Ich lasse alle Grenzen des Urwalds von Bialowieza hinter mir und kehre zurück nach Leipzig…

Ein letztes Mal besuche ich den enthusiastischen Kellner im alten Holzhaus. Nach einer Portion polnischem Kartoffelkuchen in Pilzrahmsauce mache ich mich auf den Heimweg. Das Wasser der Narewka leuchtet im Abendlicht. Die Storchenkinder in den großen Nestern auf den Dächern und Laternenmasten entlang der Dorfstraße schlafen schon.

In der Ferne erklingt das hysterische Bellen von Hunden, während sich die letzten Vögel in den hohen Bäumen zur Ruhe begeben. Vom Info-Gelände des Nationalparks dröhnen die Generatoren der mobilen Kaserne. Aus den Fenstern der kleinen Holzhäuser am Straßenrand fällt Licht.

Während ich dahinwandere, sage ich dem Ort „Auf Wiedersehen“.

Es ist fünf Uhr morgens, als ich am nächsten Tag aus dem Zelt krieche. Nach einer Katzenwäsche und drei Tassen Instantkaffee baue ich das Zelt ab, packe Schlafsack und Isomatte ein und stopfe alles in den Kofferraum des kleinen Dacia.

Um kurz vor sechs Uhr biege ich auf die Hauptstraße in Richtung Warschau ein. Das Dorf scheint noch zu schlafen, außer mir ist niemand unterwegs. Wieder geht es kilometerlang durch einen grünen Tunnel aus hohen Bäumen. Ich habe, trotz der morgendlichen Kühle, alle Fenster geöffnet, der Fahrtwind trägt ein letztes Mal den unglaublichen Waldgeruch zu mir herein.

Beseelt von der Natur lasse ich die letzten Bäume hinter mir – und bin mit einem Mal mit einer Sraßensperre konfrontiert! Ein Polizeiwagen blockiert die Gegenfahrbahn. Auf meinem Fahrstreifen stehen zwei Polizisten mit Pistolen im Halfter, einer schwenkt eine Kelle. Ich bringe meinen Wagen vor ihnen zum Stehen und beobachte, wie einer der Polizisten langsam um mein Auto herum geht und dabei eine Art langen Stab an die Karosserie hält. Während ich noch versuche, aus dem Procedere schlau zu werden, winkt mir der Polizist mit der Kelle zu: ich kann weiterfahren.

Fümf Kilometer danach, an der Kreuzung zur Bundesstraße, das selbe Schauspiel. Diesmal ist es Militär, das mich kontrolliert.

Jetzt bin ich heilfroh, dass wir vorgestern bei unserer morgendlichen Wanderung durch die Sperrzone, entgegen Wlodzimierz Ankündigung, keine Flüchtlinge getroffen haben. Wenn ich gebeten worden wäre, jemanden im Auto bis nach Warschau mitzunehmen, hätte ich das selbstverständlich getan. Mit dramatischen Folgen, so wie es aussieht. Auf die Idee, dass nicht nur die Grenze, sondern auch alle Ausfallstraßen aus dem Nationalpark überwacht werden, wäre ich wieder einmal nicht gekommen.

Eine Stunde nach meinem Aufbruch setzt zwischen den kleinen Dörfern der morgendliche Berufsverkehr ein. Jetzt geht es langsamer vorwärts.

Um zehn Uhr bin ich am Rande Warschaus angelangt. Kurz vor dem Flughafen tanke ich, kreise erst zweimal um die beiden – glücklicherweise bescheidenen – Terminals bis ich die korrekte Tiefgarageneinfahrt gefunden habe und stelle um elf Uhr mit einem erleicherten Seufzer den kleinen Dacia auf dem Parkplatz des Autovermieters ab.

Im dortigen Büro im ersten Stock des Ankunftsterminals herrscht großer Andrang. Ein Angstellter nimmt mir einfach Schlüssel und Papiere ab, ohne mich irgendwas unterschreiben zu lassen. Was mit meiner Kaution wäre? Er müsse sich erst das Auto ansehen, wenn alles in Ordnung ist, bekäme ich das Geld zurück. Ich überlege kurz, ob ich auf etwas Schriftliches bestehen soll, komme mir unglaublich deutsch dabei vor – und lasse es bleiben.

Nach kurzem Herumirren finde ich in der großen Ankunftshalle den Zugang zur S-Bahn. Glücklicherweise gibt es eine Direktverbindung zum Bahnhof Warsaw Gdanska. Von dort geht pünktlich um zwölf Uhr mein EC nach Frankfurt/Oder.

Am frühen Abend ist meine Reise zu Ende. Gegenüber dem Bahnhof grüßt vom Dach des Einkaufszentrum der vertraute gelbe Schriftzug „Willkommen in Leipzig“.

Ich bin wieder da.

Es ist ein Schock!

Meine Sinne laufen geradezu Amok. Die Luft ist grauenhaft, das Licht fahl, der Geschmack auf der Zunge widerlich. Alles fühlt sich seltsam künstlich an.

Und dabei wandere ich gerade – den schweren Rucksack über den Schultern – durch das wunderschöne Waldstraßenviertel. Links und rechts der breiten Straßen werfen mächtige alte Bäume ihre Schatten auf prächtige Jugendstilfassaden.

Und doch: Alles um mich erscheint mir unbeseelt und von erschreckender Leblosigkeit.

Irgend etwas ist mit mir geschehen, während ich an der Grenze war…