Am Tatort eines Massenmordes mitten im Urwald von Bialowieza werde ich mit den Grenzen meiner Fertigkeiten konfrontiert und frustriere zahllose formlose Wesen im Bardo und dazu noch einige Naturgeister…

Bereits um halb acht Uhr morgens wird es unerträglich heiß und stickig im Zelt. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und krieche ins Freie.

Während meines zweiten Aufenthalt ist der kleine Campingplatz von Bialowieza noch leerer als bei meinem ersten: abgesehen von einem Wohnmobil aus den Niederlanden und einem VW-Passat mit Hannoveraner Kennzeichen und Dachzelt bin ich alleine auf der kleinen Wiese.

Das hier ist das komplette Gegenteil von Overtourism. Schön für die wenigen, die sich hierher verirren – bitter für die Einheimischen, deren einzige Einnahmequelle der Tourismus ist.

Nach einer Tasse Instantkaffee und ein paar Bissen altbackenem Brötchen bin ich halbwegs wach. Daran, dass ich mich heute wie achzig fühle, ändert das Frühstück leider nichts. Alle Glieder schmerzen, die Brustmuskulatur ist so verspannt, dass sich jeder Atemzug wie Arbeit anfühlt. Auf dem Rasen vor meinem Mini-Zelt absolviere ich ein paar Yoga-Übungen – vergebens.

Steifbeinig wanke ich in den Waschraum und inspiziere vor dem fleckigen Spiegel meine Augenringe. Dafür, dass gerade der zehnte – und letzte – Tag meines Urlaubs beginnt, sehe ich richtig fertig aus.

Ich habe extrem schlecht geschlafen. Und es war nicht die unbequeme Isomatte, die mich um meine nächtliche Ruhe gebracht hat. Irgendwas habe ich geträumt. Im Traum war es Nacht, ich war im Wald und um mich waren Leid, Verzweiflung, Gewalt und Tod.

Ich setze mich noch mal in den Freisitz neben meinem Zelt, koche mir eine weitere Tasse Instant-Kaffee und überlege, während ich die heiße Brühe trinke, was zu tun ist. Irgendwas steht an. Nur was?

Schließlich fasse ich einen Entschluss. Aus den Tiefen des Treckingrucksacks krame ich eine zerknautschte Schachtel mit Räucherstäbchen, schiebe das Feuerzeug in die Hosentasche, stopfe Wasser, Müsliriegel, Sonnencreme und Insektenspray in den Tagesrucksack und mache mich auf den Weg in den Supermarkt. Mit vier Grablichtern im Gepäck wandere ich von dort auf der langen Hauptstraße bis zum anderen Dorfende von Bialowieza.

Noch ist die Temperatur gut auszuhalten, aber die Sonne sticht bereits vom Himmel. Heute soll es es zweiunddreißig Grad heiß werden. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit hier ist das kein Vergnügen.

Als die letzten Häuser hinter mir liegen, nehme ich wieder den Weg, der mich vor drei Tagen bis zur Grenze nach Belarus geführt hat. Erst ein Stück die „Wildtierautobahn“ quer durch die Heide entlang, dann geht es rechterhand auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein bis zur befestigten Forststraße, auf der die Armeefahrzeuge verkehren.

Ich folge ihr in Richtung Grenze. Nach etwa fünfhundert Metern taucht auf der linken Seite ein halbhohes Mäuerchen zwischen den Bäumen auf. Dahinter befindet sich eine Gedenkstätte. Ich hatte sie am Montag kurz in Augenschein genommen, bevor ich zur Grenzbefestigung weitergelaufen war.

Mit lautem Quietschen öffnet sich das gußeiserne Tor. Zwischen den bröckelnden Betonplatten wuchert Unkraut, links und rechts des Weges steht der Farn hüfthoch.

Die Anlage selbst ist ein seltsames Sammelsurium aus Gedenkstätte und Friedhof. Auf der linken Seite befindet sich etwas, das wohl ein offizielles Mahnmal darstellt: ein architektonisch ambitionierter geschwungen aufsteigender Betonbogen in rot, der rechter Hand in einer hohen grauen Betonsäule mündet. In der Mitte des Betonbogens ist ein großes Kreuz und auf der Betonsäule eine beschriftete Steintafel angebracht. Bei meinem ersten Aufenthalt las ich nur das inzwischen vertraute „Hitlerowoow“ und „1942“.

Jetzt mache ich mir die Mühe und tippe den ganzen Text in den Google Translater:

"Dieser Ort ist durch das Blut von 222 Einwohnern von Bialowieza und Umgebung geheiligt, die am 14. August und 24. Dezember von Hitlerow ermordet wurden."

Links neben dem Mahnmal befindet sich ein großer grauer Obelisk, davor ist eine graue Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz und einer Aufschrift in den Boden eingelassen.

Rechts neben dem Mahnmal steht ein großes orthodoxes Holzkreuz mit den typischen drei Querbalken, eingerahmt von jeweils drei kleinen Grabmalen.

