ zeigt mir nicht nur die prächtige Innenstadt von Gdanzg, die Brandung der Ostsee. Irgendwo in mir hat sich Polen verankert. Wohl im Herzen. Es ist lebendig. „This disease is essentially incurable.“ Die Reise geht weiter. Wohin sie führen wird, ist ungewiss. Es spielt keine Rolle: Der Weg liegt immer unter meinen Füßen, im Innen wie im Außen.

Am Abend schreibt mir Uriel: „Keep on writing, Katharina. Jetzt wird der Blog erst richtig gut.“

Übermorgen reise ich ans Ende der Welt. Uriel erwartet mich dort im Retreathaus „Just for Family and Friends“. Er hat eine „Frühjahrsoffensive“ organisiert: drei Trantra-Retreats in drei Wochen.

Wer mich auf dieser „inneren Reise“ durch Simhamukha, Vajrakilaya und Throma begleiten möchte, ist herzlich eingeladen, weiter mitzulesen…