Ich komme in Bialowieza an, werde mit „Göring“ konfrontiert und schlage mein Zelt auf dem Campingplatz auf.

Die letzten fünfzehn Kilometer geht es nur noch durch Wald. Zu Beginn ist er licht und jung. Je näher ich meinem Ziel komme, desto älter und größer werden die Bäume. Ihre Äste strecken sich weit über die schmale Landstraße. Es ist, als würde ich durch einen kilometerlangen grünen Tunnel fahren. Ein – in seiner Intensität geradezu betäubender – Waldgeruch streicht durch die offenen Fenster herein.
Schließlich das Ortschild: „Bialowieza“. Der große Nationalpark ist nach einem kleinen Städtchen benannt. Links und rechts der Straße reihen sich bescheidene Holzhäuser in braun und rot nebeneinander auf.
Es ist jetzt kurz nach sechs Uhr abends. Statt der vom Navi prognostizierten dreieinhalb, habe ich mehr als fünf Stunden von Warschau bis hierher gebraucht.
Ich bin so müde, dass ich beinahe die handbeschriebene Tafel am Straßenrand übersehe. „Camping“ lese ich im Vorbeifahren und muss am nächsten Kreisverkehr wenden. Erleichtert sehe ich, dass es dort eine Tankstelle, einen kleinen Supermarkt und einen Geldautomaten gibt.
Im zweiten Anlauf biege ich in die schmale Einfahrt ein und holpere auf einem Schotterweg durch einen Vorgarten. Hinter dem kleinen weißen Einfamilienhaus erstreckt sich eine überschaubare Wiese. Darauf vier Wohnmobile – zwei aus den Niederlanden, zwei aus Polen. Ansonsten ist alles leer. Massentourismus sieht anders aus.
Ich steuere die hintere linke Ecke an, stelle den kleinen Dacia ab und mache mich auf die Suche nach der Rezeption. Neben der Haustür des bescheidenen Häuschens hängt eine schwarze Schiefertafel. Darauf hat jemand mit weißer Kreide einfache Symbole gemalt, daneben jeweils Zahlen. In der obersten Reihe ein Strichmännchen, daneben „=15 Zloty“. In der zweiten Reihe ein Zelt, „=20 Zloty“. Ein Auto „=20 Zloty“. Ein Wohnmobil „=50 Zloty“, Hunde/ Kinder „=10 Zloty“.
Es geht ganz offensichtlich auch ohne Fremdsprachen.
Ich drücke die Klingel und sortiere, während ich darauf warte, dass jemand auftaucht, Zloty-Scheine. Am Flughafen habe ich glücklicherweise zweihundert Euro gewechselt. Es würde mich sehr wundern, wenn ich hier mit Karte zahlen kann.
Nach ein paar Minuten öffnet sich die Haustür, ein älterer Herr in Shorts und Feinrippunterhemd tritt heraus. Ich begrüße ihn mit“Dzien Dobry!“. Damit haben sich meine Polnischkenntnisse auch schon erschöpft, ich wechsle ins Englische. Zu meinem Kummer schüttelt er den Kopf. Während ich das Handy herauskrame, um den Google-Übersetzer aufzurufen, fragt er „Deutsch?“ Ich nicke erleichtert.
Es stellt sich heraus, dass der Campingplatzbesitzer ausgezeichnet Deutsch spricht. Nachdem ich für zwei Nächte 110 Zloty bezahlt habe – etwas mehr als vierundzwanzig Euro – bringt er mich zu meinem Auto zurück und plaudert währenddessen mit mir. „Ach ja, Leipzig, die Stadt Bachs“, meint er, als er hört, woher ich komme. Er liebt klassische Musik, stellt sich heraus. Warum er so gut Deutsch kann, will er mir nicht sagen.
Als wir an meinem Auto angekommen sind, wechselt er das Thema: „Wussten sie, dass Göring zwei Mal hier in Bialowieza war?“, fragt er mich. Als ich nicke, reagiert er erstaunt. „Ach, das wussten sie?“ Worauf er mir hastig einen schönen Abend wünscht, sich abrupt umdreht und geht.
Ich sehe ihm erstaunt nach. Was war das jetzt?
Egal. Ich öffne den Kofferraum und hole mein Zelt heraus. Ich mag es sehr: es ist leicht – gerade mal drei Kilo – hat eine phantastische Wassersäule – 1500 – ist von appartem Orange und in weniger als fünf Minuten aufgebaut. Ganz billig war es auch nicht. Neben den vier Wohnmobilen sieht es trotzdem ziemlich bescheiden aus.
Die Isomatte ist ebenfalls ein Qualitätsprodukt. Das mit dem „selbst Aufblasen“ klappt trotzdem nie so richtig. Ich helfe ein bisschen nach, stopfe die pralle Matte samt Schlafsack ins Zelt, sperre das Auto ab und mache mich – hungrig wie ein Löwe – zu Fuß auf ins Zentrum von Bialowieza in der Hoffnung auf ein Restaurant, das irgendein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte hat.
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