Ich breche zum Bialowieza-Nationalpark auf, kommuniziere via Google-Übersetzer mit zwei polnischen Polizisten, werde um 400 Zloty erleichtert – und zu unangenehmen Einsichten gezwungen…

Ich starre auf das Display. „Der Name des Vaters“ lese ich. Das macht ja wohl keinen Sinn!

Entnervt lösche ich die Übersetzung und strecke dem Polizisten durch das heruntergelassene Autofenster ein weiteres Mal das Handy entgegen. Er beugt sich darüber, spricht auf Polnisch ins Mikro, kontrolliert den Text und nickt zufrieden. Jetzt scheint Google richtig übersetzt zu haben. Aber – Himmel hilf! – da steht wieder: „Der Name des Vaters“!

Nicht genug, dass mich die beiden Polizisten etwa hundert Kilometer hinter Warschau aus dem Verkehr gewunken haben. Sie können beide auch noch kein Englisch. Und ich kein Polnisch. Glücklicherweise gibt es Google-Übersetzer, der nicht nur der Völkerverständigung dient, sondern auch noch dafür sorgt, dass der polnische Staat nicht zu kurz kommt.

400 Zloty wollen sie von mir, lese ich ungläubig. Der Ältere der beiden hält mir ein mobiles Messgerät unter die Nase: „78 km/h“ zeigt das Display an. Ich bin konfus. Auf polnischen Landstraßen wären bis zu 90 km/h erlaubt, war mir vom Autoverleih erklärt worden. Das lasse ich jetzt mein Handy übersetzen. Der jüngere der beiden Polizisten, der das mühsame Geschäft der Kommunikation via Google-Translater übernommen hat, liest die polnische Übersetzung und schüttelt energisch den Kopf. Das hier wäre eine Ortschaft, lese ich wiederrum, und ich wäre fast 30 km/h zu schnell gefahren!

Nach Ortschaft sieht es nicht aus. Links und rechts der Landstraße stehen Wiesen und Hecken. Der Polizist macht mir ein Zeichen: ich halte ihm ein weiteres Mal mein Handy unter die Nase. Ich könne bei ihnen mit Karte zahlen, lese ich. Sie akzeptieren sowohl EC- als auch Kreditkarten.

Das weckt mein Misstrauen. Sind die beiden überhaupt echt? Oder werde ich hier gerade abgezockt? Sie sind in Uniform, samt Pistole am Hüfthalter, ein Polizeiauto steht ein paar Meter weiter vorne. Ich beschließe, dass ich es wohl nicht mit Trickbetrügern zu tun habe, steige zähneknirschend aus und begleite sie zum Dienstwagen. Der eine schreibt auf einem Block, der andere hält das mobile Karten-Lesegerät durch das heruntergelassene Autofenster.

Ergeben tippe ich meine Geheimzahl ein, ratternd spuckt der kleine schwarze Kasten die Quittung aus. Der Ältere ist auf dem Beifahrersitz noch mit meinem Strafzettel beschäftigt, vor ihm auf der Ablage ruht mein Führerschein.

Ich soll in meinem Auto warten, bis sie fertig sind, bedeutet mir der Jüngere. Ein paar Minuten später steht er neben meiner Fahrertür, in der einen Hand Block und Stift, in der anderen meine Fahrerlaubnis. Anstatt mir alles in die Hand zu drücken und mich – hundert Euro ärmer – von Dannen ziehen zu lassen, will er „Den Namen des Vaters“. Er zeigt auf eine Spalte ganz oben auf dem Strafzettel und dreht meinen Führerschein zwischen den Fingern.

Wofür braucht er für einen Strafzettel „den Namen des Vaters“? Wohl des Meinen, schlussfolgere ich. So katholisch Polen ist: ich nehme nicht an, dass wir hier gerade über Gott diskutieren.

