Ich stoße im Wald von Bialowieza auf Spuren der Taten Walter Freverts, sehe den ersten Eisvogel meines Lebens und bin berauscht von Natur.

Die Dorfstraße entlanglaufend, suche ich in der Wander-App nach einer Route. Zweiundzwanzig Kilometer, denke ich benebelt, müssten reichen, damit ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Ich lade die Strecke herunter, ohne auf mehr zu achten, als das ich am Ende wieder auf dem Campingplatz ankommen werde.

Vor dem Info-Center des Nationalparks muss ich links in eine schmale Teerstraße einbiegen. Eine braune Hündin schiebt sich durch das Loch im Zaun eines der kleinen Holzhäuser und trabt mir freundlich wedelnd entgegen. Ich gehe vor ihr in die Hocke und kraule ihr ausführlich den Rücken. Sie begleitet mich zum Ortsausgang und schaut mir nach, als ich von der Straße in einen Waldweg abbiege.

Hier ist es kühler als in der prallen Sonne. Dafür werde ich sofort von Mückenschwärmen attackiert. Ich krame das Insektenspray aus dem Rücksack, verteile es großzügig über sämtliche Gliedmaßen und stelle erleichtert fest, dass sich das lästige Volk davon beeindrucken lässt.

Nach ein paar Kilometern durch den Wald eine Ansiedlung. Ein paar pitoreske kleine Holzhäuser entlang der schmalen Teerstraße, mehr ist es nicht.

Vor einem leeren Grundstück, auf dem die verwitterten Grundmauern eines Häuschens zu erkennen sind, eine vergilbte Tafel, beschriftet in Polnisch und Englisch.

Die ursprüngliche Ortschaft, lese ich, wurde im 19. Jahrhundert gegründet, als der Urwald von Bialowieza im Privatbesitz des russischen Zaren war. Ihre Bewohner bewirtschafteten den Wald und dienten als Fußvolk für Jagdveranstaltungen. 1941 wurde der Ort von den deutschen Besatzern niedergebrannt, die Bewohner vertrieben. Nach dem Ende des Krieges kehrten diese zurück und bauten ihre Häuser wieder auf.

Mehr steht da nicht.

Ich schaue mich um. Die hübschen Häuser mit den blühenden Vorgärten scheinen in der Schwüle des Sommertages vor sich hin zu dösen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Die Vögel zwitschern in den Bäumen um die Wette, in den Rabatten summen unzählige Insekten. Ansonsten herrscht vollkommene Stille.

Alles fühlt sich unwirklich und seltsam bleiern an. Ob es an meiner seelischen Verfassung liegt, am heranziehenden Gewitter oder an der Atmosphäre der Ortschaft, weiß ich nicht zu sagen.

Im Weiterlaufen denke ich über den nüchternen Text auf der vergilbten Tafel nach. Im Wikipedia-Eintrag über den Oberforstmeister Walter Frevert, der den Befehl Hermann Görings zur Vertreibung der Bevölkerung damals umsetzte, klang das dramatischer: ingesamt vierundreißig Dörfer im Urwald von Bialowieza waren vom „Forstschutzkorps“ eingekesselt worden. Die Bewohner bekamen eine halbe Stunde Zeit, ihre Habseligkeiten auf Wagen zu laden, bevor sie vertrieben wurden. Was sie zurücklassen mussten, wurde verbrannt.

584 jüdische Männer, die in den Ortschaften lebten, wurden erschossen, jüdische Frauen und Kinder in ein Ghetto nahe Brest-Litovsk deportiert. Wer von ihnen hat wohl den Krieg überlebt und ist hierher zurückgekommen, um sein Haus wieder aufzubauen? Über ihr Schicksal schweigt die Tafel.

Von frustrierten Mücken umsurrt, wandere ich immer tiefer in den Wald hinein. Er ist verwunschen, stelle ich fest. Hinter der betäubenden Geräuschkulisse aus Vogelgesang und Insektengesumm herrscht vollkommene Stille. Und hinter der Stille atmet der Wald. Ich spüre seine tiefen gleichmäßigen Atemzüge auf der Haut. Unter meinen Füßen hebt und senkt sich sanft seine Brust. Mit jedem Ausatmen ertrinke ich in Geruchsmolekülen, bei jedem Einatmen nimmt er etwas von meiner Energie in sich auf.

Zeit und Raum verlieren jede Bedeutung. Irgendwann gelange ich auf einem schmalen Trampelpfad zu einer Brücke, die einen Tümpel überspannt. Ich starre fasziniert auf die Wasseroberfläche. Glänzende blaue Libellen schießen über die Seerosenblätter. Eine Bachstelze stolziert, bei jedem Schritt wippend, über einen im Wasser vor sich hin modernden Baumstamm. Im Schilf quacken unzählige Frösche. Auf einmal schießt etwas leuchtend Blaues direkt an meinem Kopf vorbei und landet auf einem nahen Ast. Ein Eisvogel! Als ich ihn näher in Augenschein nehmen will, schwirrt er davon.

Als ich sechs Stunden nach meinem Aufbruch wieder auf dem Campingplatz zurückkehre, bin ich müde, entspannt – und betrunken von Natur. Meine Sinnesorgane sind völlig überfordert davon, Reize in dieser Komplexität und Dichte aufzunehmen und zu verarbeitet. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und dabei stamme ich aus einem Dorf im bayerischen Chiemgau. Ich hatte bisher gedacht, ich wüsste, was Natur ist. Das war eine Illusion, hat mich der heutige Tag gelehrt. Was für mich bisher „Natur“ war, ist nur begrünte Zivilisation.

Als ich nach dem vegetarischen Abendessen – ein weiteres Mal serviert vom enthusiastischen Kellner des alten Holzhauses – um zehn Uhr Abends in mein Zelt krieche, krakeelen die Vögel immer noch in der Abenddämmerung. Ich lasse mich von ihnen in den Schlaf singen und wandere im Traum die ganze Nacht durch einen riesigen verwunschenen Wald.