Pema Choling im Historischen Pfarrhof von Dewitz

Vasilisa

Mich schaudert: auf dem Tisch der Ferienwohnung steht zwischen Tellern mit Gemüse, gegrillten Würstchen und einem misshandelten Lachsfilet eine Flasche Gin. Über dem Sofa räkeln sich auf einem riesigen Bildschirm spärlich bekleidete Frauen zu russischem Rap, irgendein Musiksender. Vasilisa, Marias Freundin, öffnet mir gegenüber den Billigsekt, der Korken knallt an meine Stirn. Ich lache schallend, „treffender“ lässt sich die Situation nicht auf den Punkt bringen.

Vasilisa hat mit Daria, einer Freundin aus Charkiw – auch sie alleine in Polen – schon in der Ferienwohnung auf uns gewartet, sie haben für uns gekocht. Ich freue mich über das Essen, ignoriere Gin und Sekt und lade mir von dem Lachs auf meinen Teller. Vasilisa mustert mich interessiert über den Tisch. „You don´t eat meat?“ Das scheint ihr noch nicht oft untergekommen zu sein. „No.“ Sie runzelt die Stirn. „Why?“ „I am a Buddhist.“ Damit kann sie offensichtlich nichts anfangen. Maria erklärt auf Ukrainisch, Vasilisa nickt und schaut weiter verständnislos.

Die drei kippen energisch Sekt und Gin in sich hinein, ich nippe an meinem Wasserglas und stelle mich auf anstrengende Stunden ein. Vasilisa ist schön, ich bewundere ihre perfekten Gesichtszüge. Sie ist von kräftiger Statur. Daria ist dafür um so schlanker, sie stochert neben mir in ihrem Gemüse herum und wirkt dabei wie tiefgefroren. Eine klassische Anorektikerin. Beide sind noch ein bisschen jünger als Maria, gerade mal zwanzig.

„Du würdest keine drei Monate dort überleben!“ Während ich die drei Ukrainerinnen beobachte, die sich gerade gemeinsam die Kante geben, fällt mir der Kommentar meines polnischen Zen-Lehrers ein, nachdem ich ihm von der Ukraine vorgeschwärmt hatte. Wie lebendig und vital alles dort gewesen wäre. Er hat recht. Dafür fehlt mir die Härte. Und der Überlebensinstinkt.

Vasilisa hat in Shaporischschja einige Zeit als Straßenkind überlebt. Maria hat sie damals, mit sechzehn, aufgelesen und ihr Wohnung und Job besorgt. Dabei ist sie gerade mal zwei Jahre älter.

Ich habe kein Gefühl für Gefahren. Während der Ukraine-Reise war es nur dem beherzten Einreifen eines Mitreisenden zu verdanken, dass ich am Hauptbahnhof von Kwiw einem Überfall entging. Ich trabte am frühen Morgen unausgeschlafen ein paar Meter hinter der Reisegruppe den langen Gang zu den Bahnsteigen entlang und war so in Gedanken versunken, dass ich die jungen Frauen nicht bemerkte, die mich – zwischen den Seitengängen auftauchend und wieder verschwindend – umkreisten wie Haifische den Thunfischschwarm. Zwei zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, als sie sich, direkt vor mir laufend, lautstark und handgreiflich zu streiten begannen, während sich eine dritte hinter mir an meinem Rucksack zu schaffen machte. Der Serbe, der vom Reiseleiter als „Nachhut“ abgestellt worden war, packte energisch zu und zerrte sie gerade in dem Moment weg, als sie den Reißverschluss öffnete. Ich war geschockt. Auch über seine Ausdrucksweise: „Zigeuner!“ Wenn, dann hieß das „Sinti und Roma“!

Ein paar Tage später, auf der Rückreise von Charkiw, erging es uns am Hauptbahnhof von Kwiw noch schlechter: als die Reisegruppe die schweren Koffer vom Bahnsteig zum Ausgang hochschleppte, kamen uns auf der viel zu engen, steilen Treppe eine Gruppe dieser „Sinti und Roma“ entgegen und stießen zwei Frauen aus der Gruppe die Treppe hinunter. Die beiden stürzten, rissen die hinter ihnen Kommenden mit, die Koffer purzelten die Stufen hinunter. Wieder verhinderte der Serbe durch sein beherztes Eingreifen, dass der Überfall erfolgreich verlief. Die Frauen – beide schon über siebzig – blieben, bis auf ein paar Schürfwunden und Blutergüsse unverletzt, aber es hätte auch anders ausgehen können.

Die sanfte stille Maria verwandelt sich in ein Raubtier, kaum hat uns der nette Thomasz am Vorortbahnhof von Gdanzg verabschiedet. Sie wittert und äugt in alle Richtungen, jeder Muskel ist angespannt. Ich trabe hinter ihr her im Bewusstsein, dass sie die Sache im Griff hat.

Drei Stunden später flüchte ich auf das Bett des Einzimmerappartements, schreibe meinen Blogtext ins Reine und schaue den Dreien zwischendurch beim Saufen zu. Als die Sektflasche komplett und die Ginflasche halb geleert sind, machen sie sich ausgehfein. Der Musiksender wird bis zum Anschlag aufgedreht, diverse nabelfreie, tief dekoltierte Bustiers präsentiert. Ich bin beeindruckt davon, wie gerade die Drei noch laufen können. Um elf Uhr Abends brechen sie in irgendeinen Club auf, ich wünsche viel Spaß und drücke meine Hoffnung aus, dass sie lebend wieder zurückkommen mögen. „Don´t worry!“ ruft Maria noch, als sie, inzwischen mit deutlicher Schlagseite, hinter den anderen Beiden aus dem Appartement rauscht.

1 Kommentar

  1. admin

    Hier noch ein Kommentar der Autorin: ich wurde von berufener Seite darauf aufmerksam gemacht, dass es durchaus Buddhisten gibt, die Fleisch essen. Das nur für die Nicht-Buddhisten, die mitlesen und sonst eine verkürzte Idee vom Buddhismus bekommen.
    Ich finde es grundsätzlich schwierig zu begründen, warum ich kein Fleisch esse (aber Fisch, das macht die Sache noch komplizierter). Ich war schon Vegetarier, bevor ich Buddhistin wurde und meine Erkenntnis ist, dass die Begründung „aus ethischen Gründen“ noch viel schlechter ankommt: die Leute glauben dann immer, man fühle sich moralisch erhaben über sie. Ich habe schon die albernsten Diskussionen deshalb führen müssen. Besonders beliebt: ob ich kein Mitleid mit Salat hätte? Die Begründung, ich wäre Buddhistin, ist viel sozialverträglicher: im Zweifelsfall spinne ich halt einfach…

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