Ich plane eine Treckingtour in Bialowieza und träume von einem NS-Kriegsverbrecher.

Ein Hoch auf das Internet! Vor dem Einschlafen buche ich den Polen-Urlaub nächste Woche, es dauert keine Stunde. Zugticket nach Warschau und zurück, Hotel in der Warschauer Innenstadt für eine Nacht, dazu ein Mietwagen. Der Bialowieza-Nationalpark an der Grenze zu Belarus – das Ziel meiner Treckingtour – ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erreichbar.
Nach vollbrachter Tat lege ich das Handy zur Seite und schlafe ein. Während der Nacht träume ich. Der Trauminhalt ist mir mit dem Aufwachen verloren gegangen. Aber irgendwas war da. Nur was? Ich registriere während der Morgenmeditation, wie etwas in mir arbeitet. Nach dem Abschlussgong stemme ich mich von meinem Meditationskissen hoch – und werde, wie an einem unsichtbaren Faden, zum Bücherregal gezogen.
Ich stehe vor dem „Handapparat“: der Büchersammlung, die ich mir als Hintergrundwissen für meine Romane zugelegt habe. Auf der bewussten Ebene habe ich keine Ahnung, was ich suche. Ich sehe meiner linken Hand dabei zu, wie sie zielsicher über zwei Buchreihen hinweg einen dicken Wälzer herauszieht. „Mein Jägerleben“ von Walter Frevert.
Was soll ich damit?
Während ich mein Espressokännchen für den Morgenkaffee auf den Herd stelle, denke ich über das Buch nach. Ich hatte es mir vor drei Jahren im Zuge meiner Recherche für einen Roman bestellt. Eine meiner Romanfiguren ging auf Jagd, es hatte sich während des Schreibens ergeben. Es waren verstörende Szenen, die sich vor meinem Inneren Auge abspielten: ein Psychopath, der mit einer Armbrust trächtige Hirschkühe schoss, ihnen die Bäuche aufschlitzte und ihre ungeborenen Kälber auf dem offenen Feuer verbrannte.
Ich kann mir so etwas leider nicht aussuchen, ich fungiere nur als „Sekretärin“ meines Unbewussten: brav beschreibe ich die Bilder, die in meinem Inneren aufsteigen – bis daraus irgendwann ein Roman geworden ist.
Allerdings „sehe“ ich nur Bilder. Es ist wie ein Film, den ich in Sprache übersetzen muss. Und da kam ich bei den Jagdszenen schnell an meine Grenzen: es fehlte mir das Fachvokabular, um das Geschehen angemessen beschreiben zu können.
Ich recherchiere also Online nach Fachbücher – und stoße auf Walter Frevert und sein Standardwerk „Jagdliches Brauchtum und Jägersprache“. Es ist schon älter, der Autor bereits verstorben. Egal, es ist genau das, was ich suche! Ich gehe die Reihe der Veröffentlichungen von Frevert durch. Er hat auch noch Jagdromane geschrieben. Die Leserkommentare dazu sind hymnisch. Der Sammelband ist nicht teuer, also bestelle ich ihn aufs Geradewohl dazu.
Ein paar Tage später drückt mir der Paketbote den Karton mit den beiden Büchern von Frevert in die Hand. Am Abend mache ich es mir mit „Mein Jägerleben“ auf dem Sofa bequem. 626 Seiten, geliebt von Generationen von Jägern, das kann doch nur ein schöner Schmöker sein.
Nach zwanzig Seiten lege ich das Buch angewidert zur Seite: Von diesem hochfahrenen, arroganten, sexistischen, zynischen, selbstverliebten Herrenreiter will ich ganz sicher keine Zeile mehr lesen! Da muss ich nicht mal das erste Kapitel abschließen, um zu wissen, dass dieser Walter Frevert genau der Typ von Mann war, den ich absolut zum Kotzen finde. Und so was war ein „großer Waidmann“!
