
Ich vermisse mein Zafu, mein Sitzkissen. Morgens um sechs staple ich alles, was das Mini-Appartement an Kissen zu bieten hat, auf dem Schlafsofa, nehme irgendwie oben drauf Platz und wähle mich zur täglichen Morgenmeditation mit meiner Online-Sangha ein. Pünktlich um 6:10 Uhr erscheint die Zen-Lehrerin auf meinem Handy-Bildschirm, um 6.15 Uhr erklingt drei Mal der großen Gong, das Zazen beginnt. Wir meditieren 45 Minuten. Den Abschluss bildet ein kleines Ritual: wir rezitieren gemeinsam das Herz-Sutra, gefolgt von einem Tesho – dem traditionellen Vortrag des Lehrers/der Lehrerin – in diesem Fall ist es ein kurzer Tagesimpuls.
Die zwei gemeinsamen Sitzzeiten Online – um 20:15 Uhr findet täglich das Abendsitzen statt – verdanken wir der Pandemie. Vorher bin ich jahrelang zwei Mal täglich alleine für mich auf meinem Kissen gesessen.
Dann wurde am 18. März 2020 der erste Lockdown angekündigt. Und Willigis beschloss, dass der richtige Moment gekommen war, um zu gehen. Er starb am 20. März 2020 mit 95 Jahren. Mein Zen-Lehrer scherzte während der ersten Online-Sesshin, die er ein paar Tage später über Zoom „in Memoriam Willigis“ abhielt, dass Willigis wieder mal perfekt im Timing gewesen war: eigentlich wäre die Wahlfamilie weit weg vom Hof gewesen. Mein Zen-Lehrer – und Willigis Zieh-Sohn – sollte z.B. ein Sesshin in Spanien abhalten, aber wegen des angekündigten Lockdowns saß auf einmal die ganze Belegschaft auf dem Hof fest und gleichzeitig war das riesige Retreathaus leer, alle Kurse waren abgesagt worden. Willigs war umgeben von allen, die ihm wichtig waren und verließ den Hof in Stille. Es war friedlich und schön, erzählte mein Zen-Lehrer.
Am Morgen nach seinem Tod kamen Brüder aus dem Kloster Münster Schwarzach auf den Hof, wuschen den Leichnam und kleideten ihn wieder in seine Kutte. Er hatte sie fast zwanzig Jahre nicht mehr getragen. Nachdem sie Willigis in seiner Benediktiner-Kluft in den Sarg gelegt hatten, wickelte ihm mein Zen-Lehrer noch die Mala um das Handgelenk. So wurde er auch auf dem Kloster-Friedhof von Münster Schwarzach begraben: In Benediktinerkutte, mit Kreuz und Mala. Keine Ahnung, was sich Archäologen denken werden, sollte sein Leichnam in 1000 Jahren exhumiert werden? Schade, dass ich den Fachaufsatz zu diesem Fund nie lesen kann….
Die Wahlfamilie konnte sich verabschieden, der Rest der Sangha nicht. An der Beerdigung durfte nur die Klostergemeinschaft teilnehmen, die Video-Übertragung brach unter dem Ansturm zusammen. Die Homepage des Hofs füllte sich mit Klagen. Ich weinte drei Tage durch.
Zen-Leute sind konservativ, aber flexibel. Es musste was passieren, also wurde in Windeseile Zoom angeschafft und das allererste Online-Sesshin zu Ehren Willigis abgehalten. Glücklicherweise nahmen ein paar Mädels teil, die Zoom schon aus der Arbeit kannten, sie lotsten meinen Lehrer durch die Software. Es hatte seine komischen Momente und war ansonsten ein großer Trost.
Und Doris und ihr Mann Frieder eröffneten die Online-Sangha. Seit März 2020 findet an jedem einzelnen Tag des Jahres zuverlässig Morgens und Abends das Online-Sitzen statt. Wenn die beiden keine Zeit haben, übernehmen andere aus der Sangha. Die Online-Sangha wird zu einem Fixpunkt in meinem unruhigen Leben und ist ein großes Geschenk für meine Praxis.
Es ist kein „Zufall“, dass ich ausgerechnet im Zen und bei Willigis gelandet bin. So sehr er in seinem christlichen Glauben verwurzelt war, so gelassen und offen war er allen anderen Traditionen gegenüber. Deshalb hat er sein Zen auch von jeder Religion entleert. Es ging ihm immer nur um die Praxis: wenn es ums Sitzen ging, war er knallhart. In seiner Linie wird gesessen, bis der Arzt kommt. Alles andere, was den traditionellen japanischen Rinzei-Zen ausmacht, ließ er weg. Wir haben nur die Basics: Gongs, Klanghölzer, Zazen, Kinhin, Tesho, Mondo, Dokusan, die Basis-Texte und den Bhoddhisattva-Schwur. Er fand, das würde reichen. Ansonsten konnte jeder suchen, nehmen, glauben und praktizieren, was ihm vor die Nase kam.
Er hat mir – und vielen anderen – mit dieser Offenheit und Klarheit ein großes Geschenk gemacht. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt…“
Es gibt so viele Wege zur Erleuchtung, wie es Lebenwesen gibt…

???? Danke ????
Gerne geschehen. Wir Zen-Schwestern halt…