
Mein letzter Tag in Gdanzg – und der erste seit einer Woche, an dem die Sonne scheint. Ich muss noch einmal an den Strand!
Mit Maria und Vasilisa bin ich mit Uber dorthin. ich beschließe, zum Abschluss auch noch den öffentlichen Nahverkehr auszuprobieren. Gleich hinter dem Goldenen Tor fährt die Straßenbahn 9 zur Endhaltestelle Plaza Stogi, dem Stadtstrand von Gdanzg. Es sind schlappe 15 Haltestellen, die Fahrt dauert exakt 23 Minuten. Ich nähere mich dem Fahrkartenautomaten wie der Sprengmeister einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg: werde ich dieser Aufgabe gewachsen sein? Ich schaffe es nicht mal, mir in München ein MVV-Ticket zu lösen! Und jetzt auch noch auf Polnisch! Zwei Minuten später halte ich ein Ticket in der Hand, es ist unglaublich. Ich wäre gerne beeindruckt von mir, aber dafür gibt es keinen Grund: es ist kinderleicht! Der Automat spricht sogar Englisch und die Auswahl an Tickets ist völlig überschaubar, es gibt nicht mal Tarif-Zonen. Ich entscheide mich für „One Way- 75 Minutes“ für 4,60 Zloty – etwas weniger als 1 Euro – und dann fährt auch schon die Straßenbahn ein.
Heute ist der Parkplatz vor dem Deich fast leer. Kein Wunder, es ist Montagmittag, das letzte Mal war ich an einem Sonntagnachmittag hier. Es sind nur ein paar Meter, dann breitet sich der riesige Strand vor mir aus. Ich laufe quer durch den Sand zur Brandung. Es ist gerade Ebbe, am nassen Saum der See entlang zu laufen macht Spaß und ist nicht so anstrengend wie durch den trockenen Sand. Als ich – auf einem Bein balancierend – den Sand aus einem Schuh kippe, kommt eine große Welle, schwappt über meinen Fuß, vor Schreck verliere ich das Gleichgewicht. Erkenntnis: so kalt ist sie garnicht, die Ostsee. Mit nassen Socken und Schuhen laufe ich weiter, es tut der Freude keinen Abbruch.
Am Ende des Strands reicht ein grauer Steinwall weit ins Meer hinaus. Da wollte ich schon bei meinem ersten Besuch hin, zwei müde verfrorene betrunkene Mädels hielten mich davon ab. Heute bin ich alleine da. Ich tippe darauf, dass ich etwa dreißig Minuten brauchen werde. Von wegen! Eineinhalb Stunden später packe ich meine Thermoskanne an den grauen Steinen aus. Der Strand hat eine Länge von mindestens sechs Kilometer! Da passen sicher auch an heißen Sommertagen alle Gdansker Kinder drauf, samt Eltern und Großeltern.
Ich freue mich an Sonne, Meer und Wind, bestelle mir im Strandrestaurant noch eine polnische Fischsuppe und steuere tiefenentspannt am späten Nachmittag die Haltestelle gleich neben dem Restaurant an. Die Straßenbahn wartet schon, Endhaltestelle. Die kräftig gebaute Zugführerin steht neben der geöffneten Fahrertür und raucht. Am Bahnsteig kein Fahrkartenautomat. Ich habe noch zwei Minuten. Vielleicht kann man auch in der Straßenbahn Tickets lösen? Ich laufe einmal durch: nichts. „Idiot!“, denke ich, „warum hast Du nicht das Tagesticket genommen?“
Die Zugführerin versteht kein Englisch und reagiert ungehalten, als ich ihr erkläre, ich würde gerne mitfahren, hätte aber kein Ticket! Ich winke fragend mit dem Handy, sie öffnet ostentativ genervt die Tür zum Fahrgastraum und weist, irgendwas Polnisches ausstossend, auf einen Aufkleber. Ich scanne das Icon und lande wirklich auf der Homepage des Öffentlichen Nahverkehrs von Gdanzg. Im Gegensatz zum vortrefflichen Fahrkartenautomaten ist es komplett unübersichtlich, außerdem akezptiert es kein Apple-Pay, es will Google-Pay. Während die Straßenbahn Fahrt aufnimmt, tippe ich mich nervös durch die Seiten, versuche vergeblich Google-Pay zu aktivieren und gebe irgendwann genervt auf. Ich muss schwarz fahren.
Bei der Idee, was passieren wird, sollte ich einem polnischen Kontrolleur in die Hände fallen, wird mir ganz anders! Meine wenigen Begegnungen mit Autoritätspersonen haben mich gelehrt, dass die Polen deutlich autoritärer ticken als die Deutschen. Und mangelnde Englischkenntnisse kompensieren sie durch Grobheit. Mein multifunktional einsetzbarer Allwetter-Charme, seit dem Kleinkindalter in Perfektion eingeübt, zerschellt an polnischen Respektspersonen. Er ist mein Geheimrezept gegen Autoritätsgehabe, Unterwürfigkeit beherrsche ich leider nicht. Ich beschließe, es nicht auf einen Versuch ankommen zu lassen und verlasse, kaum sind wir an den Rändern der Innenstadt angekommen, die Straßenbahn. Lieber drei Kilometer laufen, als einem polnischen Fahrkartenkontrolleur in die Hände zu fallen…
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