Im Spirituellen Zentrum herrscht Schweigen. Nicht nur während der Zen-Praxis, sondern immer und überall. Eine existentielle Erfahrung…

„Ich bin wieder da!“, denke ich beglückt, als ich – den Rucksack über den Schultern – den Innenhof betrete.
Im großen Springbrunnen plätschert das Wasser. Vögel singen in den Bäumen. Auf der Terrasse des Buchladens sitzen ein paar Gäste in der Sonne, trinken Kaffee und blättern in Büchern.
Ich reihe mich in die lange Schlange ein, die, vom Empfang kommend, die Treppe des Eingangsportals hinunter bis auf den Weg reicht. Es ist Sonntagnachmittag und mit dem Abendessen beginnen gleich mehrere Kurse: neben meinem „Zen-Sommertraining“ die „Schwesterveranstaltung“ „Kontemplations-Sommertraining“, dazu noch ein Tai-Chi-Kurs und zwei Selbsterfahrungsangebote mit seltsamen Titeln, die mir nichts sagen.
Als ich nach zwanzig Minuten am Empfangstresen angekommen bin, zahle ich und bekomme den Schlüssel in die Hand gedrückt. Ich bin im Mehrbettzimmer untergebracht. Zusammen mit acht anderen Frauen, wie sich herausstellen wird.
Während meiner Schulzeit besuchte ich jahrelang ein Internat: ich bin es gewohnt, mit anderen in einem Raum zu schlafen. Trotzdem musste ich zu meinem Glück gezwungen werden: für meine ersten Retreats am Hof nahm ich immer ein Einzelzimmer. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken.
Allerdings sind Einzelzimmer im spirituellen Zentrum ein rares Gut. Man muss Wochen vorher buchen, wenn man den Luxus eines eigenen Zimmers haben möchte.
Irgendwann beschloss ich spontan, ein Retreat zu besuchen, dass nur wenige Tage später starten sollte. Das Sesshin war noch nicht ausgebucht – aber die Einzelzimmer. Ich fand mich mit einem Bett im Mehrbettzimmer ab – und stellte zu meiner Verblüffung fest, dass sich das „Rudelschlafen“ positiv auf meine Meditationspraxis auswirkt.
Auf einmal konnte ich mich nicht mehr zurückziehen und das Sesshin für ein paar Stunden „aussperren“. Im Mehrbettzimmer gibt es keine Auszeit von der Praxis!
Ich war auf einmal Tag und Nacht in mitten der Sangha und ununterbrochen den subtilen energetischen und sozialen Prozessen ausgeliefert, die sich während eines mehrtägigen Retreats entfalten.
Auch in der Stille.
Denn am Hof herrscht Schweigen. Immer und überall. Damit man das nicht vergisst, wird man, wo man steht und geht, mit dem oben abgebildeten Symbol daran erinnert. Es klebt buchstäblich überall – und auch an der Tür des Mehrbettzimmers.
Während meiner ersten Retreats war das Schweigen eine Herausforderung. Nicht mehr spontan bei den Mahlzeiten den Tischnachbarn um Butter oder die Käseplatte bitten können. Keine Entschuldigung mehr aussprechen, wenn ich versehentlich jemanden in der engen Umkleide auf die Zehen getreten war. Nicht mehr „Guten Morgen“ und „Guten Abend“ wünschen.
Und das für solide fünf, sechs oder sieben Tage!
Nachdem Verwirrung und Stress nachließen, wurde ich – wie die meisten, die sich auf dieses Experiment einlassen – mit einer Fülle von Erkenntnissen belohnt.
Für mich war die entscheidende Erfahrung, wie sehr ich meine Umgebung durch freundliche Kommunikation zu kontrollieren versuche. Das wurde mir aber erst zugänglich, als ich es nicht mehr durfte: die Angst, die mich plötzlich in sozialen Situationen anfiel, die ich nicht mehr durch Sprechen steuern konnte, war heftig.
Es kostete mich anfangs erhebliche Anstrengungen, das Schweigegebot durchzuhalten. Aber die Stille am Hof ist so überwältigend, die Strenge, wenn es um die Einhaltung der Regeln geht, so greifbar, dass ich zähneknirschend den Mund hielt – und die Angst und die heftigen Unlustgefühle, die sie begleiteten, ausstand.
Erste Erkenntnis: die Welt geht nicht unter, wenn ich einmal nicht „Entschuldigung“ sage. Oder jemandem „Guten Morgen“ wünsche. Oder mit dem Zeigefinger auf die Butter deute und mich lediglich mit einem Kopfnicken beim Tischnachbarn bedanke.
Zweite Erkenntnis: es ist angenehm, nicht dauernd die Bedürfnisse anderer bei jeder Alltagshandlung mit einplanen zu müssen. Ich sorge für mich, halte mich an die Regeln – alle anderen tun das gleiche.
Im Schweigen eine Woche mit acht Frauen im Schlafsaal zu verbringen, ist deshalb gut auszuhalten.
Mehr noch: Es ist erholsam!
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