Das Mondo ist im Zen traditionell ein dialogisches „Battle“ zwischen Lehrer und Schüler. Im Mondo des Spirituellen Zentrum geht es zivilisierter zu…

An jedem letzten Abend eines Sesshins findet im Spirituellen Zentrum ein Mondo statt.
Nachdem der Assistent in einer feierlichen Zeremonie das Mondo angekündigt und der Lehrer die obligatorischen Niederwerfungen vollzogen hat, ist es den Meditierenden das erste Mal seit Beginn des Retreats erlaubt, in der Gruppe zu sprechen.
Im Mondo stellen sie dem Lehrer Fragen zu allen Aspekten von Zen, die der so verständlich als möglich beantwortet. Dieses Frage- und Antwortspiel geht für gewöhnlich routiniert und zivilisiert über die Bühne.
Deshalb entspricht das Mondo, wie es am Hof praktiziert wird, nur bedingt seinem klassischen Vorbild.
Der traditionelle Sinn eines Mondos ist nicht der freundliche Austausch von Ideen, sondern das öffentliche Prüfen der Kenntnisse von Lehrer und Schülern.
Ein traditionelles Mondo hat deshalb eine ähnliche Qualität wie ein modernes Rap Battle.
Der Lehrer muss im Mondo beweisen, dass er den Schülern in Weisheit und Erkenntnis wirklich überlegen ist. Die Schüler haben während des Mondos die Chance, der Sangha zu zeigen, dass sie es in ihrer Meditationspraxis zur Meisterschaft gebracht haben.
Wenn ihre Fragen jedoch von Hybris, und nicht von Erkenntis, geleitet sind, hat der Lehrer keine Skrupel, sie vor versammelter Mannschaft bis auf die Knochen bloß zu stellen.
Im Kern geht es darum zu prüfen, wie realitätsbezogen die Selbst- und Weltwahrnehmung der Diskutanten ist. Sind Lehrer und Schüler vollkommend im Hier und Jetzt, entspinnt sich ein atemberaubend schneller, intellektuell brillianter Schlagabtausch.
In dem Moment, in dem es dem einen gelingt, den anderen durch eine geschickte Frage aus der Präsenz und in ein Konzept zu drängen, ist es, als würde der Linienrichter in Wimbledon „Out!“ rufen.
Der Sieger hat seine Überlegenheit unter Beweis gestellt, der Verlierer schleicht gedemütigt vom Platz.
Manchmal gibt es, im Gegensatz zum Tennis, im Mondo auch ein Patt: der Meister bleibt Meister, hat aber nun einen ebenbürtigen Praktizierenden an seiner Seite.
„In der traditionellen Chan-Literatur werden folgende mögliche Resultate eines Mondos aufgezählt: „Der Meister bleibt Meister, der Schüler wird zum Meister anstelle des Meisters, der Schüler wird zum Meister neben dem Meister.“
Diese spannenden Mondos kenne ich allerdings nur aus der klassischen Literatur. Dort wird anschaulich beschrieben, wie sich ein solcher dialogischer Wettkampf zwischen Meister und Schüler, manchmal auch zwischen zwei Meistern, um das Verständnis von „Leerheit“ entfaltet.
Wenn ich meinem Lehrer während eines Mondos zuhöre, juckt es mich immer öfter, ihn herauszufordern. „Er ist nicht perfekt“, denke ich mir bei manchen seiner Sätzen, „genau jetzt könntest Du ihn stellen!“
Bisher hat er noch jeden meiner vorsichtigen Einwände parriert.
Irgendwann, so meine Hoffnung, wird der Moment gekommen sein, an dem ich mich behaupten kann.
Dass mein Meister in der Zukunft zum „Schüler“ wird, kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen…
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