Das Einzelgespräch mit dem Lehrer während des Retreats ist im Zen des Spirituellen Zentrums integraler Bestandteil der Praxis…

Unter jeder der beigen Sitzunterlagen im Zendo befindet sich ein kleiner roter Papierzettel.

Wenn der Assistent zu Beginn einer Meditationseinheit verkündet: „Gelegenheit für Dokusan!“, kann man den Zettel unter der Matte hervorholen und davor platzieren. Dann weiß der Assistent, dass man den Zen-Lehrer sprechen möchte.

Der wartet in einer kleinen Kammer neben dem Zendo auf die Schüler. Wenn er die Glocke läutet, tritt man ein, verneigt sich und nimmt ihm gegenüber auf dem kleinen schwarzen Kissen Platz.

Im Dokusan prüft der Lehrer die Meditation des Schülers. Hat der verstanden, was zu tun ist?

Man sollte regelmäßig den Lehrer konsultieren, wird jedem Zen-Praktizierenden erklärt. Zu recht. Es ist erstaunlich, wie viel man bei einer so simplen Tätigkeit wie Sitzen und Atmen falsch machen kann!

Denn das Zazen ist nicht einfach nur „herumsitzen und entspannen“. Es geht darum, in der Realität anzukommen.

Dummerweise ist das kein Ort, den man freiwillig aufsucht.

Wie der Lehrer nicht müde wird auszuführen, sind wir so gestrickt, dass wir uns automatisch immer in den Modus des „Wohlbefindens“ einschwingen. Darauf ist unser System ausgerichtet. Jeder Einzelne verfügt über eine Fülle von Techniken, um sich im Alltag automatisch zu stabilisieren – und damit einen Schleier aus Phantasien und Konzepten über die Wirklichkeit zu legen.

Die meisten dieser Techniken zerschellen am Zazen. Während der dreißig bis vierzig Minuten des stillen Sitzens auf dem Kissen kann man sich nicht mehr mit Handyscrollen, Textnachrichten schreiben oder dem Gang zum Kühlschrank ablenken. Während der Meditationszeiten darf man nicht auf die Toilette. Man darf sich noch nicht mal bewegen. Selbst das Kratzen an der juckenden Nase oder das Verlagern des schmerzenden Knies sind verpönt.

Heftige Unlustgefühle sind die Folge. Und als einzige Möglichkeit, sich trotzdem emotional in das Gleichgewicht zu bringen, bleibt nur noch der Kopf. Der arbeitet dafür um so hochtouriger: Zukunftsphantasien, Trostworte, Wutanfälle – mit allen Tricks versucht der Geist, der harten Realität zu entfliehen.

Und hier ist der Lehrer gefragt: im Dokusan hört er sich an, was für Ideen, Phantasien und Vorstellungen der Schüler entwickelt, um selbst in dieser misslichen Lage noch irgendwie ein – wie auch immer geartetes – „gutes Gefühl“ zu produzieren.

Worauf der Lehrer zum scharfen Schwert der Logik greift und mit einem entschiedenen Streich alle Gedankenstränge durchtrennt.

Während meiner ersten Jahre Zen-Praxis fühlte ich mich im Dokusan immer wie im „Märchen vom Hasen und vom Igel“. Egal wo ich gedanklich hin flüchtete: der Lehrer war schon da! Das gab er mir üblicherweise mit einer verbalen Ohrfeige zu verstehen. Zen – zumal das der Rinzei-Tradition, zu der meine Linie gehört – ist nichts für empfindsame Gemüter.

Für gewöhnlich bedachte ich, wenn ich nach dem Dokusan die Tür hinter mir zuzog, den Lehrer mit einem stummen „Arschloch!“.

Wenn der Lehrer perfekt ins Schwarze getroffen hatte, verbrachte ich nach einem Dokusan durchaus auch mal ein oder zwei Tage im „Arschloch-Modus“ auf meinem kleinen schwarzen Kissen. Es gibt wenige Menschen, die ich mit derselben Intensität gehasst habe, wie meinen Zen-Lehrer.

Irgendwann lernte ich, dass „Arschloch!“ ein Qualitätssiegel war: der Zen-Lehrer hatte seinen Job wieder einmal gut gemacht.
Früher oder später verrauchte die Wut und ich konnte das Geschenk, das in der Ohrfeige versteckt war, annehmen: ein kleines Stückchen Realität, dass hinter den Wolken meiner Konzepte und Phantasien hervor blitzte.