Das Nebeneinander von katholischen und orthodoxen Kreuzen ist mir in den letzten Tagen schon während meiner Wanderungen durch die kleinen Ortschaften aufgefallen. Meist stehen sie einträchtig nebeneinander, ab und zu findet man das eine am Dorfeingang, das andere am Dorfausgang.

Auch hier scheint den von der deutschen Besatzung Ermordeten vereint und gleichzeitig getrennt gedacht zu werden.

Dieser Boden ist durch das Blut der Opfer geheiligt…

Eine seltsame Formulierung. Sie lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass genau hier, an dieser Stelle, im August und an Weihnachten 1942 222 Menschen ermordet wurden.

Ich befinde mich am Tatort eines Massenmordes.

Um mich ist vollkommene Stille, als ich ein Grablicht nach dem anderen aus dem Rucksack ziehe. Dazu die schmale lila Schachtel mit den japanischen Räucherstäbchen, die ich aus einem Impuls heraus beim Packen in Leipzig in die Seitentasche des Rucksacks steckte.

Während in den Bäumen die Vögel singen, Insekten in den blühenden Brombeerranken summen und mich Mücken umschwirren, wandere ich von Grabmal zu Grabmal. Ich kippe Regenwasser und ertrunkene Käfer aus alten Grablichthaltern, werfe die ausgebrannten Plastikhüllen in meinen Rucksack, stelle jeweils eine frische Kerzen hinein, zünde den Docht an und stecke die Abdeckung wieder darauf, damit der Wind die Flamme nicht ausbläst.

Nachdem ich die vier Kerzen verteilt habe, gehe ich noch einmal von Grab zu Grab und platziere jeweils ein paar brennende Räucherstäbchen davor. Dazu singe ich das Vajra-Armor-Mantra.

Die ganze Zeit über bin ich mir sicher, dass ich nicht alleine bin. Ich fühle sie mehr als ich sie sehe: schwache halbtransparente Wesen, die mich aus den Schatten der dunklen Tannen heraus, die hinter den orthodoxen Gräbern aufragen, beobachten.

Ich spüre ihre unendliche Trauer. Und einen Schmerz, der mir den Atem nimmt.

Und da ist noch mehr. Viel mehr, ich bin mir sicher! Nur kann ich das – was immer es auch sein mag – in meinem aktuellen Zustand weder fühlen noch sehen. Und viel anzubieten habe ich den Wesen, die an diesem Ort ausharren, leider auch nicht.

Ein paar Kerzen und Räucherstäbchen, dazu ein wenig Mantra-Gesang. Viel zu wenig für einen Ort, an dem sich Leid, Schmerz, Verzweiflung und Wut geradezu in die Erde hineingefressen haben.

Dieser Platz hier bräuchte ein Riwo Sangchö!

Ganz Bialowieza bräuchte unendlich viele Riwo Sangchö!

Für mich fühlt es sich so an, als fehle das traditionelle tibetische Rauchopfer, mit dem die Buddhas, Bodhisattvas, Naturgeister und formlosen Wesen im Bardo genährt werden, an allen Ecken und Enden: in der Sperrzone, im Sumpfland, an der schrecklichen Grenzmauer. Und an all den Orten, an denen Massenhinrichtungen stattfanden. Denn dieser hier ist nur einer von vielen.

Und das einzige, was ich anzubieten weiß, sind ein paar Kerzen, Räucherstäbchen und ein bisschen Gesinge.

Dabei habe ich sogar den Text des Rauchopfers dabei! Suriyel hatte ihn mir Anfang Mail als pdf geschickt, er ruht in der Datei meines ipads im Kofferraum des kleinen Dacia.

Nur leider bringt mir der Text alleine wenig: ich kenne weder die verschiedenen Melodien noch weiß ich genau, wie die Speiseopfer im Feuer dargebracht werden müssen, damit alle Gäste gesättigt werden.

Während ich, mein Mantra singend, die Gräberreihe auf und ab wandere, bis die Räucherstäbchen vollständig heruntergebrannt sind, erinnere ich mich an die Begeisterung, die wir im Mai im Retreathaus am Ende der Welt mit unserem Riwo Sangchö bei all den Wesen, die dort lebten, auslösten.

Genau so wie dort müsste es auch hier sein. Dann wäre es gut.

Als ich meinen Rucksack schultere, glaube ich die Frustration all der hilflosen Wesen zu spüren. Sie möchten den Bardo verlassen, aber dafür müssen sie genährt werden. Das, was ich ihnen gegeben habe, war viel zu wenig!

Am Ausgang drehe ich mich noch einmal um und leiste allen formlosen Wesen, die an diesem schrecklichen Ort gefangen sind, ein Versprechen: ich werde wiederkommen. Und dann werde ich hier Riwo Sangchö machen, nach allen Regeln der Kunst, wie es sich gehört.

Nur muss ich es vorher lernen…