Um sechs Uhr morgens brechen die beiden auf, ich registriere es im Halbschlaf. Vasilisa muss irgendwann spät Abends wieder aufgetaucht sein, als ich bereits schlief. Ich habe alles, was ich an Wert bei mir trage, in Griffweite neben meinem Bett platziert. Sie hatte mir erzählt, dass sie mehrmals innerhalb von Tagen als Zimmermädchen gefeuert wurde, weil sie klaut wie ein Rabe. Es wäre schade, wenn unsere gerade beginnende Freundschaft an ihren Straßenkind-Instinkten scheitern würde.
Als ich um neun Uhr aufstehe, rüttelt immer noch der Sturm an den Fenstern. Auf der anderen Seite der halb überfluteten Brachfläche, die sich vor dem Appartementkomplex ausbreitet, blähen sich an einem eingerüsteten Neubau riesige graue Planen im Wind. Das seltsame Knacken ertönt. Ich hatte auf einen eigenwilligen Rauchmelder getippt, der sich an Marias banana-taste E-Zigarette stört. Aber nein, es ist ein Lautsprecher! „Uwaga! Uwaga!“ schallt es von der Decke. Dafür muss ich kein Polnisch können, die Tonlage sagt alles. Was danach kommt, ist mir ein Rätsel. Ich denke: „Scheiße!“ Netterweise folgt eine weitere Durchsage in Englisch: „Attention! Attention! There is a hazard in the building where you are currently in. Stay calm, don´t leave the room and wait for further instructions!“
Was ist „a hazard?“ Streicht ein Axtmörder durch die leeren Flure und Gänge? Oder hat der gelangweilte Concierge hinter seinem Desk im protzigen Eingangsbereich versehentlich auf den falschen Knopf gedrückt? Ich beschließe, zu duschen und zu packen, während ich auf „further instructions“ warte. Der Lautsprecher bleibt still, der Concierge hat wohl wirklich den falschen Knopf erwischt. Während ich meinen Rucksack schultere und noch mal kontrolliere, ob ich nichts vergessen habe, frage ich mich, ob der Lautsprecher auch als Mikro funktioniert? Und was sonst noch an Technik in den Appartements versteckt ist, mit der sich die gelangweilte Belegschaft die Zeit vertreibt?
Auf dem Vorplatz pfeift mir der Wind um die Ohren. Am Rand sind mehrere Wagen mit weißrussischen Kennzeichen geparkt. Unser Hippster war nicht so exotisch, wie wir dachten. Die Stadt wäre voller Belarussen, hat mir Maria erzählt, sie hört es an ihrem Russisch. Es sind nur 500 km von der Belarussischen Grenze nach Gdanzg. Die Taxifahrerin, die Daria und Maria nach dem Clubbesuch zurück ins Appartement gebracht hatte, war ebenfalls Weißrussin. Maria hat mir von ihr berichtet: dass sie von perfekter Schönheit gewesen wäre. Und viel jünger wirkend, als ihre vierundvierzig Jahre. Die schöne Belarussin hat zwei Kinder, einen Sohn von achtundzwanzig und eine Tochter von sechsundzwanzig Jahren, die mit ihr nach Gdanzg gekommen sind, so hat sie es Maria erzählt. Ich rechne nach: die Taxifahrerin hätte in Marias Lieblings-Youtube-Sendung auftreten können. Bei dem Gedanken daran, was es bedeutet, in Gdanzg an Wochenenden nachts als Taxifahrerin zu arbeiten, schaudert mich.
Ich steuere auf das Restaurant am Goldenen Tor zu, in dem wir am Sonntag Frühstücken waren. Das Buffett ist wieder üppig gedeckt, nur scheint es an Werktagen nicht üblich zu sein, dass Laufkundschaft vorbei kommt. Die Bedienung lässt ihren Blick über die Liste mit den Zimmergästen wandern und möchte, dass ich sofort zahle, als ich erkläre, ich wäre kein Hotelgast. Während ich frühstücke, tippe ich an meinem Blogtext. Es zieht sich. Lauter Krach reißt mich aus meinen Gedanken: die Bedienung stellt die Tische um, die Frühstückszeit ist vorbei. Ich frage, ob ich noch einen Kaffee haben kann? „We are closed!“ Richtig, ich sitze allein in dem großen Gastraum. Es ist mir unangenehm. „Why did you tell me?“ Sie schüttelt den Kopf: „No problem.“ Ob ich noch fertig schreiben könne, frage ich hoffnungsvoll. Selbstverständlich. Ich sitze noch mehr als eine Stunde in meiner Ecke, hebe zwischendurch die Beine, als die Putzfrau unter meinem Tisch den Boden wischt und niemand stört sich an mir. Nachdem ich den Blogtext hochgeladen habe, verabschiede ich mich herzlich von Bedienung, Barmann und Putzfrau und freue mich darüber, wie entspannt die Polen sind.
Ich kann erst um vierzehn Uhr in mein Innenstadt-Appartement und flüchte vor dem eisigen Wind in die riesige Mall. Ein Buchladen! Die Verkäuferin führt mich zu einem schmalen halbhohen Regal. Mehr an engischsprachiger Literatur wäre nicht vorrätig, erklärt sie, als sie meinen enttäuschten Gesichtsausdruck sieht. Ich hatte auf irgendwas Historisches gehofft, irgend ein Standardwerk zur Geschichte Polens oder etwas in der Art. Was sich kulturbeflissene Touristen eben zu Gemüte führen, wenn sie in Gdanzg einen Stop einlegen. Statt dessen: vier Regalbretter Flughafen-Billigliteratur. Ich suche die Reihen ab und finde ein einziges Buch eines polnischen Autors: „Travels with Herodotus.“ Ryszard Kapuscinski. Der Name sagt mir nichts, egal, zumindest ist es von einem Polen – und Penguin, ganz banal kann es nicht sein. Erst als ich vor der Kasse stehe, merke ich, dass ich ein Reisebuch erwischt habe. „Ryszard Kapuscinski was the greatest traveller-reporter of our time…“ verrät mir der Text auf der Rückseite des Taschenbuchs.
Ich muss mich durch zwei Türcodes tippen, bevor ich an meine Zimmerschlüssel komme. Das Appartement ist winzig, vierzehn Quadratmeter, es gibt nicht mal einen Kleiderschrank. Dafür ist es hell und freundlich, keine Spur von Mikrophonen, und vor der Haustür ebt und flutet das ganz normale Gdanzger Leben an einem kalten Februartag.
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