
Maria schreibt jetzt auch im Blog. Pünktlich zum Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine, dem wir auf makabre Weise unsere Freundschaft verdanken, hat sie ihren ersten Beitrag hochgeladen. Sie muss Englisch schreiben, das macht es viel schwerer für sie, ihren „Sound“ zu finden, als wenn sie in ihrer Muttersprache erzählen könnte. Ich hoffe, sie wird trotzdem weiter machen. Immer nur Objekt meiner Erzählung zu sein, ist ihr nicht angemessen.
Ich bin am 24. Februar gleich mit mehreren existentiellen Themen konfrontiert. Neben dem Krieg ist es der Hunger. Er begegnet mir in Gestalt eines Mannes mittleren Alters, im roten Anorak und auf Krücken, kurz nachdem ich die alternative Suppenküche mit einem großen Glas Kimchi verlassen habe. Er spricht mich auf Polnisch an, und wechselt, als er meinen verständnislosen Gesichtsausdruck sieht, ins Englische: „Please, I need money! I am hungry!“ Ich bin völlig überfordert, ich habe keinen einzigen Zloty bei mir! Maria bezahlt selbst Kleinbeträge mit Karte und hat mir nach unserer Ankunft erklärt, dass es nicht notwendig wäre Geld zu wechseln. Ich stammle: „I am realy sorry! I have no cash!“ Der arme Kerl entschuldigt sich auch noch bei mir, bevor er sich umdreht und auf seinen Krücken weiterhinkt. In der ersten Wechselstube, an der ich vorbei komme, hole ich mir Zloty, so was soll mir nicht noch einmal passieren.
Während ich durch die Stadt laufe, beschäftigt mich die Begegnung. Es war das erste Mal seit meiner Ankunft vor einer Woche, dass ich angebettelt wurde. Und dann auch noch so existentiell! Es hat mir ganz sicher was zu sagen, wie Innen so Außen. Nur was? Ich laufe über den Wochenmarkt. Der Blumenkohl sieht aus wie gemalt, Kartoffeln in allen Farben, Formen und Variationen, rote und gelbe Beete leuchten zwischen Bergen Karotten und Salat. Die Saubohnen gibt es frisch, nicht nur getrocknet wie bei uns. Dagegen ist ein deutscher Wochenmarkt ein Trauerspiel. Polen scheinen durchaus Gemüse zu essen, aber wohl nur Zuhause und nicht im Restaurant. Leider kann ich nichts mitnehmen, ich habe ja keine Küche in meinem Mini-Ferienappartement.
Meine Gedanken wandern zu meiner aktuellen Lebenssituation: In Leipzig habe ich auch keine Küche. Oder zumindest nichts, was den Namen verdienen würde. Mein verwunschener Vermieter hat viele Jahre in Lateinamerika gelebt und nicht nur einen Sohn aus der Karibik zurück nach Sachsen gebracht, sondern auch einen mehr als frugalen Lebensstil. Ich hatte beschlossen, dass meine neue Existenz mit Campingkühlschrank, Mikrowelle und rosa Waschschüsselchen im Spülbecken statt Spülmaschine eine verdiente karmische Strafe ist. Für meine zurückgelassene Existenz mit Luxusküche, Fünf-Gänge-Menüs, gehobener Tischkultur, dem Bücherregal voller Kochbücher. Das vergangene Jahr habe ich mich von vegangem Standard-Eintopf ernährt, den ich einmal in der Woche unter widrigen Bedingungen zubereitet und portionsweise täglich in der Mirowelle aufgewärmt habe. That´s it.
Die prächtigen Blumensträuße auf dem Wochenmarkt lösen die nächste innere Jammertirade aus: statt in meinem prächtigen Garten fand ich mich in Leipzig auf einem winzigen Balkon wieder. Mein verwunschener Vermieter gab mir netterweise kurz nach meinem Einzug im Frühjahr einen seiner vier Balkonkästen ab. Die Ringelblumen und der winzige Basilikum waren kein wirklicher Trost. Das ganze Gartenjahr über habe ich gelitten, wenn ich auf meinen Joggingrunden an den üppigen Schrebergärten vorbei lief. Und jetzt kommt das nächste Frühjahr, das ich ohne Blumenrabatten verbringen muss.
Es ist offensichtlich, dass auch ich „hungrig“ bin. Akzeptanz, ermahne ich mich wieder einmal, Akzeptanz… Es funktioniert nicht wirklich. Mein hungriger Geist lenkt mich ins Outlet-Store. In einem Moment geistiger Umnachtung erstehe ich Spitzenunterwäsche in Pink!
Am Abend finde ich mich im edel gestylten Kosmetiksalon wieder. Hinter dem Tresen lehnt eine zusammengerollte ukrainische Fahne in der Ecke. Die eine Kosmetikerin ist blond, die zweite brünett, die dritte schwarzhaarig. Schön sind sie alle drei. Und sie sehen aus wie geklont: volle Botox-Lippen, null Mimik dank Botox-behandelter Stirn, dafür perfekter Taint. Die Blonde ist die einzige, die Englisch kann, untereinander sprechen sie – kein Polnisch, sondern Ukrainisch! Jawohl, sie kämen aus der Ukraine, erklärt mir die Blonde, genauer aus Dnepro. Ich drücke mein Beileid über den Jahrestag aus, verkünde, dass ich schon mal in der Ukraine war und wie gut es mir dort gefallen hat – before the war – und gebe mein Schicksal in ihre Hände. Die Brünette übernimmt die Kosmetikbehandlung. Nach der Grundreinigung holt sie die Blonde und die fragt, ob ich „Injections“ möchte? Ich bin hochgradig alarmiert: „What kind of injections?“ „For your skin.“ Ist das der Code für „Botox“? So wie man beim Cocain-Taxi „Pizza“ bestellt? Oder bin ich paranoid? Ich lehne dankend ab, sicher ist sicher.
Auch ohne „Injections“ läuft die Kosmetikbehandlung auf einem Niveau ab, wie ich noch keine erlebt hatte. Diverse seltsame Geräte kommen zum Einsatz, damit die Gesichtsmaske besser einzieht, bekomme ich eine futuristisch leuchtende Wärmeplatte aus Metall aufgelegt. Ich sehe sicher aus, als käme ich von einem fremden Planeten.
Danach kommt Phase zwei. Jetzt ist die Dunkelhaarige am Zug, ich bewundere ihre perfekt gepflegte Augenpartie. Ich bin an einen Profi geraten, denke ich. Während der nächsten Stunde lerne ich, dass die Schlussfolgerung zu kurz gegriffen war: ich bin an eine Künstlerin geraten. Sie pinselt, malt, zupft und wachst an meinen Augenbrauen herum, als wäre ich ein Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle.
Ich bin etwas erschrocken, als ich mich nach dem Ende der Behandlung im Spiegel betrachte. Was für Augenbrauen! Ich sehe ukrainisch aus! Die drei Kosmetikerinnen freuen sich, so soll es sein. Wir machen noch ein Selfie zu viert, ich verspreche, dass ich bei meinem nächsten Besuch in Gdanzg wieder vorbei kommen werde, die Blonde sortiert meine Kundenkarte in ihren Hängeordner ein.
Andere tragen am 24. Februar die gelb-blaue Fahne, um ihre Solidarität mit der Ukraine auszudrücken, ich trage ukrainische Augenbrauen…

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