Während ich, vor mich hinkochend, auf dem Sofa sitze, kreisen meine Gedanken um Frevert. Was für ein Mensch war er gewesen, dieser „Oberforstmeister, der in der Geschichte des Waidwerks markante Fußspuren hinterlassen hat“?
Siehe da, Wikipedia weiß Bescheid! „Walter Frevert“, erfahre ich, „war ein deutscher Forstmann, Jäger, Jagdschriftsteller und Kriegsverbrecher.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Frevert
Ich lese den langen Wikipediaeintrag durch und bin sprachlos. Wie ist es möglich, dass auf der Basis dieses Wissens zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommentarlos dieser Schinken verlegt worden ist? Am nächsten Morgen schreibe ich einen wütenden Brief an die Geschäftsführung des Kosmos-Verlags. Ob sie noch alle Tassen im Schrank hätten? Ich formuliere es etwas höflicher – und gespickt mit vielen Fremdwörtern – aber die Botschaft ist unmissverständlich.
Die beschwichtigende Antwort erreicht mich postwendend: man nähme die Sache ernst und plane für die nächste Ausgabe ein klärendes Vorwort zu den NS-Verstrickungen des „großen Waidmanns“. Ich denke „Arschlöcher“ und feuere den Brief ins Altpapier.
Allerdings hat die Sache auch eine positive Seite, stelle ich fest. Im Grunde habe ich nur auf Frevert gewartet! Ich „sehe“ zwar, was mein böser Hauptcharakter „Friedrich-Zwei“ treibt, aber seine Motivation und seine Persönlichkeit waren mir bisher ein Rätsel. Was das Schreiben über ihn schwierig gemacht hat.
Wenn es um „das Böse“ geht, bin ich von ausgeprägter Naivität. Genuss daraus zu ziehen, anderen Menschen Schaden zuzufügen, ist etwas, was mir völlig fremd ist.
Mit Frevert habe ich auf einmal den „O-Ton“ für meinen Bösewicht in die Hände bekommen. Genau diese kalte, unemphatische, selbstverliebte Larmoyanz ist es, mit der er durchs Leben geht! Von da an habe ich eine Idee, mit wem ich es in meinem Roman zu tun habe.
Ich bin zufrieden damit, ein Problem gelöst zu haben. Die Person, die als Vorlage für meinen Psychopathen dient, den „großen Waidmann“ Walter Frevert, vergesse ich.
Bis heute Nacht. Ich muss von Frevert geträumt haben. Sonst hätte mir meine Innere Stimme nicht auf einmal sein Machwerk in die Hand gedrückt.
Was soll das?
Mit dem Espresso neben dem Laptop rufe ich noch einmal den selben Wikipedia-Eintrag auf, den ich schon vor drei Jahren gelesen habe. Meine Augen wandern die Zeilen entlang:
„Er verwaltete als Oberforstmeister von 1936 bis 1945 das Staatsjagd- und Naturschutzgebiet Rominter Heide (Ostpreußen) und war während des Zweiten Weltkrieges in Kriegsverbrechen im Umfeld des Urwalds von Bialowieza verstrickt.“
Bialowieza! Das darf doch nicht wahr sein! Der widerliche Frevert hat ausgerechnet in dem Wald, in dem ich nächste Woche wandern werde, Juden erschießen lassen, Dörfer niedergebrannt und mit vergnügten nationalsozialistischen Jagdfreunden Treibjagden auf Partisanen abgehalten – inklusive dem stolzen Abgehen der langen Reihe der zu Tode gehetzter Menschen am Ende der „Jagdveranstaltungen“.
Ich hatte es vor drei Jahren gelesen, mir aber den Namen des Waldes nicht bewusst gemerkt, weil mir zu diesem Zeitpunkt „Bialowieza“ nicht das geringste sagte. Ich wäre auch nie von selbst auf die Idee gekommen, dort Urlaub zu machen. Mein Dharma-Bruder Suriel hat mir den Nationalpark empfohlen.
Und jetzt fahre ich ausgerechnet an den Ort, an dem das Vorbild für meinen Romancharakter Kriegsverbrechen begangen hat!
There is no such thing as an accident…
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