„Der Name meines Vaters“, erkläre ich dem Handy, „ist exakt derselbe wie meiner“. Google hat korrekt übersetzt, sehe ich. Der Polizist ist mit der Antwort trotzdem nicht zufrieden. Er schaut erst mich an, dann meinen Führerschein, dann wieder mich, dann seinen Block. Dass eine Frau meines Alters noch mit ihrem Mädchennamen durchs Leben geht, scheint ihn zu überfordern.

Schließlich gibt er auf, reicht mir Strafzettel, Quittung und Führerschein herein und signalisiert mir, dass er mir noch etwas sagen möchte. Er spricht ein paar Wörter auf Polnisch ins Mikrophon. „Ich, für meinen Teil“, lese ich, „wünsche ihnen noch einen schönen Urlaub!“

Ich fahre wie auf Eiern vom Parkplatz. Durch den Rückspiegel sehe ich eine lange Karavane von Autos hinter mir her schleichen. Angeführt vom Polizeiwagen, in dem die beiden Polizisten sitzen, die mich gerade um 100 Euro ärmer gemacht haben. Eisern halte ich die 50 km/h ein, obwohl links und rechts weiterhin Wiesen und Hecken vorbeiziehen. Ab und zu ist dahinter ein einzelnes Haus zu erkennen.

Und tatsächlich. Nach etwa zwei Kilometern verkündet ein weißes Schild mit durchgestrichener Häusersilhouette am Straßenrand, dass hier eine Ortschaft zu Ende ist. Allerdings nur kurz, nach ein paar hundert Metern schon wieder ein neues Ortschild, obwohl sich an der Bebauung nichts verändert hat. Die Polen scheinen Freiraum zu schätzen – und die örtlichen Bauvorschriften stehen ihnen dabei offensichtlich nicht im Weg.

Während ich konzentriert nach Ortseingangs-, Ausgangs- und Geschwindigkeitsbegrenzungsschildern Ausschau halte, kommt mir meine Tageskarte in den Sinn: „Der Teufel“. Genauso ist der Tag bisher gelaufen, stelle ich fest. Irgendwie ist der Wurm drin. Und es hat was mit mir zu tun. Denn das ist die Botschaft des Teufels: wenn er auftaucht, signalisiert er immer die Chance, eigene Abhängigkeiten, Süchte und Verstrickungen zu erkennen.

Während ich, weiterhin eine lange Schlange Autos mit dem Polizeiwagen an der Spitze hinter mich herziehend, über die Landstraße schleiche, frage ich mich, was mir das alles zu sagen hat?

„Der Name des Vaters“, kommt mir in den Sinn.

Ich bin auf dem Weg in den Bialowieza-Nationalpark. An den Ort, an dem Walter Frevert, das Vorbild für meinen psychopathischen Romancharakter, vor achtzig Jahren Kriegsverbrechen begangen hat.

Als ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, wie hilflos ich mich heute gefühlt – und verhalten habe. Anstatt pragmatisch das Uber zu bestellen, bin ich wirr und überfordert eine Stunde lang durch die Gegend gelaufen, in der Hoffnung, dass irgendwer oder -was mich retten wird. Und beim Autovermieter wäre ich beinahe in Tränen ausgebrochen und wurde wahrhaftig von einem netten Mann gerettet.

Im Nachhinein finde ich es seltsam, dass ich von meinem eigenen Verhalten nicht irritiert war.

„Was ist nur los mit Dir?“, frage ich mich streng.

Während ich mich bis zu diesem Punkt der Selbsterkenntnis vorgearbeitet habe, bin ich das erste Mal seit längerem in einem erkennbaren Ortszentrum angekommen. Gerade fahre ich an der Polizeiwache vorbei. Im Rückspiegel sehe ich wie der Wagen der beiden Polizisten abbiegt und in der Einfahrt daneben verschwindet.

Am Ortsausgang trete ich energisch aufs Gas. Noch 150 Kilometer bis Bialowieza, verkündet das Navi.