Die Grenzanlage quer durch den Urwald von Bialowieza und ein totes Wisentkind verhelfen zu neuen Einsichten…

Auf der befestigten Forststraße kommt mir ein großer Militärlaster entgegen. Ich trete schnell zur Seite. Nachdem er an mir vorbei gerumpelt ist, sehe ich ihm nach. Auf der Ladefläche sitzen etwa ein Dutzend Männer und Frauen in Uniform unter der Flecktarn-Plane, alle mit Maschinengewehren zwischen den Beinen. Die Wachablösung für meinen „Schwiegermutterliebling“ und seine Kameraden vorne an der Grenzanlage?

Während ich, begleitet von Vogelgesang und Mückengeschwirr, durch die wunderschöne Auenlandschaft laufe, sinniere ich über das Militäraufgebot im Urwald: Die mobile Kaserne auf dem Infogelände des Nationalparks ist, so weit sich das von Außen überblicken lässt, von beachtlicher Größe. Und ständig treffe ich im Dorf auf Uniformierte. Gefühlt kommen hier auf jeden Urlauber fünf Soldaten.

So wie es aussieht, hat die polnische Armeeführung hier ein ganzes Bataillon tapferer Kämpfer stationiert. Nur wegen des Krieges in der Ukraine? Schwer vorstellbar… Und dass der unsympathische Zaun mit Stacheldrahtkrone eine feindliche Armee abschreckt, ist wohl auch eher unwahrscheinlich…

Während ich auf der Forststraße, die im Abstand von etwa 500 Metern parallel zur Grenze verläuft, entlangwandere, kapiere ich es endlich: das alles hier dient der Abwehr von Flüchtlingen!

Ich kann nur den Kopf über mich schütteln! Dass mir als einziger Daseinszweck des Militärs hier an der Grenze zu Belarus der Krieg in der Ukraine in den Sinn kam, zeugt von ausgeprägter Egozentrik.

Dabei kocht Lukaschenko – zusätzlich zur Komplizenschaft mit Putins Russland – auch noch seine eigenen Süppchen: er unterdrückt brutal die Opposition und versucht, die EU mit Hilfe von Flüchtlingen so unter Druck zu setzen, dass die Sanktionen gegen ihn und sein Land gelockert werden. Aus der ganzen Welt fliegt das Regime von Belarus verzweifelte Menschen nach Minsk und transportiert sie an die Westgrenze. Manche von ihnen schaffen es – trotz Mauern, Stacheldraht und militärischer Abwehr – in den gelobten Westen. Wie viele von ihnen scheitern, oder dabei gar zu Grunde gehen, weiß niemand.

Ich leide offensichtlich an einem strukturellen Denkfehler, wenn es um „Natur“ geht. „Nationalpark“ ist für mich das Synonym für „Paradies“. Irgendwie muss hier – im „Naturzustand“ – alles gut sein, so meine unreflektierte Grundannahme. Frei nach Rousseau, sozusagen. Dabei konnte der „Émile“ schreiben und gleichzeitig alle seine Kinder im Waisenhaus abgeben.

Mit diesem Gedanken bin ich an einem Holzsteg angekommen, der über die Narewka führt. Der schmale Fluß entspringt im belarussischen Teil des Nationalparks, fließt über die Grenze und quer durch Bialowieza bevor er irgendwo im Nordosten Polens in die Weichsel mündet.

In der Mitte des Steges angekommen, schaue ich mich um. In den breiten Schilfgürteln pfeifen Vögel. Libellen summen über die Wasseroberfläche, auf einem Seerosenblatt quackt ein großer dicker Frosch. Ansonsten herrscht vollkommene Stille. Schöner und friedlicher, denke ich, kann kein Ort sein.

Während ich den Steg überquere, sehe ich, dass auf der anderen Flußseite die Erde des Uferbereich aufgewühlt ist. Eine Tiertränke, schlussfolgere ich. Und wirklich: kurz nach dem Steg verläuft rechter Hand ein breiter Wildpfad durch das hohe Gras bis zum Wasser hinunter.

Genau gegenüber dem Wildpfad entdecke ich am Rande des Weges etwas großes Braunes im Gras liegen.

Ich mache ein paar Schritte darauf zu, um es genauer zu betrachten: ganz offensichtlich ist es der Schädel eines Tieres.

Das kann nur ein Wisent gewesen sein!

Allerdings muss es noch jung gewesen sein: der Schädel hat eine Länge von höchsten dreißig Zentimetern. Und lange tot ist es sicher auch noch nicht: in den Fleischresten der Kieferhöhlen winden sich Fliegenmaden, auf dem knöchernen Nasenrücken glänzt brauens Fell.

Suchenden Blickes wandere ich den Weg auf und ab: wo ist nur der restliche Kadaver des Tieres geblieben?

Da ist nichts, stelle ich fest. Irgendein Raubtier hat den Kopf vom Körper getrennt und hierher geschleppt.

Welches Tier ist überhaupt in der Lage ein Wisent zu erlegen? Das hier war noch jung, aber die Jungtiere werden von den erwachsenen Tieren der Herde beschützt. Und Wisente sind die größten Landsäuger Europas. Eine ausgewachsene Wisentkuh wiegt um die 400 Kilogramm. Wenn das Wisentkind keinem Unfall zum Opfer gefallen ist, kann es nur von einem Rudel Wölfe erlegt worden sein.

„Homo homini lupus“, geht mir durch den Kopf. „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“ Thomas Hobbes hatte Recht, als er dem „Naturzustand“, den Rousseau später idealisieren sollte, nicht viel abgewinnen konnte.

Der letzte Urwald Europas ist kein Paradies, sondern ein Schlachtfeld: sämtliche Spezies – inklusive Homo sapiens sapiens – kämpfen hier ums Überleben.

Ich muss, wird mir bewusst, meine Vorstellung von „Natur“ einer gründlichen Überprüfung unterziehen…