„You safed my life!“ Die Bedienung lächelt routiniert. Ich bin wohl nicht das erste Opfer der polnischen Küche, das vor Dankbarkeit über ihren veganen Kichererbseneintopf die Tischplatte küsst. Ich habe Kimchi dazu bestellt. Hinter dem Tresen steht das Bio-Limo appart nach Farben sortiert, die Bedienung trägt ihr Haar in zartem Rosa – die Subkultur hat mich wieder!
Ich denke an Maria und Vasilisa, die inzwischen gut in Deutschland angekommen sind und sich sicher gerade mit der gleichen Erleichterung, mit der ich meine vegane Suppe löffle, die Kante geben. Das Experiment „interkulturelle Akzeptanz“ wurde erfolgreich abgeschlossen, aber nur, weil beide Seiten höchste Selbtdisziplin bewiesen haben.
Vor dem Abendessen in der alternativen Suppenküche lande ich bei Rossmann. Bioladen gibt es keinen in der Innenstadt, sagt mir mein Handy, also muss es der Drogeriemarkt tun. Erst kommt ein gut sortiertes Regal mit Tiernahrung, dann ein noch üppiger befülltes mit Baby-Nahrung. Das Regal danach ist doppelt so lang wie das mit der Baby-Nahrung, perfekt ausgeleuchtet, und von oben bis unten bestückt mit allen Arten von Alkoholika.
Die „Gesund-Abteilung“ schräg gegenüber der Spirituosen ist so winzig, dass ich erst daran vorbei laufe. Protein geht noch am ehesten, lerne ich, es gibt ein paar Riegel und Shakes. Außerdem noch Trockenfrüchte, ein paar Pasten und drei verschiedene Sorten vegane Milch. Alles aus Deutschland importiert, ich habe keine Probleme damit, die Beschriftungen zu verstehen. Die Preise sind auch wie Zuhause, für Durchschnittspolen ist das sicher Luxus.
Ich komme von einem anderen Planeten.
Wer ist hier seltsam: Die Mädels mit ihrem exzessiven Alkoholkonsum, ihrer Leidenschaft für Botox und ihrem Umgang mit Sex, der konfliktfrei zwischen Porno und Puritanismus navigiert?
Oder ich, mit meinem Vegetarismus, meiner Dauerbesorgtheit über mein körperliches und mentales Wohlergehen, dem exzessiven Meditieren für die harten Highs statt Alkohol und Drogen?
Ich zahle die vegane Suppe und das Kimchi mit der Karte. „Euro or Zloty?“ fragt mich die Bedienung und hält mir das Lesegerät hin. Definitiv Euro, denke ich…
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